Türwächter*innen der Freiheit – Drittes Kapitel

Realitätsschock

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig. (Alle Kapitel gibt es auch in der Hörfassung auf meinem Podcast: Auf meiner Seite bei „Maikes Podcast“).

Berlin Neukölln 2004. An meinem ersten Schultag in Neukölln sind noch keine Schüler*innen da. Nur das Kollegium. Es ist der Freitag vor Schulbeginn nach den Sommerferien 2004. Ich stehe in einem Lehrerzimmer, das mich sprachlos macht. Alles ist wahnsinnig eng und voll gerümpelt. Auf den Schränken stapelt sich verstaubtes, offensichtlich längst vergessenes Zeugs: Schulbücher, zusammengerollte Plakate, Kisten, Aktenordner… Alles zugedeckt unter einer feinen, grauen Staubschicht – diese Sachen hat seit Jahren niemand mehr angefasst. Auf den Fensterbänken vertrocknete Pflanzen, die schon bessere Tage gesehen haben, kleine Töpfchen mit grauem Gestrüpp. In der Ecke röchelt eine alte Kaffeemaschine, daneben eine Spüle voller dreckiger Kaffeetassen, mindestens 20 verschiedene Becher und Tassen mit braunen Flecken und Rändern, zu kippelnden Türmen gestapelt. An der Lehrerzimmertür – innen – eine gelbliche Liste mit Schülernamen und Terminen für Klassenkonferenzen – aus dem letzten Schuljahr. Der kleine Raum ist vollgestellt mit grauen Tischen und grauen Stühlen, die Tische sind ebenfalls komplett vollgerümpelt und jeder Stuhl besetzt. Ich stehe neben der Tür und überlege, wo ich mich hinsetzen soll. Als ich endlich einen freien Platz ausmache und zögernd darauf zusteuere, um meine Tasche dort abzulegen, vertritt mir ein älterer Kollege den Weg. 

Da sitzt Frau Schmidt.

Oh, ach so. 

Ich ziehe mich zur Tür zurück. Stehe da so rum. Schaue in die Runde. Alle scheinen sehr beschäftigt zu sein – und angespannt. Allgemeines hektisches Gemurmel. Ich frage mich, wo man eine rauchen kann und verlasse langsam und möglichst unsichtbar diesen Ort des Grauens. Draußen vor der Lehrerzimmertür studiere ich den Schaukasten. Da hängen Listen von den Bundesjugendspielen 2003 und ein paar Urkunden für die Fußballmannschaft. Ich mache mich auf die Suche nach dem Raucherzimmer. Unterwegs ein Toilettensymbol an der Tür. Vielleicht gehe ich erstmal kurz aufs Klo. Geht nicht. Die Tür ist abgeschlossen. Ich stehe ratlos auf dem Schulflur. 

Bist du neu hier? 

Eine jüngere Kollegin steht vor mir.

Ja, ich…

Hallo. Ich bin „die Sozialpädagogin“, sie grinst, als wäre das ein Witz. 

Und du fängst hier jetzt zum Sommer an? fragt sie.

Ja. Ich bin Maike. 

Aus Berlin?

Nee, aus Schleswig-Holstein. 

Oh. Und ist das deine erste Stelle hier?

Nein, ich bin schon 8 Jahre im Schuldienst.

Echt? Na, dann wird dich hier ja so schnell nichts erschüttern. Sie lacht und ich spüre eine kleine Anwandlung von Wärme. Ich bin froh, dass ich offenbar einen normalen Menschen in diesem Gebäude entdeckt habe. Einen Menschen, der mich anguckt und normal mit mir spricht. 

Sie: Wollen wir eine rauchen? 

Ich frage mich, ob sie Gedanken lesen kann und sage erleichtert: Ja, super.

Wir gehen schweigend nebeneinander den dunklen Schulflur entlang. Die Tusche-Bilder an den Wänden sehen so aus wie in meiner damaligen Grundschule in den 70-er Jahren in Glücksburg am Kegelberg. 

Die Toiletten sind noch abgeschlossen, höre ich mich zu meiner eigenen Überraschung sagen.

Die sind IMMER abgeschlossen, ich heiße übrigens Lena, sagt meine Begleiterin und schließt mit einem unverhältnismäßig großen, klirrenden Schlüsselbund eine Tür auf. 

