Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 25: Wut (Teil 2)

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig. 

An einem heißen Tag nach den Sommerferien 2012 stehe ich mit Dilara, Sabrina, Yasemin und Yara auf der Studiobühne im Heimathafen und wieder geht es um: Wut.  Wir wollen am Ende alles abschlachten, ruft Dilara fröhlich. Die anderen lachen und stimmen ihr zu. Genau! sagt Yara begeistert.  Das geht ja gut los,  denke ich. Als ich frage, warum und wer abgeschlachtet werden soll, zucken sie die Schultern und kichern.  Einfach nur so, man,  lacht Yasemin. Klar. Ganz am Anfang erfahre ich nichts. Es ist wie immer. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen… bzw. die weiße Kartoffel. Bis auf Yara kenne ich diese Mädchen nicht und es dauert, bevor sie Vertrauen zu mir fassen. Egal. Ich kenne das schon. Mir ist klar, dass ich einen Haufen Arbeit vor mir habe, bevor sie mich ernst nehmen. 

Ein paar Tage später stehe ich in der großen Pause hinter dem Schulgebäude in der sogenannten Lehrerraucherecke, trinke einen Kaffee und genieße meine Zigarette, als Sabrina plötzlich um die Ecke stürzt – völlig aufgelöst. Heftig schluchzend wirft sie sich – zu meiner Überraschung – übergangslos in meine Arme. Hemmungsloser Komplettzusammenbruch. Zwischendurch brüllt sie herum und tritt gegen das Schulgebäude. Sie ist völlig außer sich. Es dauert zehn Minuten, bis ich ganz allmählich aus ihren teils geschluchzten, teils wütend geschrienen Worten schlau werde. Und es ist keine gute Geschichte. Ich spüre ein flaues Gefühl im Magen.

Wir haben dieses Projekt im Garten… also, wo wir diese Gemüsebeete anlegen, mit diesem Externen. So einem Betreuer. Einem Garten-Ingenieur. Der heißt Herr Wiehle. Der guckt mich immer so an. Voll eklig. Und es ist heiß, da habe ich ja keinen Bock, meinen Schneeanzug anzuziehen, nur damit der Typ auf keinen Fall was sehen kann. Der guckt immer in meinen Ausschnitt. Und wenn ich mich in das Beet vorbeuge, dann… jedenfalls macht der immer so Bemerkungen, ob ich einen Tanga anhabe und so… Und heute… (sie schluchzt heftig)… und heute… hat der…  Mir ist bereits leicht übel. Ich habe den Impuls, die Zeit zurück zu drehen: Das hier passiert nicht, ich bin schon nach Hause gefahren, ich sitze gemütlich an meinem Küchentisch und lese Zeitung, es ist ein schöner Tag, nachher fahre ich vielleicht noch an den See,… und danach noch was Schönes einkaufen… zum Grillen… NEE. – Ich stehe hier vor der Schule mit Sabrina. Und ich weiß, dass das hier eine Riesenscheiße ist. In der ich jetzt mittendrin stecke. Weil irgendein Arschloch von Projektbetreuer auf kleine Mädchen steht. Was für eine Scheiße. Scheiße. Scheiße… Ok. Es nützt nichts. Ich habe es gehört. Ich habe es verstanden. Sabrina hat sich mir anvertraut. Und jetzt gibt es nur eine einzige Handlungsoption. Ich will es nicht hören, aber ich muss es genau wissen. Also frage ich noch mal genau nach, und da wird die Geschichte noch schlimmer. Also wenn „noch schlimmer“ überhaupt geht. Aber das ist es ja leider: Es geht IMMER noch schlimmer. 

