Kapitel 13: Veto!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Berlin 2005: Meine „Forschungsarbeiten” mit den Klassen in der Aula zeigten ziemlich schnell, dass es deutlich besser lief, wenn ich einfach INSGESAMT nur noch Theater machte. Mathe, Deutsch, Englisch, Musik, …lief alles nicht. Dann flogen Stühle durch die Gegend, Sachen gingen kaputt und es herrschte Tohuwabohu. Theaterunterricht, wie ich ihn in der Ausbildung in Bullerbü gegeben hatte, funktionierte zwar AUCH nicht, (das fing schon mit den Warm-ups an, die von den Schüler*innen als “schwule Spiele” bezeichnet und boykottiert wurden) – aber: Zumindest in kleineren, meist von mir ausgedachten, Übungen kehrten ihre Blicke zu mir zurück und ich schaffte es trotz häufig herrschendem Chaos Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Von außen sah es weiterhin so aus, als ginge alles „drunter und drüber“, aber auf einer darunterliegenden Ebene spielten wir gemeinsam alle Facetten der emotionalen Skala miteinander durch: Wir lachten viel, schrien uns dann wieder an, waren unfassbar wütend aufeinander, und schlossen dann wieder Frieden. Es wurde geheult, gestritten und gealbert – und ein bisschen Theater gespielt. Und so ganz nebenbei begann auf diese Weise auch die Theater AG, die ich anfangs für ein unmögliches Unterfangen gehalten hatte. Für meinen selbst beschlossenen Forschungsauftrag machte ich eine Notiz an mich selbst: Die Leute denken immer, es ginge darum, die Kinder leise zu kriegen, aber darum geht es erstmal gar nicht. Leise kriegt man sie, wenn überhaupt, nur dann, wenn wir sie erstmal aushalten, so, wie sie sind. 

