Neues Buch und Podcast: Türwächter*innen der Freiheit – Erstes Kapitel

Ich werde jetzt auf meinem Blog Teile aus meinem neuen Buch veröffentlichen und dazu einen Podcast. Jeden Monat wird es ein neues Kapitel geben. Worum geht’s? Nach allem, was ich bisher geschrieben habe, ist jetzt mal eine amtliche, erzählerische, lebendige Durchdringung des Themas gefragt: Was meine ich eigentlich damit: „Befreit euch!“? Ich dachte, das veranschauliche ich vielleicht am eingängigsten, indem ich euch mal von meiner persönlichen Reise hin zu diesem Thema erzähle. Quasi biografisch… Denn vielleicht sollte ich, nachdem ich alle anderen immer dazu ermutige, ihre Geschichten zu erzählen, auch selbst mal was beitragen…

Ich werde euch von meinen persönlichen Irritationen in Bezug auf unser Schulsystem berichten und warum ich der Meinung bin, dass wir trotz vieler neuer, lustiger Motivationsmethoden, bunter Karten und Gruppentischen in den Schulen noch immer den Gehorsam des letzten Jahrhunderts internalisiert haben und was das mit uns macht. Und: Welche Konsequenzen ich daraus gezogen habe, warum ich mich trotz aller schlechten Nachrichten weiterhin für die Freiheit jedes einzelnen Menschen einsetzen möchte und warum ich diesbezüglich weiterhin optimistisch bin – und vor allem: Warum ich glaube, dass Menschlichkeit bei all dem der wichtigste Faktor bleibt. Walid sagt es im Film „12 Jahre ein Untertan?“ noch viel besser: Man muss lernen, Menschen zu lieben und an Menschen zu glauben.

Denn was uns in allem Chaos der Welt immer wieder rettet, sind einzelne Menschen, die sich allem herrschenden Zynismus zum Trotz immer wieder für andere und für gemeinsame Ziele einsetzen.

Wenn sie es schaffen, frei zu sein. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit.

Davon möchte ich erzählen. Von den

Türwächter*innen der Freiheit.

Und:

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig. 

Anmerkung: Wer lieber hört, als liest, findet hier die Kapitel als Podcast-Folgen.

 Türwächter*innen der Freiheit

 Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet. Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)). Neben die äußere tritt die innere Emanzipation: als Befreiung aus eigener Unmündigkeit und den Fesseln von Tradition, gesellschaftlichen Normen und vorgegebener Weltanschauung. Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit (im Sinnevon Gleichberechtigung oder Gleichstellung), meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischenStrukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern. (Wikipedia, September 2019) 

„Es war nicht die Weltwirtschaftskrise“, die einen Hitler an die Macht gebracht hat. Es waren Menschen mit einer klar definierten inneren Haltung. Mit klar artikulierten, autoritären Überzeugungen. Nur, woher kommen diese Haltungen? Diese Geschichte beginnt dort, wo wir Menschen klein und abhängig sind. In der Kindheit bildet sich der seelische Maßstab, der entscheidet, mit welcher Gesinnung wir später durch das Leben gehen. In der Kindheit erfahren wir, ob es unter Menschen um Macht und Überlegenheit geht – oder aber um Vertrauen und Zusammenarbeit. Erziehung ist keine Privatsache.“

(„Erziehung prägt Gesinnung“, Herbert Renz-Polster)

1 Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Kiel 1997: Am Anfang dachte ich, es wäre so eine Art Pubertät. Dieses ständige Gefühl eines inneren Widerstandes und der Drang zu widersprechen. Ich war 27 Jahre alt und steckte in der Höllenmaschinerie Referendariat auf Lehramt. Meine Motivation Lehrerin zu werden hatte sich bereits nach wenigen Wochen erledigt. Ich kam mir vor wie eine 15-Jährige, die ununterbrochen mit vorwurfsvoll dreinschauenden Erwachsenen konfrontiert ist. Doofen Erwachsenen, die mit humorloser Stimme die Befolgung von völlig schwachsinnigen Regeln einfordern. So albern hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt und es war irgendwie erschütternd, mich selbst dabei zu beobachten, wie ich die ganze Zeit dachte: „Im Ernst?“ – „Im ERNST?“ und Mühe damit hatte, diese zwei Wörter nicht ständig laut auszusprechen.

„Sie müssen sich eine formalere Sprache angewöhnen, Frau Plath…“ – „Im Ernst??“

„Sie dürfen im Unterricht nicht so viel lachen.“ – „Im Ernst??“

„Sie dürfen die Schüler während des Unterrichts nicht zur Toilette lassen.“ – „Im Ernst?“

„Sie müssen in jeder Stunde, die Sie geben, Ihr vorformuliertes Unterrichts-Ziel erreichen – und zwar in genau der Minute, die Sie vorher in Ihrer schriftlichen Unterrichtsplanung dafür angegeben haben.“ – „Im ERNST?“

Nach den Lehrproben sollte ich dem Gremium aus Studienleitern, Mitreferendaren*innen, Schulleiter und Mentorin immer minutiös meine „Fehler“ aufzählen, die mir während der Stunde unterlaufen waren. Mit dieser Selbstgeißelung sollte ich unter Beweis stellen, dass ich all meine Fehler SELBER erkennen konnte und somit also in der Lage war, zu REFLEKTIEREN. Während alle anderen im Raum mit gerunzelter Stirn und sehr beflissen Notizen dazu machten, um im Anschluss dann noch all die vielen Fehler zu ergänzen, die ich NICHT gesehen hatte. Wenn andere nach solchen Tribunalen weinend aufs Klo rannten, seufzte der Seminarleiter mit einer gewissen Zufriedenheit und wiederholte das Mantra, das offenbar die geistige Grundlage für das Referendariat bildete: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. – IM ERNST??

So ging das weiter. Und meine Fassungslosigkeit steigerte sich ins Unermessliche, zumal ich mit meinem Staunen über diese perfekt organisierte Lern-Behinderungs-Maschinerie offenbar völlig alleine war. Um mich herum nur diese betretenden, ängstlichen, selbstgerechten oder empörten Gesichter. Graue Flure, graue Seminarräume, unendliche Langeweile und gleichzeitig unerträglicher, ganz und gar künstlich erzeugter Stress und eine vollkommen aufgebauschte Wichtigkeit von völlig unwichtigen Dingen. Alle schienen sich in geduckter Haltung und nur auf Zehenspitzen zu bewegen – nur darauf bedacht, nicht aufzufallen, keinen FEHLER zu machen, sich zu verstecken und möglichst ungeschoren davon zu kommen. Ich fand mich in einem Reich wieder, in dem die Opportunisten und Schleimerinnen die Königinnen und Könige waren. Mir wurde klar: Hier bin ich falsch.

Meine Mentorin Frau Thiele, die sich offenbar in den Kopf gesetzt hatte, mich heile durch diese zwei Jahre zu bringen, hatte mir vor meiner letzten Lehrprobe geraten, in der anschließenden Auswertungsrunde im „Gremium“ untertänig und sehr höflich aufzutreten. „Wissen Sie, Sie dürfen nicht immer alles in Frage stellen, Frau Plath…“ (- IM ERNST??)

Frau Thiele hatte mir vorsorglich Formulierungen auf einem Zettel notiert, an denen ich mich in meinem Selbstgeißelungs-Gespräch orientieren sollte, „falls mit mir wieder die Pferde durchgehen sollten“…

„Ich kann Sie ja verstehen“, erklärte Frau Thiele, „aber Sie müssen sich an die Vorgaben halten und dem Seminarleiter das Gefühl geben, dass Sie hier wirklich was lernen wollen“. Aber genau das ist ja der Witz! Ich WILL ja was lernen, aber ich DARF ja nicht! Dachte ich genervt.

Das mit den vorgebenden Formulierungen war natürlich gut gemeint. Es klappte aber nicht. Nach der gegebenen Stunde dauerte es im Nachgespräch genau zwei Minuten, bis ich mich wieder – mit vor Aufregung rasendem Herzklopfen – in einem hitzigen Streitgespräch mit dem Seminarleiter befand, der kurz darauf türenknallend den Raum verließ, nicht ohne der betretenen Frau Thiele ein – wie ich fand affig – empörtes “Das lasse ich mir nicht bieten!“ vor die Füße zu werfen, als wäre sie an allem Schuld, weil sie mich „krassen Punk“ nicht unter Kontrolle bekam.

Dabei war von “krasser Punk” wirklich nicht ansatzweise irgendeine Spur. Ich war damals angepasst bis zur Schmerzgrenze: Das, was man “wohlerzogen” nennt und was in Wahrheit nur bedeutete, dass ich mich exzellent an die Erwartungen anderer anpassen konnte, ohne auch nur einen Schimmer davon zu haben, was ich selbst wollen oder brauchen könnte. Meine Erziehung in einem konservativ-protestantischen Elternhaus hatte ganze Arbeit geleistet.

Überall konnte ich in Windeseile die Erwartungen meines Umfeldes erspüren und mich dann entsprechend “benehmen”. Meine Mutter hielt dieses Verhalten für die Schlüsselkompetenz zu einem erfolgreichen Leben. Und meine eigene Schulzeit gab ihr Recht: Als Schülerin kam ich mit dieser Haltung bestens durch. Was meine eigenen Bedürfnisse anging, hatte ich nicht die geringste Ahnung. Wie auch, denn sobald ich irgendeinen eigenen Wunsch durchzusetzen versuchte oder mich gegen eine Erwartung stellte, wurde dieses Verhalten mit dem Satz „Sei nicht hysterisch!“ abgestraft. Die mildere Form des Tadels lautete: Sei doch nicht so ich-bezogen, es gibt auch noch andere Menschen auf der Welt!

Warum ich also im Referendariat ganz plötzlich diesen riesigen inneren Widerstand entwickelte, war, glaube ich, der Ungeheuerlichkeit dieser ständigen Grenzüberschreitungen geschuldet.

Das erste, was mir gesagt wurde, war, dass ich zuviel lachte. Ich müsse mich von den Schüler*innen deutlicher abgrenzen was Sprache und Habitus betreffe. Das zweite Unglück des Referendariats lag in der Fokussierung auf die „Fehler“. Ich hatte Lust, Stunden vorzubereiten und erst recht, anschließend akribisch zu reflektieren, was in der Stunde passiert war. Aber das, was unter „Reflektieren“ verstanden und von mir erwartet wurde, war eine demütige Aufzählung aller Kleinigkeiten, die mir „missraten“ waren. (hierarchisch, Status!). Es schien „die perfekte Unterrichtsstunde“ zu geben – nur leider sah ich eine solche nie und zweifelte auch stark daran, dass es sie überhaupt gab. Stattdessen wurde ich ängstlich und fühlte mich vor jedem Unterrichtsbesuch wie damals als Kind vor der Klavierstunde.

Die hatte ich als Kind jeden Donnerstag um fünf. Bei Herrn Engler. Herr Engler roch nach Seife und machte alles korrekt.