Der Mann hat mir zwischen die Beine gefasst. In den Schritt. Ich hab geschrien. Er hat mich festgehalten und mit seiner Hand rumgefummelt… (jetzt heult Sabrina haltlos). Ich halte sie im Arm. Leider geht die Geschichte noch weiter…

Ich bin dann eben zu Frau Marquart hoch… Ich hab erzählt, was passiert ist. Sie hat mich angeschrien. Dass ich hier kein unnötiges Drama machen soll. Irgendwelche Leute beschuldigen. Die ganze Schule bringe ich damit in Verruf. Ich soll sofort aufhören, solche Lügengeschichten zu erzählen. Sie sagt, ich hab ne psychische Störung… ich will mich immer wichtig machen… mich immer in den Mittelpunkt stellen… Sie hat gesagt, sie hat es satt, dass ich immer solche Dramen abziehe… und unschuldige Menschen verleumde…ich mache alles kaputt…

Ok. Ich hole tief Luft. Ich beruhige Sabrina. Sage ihr, dass ich selbstverständlich NICHT glaube, dass das eine Lügengeschichte ist. Dass wir alles klären. Dass dies eine sehr ernste Geschichte ist. Dass es absolut richtig und notwendig ist, dass sie das erzählt. Dass ich mich kümmern werde. Und zwar sofort. 

Ich gehe jetzt hoch zu Frau Marquart, sage ich,  willst du mitkommen?  Sabrina schüttelt heftig den Kopf und verschränkt die Arme vorm Bauch.  Ok. Willst du erstmal hierbleiben? Ich komme gleich wieder.  Sie nickt. Ich mache mich auf den Weg. Hoch ins Schulleitungszimmer. Zu Susanne. 

Die Tür ist zu. Ich klopfe. Nichts passiert. Ich formuliere in Gedanken meine Worte. Versuche, ruhig zu atmen. Wird schon alles. Susanne öffnet die Tür. Wirft mir einen fragenden Blick zu.  Kann ich reinkommen?  Sie zögert. Muss das jetzt sein?  fragt sie widerwillig. Ich nicke nur und gehe an ihr vorbei, schließe hinter mir die Tür. Als ich mich vor ihrem Schreibtisch auf den Besucherstuhl setze und hochschaue, verlässt mich dann allerdings doch kurzzeitig der Mut. Susanne schaut mega genervt. Abweisend. Ok. Aber ein Zurück gibt es ja irgendwie nicht. Ich fange an. Erzähle ihr, was passiert ist. Zu meiner Überraschung reagiert Susanne ruhig und entspannt. Sie steht auf, macht uns einen Kaffee, und erklärt mir dabei in aller Ruhe ihre Sicht der Dinge. 

Also ich nehme mal an, du kennst Sabrina noch nicht lange, oder?  beginnt sie ihre kleine Rede. Ich nicke.  Ja, das stimmt. Ich kenne sie erst seit diesem neuen Schuljahr. Sie ist in der Theatergruppe am Heimathafen.  Susanne nickt. Schaut mich kurz über ihre Brille hinweg an und fügt spitz hinzu:  Bei deinem Freizeitvergnügen also… Ich halte kurz die Luft an. Jetzt nicht aufregen… Wenn du das so bezeichnen willst… sage ich vorsichtig. Susanne zuckt mit den Schultern: Wie soll ich das sonst bezeichnen? Mit Schule hat das ja nix zu tun.  Ich schaue aus dem Fenster und atme tief durch. Jetzt nicht provozieren lassen…  Dass das kein Schulprojekt ist und ich keine Stunden mehr dafür kriege und diese Arbeit stattdessen jetzt nur noch eine halb-offizielle Kooperation mit der Schule ist, das liegt ja nicht an mir,  sage ich ruhig und zwinge mich, nicht weiter auf dieses Thema einzusteigen. Susanne reagiert nicht. Also bringe ich das Gespräch zurück auf Sabrina:  Ok, Susanne. Ist ja auch egal. Es geht ja jetzt um Sabrina…  Susanne unterbricht mich:  Ja genau. Und Sabrina ist nicht dein Verantwortungsbereich. Bist du Klassenlehrerin? Nein. Kennst du die Vorgeschichte des Mädchens? Nein. Das Problem ist, dass dieses Mädchen ständig solche Geschichten erzählt. Du kennst sie nicht. Mit Herrn Wiehle arbeiten wir seit Jahren vertrauensvoll zusammen, das ist ein ganz toller Projektbetreuer. Und es ist schon schwer genug in Berlin überhaupt geeignetes Personal an die Schulen zu kriegen. Da kann ich froh sein, wenn ich den Nachmittagsbereich überhaupt besetzt kriege. Und wie gesagt: Der ist hier schon seit drei Jahren. Ich kenne den. Es ist höchst unwahrscheinlich bis abstrus, dass der sowas Ungeheuerliches gemacht haben soll. Und Sabrina kenne ich auch schon lange und kann dir sagen: Die erfindet solche Geschichten. Natürlich tut sie mir leid und wir müssen uns um dieses Kind kümmern, aber es geht gar nicht, dass wir einem unschuldigen Menschen so etwas Monströses unterstellen. Zumal es dafür überhaupt keine Beweise gibt. Mit solchen Vorwürfen werden ganze Biografien zerstört. Ich würde vorschlagen, dass Sabrina erstmal mit dem Schulpsychologen spricht. Und dann schauen wir, wie der die Lage einschätzt. Ich muss jetzt auch noch mal ganz deutlich machen, dass Sabrinas Angelegenheiten wirklich nicht in deinen Verantwortungsbereich fallen. Das ist unprofessionell und falsch, wenn du dich da von subjektiven Eindrücken leiten lässt. Du bist weder ihre Klassenlehrerin, noch die Schulpsychologin. Ich möchte dich dringend bitten, dich aus dieser Sache raus zu halten. Ich hoffe, ich habe mich da jetzt klar ausgedrückt. 