Von Woche zu Woche fanden sich nach und nach immer mehr Jugendliche ein, standen um 14.30 Uhr vor der Aulatür und fragten, ob sie „bei der Theater AG noch mitmachen könnten“. Ja, klar, kein Ding, wir sind ja erst vier. Ja, klar, wir sind ja erst sechs. Ja, klar, wir sind ja erst neun, … und so weiter. Im November waren es 14, 11 davon aus der 8b. Dabei blieb es vorerst. Und ich fand: Diese 14 waren PERFEKT. Drei Mädchen: Selina, Fatima und Shirin. Der Rest Jungs, darunter Chris, Mahmout, Taher. Ganz am Schluss schlenderte auch noch Justin mit gesenktem Kopf und Kapuze durch die Tür und brummelte:  Also ich will nur Technik machen, ich spiel auf keinen Fall Theater!  – Und ich, hocherfreut:  Ja, klar, super.  Ich konnte es nicht fassen: Justin kam zur Theater AG! Das größte Problem zu Beginn war, dass alle ununterbrochen Sketche spielen wollten. Ganz egal, was ich vorschlug, immer tobten nach kürzester Zeit mindestens fünf Jungs unkoordiniert auf der Bühne herum und spielten „SEK-Einsatz“, „Einbruch beim Späti“, „Drogen verticken in der U-Bahn“, „Abzocke auf dem Schulhof“ oder „Gang-Schießerei in der Sonnenallee“, und hatten unfassbar Spaß, während die anderen eine Weile halb amüsiert, halb gelangweilt zuschauten, dann aber die Lust verloren und sich – leider ziemlich laut – mit anderen Dingen beschäftigten.  Hey!,  versuchte ich einzugreifen,  ihr habt eure Zuschauer verloren! Ihr müsst das schon irgendwie auf den Punkt bringen, was ihr da auf der Bühne erzählen wollt und nicht einfach stundenlang rumimprovisieren! Könnt ihr nicht mal versuchen, kürzer zu spielen und etwas wiederholbar zu machen?  Aber meine Einwände blieben meistens völlig vergeblich. Wenn ich versuchte, ihnen Vorschläge zu machen, wie sie eine Szene zumindest teilweise ästhetisieren und dem Ganzen eine Struktur geben könnten, kam ich mir immer vor wie die “Spaßbremse” oder die Mecker-Tante, die etwas Lustvolles auf einen Schlag in etwas Mühsames, Nerviges verwandelte. Ich erntete dann bockige Blicke, verschränkte Arme und leider keinerlei Einsicht, geschweige denn Besserung. Sie VERSTANDEN einfach nicht, was toll daran sein sollte, eine Zeitlupe oder einen Freeze einzubauen. Wie sollten sie auch?  Die Frau findet doof, was wir machen und verdirbt uns allen Spaß!  – Das war alles, was sie von meinen Einwänden mitnahmen. Tja. Wie konnte ich ihnen beweisen, dass ihre Szenen unterhaltsamer wurden, wenn sie Handwerkszeug anwendeten? Und wie konnte ich ihnen Handwerkszeug vermitteln? Reden fiel als Möglichkeit des Wissenstransfers weitestgehend aus, weil niemand mir über eine längere Strecke als drei Sätze zuhörte. Und in drei Sätzen war es ja nicht getan. Und Arbeitsbögen hatte ich abgeschafft. Weil: Es war zum Lachen, was passierte, wenn ich ein Arbeitsblatt austeilte. SOFORT war alles Lebendige aus ihren Augen verschwunden und sie fingen augenblicklich an, in ihren Schüler-Roboter-Rollen einzurasten. Ich lernte Schritt für Schritt, dieses Einrasten zu vermeiden. Alles war besser, nur nicht diese festgefahrenen Rollen. Also bloß keine Arbeitsbögen! Und niemals länger als drei Sätze am Stück reden! Und nicht meckern! Nicht belehren! Nicht die Besserwisserin raushängen lassen! All das führte – Zack! – zum Stillstand. Zum Einrasten in den Schüler-Lehrer-Rollen! Aber wie konnten wir jetzt in einen gegenseitig bereichernden Flow kommen? Wie konnte ich ihnen Informationen vermitteln und sie mir? Wir konnten wir KOMMUNIZIEREN? Ohne Opfer zu sein? Ohne Herrschaft und ohne Unterwerfung? Das war die große Forschungsaufgabe. Weil dieses Fragen viel zu groß waren, fing ich im ganz Kleinen an. Wie kann ich das Sketche-Problem lösen? Was wäre, wenn diejenigen, die gelangweilt vor der Bühne sitzen, selbst eingreifen könnten, um die Sache für SICH spannender zu machen? So, wie man beim Fernsehen ein anderes Programm wählt? Ich brachte alte Fernbedienungen mit und teilte sie an die Zuschauenden vor der Bühne aus. Zu ihren Füßen auf dem Boden legte ich vier Din A 4 Blätter, auf denen stand: „Freeze“, „Zeitlupe“ und „Zeitraffer“ und „Ideen-Joker“.  Es gibt jetzt Spielregeln,  erklärte ich.  Damit es nicht langweilig wird. Sobald euch langweilig wird, könnt ihr das Programm auf der Bühne ändern. Ihr steht auf, klickt die Fernbedienung und ruft „Freeze!“, „Zeitlupe“, „Zeitraffer“ oder irgendwas, was euch selbst einfällt – das ist der Ideen-Joker.  Mit diesen drei Sätzen kam ich so einigermaßen durch. Dann brach erstmal wieder Chaos aus, weil alle auf den Fernbedienungen rumdrückten und irgendwelche Sachen wild durcheinander schrien. Ich zwang mich zur Ruhe und wartete. Irgendwann riefen die ersten:  Wann geht denn das Spiel jetzt los? Ich lächle, zucke mit den Schultern und forme mit den Lippen den Satz:  Keine Ahnung…  Weitere fünf Minuten Chaos. Dann ruft Fatima:  Ey! Jetzt seid mal leise! –  …Danke, Fatima, denke ich und werfe ihr ein kleines Grinsen zu. Weitere fünf Minuten Chaos. Jetzt schreien schon drei Leute  Ey, seid mal leise! Lass ma anfangen!  