Er saß mit traurigem Gesicht und übereinander geschlagenen Beinen neben seinem Steinway-Flügel und schrieb mit einem Füller in sehr akkurater, winziger Schrift in ein kleines, liniertes Oktavheft hinein, was ich üben sollte. Fingerkraft Seite 7, Nummer 15a und b, Czerny Seite 24, Nummer 3, Emonts Seite 15, Nummer 4. Meistens schrieb er genau das hin, was er auch schon in der letzten Woche geschrieben hatte, denn er war selten zufrieden. Hast du geübt? Fragte er jedes Mal statt einer Begrüßung. Und ich nickte und setzte mich auf die Klavierbank vor dem Flügel. Herr Engler nahm das lange, schmale Samtdeckchen von der Tastatur und sah dabei immer ein wenig gequält aus. Denn jetzt würde ich mit meinen schwitzigen Patschehändchen die schönen weißen Tasten beschmutzen. Es war ganz klar, dass Herr Engler darunter litt. Noch trauriger schaute er, wenn ich anfing zu spielen. Nein nein nein, unterbrach er immer irgendwann und seufzte. Von vorne. Dann fing ich die Übung wieder von vorne an. Wenn ich das sechste oder siebte Mal von vorne angefangen und wieder gepatzt hatte, schüttelte Herr Engler den Kopf und sagt: Du hast nicht geübt. Was meistens auch stimmte. Wobei. Meistens spielte ich am Donnerstag um Punkt 16 Uhr alle Übungen einmal holterdipolter durch, noch gerade rechtzeitig, bevor Papa rief: Wir müssen los! Dann schmiss ich meine Fingerkraft-, Czerny-, Emonts-Hefte in eine Tasche, seufzte und fügte mich in mein unvermeidliches Schicksal. Das war nicht das, was Herr Engler unter „Üben“ verstand, schon klar. Jeden Donnerstag auf dem Weg zur Klavierstunde, wenn ich mit beklommendem Gefühl im Bauch im Auto saß, die Klaviertasche mit den Noten und dem kleinen Oktavheft auf dem Schoß, nahm ich mir vor, das nächste Mal WIRKLICH vorher anzufangen, am besten schon am Wochenende, ich stellte es mir vor, es wäre ja ganz einfach, ich könnte ja jeden Tag eine Viertelstunde üben, das würde ja gar nicht weh tun und dann müsste Herr Engler nicht immer dasselbe ins Oktavheft schreiben. Aber aus irgendwelchen mysteriösen Gründen klappte es nie. Es war immer plötzlich schon Donnerstag, 16 Uhr, und ich hatte wieder nicht geübt. Und immer hoffte ich heimlich und leidenschaftlich, dass Herr Engler kurz vorher anrufen und wegen Krankheit absagen würde, aber diese leidenschaftliche Hoffnung erfüllte sich nie. Herr Engler war zwar chronisch erkältet und sah immer aus, als würde er gleich das Zeitliche segnen, aber er sagte niemals eine Klavierstunde ab. Leider. Insofern beschloss ich irgendwann selbst die Initiative zu ergreifen und meinem Vater zu sagen, dass ich keine Lust mehr hatte auf die Klavierstunde. Ungefähr ein Jahr lang saß ich jeden Donnerstag schweigend neben Papa auf dem Beifahrersitz und dachte: Jetzt sagst du es einfach. Aber ich sagte es nicht. Und saß dann wieder auf der Klavierbank neben dem traurigen Herrn Engler. Als ich es dann irgendwann endlich schaffte und viel zu laut in die Stille des Autos platzte: Ich hab keine Lust mehr auf den Klavierunterricht, kann ich aufhören?, warf mein Vater mir einen Blick zu, als sei ich eine unfassbare Plage, die aus heiterem Himmel über ihn herein gebrochen war und die er nicht verdient hatte. Mit tonloser Stimme sagte er leise: Das kommt GAR NICHT in Frage.

Ach so.

Viele Jahre später fand ich bei einem anderen Klavierlehrer erstaunt heraus, dass Klavierspielen Spaß machte und dass es dazu nicht eine einzige Fingerkraft-Übung brauchte, geschweige denn ein Oktavheft mit aufgelisteten Übe-Aufträgen.

Im Referendariat hatte ich ähnliche Fluchtgedanken.

Das lag nicht an den Schüler*innen. Sofern ich alleine mit ihnen im Klassenraum sein durfte und erste Unterrichtserfahrungen sammelte, war alles gut. Ich bereitete hochmotiviert meine wenigen eigenverantwortlichen Stunden vor und freute mich auf die zahlreichen Reaktionen der Jugendlichen. Ich war gespannt auf alles, was sie mir erzählten, zeigten, fragten. Ich fühlte mich wie in einem Labor, in dem ich austesten konnte, was erfolgreich war und was nicht. Mein Ehrgeiz war es, möglichst alle Schüler*innen zu begeistern und sie „in Fahrt zu bringen“. Dafür wollte ich möglichst viel über sie wissen.

Aber scheinbar ging es darum gar nicht. Das erste, was mein Seminarleiter anmerkte, war: „Sie stellen zu den Schüler*innen zuviel Nähe her. Sie müssen sich viel klarer abgrenzen. Ihre Sprache ist zu umgangssprachlich. Sie müssen sich um einen fachlicheren Ton bemühen“.

Auch stellte sich heraus, dass das Referendariat alles andere als ein „Labor“ war: Austesten, probieren, reflektieren und neu probieren war überhaupt nicht das, was erwartet wurde, sondern – mal wieder – funktionieren nach bereits genau ausformulierten Kriterien. Eigene Ideen und insbesondere zu große Begeisterung für neue Ideen waren alles andere als erwünscht. Bereits nach meiner ersten Lehrprobe und dem erwähnten Rüffel wegen meiner „zu großen Nähe zu den Schülern“, wurde ich zwei Stunden lang über all meine „Fehler“ aufgeklärt. Minute für Minute wurde die gegebene Stunde seziert – und zwar ausschließlich unter dem Aspekt, was alles „falsch gelaufen war“. Ein konstruktives, interessantes Gespräch kam auf diese Weise nicht zu Stande. Meine irgendwann nur noch zögerlich vorgebrachten Fragen, wurden mit leicht sauertöpfischer Miene ignoriert. Meine Mentorin, die mir immer wieder beschwichtigende Blicke zuwarf, erklärte mir hinterher: „Sie sollten bei so einer Nachbesprechung keine Fragen stellen. Das wirkt zu selbstbewusst und verärgert den Seminarleiter. Besser ist es, einfach zuzuhören und den Eindruck zu vermitteln, dass Sie lernen wollen“.

Aber ich WILL doch lernen! MEIN GOTT!!  Meine Mentorin schüttelte den Kopf: „Ja, das weiß ich, aber so wird es nicht verstanden. Wenn Sie Fragen stellen, wirkt es so, als wollten Sie diskutieren und wüssten schon, worauf es Ihnen ankommt. Es ist besser, wenn Sie sich unterordnen, sonst bekommen Sie nur Probleme…Sie müssen dem Seminarleiter das Gefühl geben, dass er immer recht hat, sonst nimmt er Sie als renitent und widerständig wahr. Das führt zu schlechten Benotungen…“

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Mit diesem denkwürdigen Satz, den der Seminarleiter wie eine Drohung formulierte, versuchte meine Mentorin mich zu trösten. Leider half dieses innere Mantra aber auf Dauer nicht weiter. Innerhalb weniger Monate verlor ich jegliche Motivation.

Konfrontiert mit immer neuen, ewigen – und aus meiner Sicht abstrusen – Aufzählungen aller Fehler, die mir in einer Stunde unterlaufen waren, engsten Zeitvorgaben und theoretischen Ausführungen, wie eine „perfekte Stunde“ auszusehen hatte, verlor ich  die Lust am Unterrichten.

Geradezu komische Züge nahmen die Auswertungsrunden in der Seminargruppe mit den anderen Lehramtsanwärter*innen an:

Die gesamte Gruppe der Referendar*innen reiste zu einem Unterrichtsbesuch an, wo sie dann hinten in einer Reihe nebeneinander saßen und emsig jedes Wort mitschrieben. Hinterher saßen wir alle mit ernsten Gesichtern im Kreis und die Mitreferendare wurden vom Seminarleiter aufgefordert, alle Fehler zu benennen, die ihnen aufgefallen waren. Man konnte seinen eigenen Ruf nur dadurch retten, dass man vorher bereits selbst alle Fehler aufzählte, die man in seiner Vorführstunde gemacht hatte. Je mehr Fehler ich selbst benennen konnte, desto besser – denn dadurch konnte ich unter Beweis stellen, dass ich zwar noch nicht unterrichten, aber zumindest selbstkritisch reflektieren konnte.

Dieses Procedere führte zu immer hysterischeren Verhaltensweisen der Lehramtsanwärter*innen – und der Schüler*innen –  vor jedem Unterrichtsbesuch. Die „Vorführstunden“ wurden zu genau abgezirkelten Theater-Kunststückchen, bei denen in Minute drei der visuelle Impuls erfolgen musste, in Minute sieben die hinführende Frage ins Thema, in Minute 10 die Ausgabe der Arbeitsbögen, usw. Die Schülerreaktionen wurden zu einem Schreckens-Szenario, denn was machte mensch, wenn ein Schüler zu früh eine Frage stellte, die erst für Minute 36 vorgesehen war? Da die Jugendlichen den ungeheuren Druck spürten, der auf den Referendaren*innen lastete, begannen sie die seltsamsten Verhaltensweisen an den Tag zu legen: In der Absicht, der armen Lehramtsanwärterin zu „helfen“, saßen sie wie abgerichtete Zirkus-Äffchen auf ihren Plätzen und versuchten zu raten, was von ihnen verlangt wurde. Kein*e Schüler*in verhielt sich so, wie die Referendarin sie in der schriftlichen Vorbereitung beschrieben hatte, alle meldeten sich ununterbrochen und spielten „Streber“. Wenn ich zuvor einen halbwegs realistischen „Erwartungshorizont“ beschrieben hatte, wurde ich hinterher erstaunt darauf hingewiesen, dass die Klasse ja keineswegs so problematisch sei, wie ich es beschrieben hatte. Da hatte ich mich wohl grob verschätzt?

Als ich meine Mentorin halb im Scherz fragte, ob es nicht vielleicht sinnvoller wäre, die „idealen“ Gesprächsbeiträge der gesamten Stunde vorher auswendig lernen zu lassen und mehrmals mit den Schüler*innen zu „proben“, zuckte sie nur seufzend mit den Schultern und antwortete: Ja, vielleicht sollte man das machen…

Das war überhaupt nicht das, was ich gehofft hatte, im Referendariat zu lernen. Ich hatte das Gefühl, immer schlechter zu werden. Je mehr wir davon erfuhren, wie „eine perfekte Stunde“ auszusehen hatte, desto unbeweglicher wurde ich in meinen Gedanken und Handlungen. Ich wurde zu einer Art Roboter und fürchtete letztendlich die Anwesenheit der Schüler*innen, weil sie niemals bis ins Letzte planbar waren.

So fühlte ich mich bereits nach einem halben Jahr „verkrüppelt im Gebrauch meiner Selbst“ (K. Johnstone, „Improvisation und Theater“ 1998, S. 19).

Und selbst ein konservativ und protestantisch erzogener Mensch wie ich, kam da ins Zweifeln, ob diese Dressur-Leistung noch im Verhältnis zur seelischen Gesundheit stand.

Ich beschloss also, meinem Irrtum ein schnelles Ende zu bereiten und teilte meiner gebeutelten Mentorin zum Ende des ersten Halbjahres mit, dass ich mein Referendariat abbrechen würde. Es war ein heißer Sommertag, die Zeugnisse waren geschrieben und ich dachte an all die Dinge, die ich jetzt endlich wieder würde machen können. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, sagt man ja so schön.

Doch ich hatte nicht mit Frau Thiele gerechnet. Sie sagte einfach „Nö“. Ich war verblüfft und für einen Augenblick war es still im Lehrerzimmer, ich hörte die Uhr an der Wand ticken. „Was heißt denn Nö?“, fragte ich etwas belustigt und versuchte das Ganze als Scherz abzutun. Aber Frau Thiele machte ein todernstes Gesicht.

„Wenn Sie nicht Lehrerin werden, dann falle ich vom Glauben ab”, sagte sie und ich wappnete mich für eine kleine Diskussion, in der ich sie davon würde überzeugen müssen, dass sie mit ihrer Ansicht aber ganz offensichtlich alleine dastand und ich in diesem System nichts zu suchen hatte. Aber zu dieser Diskussion kam es nicht. Denn Frau Thiele überraschte mich mit einer Frage. Einer ziemlich guten Frage übrigens. Sie lehnte sich entspannt zurück, lächelte und präsentierte das folgende argumentative Schachmatt:

Was würden Sie machen wollen, jetzt in diesem Referendariat, wenn Sie es sich aussuchen könnten? Tun wir einfach mal so, als wäre alles möglich. Wozu hätten Sie Lust? Was müsste passieren, damit Sie bleiben? Ganz ehrlich jetzt.

