Türwächter*innen der Freiheit – Siebtes Kapitel

7 Rückblende – Der internalisierte Gehorsam

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Ausgelöst durch mein tägliches Scheitern als Lehrerin und die Sheriff-Atmosphäre kippte ich in einen ängstlichen, inneren Anpassungs-Modus. Ich kam NICHT auf die Idee, dass in meiner Anpassung bzw. Unterwerfung unter die Maxime „Hauptsache Disziplin“ und in der daraus folgenden Anstrengung, auch die Jugendlichen zur Unterwerfung zu zwingen, vielleicht genau der fatale FEHLER lag. Aber. Logisch:

Ich war selbst zeitlebens zum Folgen erzogen und sozialisiert worden. Es kam mir nicht in den Sinn, gegen mein inneres Unbehagen aufzustehen und andere Lösungen zu suchen. 

Skeptisch hätte ich natürlich werden können, im Angesicht dieser flächendeckenden menschlichen Verwahrlosung an diesem Ort. Hier waren nur Menschen unterwegs, die ALLE kein Gefühl mehr für sich selber hatten. Und in der Folge auch für niemand anderen mehr. Bewusstsein für die eigenen Integritätsräume gleich Null. Die Grenzen und Bedürfnisse aller Beteiligten – und zwar sowohl der jungen als auch der Erwachsenen – waren so oft und so existentiell überfahren und geschreddert worden, dass jegliche gesunde Ich-Stärke eingegangen war. Stattdessen eine fette Mauer aus Wut und Zynismus, um die kümmerlichen Reste des verbliebenen Selbstwerts vor der endgültigen Auflösung zu bewahren. Hier wusste NIEMAND, was Integritätsräume waren und wie mensch in gegenseitigem Respekt kommunizieren könnte. Vielleicht war es auch gar nicht gewollt. Der Mechanismus, die (angeblich) eigenen Überzeugungen, (die in Wahrheit allerdings nur den unhinterfragten Rollen entsprachen), für die einzig richtigen zu halten und über alle anderen schlecht zu reden und alle anderen runter zu machen, war hier „State oft the art“. Wenn jemand es wagte, von Gleichwürdigkeit und gegenseitiger Achtung zu reden, wurde das mit Zynismus, mitleidigem Augenrollen oder Verachtung abgewatscht. 

Leider hatte ich dem nichts entgegen zu setzen. Das Wort Integrität kannte ich nicht. Ein Gefühl dazu hatte ich schon gar nicht. Was sollte das sein? – Unglaublich eigentlich. Und erschreckend im Rückblick. Denn wenn es um Führungskompetenz geht – und das ist ja DIE Schlüsselqualifikation für den Lehrberuf – dann ist Integrität die Grundbedingung bzw. der Boden, auf dem wir stehen. Und dieser Boden war nicht da. Bei niemandem. Null. Bei den Lehrkräften nicht, weil die sich seit Ausbildungszeiten in einer Anpassungsmaschinerie befanden, in der es gerade NICHT um ihre eigene Bedürfnisse und Grenzen ging und bei den Jugendlichen dementsprechend auch nicht, weil dort jeglicher gesunde Ich-Impuls als Störung betrachtet und im Keim erstickt wurde. Abweichendes Verhalten war komisch. Nicht vorgesehen. Unmöglich! Unverschämt! 

Das hatte lange Tradition. Auch bei mir war das Monster des internalisierten Gehorsams lange Zeit systematisch genährt worden. 

Kleiner Rückblick: Aufgewachsen bin ich in Glücksburg, einer beschaulichen Kleinstadt im Norden Deutschlands an der Ostsee. Papa Musiklehrer, Mama Englisch- und Sportlehrerin. Oberstudienräte am örtlichen Gymnasium. Konservatives Elternhaus. Autoritäre Erziehung. Drei Brüder. Zu Hause quietschte immer mindestens eine Geige. Regelmäßige Mahlzeiten am Familientisch. Papa macht jeden Tag Mittagspause und während der Zeit müssen alle todes-leise sein. Wehe dem, der stört. Kinder, die in der Mittagspause anrufen oder gar vor der Haustür stehen und klingeln, bekommen einen eindrucksvollen Tobsuchtsanfall meines Vaters geboten, der sich gewaschen hat. Wer das einmal erlebt hatte, klingelte auf jeden Fall NICHT mehr in der Mittagspause. 

Regelmäßig Hausmusik, vor Weihnachten Advents-Singen mit und ohne Gäste. Uns Kindern wird der christliche Glaube vermittelt, aber eher so als Sache, die sein muss, warum wird nicht erklärt und Sonntag geht’s ab in die Kirche. Vorm Einschlafen sage ich immer ein Gebet auf – wie ein Gedicht. Einmal gehe ich als etwa Fünfjährige ans Telefon und sage aus Versehen mein Gebet auf – direkt in den Hörer. „Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir, hast auch uns doch nicht vergessen, lieber Gott, wir danken dir“. Hatte die auswendig gelernte höfliche Ansage „Hallo, hier ist Maike Plath, mit wem ich spreche ich?“ mit dem anderen Text verwechselt. Auch bei den Weihnachtsliedern sind mir die Texte teilweise unklar, ich singe sie dennoch – stolz darauf, dass ich sie auswendig kann – mit viel Inbrunst zu Papas Klavierbegleitung mit. 

Vom Glauben ist mir heute nicht mehr so viel geblieben. Was mich aber immer noch überzeugt, ist der Grundgedanke der Nächstenliebe. Erstaunlich war für mich nur immer die Beobachtung, dass ausgerechnet die Leute, die eifrig von Nächstenliebe redeten, ihre Nächsten eigentlich nicht so sehr liebten.