Wie im Knast, denke ich. 

Wir betreten einen Raum, der so aussieht, als wäre er in einem hundertjährigen Dornröschen-Schlaf. Schrankwände voller alter Aktenordner und Schulbücher, Sprachbücher, Mathebücher, Englischbücher, abgewetzte Stapel von „Rokal, der Steinzeitjäger“, einer Lektüre, die ich noch aus meiner eigenen Schulzeit kenne. Ein paar – im Kontrast dazu – seltsam modern wirkende schneeweiße Whiteboards, gestapelt an der Wand und irgendwie unberührt, eingeschweißt in Plastikfolie. Hinten eine Sofaecke, die mich an unseren damaligen SV Raum erinnert, noch zu meinen Schulzeiten – wo die Oberstufen-Ökos immer saßen, heiße Milch mit Honig tranken und über Afghanistan diskutierten – in den 80-ern. 

Lena lässt sich auf das grüne, abgeranzte Sofa fallen. 

So. Sagt sie mit einem zufriedenem Lächeln und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen. 

Sie schaut auf. Auch eine?

Nee, ich hab selber, danke. Ich setze mich auf einen alten Sessel, der bei jeder kleinen Bewegung knarzende Geräusche macht.

Und? Warum bist du jetzt in Berlin? 

Private Gründe. 

Ich mache eine Pause und habe das Gefühl, das klingt irgendwie abweisend. Also füge ich hinzu: Ich wollte noch mal einen anderen Eindruck von Schule kriegen… und Berlin ist ja schon ne spannende Stadt… (Ich komme mir vor wie eine Landpomeranze. – Bin ich ja auch.)

Lena lacht schallend. Ok, mutig, Alter! – Also bist du freiwillig hier? Also ich meine – an dieser Schule?

Ich zünde meine Zigarette an, nehme einen Zug und sehe sie zum ersten Mal direkt an. 

Freiwillig? Ja, klar. Oder was meinst du…?

Naja, hier geht ja keiner freiwillig hin. Hauptschule Neukölln halt. Ist sozusagen der Vorhof zur Hölle. 

Ich atme etwas zu laut aus. 

Boah. Das ist doch voll das Klischee. Böses Neukölln, Kriminalität, Räuberpistolen… Also ich denke, das wird in den Medien auch immer übertrieben dargestellt, oder?

Lena wirft mir einen seltsam ironischen Blick zu. Ich finde, ein bisschen überheblich. Ich fühle mich blöd. Was will sie überhaupt? Sich wichtigmachen? Mir Angst machen? Ich lächle sie an, puste Rauch in die Luft und hoffe, dass ich nicht ganz so provinziell wirke. 

Naja. Sagt sie. Ehrlich gesagt… Ehrlich gesagt ist es schon krass, also… schwierig… Ich will dir jetzt nicht die Motivation nehmen – aber es ist schon…. heftig.

Ich merke, wie ich innerlich trotzig werde. 

Was meinst du denn? Sage ich etwas zu laut.

Sie zögert. Dann wirft sie mir einen kurzen Blick zu, zuckt mit den Schultern. Egal, sagt sie, vielleicht findest du es ja wirklich nicht so schlimm. Es hat auch alles Vorteile hier. Man kann machen, was man will. Hauptsache, es dringt nix nach draußen…

Das finde ich interessant. Diese Aussage habe ich fast wortwörtlich von der Neuköllner Schulrätin beim Einstellungs-Gespräch gehört. An einem der letzten Sommerferientage sitze ich in der Boddinstraße in Neukölln bei der zuständigen Schulrätin. Sie erzählt fröhlich von ihrer anstehenden Pensionierung und dass „sie noch einiges auf den Weg bringen möchte“. Offenbar möchte sie auch mich auf den Weg bringen, denn ich habe noch keine Stelle. 

