Kapitel 26: Aus der Welt gefallen

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

In den letzten Wochen meines Lebens als verbeamtete Lehrerin im Staatsdienst begriff ich, dass die Welt nicht so war, wie ich es bisher allseits vermittelt bekommen hatte. Diejenigen, von denen behauptet worden war, sie seien das Problem, waren meine Freunde geworden. Und diejenigen, von denen ich geglaubt hatte, sie seien ordnende Instanz und irgendwie Orientierung, hatten mich für verrückt erklärt. 

Ich konnte nicht begreifen, dass mir niemand half. Es war für mich so offensichtlich, was hier schief lief. Und ich weiß nicht, was für ein naives Weltbild ich offenbar gehabt hatte, aber tatsächlich konnte ich nicht fassen, dass niemand auf einer übergeordneten Ebene einsprang und wieder Gerechtigkeit herstellte. Wahrscheinlich hatte ich dieses Weltbild mit Sabrina gemeinsam. Auch sie war zur Schulleitung gelaufen – in dem Glauben, dort würde ihr geholfen. Jetzt erwartete das naive Kind in mir, dass irgendeine Institution oder ein weiser Mensch in Leitungsfunktion – Marke Bullerbü-Dieter – einschritt und sowas sagte wie: Nun mal langsam mit den Pferden. Maike ist eine Top-Lehrerin und hat ein moralisches Dilemma nach bestem Gewissen gelöst! Und ich erklär euch jetzt mal, wie wir das Ganze wieder in ein Happy End auflösen und dann stoßen wir alle miteinander an und die Welt ist wieder in Ordnung.

Leider passierte nichts davon. Im Gegenteil: Susanne versuchte, mich wegen Verleumdung anzuzeigen und als sie damit juristisch nicht durchkam, wurde ich von der Berliner Senatsverwaltung aufgefordert, mich in Behandlung bei einem Schulpsychologen zu begeben. Ich sei “nicht stabil und eine Gefahr für den Schulfrieden“. Mein „Nicht-Stabil-Sein“ gründete sich auf die Tatsache, dass ich nicht aufhören konnte, meine Sicht der Dinge darzustellen und mich strikt weigerte, klein beizugeben und mich für „meine Taten und Versäumnisse” zu entschuldigen. Das erschien mir einfach zu absurd. Zu ungerecht. Nur leider wurde nun die Tatsache, dass ich mich der Sichtweise der Berliner Senatsverwaltung widersetzte (nämlich “dass ich ein Störfaktor sei und “auf Spur gebracht werden müsse“), gerade als Beweis für meine „Geistesgestörtheit“ gelesen. Ich machte zum ersten Mal in meinem Leben die Erfahrung, wie das ist, wenn mensch keine Stimme mehr hat. Wenn dir niemand mehr zuhört. Wenn alle einfach ihr eigenes Zeug weiterreden und du angeschaut wirst, als wärest du Gaga. Und je mehr du dich rechtfertigst, desto schlimmer wird es. Ich hatte das Gefühl, in meiner Verzweiflung allmählich tatsächlich durchzudrehen. 

Wie konnte ich die Komplexität der Gesamt-Situation und meine Lage besser erklären, als auf der Grundlage des Wohnzimmer-Bildes? Es war doch offensichtlich, dass die ganze Misere, die jetzt zu diesem Eklat geführt hatte, ganz erheblich damit zusammenhing, dass  eine relativ kleine Gruppe von Menschen glaubte, ihre Lebensweise wäre „normal“. Ja. WIR glauben, unser Leben wäre normal. Und wir glauben, dass es richtig ist, den Müll zu trennen, sich gesund zu ernähren, das akademische Wohnzimmer als Ausgangspunkt aller Debatten zu nehmen und alle anderen als „noch auf dem Weg dahin“ zu betrachten. Und so lange wir das so sehen, können wir kein einziges unserer Probleme lösen. Das hatte ich ja nun jahrelang live und in Farbe selbst erlebt. Die vorhandenen Probleme können wir nur lösen, wenn wir diese einseitige Perspektive verlassen und uns stattdessen Strategien überlegen, wie ALLE  ihre Stimme einbringen können. Ich wollte von diesem übergeordneten langfristigen Ziel sprechen, das nämlich meine Handlungsweise verständlich gemacht hätte – und mich eben nicht aus der Position einer rebellischen Theaterlehrerin wieder und wieder rechtfertigen müssen. 