Schon als Kind lernte ich, dass genau diejenigen die ganz besonders beflissen für die Nächstenliebe eintraten, andere Menschen tüchtig ausgrenzten und verurteilten. Von der Nächstenliebe ausgeschlossen wurden all diejenigen, die beispielsweise NICHT in die Kirche gehen wollten, oder NICHT heiraten und Kinder kriegen oder NICHT einer geregelten Arbeit nachgehen oder in irgendeiner anderen Weise ihr eigenes, abweichendes Ding leben wollten.

Aha. Dachte ich. Besser nix falsch machen. Denn dann gilt die (Nächsten-) Liebe leider nicht für dich. 

Glücksburg an der Ostsee, 1975-1990: 

Wie alle Kinder wollte ich unbedingt geliebt werden und ich merkte schon sehr früh, dass ich deutlich MEHR geliebt wurde, wenn ich die Erwartungen anderer grundsätzlich über meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche stellte. Erwartungen der anderen in meiner Kindheit waren: Nicht widersprechen. Viel lächeln, höflich sein, lieb sein. Mit angemessener Tonlage sprechen. Sich über Geschenke freuen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Dafür dann trotzdem übertrieben dankbar sein. Briefe in Schönschrift schreiben: Liebe Tante Olga, vielen, vielen Dank für den tollen Serviettenring, den ich SEHR gut gebrauchen kann. (Nach diesem ersten gelogenen Satz, der schnell von der Hand ging, musste man dann noch die ganze Seite vollkriegen. Schwierig, denn wer war Tante Olga?). Gute Noten schreiben. Pünktlich sein. Zuverlässig sein. Den Sonntags-Spaziergang mitmachen, obwohl ich lieber in meinem Zimmer auf dem Bett liegen und lesen wollte. Sonntag Nachmittaggemeinsam mit der Familie Kuchen essen, obwohl ich keinen Kuchen mag. Klassische Musik hören (keine U-Musik. Schlechter Einfluss. Macht dumm. Ach so). Mit den richtigen Kindern befreundet sein. Zum Beispiel nicht mit den Kindern, deren Eltern geschieden sind. Schlechter Einfluss. Ach so. Sich bei Tisch benehmen, also mit Messer und Gabel essen und Serviette in den Schoß legen. (Hier kam der Servietten-Ring zum Einsatz! Wo der heute geblieben ist, keine Ahnung). Anschließend dann Mund abtupfen und Serviette ordentlich mit Messer und Gabel (parallel!) auf den Teller zurücklegen. Parallel heißt: Fertig. Ansonsten muss weiter gegessen werden. Kartoffeln nicht schneiden, sondern mit der Gabel zerdrücken. Auf keinen Fall – nie niemals IRGENDWAS mit den Händen essen oder gar die Finger ablecken! Nicht diskutieren. Besser zustimmend nicken und anderen das Gefühl geben, dass sie entzückend und klug sind. Grundsätzlich höflich zu Erwachsenen sein. Ungerechtigkeiten runterschlucken (kein Fass aufmachen, nicht „hysterisch sein“). Ich wusste als Kind nicht, was „hysterisch“ ist, aber wenn ich anfing zu heulen oder wütend wurde oder widersprach, dann kam der Satz: Sei nicht hysterisch. Ach so. Emotional werden war also „hysterisch“. Besser vermeiden. Und: NIE! – NIEMALS über die eigenen Gefühle reden. GOTT- wie peinlich! 

Ok. Ließe sich jetzt weiter auflisten. Punkt ist aber verstanden, glaube ich. 

Was mir auf jeden Fall gründlich ausgetrieben wurde, war: Mir selbst treu zu sein. Oder überhaupt zu WISSEN, was das überhaupt bedeutete: Mir selbst treu sein. Was ich stattdessen irgendwann perfekt konnte: Die Erwartungen meines Umfeldes in Windeseile „riechen“ können und dann eine bravouröse Anpassungsleistung hinlegen. Ich wollte immer die Eins: Was für ein entzückendes Mädchen! Was für ein KLUGES Kind! (Ich wollte unbedingt klug sein! Die beste sein!). Drunter machte ich es nicht. Bisschen Wut runterschlucken. Kein Ding. Meinen Gefühlen zu irgendwas grundsätzlich misstrauen und wegdrücken. Ich lernte: Die sind IMMER peinlich und machen dich lächerlich und wertlos. Also besser: Ohne Jammern Zustände aushalten, die sich unangenehm anfühlen. Kein Problem. Reiß dich zusammen! Merkte ich irgendwann gar nicht mehr so. Gab ja dann immer die Eins und das Lob – also Zuwendung. Und von dieser Zuwendung nährte sich mein Selbstwert. 

Seltsamerweise hatte ich dabei aber immer eine diffuse Grund-Angst, „irgendwie aussortiert zu werden“, raus zu fliegen, weg geschickt zu werden, bzw. VIELLEICHT DOCH DUMM, also UNBEGABT zu sein. Das war nur so gefühlt und ziemlich unkonkret, aber deswegen nicht weniger bedrohlich. Ich verwendete also viel Gedanken und Energie darauf, mich so zu benehmen, dass ich nicht als DUMM oder UNHÖFLICH oder SCHWIERIG gelten konnte, mein wahres, also vielleicht dummes (?) Ich zu verbergen.

