Anfangen

Neben den Theaterprojekten am Heimathafen leite ich auch ein Theaterprojekt von Mitspielgelegenheit zusammen mit Max an einer Schule. Jeden Dienstag verlasse ich um 8 das Haus, fahre sehr lange S-Bahn und Bus und laufe dann den Weg zur Schule im Stechschritt. Um 9.30 bin ich mit Max vor der Schule verabredet. Meistens schaffe ich es nur knapp oder 5 Minuten später.

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Replik auf »Die Stunde der Propheten«

»Die ZEIT« Nr. 36, 29. August 2013, Seite 33

Sehr geehrte Redaktion, die Lektüre Ihres Artikels »Die Stunde der Propheten« versetzt mich in Erstaunen. Über zwei Seiten hinweg verwendet der Autor große rhetorische Expertise darauf, die sogenannten »Popstars« der Schulkritik zu demontieren, allen voran Gerald Hüther. Völlig unabhängig davon, ob die Forderung nach einer »Schulrevolution« (Richard David Precht) ihre Berechtigung haben könnte oder nicht, ergeht sich der Autor in endlosen Tiraden über die Person Gerald Hüther und dessen angeblich fehlende wissenschaftliche Glaubwürdigkeit. Was ist damit bewiesen? Dass wir keine Schulrevolution benötigen? Dass an unseren Schulen schon alles großartig läuft und wir uns keine Sorgen mehr machen müssen?

Statt sich inhaltlich mit den Aussagen der »Popstars« der Bildung auseinanderzusetzen und sie in einen Bezug zu bringen zu den Realitäten an Schulen, gibt sich der Autor einer typisch deutschen (schlechten) Angewohnheit hin: Wo auch immer ein (populärer) Trend ausgemacht wird, in diesem Falle der Trend, Schulkritik zu üben, dort kann man sich die Aura des Besonderen, des Intellektuellen geben, in dem man sich GEGEN diesen Trend und seine Akteure ausspricht und damit seine geistige Überlegenheit demonstriert.

So wird ein ehemaliger wissenschaftlicher Arbeiter der Universität Göttingen natürlich augenblicklich verdächtig, wenn er dem vielleicht auf Dauer wenig erquicklichen und schlecht bezahlten Universitätsalltag den Rücken kehrt und Bestseller-Autor wird (ein Umstand, der eventuell auch Neid auslösen könnte).

Und wie leicht (und unproduktiv) ist es, sich über die Eitelkeit, die »Schönheit« oder den Kleidungsstil eines in Fernsehshows auftretenden Philosophen zu erregen – statt sich mit dem auseinander zu setzen, was er tatsächlich sagt (bzw. schreibt). Warum macht es dem intellektuellen deutschen Bildungsbürger so viel Freude, die private Seite öffentlicher Personen genüsslich auseinander zu nehmen, statt sich ernsthaft mit den von ihnen geäußerten Inhalten auseinander zu setzen?

Mich interessiert es wenig, ob Gerald Hüther ein ordentlicher Professor ist oder ob seine Zentralstelle für neurobiologische Forschung nur ein Zimmerchen an der Uni ist. Unverständlich hämisch wirken die aneinandergereihten verbalen Attacken gegen die Person Gerald Hüther. Welches Motiv treibt hier den Autor an? Welchen Sinn haben seine Ausführungen bezüglich des Themas, um das es eigentlich gehen sollte?

Mich interessiert an Gerald Hüther viel mehr, dass er den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit auf die »inneren Potenziale« der Jugendlichen richtet und damit eine sinnvolle und nach wie vor dringend notwendige Debatte über den derzeitigen Zustand unserer Bildungsinstitutionen anregt.

Als ehemalige Lehrerin mit 17 Jahren Berufserfahrung im Schuldienst verstehe ich von beidem etwas: sowohl von den inneren Potenzialen der Jugendlichen als auch von der Unfähigkeit unserer bestehenden Schulen, diese (verschütteten) Potenziale ausreichend zu erkennen und zu fördern: In den vergangenen zehn Jahren habe ich an einer Hauptschule in Berlin Neukölln, (die sich seit der Schulstruktur-Reform »Sekundarschule« nennt), erleben dürfen, dass sogenannte »bildungsferne« Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund immer wieder zur Hochform auflaufen, intelligent, witzig und kreativ werden, sobald man ihnen Unterricht anbietet, der ihre individuellen, inneren Potenziale anspricht und zutage fördert.