Das hat sie in der Tat, denke ich. Und tatsächlich komme ich ins Zweifeln. Ich kenne Sabrina wirklich kaum. Ich habe den Vorfall gemeldet. Mehr kann ich nicht tun. Oder? Trotzdem bleibt ein unangenehmes Gefühl zurück. Ist Sabrina denn jetzt wirklich in guten Händen? Und was, wenn sie recht hat? Müssten wir dann nicht viel krasser reagieren? Den Fall sofort zur Anzeige bringen? Es ginge ja dann auch um andere Kinder… Ich versuche mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass der Schulpsychologe die Lage sicherlich professioneller einschätzen kann als ich. Und dann natürlich sofort die entsprechenden Maßnahmen ergriffen werden. 

Ok, das leuchtet mir ein,  sage ich also entsprechend zögerlich,  aber Sabrina steht jetzt völlig aufgelöst unten. Ich habe da jetzt kein gutes Gefühl. Was auch immer wirklich passiert ist, ihr geht es sehr schlecht. Sollten wir den Schulpsychologen nicht sofort einschalten? Zumal ja gar nicht klar ist, ob ihre Geschichte nicht doch stimmt…

Susanne seufzt: …  das halte ich, ehrlich gesagt, für absolut ausgeschlossen. Aber wenn es dich beruhigt, werde ich jetzt sowohl die Klassenlehrerin als auch den Schulpsychologen und die Mutter informieren. Und Sabrina kannst du jetzt gerne noch mal zu mir hochschicken. Kann wirklich sein, dass ich mich eben im Ton vergriffen habe. Das tut mir leid, mir ist da wahrscheinlich der Geduldsfaden gerissen. Das Mädchen steht ja ständig hier und erzählt irgendwelche Horror-Geschichten…  Sie hält inne, als sie meinen Blick sieht und ergänzt noch mal in beschwichtigendem Ton:  Nein, nein… alles gut. Du hast ja recht. Ich kümmere mich drum. Danke, dass du sofort reagiert hast. – Und außerhalb dieses Zimmers denk bitte an das „Sie“…  Sie trinkt ihren Kaffee aus und steht auf. Das Gespräch ist beendet. 

Etwas verwirrtverlasse ich den Raum. Gehe runter zu Sabrina. Mein Kopf ist ein bisschen breiig.  War das jetzt die richtige Reaktion? Übersehe ich etwas? Habe ich mich fälschlicherweise beschwichtigen lassen? Aber tatsächlich wäre es natürlich katastrophal, einen unschuldigen Menschen mit sexuellem Missbrauch zu belasten. Sein Ruf, ja, wahrscheinlich sein berufliches – und sogar sein privates – Leben wären unter Umständen zerstört. 

Wie immer in extrem unübersichtlichen Situationen sage ich mir: Ok, erstmal stillhalten und ne Nacht drüber schlafen… jetzt nichts Falsches machen… und wappne mich für das Gespräch mit Sabrina. Sie sitzt unten in der Sonne auf einem Mauervorsprung und scheint sich beruhigt zu haben. Ich setze mich neben sie. Erkläre ihr, dass Frau Marquart aus Stress überreagiert hat, selbstverständlich aber nicht an ihren Worten zweifelt.  Sie nimmt sich jetzt der ganzen Sache an,  höre ich mich sagen,  und du sollst noch mal zu ihr hochkommen, sie möchte sich bei dir entschuldigen und mit dir besprechen, was jetzt zu tun ist.