Während der Grundschulzeit spielte ich immer gerne Schule. Meine Freundinnen bekamen von mir liebevoll gestaltete „Arbeitsbögen“, die sie „ausfüllen“ mussten und die ich hinterher „benotete“. Das Spiel machte aber nur Spaß, wenn alle eine 1 bekamen. Ansonsten gab es Tränen und Streit. Also lernte ich meine „Arbeitsbögen“ so zu entwerfen, dass alle eine 1 bekamen oder ich gab während des Ausfüllens viele „gute Tipps“. 

Meine damaligen Grundschullehrerinnen machten das aber nicht so. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir unsere ersten Noten bekommen haben, aber es war trotzdem immer vollkommen klar, wer gut war und wer nicht. Schon im ersten Jahr verschwanden die zwei MICHAELS aus unserer Klasse, weil sie ganz eindeutig NICHT GUT waren. Der eine Michael war klein und dünn und hibbelig und kriegte immer Wutanfälle. (Hysterisch, dachte ich). Dann musste er raus vor die Tür und von außen die Türklinke runter drücken. Das machte er aber nicht, sondern stattdessen trat er von außen laut bollernd gegen die Tür. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Der andere Michael war sehr dick und machte gar nichts – oder aß Paprika Chips aus einer großen raschelnden Tüte. Er war auch nach einem Jahr weg. Wir wussten alle in der Klasse, dass die Michaels „nicht mitkamen“ und deswegen woanders hinmussten. Da, wo die „bösen“ und die „dummen“ Kinder hinkamen: Zur Sonderschule – oder noch schlimmer: Zur Hauptschule.

Die befand sich neben dem Grundschulgebäude und die Schüler*innen beider Schulen nutzten den Schulhof gemeinsam. Die Hauptschüler*innen hielten sich in den Pausen bevorzugt am Rande des Hofs an den Fahrradständern auf. Dort standen sie und rauchten und waren – aus unserer Sicht – irgendwie älter, ein bisschen gefährlich und – cool.

Meine Freundin Kerstin und ich spielten meistens mit ein paar anderen Mädchen aus unserer Klasse Gummi-Twist. Wir gingen nie zu den Fahrradständern, weil wir ein bisschen Schiss vor den Hauptschülern hatten. Besonders die Jungs mit ihren Lederjacken und „bösen Gesichtern“ jagten uns Respekt ein. Gleichzeitig wussten wir, dass die Hauptschule die Schule für die dummen Kinder ist und wir fühlten uns ein bisschen wichtig, weil klar war, dass wir natürlich nach der vierten Klasse aufs Gymnasium kamen.

Kerstin kam irgendwann auf die Idee, dass wir eine Mutprobe machen könnten: Marcel ärgern. Marcel war bei den Hauptschülern derjenige, der am gefährlichsten aussah. Er war in der 8. Klasse, rauchte Kette, sagte immer „Scheiße“ und „Fuck“ und hatte manchmal ein blaues Auge. Wir stellten uns vor, wie er nach der Schule wahrscheinlich immer Leute verprügelte. Marcel schien uns der perfekte Kandidat für eine Mutprobe zu sein.

Eines Mittags nach der Schule steigen Kerstin und ich also in den Schulbus, mit dem Marcel immer nach Hause fährt. Wir setzen uns direkt hinter Marcel und als der Bus losfährt, fangen wir an, laut Witze über ihn zu machen. Am Anfang haben wir noch Herzrasen und sagen immer nur solche Sachen, wie: „Puh ha, der Marcel ist schon ein wahnsinns-wichtiger Typ“. Aber weil nix passiert, werden wir mutiger und lauter und trauen uns, immer frechere Sachen zu sagen.

Wir machen uns darüber lustig, dass er so oft ein blaues Auge hat und dass er sich wahrscheinlich wie ein toller Gangster fühlt, aber sein IQ ja wahrscheinlich nicht so dolle ist, usw. Dazwischen lachen wir uns vor Aufregung halbtot und uns fallen immer bessere Sachen ein. Wir kommen uns sehr sehr lustig und sehr sehr mutig vor. Diesem arroganten Marcel, dem haben wir es jetzt aber mal richtig gegeben…

Dann kommt die Haltestelle, wo ich aussteigen muss. Ich gehe durch den Bus nach vorne und steige vorne beim Busfahrer aus. Als der Bus weiterfährt und ich alleine auf der Straße stehe, sehe ich, dass Marcel hinten leider auch ausgestiegen ist.

Er kommt in seiner schwarzen Lederjacke auf mich zu und sieht so aus, als wolle er mich töten. Er ist zwei Köpfe größer als ich und ich denke „Der bringt mich jetzt um“. Dann steht er vor mir und zischt: „Du miese kleine Ratte“.

Er packt mich mit beiden Händen am Jacken-Kragen und schüttelt mich durch, dann schubst er mich weg, ich versuche, weg zu laufen, doch er hält mich fest und gibt mir dann einen solchen Tritt, dass ich auf die Straße knalle.

„Du mieses Stück Scheiße, du hochnäsige Prinzessin, du bist der letzte Dreck, nächstes Mal brech ich dir die Nase!“

Ich liege auf dem Asphalt und warte auf den nächsten Tritt. Aber Marcel geht an mir vorbei. Kurze Zeit später ist er weg.

Ich rappel mich auf und schüttel den Dreck von der Jacke. Meine Kniee bluten und meine Hände sind dreckig und blutig verschrammt. Ich heule ein bisschen und gehe dann nach Hause. Meinen Eltern erzähle ich nichts. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dies keine ruhmreiche Geschichte für mich ist.

