Türwächter*innen der Freiheit – Zweites Kapitel

Die Ruhe vor dem Sturm

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig. (Alle Kapitel gibt es auch in der Hörfassung auf meinem Podcast: Auf meiner Seite bei „Maikes Podcast“).

Hamburg 1998. Nach dem Referendariat folgten dann die tatsächlichen Lehrjahre an einer musisch orientierten Gesamtschule in einer kleinen beschaulichen Stadt in Schleswig-Holstein nahe Hamburg. 

An einem heißen Sommertag, kurz vor den Sommerferien, betrat ich zum ersten Mal meine neue Schule, an der ich eine volle Stelle bekommen hatte. Integrierte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe und musischem Schwerpunkt. Na denn. Dachte ich. Integrierte Gesamtschule. Das war ein Wort, das bei mir gemischte Gefühle auslöste. Meine Eltern hatten die Haltung: Da lernt man nix. Die klugen Kinder gehen aufs Gymnasium. Und die Kollegen an meiner Ausbildungsschule hatten beim Thema Gesamtschule immer entsetzt abgewunken: Da arbeitet man sich tot. Da hast du nach zwei Jahren spätestens einen Burnout! Allerdings hatten mir die Leute dasselbe prophezeit, als ich im Referendariat – zusätzlich zu meinem alltäglichen Pensum – das überdimensionierte Theaterprojekt durchgezogen hatte, und ich wusste: Es ist nicht die Quantität der Arbeit, die gefährlich ist…

Das Gebäude sah genauso aus, wie ich mir eine Gesamtschule vorstellte: Neubau, riesengroß, bunte Fensterrahmen und Geländer, der Schulhof so ein bisschen Abenteuerspielplatz-mäßig, alles in allem das Gegenteil von dem herrschaftlichen Gymnasium, das ich selbst als Schülerin besucht hatte. Im Sekretariat begrüßte mich eine junge, irgendwie zackig wirkende, blonde Dame mit einer schicken roten Brille in burschikosem Ton: Ach, hallo! Du bist bestimmt Maike, na, dann komm mal rein, willste nen Kaffee? Ich nickte etwas diffus und fragte mich, wie ich das finden sollte, dass die Sekretärin mich gleich duzte. In etwas lächerlich reserviertem Ton erkundigte ich mich nach dem Schulleiter, mit dem ich ja eigentlich verabredet war. „Ach, der Dieter, der sitzt gerade in einem Käfig“, erklärte mir die gutgelaunte Frau, während sie sich an einer zischenden und metallisch blitzenden Kaffeemaschine zu schaffen machte. Ich verstand nur Bahnhof und sah wahrscheinlich auch so aus. Sie lachte. „Ja, die Schüler haben den eingesperrt, heute ist ja Abi-Streich…“. Ich wusste darauf nichts zu antworten, vor allem, weil ich mich gerade selbst nicht mochte: Ich war irgendwie latent beleidigt, aber warum eigentlich? Weil ich einen Termin mit dem Schulleiter hatte und er sich offenbar gegen seine eigenen Schüler nicht durchsetzen konnte und sich in einen Käfig einsperren ließ? Oder weil mir dieses Geduze und dieses „der Dieter“ auf den Zeiger ging? Wo war ich hier gelandet? Konnte man das alles hier ernst nehmen oder war ich in einer „Pippi-Langstrumpf-Schule“ gelandet? Und wenn ja, warum war ich darüber jetzt eigentlich so bescheuert verstimmt? Während ich darüber nachgrübelte, stellte mir die Sekretärin einen dampfenden Kaffee vor die Nase. Milch? Ich nickte. Zu meinem Erstaunen goss sie mir aus einer glänzenden kleinen Kanne frischen, warmen Milchschaum in die Tasse. Der Kaffee schmeckte erstaunlich gut. So gut, dass ich für einen Moment meine alberne schlechte Laune vergaß. „Ich bin übrigens Mareike“, sagte die Frau, die ich immer weniger als „Sekretärin“ wahrnahm, sondern eher als „ältere Schwester“. Auch darüber war ich verwirrt. Kam das jetzt, weil sie Mareike hieß und kaum älter wirkte, als ich? Oder weil sie auf mich hier in diesem – wie ich zugeben musste ziemlich gemütlichem Raum – wirkte wie in ihrem eigenen Wohnzimmer bzw. wie in einer heimeligen WG Küche? Ich nahm das alles wahr und wunderte mich, warum ich das nicht einfach genießen konnte. Irgendetwas in mir sträubte sich und produzierte diese leichte „Pikiertheit“ und Unsicherheit, die ich aber selber doof fand. Warum bin ich so scheiße unlocker, dachte ich und trank meinen leckeren Kaffee. Wo hat es in einer SCHULE jemals so einen leckeren Kaffee gegeben? Ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte, während Mareike mir gutgelaunt irgendwelche Sachen erklärte, die ich unkonzentriert aufnahm und sofort wieder vergaß. Und dann kam Dieter. 