Während ich so rede, fühle ich mich wie eine Verräterin. „Ich kann leider nichts machen, weil ich nicht deine Klassenlehrerin bin und ohnehin schon Ärger mit der Schulleitung habe…?“…  Ist DAS der wahre Grund für mein Abgeben der Verantwortung? Trägheit? Bequemlichkeit? Was ist das für ein Scheiß? Rede ich mir das selber nur ein, damit ich raus bin aus der ganzen Problematik oder ist es tatsächlich das richtige – das professionelle – Vorgehen?  Ich komme zu keinem Ergebnis. Sabrina und ich verabschieden uns und ich sehe ihr nach, während sie den Schulhof überquert und im Gebäude verschwindet. Auf dem Weg zurück ins Schulleitungszimmer zu Susanne. 

Bei der folgenden Theaterprobe fehlt Sabrina. Die nächsten vier Wochen auch. Ich frage Susanne, was jetzt los ist, wie die Sache weiter gegangen ist. Sie weicht aus, wiegelt ab.  Alles auf dem Weg,  sagt sie,  das Mädchen hat psychische Probleme, wir kümmern uns. Ich halte dich auf dem LaufendenAlles gut!  Leider fühlt es sich überhaupt nicht so an: Gut. Ganz im Gegenteil. Ich versuche Sabrinas Mutter zu erreichen, aber sie geht nicht ran oder hat eine neue Handynummer. Ich schreibe Nachrichten an Sabrina, aber sie antwortet nicht. Vielleicht hat sie ebenfalls eine neue Handynummer? Ich frage die Mädchen am Heimathafen. Sie zucken mit den Schultern. Keine Ahnung. 

Dann plötzlich ist Sabrina wieder da. Ich bin extrem erleichtert und frage sie, wie es ihr geht, was passiert ist, aber Sabrina schaut mich nur aus seltsam kühlen Augen an.  Chill ma, Frau Plath. Alles gut. – Hä? Ich komme nicht mit. Verstehe diese Reaktion gar nicht. Bohre nach. Aber das scheint erst recht falsch zu sein. Sabrina lässt mich volle Kanne auflaufen. Als wäre ich eine hysterische Kuh, die sich in Angelegenheiten einmischt, die sie nix angehen.  Ist abgehakt.  Sagt Sabrina in kaltem Ton und damit ist das Thema vom Tisch. 

Denke ich zumindest. Aber natürlich ist es das nicht. 

Die Proben am Heimathafen gehen zunächst weiter, als wäre nichts passiert. Die Mädchen übernehmen wechselweise die Führung, entwickeln eine Vampir-Geschichte:  Tagsüber sind wir normal und unscheinbar und passen uns an, aber nachts werden wir so, wie wir wirklich sind: Stark, schön und gefährlich. Dann saugen wir denen das Blut aus den Adern, die uns immer fertig machen.

Sie schreiben Geschichten und Texte, über die Personen, denen sie nachts das Blut aussaugen wollen und erzählen sich gegenseitig, was sie wütend macht. Das ist nicht wenig. Die ersten Szenen entstehen. Es geht um Amtspersonen im Jobcenter, die Yara behandeln, als wäre sie eine Aussätzige, um das Abo-Publikum im Deutschen Theater , das schon beim Anblick der Mädchen das Gesicht verzieht und „Pst,Pst,…“ zischt, noch bevor eine von ihnen überhaupt irgendeinen Mucks gemacht hat, es geht um Lehrer*innen, die ihnen täglich sagen:  Aus dir wird sowieso nix, werd einfach Mutter, das ist doch bei euch so üblich, es geht um ältere Menschen im Bus, die plötzlich aus heiterem Himmel sagen:  Geh doch zurück in die Türkei, da, wo du herkommst, wir können nicht noch mehr von euch faulem Pack gebrauchen,  es geht um all diese Menschen, die die Welt offenbar schwarz-weiß sehen:  Männer sind so. Und Frauen sind so. Deutsche sind so. Also „richtige Deutsche“ jedenfalls. Und die Welt ist so. Basta. Und alles, was abweicht, muss gerade gebogen werden. Vielfalt ist Quatsch. Multi Kulti ist gescheitert. Spaß ist verdächtig. Das Leben ist ernst. Papa hat recht. Und: So lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, hast du zu machen, was ich dir sage. 