Später habe ich mich immer gefragt, wie Marcel diese Geschichte erzählen würde. Marcel mit dem blau geschlagenen Auge, der mit 14 schon Kette rauchte und nach der 8. Klasse die Schule verließ. Seine Version dieser Geschichte fehlt. (Erst viele Jahre später hatte ich es wieder mit Jugendlichen wie Marcel zu tun – als Lehrerin in Neukölln. Und natürlich hielt ich sie entsprechend meiner Sozialisation anfangs für „kleine Gangster“. Bis ich eines Tages –IHRE Versionen dieser Geschichten hörte. 

In der dritten Klasse hatte ich erwartungsgemäß nur Einsen und meine Hefte sahen aus wie Poesiealben in gestochener Schönschrift (Pelikan Füller! Alles voll geklebt mit Glitzer-Tauschbildern, überall rieselte so silberner Sand aus den Seiten). Zur Belohnung für meine perfekte Schönschrift „durfte“ ich einmal eine ganze Stunde lang vorne am Lehrerpult sitzen und vor allen anderen Bonbons lutschen, die in einem riesigen Glas vor mir standen. Hatte Frau Meier extra von zu Hause mitgebracht. Sie erklärte strahlend vor der ganzen Klasse, dass ich jetzt die ganze Unterrichts-Stunde vorne am Pult sitzen und Bonbons lutschen durfte, weil ich immer so schön meine Hausaufgaben machte und meine Hefte aussahen wie Kunstwerke. Ich hatte es „verdient“, meinte sie. Ich selber war fassungslos über diese Grausamkeit und überlegte noch wochenlang, was ich Frau Meier getan hatte oder ob sie vielleicht wirklich so dämlich war. Natürlich war diese Stunde mein sozialer Suizid. Die ganze Klasse HASSTE mich – logisch – fortan.

Nach diesem Bonbon-Stunden-Trauma passte ich auf, dass ich keine Einsen mehr schrieb. Ich vergaß mit Absicht meine Hausaufgaben, schrieb Wörter absichtlich falsch und malte mit Spucke auf meinem Tisch herum. Einmal musste ich deswegen nach vorne kommen. Frau Meier, die zu dem Zeitpunkt SEHR ENTTÄUSCHT von mir war, zitierte mich nach vorne ans Pult und fragte übertrieben laut: Welche Hand war das? Ich wunderte mich, dass sie schon wieder so dumm war – denn mit welcher Hand hatte ich wohl geschrieben, wenn ich Rechtshänderin war? Ich sagte: Die da und hielt meine linke Hand hin. Denn die rechte brauchte ich für zu viele Sachen, wie ich fand. Sie patschte mir drei Mal hart auf die Hand und sagte dabei mit empörter Stimme: Eins! Zwei! Drei!

Ungefähr zu der Zeit habe ich aufgehört, Schule zu spielen. 

Der Gedanke, dass man sehr schnell „raus fliegen“ kann, kam mir schon sehr früh. Lange, bevor ich mit der Schule Bekanntschaft machte. Als Kind beobachtete ich bei meinen Eltern, dass es nur sehr wenige Menschen gab, über die sie positiv redeten. Die meisten waren irgendwie „SCHLECHTER EINFLUSS“ für mich und meine Geschwister, da sollten wir uns fernhalten. Beim gemeinsamen Mittagessen ging es sehr oft um Kollegen, Bekannte oder sogar Familienmitglieder, die irgendwas falsch machten bzw. falsche Ansichten hatten, „faul“ waren – oder ordinär. Ordinär sein war ganz schlimm. Ich wusste lange Zeit nicht genau, was mit „ordinär“ gemeint war. Aber es hatte etwas mit Sprache und mit Verhalten zu tun – und mit „den Verhältnissen“, aus denen man kam. Die „Verhältnisse“ waren wichtig. Kinder von geschiedenen Eltern beispielsweise waren „kein guter Einfluss“ für mich, denn das waren Leute, deren Familienverhältnisse „unübersichtlich“ waren. Hieß: Geschieden, womöglich alleinerziehende Mütter mit neuen Partnern, oder Männer mit neuen Frauen, alles gar nicht gut. Das leuchtete mir als Kind auch irgendwie ein. In jedem Märchen konnte ich erfahren, dass eine Stiefmutter keine gute Sache war. Aber darüber hinaus wurde es schwierig für mich, die Regeln zu durchschauen, nach denen meine Eltern andere Menschen beurteilten bzw. abwerteten. Ich verstand nur: Man konnte offenbar sehr viel falsch machen. 

Meine Eltern benutzten damals noch das Wort „Gammler“. „Gammler“ waren Jugendliche mit langen Haaren und irgendwie ungepflegten Klamotten, die rauchten und „LAUTE POPMUSIK“ hörten, gar nicht gut. Meine Mutter sagte „Popmusik“ oder „Klopfmusik“ und fand, das „sei etwas für die Affen“. Sie hatte diese Ansicht 1:1 von ihrem Vater übernommen, der offenbar als Vorbild galt – obwohl ich immer Angst vor ihm hatte und bei jedem Besuch froh war, wenn wir wieder ins Auto steigen und wegfahren durften.

Mit sechs Jahren beschloss ich, dass es vielleicht lustiger wäre, bei Beate zu wohnen, als bei meinen Eltern. Seit mein kleinerer Bruder geboren war, kam Beate zu uns, um auf ihn aufzupassen: Sie war 19, trug immer enge Jeans und Lederjacke und war in meinen Augen eine Lichtgestalt. Ein Kindermädchen wie Mary Poppins. Ich dachte, dass es viel schöner sein würde, wenn ich bei Beate wohnte. Dann hätte mein kleiner Bruder Beate am Vormittag für sich allein und ich am Nachmittag und nachts. Diese Vorstellung machte mich zufrieden, es erschien mir gerecht. Ich stellte mir meinen „Umzug“ in allen Einzelheiten vor und wartete, bis sich eine gute Gelegenheit ergab. 

