Neues Buch und Podcast: Türwächter*innen der Freiheit – das Abenteuer einer Emanzipation

Ich werde jetzt auf meinem Blog Teile aus meinem neuen Buch veröffentlichen und dazu einen Podcast. Jeden Monat wird es ein neues Kapitel geben. Worum geht’s? Nach allem, was ich bisher geschrieben habe, ist jetzt mal eine amtliche, erzählerische, lebendige Durchdringung des Themas gefragt: Was meine ich eigentlich damit: „Befreit euch!“? Ich dachte, das veranschauliche ich vielleicht am eingängigsten, indem ich euch mal von meiner persönlichen Reise hin zu diesem Thema erzähle. Quasi biografisch… Denn vielleicht sollte ich, nachdem ich alle anderen immer dazu ermutige, ihre Geschichten zu erzählen, auch selbst mal was beitragen…

Ich werde euch von meinen persönlichen Irritationen in Bezug auf unser Schulsystem berichten und warum ich der Meinung bin, dass wir trotz vieler neuer, lustiger Motivationsmethoden, bunter Karten und Gruppentischen in den Schulen noch immer den Gehorsam des letzten Jahrhunderts internalisiert haben und was das mit uns macht. Und: Welche Konsequenzen ich daraus gezogen habe, warum ich mich trotz aller schlechten Nachrichten weiterhin für die Freiheit jedes einzelnen Menschen einsetzen möchte und warum ich diesbezüglich weiterhin optimistisch bin – und vor allem: Warum ich glaube, dass Menschlichkeit bei all dem der wichtigste Faktor bleibt. Walid sagt es im Film „12 Jahre ein Untertan?“ noch viel besser: Man muss lernen, Menschen zu lieben und an Menschen zu glauben.

Denn was uns in allem Chaos der Welt immer wieder rettet, sind einzelne Menschen, die sich allem herrschenden Zynismus zum Trotz immer wieder für andere und für gemeinsame Ziele einsetzen.

Wenn sie es schaffen, frei zu sein. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit.

Davon möchte ich erzählen. Von den

Türwächter*innen der Freiheit.

Und:

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig. 

Anmerkung: Wer lieber hört, als liest, findet hier die Kapitel als Podcast-Folgen.

 Türwächter*innen der Freiheit

 Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet. Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)). Neben die äußere tritt die innere Emanzipation: als Befreiung aus eigener Unmündigkeit und den Fesseln von Tradition, gesellschaftlichen Normen und vorgegebener Weltanschauung. Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit (im Sinnevon Gleichberechtigung oder Gleichstellung), meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischenStrukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern. (Wikipedia, September 2019) 

1 Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Kiel 1997: Am Anfang dachte ich, es wäre so eine Art Pubertät. Dieses ständige Gefühl eines inneren Widerstandes und der Drang zu widersprechen. Ich war 27 Jahre alt und steckte in der Höllenmaschinerie Referendariat auf Lehramt. Meine Motivation Lehrerin zu werden hatte sich bereits nach wenigen Wochen erledigt. Ich kam mir vor wie eine 15-Jährige, die ununterbrochen mit vorwurfsvoll dreinschauenden Erwachsenen konfrontiert ist. Doofen Erwachsenen, die mit humorloser Stimme die Befolgung von völlig schwachsinnigen Regeln einfordern. So albern hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt und es war irgendwie erschütternd, mich selbst dabei zu beobachten, wie ich die ganze Zeit dachte: „Im Ernst?“ – „Im ERNST?“ und Mühe damit hatte, diese zwei Wörter nicht ständig laut auszusprechen.

„Sie müssen sich eine formalere Sprache angewöhnen, Frau Plath…“ – „Im Ernst??“

„Sie dürfen im Unterricht nicht so viel lachen.“ – „Im Ernst??“

„Sie dürfen die Schüler während des Unterrichts nicht zur Toilette lassen.“ – „Im Ernst?“

„Sie müssen in jeder Stunde, die Sie geben, Ihr vorformuliertes Unterrichts-Ziel erreichen – und zwar in genau der Minute, die Sie vorher in Ihrer schriftlichen Unterrichtsplanung dafür angegeben haben.“ – „Im ERNST?“