Ich nicke, stelle mich aber auf weitere Wartezeiten ein. Ein weiteres neues Ergebnis meiner Forschungsarbeit ist: Ich trainiere das „Vergnügte Warten – egal wie lange es dauert“. „Vergnügtes Warten“ ist etwas anderes, als „Genervtes Warten“. Das „Vergnügte Warten“ beinhaltet, dass ich zunächst mal einen klaren Auftrag durchbringe, der zumindest einen Hauch von Neugier bei den Jugendlichen erzeugt. Und dann scheint diese Methode des „Vergnügten Wartens“ die Jugendlichen irgendwann auf die Palme zu bringen – denn dieses Warten kann ich im Zweifel bis zum bitteren Ende der Stunde durchziehen – und das spüren sie. Wie gesagt: Das klappt allerdings tatsächlich nur dann, wenn ich es vorher geschafft habe, sie zumindest ein ganz klein wenig gespannt zu machen auf etwas, das vielleicht, vielleicht Spaß machen könnte. Ich denke an den Unterschied zur früher gelernten Forderung: Warten, bis es leise ist. Und warum das immer nicht funktionierte. Das „Vergnügte Warten“ ist ein großer Unterschied. Und der kommt durch einen klaren Start mit einer neugierig machenden Ankündigung und einer darunterliegenden Haltung vollkommener Gelassenheit zustande, der Fähigkeit, im Moment bleiben zu können, in Ruhe alles wahrzunehmen und sich nicht aufzuregen. Das schaffe ich zunehmend länger auszuhalten, indem ich in solchen Situationen folgendes denke:  Wir haben alle Zeit der Welt. Wenn es diese Stunde nicht klappt, klappt es nächstes Mal. Und wenn es dann immer noch nicht klappt, dann eben übernächstes Mal. Aber ich verschwende hier keine unnötigen Kräfte mehr, indem ich sinnlos rumbrülle oder mich aufrege. Es kommt, wenn es kommt. Und bis dahin schaue ich mir mit guter Laune das lustige Chaos an, das hier läuft.  Das Ganze ist einfach nur Gedanken-Disziplin vom Feinsten.Am Anfang halte ich mit diesem Mindset fünf Minuten durch, bis ich dann doch sauer werde. Dann zehn Minuten. Nach einiger Zeit kann ich locker 20-25 Minuten durchhalten. Und irgendwo da muss scheinbar eine Grenze sein. Denn es dauert nie länger als 25 Minuten, bis sich etwas verändert. Entweder es kracht dann richtig (im wahrsten Sinne des Wortes „bis einer heult“) – oder es wird leise. Ich arbeite innerlich hart daran, beides gleich gut zu finden. Letztendlich ist es ja auch so. Denn wenn es kracht, gibt es in meiner bisherigen Beobachtung so eine Art kathartischen Effekt: Ich raste dann ebenfalls aus und beende die Probe distanziert und ohne Versöhnungsangebot – in einer emotionalen Verfassung in der Art von:  Na gut, dann mach ich halt Schluss – Tschüss.  Und das ist eigentlich meine größte Erkenntnis: Ich DARF sauer werden. Ich muss meine Wut nicht runterschlucken. Es funktioniert viel besser, wenn ich ihnen zeige, was ich fühle, und ihnen deutlich sage, warum ich wütend bin. Diese sogenannte professionelle Distanz, die im Lehrerberuf immer so der Maßstab ist, ist hier GAR NICHT hilfreich, denke ich. Die Jugendlichen sind extrem versierte Experten*innen darin, mir die Maske der formalen Lehrer*innen-Rolle runter zu reißen und sie lassen eh nicht locker, bis sie mich als Menschen spüren können. Denn das ist es, was sie wollen – und vielleicht auch brauchen. Und viel professioneller scheint es mir zu sein, mich gleich von vornherein authentisch zu zeigen – mit all meinen Gefühlen und auch Schwächen. Denn DAS wissen sie zu würdigen. DAS erzeugt bei ihnen Respekt. Der formal „labernde“ Sozialpädagoge ist für sie ein „Opfer“, der sich hinter institutioneller Macht versteckt und sie mit seiner Distanz als Mensch herabsetzt. Dies auch noch mit unfairen Mitteln, denn gegen die institutionelle Macht können sie nichts ausrichten. Respekt aber haben sie vor jemandem, der den Mut aufbringt, sich in all seinen menschlichen Facetten zur Verfügung zu stellen und den sie in der Folge spüren können. Vor jemandem also, der sich nicht hinter einer formalen Rolle verbirgt, die ihm einen Machtvorteil beschert, sondern der als Mensch SELBST Verantwortung übernimmt und sich einer echten menschlichen Begegnung stellt. Später lernte ich in der Fernsehserie „The Wire“ den Satz „I feel you, brother!“ und dachte: Genau. DAMIT hat es zu tun. Sie wollen mich fühlen – als Mensch. Und dann fangen sie an, zu kooperieren. Und was ich meine ist: sich zeigen, wenn wir Gefühle haben, die wir an uns NICHT mögen. Also nicht sich zeigen, wenn ich sowieso alles im Griff habe. Das ist ja einfach. Nein. Sich zeigen, wenn einem der Arsch auf Grundeis geht. DAS meine ich.  Und natürlich braucht es darunter eine innere Haltung der Sympathie und Solidarität mit den Jugendlichen : So nach dem Motto: Wer bist du wirklich, du kleiner Giftzwerg? Wie kann ich dich finden und deinen Aggro-Schutzpanzer knacken, damit wir endlich das tun können, was uns BEIDE weiterbringt?  Ich lernte also Schritt für Schritt diese Angst zu überwinden, dass alles im Arsch sein könnte, wenn ich „auf einen Gang ehrlicher, offener“ schaltete. Das Gegenteil war der Fall. Die Kinder wussten – natürlich – dass es keine perfekten Menschen gibt. Und sie konnten das sehr anerkennen, wenn ich quasi Auge in Auge mit ihnen in die menschliche Arena der Auseinandersetzung ging. Für mich war das aber erstmal unglaublich schwer, weil ich wahnsinnige Angst vor Stress hatte und davor, mich verletzlich zu zeigen. Ich lernte aber, dass es letztendlich genau darum ging: Die hierarchischen Rollen Lehrerin – Schüler*innen abzulegen und als Mensch Verantwortung zu übernehmen. Und mit jeder Stunde übte ich das weiter und stellte fest: Es kostete Mut und emotionalen Kraftaufwand. Aber alles wurde dadurch produktiver und sinnvoller als alles, was ich bisher als Lehrerin versucht hatte. 