An einem Herbstnachmittag, ich war seit zwei Monaten in der ersten Klasse, war ich bei einer Freundin in der Nachbarschaft zum Spielen. Vorher packte ich sehr sorgfältig einen kleinen roten Plastikkoffer: Zwei Bifis, eine Tafel Schokolade und meine beiden Puppen, die hießen Petersen und Christiansen (ich hatte beobachtet, dass das in Schleswig Holstein die Namen waren, mit denen man DRIN BLIEB im Spiel, das waren die Leute, die schon sehr LANGE hier wohnten und die man deswegen niemals aussortieren würde. Und für meine Puppen wollte ich natürlich nur das Beste. Die sollten auf jeden Fall ohne Zweifel DAZU GEHÖREN und deswegen mussten sie Petersen und Christiansen heißen). 

Als ich ungefähr eine Stunde mit meiner Freundin Yvonne im Garten gespielt hatte, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg zu Beate. Der kleine Ort, in dem ich aufgewachsen bin, ist nicht groß und ich hatte mir gemerkt, wo Beate wohnte. Ich dachte, dass sie sich bestimmt freuen würde, wenn wir zusammenwohnen würden, denn sie war ja auch alleine. Und vormittags, während ich in der Schule war, würde sie ja sowieso immer bei uns zu Hause sein und auf meinen kleinen Bruder aufpassen. Dann konnte sie immer berichten, wie es mir geht und niemand musste traurig sein. Das war mir wichtig, denn ich wollte auf keinen Fall, dass meine Eltern wegen mir traurig waren. 

Nach höchstens 10 Minuten Fußweg stand ich vor Beates Wohnungs-Tür und klingelte. Es dauerte sehr lange, bis sie die Tür öffnete und ich war erstaunt, wie sie aussah: Sie hatte nur so eine Art Nachthemd, also ein sehr großes Mickey Maus T-Shirt, an und ich dachte, komisch, ist sie mitten am Tag schlafen gegangen? Überhaupt war alles sehr seltsam, weil sie sich auch nicht so sehr freute, wie ich gedacht hatte. Trotzdem sagte sie irgendwann doch: Na gut, dann komm mal rein. Wir gingen durch einen engen dunklen Flur und ich hatte nicht so ein gutes Gefühl. Beate rief: Teddy, Maike ist hier! Und bevor ich mich fragen konnte, wer „Teddy“ war, sah ich ihn schon: Wir standen im Türrahmen zu ihrem Schlafzimmer und da lag ein Mann im Bett. Er hatte nur eine Unterhose an und rauchte eine Zigarette. Mir war irgendwie sofort klar, dass mein Plan nicht aufgehen würde. Ich bekam zwar ein Glas Orangensaft und Beate lächelte und sagte: Na, was machst du denn hier? Aber ich wusste, dass sie dachte, ich wäre nur zu Besuch gekommen. Ich trank meinen Saft aus, nahm meinen Plastikkoffer und machte mich wieder auf den Weg. Nach Hause wollte ich aber auch nicht. Deswegen setzte ich mich auf eine Bank auf den Parkplatz vor dem Glücksburger Schloss, Petersen und Christiansen links und rechts neben mir, und aß meine Bifis. Erstmal überlegen. Wo könnte man sonst noch hin? Mir fiel nichts ein. Irgendwann wurde es dunkel und ich stand auf und ging langsam nach Hause. Meine Mutter war nicht weiter überrascht über mein Erscheinen, was mich ein bisschen enttäuschte, was aber auch nicht verwunderlich war, denn sie dachte ja, ich wäre bei Yvonne gewesen. 

Im Postgebäude in Glücksburg hing an der Wand ein großes Plakat mit „Gammlern“. Jedenfalls stellte ich mir so die „Gammler“ vor. Es waren düster dreinblickende Menschen mit wirren Haaren, die schreckliche Verbrechen begangen hatten, wurde mir mit bedeutungsvollem Blick zugeraunt, und die deshalb von der Polizei gesucht wurden. Ich stand oft vor diesem Plakat, betrachtete die Gesichter der gesuchten „Touristen“ (wie ich das Wort verstanden hatte), und gruselte mich auf angenehme Weise, denn mir war klar, dass solche schlimmen Verbrecher niemals nach Glücksburg kommen würden. Hier war ich in Sicherheit. Aber irgendwo da draußen rannten also diese „Touristen“ rum und knallten Leute ab. Ich gruselte mich wohlig und war froh, dass ich immerhin nie so eine schlimme Außenseiterin sein würde wie diese „Touristen“. Im Verhältnis zu denen gehörte ich noch ordentlich dazu und machte alles richtig. 

Ich lernte, dass die „Touristen“ auf dem Plakat im Postamt „Linke“ waren. Aber auch insgesamt waren bei meinen Eltern Leute nicht gerne gesehen, die „LINKS waren“, oder Leute, die irgendwie „anders „ lebten“ –  und über Schwule wurde gar nicht erst geredet, das war völlig undenkbar. Schlechter Einfluss waren auch die SCHWER ERZIEHBAREN JUGENDLICHEN aus dem Heim nebenan. Die waren „KRIMINELL“. Dann gab es als Vorstufe zum schlechtem Einfluss noch die Leute, die man zumindest höchst skeptisch betrachten musste, z.B. die Leute von der Waldorfschule. Als Kind glaubte ich, dass da nur verrückte Spinner sind. Meine Mutter sagte immer: „Nett aber verrückt. Im wahren Leben kommen die nicht klar“. 