Nach den Lehrproben sollte ich dem Gremium aus Studienleitern, Mitreferendaren*innen, Schulleiter und Mentorin immer minutiös meine „Fehler“ aufzählen, die mir während der Stunde unterlaufen waren. Mit dieser Selbstgeißelung sollte ich unter Beweis stellen, dass ich all meine Fehler SELBER erkennen konnte und somit also in der Lage war, zu REFLEKTIEREN. Während alle anderen im Raum mit gerunzelter Stirn und sehr beflissen Notizen dazu machten, um im Anschluss dann noch all die vielen Fehler zu ergänzen, die ich NICHT gesehen hatte. Wenn andere nach solchen Tribunalen weinend aufs Klo rannten, seufzte der Seminarleiter mit einer gewissen Zufriedenheit und wiederholte das Mantra, das offenbar die geistige Grundlage für das Referendariat bildete: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. – IM ERNST??

So ging das weiter. Und meine Fassungslosigkeit steigerte sich ins Unermessliche, zumal ich mit meinem Staunen über diese perfekt organisierte Lern-Behinderungs-Maschinerie offenbar völlig alleine war. Um mich herum nur diese betretenden, ängstlichen, selbstgerechten oder empörten Gesichter. Graue Flure, graue Seminarräume, unendliche Langeweile und gleichzeitig unerträglicher, ganz und gar künstlich erzeugter Stress und eine vollkommen aufgebauschte Wichtigkeit von völlig unwichtigen Dingen. Alle schienen sich in geduckter Haltung und nur auf Zehenspitzen zu bewegen – nur darauf bedacht, nicht aufzufallen, keinen FEHLER zu machen, sich zu verstecken und möglichst ungeschoren davon zu kommen. Ich fand mich in einem Reich wieder, in dem die Opportunisten und Schleimerinnen die Königinnen und Könige waren. Mir wurde klar: Hier bin ich falsch.

Meine Mentorin Frau Thiele, die sich offenbar in den Kopf gesetzt hatte, mich heile durch diese zwei Jahre zu bringen, hatte mir vor meiner letzten Lehrprobe geraten, in der anschließenden Auswertungsrunde im „Gremium“ untertänig und sehr höflich aufzutreten. „Wissen Sie, Sie dürfen nicht immer alles in Frage stellen, Frau Plath…“ (- IM ERNST??)

Frau Thiele hatte mir vorsorglich Formulierungen auf einem Zettel notiert, an denen ich mich in meinem Selbstgeißelungs-Gespräch orientieren sollte, „falls mit mir wieder die Pferde durchgehen sollten“…

„Ich kann Sie ja verstehen“, erklärte Frau Thiele, „aber Sie müssen sich an die Vorgaben halten und dem Seminarleiter das Gefühl geben, dass Sie hier wirklich was lernen wollen“. Aber genau das ist ja der Witz! Ich WILL ja was lernen, aber ich DARF ja nicht! Dachte ich genervt.

Das mit den vorgebenden Formulierungen war natürlich gut gemeint. Es klappte aber nicht. Nach der gegebenen Stunde dauerte es im Nachgespräch genau zwei Minuten, bis ich mich wieder – mit vor Aufregung rasendem Herzklopfen – in einem hitzigen Streitgespräch mit dem Seminarleiter befand, der kurz darauf türenknallend den Raum verließ, nicht ohne der betretenen Frau Thiele ein – wie ich fand affig – empörtes “Das lasse ich mir nicht bieten!“ vor die Füße zu werfen, als wäre sie an allem Schuld, weil sie mich „krassen Punk“ nicht unter Kontrolle bekam.

Dabei war von “krasser Punk” wirklich nicht ansatzweise irgendeine Spur. Ich war damals angepasst bis zur Schmerzgrenze: Das, was man “wohlerzogen” nennt und was in Wahrheit nur bedeutete, dass ich mich exzellent an die Erwartungen anderer anpassen konnte, ohne auch nur einen Schimmer davon zu haben, was ich selbst wollen oder brauchen könnte. Meine Erziehung in einem konservativ-protestantischen Elternhaus hatte ganze Arbeit geleistet.