In Schleswig-Holstein hatte ich gekündigt und meine Verbeamtung aufgegeben, weil ich keine Lust hatte auf das offizielle Verfahren, bei dem mein Wechsel in ein anderes Bundesland eventuell Jahre gedauert hätte. Ich hatte mich entschieden nach Berlin zu gehen – und zwar jetzt. Nicht in ein paar Jahren. Ich war mit meinem ganzen Krempel nach Berlin gezogen, hatte mich vorher persönlich an einer Reihe von Schulen beworben und gehofft, dass es irgendwie klappen würde. Im Verlaufe der Sommerferien musste ich feststellen, dass es offenbar nicht „irgendwie klappen“ würde. In Berlin war 2004 von einem Einstellungsstopp die Rede und ich fing an zu zweifeln, ob meine spontane Entscheidung richtig gewesen war. Neben der Wohnung in der Rosenthaler Straße, in die ich mit meinem Freund gezogen war, hing ein Schild im Laden eines Schuhgeschäfts: Verkäuferin gesucht. Ich ertappte mich hin und wieder bei dem Gedanken, dass ich mich vielleicht dort mal melden sollte…

Jetzt aber saß ich also im Büro der Schulrätin und hoffte, dass sich noch etwas ergeben würde. 

Frau Behrens wirkte auf mich wie eine typisch schnoddrige Berlinerin, die die Dinge beim Namen nennt. 

Sie: Ja, Frau Plath, ich hätte hier ne Stelle für Sie. Sie können gleich nächsten Montag anfangen, wenn Sie wollen.

Ich: Das ist ja toll.

Sie: Naja, das müssen Sie entscheiden. Ich hab hier nur was an ner Hauptschule, und da wollen ja viele nicht hin. Aber ich sehe hier in Ihren Akten, dass Sie ja in Schleswig-Holstein ne Menge bewegt haben und eine engagierte Lehrerin sind. Dann werden Sie es auch an einer Hauptschule schaffen, da bin ich mir sicher. Vor allem haben Sie ja die Fachqualifikation für Darstellendes Spiel und offenbar viel Erfahrung mit dem Theater. Das ist doch großartig. 

Ich: Gibt es an der Hauptschule denn überhaupt offiziellen Theaterunterricht? Ich dachte, das gibt es nur in der gymnasialen Oberstufe.

Sie: Da haben Sie recht. Das gibt es an der Hauptschule nicht. Aber ich bin jetzt mal ganz offen mit Ihnen: Das interessiert hier sowieso niemanden. An den Hauptschulen ist Untergang. Ende Gelände. Da können Sie machen, was Sie wollen. Da redet Ihnen keiner rein. Hauptsache, der Deckel bleibt drauf. 

Ich: Und was heißt das genau?

Sie: Das heißt, dass an den Hauptschulen hier sowieso kein normaler Unterricht mehr möglich ist. Wenn Sie da mit dem Theater kommen – und das irgendwie hinkriegen – dann sind alle froh. Was offiziell unterrichtet wird, ist völlig egal – Hauptsache, das läuft irgendwie ohne Drama ab. Minimalanforderung ist, dass die Polizei nicht kommt. 

Aha. Ich muss lachen. 

Sie: Ja, da lachen Sie jetzt. Aber ich verrate Ihnen mal was: Ich kriege hier reihenweise Suiziddrohungen von Lehrkräften, die da unterrichten sollen. Ich kann meine Stellen hier nicht besetzen, weil die dann mit dem Anwalt kommen. Da freu ich mich doch über eine Person wie Sie. Sie haben Ihre Verbeamtung aufgegeben, um herzukommen. Da steckt ja ordentlich Wums dahinter, das brauchen diese Kinder an der Hauptschule. Und ich bin mir sicher, Sie sind da richtig. Wenn Sie schlau sind, können Sie da richtig was draus machen. 

Sie zwinkert mir aus ihren tiefblau geschminkten Augen verschwörerisch zu. 

Ich: Ja, ich weiß nicht… Mit Hauptschülern habe ich keine Erfahrung. Und ich komme ziemlich aus der Provinz, also vielleicht…

Sie: Ach, das ist doch alles Quatsch. Sie sind ne patente Person. Sowas kann ich riechen. Ich sitz hier schon ne Weile, glauben Sie mir, ich habe Erfahrung. Sie werden mir noch danken, dass ich Sie dahin geschickt habe. Und wenn Sie Probleme kriegen: Sie können sich jederzeit bei mir melden. Ich werde die Hand über Sie halten, da können Sie sich drauf verlassen….