Ich ließ die Frage einsinken, nahm mir Zeit und dachte WIRKLICH darüber nach. Ja, was würde ich machen WOLLEN? Und erstaunlicherweise war es mir ganz klar und ich sagte es einfach, ohne mich zu schützen, ohne mich abzusichern, denn offenbar wollte sie es ja wirklich wissen. Ich sagte: Eigentlich würde ich am liebsten ALLES anders machen. Warum wird alles in der Schule – sogar die Menschen – getrennt voneinander behandelt, wo doch alles nur einen Sinn ergibt, wenn wir es – alles – in einen gemeinsamen Sinnzusammenhang stellen. Warum prökeln alle in voneinander abgetrennten Klassenräumen, Alterstufen und Fächern so klein-kleinmäßig jeder für sich allein ihren Dienst nach Vorschrift ab? Schule ist doch nicht das Bundesamt für Langeweile…”

Da war sie also wieder, diese mir unreif erscheinende Wut, ich biss mir auf die Lippen, aber es war zu spät, die Sätze waren raus. Doch Frau Thiele ließ sich null aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil lächelte sie aufmunternd und hakte nach: “Ja, aber was würden Sie konkret tun, wenn Sie jetzt machen könnten, was Sie wollten?”

“Ich würde mit allen Schülern, mit allen Lehrern und mit allen Eltern der Schule ein riesiges Theaterstück machen- und die Schule dafür ein paar Monate lahmlegen. Alle machen Theater, alle arbeiten an dieser gemeinsamen Sache, jeder an der Stelle, wo er Bock drauf hat…und dann entsteht eine große Sache…”

Ich war überrascht, dass ich das jetzt wirklich gesagt hatte, aber tatsächlich sah ich alles bereits vor mir, hielt es für einen Moment tatsächlich für möglich – merkte, wie meine Gedanken in diese Richtung los galoppieren wollten… dann holte mich das Lehrerzimmer mit der tickenden Uhr wieder ein, ich verstummte und dachte: Totaler Schwachsinn… wie peinlich, dass ich diese pathetische Scheiße jetzt einfach so raus gehauen habe… OMG…

Aber dann passierte eins von diesen kleinen Wundern, ohne die sich im Leben wahrscheinlich nie irgendetwas Wesentliches verändern würde. Frau Thiele dachte nach über das, was ich gesagt hatte. Sie sagte NICHT: Naja, aber das ist ja unrealistisch. Sie sagte auch nicht: Aber von Theater haben Sie doch gar keine Ahnung- oder: Sind Sie für sowas denn irgendwie qualifiziert? Und sie sagte auch nicht: Naja, überschätzen Sie sich da mal nicht ein bisschen? Sie sind hier im ersten Jahr Ihrer Ausbildung und wissen gleich, wie eine ganze Schule besser werden soll…?

Sie sagte all das NICHT – all das, was mein gesamtes Umfeld und auf jeden Fall JEDER im Schulbetrieb gesagt hätte.

Meine Mentorin Frau Thiele blieb seltsam heiter und gleichzeitig ernst und sagte:

Ja. Dann machen wir das.

Bäääm.

Und mir war sofort klar: Wir machen es tatsächlich. Es wird passieren. Sie meint es vollkommen ernst.

Ebenso der Schulleiter, der zu meiner Überraschung ebenfalls positiv reagierte und sofort einen pragmatischen Vorschlag machte:
»Was Sie da vorschlagen, klingt – ehrlich gesagt – etwas unrealistisch, Frau Plath. Aber Sie bekommen von mir eine Chance: Nächsten Freitag lasse ich die ersten zwei Unterrichtsstunden ausfallen und bitte alle Schüler*innen und alle Kollegen*innen, sich in der Aula zu versammeln. Da haben Sie dann zwei Stunden Zeit, alle von Ihrer Projekt-Idee zu überzeugen. Wenn im Anschluss an diese zwei Stunden ALLE Schüler*innen und ALLE Lehrer*innen der Schule sich in entsprechende Teilnehmer-Listen eingetragen haben, bekommen Sie von mir das ›Go‹.« Ganz offensichtlich gehörte er zu den Ermöglichern und nicht zu den Verhinderern – und er übergab mir, der unerfahrenen Referendarin, Verantwortung. Genau das verursachte bei mir natürlich im ersten Augenblick einen Anflug von Panik. Wie jetzt? Ich darf das WIRKLICH machen?? – Mir ging (na klar!) der Arsch auf Grundeis. Aber dann setzte ich mich, wie mensch so schön altmodisch sagt, auf den Hosenboden und fing an, zu planen, zu denken, zu arbeiten.

Mit Musik, Fotos und einer »flammenden Rede« gelang es mir an jenem Freitag, die Schule zu überzeugen: Alle (!) Kollegen*innen und alle (!)  Schüler*innen trugen sich in die von mir vorbereiteten Listen ein. Jede Liste stand für einen Arbeitsbereich innerhalb des Projektes: Theater, Texte schreiben, Tanz, Musik, Kostüme, Bühnenbild, Gelder-Akquise, usw. usw. Der Schulleiter blätterte anschließend die Listen durch, lächelte amüsiert und sagte: Gut, Frau Plath. Wir machen das.

Was ich damals noch nicht auf dem Schirm hatte, war: Frau Thiele erlöste mich mit dieser außergewöhnlichen Aktion von der allumfassenden Erziehung zur Opferhaltung, die in der Lehrerausbildung bis heute Gang und Gebe ist und erstaunlicherweise völlig unhinterfragt bleibt. Und sie verfrachtete mich quasi von einer Sekunde zur nächsten aus der Rolle der (nur mit Mühe) „brav folgenden“ Referendarin in eine Person, die plötzlich die Aufregung verspürte, eine eigene Idee verantworten zu müssen. Erfolg oder Scheitern – das lag jetzt in MEINER Hand. Und es gab ein greifbares Ziel. Wenn es auch ziemlich verrückt wirkte.

Ich fühlte mich plötzlich hellwach und staunte über den Unterschied in der Empfindung von Selbstwert und plötzlich aufkommender Energie.

In den folgenden Monaten erhielt ich einen Eindruck davon, was passiert, wenn die festgefahrenen Abläufe und Strukturen des schweren Tankers Schule auf den Kopf gestellt werden. Dramen spielten sich ab. Ich wurde beschimpft und der Eitelkeit bezichtigt, mir wurde Größenwahnsinn und Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Einige Kollegen*innen forderten die Schüler*innen offen auf, meine Arbeit zu boykottieren, im Lehrerzimmer erntete ich eisige Blicke. Neben den völlig begeisterten Jugendlichen (ALLE Schüler*innen der Schule hatten sich freiwillig in zahlreiche Projektlisten eingetragen und legten los, wie von der Leine gelassen) war es unter den Kollegen*innen zunächst nur eine kleine Gruppe begeisterter „Jung-Gebliebener“ plus Frau Thiele und dem unbeirrt heiter dreinschauenden Schulleiter, die sich voller Elan ans Werk machte. Es wurde geplant, geschrieben, geprobt, gebaut, gemalt, gedichtet, gebastelt, genetzwerkt – denn – auch das gehörte zum Vorhaben – das Projekt musste finanziert werden, und da galt es Sponsoren zu finden, Gelder aufzutreiben, Technik anzuschaffen, Räumlichkeiten zu mieten, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, und so weiter und so fort. Bald waren auch die meisten Eltern für die Sache gewonnen, und da meine Ausbildungsschule sich in einem kleinen Ort befand, summte schon kurz darauf die gesamte kleine Stadt wie ein geschäftiger Bienenkorb. All das ging den ewigen Skeptiker*innen extrem auf den Sack. Was bildet die sich eigentlich ein? Die ist doch völlig bekloppt. Ist noch nicht mal mit der Ausbildung fertig und denkt, dass sie hier alle nach ihrer Nase tanzen lassen kann.

So konnte mensch das sehen. Ich war halt mal wieder „hysterisch“ und „ich-bezogen“. Das kannte ich ja schon. Wenn die Häme mich manchmal doch in die Kniee zwang, baute mich Frau Thiele wieder auf: Guck dir einfach an, ob die Leute glücklich aussehen, die so über dich reden… na, also…!

Ich sollte später noch häufiger an diesen Satz zurückdenken. Der unbeirrbar gelassene Schulleiter übte in den letzten Wochen dann mehr oder weniger sanften Druck aus, um die verbleibenden „Schlecht-Gelaunten“ zu ihrem Glück zu zwingen. In den letzten vier Wochen vor der Premiere gab es niemanden mehr an der Schule, der nicht in das gemeinsame Theaterprojekt involviert war. Zweifel und Murren hin oder her.

Nach symbolischen neun Monaten wurde das „Baby“ dann geboren und in zwei Vorstellungen vor jeweils 500 Leuten zur Aufführung gebracht. Das Bemerkenswerte war aber für mich weniger das Ergebnis selbst, als die Wirkung, die der Prozess auf die beteiligten Menschen hatte. Ich habe selten so viele strahlende Gesichter auf einem Haufen gesehen. Besonders weird war die Wirkung auf das Kollegium: Am Ende lagen sich alle in den Armen, jahrelang verfestigte Animositäten lösten sich in tränenreichen Sekt-Besäufnissen auf und sogar meine härtesten Gegner*innen ließen sich dazu hinreißen, mir Glückwünsche auszusprechen und mir unbeholfen auf die Schulter zu hauen.

Den Wahnsinn der Lehrproben mit allen beschriebenen Absurditäten musste ich zwar dennoch durchstehen, stellte aber mit Staunen fest, dass ich durch die Arbeit an einer ERFÜLLENDEN und SINNVOLLEN Sache plötzlich die innere Gelassenheit und Stärke hatte, den Lehrproben-Terror ohne größere Probleme durchzustehen. Das hieß im Klartext: Dadurch, dass ich mir zwar unendlich viel MEHR Arbeit aufbürdete, als ich im Referendariat sowieso schon hatte, diese Arbeit für mich aber Sinn entfaltete, entwickelte ich überhaupt erst die Voraussetzung dafür, die Ausbildungsmaschinerie erfolgreich zu überstehen. Ich hatte das Gefühl, mir selbst und meinen Entscheidungen und Fähigkeiten wieder trauen zu können, etwas wirklich Sinnvolles leisten zu können und erlebte Selbstwirksamkeit und soziale Anerkennung. Genau das rettete mich: Es gab mir die Kraft, den Irrsinn des Referendariats zu überstehen.

Ich schrieb meine Examensarbeit über die Erfahrungen und gruppendynamischen Prozesse in diesem Projekt und beendete mein Referendariat wider Erwarten mit Erfolg – und wurde:

Lehrerin.

Vortrag „Befreit euch – endlich!“ ACT Fachforum

Vortrag beim ACT Fachforum am 13. September 2019, Berlin, Theater Aufbau Kreuzberg (TaK):

Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet.

Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)). Neben die äußere tritt die innere Emanzipation: als Befreiung aus eigener Unmündigkeit und den Fesseln von Tradition, gesellschaftlichen Normen und vorgegebener Weltanschauung. Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit (im Sinne von Gleichberechtigung oder Gleichstellung), meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischen Strukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern.

 Ich möchte heute darüber sprechen, warum ich glaube, dass Bildung ein emanzipatorischer Prozess sein muss und im Moment aber gerade das Gegenteil davon passiert. Ich möchte darüber sprechen, warum unser Schulsystem gegenwärtig verantwortungslos ist und was wir machen könnten, um das zu ändern.

Wenn es um emanzipatorische Prozesse geht, braucht es Ich-Stärke: Also ein Gefühl für die eigenen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Grenzen und den Mut, zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen zu stehen, sie im Zweifel zu verteidigen – und den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

Der bekannte Familientherapeut Jesper Juul nannte diese Ich-Stärke oder auch Treue zu sich selbst: Integrität. Und er hielt Integrität für die Grundvoraussetzung, damit wir Gleichwürdigkeit mit anderen leben können. Das möchte ich kurz erklären:

Jesper Juul hat für den Bereich der Elternerziehung den Begriff der „Gleichwürdigkeit“ geprägt, um deutlich zu machen, dass es bei der Erziehung von Kindern weder hilfreich ist, autoritär zu agieren, noch – vermeintlich demokratisch – ihnen alles durchgehen zu lassen.

Stattdessen sprach Juul von „autoritativer“ Erziehung auf der Basis einer gleichwürdigen Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Autoritativ bedeutet: Auf der Basis der eigenen Integrität und Werte und einem Bewusstsein für die eigenen Grenzen klar zu führen, in deutlicher Abgrenzung zum Dominieren oder Herrschen (hierarchisch), aber auch in klarer Abgrenzung zur antiautoritären Erziehung, denn jedes Kind braucht Führung.