Überall konnte ich in Windeseile die Erwartungen meines Umfeldes erspüren und mich dann entsprechend “benehmen”. Meine Mutter hielt dieses Verhalten für die Schlüsselkompetenz zu einem erfolgreichen Leben. Und meine eigene Schulzeit gab ihr Recht: Als Schülerin kam ich mit dieser Haltung bestens durch. Was meine eigenen Bedürfnisse anging, hatte ich nicht die geringste Ahnung. Wie auch, denn sobald ich irgendeinen eigenen Wunsch durchzusetzen versuchte oder mich gegen eine Erwartung stellte, wurde dieses Verhalten mit dem Satz „Sei nicht hysterisch!“ abgestraft. Die mildere Form des Tadels lautete: Sei doch nicht so ich-bezogen, es gibt auch noch andere Menschen auf der Welt!

Warum ich also im Referendariat ganz plötzlich diesen riesigen inneren Widerstand entwickelte, war, glaube ich, der Ungeheuerlichkeit dieser ständigen Grenzüberschreitungen geschuldet.

Das erste, was mir gesagt wurde, war, dass ich zuviel lachte. Ich müsse mich von den Schüler*innen deutlicher abgrenzen was Sprache und Habitus betreffe. Das zweite Unglück des Referendariats lag in der Fokussierung auf die „Fehler“. Ich hatte Lust, Stunden vorzubereiten und erst recht, anschließend akribisch zu reflektieren, was in der Stunde passiert war. Aber das, was unter „Reflektieren“ verstanden und von mir erwartet wurde, war eine demütige Aufzählung aller Kleinigkeiten, die mir „missraten“ waren. (hierarchisch, Status!). Es schien „die perfekte Unterrichtsstunde“ zu geben – nur leider sah ich eine solche nie und zweifelte auch stark daran, dass es sie überhaupt gab. Stattdessen wurde ich ängstlich und fühlte mich vor jedem Unterrichtsbesuch wie damals als Kind vor der Klavierstunde.

Die hatte ich als Kind jeden Donnerstag um fünf. Bei Herrn Engler. Herr Engler roch nach Seife und machte alles korrekt.

Er saß mit traurigem Gesicht und übereinander geschlagenen Beinen neben seinem Steinway-Flügel und schrieb mit einem Füller in sehr akkurater, winziger Schrift in ein kleines, liniertes Oktavheft hinein, was ich üben sollte. Fingerkraft Seite 7, Nummer 15a und b, Czerny Seite 24, Nummer 3, Emonts Seite 15, Nummer 4. Meistens schrieb er genau das hin, was er auch schon in der letzten Woche geschrieben hatte, denn er war selten zufrieden. Hast du geübt? Fragte er jedes Mal statt einer Begrüßung. Und ich nickte und setzte mich auf die Klavierbank vor dem Flügel. Herr Engler nahm das lange, schmale Samtdeckchen von der Tastatur und sah dabei immer ein wenig gequält aus. Denn jetzt würde ich mit meinen schwitzigen Patschehändchen die schönen weißen Tasten beschmutzen. Es war ganz klar, dass Herr Engler darunter litt. Noch trauriger schaute er, wenn ich anfing zu spielen. Nein nein nein, unterbrach er immer irgendwann und seufzte. Von vorne. Dann fing ich die Übung wieder von vorne an. Wenn ich das sechste oder siebte Mal von vorne angefangen und wieder gepatzt hatte, schüttelte Herr Engler den Kopf und sagt: Du hast nicht geübt. Was meistens auch stimmte. Wobei. Meistens spielte ich am Donnerstag um Punkt 16 Uhr alle Übungen einmal holterdipolter durch, noch gerade rechtzeitig, bevor Papa rief: Wir müssen los! Dann schmiss ich meine Fingerkraft-, Czerny-, Emonts-Hefte in eine Tasche, seufzte und fügte mich in mein unvermeidliches Schicksal. Das war nicht das, was Herr Engler unter „Üben“ verstand, schon klar. Jeden Donnerstag auf dem Weg zur Klavierstunde, wenn ich mit beklommendem Gefühl im Bauch im Auto saß, die Klaviertasche mit den Noten und dem kleinen Oktavheft auf dem Schoß, nahm ich mir vor, das nächste Mal WIRKLICH vorher anzufangen, am besten schon am Wochenende, ich stellte es mir vor, es wäre ja ganz einfach, ich könnte ja jeden Tag eine Viertelstunde üben, das würde ja gar nicht weh tun und dann müsste Herr Engler nicht immer dasselbe ins Oktavheft schreiben. Aber aus irgendwelchen mysteriösen Gründen klappte es nie. Es war immer plötzlich schon Donnerstag, 16 Uhr, und ich hatte wieder nicht geübt. Und immer hoffte ich heimlich und leidenschaftlich, dass Herr Engler kurz vorher anrufen und wegen Krankheit absagen würde, aber diese leidenschaftliche Hoffnung erfüllte sich nie. Herr Engler war zwar chronisch erkältet und sah immer aus, als würde er gleich das Zeitliche segnen, aber er sagte niemals eine Klavierstunde ab. Leider. Insofern beschloss ich irgendwann selbst die Initiative zu ergreifen und meinem Vater zu sagen, dass ich keine Lust mehr hatte auf die Klavierstunde. Ungefähr ein Jahr lang saß ich jeden Donnerstag schweigend neben Papa auf dem Beifahrersitz und dachte: Jetzt sagst du es einfach. Aber ich sagte es nicht. Und saß dann wieder auf der Klavierbank neben dem traurigen Herrn Engler. Als ich es dann irgendwann endlich schaffte und viel zu laut in die Stille des Autos platzte: Ich hab keine Lust mehr auf den Klavierunterricht, kann ich aufhören?, warf mein Vater mir einen Blick zu, als sei ich eine unfassbare Plage, die aus heiterem Himmel über ihn herein gebrochen war und die er nicht verdient hatte. Mit tonloser Stimme sagte er leise: Das kommt GAR NICHT in Frage.