Nachdem ich mir erlaubt hatte, dieser neuen Theorie „der echten menschlichen Begegnung“ zu folgen, schaffte ich auch das mit dem „vergnügten Warten“ wesentlich gelassener, was den Effekt hatte, dass ich immer weniger lange warten musste.

So auch heute. Schon nach ca. 10 Minuten sitzen alle mit ihren Fernbedienungen da, rufen hin und wieder noch genervt „Psst!“ in die Gegend und fuchteln den Jungs auf der Bühne zu, dass die endlich anfangen sollen. Und diese machen ebenfalls einen – vom langen Warten – eher erschöpften als aufgedrehten Eindruck. Es kann also losgehen. Ich habe Raum für meine nächsten drei Sätze, in denen ich „Freeze“, „Zeitlupe“ und „Zeitraffer“ erkläre. „Ideen-Joker“ geht bereits im Lärm unter, aber sie kapieren es auch so.  Es regnet Blut!  brüllt Taher – und ich denke: Geiler Ideen-Joker… Das Spiel beginnt… Und ich stehe am Rand und schaue zu, wie sie – endlich – wie Kinder im Spiel versinken – sowohl oben auf der Bühne wie auch davor. Dauernd wird geschimpft und geschrien, weil irgendwas unklar ist, aber alles bezieht sich auf die Spielregeln und was zwischen Zuschauenden und Spielenden vor sich geht und ich sehe die allerersten Standbilder in diesem Schuljahr. Ich denke  Geht doch!  und klopfe mir innerlich auf die Schulter. Aber dieser kleine Anfall von Hybris wird natürlich sofort wieder bestraft. Denn das Glück hält nicht lange an. Die Probleme beginnen mit Regie-Aufforderungen wie:  Alle geben sich jetzt Nackenschläge!  Sekunden später artet das Spiel auf der Bühne in eine wilde Prügelei aus. Ich muss abbrechen.  Aber Sie haben gesagt: Alles was uns einfällt!  mault Chris und Taher grinst:  Ja genau, ist doch lustig, beste Szene man, wallah!  – Scheiße, ich bin wieder in der Mecker-Tanten-Position gelandet. Ich versuche zu erklären, warum „Nackenschläge-Verteilen“ kein adäquater Auftrag ist, merke aber selbst, wie ich ins Schlingern gerate. 

Fuad: Aber wir geben uns IMMER Nackenschläge. Sie haben gesagt, im Theater ist alles erlaubt!

Ich: Ja aber keine Gewalt!

Taher rollt abfällig mit den Augen: Dann ist Theater scheiße. Wenn man nicht zeigen darf, wie es IST! Isch FICKE Theater, man! 