Führung bedeutet bei Juul: Deutlich machen, was für mich selbst – als individueller Mensch – geht und was nicht, und genau das vorzuleben. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennen und klar vertreten zu lernen, dabei aber immer die Grenzen und Bedürfnisse des Gegenübers als gleichwürdig zu betrachten und in einem ständigen, von Respekt getragenen Ausloten vorzuleben, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für die Situation.

Das Neue dabei war die Erkenntnis, dass es kein hierarchisches Verhältnis braucht und der Erwachsene nicht die „recht-habende-Instanz“ ist, sondern als Mensch vollkommen gleichwürdig mit dem Kind ist – und andererseits aber eben nicht völlig ohne Auftrag ist, also nicht „alles durchgehen lassen muss“, sondern stattdessen seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse als Mensch offen thematisiert.

Die Aufgabe des Erwachsenen ist es quasi, Verantwortung für sich SELBST zu übernehmen, und dies in großer Klarheit und Authentizität vorzuleben, also auf der Basis der eigenen Integrität zu denken und zu handeln. Und nicht zuletzt: Sich selbst und anderen immer wieder „Fehler“ oder Rückschläge zu verzeihen. Denn nichts kann immer perfekt sein. Der Mensch schon gar nicht.

Integrität ist auch über das Erziehungsthema hinaus eine grundlegende Basis für gelingende, weil gleichwürdige Beziehungen. Denn nur, wer sich selbst kennt und den Mut aufbringt, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen anderen Menschen gegenüber offen und klar zu kommunizieren, entwickelt die Fähigkeit, andere Menschen in ihren Bedürfnissen und Grenzen zu respektieren und sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. 

Ich habe mich immer gefragt, warum dies Gedanken von Jesper Juul nicht in den Schulen angekommen sind. Denn aus meiner Sicht sind Integrität und Gleichwürdigkeit die zentralen Aspekte, die wir für eine zukunftsfähige Bildung benötigen. Warum?

Schauen wir kurz mal von oben auf die gegenwärtige gesamt-gesellschaftliche Situation:

Problem: Vertrauen in die Demokratie bröckelt und faschistische Positionen werden „salonfähig“

Wir haben derzeit das Problem, dass in großen Teilen der Gesellschaft das Vertrauen in die Demokratie schwindet. Gleichzeitig erleben wir, dass faschistisches Gedankengut wieder salonfähig wird, gar als „bürgerliche Position“ bezeichnet wird.

Geschichte wiederholt sich nicht, Denkmuster in den Köpfen aber schon

Das hatten wir in Deutschland schon einmal. Und ich weiß: Geschichte wiederholt sich nicht. Aber die Muster in den Köpfen der Menschen sehr wohl. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass Muster sich wiederholen, wenn wir nicht ganz bewusst daran arbeiten, uns weiter zu entwickeln, um unbewusste, internalisierte Muster zu überwinden.

Welche gedanklichen Muster zum Faschismus führen, ist ausreichend analysiert worden. Das ist eigentlich alles bekannt. Die Frage ist, ob wir es als Gesellschaft jetzt schaffen, an diesen gedanklichen Mustern zu arbeiten und sie noch rechtzeitig überwinden, bevor größerer Schaden entsteht. Leider passiert diese Anstrengung auf politischer und auf medialer Ebene gerade NICHT, wenn beispielsweise eine Moderatorin die AFD als „bürgerliche Partei“ bezeichnet.

Nicht Menschen ausschließen, aber Handlungen und Haltungen, die die demokratischen Grundwerte langfristig zerstören

Es geht mir hier nicht darum, MENSCHEN auszuschließen. Aber Haltungen und Handlungen schon, wenn diese die Errungenschaften der Demokratie per se in Frage stellen: Wenn nämlich freies Denken, Gleichwürdigkeit, Vielfalt und nicht zuletzt die Würde des Menschen zur Disposition stehen. Solche Positionen können nicht mit dem Verweis auf demokratische Werte – wie z. B. Meinungsfreiheit – moralisch eingefordert werden. Das ist paradox, weil solche Gedanken in der Konsequenz alle demokratischen Werte und Haltungen – und damit die Demokratie an sich – unterlaufen und zerstören.

Weiterentwicklung unserer Demokratie bedeutet persönliche Emanzipation 

Andererseits, ist schon klar: Unsere Demokratie ist noch nicht toll. Es muss noch vieles WEITER gedacht und weiterentwickelt, bestehende Ungerechtigkeiten behoben werden, aber das geht eben nur durch ein WEITER, eine bewusstere Durchdringung und konsequentere Anwendung demokratischer Werte – und eben nicht durch ein Zurück. (In angeblich frühere goldene Zeiten… welche eigentlich genau?).

Wie geht dieses „WEITER“?

Meine These ist: Demokratische Kernkompetenz kann bei jedem einzelnen Menschen nur durch einen anstrengenden persönlichen Emanzipationsprozess erreicht werden: Nämlich durch eine Befreiung von internalisiertem Gehorsam und Anpassungszwang. Denn mir scheint ein unbewusstes verinnerlichtes Obrigkeitsdenken bei uns allen ein eingeimpftes Muster zu sein, das eine konstruktive Weiterentwicklung von Vielfalt und Demokratie verhindert.

Um demokratische Kernkompetenz zu verinnerlichen, müssen wir durch einen eigenen, persönlichen und individuellen Emanzipationsprozess

Es geht mir hier nicht um die eine, einzige RICHTIGE Haltung, sondern insgesamt um demokratische Kernkompetenz:

Nämlich um den Willen bzw. die Bereitschaft unterschiedliche Meinungen und Haltungen kennen zu lernen, zu respektieren und sich trotz aller Verschiedenheit und trotz manchmalunsicherer Gefühle menschlich gleichwürdig zu begegnen und das Gemeinsame konstruktiv zu versuchen. Das hört sich so schön und einfach an – aber ganz ehrlich:

Warum klappt es damit im Moment nicht so richtig – in Deutschland und anderswo?

Ich glaube: Wir sind zu sehr Untertanen im Geiste. Eine weiter entwickelte Demokratie erfordert aber freie, emanzipierte Menschen, die sich nicht ohnmächtig fühlen, sondern selbst Verantwortung übernehmen. 

Was meine ich mit Untertanen-Haltung?

Der Verlust an Vertrauen in die demokratischen Grundwerte steht in direktem Zusammenhang mit einem Ohnmachtsgefühl, das sich beispielsweise in der Aussage – oder dem Gefühl – ausdrückt: „Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen“ oder: „Ich als einzelner Mensch habe keinen Einfluss darauf, was im Ganzen passiert, ich alleine kann ja nichts machen – ich bin nur Opfer eines (ungerechten) Systems“.

Ich denke: Diese Ohnmachts-Haltung ist eine direkte Folge eines unreflektierten Obrigkeits- bzw. Gehorsamsdenken. Selbst wenn unbestritten Ungerechtigkeit herrscht und sehr viele Menschen ganz real durch unser System Ungleichheit und Herabsetzung erfahren, ist es ein Unterschied, ob ich daran glaube, dass ich durch mein Handeln einen Unterschied machen und die Entwicklungen mit beeinflussen kann (das wäre Selbstwirksamkeit), oder ob ich mich als Spielball der Umstände und Strukturen oder „höher gestellter Personen“ empfinde.

Sich selbst als Opfer der Umstände oder „höher gestellter Personen“ zu fühlen, selbst, wenn es zu 100 Prozent tatsächlich so ist, blockiert die Möglichkeit, zu handeln und macht eine Befreiung aus diesem Zustand unmöglich. Das macht die Sache doppelt schlimm.

Und noch ungerechter ist: Die Grundbedingung für eine emanzipatorische Selbstbefreiung, nämlich Selbstwert, Selbstwirksamkeit und soziale Anerkennung sind sehr ungleich und ungerecht verteiltDarauf komme ich gleich noch einmal ausführlicher zurück.

Trotzdem: Das Fatale daran ist, dass eine innere Gehorsamshaltung, also das „Sich-Fügen“, weil ich „ja selbst nichts machen kann“, die Ohnmachtshaltung nur immer weiter verstärkt, egal, wie berechtigt sie ist. Sie spielt den Gegner*innen der Demokratie in die Hände.

Unsere „Untertanenhaltung“ verhindert, dass wir freie, mündige Menschen werden

In unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation halte ich es deswegen für zentral wichtig, diese internalisierte Gehorsamshaltung und in der Folge dieses Ohnmachtsgefühl zu überwinden.

Denn: Je mehr Menschen eine „Untertanenhaltung“ ausbilden, desto wackliger wird unsere Demokratie und desto salonfähiger werden gegenwärtig autoritäre und leider auch faschistische Positionen. Denn die Demokratie lebt eben NICHT von einigen wenigen, „die da oben gestalten“, sondern vom verantwortungsvollen Gestaltungswillen und -können der Vielen.

Eine Demokratie braucht Menschen, die auf ihre eigenen Fähigkeiten vertrauen (Selbstwert), und darauf, dass sie die Gesellschaft aktiv auf der Basis dieser Fähigkeiten mitgestalten können (Selbstwirksamkeit). Kurz: Eine Demokratie braucht Menschen mit einem stark ausgebildeten Bewusstsein für die eigene Integrität. Ich-Stärke. Selbstwertgefühl.

Wo liegt die Ursache für unsere Untertanenhaltung? 

Wie ist es zu erklären, dass derzeit so viele Menschen eine „Untertanen-Haltung“ ausgebildet haben? Die Ursache liegt zum einen darin, dass in Deutschland noch immer – unbewusst – eine Obrigkeitshaltung durch soziale Prägung internalisiert ist, und zum zweiten darin, dass diese Haltung durch Institutionen und Strukturen weiter verfestigt wird, statt sie gezielt und systematisch zu unterlaufen:

Wer selbst zur Anpassung erzogen wurde, ist in gewisser Weise immer von der Bewertung und Bestätigung durch den „inneren autoritären Vater“ abhängig – also durch die Anerkennung von „als „höher gestellt“ empfundenen Personen“.

Wir alle sind von diesem inneren autoritären Vater geprägt – nämlich von der weißen, männlichen, akademischen Perspektive, die seit sehr langer Zeit unsere gesellschaftlichen Strukturen prägt.

Es geht hier NICHT gegen die Männer. Es geht um den ganz natürlichen Vorgang, dass wir, die „pubertierenden Kinder“ erwachsen werden und uns von unseren „Eltern“ frei spielen, emanzipieren müssen. Wenn die Kinder selbständig und unabhängig von den Eltern werden, ist das für die Eltern IMMER ein Schmerz. So reagieren auch die weißen, akademischen Männer derzeit auf unsere emanzipatorischen Impulse: Sie sind nicht erfreut. Klar. Es fühlt sich stressig an. Pubertierende Kinder sind stressig und der Prozess bis zur eigenen Unabhängigkeit ist „ruckelig“ – aber GESUND. Die Erziehung der Eltern ist gelungen, wenn die Kinder selbständig und selbstbestimmt leben können und nicht mehr von ihnen abhängig sind. Dann ist der Prozess geglückt.

Es geht darum, zu verstehen, dass es über Jahrhunderte weiße, akademische Männer waren, die unsere Gesellschaft, unsere Kultur, unser soziales Verhalten geprägt haben – und das ist eben nur EINE Perspektive auf die Welt – unter vielen anderen. Aber es ist DIE Perspektive, an der wir uns logischerweise ausrichten. Denn es ist der gedankliche Raum, in dem wir sozialisiert wurden. Und jetzt reicht diese eine Perspektive nicht mehr, um die gegenwärtigen Probleme zu lösen.

Wo spüren wir diese Abhängigkeit vom „inneren Vater“? Wo kommen wir in Konflikt mit unserer eigenen Integrität? Mit dem, was uns eigentlich ausmacht? Das erkennen wir selbst persönlich immer daran, wenn wir einen eigenen Impuls, einen Gedanken oder ein Gefühl unterdrücken – aus Angst, dass wir „peinlich“ sind, „dumm rüber kommen“, oder sonstwie abgewertet werden.