Ach so.

Viele Jahre später fand ich bei einem anderen Klavierlehrer erstaunt heraus, dass Klavierspielen Spaß machte und dass es dazu nicht eine einzige Fingerkraft-Übung brauchte, geschweige denn ein Oktavheft mit aufgelisteten Übe-Aufträgen.

Im Referendariat hatte ich ähnliche Fluchtgedanken.

Das lag nicht an den Schüler*innen. Sofern ich alleine mit ihnen im Klassenraum sein durfte und erste Unterrichtserfahrungen sammelte, war alles gut. Ich bereitete hochmotiviert meine wenigen eigenverantwortlichen Stunden vor und freute mich auf die zahlreichen Reaktionen der Jugendlichen. Ich war gespannt auf alles, was sie mir erzählten, zeigten, fragten. Ich fühlte mich wie in einem Labor, in dem ich austesten konnte, was erfolgreich war und was nicht. Mein Ehrgeiz war es, möglichst alle Schüler*innen zu begeistern und sie „in Fahrt zu bringen“. Dafür wollte ich möglichst viel über sie wissen.

Aber scheinbar ging es darum gar nicht. Das erste, was mein Seminarleiter anmerkte, war: „Sie stellen zu den Schüler*innen zuviel Nähe her. Sie müssen sich viel klarer abgrenzen. Ihre Sprache ist zu umgangssprachlich. Sie müssen sich um einen fachlicheren Ton bemühen“.

Auch stellte sich heraus, dass das Referendariat alles andere als ein „Labor“ war: Austesten, probieren, reflektieren und neu probieren war überhaupt nicht das, was erwartet wurde, sondern – mal wieder – funktionieren nach bereits genau ausformulierten Kriterien. Eigene Ideen und insbesondere zu große Begeisterung für neue Ideen waren alles andere als erwünscht. Bereits nach meiner ersten Lehrprobe und dem erwähnten Rüffel wegen meiner „zu großen Nähe zu den Schülern“, wurde ich zwei Stunden lang über all meine „Fehler“ aufgeklärt. Minute für Minute wurde die gegebene Stunde seziert – und zwar ausschließlich unter dem Aspekt, was alles „falsch gelaufen war“. Ein konstruktives, interessantes Gespräch kam auf diese Weise nicht zu Stande. Meine irgendwann nur noch zögerlich vorgebrachten Fragen, wurden mit leicht sauertöpfischer Miene ignoriert. Meine Mentorin, die mir immer wieder beschwichtigende Blicke zuwarf, erklärte mir hinterher: „Sie sollten bei so einer Nachbesprechung keine Fragen stellen. Das wirkt zu selbstbewusst und verärgert den Seminarleiter. Besser ist es, einfach zuzuhören und den Eindruck zu vermitteln, dass Sie lernen wollen“.