Ich: Doch, doch, Gewalt zu ZEIGEN ist erlaubt, aber es darf nicht WIRKLICH… 

Weiter komme ich nicht, weil sich jetzt alle lautstark beschweren, dass Theater also scheiße ist, dass man NIX darf, dass sie dann lieber boxen wollen. 

Ich (dazwischen schreiend):  Aber was ist denn der Unterschied? Beim Boxen gibt`s doch auch Regeln!

Taher:  Ja, und was sind die Regeln beim Theater? Keine Gewalt?Tsss… (und da ist sie wieder, diese wegwerfende Geste mit dem herablassenden Schnalz-Geräusch). 

Der Rest versinkt im Chaos. Alles klar. Neues Problem. Neue Forschungsaufgabe: Wie sind die Regeln beim Theater? 

Ich lerne unerwartet eine der wichtigsten davon durch Selina. Und zwar in meinem ersten außerschulischen Theaterprojekt. 

Nach Erscheinen des Kinofilms „Rhythm is it“ gibt es in Berlin plötzlich einen Haufen Tanzprojekte. Und da ich jeden Impuls von außen annehme, um der inneren Hölle des Sheriff-Imperiums zu entkommen, habe ich die Theater AG bei einem Tanzprojekt angemeldet. Zusammen mit einer anderen AG von der benachbarten Kepler Hauptschule werden wir sechs Wochen lang einmal die Woche ganztägig mit einem professionellen Tänzer und Choreografen arbeiten. Anschließend ist eine Zusammenführung mit anderen Gruppen von anderen Schulen geplant, gemeinsame Haupt- und Generalprobe und öffentliche Präsentation im ICC am Alexanderplatz. Meine heimliche Hoffnung dabei ist natürlich, dass die Jugendlichen auch noch von anderer, professioneller Seite mitnehmen, warum es ganz cool sein könnte, SEK-Einsatz nicht ausschließlich realistisch und sketchartig auf die Bühne zu bringen. Im Lehrerzimmer ernte ich mal wieder Kopfschütteln.  Na, du bist ja mutig. Das ist ein total renommiertes Projekt. Berliner Philharmoniker. Simon Rattle. Und da willst du mit unseren Vollpfosten mitmachen? Das wird doch ne Katastrophe. Die können sich doch nicht zwei Minuten benehmen! Und dann noch zusammen mit den Keplers. Ach du Scheiße… Aber wirste ja selber sehen…   Ja, werde ich selber sehen. Sehe ich dann auch. Also. Was das Problem ist: Nämlich genau die Renommiertheit des Projektes. Diese Haltung dazu. Und die Erwartungen, die daran geknüpft sind. Und wie sich mensch in so einem renommierten Rahmen – hierarchisch – zu verhalten hat. Von Anfang an ist klar, dass „meine“ Jugendlichen und die Kepler Jungs (es waren nur Jungs) DANKBAR sein sollen, das sie als VOLLCHAOTEN an so einem TOLLEN Projekt teilnehmen dürfen und sogar von der Schule dafür beurlaubt werden, obwohl doch jeder weiß, dass Mathe, Deutsch, Englisch viel wichtiger für diese Asozialen wäre. Ganz selbstverständlich entsteht der Eindruck, dass ein großer Künstler sich hier hergibt, um mit diesen »schwierigen Jugendlichen« zu arbeiten. An einem BRENNPUNKT. Oha. Die Jugendlichen sollen gefälligst dankbar sein für diese tolle Erfahrung, die man ihnen hier unter großen persönlichen Opfern ermöglicht. Herr Böhm und Frau Rische werden nicht müde, mir diese Sichtweise jeden Tag unter die Nase zu reiben und mir einzubläuen, dass ich beim „kleinsten Verstoß“, beim „kleinsten Daneben-Benehmen“ der Kinder dieses Projekt sofort abzubrechen habe. Dasselbe wird den Jugendlichen tagtäglich von Herrn Böhm eingeschärft. Im Lehrerzimmer höre ich ihn allerdings prahlen:  Ja, mann muss ja der Kollegin Plath den Rücken freihalten. Alleine hat die ja nicht den Hauch einer Chance das durchzuziehen. Die ist halt noch „frisch“ (hö, hö) und völlig naiv und macht dann natürlich solche Sachen. Projekt mit den Berliner Philharmonikern. (lautes schein-amüsiertes Lachen). Und nee, nee, nicht dass das jetzt jemand hier falsch versteht! Ich find das ja GUT! So`n bisschen naiver Optimismuskann ja nicht schaden! Aber ist schon klar, dass ich da als Klassenlehrer nen Haufen Arbeit habe, denn dass die Kleene  (er meint mich)  die Bande nicht im Griff hat, ist ja logisch. Heißt: Ich muss meine Vollpfosten da ORDENTLICH ein-NORDEN, damit diese Schnaps-Idee ÜBERHAUPT ne Chance hat. Aber nee, mach ich ja gerne. Die Plath ist ja eigentlich ne ganz Süße, der halt ich doch gern den Rücken frei…  So in etwa verklickert er es auch in Dauerschleife seinen elf Theater-Schüler*innen der 8b. Die Startvoraussetzungen sind also „super“… 