Diese innere Abhängigkeit von äußerer Bestätigung blockiert das Ausbilden unserer eigenen Integrität und unseres Selbstwertgefühls. Wenn mein Selbstwertgefühl vom Lob und der Anerkennung anderer abhängt (siehe auch Facebook und Instagram), verlerne ich die Fähigkeit, meine eigenen Bedürfnisse und Potentiale wahrzunehmen und diesen zu vertrauen. Ich verlerne es, frei vom Urteil anderer zu sein und verliere die Fähigkeit, Regie über mein eigenes Leben zu führen. Das tun dann andere. Und das war übrigens schon immer gefährlich (Filmbeispiel: Michael Hannecke, Das weiße Band).

Wir alle sind in gewisser Weise zur Anpassung sozialisiert worden und haben über Anpassung an die herrschende weiße, männliche, akademische Perspektive Anerkennung erfahren – oder Abwertung, wenn wir ihr nicht entsprochen haben – und insofern sind wir alle nicht frei vom internalisierten „inneren autoritären Vater“.

Emanzipatorische Prozesse sind grundsätzlich anstrengend und schmerzvoll – aber sie lohnen sich

Diese innere Abhängigkeit kann nur überwunden und Selbstbestimmung nur erreicht werden durch einen eigenen inneren emanzipatorischen Prozess, welcher grundsätzlich mit Kraftanstrengung und Schmerz verbunden ist.

Der emanzipatorische Akt besteht darin, sich von dieser inneren Abhängigkeit zu befreien und stattdessen die eigene Integrität zum Maßstab des Handelns zu machen.

Was sind die Grundvoraussetzungen für so einen emanzipatorischen Prozess, für ein Verlassen der Gehorsamshaltung zugunsten von Integrität, Mündigkeit und Selbstbestimmung?

Das auf den ersten Blick vielleicht erstaunliche ist, dass ein emanzipatorischer Prozess bei denjenigen am wahrscheinlichsten ist, bei denen der Schmerz durch Ausgrenzung am größten ist.

Denn: Wer „satt in der Mitte der herrschenden Norm sitzt“, ist häufig blind – sowohl für die eigenen als auch für die Bedürfnisse und Grenzen ANDERER Menschen, weil er für die eigenen Bedürfnisse nie wirklich ernsthaft kämpfen, nie wirklich – schmerzhaft – dafür einstehen musste.

Dabei wurde aber schleichend und oft unbewusst die eigene Integrität zugunsten der allgemeinen Anpassung an die herrschende Norm unterdrückt.

Deswegen sind es oft auch genau diejenigen, die KEINE ernsthafte Herabsetzung oder Ausgrenzung erfahren haben, die die Tatsache leugnen, dass die äußeren, gesellschaftlichen Start-Voraussetzungen für emanzipatorische Prozesse sehr ungleich verteilt sind. Auch ich konnte das erst sehr spät SEHEN.

Denn diejenigen, die sich innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Denkmuster ohne größere Opfer anpassen können, wie übrigens auch ich selbst, wissen erstmal nicht, was Freiheit IST, weil sie nie darum kämpfen mussten.

Sie sind äußerlich eigentlich frei. Innerlich aber unfrei, weil sie unbewusst angepasst, unbewusst gehorsam sind und sich der eigenen, individuellen Wirksamkeit gar nicht bewusst. So ging es auch mir selber, bevor ich schockartig aus dieser Blase raus katapultiert wurde.

Tatsache ist: Die einen starten auf einer äußerlich, also gesellschaftlich vorteilhafteren Basis als die anderen. Diese Menschen – also WIR “weißen Kartoffeln” – hätten rein äußerlich beste Voraussetzungen zur Selbstbefreiung, nutzen sie aber nicht (oder zu selten), weil wir innerlich kein Bewusstsein für die eigene Integrität entwickelt haben:

Uns fehlt die Schmerzerfahrung wirklicher Ausgrenzung und deswegen können wir gar nicht SEHEN, was das Problem ist bzw. was ein emanzipatorischer Prozess für uns persönlich bedeuten könnte. Und deswegen sind wir innerlich unfrei. Und fühlen uns diffus ohnmächtig, obwohl wir es de facto nicht sind.

Die anderen erleben den Schmerz der Ausgrenzung so existentiell, dass sie quasi gezwungen sind, sich dazu zu verhalten. Entgegenhalten oder anpassen. Beides auf Kosten der eigenen Integrität. Dadurch entsteht spürbarer und unerträglicher Schmerz. Diese Menschen SEHEN das Problem also zwangsläufig, weil es gar nicht zu ignorieren ist. Sie sehen sowohl die systemische Seite, also das Problem im Außen, als auch spüren sie es im Innern.

Man könnte also sagen, sie hätten die „besseren inneren Startvoraussetzungen“ für einen emanzipatorischen Prozess, zumindest was Bewusstsein angeht, aber die äußeren, gesellschaftlichen Bedingungen sind für sie unverhältnismäßig viel schwerer, als für diejenigen, die selten oder nie Ausgrenzung erleben mussten.

Die Voraussetzungen für emanzipatorische Prozesse und das zugrundeliegende Problem (der Satten auf der einen und der Rebellierenden auf der anderen Seite) werden nicht erkannt 

In diesem Abgrund zwischen den Ausgangssituationen liegt das Drama begründet, das sich derzeit im Schulsystem – und weit darüber hinaus – abspielt:

Es gibt die „Satten, Blinden, Unbefreiten“, die sich ohnmächtig FÜHLEN, und die „Ausgegrenzten, Bewussten”, die ohnmächtig SIND und darum kämpfen, sich selbst zu befreien.

Mit diesen Befreiungs-Versuchen lösen sie Abwehr und Ängste bei den Satten aus, weil diese Emanzipations-Impulse die verdrängte Schattenseite der „Satten“ triggern.

Denn bei denen meldet sich dann sehr unangenehm das verdrängte Selbst.

Statt sich mit den Bewussten, mit den “Freiheits-Kämpfer*innen” zu verbünden, stellen sich die Satten reflexartig vor die herrschende Norm und verteidigen “bewusstlos” ihre „Burg“ und sehen gar nicht, dass diese, ihre Burg eigentlich ihr Gefängnis ist. Ein mentales Gefängnis, das sie zeitlebens in eine geduckte Anpassungshaltung zwingt.

Durch diesen Ohnmachts-Mechanismus, die Burg verteidigen zu “müssen”, werden die äußeren Bedingungen für die Ausgegrenzten wiederum noch weiter verschlechtert. Für die anderen – IN der Burg – aber auch. Denn glücklich ist mit diesem Zustand keiner. Weder draußen vor der Burg, noch in der Burg.

Deswegen ist es wahrscheinlich gerade so attraktiv, sich in eine vermeintlich goldene Vergangenheit zu flüchten und sich Augen und Ohren in Bezug auf die Zukunft zuzuhalten. Dabei müssten wir nur ALLE die Burg verlassen und draußen gemeinsam etwas Neues starten.

Settings, die Emanzipation begünstigen, zu erschaffen, ist zentrale Aufgabe von Bildung

Aber – ich bin hoffnungsvoll. Wie wir immer wieder sowohl aus Filmen (Billy Elliot, Harvey Milk, Forrest Gump) als auch aus eigener Erfahrung wissen:

Emanzipatorische Prozesse können – trotz aller benannten Probleme – von außen angestoßen, bzw. initiiert werden – durch andere Menschen und durch emanzipatorische Settings. Dadurch können ungleiche Startvoraussetzungen abgemildert und Ermächtigungsprozesse ermöglicht werden. Und genau das ist eigentlich Aufgabe von Bildung in einer Demokratie.

Ein emanzipatorischer Akt ist notwendig, um Selbstwert zu entwickeln und Selbstwirksamkeit zu erfahren und ein freier mündiger Mensch zu werden. Nur, wer die internalisierte Untertanen-Haltung überwindet, kann unsere Demokratie aktiv mitgestalten, Verantwortung übernehmen und (im Bildungsbereich und anderswo) in anderen Menschen emanzipatorische Prozesse initiieren.

Nur wer selbst frei ist, kann Freiheit in anderen ermöglichen.

Das Drama in Schulen ist die internalisierte Gehorsamshaltung

Das Drama derzeit ist, dass aber ausgerechnet unser Bildungssystem eine Gehorsamshaltung weiter verstärkt, statt ihr bewusst entgegen zu wirken. Trotz buntem, freundlichen, demokratisch erscheinenden äußerem Erscheinungsbild wirkt in unseren Schulen noch immer ein tief verwurzeltes Obrigkeitsdenken:

Die Lehrpersonen verweisen auf die „Anforderungen von oben“, die sie „erfüllen müssen“, weswegen sie ihren Beruf „nicht so ausüben können, wie sie es eigentlich wollen“. Das heißt übersetzt: Nicht die innere Integrität ist der Maßstab ihres Handelns, sondern die Anforderungen des „inneren autoritären Vaters“. Lieber die äußeren Anforderungen erfüllen und sich dadurch wie ein*e korrekte*r Pädagog*in fühlen, als die eigenen inneren Widerstände und Grenzen ernst zu nehmen und Veränderung zu initiieren.

Die Schüler*innen richten ihr gesamtes Handeln nach den Noten aus (Was muss ich tun, um eine Eins zu bekommen?) und die Eltern unterwerfen sich diesem Anpassungs-System trotz massiver persönlicher Zweifel aus einer diffusen Angst heraus, ihr Kind könnte ansonsten in dieser Welt nicht bestehen. Als hätten genau diese Kinder mit der Gestaltung der Welt nichts zu tun und wären bereits jetzt „Untertanen“, die sich eben der Welt unterordnen müssen, so wie sie jetzt ist. (!) Damit verbauen wir die einzige Chance, die wir auf eine andere, bessere Welt haben! Denn diese Kinder werden die zukünftige Gesellschaft gestalten!

Alle handeln auf der Grundlage von internalisiertem Gehorsam und unterstützen auf diese Weise ein Bildungs-System, das eigentlich niemand mehr will und das vor allem nicht zukunftsfähig ist.

Zusammengefasst: Fremdbestimmter Anpassungszwang, wie er in Schulen herrscht, blockiert das Ausbilden der eigenen Integrität und des eigenen Selbstwerts. Und wer selbst kein Gefühl für die eigene Integrität besitzt, wer selbst nicht frei ist, kann in anderen keinen Selbstwert erzeugen. Ein Mensch, der selbst nur folgt, erwartet, dass auch die anderen folgen, denn etwas anderes kennt er sie es nicht.

Menschen dagegen, die dem gesunden Impuls folgen, ihre Integrität zu verteidigen, werden als Störung oder gar als Bedrohung wahrgenommen. Kinder, die sich widersetzen, werden durch die Instrumente des Gehorsams: Belohnung, Bestrafung, Beschämung, Manipulation in die (Anpassungs-) Spur gebracht. Auf Kosten ihrer eigenen Integrität. Auf Kosten von wirklich gelebter Vielfalt. Auf Kosten von Gleichwürdigkeit und demokratischen Werten.

So läuft das Bildungssystem – mit seinen bunten fröhlichen Gruppentischen, gut gemeinten Demokratie-Plakaten an der Wand und dem (leeren) Versprechen von Vielfalt – in Wahrheit als große Untertanen-Produktionsmaschine immer weiter.

Das ist eine Katastrophe.

Was müssen wir tun?

Unsere wichtigsten Aufgaben sind es, erstens: 

Anzuerkennen, dass die weiße, männliche, akademische Perspektive (also unser innerer „Vater“) noch immer unser Denken und unsere Sichtweise bestimmt und dass wir – sozialisiert mit dieser Perspektive – nicht frei sind von internalisiertem Gehorsam und Anpassungszwang. 

Zweitens: Wir müssten trainieren, diese Perspektive weiträumig zu verlassen und stattdessen die Integrität aller in den Blick nehmen und stärken.

Drittens: Wir könnten Strategien entwickeln, wie wir emanzipatorische Prozesse konkret initiieren können. Dies gelingt erstens über Beziehung, zweitens über Beziehung, drittens über Beziehung. 