Aber ich WILL doch lernen! MEIN GOTT!!  Meine Mentorin schüttelte den Kopf: „Ja, das weiß ich, aber so wird es nicht verstanden. Wenn Sie Fragen stellen, wirkt es so, als wollten Sie diskutieren und wüssten schon, worauf es Ihnen ankommt. Es ist besser, wenn Sie sich unterordnen, sonst bekommen Sie nur Probleme…Sie müssen dem Seminarleiter das Gefühl geben, dass er immer recht hat, sonst nimmt er Sie als renitent und widerständig wahr. Das führt zu schlechten Benotungen…“

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Mit diesem denkwürdigen Satz, den der Seminarleiter wie eine Drohung formulierte, versuchte meine Mentorin mich zu trösten. Leider half dieses innere Mantra aber auf Dauer nicht weiter. Innerhalb weniger Monate verlor ich jegliche Motivation.

Konfrontiert mit immer neuen, ewigen – und aus meiner Sicht abstrusen – Aufzählungen aller Fehler, die mir in einer Stunde unterlaufen waren, engsten Zeitvorgaben und theoretischen Ausführungen, wie eine „perfekte Stunde“ auszusehen hatte, verlor ich  die Lust am Unterrichten.

Geradezu komische Züge nahmen die Auswertungsrunden in der Seminargruppe mit den anderen Lehramtsanwärter*innen an:

Die gesamte Gruppe der Referendar*innen reiste zu einem Unterrichtsbesuch an, wo sie dann hinten in einer Reihe nebeneinander saßen und emsig jedes Wort mitschrieben. Hinterher saßen wir alle mit ernsten Gesichtern im Kreis und die Mitreferendare wurden vom Seminarleiter aufgefordert, alle Fehler zu benennen, die ihnen aufgefallen waren. Man konnte seinen eigenen Ruf nur dadurch retten, dass man vorher bereits selbst alle Fehler aufzählte, die man in seiner Vorführstunde gemacht hatte. Je mehr Fehler ich selbst benennen konnte, desto besser – denn dadurch konnte ich unter Beweis stellen, dass ich zwar noch nicht unterrichten, aber zumindest selbstkritisch reflektieren konnte.

Dieses Procedere führte zu immer hysterischeren Verhaltensweisen der Lehramtsanwärter*innen – und der Schüler*innen –  vor jedem Unterrichtsbesuch. Die „Vorführstunden“ wurden zu genau abgezirkelten Theater-Kunststückchen, bei denen in Minute drei der visuelle Impuls erfolgen musste, in Minute sieben die hinführende Frage ins Thema, in Minute 10 die Ausgabe der Arbeitsbögen, usw. Die Schülerreaktionen wurden zu einem Schreckens-Szenario, denn was machte mensch, wenn ein Schüler zu früh eine Frage stellte, die erst für Minute 36 vorgesehen war? Da die Jugendlichen den ungeheuren Druck spürten, der auf den Referendaren*innen lastete, begannen sie die seltsamsten Verhaltensweisen an den Tag zu legen: In der Absicht, der armen Lehramtsanwärterin zu „helfen“, saßen sie wie abgerichtete Zirkus-Äffchen auf ihren Plätzen und versuchten zu raten, was von ihnen verlangt wurde. Kein*e Schüler*in verhielt sich so, wie die Referendarin sie in der schriftlichen Vorbereitung beschrieben hatte, alle meldeten sich ununterbrochen und spielten „Streber“. Wenn ich zuvor einen halbwegs realistischen „Erwartungshorizont“ beschrieben hatte, wurde ich hinterher erstaunt darauf hingewiesen, dass die Klasse ja keineswegs so problematisch sei, wie ich es beschrieben hatte. Da hatte ich mich wohl grob verschätzt?

Als ich meine Mentorin halb im Scherz fragte, ob es nicht vielleicht sinnvoller wäre, die „idealen“ Gesprächsbeiträge der gesamten Stunde vorher auswendig lernen zu lassen und mehrmals mit den Schüler*innen zu „proben“, zuckte sie nur seufzend mit den Schultern und antwortete: Ja, vielleicht sollte man das machen…

Das war überhaupt nicht das, was ich gehofft hatte, im Referendariat zu lernen. Ich hatte das Gefühl, immer schlechter zu werden. Je mehr wir davon erfuhren, wie „eine perfekte Stunde“ auszusehen hatte, desto unbeweglicher wurde ich in meinen Gedanken und Handlungen. Ich wurde zu einer Art Roboter und fürchtete letztendlich die Anwesenheit der Schüler*innen, weil sie niemals bis ins Letzte planbar waren.

