Türwächter*innen der Freiheit Teil 2/Kapitel 1: Cleopatra

Kapitel 1:  Cleopatra 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

In den ersten Wochen nach meinem Ausstieg aus dem Schulleben nahm ich eine alte Gewohnheit wieder auf: Sonntags Tatort gucken. Mir ging es dabei nicht um den Plot – wer der Mörder war, war mir ziemlich egal – es war die Zusammenarbeit der Kommissare, die mich interessierte. Ich glaube, ich hatte einen Sehnsuchts-Schub nach heiler Welt, und die HBO Serien, die ich ansonsten schaute, wie zum Beispiel „The Wire“ zeichneten sich nicht gerade wegen ihres „Heile-Welt-Faktors“ aus. Ich fletzte auf dem Sofa, aß ungesunde Sachen und hatte ein seltsam wohliges Gefühl, den Münchner Tatort-Kommissaren Leitmeyer und Batic beim Ermitteln zuzusehen. So sollte eine berufliche Zusammenarbeit doch eigentlich aussehen, fand ich. Leider hatte ich selbst jetzt einen anderen Weg eingeschlagen. Publikationen, Lehrveranstaltungen und Home-Office. Vor meinem inneren Auge sah ich mich alleine mit meinem Laptop im ICE, alleine in irgendwelchen Ibis-Hotelzimmern, alleine abends am Hoteltresen mit einem Buch und einem Glas Rotwein, alleine zu Hause vor meinem Computer. Von Leitmeyer und Batic weit entfernt. Mein Steuerberater konnte meine leicht melancholische Stimmung nicht nachvollziehen.  Jetzt mal ganz ehrlich: Du schmeißt ne Lebenszeitverbeamtung hin und hast dann gleich eine so solide Basis für eine Selbständigkeit. Das ist doch der Hammer. Hut ab! Ich finde wirklich, dass du dich jetzt auch mal ein bisschen freuen könntest.  Ja schon. Klar. Ich freute mich ja auch. Aber. Ich war alleine. 

Lustigerweise war ich es in Wahrheit nicht. Die guten Geister die ich rief – nämlich all die Leute, mit denen ich in den letzten Jahren beim Italiener gesessen hatte – standen quasi schon in den Startlöchern. Ich wusste es nur nicht. Ich lag noch in meine Decke gewickelt auf dem Sofa und schaute Leitmeyer und Batic beim Ermitteln zu. 

Mein Handy klingelte. Cleo. Ich freute mich.  Hast du Bock auf ein Bier?  Ja logisch. Muss man mich nicht zwei Mal fragen. Runter vom Sofa, raus nach Neukölln – irgendwo am Maybachufer in der Sonne. Cleo und ich hatten uns vor einigen Jahren bei einer meiner ersten Fortbildungsveranstaltungen kennen gelernt. 2007. Ich hatte gerade mein erstes Buch geschrieben und die ersten Aufträge für Lehrveranstaltungen trudelten ein. Eine davon für Lehrer*innen im FEZ Wuhlheide. Lustiges Gebäude übrigens. Riesig. Ein alter Ost-Dinosaurier. Mitten in einem weitläufigen Parkgelände. Bäume. Große Rasenflächen. Und mitten drin dieser eindrückliche Bau. Eine große, breite Treppe führte vom unteren Foyer nach oben, wo es zu den Tagungsräumen ging. Ich war an diesem Tag leicht verkatert – am Abend zuvor hatten mal wieder zehn Leute in unserer Küche gesessen und es war spät geworden – und nun bemitleidete ich mich selbst, dass ich mit dieser Matschbirne eine Veranstaltung geben musste. Schnell noch einen Kaffee im oberen Foyer. 

Matt sitze ich auf einem Plastikstuhl, trinke kleine Schlucke aus dem Pappbecher und versuche, wach zu werden. Überall so munter und aktiv wirkende Menschen, die jetzt in den Saal zu einem gemeinsamen Warm-up strömen. Laute Musik. Menschen in Jogginghosen, die begeistert auf und ab hüpfen. Ich werde gleich ganz müde, schaue aus den großen Fenstern nach draußen auf das Parkgelände und wünsche mir, ich hätte diese Veranstaltung schon hinter mir. Der Kaffee schmeckt gruselig. 

Als es dann los geht, passiert das, was mich immer wieder erstaunt: Sobald ich anfange, vergeht die Depression. Die Zeit verfliegt, ich fühle eine Freude und eine Energie, die den ganzen Raum zu füllen scheint. Schwupps ist alles schon wieder vorbei. Ich packe meine Karten zusammen, vor mir stehen Menschen und fragen noch dies oder jenes. Das ist der stressigste Moment. Denn eigentlich möchte ich jetzt den Boxring verlassen und am Rande mit feuchten Tüchern, Wadenmassage und aufbauenden Sprüchen versorgt werden. Die Erwartungen in den Gesichtern der Leute um mich herum machen mir Angst. Habe ich nicht alles bereits gesagt? Ich möchte fliehen und – immerhin kurz – mal alleine sein. Wenn es schon keine feuchten Tücher und keine Massage gibt. Aber dann halte ich inne in meinem Fluchtreflex. Denn da steht jemand vor mir und schaut mich an. Und ich denke: Oh. Eine Königin. Sie steht da – groß und  gerade im Raum mit erhobenem Kopf. Ich höre auf, meine Karten zu ordnen und schaue zurück. Pause. Sie fragt, ob ich noch kurz Zeit habe. Und selbstverständlich habe ich die. Plötzlich. Während wir nebeneinander die breiten Stufen der großen Treppe hinunterlaufen auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen zum Quatschen, habe ich erneut diesen Gedanken: Ich gehe neben einer Königin. 