Dafür brauchen wir Viertens: Klar ausformulierte Partizipationskonzepte, durch die Beziehungs- und Erfahrungsräume geschaffen werden, in denen Integrität und Gleichwürdigkeit als persönlicher Gewinn erfahren werden können und 

fünftens brauchen wir eine transparente Vermittlung von Führungskompetenz. Das bedeutet Selbstführung und verantwortungsvolle Führung anderer.

Das Mischpultprinzip ist EIN konzeptioneller Vorschlag, wie diese emanzipatorische Reise gelingen kann. Es gibt noch viele andere. Aber auf den Weg machen müssen wir uns selbst.

Niemand kann befreit WERDEN. Wir müssen uns selbst befreien.

Und das ist auch mit Anstrengung und teilweise unwohlen Gefühlen verbunden:

Beim Aufstieg aus der dunklen Höhle ins Licht nach draußen ist das blendende Sonnenlicht leider schmerzhaft. Aber wer einmal draußen ist, wird diejenigen bemitleiden, die noch gefesselt unten in der Höhle – oder in der Burg – hocken und die Schatten an der Wand für die Wirklichkeit halten.

Für mich hat das Höhlengleichnis von Platon eine besondere Bedeutung, weil ich diesen Stoff gleich zu Beginn meiner Zeit als Lehrerin an einer Hauptschule in Neukölln als Ausgangspunkt für eine biografische Stückentwicklung wählte und mir von vielen Leuten anhören musste, das „sei ja viel zu schwer für „diese“ Schüler*innen.

Als mir „meine“ Jugendlichen damals an der Anna-Siemsen-Hauptschule Neukölln ihre erste eigene Interpretation des Höhlengleichnis präsentierten, dachte ich: Wow. Und war fassungslos. Es war der Startpunkt für mein Nachdenken darüber, wie wir alle raus aus dieser Höhle kommen könnten…

Und das frage ich mich seitdem jeden Tag:

Was können wir tun, damit möglichst viele den Aufstieg wagen und ihn durchhalten? Diese Frage halte ich für die entscheidende Frage unserer Zeit.

Sie lässt sich mit den Schritten und Phasen jeder großen Emanzipationsbewegung beantworten. Der einzelne Mensch erkennt, dass nicht er selbst das Problem ist, sondern das System, das ihn umgibt. Er macht sich „auf in die Stadt“, geht dahin, wo die anderen sind, die ebenfalls SEHEND geworden sind, um sich mit ihnen zu verbünden. Gemeinsam entsteht eine Bewegung, die im besten Falle Veränderungen zum Positiven bewirkt – langfristig für ALLE.

Jede Emanzipationsbewegung beginnt beim einzelnen Menschen. Bei dir. Willst du ein Opfer der Umstände und eine Untertanin oder Untertan sein oder eine Mutmacherin, Mutmacher für andere? Die Antwort liegt bei dir selbst.

Abschluss: Deine persönliche emanzipatorische Challenge

Nimm dir für die nahe Zukunft EINE emanzipatorische Handlung vor. Eine kleine emanzipatorische „Challenge“, wo du dich mal gegen deinen “inneren Vater” durchsetzt. Ich gehe jetzt hier in Vorleistung:

Als ich diesen Vortrag vorbereitete, dachte ich: Am Ende muss das Musikstück “Read all about it” von Emile Sande im Raum sein, während alle über ihre persönliche emanzipatorische Challenge nachdenken. Aber dann dachte ich: Das geht GAR NICHT! Das ist zu pathetisch, zu emotional. Dann nimmt keiner mehr ernst, was ich vorher gesagt habe. Aber plötzlich kam mir dann die Erkenntnis: Das sind gar nicht MEINE Gedanken! Da ist die weiße, männliche Perspektive! ICH habe aber eine andere. Und ICH denke: Intelligente Gedanken sind auch MIT Gefühlen möglich! Sogar besser: Wir sollten die Gefühle endlich mit rein nehmen! Statt sie zu verdrängen und als etwas Minderwertiges zu betrachten. VERDRÄNGTE Gefühle sind nämlich das Problem, nicht die Tatsache, dass Menschen Gefühle HABEN. Wir sollten lernen, unsere Gefühle wahr zu nehmen, sie bewusst zu machen, darüber zu reden und sie mit unserem rationalen Denken zu verbinden.

Und: Sollte sich jemand von euch von der Musik manipuliert fühlen: Jeder kann ja jederzeit Veto machen und raus gehen! WO ihr über eure Challenge nachdenkt, ist ja eure Sache! Wenn ihr selbstbestimmte Menschen seid und ich offenlege, warum ich dieses Musikstück wähle, muss ich euch nicht unter Naturschutz stellen, so nach dem Motto: Oha, hoffentlich werden die jetzt nicht mit Haut und Haaren manipuliert! Ihr könnt selbst für euch sorgen.

Ihr könnt einfach selbst überlegen: Darf dieses Musikstück im selben Raum sein wie ihr, wenn ihr über eure Emanzipations-Challenge nachdenkt? Und DÜRFEN auch Gefühle hochkommen – und sind dann trotzdem klare kluge Gedanken möglich?

Oder ist es nur dieses: Findet “der Papa mich dann intellektuell genug?”

Vergesst den Papa! Schaut selbst, wie es euch geht, macht das, was sich für euch richtig anfühlt. Und ganz ehrlich:

ICH habe in meinem ganzen Leben noch nie erlebt, dass echte Gefühle dumm machen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir sollten uns trauen, Gefühle zu haben und darüber zu sprechen. Sie machen uns erst zu Menschen.

Ich danke euch und übergebe den Raum an Emile Sande mit ihrem Lied „Read all about it“… DANKE.

 

„12 Jahre ein Untertan?“ – Warum Bildung die nächste Emanzipationsbewegung braucht.

Filmpremiere am 12. August 2019 (20 Uhr) im Moviemento Kino: „12 Jahre ein Untertan?“

Im vergangenen Jahr habe ich einen Dokumentarfilm gedreht, in dem ich unsere ehemaligen Spieler*innen Walid, Hala, Hussein, Olga und Sinan beim Anleiten ihrer eigenen Gruppen und Projekte begleitet habe. Alle fünf sind seit Jahren Spieler*innen bei ACT. Walid, Hala und Hussein sind darüber hinaus auch ehemalige Schüler*innen von mir – noch aus Neuköllner Schulzeiten.

Im Rahmen des ACTeure-Programms sind die fünf im vergangenen Schuljahr in die Rolle der Lehrkraft gewechselt und leiten nun selbst Kinder und Jugendliche an. Im entstandenen Film „12 Jahre ein Untertan?“ erzählen sie auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen, was es ihrer Meinung nach braucht, wenn mensch ein*e gute Lehrer*in sein will. Sie haben sich die Fragen gestellt: Was bedeutet gute Führung? Was bedeutet „Menschliche Führung“?

Ihre Erfahrungen und Gedanken zum Thema „Lehrer*in sein“ werden darüber hinaus eingerahmt von Reflektionen verschiedener Jugendlicher und Erwachsener bei ACT e.V., die den Mut haben, anzusprechen, was ihnen beim Thema „Bildung“ ein ungemütliches Gefühl bereitet. Das klingt für manchen vielleicht erstmal wie Kritik am Bildungssystem, ist aber in Wahrheit hoffentlich der „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ (Zitat „Casablanca“), und vor allem: Der Beginn eines emanzipatorischen Prozesses. 

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft deshalb, weil dieser Film hoffentlich dazu ermutigt, gemeinsam und hoffnungsvoll über die Baustelle „Bildung“ zu sprechen. Denn ich nehme wahr, dass so viele Lehrkräfte und Schul-Beteiligte jeden Tag ihr Bestes, teilweise auch ihr Letztes geben, und einen wahnsinnig guten Job machen – und es trotzdem eine große Sehnsucht nach Veränderung, ja, nach Befreiung, gibt.

Deshalb ist es, glaube ich wichtig, dass wir uns nicht gegenseitig kritisieren bzw. uns in Schuldfragen verheddern – denn das erzeugt Frustrationen und eben gerade KEINE Motivation – sondern dass wir uns zusammentun und uns gemeinsam fragen: Was können wir realistisch verändern, damit es uns bessergeht?

Um das zu erreichen, brauchen wir Gleichwürdigkeit zwischen allen Beteiligten. Das System Schule ist aber auf struktureller Ebene noch immer von ungleichen Machtverhältnissen geprägt, unter denen wir alle leiden, sowohl die Jungen als auch die Erwachsenen.

Mein Vorschlag lautet daher, dass wir zunächst einmal – unabhängig von bestehenden Hindernissen – gesellschaftliche Gleichwürdigkeit als gemeinsames Ziel anstreben sollten – und von dort aus darüber nachdenken, was es dazu braucht.

Das klingt alles erstmal gut und einfach, ist aber nicht so ohne weiteres umzusetzen. Denn was bedeutet das überhaupt: Gleichwürdigkeit?

Jesper Juul hat für den Bereich der Elternerziehung den Begriff der „Gleichwürdigkeit“ geprägt, um deutlich zu machen, dass es bei der Erziehung von Kindern weder hilfreich ist, autoritär zu agieren, noch – vermeintlich demokratisch – ihnen alles durchgehen zu lassen. Stattdessen sprach Juul von „autoritativer“ Erziehung auf der Basis einer gleichwürdigen Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Autoritativ bedeutet: Auf der Basis der eigenen Integrität und Werte und einem Bewusstsein für die eigenen Grenzen klar zu führen, in deutlicher Abgrenzung zum Dominieren oder Herrschen (hierarchisch), aber auch in klarer Abgrenzung zur antiautoritären Erziehung, denn jedes Kind braucht Führung.

Führung bedeutet bei Juul: Deutlich machen, was für mich selbst – als individueller Mensch – geht und was nicht, und genau das vorzuleben. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennen und klar vertreten zu lernen, dabei aber immer die Grenzen und Bedürfnisse des Gegenübers als gleichwürdig zu betrachten und in einem ständigen, von Respekt getragenen Ausloten vorzuleben, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für die Situation.

Der Erwachsene muss insofern führen, als er dem Kind vorlebt, wie das geht: Dieses Ringen um ein konstruktives Miteinander, um eine gelungene Kommunikation und den konstruktiven Umgang mit Konflikten. Die Basis für dieses Ringen um das Gemeinsame ist immer die eigene Integrität (Treue zu sich selbst). Dann entsteht im besten Fall „Reibungswärme“ (Juul). Konflikte werden nicht ausgeblendet oder vermieden, sondern als etwas vorgelebt, das sich zwischendurch auch mal blöd anfühlt, dann aber lösbar ist und sowohl zu größerem Vertrauen in sich selbst als auch in den jeweils anderen führt (Vertrauen, Selbstvertrauen, Integrität).

Das Neue dabei war die Erkenntnis, dass es kein hierarchisches Verhältnis braucht und der Erwachsene nicht die „recht-habende-Instanz“ sein muss, sondern als Mensch vollkommen gleichwürdig mit dem Kind ist.

Und dass der Erwachsene andererseits aber eben nicht völlig ohne inneren Auftrag ist, also nicht „alles durchgehen lassen muss“, sondern stattdessen seine eigenen Grenzen als Mensch offen thematisiert. Die Aufgabe des Erwachsenen ist es quasi, Verantwortung für sich SELBST zu übernehmen, und dies in großer Klarheit und Authentizität vorzuleben, also auf der Basis der eigenen Integrität zu denken und zu handeln. Und nicht zuletzt: Sich selbst und anderen immer wieder „Fehler“ oder Rückschläge zu verzeihen. Denn nichts kann immer perfekt sein. Der Mensch schon gar nicht.

Integrität ist auch über das Erziehungsthema hinaus eine grundlegende Basis für gelingende, weil gleichwürdige Beziehungen. Denn nur, wer sich selbst kennt und den Mut aufbringt, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen anderen Menschen gegenüber offen und klar zu kommunizieren, entwickelt die Fähigkeit, andere Menschen in ihren Bedürfnissen und Grenzen zu respektieren und sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. 

Beispiel: Stellen wir uns eine WG Situation vor. Vier gleichaltrige Menschen leben zusammen. Wenn ich mich selbst in meinen Bedürfnissen und Grenzen kenne, muss ich keine Angst vor Stress-Situationen mit den anderen haben. Ich kann deutlich machen, was ich brauche und was für mich unerträglich ist und diese Klarheit ist für alle erleichternd. Denn es ist viel angenehmer mit einem Menschen zu leben, der seine eigenen Bedürfnisse kennt und im Umgang mit anderen Menschen diesbezüglich klar und offen kommuniziert, als ständig in diffusen Beziehungs- und Kommunikationssituationen herumzutasten.