Ich lasse mich nicht beirren. Hauptsache mal raus hier und irgendwie wird es schon klappen, ich habe eine seltsame Zuversicht und ertappe mich bei dem Gedanken, ob ich wohl TATSÄCHLICH naiv bin. Scheiß der Hund drauf. 

Und dann beginnt das Projekt. Der Tänzer arbeitet mit den Jugendlichen unserer AG und den Kepler Jugendlichen in der Aula. Ich sitze, gemeinsam mit der Klassenlehrerin der anderen AG Kinder und den Kepler Kollegen, während der Proben immer am Rand und schaue zu. Herr Böhm lässt sich – zu meiner Erleichterung – nur sehr sporadisch blicken. Er hat Wichtigeres zu tun, als bei so einem Projekt auf der Bank zu sitzen, wie er sagt.  Selina, die sich nur zögerlich bereit erklärt hat, mit zu machen, hat dem Tänzer gleich zu Beginn der ersten Probe klargemacht, dass sie nur mitmachen könne, wenn »niemand sie anfasse«. Ich kriege ein schlechtes Gewissen und frage mich, ob das mit der Nackenschläge-Problematik der letzten Theaterstunde zu tun hat. Selina gibt allerdings gar keine Begründung, in ihrem Anliegen ist sie aber vollkommen klar.  Ich kann nur mitmachen, wenn mich keiner anfasst.  Der Tänzer nickt etwas unkonzentriert und sagt, das sei »kein Problem«.  Wie mutig und klar, dass sie ihre persönliche Grenze gleich zu Beginn so unmissverständlich benennt, denke ich und beobachte vom Rand aus das Geschehen. Beim Warm-up zu Beginn geht noch alles gut. Aber dann leitet der Tänzer kleine Hebefiguren an und die Jugendlichen sollen zu zweit arbeiten und sich gegenseitig kurz hochheben. Selina bleibt mit verschränkten Armen im Raum stehen und sagt, dass sie das nicht will. Daraufhin geht der Tänzer auf sie zu, legt mit freundlichem Gesicht seine Hände auf ihre Hüften und sagt:  Schau mal, das ist gar nicht schlimm. Ich mache es einfach mal vor…

Selina rastet aus. Und ich meine jetzt RICHTIG ausrasten. Volles Programm. Sie schreit und feuert eine Kanonade an Flüchen ab, dann schubst sie den Tänzer mit voller Wucht von sich. Jetzt explodiert auch der Tänzer und brüllt Selina zusammen. Aber statt, dass sie zurückweicht, wie ich es erwartet hätte, reißt sie den Kopf hoch und brüllt in voller Lautstärke zurück. Es hört gar nicht mehr auf. Der Tänzer versucht sie zu überschreien, aber rhetorisch ist sie ihm in der Vielfalt ihrer Beschimpfungen haushoch überlegen. Die gesamte Gruppe steht stumm im Raum und starrt die beiden an. Einige grinsen. Der Schlagabtausch dauert unendlich lange drei Minuten. Und es ist allen vollkommen klar, wie er endet: Mit Selinas Rausschmiss. Logisch. Der Tänzer fordert Selina in lauten, scharfen Worten auf, den Raum zu verlassen, er könne mit solchen »unerzogenen Gören« nicht arbeiten, sie brauche nicht mehr wieder zu kommen, er werde den Vorfall bei der Schulleitung melden, sie sei raus. Ende Gelände. 