Er stand im Türrahmen, strahlte mich an, als hätte er den ganzen Tag nur auf mich gewartet und rief: „Na, da ist sie ja! Das ist ja eine Freude! Hast du gut hergefunden? Wie schön, dass wir uns jetzt endlich persönlich kennen lernen, ich habe ja schon viel von dir gehört…“, er wandte sich an Mareike: „Und? Hast du ihr schon unsere Theaterräume gezeigt? Und unsere neue Mediathek?“ Er strahlte, als sei das seine ganz persönliche Weihnachtsbescherung. Mareike schüttelte den Kopf, „Nee, ich dachte, wir lassen es erstmal ganz gemütlich angehen und trinken einen Kaffee und außerdem machst du das doch so gerne, Dieter…!“ Sie lachte und Dieter schien sich zu freuen. „Ja, das ist großartig, dann machen wir das jetzt!  Dann komm mal mit, Maike. – Und ja, ach so: Ich bin der Dieter. Wir duzen uns hier alle, ist einfacher…“. Und so trank ich den letzten Rest Milchschaum aus meiner Tasse und folgte dann Dieter durch seine Schule… Und stellte fest: In der Tat. Eine Pippi-Langstrumpf-Schule. Aber ich fand es plötzlich gar nicht mehr ganz so doof. 

Dieters Schule war in jeder Hinsicht der Gegenentwurf zu meinem bisherigen Bild von Schule und überhaupt eigentlich der Gegenentwurf zu meiner gesamten bisherigen Sozialisation. Es gab 10 Theaterlehrer*innen und 8 Musiklehrer*innen an seiner Schule. Die Musikräume waren die schönsten Räume der Schule und mit allem ausgestattet, was ich mir beim Thema Musik hätte vorstellen können. Keyboards, Gitarren, Schlagzeug, Tonmischpulte, Ukulelen, Trommeln, Klaviere, Mikros, Kabeltrommeln, Blas- und Streichinstrumente,…es war unfassbar. Die Klassenräume sahen aus wie Wohnzimmer. Voller Pflanzen, Sitzecken, Bücherregalen, Bildern, Blumen, … Die Schülersprecherin der Schule war eine Hippie-Schönheit, wie sie eigentlich nur in Filmen vorkommt und organisierte ununterbrochen Aktionen zu den Themen Umwelt, Tierschutz und demokratischer Schüler-Beteiligung, es gab ständig kleine Aufführungen, gemeinsame Ideen-Sitzungen, Konzerte, Chor- und Bandproben, etc. Die Jugendlichen wirkten erwachsener und reflektierter, als ich es je gewesen war und gleichzeitig unglaublich offen und „gechillt“. Wenn ich anfangs in die Oberstufenkurse ging, in denen ich Deutsch unterrichtete, fühlte ich mich seltsam unterlegen und unsicher und zu jung für meinen Job und ich spürte den eindeutigen Wunsch, diesen strahlenden, jungen Menschen zu gefallen. Das merkten diese aufgeklärten Wesen offenbar sofort und statt sich über mich lustig zu machen oder die Rolle der „Lehrerin“ einzufordern, die sich „gefälligst mal durchsetzen sollte“, brachten sie mir eine Ernsthaftigkeit und Sympathie entgegen, die mich sprachlos machte. Es war, wie in ein großes samtweiches Wattetuch fallen. Innerhalb weniger Wochen fand ich mich mit ihnen in Diskussionen zur Weltlage wieder, ständig planten, dachten, organsierten wir Dinge, der Unterricht wirkte wie ein Sit-In zu den wichtigen Themen der Welt. Lehrkräfte, die von den Jugendlichen als „noch etwas verklemmt und/oder schüchtern“ empfunden wurden, lernten ihre Schüler*innen als geduldige und freundliche Unterstützer kennen, die ihnen liebevoll dabei halfen, „aufzutauen“ und „mehr zu sich zu stehen“, „mutiger und ehrlicher zu werden“. Es war fast zum Lachen. Ich hatte das Gefühl, mehr von den Schüler*innen zu lernen, als umgekehrt. 