Frau Behrens hielt ihr Versprechen. Sie „hielt ihre Hand über mich“ – allerdings nur drei Jahre. Dann wurde sie pensioniert. Und nach dem „das alte Schlachtschiff mit den blau geschminkten Augen“ nicht mehr in der Boddinstraße saß, brachen andere Zeiten an. Ganz andere Zeiten.

Lena drückt ihre Zigarette aus und seufzt. 

Na, dann wolln wir mal, sagt sie, lächelt halb aufmunternd, halb mitfühlend und wir machen uns auf den Weg zurück ins Lehrerzimmer. 

Mit ihr an der Seite ist es etwas einfacher und ich stehe nicht mehr ganz so verlassen im Türrahmen – wie bestellt und nicht abgeholt. Aber an der Tür stehe ich trotzdem noch eine ganze Weile, bis Lena einige Kolleginnen überredet hat, mir einen Platz zu frei zu machen. Etwas umständlich und begleitet von leicht genervtem Gemurmel werden einige Stühle gerückt und Taschen und Ordner beiseitegeschoben. Ich bekomme einen Platz, obwohl „der nur vorläufig ist“, erklärt mir ein älterer Kollege in grimmigem Ton: Da sitzt eigentlich Frau Wehmeier – aber die ist langzeit-krankgemeldet. Wer weiß, ob die überhaupt wiederkommt. Aber wenn, dann müssen Sie da wieder weg.

Aha. Ich frage mich, ob sich hier alle siezen – oder ob das Ironie ist. So eine Art Theaterstück, dass die hier für mich aufführen. So wirkt es jedenfalls. 

In den ersten Tagen fahre ich von Berlin Mitte aus mit dem Fahrrad zur Schule. Es ist ein weiter Weg, aber ich habe den Ehrgeiz, die Stadt kennen zu lernen und freue mich tatsächlich darüber, dass es sich anfühlt, als würde man durch einen Spielfilm fahren. Alexanderplatz, Fernsehturm, Haus des Lehrers, Moritzplatz, Kreuzberg, Kottbusser Tor, Hermannplatz – alles Orte, die ich gefühlt schon kenne. Aus „Film und Fernsehen“, sagt man ja so schön. Super. Und hier wohne ich jetzt also. Mitten in einer Touri-Postkarte. 

Am vierten Tag regnet es in Strömen und ich trage mein Fahrrad runter in die U-Bahn. Ich ziehe ein Ticket und sitze mit meinem Fahrrad in der U8. Fahrscheinkontrolle. Ein Typ steht vor mir. Ausdrucksloses Gesicht. Ich fingere meinen Fahrschein aus dem Portemonnaie. Er starrt ungerührt darauf. Wartet. 

Ja, dit Fahrrad?

Wie bitte? Mein Fahrrad?

Ja, dit is Ihr Fahrrad, nehm ick ma an.

Ja…

Ja, und wo is der Fahrschein?

Sie haben den doch in der Hand.

Nee, dit is für Sie. Ick brooch den Fahrschein für dit Fahrrad.

Oh, das wusste ich nicht, ich habe gedacht….

Er unterbricht mit Automatenstimme: 40 Euro. Und fängt an, etwas in sein Gerät zu tippen. 

Ich bin fassungslos.

Aber woher soll ich wissen, dass ich auch noch…

40 Euro.

Entschuldigen Sie mal, ich bin erst seit ein paar Wochen hier, woher soll ich wissen…

40 Euro. Er scheint sprachlich bei diesen 40 Euro eingerastet zu sein in einer Art Dauer-Loop.

Er tippt mit ausdrucksloser Miene in sein Gerät. 

Dann endlich ein neuer Satz:

Dann komm Se mal mit raus hier. 

Wir sind am Kottbusser Tor. Ich stehe auf und schiebe mein Fahrrad hinter ihm aus der Bahn. Die Türen schließen. Ich stehe vor diesem bewegungslosen Kontrolleursgesicht, die U8 rattert ohne mich weiter nach Neukölln und ich versuche erneut, zu erklären, wie ich das Ganze sehe. Aber der Automaten-Typ bleibt ungerührt. 40 Euro. Mehr kann er offenbar nicht an Kommunikation. Da ich nur 10 Euro dabeihabe, braucht er jetzt meinen Personalausweis. Ich übe mich in einer buddistischen Grundhaltung und denke: Dit is Berlin, wa? 