Selina wirft mir einen kurzen bebend wutverzerrten Blick zu und zögert den Bruchteil einer Sekunde. Das ist meine Chance. Ich mache eine winzige beschwichtigende Geste mit meinen Händen und gebe ihr zu verstehen, dass sie einfach erstmal zu mir auf die Bank kommen soll. Selina steht noch ein paar Sekunden mit hochrotem Kopf im Raum, dann stampft sie wutentbrannt auf mich zu und lässt sich neben mich auf die Bank fallen. Ich habe Herzrasen. Ich weiß GENAU: In einer vergleichbaren Situation früher als Jugendliche in einem solchen Projekt hätte ich mich NIE im Leben getraut, einer Autoritätsperson SO entgegenzutreten. Ich stelle fest, dass ich emotional völlig durch den Wind bin. Irgendetwas hat mich zutiefst getroffen und ich versuche diesem krassen Gefühl in mir nachzugehen. Was ist das? Ich empfinde »flammende« Bewunderung und Solidarität für dieses Mädchen. Ich möchte sie am liebsten in den Arm nehmen und feiern. Aber. Alle anderen hier im Raum würden mich für VÖLLIG abartig halten. Oder? Alle – nämlich sowohl die Schüler*innen, die begleitenden Lehrkräfte als auch der Tänzer – scheinen von mir als Lehrerin dieser Klasse zu erwarten, dass ich Selinas Verhalten unmissverständlich sanktioniere. In mir aber ist der gegenteilige Impuls und pocht mir bis in den Hals. Ich DENKE nicht im Traum an eine Sanktion. Stattdessen stelle ich sie in meinen heimlichen Gedanken auf ein Siegertreppchen. Mit Schnappatmung sitze ich mental zwischen zwei Stühlen. Mir bei den Erwachsenen Respekt verschaffen, indem ich konsequent und streng durchgreife – oder meinem inneren Impuls folgen und eventuell als Weichei gelten und jeglichen Respekt – vielleicht bei ALLEN? – verlieren? 

Still sitzen wir beide nebeneinander auf der Holzbank, bis sie sich einigermaßen beruhigt hat. Irgendwann frage ich leise:  Was willst du jetzt machen, weiter mitmachen? Selina wirft mir einen trotzigen Blick zu:   Darf ich ja nicht!  Ich schüttele den Kopf.  Natürlich DARFST du weitermachen  –  die Frage ist, ob du das WILLST…? Soll ich noch mal mit ihm sprechen?   Selina zischt Nein! und starrt auf den Boden. In meinem Kopf tobt das Gedankenchaos. Versaut mir das jetzt jegliches Bisschen an Autorität, das ich in der letzten Zeit in der 8b so mühsam gewonnen habe, wenn ich in dieser Situation nicht „hart durchgreife“ und Selina „sanktioniere“, also die Entscheidung des Tänzers mittrage? Mein Bauchgefühl sagt mir:  Ich KANN einfach nicht. Ich KANN es einfach nicht. Sie hat RECHT.   Also gebe ich mir einen kleinen Ruck und sage leise zu Selina das, was ich in WAHRHEIT denke:   Ich hätte mich das in deinem Alter so NIE getraut, Selina, und du hast RECHT. Ich finde es unglaublich bewundernswert, dass du dich wehrst. Wenn du weiter mitmachen willst, finden wir eine Lösung, die für DICH ok ist.