Was mich vor allem zutiefst erstaunte, war diese allumfassende fürsorgliche Haltung. Ich war es gewöhnt, dass immer irgendwer über irgendjemand anderen schimpfte, bzw. die Mängel einer anderen Person in den Vordergrund stellte. Hier aber schien es um Mängel nicht zu gehen. Wie jemand war, das war grundsätzlich erstmal anerkannt. Es gab nicht diesen doppelten Boden: Nach außen bin ich ganz freundlich zu dir, aber in Wahrheit halte ich dich natürlich für einen Freak. Nein. Hier war die Freundlichkeit einfach das Ergebnis von echter Neugier und Gelassenheit. Es gab so eine zufriedene Grundstimmung und den Willen, andere Leute gut zu finden, egal, wie ANDERS sie waren. Lästern war einfach nicht en vogue. Ich fragte mich ununterbrochen, was bei mir anders gelaufen wäre, wenn ich an SO einer Schule gewesen wäre.  

Und bei den Kleinen erlebte ich eine Begeisterung, über die ich ebenfalls fast lachen musste. Ich empfand Lust, Stunden vorzubereiten, die sie spannend fanden und dachte mir ständig neue Sachen aus. Es schien allseits erwünscht zu sein, möglichst wenig „klassischen Unterricht“ abzuliefern. Lieber in den Wald gehen, oder ein Theaterstück proben, oder auf dem Schulhof eine Aktion starten. Im Klassenraum zu sitzen und Arbeitsbögen auszufüllen schien eher suspekt, da war jemand offenbar zu faul, um sich kreative Gedanken zu machen. Nicht alle Lehrpersonen im Kollegium fanden das gut. Aber diejenigen, die es gut fanden, waren im Schulleitungsteam. Sie hatten gemeinsam mit Dieter diese Schule gegründet. Insofern fühlte ich mich sicher in meiner Freude, zum „Horizont zu galoppieren“, alles Mögliche ausprobieren zu dürfen. Nach ungefähr einem Jahr stellte ich überrascht fest, dass ich glücklich war. Dieter vertrat die These, dass „Umwege die Ortskenntnis erhöhen“ und dass daher „Fehler“ eine wichtige Quelle für neue Erkenntnisse darstellten. Es gab also quasi kein Scheitern. Nur immer wieder Neues probieren, in endlosen Teamsitzungen neue Pläne schmieden, durchgeführte Wochenpläne und Projekte auswerten und Neues planen und durch all das immer neue Erfahrungen sammeln. Ich arbeitete rund um die Uhr. Morgens um 7.30 Uhr war ich in der Schule. Abends um 20 Uhr wieder zu Hause – wenn nicht irgendwelche Abendveranstaltungen stattfanden, was auch häufig passierte, dann kam ich erst spät nachts nach Hause. Es gab ausreichend viele Kollegen*innen, denen ich mich so nahe fühlte, dass es sich wie Freundschaft anfühlte, so dass ich gar kein Bedürfnis danach hatte, meine Arbeitszeit von meiner privaten Freizeit zu trennen. Nix mit Work-Life-Balance. Work und Life war irgendwie dasselbe. Und schön! 

Dieter stellte mich in regelmäßigen Abständen vor neue Herausforderungen und „schickte“ mich zu zahlreichen Fortbildungen. In den Jahren in „Bullerbü“, wie ich diese Phase rückblickend bezeichne, ermutigte mich Dieter auch zu der zeitintensiven Weiterbildung für das Fach „Darstellendes Spiel“ und so erwarb ich nach zwei Jahren berufsbegleitender Weiterbildung und zahlreichen Wochenend-Lehrveranstaltungen auf Schloss Salzau meine Fachqualifikation für „Darstellendes Spiel“ in der Oberstufe, so dass ich nun quasi auch „offiziell“ Theaterlehrerin wurde. 