Ich wundere mich, wo das alles herkommt. In meiner Welt glaubte ich mal, dass all das doch längst vorbei ist. Überwunden. Wir sind doch alle gleich. Haben keine Vorurteile. Jede*r hat eine Chance. In Bullerbü schien das so gewesen zu sein. Aber wahrscheinlich hatte ich einfach nur zu lange „im Wohnzimmer gesessen“. 

Und dann inszeniert Sabrina eine Szene. Ich höre das, was sie mir vor der Schule erzählt hat, ein zweites Mal. Haargenau in allen Details noch mal. Nur ist es dieses Mal die Vampirin, die es erlebt. Es ist auch nicht in der Schule, sondern an einer erfundenen Arbeitsstelle. Aber da ist die Chefin. Die die Vampirin nicht ernst nimmt. Sie für verrückt erklärt. Sie demütigt. Und die Vampirin rächt sich auf brutale Weise… So wie alle Personen, die im Stück „abgeschlachtet werden sollen“, ist auch diese Chefin im Stück eine Kasperpuppe. Ein Gartenzwerg. Und auch dieser Kasper endet in einer riesigen Blutlache. Ich spreche Sabrina nach der Probe darauf an. Sie grinst:  Ist ja nur ne erfundene Geschichte!  Sie lacht. Aber ihr Blick sagt: Sprich mich nicht noch mal darauf an. Sie macht dicht. Und ich lasse es also. Sabrinas Szene allerdings wird größer und schillernder mit jeder weiteren Probe. Es ist eine starke Szene. Schockierend, dicht, aufwühlend. Sabrina leuchtet. Die anderen Spielerinnen auch. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Denke ich. Aber mein Unbehagen wächst. Denn es sind nur noch wenige Wochen bis zur Premiere und selbstverständlich wird Susanne da sein. Wenn auch ansonsten niemand verstehen wird, was Sabrina hier verhandelt: Susanne wird es SOFORT wissen. Und so sicher wie das Amen in der Kirche wird sie sich angegriffen, ja: verraten fühlen. Schlimmer noch: Sie wird denken, ICH hätte Sabrina dazu angestachelt. Eine leise fiese Panik steigt in mir auf. Diese Aktion wird sie mir nicht verzeihen. Es ist völlig egal, wie ich es drehe, sie wird mir nicht zuhören. Dass die künstlerische Verarbeitung biografischer Themen zentraler politischer Bestandteil meines Ansatzes ist, dass es hier um einen emanzipatorischen Prozess geht, der unbedingt zu Ende geführt werden muss, wenn er nicht in ein erneutes Trauma münden soll, all das wird Susanne in dieser speziellen Situation nicht interessieren. Zumal sie inhaltlich ohnehin nie ein Interesse an der Arbeit hatte. Nur an der Wirkung nach außen. Genau das ist jetzt das Problem. Denn ich weiß, dass ich mit ihr darüber nicht sprechen kann. Sie wird diese Szene verbieten. bzw. mich auffordern, sie abzuschwächen, Sabrina reinzureden, sie zu „belabern“. Aber diese Szene kann nicht zensiert werden. Völlig undenkbar. Nach allem, was in dieser Sache sowieso schon falsch gelaufen ist, muss von mir nun wenigstens die künstlerische Rückeroberung ihrer eigenen Geschichte gewährleistet werden. Aber es ist klar, was das auslösen wird: Susanne wird es als persönlichen Rachefeldzug gegen sich selbst interpretieren – zumal sie in dieser Angelegenheit sehr wahrscheinlich ein schlechtes Gewissen hat. Brandgefährlich also. Ich säge mir damit quasi den (letzten) Ast ab, auf dem ich noch sitze. Andererseits. Sabrina in irgendeiner Form zu bremsen oder zu manipulieren, um meinen eigenen Arsch zu retten, geht erst recht nicht. Wie könnte ich hinterher DAMIT leben? Stehe ich nun zum Sinn meiner Arbeit oder unterwerfe ich mich dann doch, sobald es mir selbst an den Kragen geht? – Scheiße. Es ist vollkommen klar, worauf dieses Dilemma hinausläuft…

Trotzdem. Es geht nicht anders: Ich beschließe die Flucht nach vorn. Lasse Sabrina ungehindert ihre Geschichte inszenieren. Und kann endlich wieder schlafen. 