Diffuses Herumtasten erzeugt ununterbrochenen mindfuck und unbeabsichtigte gegenseitige Grenzüberschreitungen bei allen Beteiligten. Wie schön, wenn jemand erklären kann, wer sie ist und was sie braucht und ich mich als Mensch unter Berücksichtigung meiner eigenen Bedürfnisse gleichwürdig MIT meinem Gegenüber darauf einstellen kann. (Hilfreich für diese herausfordernde Baustelle menschlicher Kommunikation ist das Konzept der „Menschlichen Führung“, basierend auf der Statuslehre, auf dessen Grundlage wir bei ACT e.V. genau dieses komplexe Feld immer wieder neu auf lustvolle und gleichzeitig produktive Weise erproben).

Das WG Beispiel macht deutlich, dass Führung nicht „Anleitung“ bedeutet. Sondern viel mehr: Ich übernehme die Führung/Verantwortung für mich selbst, bin darin klar und transparent und kann auf dieser Basis in gesunde Beziehungen mit anderen gehen.

Wenn wir diese Gedanken zur Elternerziehung auf den Kontext Schule übertragen, scheint auf den ersten Blick alles schon bekannt zu sein:

Augenhöhe: Sowohl in der Pädagogik als auch durch die Statuslehre des Theatermachers Keith Johnstone bekannt, gelingt Kommunikation dort, wo eine Beziehung gleichwürdig ist. Je größer die hierarchischen Abstände, desto schlechter wird die Kommunikation. Wissen wir. Check.

Kommunikation: Kommunikation ist der Schlüssel zu gelingenden Beziehungen. Je gleichwürdiger die Kommunikation, desto besser die Beziehung. Wissen wir. Check.

Und warum ist das nun wichtig für den Bereich Bildung?

Beziehung: Alles Lernen gelingt über Beziehung. Wissen wir. Check.

Was wir also brauchen sind gleichwürdige Beziehungen. Auch und gerade in Schulen. (Und eigentlich: Überall). Wissen wir. Check.

Was ist also das Problem? Gibt es ein Problem?

Gelingt Gleichwürdigkeit im Sinne von Jesper Juul an Schulen? – Meiner Erfahrung nach: Viel zu selten.

Und wenn, dann nur, weil einzelne Lehrpersonen sich weit über die formalen Anforderungen hinaus persönlich engagieren – und in der Folge dann oft mit den systemischen Vorgaben in Konflikt geraten.

Genau diese Situation war Ausgangspunkt für die Entwicklung des Mischpult-Prinzips und die Weiterentwicklung der Statuslehre von Keith Johnstone zum Konzept der Menschlichen Führung.

Ziel all meiner Bemühungen ist es, Gleichwürdigkeit auch im Bildungskontext zur Selbstverständlichkeit zu machen.

Meine These: Dies ist derzeit noch nicht der Fall.

Und zwar aus zwei Gründen.

Erster Grund: Weil Lehrpersonen Noten geben müssen und damit ein ungleiches Machtverhältnis entsteht, das echte Gleichwürdigkeit verhindert.

Und zweiter Grund: Weil es einen blinden Fleck gibt, der mit unserer Haltung und unserer Perspektive zusammenhängt.

 Der zweite Grund, nämlich der blinde Fleck, ist etwas, das wir ändern können und deswegen sollten wir damit anfangen. Das wäre der Beginn einer Emanzipation. Und dass Emanzipationsbewegungen sich langfristig auch auf gesellschaftliche Strukturen auswirken, ist bekannt. Um die Noten müssen wir uns also erstmal nicht kümmern. Sondern um den blinden Fleck.

Der blinde Fleck: Wo entstehen Statusabstände, die wir nicht sehen und die das verhindern, was wir EIGENTLICH wollen, nämlich Gleichwürdigkeit? Wie schauen wir auf die Situation in der Schule? Aus WELCHER PERSPEKTIVE?

Dazu eine kleine Geschichte:

Ich bin als Referentin bei einer Veranstaltung in der Schweiz und dort in einem Hotel untergebracht. Das Hotel liegt in einem typischen Touristenort, in dem auch viele einheimische Schweizer Urlaub machen. An diesem Wochenende findet im Ort eine Sportveranstaltung statt, eine Woche „Orientierungslauf“, was Fahrradfahren, Wandern und Laufen beinhaltet. Im Hotel sind zahlreiche andere einheimische Menschen, Durchschnittsalter 50-60 Jahre, alle Schweizer, die als Teilnehmende der Sport-Veranstaltung eine Gruppe bilden. Sie haben Wanderstöcke dabei, tragen sportliche Funktionskleidung und sprechen Schweizerdeutsch. Das Personal im Hotel besteht aus einer Handvoll höflicher, ruhiger Frauen in schlichten, langen Dirndlkleidern. Um das Hotel herum grüne Wiesen, blauer Himmel, dunkelbraune Holzhütten und – Berge.

Schon nach wenigen Minuten an der Rezeption muss ich einsehen, dass meine ganz normale Erscheinung, Sommerkleid, die üblichen Cowboystiefel, blonder Zopf, Mütze und Sonnenbrille in diesem Setting eine höchst seltsame Wirkung entfaltet. Ich komme mir vor wie in einem Faschingskostüm – aber ohne Fasching.

Was in Berlin mein Normalo-Outfit ist und nirgends Aufmerksamkeit erregt, ist in diesem Setting ganz offensichtlich der Anlass zu leichter Irritation. So lange mein Gastgeber, Ausrichter meiner Lehr-Veranstaltung und einheimischer Schweizer, an meiner Seite ist, verhalten sich die Gäste des Hotels und insbesondere das Hotel-Personal, die Frauen in den langen Dirndl-Kleidern, sehr freundlich mir gegenüber.

Als ich am nächsten Morgen aber alleine auf der Sonnenterrasse frühstücke, fühlt sich die Gesamtlage dramatisch anders an. Die Leute starren mich entweder ungeniert an, um sofort wieder weg zu schauen, sobald ich ihrem Blick begegne – oder ignorieren mich mit offensichtlich zur Schau gestellten Kühle. So als wäre ich per se eine peinliche Angelegenheit, die leider ausgehalten aber keineswegs gutgeheißen wird.

Als ich dann auch noch die Gepflogenheiten des Frühstücks offenbar nicht kenne und ein Frühstücksei köpfe, aus dem sich dann augenblicklich die rohe, glibbernde Masse ergießt, ist es endgültig vorbei. Das Hotel-Personal mustert mich pikiert, während eine von ihnen mich mit vorwurfsvollem Blick auf den Wasserkocher hinweist, mit dem sich die Gäste ihre Eier selbst zu kochen pflegen.

Ich stehe ratlos vor dem Gerät und versuche zu erfassen, wie die Sache funktioniert. Eine der Frauen steht mit leblosem Gesicht schweigend daneben. Ich fühle mich an meine ehemalige Grundschullehrerin erinnert, die uns mit steinerndem Gesicht vom Pult aus musterte, um jeglichem Abschreibversuch vorzubeugen. Ich friemel mit dem Wasserkocher herum und komme Schritt für Schritt vorwärts, aber die Blicke, die sich in meinen Rücken bohren sind schwer auszuhalten, ich möchte eigentlich am liebsten zurück in mein Zimmer fliehen. Was sehr offensichtlich ist: Ich bin hier nicht willkommen. Alles, was ich repräsentiere ist hier falsch. So ein „Aufzug“ und dann bin ich auch noch Deutsche und kann mein Frühstücksei nicht ordnungsgemäß kochen.

Das könnte jetzt alles zum Lachen sein. Fühlt sich aber in der Situation selbst erstaunlich scheiße an.

Ich ertappe mich in den beiden folgenden Tagen dabei, dass ich mich überwinden muss, alleine auf der Terrasse zu sitzen und einen Kaffee zu bestellen, weil es mich unglaubliche Energie kostet, das unangenehme Gefühl des „Abgelehntwerdens“ mit äußerer Gelassenheit zu ignorieren und mich innerlich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Immer wieder denke ich: Ach, bleib doch einfach gemütlich auf dem Hotelzimmer… Im Ernst?? Maike versteckt sich im Hotelzimmer??

Ja, und was passiert hier EIGENTLICH? Obwohl niemand irgendetwas böse meint, erlebe ich eine Verunsicherung. Ich spüre quasi einen mini-mini-kleinen „Mü“ Ausgrenzung. Mein sonstiges soziales, geistiges, menschliches, kulturelles Kapital ist hier wertlos. Ich werde nur über meine äußere Erscheinung bewertet und in einer Schublade wahrgenommen:

Die nicht ganz so gern gesehene, blonde DEUTSCHE Touristin, die durch ihre Erscheinung und offensichtliche Nicht-Teilnahme an der Sportveranstaltung das gemütliche, homogene Gesamtbild stört.

Ich erlebe im absoluten Minimal-Bereich etwas, das andere Menschen ununterbrochen erleben. Und sogar in dieser Minimal-Variante fühle ich mich schon unsicher, unauthentisch, habe keinen Zugriff mehr auf meine natürlichen Ressourcen. Es fällt mir unglaublich schwer, einfach „normal zu sein“, einen small-talk zu beginnen, ich fühle mich, wie ins Stolpern geraten, nichts fließt mehr einfach von allein.

Und warum erzähle ich das? Dieses Gefühl haben unendlich viele Jugendliche in unseren Schulen. (Und unglaublich viele Menschen in unserer Gesellschaft). Denn das Schweizer Hotel ist quasi unser deutsches Schulsystem. Auch dort meint niemand irgendetwas böse oder hat gar die Absicht, aktiv auszugrenzen. Es geht einfach nur um den Blick der weißen, akademischen Lehrerin auf das arabisch oder sonst wie „abweichend aussehende“ Kind.

Jede*r Schüler*in, die keine „Kartoffel“ mit bildungsbürgerlichem Hintergrund ist, erlebt tagtäglich, ununterbrochen Abstufungen dieses Gefühls, das mich bereits als selbstbewusste und privilegierte weiße Frau schon in einen „Ich-versteck-mich-dann-mal-besser-im Hotelzimmer-Zustand“ versetzt.

Und worauf ich hinaus will: Ich WEISS, dass dies ohne Absicht geschieht. Ich hatte SELBST diese Wahrnehmung, als ich von Schleswig-Holstein nach Berlin kam, und sie war mir nicht bewusst.

Was ich versuchen möchte ist nur, dass DIESE Tatsache einfach mal erspürt, nachvollzogen und anerkannt wird. Wie fühlt sich jemand, der nicht weiß und nicht akademisch aussieht in unserem Schulalltag? Welches soziale, geistige, menschliche und kulturelle Kapital ist in unseren Schulen wertlos, weil es dort keine Rolle spielt und deswegen unter den Tisch fällt? Und was macht das mit denen, die jahrelang solche Gefühle kompensieren müssen?

Was wäre meine eigene Reaktion im Schweizer Hotel? Wenn ich hierbleiben müsste?

Wir wissen alle, dass die meisten den Weg der Anpassung wählen… Das ist die „I-can-pass-Variante“. Und auch hier bin ich im Vorteil. Ich würde mit der Zeit andere Kleidung wählen, Schweizerdeutsch lernen, versuchen, „so zu sein, wie die anderen“, damit ich nicht mehr „der Alien“ bin. Ich würde versuchen, über Anpassung soziale Anerkennung zu erhalten, um damit mein Selbstwertgefühl zurück zu erhalten. Aber zu welchem Preis? Dennoch KANN ich wenigstens über Anpassung Anerkennung zurückgewinnen, weil es nur um äußere Merkmale und Verhaltensweisen geht, die ich ändern KANN. Andere können ihre Hautfarbe nicht ändern. Das heißt übersetzt: Ich wäre dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit der DEUTSCHE Alien mit den Cowboystiefeln auf der Schweizer-Hotel-Terrasse zu sein.