Es ist schwer für mich, diese sechs Jahre meines Lebens zu beschreiben, denn sie erscheinen mir rückblickend wie ein Traum. Vor dem Hintergrund, was danach passierte, erscheint mir alles wie eine heile und daher unwirkliche Welt. Dabei weiß ich, dass es natürlich auch an der Bullerbü-Schule hin und wieder Konflikte gab und Phasen, in denen ich dachte: Wie blöd ist diese Kollegin Sowieso, dass sie hinter meinem Rücken über mich lästert oder sich über mein neues Projekt aufregt und meine Arbeit boykottiert. Oder diese Eltern, die mir beim Elternsprechtag die Hölle heiß machen und alles besser wissen. Ich weiß, dass es manchmal solche Verstimmungen gab, und ich sie teilweise als Drama empfand, aber alles löste sich nach kurzer Zeit auf und war dann immer gar nicht so bedeutsam wie gedacht und im Großen und Ganzen war ich an einer Schule gelandet, an der Einigkeit darüber bestand, wie guter Unterricht und wertschätzende Pädagogik funktioniert. Das Kollegium verstand sich als eine Gemeinschaft, es wurde oft zusammengesessen, beim Bierchen geplaudert und gegrillt und sogar richtig krass zusammen gefeiert – getanzt und gesoffen bis in die frühen Morgenstunden. Ich hatte ein Zuhause gefunden. 

Vor allem aber weiß ich, dass sich in dieser Zeit eine Art Umbau meines Gehirns vollzogen hat: Aus der konservativen „Perlenschlampe“, die anfangs noch pikiert und skeptisch gegenüber dem lockeren Arbeits-Du und den projektorientierten Unterrichtsmethoden eingestellt gewesen war, wurde die Persönlichkeit frei gelegt, die offenbar darunter geschlummert hatte. Eben jene Person, die im Referendariat mal kurz aufgewacht war und sich mit einem verrückten Theaterprojekt aus den Zwängen des Gehorsams befreit hatte, diese Erfahrung aber noch nicht als Erfolg zu werten wagte. Tatsächlich verschwieg ich diese Episode meines Lebens über zehn Jahre lang, weil es mir peinlich war, dass ich ohne jegliche Kenntnis der Theaterpädagogik eine ganze Schule mit diesem Theaterprojekt aufgescheucht hatte. Erst viel später konnte ich mir diesen Abschnitt meines Lebens wieder als eine Erfolgsgeschichte zurückholen und für mich würdigen. Denn: Damals war ich noch zu sehr darauf aus, alles „richtig“ zu machen. Und es war – LOGISCH! –  „nicht richtig“, autodidaktisch ein Theaterstück mit allen Schüler*innen der Schule zu machen! Wie peinlich war DAS denn?? 

Ich wollte möglichst schnell Neues lernen, Neues kennen lernen, einen möglichst großen Abstand herstellen zu der naiven Maike, die ich im Referendariat gewesen war. Bzw. davor. Ich konnte nicht mehr nachvollziehen, wie ich das auf angebliche Leistung abzielende Gymnasium für den besten Schultyp hatte halten können. Diese Fixierung auf Wissensvermittlung, Abfragen von Wissen in Tests und Prüfungen und die wie in Stein gemeißelte Rollenverteilung Lehrer-Schüler erschien mir jetzt wie ein Schwarz-Weiß-Film aus den 50-er Jahren. Im Grunde so Feuerzangenbowle-mäßig. 

In Bullerbü dagegen lernte ich, was in Wahrheit alles möglich war, und dass der Lehrerberuf eventuell DOCH der spannendste Job der Welt war. Möglichkeiten, jeden Tag auf neue Erkenntnisse zu stoßen, gab es plötzlich im absoluten Überfluss. Dieter wurde für mich Vorbild in der Art und Weise, wie er seine Überzeugungen lebte. Er hatte in einer konservativ geprägten Kleinstadt eine eigene Schule gegründet, die Jahr um Jahr immer wieder aufs Neue bewies, dass nicht äußere Benotung und Leistungsdruck der Schlüssel zu erfolgreichen Bildungsbiografien sind, sondern eine gleichwürdige Pädagogik, die den individuellen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Das klang für mich bis dahin immer nur wie eine wichtigtuerische Worthülse. In „Bullerbü“ konnte ich Tag für Tag den Sinn dahinter erfahren und hautnah erleben, warum das tatsächlich so sein kann und vor allem: wie es funktioniert. 