Was auch interessant war: Der Lehrerberuf stand zwar hoch im Ansehen, immerhin waren ja sowohl meine Mutter als auch mein Vater Lehrer – aber es galt ausschließlich der Gymnasiallehrer. Realschullehrer, Hauptschullehrer, oder gar Grundschullehrer galten bedeutend weniger und als Kind kam mir das auch ganz logisch vor: Zum Gymnasium gingen ja auch die klugen Kinder, die weniger klugen kamen an eine Realschule und die ganz Dummen mussten zur Hauptschule. Diese Logik übertrug ich 1 zu 1 auch auf die entsprechenden Lehrer und zu Hause am Mittagstisch wurde das bestätigt. 

Der einzige Schultyp, der von meinen Eltern geachtet wurde, war das Gymnasium. Auf der Realschule und der Hauptschule waren die „Nicht-so-Begabten“. Es war völlig undenkbar, dass ich nicht aufs Gymnasium gehen würde. Als ich endlich dort war langweilte ich mich meistens und hatte regelmäßig Bauchschmerzen wegen der Klassenarbeiten. Besonders Mathearbeiten konnten auf Wochen meine Stimmung versauen. Auf dem Weg zum Gymnasium, an dem auch meine Eltern unterrichteten, fuhr ich – im Familienauto auf der Rückbank – immer an Feldern mit Kühen vorbei. Jeden Morgen wünschte ich mir, ich wäre eine von diesen Kühen und könnte einfach auf der Weide stehen und kauen. Den ganzen Tag lang. Kein Stress. Keine Erwartungen. Einfach nur grüne Wiese und fressen. Außerdem fand ich Kühe sehr schön. Besonders ihre Augen. Die wissen was, von der Welt, dachte ich. Auf dem Rückweg nach Hause hatte sich die Lage dann aber komplett verändert. Auf dem Rückweg hätte ich niemals im ganzen Leben mit einer dieser Kühe tauschen wollen. Denn dann kamen die schönen Sachen. Mit Freundinnen im Garten sämtliche Bücher von Erich Kästner nachspielen. Das doppelte Lottchen. Das fliegende Klassenzimmer. Emil und die Detektive. Die Rollen wurden verteilt und dann spielten wir Kapitel für Kapitel durch. Mit Kostümen und Musik-Einspielungen vom Kassettenrekorder. Also quasi mit Soundtrack. Manchmal spielten wir auch Winnetou und Old Shatterhand. Aber da gab es oft Streit, weil jede von uns Winnetou sein wollte.

Zu Hause ging es in den Gesprächen beim gemeinsamen Mittagsessen häufig um Noten. Eine 3 war ein Disaster. Undenkbar. Eine Enttäuschung. In den Herkunfts-Familien meiner Eltern war die akademische Bildungsbiografie der unausgesprochene Standard. Wehe dem, der „dahinter“ zurückblieb: Gleich „gestorben“. Als Kind lernte ich schnell, dass alle Menschen, die kein Abitur und kein Studium hatten, „irgendwie gescheitert“ waren. Man blickte in unserer Familie auf sie herab. Mir war im Alter von fünf, sechs Jahren bereits klar, dass sich der Wert eines Menschen an seinem gesellschaftlichen Status bemisst. Künstler*in beispielsweise durfte man in unserer Familie nur werden, wenn man „dann auch sichtbar, also öffentlichkeitswirksam, Erfolg hatte“ – sich also der gesellschaftlich hohe Status durch „öffentliche Anerkennung“ einstellte. Da niemand in meiner Herkunftsfamilie als Künstler berühmt geworden ist, obwohl es viele versuchten, endeten die künstlerischen Ausbruchversuche immer irgendwie auf halber Strecke und wurden dann durch Kompromisse („dann werde ich halt doch Lehrer, Tierarzt, Rechtsanwalt,…“) an die Norm der akademischen Bildungsbiografie angepasst. 

Mit 14 war ich bereits davon überzeugt, dass ich zu den „Nicht-so-Begabten“ gehörte, quasi eine Hochstaplerin war, die sich nur deswegen am Gymnasium hielt, weil ich die heimlichen Codes kannte, um in diesem Feld zu überleben. Selbstwert also gen Null. Denn außer dem Deutsch- und Musikunterricht, der Big Band und der Theater- und Ballett-AG fand ich alles ziemlich uninteressant und konnte mir nichts länger als zwei Wochen merken. Glücklicherweise war mir aber von kleinauf der Katalog der Ausschluss-Kriterien gut bekannt, so dass ich diverse Tricks anwenden lernte, um meiner Umwelt vorzutäuschen, dass ich zu den „Begabten“ gehörte und somit im Kreis der Anerkannten bleiben durfte. Für Klassenarbeiten schrieb ich stundenlang Spickzettel in Mini-Schrift, die ich mir mit Tesafilm in die Innenseiten eines langen Ober-Hemds (Achtung 80-er!) klebte und Zeile für Zeile abschrieb. An den ganz und gar nicht in Frage kommenden FETEN, auf denen GENESIS gehört und Joints geraucht wurden, nahm ich teil, in dem ich nachts mit dem Fahrrad nach Flensburg fuhr und morgens früh wieder zurück, um dann am Sonntag Morgenam Frühstückstisch betont hellwach und ausgeschlafen zu performen. 