Aber alles, was ich sagte, wurde als „verrückt“ und „widerständig“ gelesen. Während ich in diesen vergeblichen und gespenstischen Gesprächen saß, wurde mir plötzlich klar, dass ich mich inzwischen selbst in meiner eigenen Klassenkonferenz befand. Ich sollte „einsehen“, dass ich schon die ganzen Jahre davor den „Dienst nach Vorschrift verweigert hatte“ und dass ich mit meiner Sichtweise auf die Dinge den „Schulfrieden“ störte. Dafür gab es nun einen “handfesten Beweis”, denn neun Kolleg*innen hatten sich spontan bereit erklärt, mich bei meinem ersten verordneten Termin beim Schulpsychologen zu begleiten. Um zu demonstrieren, dass SIE mich keineswegs für verrückt hielten. Als der Schulpsychologe die Tür öffnete, schaute er einigermaßen überrascht auf die zehn Leute, die sich vor seinem Zimmer drängten und sagte nur: Oh, dann müssen wir in einen anderen Raum wechseln. Ich habe hier nur zwei Stühle.  In dem anschließenden Gespräch musste ich selbst nichts sagen, weil alle anderen ihre Sichtweise zu Protokoll gaben und einforderten, dass das Gesagte, schriftlich festgehalten wurde. Was sich für mich zunächst wie eine Rettung anfühlte, fiel mir allerdings hinterher erst recht auf die Füße, denn nun hatte die Schulverwaltung den Beweis dafür, dass ich jetzt auch noch das „ganze Kollegium aufwiegelte“ und daher der Schulfrieden in Gefahr sei. Auch das erschien mir so dermaßen absurd. Als ob ich irgendwelche Menschen aufwiegeln könnte! Aber offenbar traute der Senat den „ganz kleinen Lehrer*innen“ nicht zu, dass sie sich auch höchst selbst eine Meinung bilden konnten – ohne „aufgewiegelt zu werden“.

In diesem ganzen Theater saß der Wurm des Gehorsams. Der Wurm des autoritären Denkens. Selbst denkende und eigenverantwortlich handelnde Menschen kamen in diesem Denken nicht vor und waren vor allem – nicht erwünscht. Kein Wunder, dass die Schüler*innen sich alle wie rebellische Kinder aufführten. Sie hatten ja keine Erwachsenen als Rollenvorbilder. Selbst Verantwortung zu übernehmen war einfach nicht en Vogue. Und das ausgerechnet im Schulsystem. 

Für mich war es ein Schock. Ich hatte geglaubt, dass am Ende des Tages den Institutionen und den Menschen, die sie vertreten, zu vertrauen ist. Dass so etwas, wie jetzt, nicht passieren kann. Dabei hätte ich es wissen können. Anderen war es schon vor mir so gegangen. Nur hatten die Institutionen mir selbst bisher immer genützt, mir Vorteile verschafft. Weil ich mich wohlig und sicher innerhalb der „richtigen“ Perspektive befunden hatte. Jetzt merkte ich: Alles kann auch anders sein. Vieles ist – auch bei uns – ungerecht. Nicht nur irgendwo anders in der Welt. Und überall sind Menschen. Und manche Menschen sind so und andere sind so. Es gibt keine absolute Sicherheit. Es gibt nur die Möglichkeit, selbst Verantwortung zu übernehmen. Selbst zu denken. Nicht destruktiv zu werden: Trotz allem das Gute zu sehen. Sowohl in den Institutionen als auch in den Menschen. Offen zu bleiben. Und zuversichtlich. Dafür einzutreten, dass möglichst viele mitreden können. Die Welt ist weder gut noch schlecht. Sie ist das, was wir selbst aus ihr machen. 

