Türwächter*innen der Freiheit Teil 2/Kapitel 2: Hänsel und Gretel

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig. 

Es ist zehn Uhr morgens und Cleo und ich sitzen am Mehringdamm im Café Sarotti. Außer uns sind nur ein paar vereinzelte, müde ausschauende Hotelgäste da, die jeweils alleine an einem Tisch sitzen, Kaffee trinken und in ihre Handies tippen. Manchmal steht einer auf und schlurft zum Frühstücksbuffet, das im Wesentlichen aus lieblos zusammengeklatschten Wurst- und Käsescheiben besteht, daneben ein großes Blech mit langsam erkaltenden Spiegeleiern. Was auf jemand anderen vielleicht eine eher trostlose Wirkung gehabt hätte, versetzt mich in fast euphorisch gute Laune, denn eben: Es ist 10 Uhr morgens und statt im Lehrerzimmer mit den Zombies sitze ich nun in einem Café mit Cleo und kann Spiegeleier essen, Kaffee trinken und Dinge auf den Weg bringen, die Sinn ergeben. Dass wir das in einem Café machen, hat einen einfachen Grund: Wir haben – noch – kein Büro. Ich finde es wunderbar. Auf diese Weise fühlt sich die Arbeit vollends an wie Urlaub. Unsere ersten Treffen vergehen im Wesentlichen damit, dass Cleo mir die bereits bestehenden Strukturen und die sich daraus ergebenden Aufgabenfelder erläutert. Das nimmt fast kein Ende. Ich stelle etwas beschämt fest, dass ich mir das sehr viel einfacher vorgestellt habe. Vor allem aber erscheint mir der sogenannte bürokratische Anteil der Arbeit schier unendlich, während Inhaltliches praktisch gar nicht vorkommt. 

Naja, deswegen bist du ja jetzt hier,  erklärt Cleo mit einem Hauch von Ungeduld in der Stimme,  das ist mir ja klar, dass es in dem Bereich noch nicht optimal ist… Also wie die Leute im Moment in ihren Projekten arbeiten… jeder murkelt da irgendwie mit seiner eigenen Sache rum und ich finde, dass es nicht mehr so ein Gemischtwarenladen sein sollte, sie lacht, und Öffentlichkeitsarbeit, die Website, da könntest du ja auch mal drauf schauen, das müsste alles neu… und das Team, also die ganze Kommunikation… aber erstmal erklär ich dir das jetzt mit den Pfandboxen… sie redet munter weiter. 

Mein inneres folgsames Kind springt an. Ich will so schnell wie möglich alles verstehen und dann alles noch schneller, noch weiter, noch größer, noch toller machen. Ich möchte, dass Cleo SIEHT, was ich alles vorwärts und in Bewegung bringen kann. Was an bereits bestehenden Dingen im Weg steht oder mir hinderlich erscheint, fege ich beiseite. Ich renne mit gefühlten 180 Stundenkilometern los – renne mitten rein in den dunklen Wald. Und Cleo ebenfalls. 

Ich glaube, wir dachten: So viele Jahre kennen wir uns ja schon. Das wird schon klappen. 

Aber es klappte nicht. Wir rannten eine Zeitlang zügig durch den Wald, immer geradeaus, keine Pause, schnell noch dieses Stück weiter, und dann können wir ja auch noch… aber wir hörten uns nicht mehr. Wenn Cleo etwas sagte, dachte ich: Ja, ja, ich weiß GENAU, was sie meint, Cleo wusste immer schon bevor mein Satz zu Ende war, was ich sagen wollte, und im Dauersprint fielen wir uns gegenseitig ins Wort, ja, ja, ich versteh GENAU, was du meinst, lass mal noch ein bisschen schneller laufen…. und ich hatte so gute Laune und dachte: ENDLICH wird alles gut. 

Und dann wurde es dunkel im Wald. Ich konnte Cleo nicht mehr hören und dann plötzlich auch nicht mehr sehen. Ich war allein. Nur ein unheimliches Knacken in den Bäumen, ansonsten Totenstille, das vereinzelte Schreien einer Krähe… wo war ich überhaupt gelandet? Ich hatte mich verirrt. Cleo?…, rief ich, aber es kam keine Antwort. In vollkommener Dunkelheit versuchte ich ruhig zu bleiben und vorsichtig einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich konnte nichts sehen. 

Dann kam der Mond hinter den Bäumen hervor und endlich konnte ich Umrisse erkennen. Da stand ein Haus. Ein sehr altes Haus. Die Eingangstür schlug leise quietschend im Wind hin und her. Das Haus war offen. Ich stolperte langsam auf die Tür zu und dachte: Das ist ein Traum. Aber ich konnte nicht aufwachen und jetzt war ich drinnen. Zu meiner Überraschung war es meine Wohnung. Ich freute mich. Doch dann entdeckte ich eine Tür, die ich noch nicht kannte und ich öffnete sie. 