Wenn ich heute sagen soll, was ich in der Schule gelernt habe, dann ist das ziemlich wenig: Die englische Sprache (durch ständiges Romanlesen ab 14 ganz ok), ein bisschen Latein (die paar Sätze könnte man auch in 10 Minuten aus einem Sprüchebuch auswendig lernen), ein bisschen Französisch (Je ne parle pas Francais… ). Fertig. Für diesen Output am Ende von 13 Schuljahren erscheint mir das Ergebnis im Verhältnis zum Zeitaufwand recht kümmerlich. Erstaunlich, welche Bildungswunder sich heutzutage so viele vom Gymnasium erhoffen. Ich würde gerne mal testen, was heutige Abiturienten 5 Jahre nach ihrem Abschluss noch abrufen können – und wie zentral wichtig sie diese Wissens-Restbestände in Bezug auf ihr zukünftiges Leben einschätzen… 

Sehr leer ist mein Gehirn, was die Erinnerung an all diese vielen Jahren Fachunterricht angeht: Im Fach Erdkunde erinnere ich mich beispielsweise noch an das „Klimadiagramm von Timbuktu“, nicht aber, was es eigentlich aussagte. Ich kann mich auch an einige ratternde Filme mit herumfliegenden Kritzeln auf der Leinwand erinnern: Beispiel: Das Paarungsverhalten der Stichlinge. Wie sie sich nun paaren, kann ich allerdings nicht sagen und weiß auch nicht, ob ich das jemals wusste. 

Aus der Schulzeit ist ein großes Nichts zurück geblieben.. Ich habe demnach Stunden um Stunden, Tage um Tage, Jahre um Jahre die Zeit totgeschlagen.

Ich erinnere mich an die Menschen, an die Orte, an die Theateraufführungen, an die Proben, an unsere Texte, unsere Stücke und Gespräche, an die Reisen mit der Theatergruppe und der Big Band und die Auftritte – und das Hochgefühl, das ich dabei hatte. Den Rest habe ich offenbar erfolgreich ausgemistet. 

Es war damals aber immer klar, dass genau diese Anteile des Schullebens eben NICHT „zählten“. Das war nicht der „richtige Unterricht“. Das war „nur Spaß“, nur AG, nur Freizeit. Wenn ich nun aber 30 Jahre später feststelle, dass ich vom „richtigen Unterricht“ nahezu alles vergessen habe, mich aber andererseits bis auf den heutigen Tag auf zahlreiche Erfahrungen beziehe, die ich in den „Spaß-Projekten“ gemacht habe, frage ich mich, wieviel Sinn diese „Das ist die ernste Arbeit“- und „Das ist nur Spaß“- Gewichtung macht. 

Das Gleiche gilt für den Beziehungsaspekt. 

Interessiert habe ich mich in der Schule eigentlich immer nur für die ANDEREN – meine Mitschüler*innen und was ich mit ihnen erlebte. Was die machten, was die sagten, welche Gefühle das bei mir auslöste, was in der Gruppe passierte, wer cool war, wer nicht, wer mit wem „ging“ – und meine eigene Position innerhalb der Gruppe. Alles andere war uninteressant und wurde in meinem Gedächtnis erfolgreich geschreddert. All das aber galt in den Augen meiner Eltern als oberflächlich. Ach so. 

Genau wie in der Schule lernte ich auch zu Hause, dass ich auf der einen Seite Ablehnung erfuhr, wenn ich „schwierig“ oder „oberflächlich“ wurde und auf der anderen Seite Anerkennung und Nähe, wenn ich erfolgreich war. Ich sollte mich „benehmen“, freundlich, höflich und hilfsbereit sein, regelmäßig Klavier üben, meine Hausaufgaben machen und „funktionieren“. Mir war vollkommen klar, dass ich nicht „diskutieren“ und nicht „emotional“ werden sollte. Ich wusste immer, was „man macht“ und was „man nicht macht“. 

Sobald ich auch nur anfing zu rebellieren, wurde mir sofort vorgeworfen, dass ich „unter dem Einfluss“ von irgendeinem furchtbaren Menschen stünde. Auf keinen Fall konnte so ein Gedanke in mir selbst entstanden sein, denn „so bist du ja gar nicht“. 

Was ich als Erziehung erlebt habe, bestand also im Wesentlichen darin, das, was ich selbst dachte oder tun wollte, als vollkommen abstruse Verhaltensweisen zu unterdrücken und „schlechte Einflüsse“ (von denen ich geradezu umzingelt zu sein schien) von mir fernzuhalten. Was ich tun und sagen musste, damit ich Nähe und Zuneigung erhielt, wurde für mich zu einem sehr eindeutigen Verhaltens-Kanon, den ich meistens schauspielerisch zufriedenstellend absolvierte – ohne dabei zu zeigen, was ich wirklich dachte oder wollte. So erspielte ich mir Lob und Zuspruch, wusste aber immer, dass ich das nicht wirklich verdient hatte – denn ich tat ja nur so „als ob“. 

Meine „Werte“ mit 20 ließen sich dann irgendwann wie folgt zusammenfassen: Sei zu allen Leuten nett (Interpretation von Nächstenliebe) und passe dich bestmöglich an. Sei eine entzückende, BESCHEIDENDE (!), Person, die sich in allem selbst zurückstellt, mit einem glockenhellen Lachen, die allen Menschen immer alles recht macht. 

Genau. Deswegen war das Wort Integrität für mich ein Fremdwort. 

