Türwächter*innen der Freiheit – Fünftes Kapitel

Knietief durch die Scheiße Teil 2 – Das Lehrerzimmer

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

(Alle Kapitel auch zum Anhören auf „Maikes Podcast“ hier auf der Seite in der linken Leiste).

Das Seltsame ist: Im Lehrerzimmer scheint niemand diese Probleme zu kennen. Alle schimpfen zwar über “dieses allerletzte Pack” und diese “Vollpfosten” usw., aber als ich von meiner totalen Überforderung berichte und um Rat frage, scheinen alle mitleidig überrascht von meiner Inkompetenz zu sein. Tja also sowas trauen die sich bei MIR nicht… das kommt in MEINEM Klassenraum nicht vor, das sollten die sich mal trauen, da mach ich sofort kurzen Prozess mit denen… die wissen bei mir ganz genau, wo der Hase längs läuft… 

Ja und wo läuft der Hase längs? Das kann mir offenbar keiner erklären. 

Das musste schon selber rausfinden, Mädel, sagt der Klassenlehrer der 8b, ein etwa 60-jähriger Kollege mit grimmiger Visage und Holzfällerhemd, während er breitbeinig vor mir sitzt, laut schmatzend einen Apfel isst und sich am Sack kratzt. Ein anderer Kollege wendet sich mir mit etwas freundlicherer Miene zu und fragt: Weeßte, was de machen musst, Mädel? Ich überlege kurz, ob ich diesen Kollegen hier noch mal erklären sollte, wie ich heiße und dass ich mit 33 Jahren eigentlich nicht wirklich als “Mädel” bezeichnet werden möchte, aber da der Typ vor mir offenbar gerade sowas wie Entgegenkommen zeigt, verzichte ich auf meine Bemerkung und frage nur: Nee, weiß ich nicht… was denn? Der Typ beugt sich vor, scheinbar erfreut, dass er jetzt sein persönliches Geheimrezept zum Besten geben darf und zieht bedeutungsvoll die Augenbrauen nach oben: Also du gehst den Flur entlang bis du vor deinem Klassenraum stehst. Dann machste die Tür weit auf, dann wirfste ne Bombe in den Sauhaufen rein und machst ganz schnell die Tür von außen wieder zu!

Ich starre den Typen entgeistert an, während nun beide, auch der Sack-Kratzer, in röhrendes Gelächter verfallen und sich gegenseitig High Five geben. Meine Anwesenheit haben sie völlig vergessen, sie scheinen sich prächtig zu amüsieren, ach wat ham wa jelacht…., ich diene nur als Staffage und Anlass für diese WAHNSINNS-KOMISCHE Schenkel-Klopfer-Pointe… Ach so. 

Auch ansonsten fühle ich mich im Lehrerzimmer wie ein Alien. Jeglicher Kontaktversuch von meiner Seite, jeglicher Versuch von Heiterkeit oder Wärme wird argwöhnisch als das Gegenteil ausgelegt. 

Kein Mensch scheint hier Spaß zu haben und sobald doch jemand wagt, einen Hauch von guter Laune zu verbreiten, wird das zynisch kommentiert oder mitleidig belächelt. „Das Lachen wird dir hier schon noch vergehen“, raunzt mich ein Kollege im Vorbeigehen an, und ich lasse erschrocken meine Gesichtszüge runter sacken. Hatte gar nicht gemerkt, dass ich gelacht (?), gelächelt (?) hatte. 

Bereits in den ersten Tagen kämpfe ich gegen massive Fluchtgedanken. Ich komme mir im Lehrerzimmer vor wie auf einer psychiatrischen Station voller schwerst-gestörter Patienten, von denen alle krampfhaft so tun, als sei „alles normal“. Außer mir scheint sich niemand zu wundern. 