Überrascht stelle ich fest, dass meine Wohnung also noch ein Zimmer hatte, das ich noch nie bemerkt und daher auch nie genutzt hatte. Ich fing gleich voller Freude an, darüber nachzudenken, wie ich es einrichten könnte… 

… und während ich durch das Zimmer gehe, wird mir klar, dass hinter diesem Zimmer noch weitere sind. Was habe ich für eine riesige wunderschöne Wohnung?? Warum habe ich diese Zimmer nie bemerkt? Das ist ja der Hammer!! Doch dann sehe ich plötzlich die Spinnenweben. Sie sind überall. Und auf den Regalen und in den Schränken stapelt sich der Müll. Ich sehe, dass es meine alten Kinderspielsachen sind. Ich bin in meinem alten Kinderzimmer. Hier muss ich mal aufräumen…, denke ich. Dann hätte ich viel mehr Platz. Dann hätte ich NOCH ein zusätzliches Zimmer in meiner Wohnung… ich öffne die Schranktüren, da fallen mir meine alten Barbiepuppen entgegen – und überall sind dichte Spinnweben, die alles miteinander zu verkleben scheinen. Alles ist verstaubt und dreckig. Ich werde ganz müde, das schaffe ich ja nie, das alles sauber zu machen, ich lege mich in mein Kinderbett, das noch genauso aussieht, wie ich es in Erinnerung habe. Ich schließe die Augen und versuche zu schlafen. Wenn ich aufwache, sind die Spinnweben weg, sage ich mir. Aber da fühle ich einen kalten Luftzug und öffne die Augen. Ich sehe direkt raus in den Wald und stelle mit Entsetzen fest, dass die gesamte Hauswand fehlt: Die eine Hälfte des Hauses (!) ist komplett weg und aus dem Wald kommen seltsame Geräusche, sie werden langsam lauter, etwas nähert sich. Es sind Gespenster, ich bin mir sicher. Ich springe aus dem Bett, stehe in der Mitte meines Kinderzimmers, starre vor mir in den dunklen Wald, dann drehe ich mich panisch um. Wo sind die anderen Zimmer? Wohin kann ich fliehen? Ich fühle, wie mein Magen sich zusammenzieht und ich aufhöre zu atmen – und dann sehe ich sie: Eine riesengroße Spinne sitzt in der Ecke hinter dem Schrank, so groß wie ein Medizinball… ihre riesigen schwarzen haarigen Beine zittern leicht auf dem vibrierenden weißen Gewebe. Ich schreie, aber es kommt kein Ton. Ich kann mich nicht bewegen.  Ich habe eine riesige wunderschöne Wohnung, denke ich verzweifelt, aber ich muss fliehen, weil von vorne Gespenster auf mich zukommen und hinter mir ist diese Spinne… Ich kann hier nicht bleiben. Das Haus gehört dieser Spinne. Sie wird mich fressen. 

Starr vor Angst versuche ich kleinste Schritte rückwärts zu machen, ohne dass die Spinne auf mich aufmerksam wird. Ich erreiche die Tür und renne los. Doch ich laufe direkt in die Arme von Cleo. Wo willst DU denn hin?,  fragt sie erstaunt. Und ich merke, dass mir die Tränen in die Augen schießen – ich habe ein Riesenkloß im Hals – denn ich weiß, ich kann hier nicht bleiben, ich muss Cleo enttäuschen, ich sage: Es tut mir leid, Cleo, es war ein Irrtum, ich muss hier weg, wir werden uns nicht wiedersehen, ich habe das zu schnell entschieden, ich kann das gar nicht, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, der Wald ist voller Gespenster und mein Kinderzimmer ist nicht aufgeräumt, da sieht es furchtbar aus und in der Ecke sitzt eine riesige Spinne…

Da nimmt Cleo meine Hand und sagt: Ich weiß… aber das ist kein Grund, weg zu laufen. Was wir jetzt brauchen ist eine Hexe. 

Eine Hexe…?, frage ich ungläubig und verliere den Mut: Cleo ist verrückt geworden. 

Aber während ich noch protestiere, zieht sie mich aus dem Haus und hinter sich her, über Wurzeln und knackende Äste, mitten durch den dunklen Wald, und ich weine und kann nichts sehen. Die Spinne verfolgt uns doch…, denke ich, und alles hier ist voller Gespenster! Ich traue mich nicht, mich umzuschauen. Irgendetwas Bedrohliches ist uns ohne Zweifel auf den Fersen. 

Doch da taucht vor uns eine Hütte auf, durch die Fenster flackert ein warmes Licht. Es riecht nach Äpfeln und nach Schokolade. Oh Gott ein Knusperhäuschen, sage ich ängstlich, aber Cleo lacht: Quatsch. Wir sind doch nicht Hänsel und Gretel. 

Doch, finde ich in diesem Moment, ein bisschen schon… Zwei Geschwister ohne Eltern, ganz alleine im Wald… 

Cleo öffnet währenddessen die Tür zum Knusperhaus und da sitzt – in einer wunderschönen Berliner Altbauwohnung an einem großen Holzschreibtisch inmitten von antiken Möbeln, Büchern und Blumen eine strahlende Hexe mit feuerrotem Haar. Sie schaut auf, lächelt und sagt: Hallo ihr beiden! Cleo hat schon viel von dir erzählt, Maike. Ja, dann wollen wir mal anfangen, und die Gespenster vertreiben…! Ich freue mich sehr über euch beide. Es ist mir eine Freude, euch zu beraten… 

Sie gießt dampfenden schwarzen Tee in unsere Tassen und wir fangen an. Mit unserer ersten gemeinsamen Supervisions-Sitzung. In diesem Moment weiß ich, dass wir sicher sind, egal, was da draußen passiert. Denn wir haben jemanden, die Gespenster sehen und sie vertreiben kann. Wir haben eine Hexe.