Unmerklich hatte sich bei mir eine Grundhaltung ausgebildet, die jeglichem Gefühl für meine eigene Integrität komplett entgegenlief und die Grundlage dafür war folgendes:

Lange Zeit fühlte ich mich ganz toll moralisch überlegen, dass ich „mein eigenes Wollen so in den Hintergrund stellte“. Denn da lag der vermeintliche Wert des Altruismus drunter: Ich bin ein besserer Mensch, weil ich mich selbst nicht so wichtig nehme. Immer schön bescheiden sein, ne? Und das war dann auch so schön, wenn alle mich deswegen MOCHTEN. So kommt mensch ja gut durchs Leben: Immer freundlich, immer leicht devot, immer hilfsbereit, immer schön lächeln. Immer bei den Erwartungen der anderen sein. Nee, mach du mal, ich nehm mich selbst ja nicht so wichtig. Geh du mal vor. Nee, ich schlaf auf jeden Fall auf der Couch. Ich brauch nicht so viel. Ach, nimm einfach, nee, ist kein Problem. Ich mach das einfach umsonst. Es geht mir ja um die INNEREN Werte.Ach. Es ist so toll, ein guter Mensch zu sein. 

Nein. Eigentlich nicht. Denn. In Wahrheit wird man dadurch. Ein. Schlechter. Mensch.

Weil: Unmerklich war ich auf der moralischen Autobahn gelandet, die direkt zu den lästernden und ausgrenzenden Menschen führte, die von Nächstenliebe reden, aber ihrem Vordermenschen im Supermarkt in der Schlange mal ganz kurz „aus Versehen“ den Einkaufswagen in die Hacken rammen müssen. Diese leichte passiv-aggressive Art. Der schon wieder! Kann der nicht mal seinen Müll weg bringen? Nicht so viel trinken? Nicht so laut sein? Nicht rauchen? Mehr arbeiten? Fleißiger sein? Sportlicher sein? Hilfsbereiter sein? ANDERS sein? BESSER sein….??? So wie ICH…??? Ja genau: Warum können die anderen nicht so PERFEKT sein, wie ich immer bin (…äh… sein MUSS)…?? 

Naja. Und jetzt sind wir ein bisschen beim Kern angelangt. Bei der Erschütterung in Neukölln. Das „Lieb-Sein“ ging bei mir nämlich nur so lange gut, wie darauf auch auf dem Fuße die „Belohnung“ folgte. Eigener Selbstwert nämlich: Gleich Null. Deswegen war es wichtig, dass andere (ununterbrochen) wahrnahmen, was für ein GUTER Mensch ich war und mich  entsprechend auch lobten: Toll gemacht, Maike! Super! So lange ich alles „richtig“ machte und dafür Bestätigung von außen erhielt, war alles gut. Selbstwert safe. Zwar ertappte ich mich dann trotzdem des öfteren bei so passiv-aggressiven Gedanken („Die immer – ich nie!!), wenn sich jemand meiner Ansicht nach „zuviel raus nahm“, aber ich hätte noch sehr lange so weitergemacht – wenn nicht in Neukölln in gewisser Weise ein kleiner Infarkt stattgefunden hätte. Alles, was ich bis dahin gelernt hatte, funktionierte nämlich leider nur in „Happyland“*, also dort, wo alle weitestgehend dieselbe Sozialisation und dieselben Vorteile hatten, wie ich. Da, wo die Mehrheit weiß und akademisch gebildet war. In SOLCHEN Umfeldern wusste ich den Code der Anpassung. Wusste, wie ich mich verhalten musste, um Anerkennung zu bekommen. Natürlich nicht für das, was mich SELBST ausmachte. Aber immerhin für das, was allseits als Qualität abgenickt und verstanden wurde. Und so sah ich auf die Welt. 

Folgerichtig bemitleidete ich mich bei meinem allumfassenden Scheitern in Neukölln selbst. Ich hatte doch immer alles RICHTIG gemacht! Warum fanden die Jugendlichen meinen Unterricht doof? Warum lehnten die mich ab? Es konnte nur eine Erklärung geben: Weil sie zu dumm und zu minderwertig waren, um meine tolle Leistung zu SEHEN und anzuerkennen! Ich dachte „Perlen vor die Säue!“. Was ich nicht sehen konnte, war: Mein gesamter Selbstwert beruhte NICHT auf einer eigenständigen Leistung oder einer eigenen Idee, die ich gegen Widerstände in der Welt durchgesetzt hatte, sondern in der beständigen Anpassung an Fremderwartungen. Ich konnte nur Anpassungsleistungen honorieren, nicht aber selbständiges Denken oder eigenständiges Handeln, denn das machte mir Angst, weil es mir mein größtes Defizit schmerzhaft bewusstmachte: Dass ich selbst nicht wusste, wer ich war, wenn ich selbständig denken und handeln sollte. Dass mein Selbstwert von äußeren Bewertungen abhing. Vom Lob und der Zuwendung der anderen. Wenn das wegfiel, merkte ich, dass ich mich selbst für nicht besonders wertvoll hielt. Dass beim Thema Selbstwert Tabula Rasa war. Wer war ich, wenn mich NIEMAND toll fand? 

Und hätte ich solche Gedanken jemals in meinem bildungsbürgerlichen Umfeld geäußert oder sogar versucht, irgendeinen eigenen, abweichenden Weg einzuschlagen, die Rolle der Gefall-Barbie zu verlassen, dann wäre die Reaktion im besten Fall abfällig-amüsiert gewesen, es hätte geheißen: „Ach, jetzt braucht sie was eigenes. Jetzt braucht sie ihr Jodel-Diplom!“ (Zitat Loriot… Nicht umsonst ist Loriot erwiesenermaßen ein großer Kenner der (Voll-)Psychosen des weißen Bildungsbürgertums).