Das Lehrerzimmer ist eine große, seelenlose Rumpelkammer, in der alle zuvor da gewesenen Kollegen ihren Krempel zurück gelassen haben – als wären sie bei der ersten Gelegenheit Hals über Kopf geflüchtet – und wie nach einem apokalyptischen Ereignis sind überall diese undefinierten herrenlosen „vergessenen Gegenstände” übrig geblieben – in diesem Geisterhaus, in dem sich niemand für irgendwas verantwortlich fühlt, weil: Ist ja nicht meins. Diese gesprungene Tasse lag ja schon in der Spüle rum, als ich kam… 

Die gesamte Kommunikation bis hin zum Tonfall ist mir unheimlich: Unter einer dünnen Decke burschikos, fröhlich zur Schau gestellter Kumpelhaftigkeit liegt direkt darunter unverhohlene Bitterkeit und Verachtung. Den anderen Kollegen*innen, den Jugendlichen, ganz besonders den Eltern und letztendlich der gesamten Welt gegenüber. Diese Menschen hier sind im letzten Stadium einer schweren Depression. Denke ich. Aber ohne jegliche Krankheitseinsicht. Weswegen jegliche Therapie zwecklos ist. 

Nachts träume ich immer wieder in einer Dauerschleife von diesem Lehrerzimmer: 

Die Gestalten sitzen mit offenen Wunden da. Um sie herum eine leichte Fahne Verwesungsgeruch. Abgebissene Körperteile liegen auf dem klebrigen Linoleum-Boden und werden von den hin und her schlurfenden blassen Gestalten achtlos mal hierhin, mal dorthin beiseitegeschoben. Dabei brabbeln sie ununterbrochen zornig vor sich hin, z.B. dass Kollege M endlich mal seinen stinkenden Müll wegräumen soll und wie das denn hier schon wieder aussieht. Aus ihren schlaffen, faltigen, unkontrolliert zuckenden Mündern hängen lange, seidige Speichelfäden, gemischt mit gelblichem Eiter oder orangenem Blut. Keiner wischt sie weg. Im Lehrerzimmer gibt es keinen Spiegel. Nur eine Kaffeemaschine. Die röchelt und röchelt braune Soße heraus wie ein Patient mit chronischer Diarröh. Daneben im schmutzgrauen Waschbecken ein kippelnder Berg klebriger, fleckiger Becher und Tassen, die allesamt mit feinen grauen und schwarzen Adern durchzogen sind, die Ränder abgeschlagen wie klaffende Zahnlücken. Abwaschen tut hier keiner. Wozu auch? Es sind ja schon alle tot. Da kann man auch aus bakterien-wimmelnden Tassen trinken. 

Die Fenster bleiben zu, man will sich ja nicht noch was weg holen, da könnte ja jeder kommen. Leuchtend puckert der Kopierer wie ein elektronisches Organ im Nebenzimmer vor sich hin. Um zwei Uhr wird ihm jeden Tag der Garaus gemacht, dann hat dieses Herz lange genug geschlagen. Nicht, dass da noch jemand Experimente nach 14 Uhr macht! Während der Zeiger an der farblosen 70-er Jahre Wanduhr die schal gewordene Zeit vertickt, warten die depressiven Zombies im Lehrerzimmer vergeblich auf ihr Ende. Das Blut an den abgebissenen Körperteilen trocknet und wird bröckelig. 

Ich komme von draußen. Ich war noch nie hier. Ein Luftzug, als ich die Tür öffne. Die Zettel mit den Terminen für die Klassenkonferenzen an der Innenseite der Tür flattern für einen Moment wild durcheinander. Ich sage etwas. Aber ich kann meine eigene Stimme nicht hören. Die Zombies lächeln mich an. Kleine orangene Rinnsale laufen aus ihren Mundwinkeln über das Kinn. Eine Bewegung im Raum wie ein unsichtbares, lautloses Zittern. Dann erheben sie sich. Die Stuhlbeine kratzen quietschend und ächzend über den blass-grünen Linoleum-Boden. Wie Fingernägel auf einer riesigen Schiefertafel. Aus ihren Mündern quillen blubbernde Blut-Bäuerchen. 

Ich weiß, wie man sich benimmt. Ich lächle. 

„Hallo. Ich hab Blumen mitgebracht.“ 

„Aha. Das ist NETT.“

„Soll ich die mal ins Wasser stellen?“

„Geht nicht. Wir haben keine Vasen.“

„Und das Waschbecken?“

„Is voll. Siehste doch.“

„Naja, das kann man ja mal abwaschen.“

Schweigen. 