So fühlte ich mich bereits nach einem halben Jahr „verkrüppelt im Gebrauch meiner Selbst“ (K. Johnstone, „Improvisation und Theater“ 1998, S. 19).

Und selbst ein konservativ und protestantisch erzogener Mensch wie ich, kam da ins Zweifeln, ob diese Dressur-Leistung noch im Verhältnis zur seelischen Gesundheit stand.

Ich beschloss also, meinem Irrtum ein schnelles Ende zu bereiten und teilte meiner gebeutelten Mentorin zum Ende des ersten Halbjahres mit, dass ich mein Referendariat abbrechen würde. Es war ein heißer Sommertag, die Zeugnisse waren geschrieben und ich dachte an all die Dinge, die ich jetzt endlich wieder würde machen können. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, sagt man ja so schön.

Doch ich hatte nicht mit Frau Thiele gerechnet. Sie sagte einfach „Nö“. Ich war verblüfft und für einen Augenblick war es still im Lehrerzimmer, ich hörte die Uhr an der Wand ticken. „Was heißt denn Nö?“, fragte ich etwas belustigt und versuchte das Ganze als Scherz abzutun. Aber Frau Thiele machte ein todernstes Gesicht.

„Wenn Sie nicht Lehrerin werden, dann falle ich vom Glauben ab”, sagte sie und ich wappnete mich für eine kleine Diskussion, in der ich sie davon würde überzeugen müssen, dass sie mit ihrer Ansicht aber ganz offensichtlich alleine dastand und ich in diesem System nichts zu suchen hatte. Aber zu dieser Diskussion kam es nicht. Denn Frau Thiele überraschte mich mit einer Frage. Einer ziemlich guten Frage übrigens. Sie lehnte sich entspannt zurück, lächelte und präsentierte das folgende argumentative Schachmatt:

Was würden Sie machen wollen, jetzt in diesem Referendariat, wenn Sie es sich aussuchen könnten? Tun wir einfach mal so, als wäre alles möglich. Wozu hätten Sie Lust? Was müsste passieren, damit Sie bleiben? Ganz ehrlich jetzt.

Ich ließ die Frage einsinken, nahm mir Zeit und dachte WIRKLICH darüber nach. Ja, was würde ich machen WOLLEN? Und erstaunlicherweise war es mir ganz klar und ich sagte es einfach, ohne mich zu schützen, ohne mich abzusichern, denn offenbar wollte sie es ja wirklich wissen. Ich sagte: Eigentlich würde ich am liebsten ALLES anders machen. Warum wird alles in der Schule – sogar die Menschen – getrennt voneinander behandelt, wo doch alles nur einen Sinn ergibt, wenn wir es – alles – in einen gemeinsamen Sinnzusammenhang stellen. Warum prökeln alle in voneinander abgetrennten Klassenräumen, Alterstufen und Fächern so klein-kleinmäßig jeder für sich allein ihren Dienst nach Vorschrift ab? Schule ist doch nicht das Bundesamt für Langeweile…”

Da war sie also wieder, diese mir unreif erscheinende Wut, ich biss mir auf die Lippen, aber es war zu spät, die Sätze waren raus. Doch Frau Thiele ließ sich null aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil lächelte sie aufmunternd und hakte nach: “Ja, aber was würden Sie konkret tun, wenn Sie jetzt machen könnten, was Sie wollten?”

“Ich würde mit allen Schülern, mit allen Lehrern und mit allen Eltern der Schule ein riesiges Theaterstück machen- und die Schule dafür ein paar Monate lahmlegen. Alle machen Theater, alle arbeiten an dieser gemeinsamen Sache, jeder an der Stelle, wo er Bock drauf hat…und dann entsteht eine große Sache…”

Ich war überrascht, dass ich das jetzt wirklich gesagt hatte, aber tatsächlich sah ich alles bereits vor mir, hielt es für einen Moment tatsächlich für möglich – merkte, wie meine Gedanken in diese Richtung los galoppieren wollten… dann holte mich das Lehrerzimmer mit der tickenden Uhr wieder ein, ich verstummte und dachte: Totaler Schwachsinn… wie peinlich, dass ich diese pathetische Scheiße jetzt einfach so raus gehauen habe… OMG…

Aber dann passierte eins von diesen kleinen Wundern, ohne die sich im Leben wahrscheinlich nie irgendetwas Wesentliches verändern würde. Frau Thiele dachte nach über das, was ich gesagt hatte. Sie sagte NICHT: Naja, aber das ist ja unrealistisch. Sie sagte auch nicht: Aber von Theater haben Sie doch gar keine Ahnung- oder: Sind Sie für sowas denn irgendwie qualifiziert? Und sie sagte auch nicht: Naja, überschätzen Sie sich da mal nicht ein bisschen? Sie sind hier im ersten Jahr Ihrer Ausbildung und wissen gleich, wie eine ganze Schule besser werden soll…?