Wenig später sitze ich in der nächsten U8 und studiere den Wisch, den ich bekommen habe. Innerhalb von 7 Tagen kann ich bei der BVG Dienststelle am Kleistpark Widerspruch einlegen bzw. nachweisen, dass ich doch ein Ticket hatte. Da ich – fürs Fahrrad – keins hatte, wird es wohl bei den 40 Euro bleiben. Scheiße. Egal. Lehrgeld.

Außerdem sind meine Gedanken ohnehin woanders. Ich habe heute meinen ersten eigenen Unterricht. Da der Stundenplan noch nicht fertig ist, hatten die Schüler*innen die ersten Tage Klassenlehrer-Unterricht. Ich habe keine Klasse. Daher saß ich bisher erstmal nur so rum, auf „meinem“ Platz im Lehrerzimmer neben der röchelnden Kaffeemaschine, und versuchte zu begreifen, wo ich gelandet war. Heute aber ist es soweit. Eine 8. Klasse. Musik. Laut vorläufigem Stundenplan habe ich alle vier 8. Klassen in Musik. Naiv wie ich bin, freue ich mich anfangs noch darüber und denke: Wie nett, dass sie mich gleich da einsetzen, wo meine Stärken sind. Theater gibt’s ja nicht, aber in Musik darf ich bestimmt Theater machen… so, wie an meiner Vorgänger-Schule… 

Als ich mit meiner Tasche die Stufen zum ersten Stock hochsteige, höre ich das Gegröle schon von weitem. Ich frage mich auch in einer Anwandlung von Geistesblitz, wie ich Musikunterricht in einem Klassenraum geben soll – ohne Instrumente, ohne Musikanlage, ohne irgendwas. 

Wir haben keinen Musikraum mehr, hier will sowieso seit Jahren keiner mehr Musik unterrichten. Aber Ihnen wird schon was einfallen, hieß es. 

Na dann.

Ich betrete den Klassenraum. Ohrenbetäubender Lärm. Ich gehe zum Pult. Stelle meine Tasche auf den Tisch. Warte erstmal ab. Das hat „man“ ja so gelernt. Warten, bis es von selbst leise wird. Aber: Nichts wird von selbst leise. Im Gegenteil. Es wird immer lauter. Ob ich jetzt hier stehe, oder in China fällt der sagenhafte Sack Reis um… schon klar… Ich probiere, streng und selbstbewusst geradeaus zu gucken. 

Ey du Hurensohn, isch ficke diese Schule, wallah! Jemand kracht mit seinem Stuhl zu Boden, Gelächter, Stifte fliegen durch den Raum, mehrere Jungs springen wortwörtlich über Tisch und Bänke, kleine Verfolgungsjagd. Die Mädchen sitzen hinten in einer Traube auf den Tischen, eine lackiert ihre Fingernägel, zwei andere tippen in ihre Handys, zeigen sich kitschige, knallbunte Hochzeits-Fotos in großen Briefumschlägen, ey, voll schööön, schüüüüsch… Ey zeig mal – hast du Fotos von Libanon, sieht voll schön aus, wallah.

Es ist völlig uninteressant, dass ich hier bin. Ich könnte genauso gut wieder gehen. Ich stehe da vorne und warte. Auf was eigentlich? Nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wahrheit wahrscheinlich 10 Minuten sind, beschließe ich die Kontaktaufnahme. 