Ich möchte hier nichts vergleichen. Mir ist vollkommen klar, dass sich meine Situation nicht im Ansatz mit der Situation von Menschen vergleichen lässt, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft diskriminiert werden. Aber ich mache den Versuch, ein Beispiel aus meinem eigenen Erleben zu beschreiben, dass eventuell für das größere Problem sensibilisieren könnte. Und zwar diejenigen sensibilisieren könnte, die bisher das Problem gar nicht wahrnehmen.

Wie auch immer ungerecht die Möglichkeiten der Anpassung sind:

Anpassung widerspricht dem Gedanken der eigenen Integrität und führt uns weit weg von Gleichwürdigkeit. 

Was wäre also der andere Weg?

Noch einmal zurück zur Frühstückssituation im Hotel: Ich könnte in die Offensive gehen. Mein Gefühl ansprechen. Mich erklären. Erklären, woher ich komme, wer ich bin, wie ich diese Situation empfinde. Nicht als Vorwurf, sondern als menschliche Brücke. Und das wäre nämlich dann nichts anderes als der Versuch, Gleichwürdigkeit wiederherstellen. Ein Statusplateau. Eine menschliche Begegnung auf Augenhöhe. Und das Interessante ist: Damit würden sich ALLE besser fühlen.

Denn so eine seltsame Trennlinie fühlt sich ja auch für diejenigen, die sie unbewusst ziehen, nicht gut an. Jedenfalls nicht in der direkten Begegnung. Es löst auf BEIDEN Seiten Verunsicherung aus.

Ein menschlich offenes „Gespräch unter Freunden“ dagegen ist für alle Beteiligten angenehmer und bereichernder! Wir würden voneinander erfahren. Und nichts interessiert ja einen Menschen mehr als der andere Mensch.

Wir würden herausfinden, was jeweils die andere, der andere macht, denkt, fühlt, wie wir jeweils unsere Leben leben, was uns unterscheidet, vor allem aber, was uns verbindet. Denn Beziehungen zu anderen Menschen haben wir alle, die Grundthemen eines Menschen sind im Großen und Ganzen immer dieselben. Es ist tröstlich zu erfahren, wie ähnlich wir uns am Ende doch alle sind.

Was hindert mich also, im Schweizer Hotel, diesen Schritt zu machen? Den Kopf zu heben, zu lächeln und ein menschliches Gespräch zu beginnen? Das Eis zu durchbrechen? Die menschliche Führung für die Situation zu übernehmen? Innen hoch, außen tief zu agieren (Schildkröte, Statuslehre). Was hindert mich??

Ich stelle fest, dass es unglaubliche Überwindung und Kraft kostet, diesen Schritt aus dieser unsicheren Situation heraus zu machen. 

Was ich anregen möchte, ist, diesen Perspektivwechsel zu vollziehen, als ersten Schritt hin zu gesellschaftlicher Gleichwürdigkeit. Denn wenn diejenigen, die sich im Großen und Ganzen sicher fühlen können, VERSTEHEN, dass diese Sicherheit nur auf einem (ungerechten) Zufall beruht, dann können sie im positiven Sinne Demut empfinden und ihre Perspektive zum anderen MENSCHEN hin öffnen. Dann könnten SIE den ersten Schritt hin zu einer menschlichen Kommunikation machen.

Also WIR. Diejenigen, die in dieser Gesellschaft den zufälligen Vorteil haben, nicht wegen Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft ausgegrenzt zu werden.

Dann könnten wir Ungleichheit anerkennen und anfangen darüber zu sprechen. Und ohne etwas vergleichen zu wollen im Sinne von gleichmachen, könnten wir herausfinden, dass wir als Menschen ähnliche Bedürfnisse und ähnlichen Schmerz haben. Gerade WEIL wir den Schmerz der Ausgrenzung oder Abwertung in ANDEREN Kontexten kennen, könnten wir anfangen, MIT ZU FÜHLEN und bestehende Ungleichheit nicht mehr zu leugnen!

Wir müssten nicht immer wieder – wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ von vorne anfangen, die Tatsache von Rassismus und Ausgrenzung anzuzweifeln. Wir „Weißen“ würden uns z.B. nicht mehr angegriffen fühlen (Was?? Es gibt Rassismus? Aber ich bin doch nicht rassistisch?) – sondern wir könnten die strukturelle Dimension sehen und uns als Menschen verbinden, um der Unmenschlichkeit endlich etwas entgegen zu setzen.

Das wäre so wichtig, denn im Moment ist es so: Diejenigen, die sich auf der „Hotelterrasse“ unwohl fühlen, haben sowieso schon den Nachteil, ausgegrenzt zu werden mit all der fatalen Unsicherheit, die das erzeugt. Und ausgerechnet diejenigen müssen derzeit auf dieses Problem hinweisen, wenn sie es ändern wollen. Und dann stoßen sie oft noch auf Widerwillen und Abwehr. Waaas?? Was will die denn jetzt?? In Deutschland kann doch jede*r Abitur machen! Hier kann doch jeder frei sein und tun und lassen, was er/sie/es will!

Theoretisch schon. Praktisch aber nicht.

Sich selbst befreien und der Mensch sein zu können, der ich selbst sein will, also INTEGRITÄT, ist ein Privileg. Die einen starten in diesen Emanzipationsprozess von einem anderen Startpunkt aus, als die anderen. Niemand kann befreit WERDEN. Wir alle müssen dies selbst und aktiv tun. Den Weg zur Integrität und zur Selbstbestimmung erkämpfen. Das ist ein emanzipatorischer Akt. 

Aber die einen haben Vorteile und es wäre der erste wichtige Schritt, dies zu sehen und es zu thematisieren. Damit es nicht immer nur diejenigen tun müssen, die es sowieso schon erheblich schwerer haben.

Deswegen sprechen im Film „12 Jahre ein Untertan?“ diejenigen, die „im Hotel zur Einheimischen-Gruppe gehören“ ZUERST die Problematik an. Damit machen sie den Weg frei, damit allen anderen der Weg zur Erarbeitung der eigenen Integrität offensteht und sie endlich über SICH sprechen können. (Und nicht immer zuerst durch den Walk-of-shame des „Erklärbären“ durchmüssen).

Das wäre so beglückend für alle. Denn wir alle befinden uns irgendwo auf dieser Skala zwischen Anpassung und Entfremdungsgefühlen auf der einen Seite und Integrität und Selbstbestimmung auf der anderen Seite. Wir alle müssen uns Integrität und innere Freiheit erarbeiten. Denn Integrität ist der Schlüssel, um anderen menschlich und gleichwürdig begegnen zu können. 

Und DESHALB müssen wir uns fragen, inwieweit unser Schulsystem „Untertanen“ heranzieht. 

Im Moment ist es so: Diejenigen, die in der „Einheimischen-Sportler-Gruppe“ sind, erkennen das Problem nicht an, weil sie es selbst nicht erleben, leiden aber selbst unter systemischer Fremdbestimmung, weswegen sie andere, die frei sind oder darum kämpfen, freie Menschen zu sein, argwöhnisch beäugen.

Für einen Menschen, der seine eigenen Bedürfnisse und Werte nicht kennt, bzw. diese nicht klar kommunizieren kann, ist ein Mensch, der genau dafür kämpft, eine unangenehme Provokation. Ein Schmerz, der ans Eingemachte geht. Auch DAS ist nämlich ein Teil des blinden Flecks:

Diejenigen, die im Schulsystem zur „Einheimischen-Gruppe“ gehören, fühlen sich derzeit auch nicht gut. Auch sie erleben – ohne es vergleichen zu können! – Fremdbestimmung und haben keine Ahnung, was es bedeutet, für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen wirklich einzustehen.

Es fehlt vielen Lehrpersonen an Integrität und innerer Selbstbestimmung und auch deswegen fehlt die Basis für Gleichwürdigkeit. 

Lehrpersonen, die sich im Schulsystem wie Aliens fühlen und eine Sehnsucht danach haben, das zu tun, woran sie glauben und wofür sie einstehen, müssten den Mut und die Kraft entwickeln, DARÜBER zu sprechen und sich „zu befreien“. Das wäre die Brücke, um sich mit allen anderen zu soldarisieren, die ebenfalls – unter noch viel schwierigeren Bedingungen – für IHRE Integrität kämpfen.

Denn: Wer selbst nicht frei ist, kann in anderen keine Freiheit ermöglichen. 

Der erste Schritt wäre daher, den eigenen Schmerz ernst zu nehmen, statt ihm auszuweichen und sich zu fragen: Warum fühle ich mich nicht gut? Bin ich der Mensch, der ich sein will? Und wenn nicht: Was hindert mich daran? Dies ist die Initialzündung aller Emanzipationsbewegungen. (Beispiele: Harvey Milk, Billy Elliot).

Und dann könnten wir erkennen, dass wir aufbrechen sollten: Vom „Dorf in die Stadt“ und alle miteinander reden sollten – auf der Basis von gesellschaftlicher Gleichwürdigkeit (Vom „Dorf in die Stadt“ ist als Bild gemeint: Im Sinne des im Heimatdorf gemobbten „Freaks“, der in die Großstadt flieht und dort erkennt, dass er gar nicht der „Freak“ ist, sondern ein Mensch unter vielen Gleichgesinnten, die erkannt haben, dass ihr Fremdheitsgefühl nicht an ihnen selbst liegt, sondern an Strukturen, die sie zum „Freak“ MACHEN).

Übersetzt auf den Bildungskontext wäre das „Dorf“ das Lehrerzimmer, in dem sich die einzelne Lehrperson mit ihren Frustrationen vorkommt, wie ein Freak. Und „in die Großstadt aufbrechen“ würde bedeuten, zu SPRECHEN und sich mit all denen zu verbinden, denen es genauso geht. Denn das sind viele. Sowohl Lehrpersonen, als auch Eltern, als auch Heranwachsende.

Wer ALLEINE in der „Freak“-Position auf „der Hotel-Terrasse“, im „Dorf“ oder im Lehrerzimmer für den Mut zur Freiheit eintritt, hat kaum eine Chance. Der Schmerz der Scham und der Ausgrenzung ist zu groß. Wir müssen uns deswegen zusammentun.

Dann könnten wir gemeinsam formulieren, was uns stört und was uns verunsichert und was wir eigentlich brauchen. Wir könnten eine „große WG“ sein, in der jeder Mensch derjenige sein kann, der er wirklich ist. Das ist nicht pathetisch, denn genau genommen sind wir rein faktisch eine Menschheitsfamilie.

Und zusammen könnten wir auf dieser Grundlage Schritt für Schritt herausfinden, was eine Schule (und eine Gesellschaft) von morgen wirklich braucht.

Wir könnten von unseren eigenen menschlichen Bedürfnissen und Grenzen ausgehend GEMEINSAM und MITEINANDER Reibungswärme erzeugen und diese Gesellschaft WEITER entwickeln. So, wie es jede andere Emanzipationsbewegung auch bewirkt hat. Mein Konzept zur Menschlichen Führung ist EIN Vorschlag, der uns dabei helfen kann, diese Aufgabe gemeinsam zu bewältigen. Die ACTeure im Film „12 Jahre ein Untertan?“ machen es vor.

Und abschließend bleibt mir nur noch folgendes zu sagen:

This is a wake up call to a school system and a society in denial:

Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem mangelnden Bewusstsein für die eigene Integrität und die der anderen, der Verneinung von Rassismus in unserer Gesellschaft und der (unbewussten) Verhinderung von wirklicher Vielfalt und Empowerment in unseren Schulen.

Lasst uns damit anfangen, unsere EIGENEN Bedürfnisse und Grenzen ernst zu nehmen, damit wir die Bedürfnisse und Grenzen der anderen sehen und einander menschlich begegnen können.

Erkenne dich selber, frage dich, woher das kommt, dass du dich fremdbestimmt fühlst, suche die anderen, denen es auch so geht und fang an zu sprechen! Bildung braucht die nächste Emanzipationsbewegung. Und also auch dich.

Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet.

Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)). Neben die äußere tritt die innere Emanzipation: als Befreiung aus eigener Unmündigkeit und den Fesseln von Tradition, gesellschaftlichen Normen und vorgegebener Weltanschauung. Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit (im Sinnevon Gleichberechtigung oder Gleichstellung), meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischenStrukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern.

(Wikipedia) 

Maike Plath, 12. August