Sie sagte all das NICHT – all das, was mein gesamtes Umfeld und auf jeden Fall JEDER im Schulbetrieb gesagt hätte.

Meine Mentorin Frau Thiele blieb seltsam heiter und gleichzeitig ernst und sagte:

Ja. Dann machen wir das.

Bäääm.

Und mir war sofort klar: Wir machen es tatsächlich. Es wird passieren. Sie meint es vollkommen ernst.

Ebenso der Schulleiter, der zu meiner Überraschung ebenfalls positiv reagierte und sofort einen pragmatischen Vorschlag machte:
»Was Sie da vorschlagen, klingt – ehrlich gesagt – etwas unrealistisch, Frau Plath. Aber Sie bekommen von mir eine Chance: Nächsten Freitag lasse ich die ersten zwei Unterrichtsstunden ausfallen und bitte alle Schüler*innen und alle Kollegen*innen, sich in der Aula zu versammeln. Da haben Sie dann zwei Stunden Zeit, alle von Ihrer Projekt-Idee zu überzeugen. Wenn im Anschluss an diese zwei Stunden ALLE Schüler*innen und ALLE Lehrer*innen der Schule sich in entsprechende Teilnehmer-Listen eingetragen haben, bekommen Sie von mir das ›Go‹.« Ganz offensichtlich gehörte er zu den Ermöglichern und nicht zu den Verhinderern – und er übergab mir, der unerfahrenen Referendarin, Verantwortung. Genau das verursachte bei mir natürlich im ersten Augenblick einen Anflug von Panik. Wie jetzt? Ich darf das WIRKLICH machen?? – Mir ging (na klar!) der Arsch auf Grundeis. Aber dann setzte ich mich, wie mensch so schön altmodisch sagt, auf den Hosenboden und fing an, zu planen, zu denken, zu arbeiten.

Mit Musik, Fotos und einer »flammenden Rede« gelang es mir an jenem Freitag, die Schule zu überzeugen: Alle (!) Kollegen*innen und alle (!)  Schüler*innen trugen sich in die von mir vorbereiteten Listen ein. Jede Liste stand für einen Arbeitsbereich innerhalb des Projektes: Theater, Texte schreiben, Tanz, Musik, Kostüme, Bühnenbild, Gelder-Akquise, usw. usw. Der Schulleiter blätterte anschließend die Listen durch, lächelte amüsiert und sagte: Gut, Frau Plath. Wir machen das.

Was ich damals noch nicht auf dem Schirm hatte, war: Frau Thiele erlöste mich mit dieser außergewöhnlichen Aktion von der allumfassenden Erziehung zur Opferhaltung, die in der Lehrerausbildung bis heute Gang und Gebe ist und erstaunlicherweise völlig unhinterfragt bleibt. Und sie verfrachtete mich quasi von einer Sekunde zur nächsten aus der Rolle der (nur mit Mühe) „brav folgenden“ Referendarin in eine Person, die plötzlich die Aufregung verspürte, eine eigene Idee verantworten zu müssen. Erfolg oder Scheitern – das lag jetzt in MEINER Hand. Und es gab ein greifbares Ziel. Wenn es auch ziemlich verrückt wirkte.

Ich fühlte mich plötzlich hellwach und staunte über den Unterschied in der Empfindung von Selbstwert und plötzlich aufkommender Energie.