So hätte diese Geschichte in „Bullerbü“ eigentlich mit einem Happy End und dem Satz: Und wenn sie nicht gestorben ist, dann unterrichtet sie noch heute – zu Ende sein können. Aber offenbar war es noch nicht Zeit für das Happy End. 

Denn wie ist es vor diesem Hintergrund zu erklären, dass ich trotz dieser idealen Bedingungen nach einigen Jahren diese bleiernde Schwere empfand, eine leicht depressive Grundstimmung, so ein Gefühl: Ist mein Leben jetzt „fertig“? Die Tage waren ausgefüllt, alles lief wie geschmiert, alles war schön geordnet – wie „es sein sollte“. Es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis ich heiratete, eine Familie gründete, irgendwo eine Reihenhaushälfte mit kleinem Gartengrundstück kaufte und dann endlich „richtig erwachsen wurde“. Wenn ich durch die Fußgängerzone der beschaulichen Kleinstadt schlenderte, kam in mir die Angst hoch, dass jetzt alles immer so bleiben würde. Und andererseits fand ich mich kindisch mit dieser Sorge. Du musst jetzt endlich mal erwachsen werden, Maike, dachte ich, du kannst nicht immer weiter so einen auf „Studentin“ und WG und Party machen und dir alles offenhalten, du bist ja nicht mehr 20! 

Ich versuchte also krampfhaft, „erwachsen zu sein“, stellte mir vor, wie schön es ja auch sein könnte, in diesem Ort ein Leben lang zu bleiben, mit Freunden abends ein Bier im Garten zu trinken, zu grillen, über die Einrichtung der Reihenhaushälfte und die Angebote bei Aldi nachzudenken und einfach ein „ganz normales, gemütliches Leben zu führen“. 

Ja. Irgendetwas machte in mir drin nicht mit. Das merkte ich spätestens an einem Sommerabend, an dem ich alleine mit meinen zwei Einkaufsbeuteln nach Hause ging und plötzlich diesen Gedanken hatte, wie unglaublich gerne ich jetzt ein rohes Ei gegen diesen blitzsauberen Klinkerbau mit Kleingartenanlage werfen würde. Und das Schlimme war: Es blieb nicht bei diesem Gedanken… Ich warf das Ei. Und es machte bei der Landung ein sehr zufriedenstellendes Geräusch.  

Irgendwie war damit der „Damm gebrochen“ – so wie man irgendwann den ersten Kaffee trinkt, der noch nicht schmeckt, aber mit jeder weiteren Tasse dann immer besser. Ich begann die Innenstadt von „Bullerbü“ unter dem Aspekt zu betrachten, wo es am meisten Spaß machen würde, ein rohes Ei abzuwerfen. Ich fand tatsächlich, dass das Gesamtbild durch so einen schönen, runter glibbernden Eidotter erheblich aufgewertet wurde. Es gab tausend Orte, wo so ein Ei eine wunderbare Wirkung entfaltete. Bald warf ich – ohne Scheiß – täglich mehrere rohe Eier ab: Überall adelte ich diese hübschen, beschaulichen Kleinstadt-. Idyllen mit einem durchdachten, sorgfältigen kleinen Eierwurf. Es war wunderbar. 

Wobei. Meine Kompetenz, mich selbst von außen zu betrachten, war noch existent und so war ich in der Lage, zu bemerken, dass diese Eierwurf-Tätigkeit eventuell auf ein verdrängtes Problem schließen ließ. Vielleicht war ich einfach noch nicht bereit für die Reihenhaushälfte und ein gemütliches Leben?  

Und als ich diesen Gedanken endlich zuließ, brach der Zweifel mit aller Kraft an die Oberfläche: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein…? Ich bin 32 Jahre alt und scheinbar „angekommen“. In meinem Element. Alles gut. Alles toll. Alles ZU gut? Und werde ich jetzt einfach mein Leben lang so weitermachen? Kleinstadt, nette Kinder, nette Eltern, Klassenlehrerin, ein, zwei Theaterstücke im Jahr, im Sommer Abschlussprüfungen und eine Klassenfahrt, und dann Urlaub an der Ostsee? Bei dieser Vorstellung wollte ich sofort 10 Eier irgendwo hinwerfen. 