Was ich jetzt erlebte, passte nicht zu meinem selbstverständlichen Gefühl von Welt. Es fühlte sich so an, als wäre ich aus der Welt heraus gefallen. Ich konnte plötzlich SEHEN, dass ich die ganze Zeit im Wohnzimmer gesessen hatte. Und dass ich das jetzt offen kommunizierte, brachte leider die anderen Wohnzimmerinsassen auf die Palme.

Und jetzt musste ich plötzlich schmerzhaft feststellen, dass ich – entgegen meiner gutgläubigen Vorstellung von Welt – keineswegs frei – im Sinne von unabhängig war. Denn aufgrund der Tatsache, dass ich Staatsdienerin im verbeamteten Schuldienst war, konnte mir die Senatsverwaltung – in Person der Schulrätin – TATSÄCHLICH weh tun. Und sie ging mit einem seltsam zufriedenen Furor an die Sache und wusste in meinem individuellen Fall sehr genau, wo sie mich treffen konnte: Sie nahm mir die Möglichkeit, sinnvoll zu arbeiten. Oder noch deutlicher: Sie vernichtete den Sinn meiner Arbeit. Das war überraschend einfach. Wenn ich jetzt morgens in die Schule kam, stellte ich fest, dass ich fortan nur noch für Vertretungsunterricht eingesetzt war. Und zwar ausschließlich in immer anderen Klassen, die ich nicht kannte. Eine Stunde in der 7a, eine Stunde in der 9b, dann eine Stunde in der 8c, usw. Was mir am wichtigsten war: Kontinuität in Personal, Zeit und Räumlichkeit war auf einen Schlag weg. Nach einigen Wochen Vertretungsunterricht bemerkte ich bei mir aufkommende Anzeichen einer Depression: Ich hatte keine Lust mehr. Ich dachte: Egal. Ich geh einfach hin und mache IRGENDWAS. Ich kann nix tun. Es ist, wie es ist. Ich muss nur irgendwie überleben. Zwischen mir und der Welt begann ich eine Wand zu errichten. Nix mehr wollen, nix mehr spüren… alles egal. Irgendwann wandere ich einfach aus. Ziehe die Decke über den Kopf. Soll doch alles ohne mich weiter gehen… alles egal… 

Auf dem Schulhof bestürmten mich Basak, Umut, Yasemin, usw,  was denn mit meinem Unterricht und mit dem Theater sei. Ihre Lehrer*in hätte ihnen gesagt, ich sei krank, hätte eine Art Burn-out und könne daher nicht mehr richtig unterrichten. Daher hätte ich eben jetzt auch meine Klasse abgeben müssen… 

Ok. Ich verstand. Ich war am Verlieren. Es gab keine Möglichkeit, meine Würde zu wahren und intakt aus dieser Sache raus zu kommen. Für mich war klar: Ich konnte nicht mehr zum verordneten „Dienst nach Vorschrift“ zurückzukehren. Dafür hatte ich zu viel gesehen und zu viel erlebt. Mir kam dieser blöde Satz in den Sinn: Du kannst nicht das richtige Leben im Falschen leben. Ich konnte mich einfach nicht unterwerfen. Es war aber andererseits auch ausgeschlossen, auf diese Weise weiter zu machen. Der Schulrätin ausgeliefert sein und an ihrer Leine bis zum St. Nimmerleinstag im Kreis durch die Manege trotten. Psychisch wäre ich innerhalb kürzester Zeit erledigt. Das war der nächste Schock: Ich musste einsehen: Ich war NICHT unbesiegbar. Mensch KONNTE mich kleinkriegen. Kaputt machen. Mir den Sinn meiner Arbeit nehmen. Das auslöschen, was mich ausmachte. Sehr leicht sogar. Was für eine Scheiße. 