Solche offenen Formen des Unterrichts haben aber innerhalb unseres Schulsystems noch immer keinen ausreichenden, offiziellen Platz und müssen ständig entgegen der Vorgaben und gegen viel Widerstand durchgesetzt werden, insbesondere dort, wo sie die deutlich positivsten Wirkungen zeigen – nämlich dort, wo die »verhaltensoriginellen« und bildungsfernen Jugendlichen sind. Es handelt sich in meinem Beispiel um eine besondere Form des partizipativen Theaterunterrichts, bei dem sich die Schüler_innen fächerübergreifend mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen und sowohl sprachlich als auch künstlerisch ihre eigenen Theaterstücke entwickeln.

Pubertierende Jungen beispielsweise, die im Deutschunterricht keine drei Sätze zu Papier bringen und wenn, dann mit unzähligen Rechtschreibfehlern, schreiben während dieser Theaterprojekte seitenweise (!) eigene Texte, und diese nach einiger Zeit nahezu fehlerfrei – um nur eine von zahlreichen positiven Veränderungen bei den Jugendlichen zu nennen.

Dennoch besteht der Haupt-Teil ihres Unterrichtsalltags weiterhin im Absitzen verschiedener Fachunterrichtsstunden, in denen sie sich nicht nur nicht angesprochen sondern vor allem ununterbrochen gedemütigt fühlen. Die Diskrepanz zwischen ihren vielfältigen Potenzialen, ihrer rasanten, sogar sichtbaren Persönlichkeitsentwicklung während des Theaterunterrichts auf der einen Seite und ihrem apathischen, frustrierten Dasein im regulären Unterricht auf der anderen Seite ist für mich so frappierend, dass ich mir weitere »Popstars« der Bildung wünsche, die nicht müde werden, öffentlich eine Bildungsrevolution im Sinne von Richard David Precht zu fordern (wie in »Anna, die Schule und der liebe Gott« sehr richtig beschrieben).

Ich bin immer sehr gerne Lehrerin gewesen und bin es noch – wenn auch inzwischen außerhalb der staatlichen Institutionen. Bildung ist für mich bis heute eines der wichtigsten und spannendsten Themen unserer Zeit. Meine konkreten Erfahrungen mit Jugendlichen an verschiedensten Schulen – aber auch im Austausch mit Lehrkräften nahezu aller Bundesländer im Kontext meiner Fortbildungstätigkeit – haben zusammen mit der Lektüre verschiedenster pädagogischer Literatur dazu geführt, dass ich unter anderem die Gedanken von Gerald Hüther, Richard David Precht und Jesper Juul für absolut richtig und notwendig halte.

Sehr vieles davon würde unsere Schulen nachhaltig bereichern und zukunftsfähiger machen. Wir sind innerhalb der Bildung an einem Punkt angelangt, an dem jeder wachsame Mensch, der eine Schule besucht, auf den ersten Blick sehen kann, dass sich die herkömmliche Schulstruktur in einem eklatanten Widerspruch zur gesellschaftlichen Entwicklung und den daraus erwachsenen Ansprüchen an die Jugendlichen – die Erwachsenen von morgen – befindet. Der Verweis auf all das, was an Schulen schon verbessert wurde, entbindet uns keineswegs der Verantwortung, noch viel mehr zu tun.

Auf die deutlich sichtbaren, konkret anstehenden Herausforderungen unseres Bildungssystems mit Zynismus, Häme oder mit Gleichgültigkeit zu reagieren, erfüllt mich – ehrlich gesagt – mit Entsetzen. Die konkrete Realität der Jugendlichen an Schulen direkt vor Augen, ist es mir ein Rätsel, warum polemisierende und beschwichtigende Aussagen über unser Schulsystem noch immer eine so breite Mehrheit finden.