Wenn man wie ich aus Schleswig-Holstein kommt und in der nächsten großen Stadt – Hamburg – bereits gelebt hat, wie ich – dann scheint Berlin irgendwie die naheliegende Option zu sein. Einige Freunde und meine Brüder waren auch schon da. Und na klar: Berlin war der größtmögliche Gegenentwurf zur Kleinstadtsiedlung, die mich so beklommen machte.

So logisch mein Entschluss mir vorkam, so sehr verstörte er mein Umfeld. „Bist du völlig bekloppt? Was soll DAS denn jetzt?“. Die meisten Menschen in meinem Umfeld reagierten verstimmt. „Das wirst du bereuen!“ war die allgemeine Prophezeiung. „Das ist ein Riesenfehler, Berlin ist so ein hipper Sehnsuchtsort, wo alle was rein projizieren, aber in Wahrheit ist diese Stadt ein Riesendrecksloch und ein hartes Pflaster, da gehst du doch unter“. Solche Sätze kamen. Und auch so ein bisschen dieses Beleidigte: Wie kannst du jetzt einfach weggehen, wo Dieter so viel in dich investiert hat? In der Tat. Das war der einzige Mensch, vor dessen Reaktion ich mich wirklich fürchtete. Denn es stimmte: Dieter hatte jahrelang in „mich investiert“, wenn man es denn so definieren will. Ständig hatte er mich beurlaubt, damit ich mich fortbilden konnte. Und jetzt, wo diese „Investition“ hätte Früchte tragen können, an seiner Schule, verließ ich den Laden. Undankbares Pack. 

Doch der einzige Mensch, der NICHT verstimmt reagierte, war – Dieter. „Tja, Reisende soll man nicht aufhalten“, war sein unbeirrt gutgelaunter Kommentar. Und: „Ich habe mir sowieso gedacht, dass du früher oder später das Weite suchst. Du brauchst noch mehr Herausforderungen. Das ist mir ganz klar. Deswegen hab ich mir die ganze Zeit schon gedacht: Lass sie noch mal ordentlich was mitnehmen, bevor sie dann irgendwann geht. Der Rucksack, mit dem du uns verlässt, der soll möglichst voll sein. Ja. Das hab ich IMMER gedacht bei dir. Und Berlin. Das ist genau die richtige Stadt für dich, glaub ich. Ich freu mich über deinen Schritt. Da wirst du noch ganz viel lernen. Ich sag dir nur eins noch – wenn du willst – was ich dir jetzt so auf den Weg geben würde…“ Fragender Blick. Ich nicke. Dieter grinst und sagt: „Du musst dein Konfliktpotential stärken, Maike. Du bist noch zu lieb. Aber ich habe keine Zweifel, dass dir das in Berlin gelingen wird. Mein Rat vom alten Dieter“. 

Prophetischer Ratschlag, wie sich herausstellen wird…   

Und also entscheide ich mich ein zweites Mal „bekloppt“ zu sein, nehme tränenreichen Abschied und gehe nach Berlin. Nicht ohne zuvor meine Verbeamtung aufzugeben, da ich ansonsten eventuell jahrelang hätte warten müssen, bis jemand anders mit mir getauscht hätte. Ich wusste damals nicht, was ich „in ein paar Jahren wollen würde“. Aber JETZT wollte ich nach Berlin. Und „JETZT“ war im Rahmen einer Lebenszeitverbeamtung nicht möglich. Also versuchte ich, mich von diesem goldenen Käfig, der sowieso so viel Ängstliches mit mir machte, zu befreien. Was auch gelang. Aber nachdem ich mich in Berlin bereit erklärt hatte, freiwillig an einer Neuköllner Hauptschule zu unterrichten, schenkte mir der Berliner Senat – vielleicht als so eine Art Belohnung für meinen Mut – die aufgegebene Verbeamtung wieder zurück. Und so hatte ich sie bei meinem Start an einer sogenannten Neuköllner Brennpunktschule dann doch wieder „an der Backe“ und erlebte in Berlin einen Neuanfang – und meinen Untergang.