Da meine Kommunikationsmöglichkeiten vom Pult aus offenbar begrenzt sind, bewege ich mich hinein in das Gewusel, gehe langsam von Tisch zu Tisch, nehme Blickkontakt zu einzelnen auf. Einige schauen sofort weg, andere starren mich herausfordernd an, als müsste irgendwas ausgefochten werden, wieder andere lächeln vorsichtig und wenden sich dann schnell ab. Plötzlich ruft jemand von ganz hinten: Wie heißen Sie? Ich rufe zurück: Frau Plath. Daraufhin wenden sich einige Jungs, die hinten mit einer Rangelei beschäftigt waren, mir zu und grinsen. „Können Sie mal kommen, Frau Plath?“ Ich nicke lächelnd und gehe auf die kleine Gruppe zu. Kaum dort angekommen, bombadieren mich die Jungs mit Fragen: Wie alt sind Sie? Sind Sie jetzt unsere neue Musiklehrerin? Haben Sie einen Freund? Wo wohnen Sie? Dürfen wir Musik hören? … Ich versuche, so gut es geht, dem Ansturm an Fragen gerecht zu werden. Als ich gerade ansetze, um sie nach ihrer Musik zu befragen, schreit vorne am Pult jemand „Frau Plath!“ Ich drehe mich um. Irgendetwas ist anders. Nicht gut. Ich gehe zögernd ein paar Schritte in Richtung Pult. Dann sehe ich es: Meine Tasche liegt – offenbar ausgeräumt – am Boden. Mir wird heiß im Gesicht und mein Puls geht schneller. Ich hebe die Tasche auf – sie ist tatsächlich leer. Fragend schaue ich in den Raum, niemand schaut mich an, alle sind wieder mit ihren Privatangelegenheiten beschäftigt. Als wäre ich nie hier gewesen. Ein extrem hübscher Junge mit riesigen dunklen Augen starrt mich eiskalt und völlig ungerührt an. Mir fällt das Wort grausam ein. Da er der einzige ist, der mich anschaut, frage ich mit einer Stimme, die mir selbst schon zu piepsig vorkommt: Weißt du, wo meine Sachen sind…? Da springt der Junge unvermittelt auf, so dass sein Stuhl nach hinten kracht, ich stoße mich vor Schreck hinter mir an der Tafel, irgendwas fällt mit Riesen-Geschepper hinter mir auf den Boden, (später sehe ich: Ein riesiges Plastik-Geodreieck), der Junge steht mit hochgerecktem Kopf und ausgestrecktem Arm Millimeter vor meinem Gesicht und brüllt mich an: Ey WOSSSSSS?!?! Was hab isch mit deiner VERFICKTEN Tasche zu tun, du Opferlehrerin, du! Krieg isch jetzt Klassenkonferenz oder was, EY DU HUUURE, verpiss disch ma, ey wallah, Alter, wie sie aussieht!! – Ja, guck ma nisch so hässlisch!! 

Ich merke, dass meine Arme plötzlich vorne sind und den Jungen abzuwehren versuchen, der mich ununterbrochen weiter anschreit. Meine Hand kommt irgendwie mit seinem Arm in Berührung, ich weiß gar nicht wie, da schubst er mich mit voller Wucht nach hinten. 

Ey FASS misch nisch an, du Opfer!! 

Ich knalle an die Tafel, der Junge wendet sich abrupt ab, schmeißt einen Stuhl, der ihm im Weg steht, gegen die Wand und stürmt aus dem Raum. Ich rappel mich hoch, versuche irgendwie gefasst auszusehen, schaue in die Gesichter vor mir – und merke, wie alle Energie aus meinen Gliedern weicht. Ich blicke in seltsam kalte, zufriedene Augen… Stille. Plötzlich schauen mich alle an. Und es ist so, als hätte jemand auf „Pause“ gedrückt. Aber keine gute Pause. Still und zufrieden und kalt starren sie mich an. Sie genießen es, denke ich. Da ist kein Lächeln mehr, kein Mitleid, nein – sie GENIEßEN diesen Moment, sie FREUEN sich, dass ich hilflos bin. Mir wird flau im Magen, ich friere, mein Herz rast. Ich muss hier raus, denke ich, nehme meine Tasche und finde irgendwie den Weg zur Tür. Als ich draußen auf dem Schulflur stehe, höre ich ihr brüllendes Gelächter… Irgendwie finde ich den Weg zum Klo. Abgeschlossen. Ach ja. Unter Tränen versuche ich meinen Schlüssel zu finden, aber den haben sie mir wahrscheinlich auch geklaut, ach nee, er ist in meiner Hosentasche, Gottseidank, ich fummel mit zitternden Händen am Schlüsselbund herum, endlich geht die Tür auf, ich stürze in eine Kabine, lasse mich auf den Klodeckel fallen – und heule. 

Erster Tag…denke ich.