Ganz offensichtlich schläft Deutschland weiterhin einen tiefen Dornröschenschlaf, was die Potenziale unserer Jugendlichen angeht:

»Statistisch werden derzeit 15-20 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland durch das Bildungsangebot unserer Schulen nicht mehr erreicht und sind laut aktuellem nationalem Bildungsbericht »nicht ausbildungsfähig«. Diese Gruppe an Jugendlichen wird zukünftig unsere Sozialkassen belasten. Diese Jugendlichen werden als qualifizierte Arbeitskräfte signifikant fehlen. Doch noch viel schlimmer: »Diese Menschen stehen dauerhaft am Rand der Gesellschaft, sie können kaum an ihr teilhaben – weder finanziell noch sozial. (…) Unbildung ist nicht nur ein Problem der Ungebildeten. Was schlechte Bildung persönlich, gesellschaftlich und volkswirtschaftlich anrichtet, gefährdet das Überleben unserer Gesellschaft als Ganzes. (…) Der oft beklagte bröckelnde gesellschaftliche Zusammenhalt steht in einem Zusammenhang mit der Chancenungerechtigkeit unseres Bildungssystems.«

(»Dichter, Denker, Schulversager – Gute Schulen sind machbar – Wege aus der Bildungskrise«, Jörg Dräger, Klaus von Dohnanyi, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011, S. 24)

Ich bin weder eine Wissenschaftlerin noch ein »Popstar« der Schulkritik, aber ich weiß aus zehn Jahren Schulalltag in Neukölln, dass wir ein riesiges und vor allem völlig unnötiges (!) gesellschaftspolitisches Problem haben, das noch immer nicht ausreichend im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen ist. Dabei könnte man es lösen, wenn man bereit wäre, unser bestehendes System in Frage zu stellen und dort hin zu schauen, wo es »schmerzt«.

Dies wird aber immer wieder erfolgreich verhindert durch Menschen wie Herrn Spiewak, die ganz offensichtlich einen größeren persönlichen Gewinn darin sehen, sich zynisch und wortgewandt über erfolgreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu echauffieren, als tatsächlich ein paar Tage mit Mehmet, Selcuk und Samira in ihrem Klassenraum in Neukölln (oder anderswo) zu verbringen und sich für deren Sicht auf das Thema Bildung zu interessieren. Das könnte uns nämlich tatsächlich die Augen öffnen.

Ich selbst habe nach fast zehnjährigem, vergeblichen Kampf für eine Veränderung der institutionellen Rahmenbedingungen von Schule inzwischen meine Lebenszeit-Verbeamtung aufgegeben und den Schuldienst verlassen, um außerhalb des Schulsystems produktiver an einer »Bildungsrevolution« mitzuarbeiten. Denn ich denke, dass wir eine solche dringend brauchen. Für diese Erkenntnis benötigen wir gar keine Wörter wie »präfrontaler Kortex«, sondern einfach nur einen Schultag mit Chantal und Fuad.

Mit den sogenannten »bildungsfernen« Jugendlichen arbeite ich übrigens auch weiterhin (in Theaterprojekten) täglich zusammen – denn sie sind tatsächlich Anlass zur Hoffnung und zu begründetem Optimismus, sobald man sie aus unseren erstarrten Schulstrukturen befreit. Zynismus ist hier völlig fehl am Platze: Die Jugendlichen sind es, die mir in der ausweglos erscheinenden Unbeweglichkeit unseres Schulsystems immer wieder neue Kraft gegeben haben, obwohl sie jeden Grund hätten, am guten Willen unserer Institutionen zu zweifeln.

Ihnen zu einer Stimme innerhalb unserer Gesellschaft zu verhelfen, sollte eigentliches Ziel all unserer medialen Debatten und Auseinandersetzungen zum Thema Bildung sein. Ob dabei jemand ein ordentlicher Professor ist oder »nur« ein ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter, ob er medienwirksamer Philosoph, Bestsellerautor oder engagierter Sozialpädagoge an einer Brennpunktschule ist, ist dabei vollkommen irrelevant.

Maike Plath

Die Geschichte von Nihat

Nihat (13 Jahre) kommt im November zu uns. Ein Kollege sagt: Der sitzt doch längst im Hauptschulkarussell. (Womit gemeint ist, dass Nihats »Überlebenszeit« an einer Schule als nicht sehr dauerhaft eingeschätzt wird und er in kürzester Zeit von einer Schule zur nächsten weiter gereicht wird.)

Nihat ist ein Feuerwerk an guter Laune und Originalität. Zwar grenzen die Stunden mit ihm und der ganzen Klasse in der Aula oft an ein Überlebenstraining für alle Beteiligten, aber seine Einfälle sind trotz allem so komisch, dass ich immer wieder hin und her schwanke zwischen Ärger und Bewunderung für das unfassbar kreative Chaos, das er anrichtet. Die Geschichte von Nihat weiterlesen