Und eines Morgens beim Aufwachen fiel mir der einzige strategische Move ein, den ich jetzt noch machen konnte, um mich zu befreien. Wie immer war es die Flucht nach vorn. Wenn mich schon alle für verrückt erklärten, dann konnte ich es ja auch einfach mal WIRKLICH sein. Ich rief meinen Steuerberater an und berichtete ihm von meiner Idee. Da wir ja bereits seit zwei Jahren an meinem Ausstieg und meiner Selbständigkeit bastelten, reagierte er nicht weiter überrascht, dass der Zeitpunkt also offenbar jetzt gekommen war, aber meine Idee, die Lebenszeitverbeamtung gleich mit weg zu werfen, ließ ihn aus seiner sonstigen Ruhe kippen.  Das ist Wahnsinn. Das machst du auf keinen Fall! Das ist ja Hara Kiri! Und das ist doch völlig unnötig! Du kannst deine Verbeamtung doch einfach ruhen lassen! Das machen viele so. Gib doch nicht all deine Sicherheiten auf! Also davon rate ich dir dringend ab!  Er erklärte es mir in allen Einzelheiten. Ich schlief ein paar Tage schlecht. Ich räumte mein Arbeitszimmer auf, entsorgte alte Listen und Unterlagen, schaute die Fotos der vergangenen Jahre an, weinte ein bisschen. Dann flog ein DIN A 4 Zettel aus einem alten Ordner. „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke. 

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd’ geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. 

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht. 

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf. – Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille und hört im Herzen auf zu sein. 

Ich kannte das Gedicht natürlich. Aber jetzt ging es rein. Ich wusste, dass ich bereits drüber war. In meinem Innern war die Entscheidung längst gefallen. 

Das letzte Gespräch in der Senatsverwaltung war dann auch relativ kurz. Und an der Reaktion auf meinen kleinen interessanten move erkannte ich, dass mich in Wahrheit niemand für verrückt gehalten hatte. Frau Reimann sagte gerade: 

Sie denken, Sie können hier machen, was Sie wollen. Aber das können Sie eben nicht… bla bla (ich hatte längst aufgehört, zuzuhören)… und Sie sind nämlich dem Staat verpflichtet, Sie haben einen Amtseid geleistet… bla bla… und in Zukunft werden Sie… bla bla bla… 

Wie sehr muss diese Frau SELBER in autoritären Strukturen gedemütigt worden sein, dass sie die ganze Zeit so eine GENUGTUUNG dabei empfindet, mich klein zu machen… Wenn es nicht so wahnsinnig traurig wäre, wäre es fast komisch, dachte ich. Wie ein Charlie Chaplin Film…

Der Moment war gekommen. Ich hob den Kopf und sagte klar und deutlich:  Wir können uns das hier sparen. Ich kündige. Meine Verbeamtung gebe ich auf. Ich bin raus. Schluss mit Staatsdienerin. Das ist hier alles nicht mehr so meine Sache. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Alles Gute.

Und an ihrem Blick sah ich es. DAMIT hatte sie nicht gerechnet. Sie war sich SO sicher gewesen, dass eine kleine bürgerliche Lehrerin wie ich nämlich eben nicht so verrückt ist. Sie meinte, mich durchschauen und steuern zu können. Und jetzt verstummte sie endlich und starrte mich an.  Erst jetzt hält sie mich für verrückt,  erkannte ich mit Erstaunen. Ihre Fassungslosigkeit und langsam rein tröpfelnde Enttäuschung darüber, dass ihr die Maus entwischt, ihr Spielzeug verloren war, stand für einen Moment völlig unverhüllt im Raum. Es dauerte nur wenige Sekunden. Aber ja: Ich genoss es. Ein bisschen. Für ein paar Sekunden. Denn mir war klar: Der Spaß hört ganz schnell auf. Denn jetzt – ab diesem Moment – muss ich tatsächlich Verantwortung tragen. Für die Entscheidung, die ICH getroffen habe. Und eine Butterfahrt wird das nicht. Aber – auf der Skala zwischen Sicherheit und Freiheit habe ich mich in diesem Fall für die Freiheit entschieden. Für mich fühlt es sich richtig an. Und was jetzt kommt, das kommt. Ich bin bereit.

Ich verabschiede mich höflich. Und verlasse das Gebäude der Senatsverwaltung. Auf dem Weg in ein neues Leben.