Selina antwortet nicht und starrt weiter auf den Boden. Ich frage mich, ob sie mich überhaupt gehört hat. Es vergehen einige Minuten in absolutem Schweigen, wir beide nebeneinander auf dieser Bank, während die Probe vor uns weiterläuft. Dann plötzlich springt Selina auf und bewegt sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, mit schnellen Schritten in die Mitte des Raumes. Ich halte den Atem an. Aber sie sagt nichts, sie steht nur eine Weile einfach da, direkt vor dem Tänzer und hört ihm zu, beobachtet, was die anderen machen – und steigt dann wieder ein. Der Choreograf schaut irritiert, hält kurz inne, wirft mir einen fragenden Blick zu, ich nicke ihm zu, hebe kurz den Daumen, woraufhin ich einen Hauch von Ärger in seinem Gesicht zu sehen glaube, aber: Dann wendet er sich wieder der Gruppe zu. Und Selina bleibt. Die Probe geht weiter. Und ich sitze auf der Bank und kann mich gar nicht mehr beruhigen. Was war DAS denn? Ich kann es gar nicht fassen. Völlig unbeeindruckt von diesem ganzen Sheriff-Terror und der allgemeinen Ehrfurcht vor dem berühmten Choreografen und dem ganzen „Rhythm is it-Hype“ schubst Selina einfach mal das Alphatier beiseite und weist ihn in seine Schranken. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das hätte ich mich an ihrer Stelle damals als Schülerin NIE-MALS getraut. Dabei ist es eigentlich so selbstverständlich, so gesund: Jemand überschreitet meine Grenzen und ich wehre mich. Zack. Warum mache ICH das nicht? Warum HABE ich das nie gemacht? Ich habe plötzlich ein Gefühl von Reue über all die verpassten Situationen, in denen ich leider NICHT so mutig und widerständig reagiert habe. Der Druck, sich anzupassen und »keinen Ärger« zu machen, hatte bei mir selbst als Schülerin immer dazu geführt, dass ich im Zweifel bemüht war, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Niemals hätte ich mich in einer vergleichbaren Situation getraut, so massiv und laut zu protestieren und damit meinen Ausschluss zu riskieren. Denn wie weh das tat, schon auf einer viel kleineren Ebene Widerstand zu leisten, das hatte ich von zu Hause und als Kind ja bestens verinnerlicht: Das war, wie gegen einen elektrisch geladenen Zaun zu laufen: Dieser augenblickliche, ungeheure Schmerz, in der Folge als »schwierig«, »hysterisch« oder gar »verrückt« zu gelten – und ausgeschlossen – zu werden. Was für einen Mut braucht es also, als Jugendliche im übermächtigen System Schule und gegen eine allgemein anerkannte Autorität aufzustehen? Beschämt dachte ich auch an meine gegenwärtige Situation. Ich brauchte ja gar nicht groß von früher zu reden, auch jetzt war ich ja kein bisschen mutiger geworden. Ich befand mich die ganze Zeit in diesem ekligen Zwiespalt zwischen eigener Überzeugung und Angst, Vorteile zu verlieren: Trotz all meiner inneren Zweifel tat ich nichts gegen die hier herrschende Norm. Dabei fragte ich mich ununterbrochen, warum hier kein einziges Kind jemals nach SEINER Perspektive oder SEINEN Beweggründen gefragt wurde. NIEMAND kam in diesem ganzen Umfeld auf die Idee, zu fragen:  WARUM benehmen die sich so „unmöglich“? Wie geht es diesem Mädchen, dass es so krass reagiert? Warum war es immer diese empörte Reaktion, dieses:  Wieder mal ein UNMÖGLICHES Verhalten einer frechen Hauptschülerin! Dabei hat sie doch die Chance, an einem so tollen Projekt mit einem so renommierten Künstler teilzunehmen!  Warum lasen alle ununterbrochen die Reaktionen der Jugendlichen als verhaltensgestörtes, freches Fehlverhalten? Was wäre, wenn sie alle gute Gründe hätten? Was wäre, wenn alle ein Veto-Recht hätten? Wenn das die Regel wäre? Ich dachte an Tahers Frage: Was sind denn die Regeln beim Theater? Vielleicht das Recht, nein zu sagen? Letztendlich ist es ja so, dass wir ständig quasi auf einem 10-Meter-Turm stehen: Und wenn wir von da oben runter in die Tiefe schauen, dann möchten wir selbst entscheiden, wann wir springen – und nicht runter geschubst werden. Warum kann nicht jeder selbst entscheiden, wann, wie oder ob er-sie-es überhaupt springen möchte. Was würde sich verändern, wenn ich den Raum dafür hätte, selbst zu entscheiden, was ich will? Und was wäre dafür notwendig? Ich merke plötzlich, wie ich ganz aufgeregt werde, denn ich habe das Gefühl, dass dies vielleicht der Anfang zu einer guten Idee werden könnte. Warum nicht ein Veto Recht einführen? Und schauen, was passiert? 

Bereits am nächsten Tag führe ich in der 8b das Veto Recht ein. Und erlebe mein blaues Wunder. Meine Fahrt in den großen Eklat hat inzwischen Höchstgeschwindigkeit angenommen. Aber noch immer sehe ich das Disaster nicht kommen.