Ein älterer Zombie erwacht ganz plötzlich aus seiner Erstarrung, lacht sehr laut, krächzend, kriegt sich scheinbar gar nicht wieder ein. 

„Da biste noch nich ma richtig hier, da willste hier gleich allet aufn Kopf stellen, ick gloob dit nich!“

Er schüttet sich aus vor Lachen. Alles knarrt und knattert in seinem Brustkorb. 

Keiner sagt was. Alle warten, bis der Anfall vorüber ist. Null Reaktion. 

„Naja, aber wäre ja schon blöd, wenn die jetzt schlapp werden,“ insistiere ich. Was anderes fällt mir nicht ein. Noch immer keine Reaktion. 

Ich beschließe also einfach selbst tätig zu werden und gehe zum Waschbecken. Auf dem langen Weg zu dem Berg mit den geäderten Tassen ist mir nicht ganz wohl. Ich fühle einen kalten Hauch in meinem Nacken. Es ist fauliger, alter Atem. Ein schmatzendes, grauenvolles Geräusch. Der tiefe Biss hinterlässt eine klaffende Wunde in meiner linken Schulter. Lose schlackert mein Arm im Gelenk. Ist das mein Arm? Noch einmal das Schmatzen – wie ein Riss durch die Stille. Etwas reißt ab. Flutscht auseinander. Eine Fontäne Blut. Mein Arm fällt. Fällt auf den Linoleum-Boden. Ich schreie. 

„Warum habt ihr mir den Arm abgebissen?!“

„Du musst hier halt noch so einiges lernen.“

„Warum habt ihr mir den Arm abgebissen?“

„Das ist völlig irrelevant, das wirste noch merken. Das ist hier alles kein Zuckerschlecken und dein ewiges Gelächle wird dir hier auch schon noch vergehen…“

„Aber was hat das denn für einen Sinn, mir den Arm abzubeißen?“

„Mit dieser psychologisierenden Betroffenheitskacke kommst du hier nicht weiter“, der Zombie fletscht seine fauligen Zähne und äfft nach: „Ja, was hat das für einen tieferen Sinn, dass X dies tut und Y jenes? Was DENKEN sich X und Y wohl dabei? Nee, nee, diesen ganzen Scheiß kannste mal schön knicken.“

„Aber mir fehlt ein Arm!“

„Ja, und? Du hast ja noch einen.“

„Ich finde, es wäre das Mindeste, das ihr mir erklärt, was das alles soll. Ihr könnt mir doch nicht den Arm abbeißen und dann einfach so tun, als wäre alles in bester Ordnung!“

„Du hast ganz offensichtlich ein Wahrnehmungsproblem. Hier IST alles in bester Ordnung.“

„Aha. Das sieht man ja…“

„Und jetzt wird sie auch noch überheblich, also das klassische Programm. Keine fünf Minuten hier, aber sie weiß schon Bescheid, was hier alles besser laufen muss.“

„Tut mir leid. So habe ich es nicht gemeint. Vielleicht kann man hier ja auch einfach mal zusammen aufräumen…“ 

Hysterisches, gehässiges Gelächter. 

Neue Blutrinnsale laufen aus ihren Mundwinkeln, während sie sich langsam in meine Richtung in Bewegung setzen. Das hysterische Gegacker verwandelt sich langsam in das alte zornige, speichelnde Gebrabbel. Mit vor Wut gereckten Hälsen humpeln sie auf mich zu. Am Boden herumliegende Körperteile werden wie Fußbälle zur Seite gekickt. Ein Gemisch aus Blut und Eiter schwappt rülpsend aus ihren Mündern, während sie mich mit ihren krampfigen, zitternden Händen zu greifen versuchen. Das erste schmatzende Geräusch lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Sie fangen an, Stücke aus meinem Körper heraus zu beißen. Ich reiße mich los, stürze durch den Raum. Die Tür. Das Flattern der Zettel. Die Tür kracht ins Schloss. Ich rolle, falle, kollere die Treppe runter. Raus ins Freie. 

Morgen muss ich wieder hier hin. Ich frage mich, wie lange sie brauchen werden, bis ich so bin wie sie.