In den folgenden Monaten erhielt ich einen Eindruck davon, was passiert, wenn die festgefahrenen Abläufe und Strukturen des schweren Tankers Schule auf den Kopf gestellt werden. Dramen spielten sich ab. Ich wurde beschimpft und der Eitelkeit bezichtigt, mir wurde Größenwahnsinn und Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Einige Kollegen*innen forderten die Schüler*innen offen auf, meine Arbeit zu boykottieren, im Lehrerzimmer erntete ich eisige Blicke. Neben den völlig begeisterten Jugendlichen (ALLE Schüler*innen der Schule hatten sich freiwillig in zahlreiche Projektlisten eingetragen und legten los, wie von der Leine gelassen) war es unter den Kollegen*innen zunächst nur eine kleine Gruppe begeisterter „Jung-Gebliebener“ plus Frau Thiele und dem unbeirrt heiter dreinschauenden Schulleiter, die sich voller Elan ans Werk machte. Es wurde geplant, geschrieben, geprobt, gebaut, gemalt, gedichtet, gebastelt, genetzwerkt – denn – auch das gehörte zum Vorhaben – das Projekt musste finanziert werden, und da galt es Sponsoren zu finden, Gelder aufzutreiben, Technik anzuschaffen, Räumlichkeiten zu mieten, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, und so weiter und so fort. Bald waren auch die meisten Eltern für die Sache gewonnen, und da meine Ausbildungsschule sich in einem kleinen Ort befand, summte schon kurz darauf die gesamte kleine Stadt wie ein geschäftiger Bienenkorb. All das ging den ewigen Skeptiker*innen extrem auf den Sack. Was bildet die sich eigentlich ein? Die ist doch völlig bekloppt. Ist noch nicht mal mit der Ausbildung fertig und denkt, dass sie hier alle nach ihrer Nase tanzen lassen kann.

So konnte mensch das sehen. Ich war halt mal wieder „hysterisch“ und „ich-bezogen“. Das kannte ich ja schon. Wenn die Häme mich manchmal doch in die Kniee zwang, baute mich Frau Thiele wieder auf: Guck dir einfach an, ob die Leute glücklich aussehen, die so über dich reden… na, also…!

Ich sollte später noch häufiger an diesen Satz zurückdenken. Der unbeirrbar gelassene Schulleiter übte in den letzten Wochen dann mehr oder weniger sanften Druck aus, um die verbleibenden „Schlecht-Gelaunten“ zu ihrem Glück zu zwingen. In den letzten vier Wochen vor der Premiere gab es niemanden mehr an der Schule, der nicht in das gemeinsame Theaterprojekt involviert war. Zweifel und Murren hin oder her.

Nach symbolischen neun Monaten wurde das „Baby“ dann geboren und in zwei Vorstellungen vor jeweils 500 Leuten zur Aufführung gebracht. Das Bemerkenswerte war aber für mich weniger das Ergebnis selbst, als die Wirkung, die der Prozess auf die beteiligten Menschen hatte. Ich habe selten so viele strahlende Gesichter auf einem Haufen gesehen. Besonders weird war die Wirkung auf das Kollegium: Am Ende lagen sich alle in den Armen, jahrelang verfestigte Animositäten lösten sich in tränenreichen Sekt-Besäufnissen auf und sogar meine härtesten Gegner*innen ließen sich dazu hinreißen, mir Glückwünsche auszusprechen und mir unbeholfen auf die Schulter zu hauen.

Den Wahnsinn der Lehrproben mit allen beschriebenen Absurditäten musste ich zwar dennoch durchstehen, stellte aber mit Staunen fest, dass ich durch die Arbeit an einer ERFÜLLENDEN und SINNVOLLEN Sache plötzlich die innere Gelassenheit und Stärke hatte, den Lehrproben-Terror ohne größere Probleme durchzustehen. Das hieß im Klartext: Dadurch, dass ich mir zwar unendlich viel MEHR Arbeit aufbürdete, als ich im Referendariat sowieso schon hatte, diese Arbeit für mich aber Sinn entfaltete, entwickelte ich überhaupt erst die Voraussetzung dafür, die Ausbildungsmaschinerie erfolgreich zu überstehen. Ich hatte das Gefühl, mir selbst und meinen Entscheidungen und Fähigkeiten wieder trauen zu können, etwas wirklich Sinnvolles leisten zu können und erlebte Selbstwirksamkeit und soziale Anerkennung. Genau das rettete mich: Es gab mir die Kraft, den Irrsinn des Referendariats zu überstehen.

Ich schrieb meine Examensarbeit über die Erfahrungen und gruppendynamischen Prozesse in diesem Projekt und beendete mein Referendariat wider Erwarten mit Erfolg – und wurde:

Lehrerin.