Auf die anderen Mädchen hat die Szene von Sabrina einen geradezu kathartischen Effekt. Ich muss fast lachen – vor Freude: Sie werden zu Amazonen. Hauen all ihre erlittenen Demütigungen raus – aber keineswegs im Opfermodus. Auf einmal sind sie stark. Und schön. Sie brennen ihr ganz persönliches Feuerwerk ab. Ich ertappe mich dabei zu denken: ENDLICH. Wird auch Zeit. Und eine seltsame Freude bricht sich Bahn am Heimathafen. 

Der Tag der Premiere kommt. Auf der Bühne vier junge Frauen, die sich während der Vorstellung Schritt für Schritt in schöne Vampirinnen verwandeln. Es ist fast so, wie ihnen bei der Entpuppung zuzuschauen – nur werden sie nicht zum Schmetterling, sondern zur Furie. In den letzten 60 Sekunden des Stücks wird es dunkel und es sind nur noch schmatzende, schlitzende Geräusche zu hören… Wir schlachten alle ab,  hatten sie gesagt. Und genau das ist jetzt zu sehen. Ich habe sie nicht ausgebremst. Bin nicht auf Nummer sicher gegangen. Und ich bin froh. Es ist „doll“. Aber um das Publikum mache ich mir keine Sorgen. Die müssen das jetzt aushalten. Es ist etwas anderes, was mir den Hals zuschnürt: Wie wird Susanne reagieren? 

Ununterbrochen spreche ich mir innerlich beruhigende Worte zu: Vielleicht ist Susanne klug und sitzt es einfach aus. Niemand wird wissen, dass sie in besagter Szene gemeint ist. Wenn sie sich jetzt einfach ganz normal als Ermöglicherin dieses Kooperationsprojektes feiern lässt und mit großem Blumenstrauß auf der Bühne steht, kann es ja nur positiv auf sie zurückfallen. 

Aber. Sie hält es nicht aus. Als am Ende der Applaus losbricht, springt sie auf. Da sie in der ersten Reihe gesessen hat, wird der Abgang unweigerlich zum spannenden Auftritt. Umut aus meiner Klasse, der den Auftrag hat, ihr beim Schluss-Applaus den großen Blumenstrauß zu überreichen, stolpert etwas verwirrt hinter ihr her. Alle gucken. Bei der Tür zum Ausgang holt er sie ein. Streckt ihr nervös die Blumen hin. Sie schlägt sie ihm aus der Hand. Es sieht aus, als wolle sie ihm eine Ohrfeige verpassen. Umut wendet sich mit ratlosem Blick zu mir um. Susanne steht an der Tür, schaut mich quer durch den Raum kurz an. Für einen Moment sieht es so aus, als würde sie in Tränen ausbrechen. Dann aber wird ihr Blick eiskalt.  Dich werde ich fertig machen,  scheint sie zu senden. Während ich einfach nur hoffe, dass dieser furchtbare Moment schnell vorbei geht, wendet sich Susanne mit einer abrupten Bewegung zur Tür und verlässt die Studiobühne. Die Tür fällt hinter ihr zu. Ihre hohen Schuhe klackern noch eine Zeitlang deutlich hörbar draußen auf dem Parkett. Stille. Dann beschließt das irritierte Publikum: Egal. Und nimmt den Applaus wieder auf. Ich bleibe einfach nur ganz still stehen. Vor der Tür auf dem Boden liegen verstreut die Blumen, vorne auf der Bühne ein Sarg und davor eine riesige Blutlache voller abgeschlachteter Kasperpuppen. Es ist das Schlussbild. Nicht nur für das Theaterstück. – Ich stehe da, schaue auf die Bühne und weiß: Mein Leben als Lehrerin ist in diesem Moment unzweifelhaft zu Ende.