Wie sich kurz darauf heraus stellt, ist sie allerdings – noch – eine Regentin ohne Reich. Ohne Ägypten. Aber der Plan ist bereits da – was mich kein bisschen überrascht.  Ich bin Schauspielerin, sagt sie,  aber dieser ganze fremdbestimmte Scheiß ist nicht mein Ding. Ich kann nicht gut gehorchen. Aber als Schauspielerin musst du jede Scheiße fressen. Darauf habe ich keine Lust mehr. Ich möchte jetzt was Sinnvolles machen. Ich bin gerade dabei einen Verein zu gründen. 

Ich bin sofort gebannt. Was für ein Verein?

Cleo lächelt kurz: Ja, das war jetzt eben inspirierend für mich – deine Veranstaltung – ich würde gerne dahin gehen, wo du deine ganzen Erfahrungen herhast: Dahin, wo kein Theater angeboten wird, weil die Kinder angeblich zu schwierig sind. 

Ich feiere es innerlich, dass sie nicht das Wort „Brennpunktschule“ benutzt. 

Sehr gute Idee,  sage ich,  je mehr gute Leute dahin gehen, desto besser…Und wie genau willst du das machen?

Cleo berichtet von ihren ersten Telefonaten, von Rückschlägen, von bürokratischen Hürden bei der Gründung eines Vereins, von Lehrer*innen, die sie auslachen: Da wollen Sie hin? Das können Sie doch gleich vergessen!  und von ihrer wachsenden Überzeugung, dass es aber eben genau das braucht.  Eine Kämpferin,  denke ich erfreut. Und weiß, dass der Gründung von Ägypten nichts im Wege steht. 

Doch das sieht Cleo anders. Es gibt offenbar ein Problem. 

Das Ding ist: Ich bin Schauspielerin,  sagt sie,  und ich habe keinen Plan, wie genau ich mit den Jugendlichen arbeiten kann. Ich glaube, ich brauche irgendwie ein Konzept, einen inhaltlichen Masterplan, oder sowas … Sie grinst. Und fügt hinzu:  Naja, und da kommst du jetzt ins Spiel. Ich dachte, vielleicht kannst du mich beraten…

Nichts lieber als das,  denke ich und wir verabreden uns für ein erstes Treffen wenige Tage später. Es ist – ja tatsächlich an dieser Stelle die passende Formulierung – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. 

In den kommenden Jahren treffen wir uns regelmäßig. Cleo gründet Ägypten, während ich an der Schule an meinem „Masterplan“ weiter feile und meine Schlachten gegen den Sheriff verliere. Zur gleichen Zeit stehen wir in unterschiedlichen Schulaulen und versuchen Stuhlkreise aufzubauen, Theatervorhänge zu verhindern und kleine Quadratmeter der Freiheit gegen Sheriff-Strukturen zu verteidigen. Die Mühen der Ebene… und dann immer wieder zusammen ein Hefeweizen oder zwei zwischen Innstraße und Werrastraße in Neukölln, draußen auf kippeligen Holzstühlen auf Kopfsteinpflaster in der Sonne oder im Winter in verrauchten Kneipen in der Weserstraße. Und die Erkenntnis: Irgendwie geht da noch was. 

Und dann kommt eines Tages dieser Moment, wo Cleo anruft – so wie immer. Aber an diesem Tag ist es anders. 

Wir sitzen am Maybachufer und tauschen Neuigkeiten aus, stoßen auf meinen Neustart in die Selbständigkeit an, reden über dies und das. Über das Leben. Über die Liebe. Und über die Scheiße, die mensch fressen muss. Muss? Und irgendwann als es dunkel wird, sagt Cleo: Ich kann dich nach Hause fahren, ich hab heute das Auto, dann können wir noch ein bisschen weiter quatschen.  Eine halbe Stunde später stehen wir vor meiner Haustür in der Rosenthalerstraße, ich öffne die Tür und bin schon mit einem Bein draußen auf dem Bürgersteig, da sagt Cleo:  Maike…?

Ich wende mich noch mal um, habe ich was im Auto liegen gelassen? Dann sehe ich Cleos Gesichtsausdruck und denke:  Macht sie mir jetzt einen Heiratsantrag oder was…? Cleo zögert, sucht nach Worten. Ich merke, wie ich mich innerlich anspanne. Was kommt denn jetzt? Und dann haut sie es raus:  Ich habe mir gedacht, jetzt, wo du ja selbständig bist, könntest du ja vielleicht… also, hast du nicht mal überlegt, ob du… Ok…,  sie lacht, atmet tief ein und fragt:  Hast du nicht Lust, mit mir gemeinsam den Verein zu leiten? 

Die Bedeutung der Worte sinken nur langsam ein. Ich muss erstmal nachdenken, was das überhaupt heißt… Cleo deutet meinen Gesichtsausdruck fälschlicherweise als Ablehnung und fügt schnell hinzu: Also du kannst ja noch in aller Ruhe drüber nachdenken, eilt ja nicht…  Ich nicke. Dann lachen wir beide.  Krasses Angebot,  sage ich,  da muss ich noch mal ne Nacht drüber schlafen… Aber: Danke für die Ehre! Cleo nickt: Ja, logisch. Gib einfach Bescheid, wenn du dich entschieden hast. Wir umarmen uns, ich steige aus dem Auto und schlage von außen die Tür zu. Cleo wendet den Wagen, winkt noch mal durchs Fenster und ist weg. Langsam schließe ich das Tor zu unserem Hinterhof auf und denke Was war jetzt DAS? 

In der folgenden Nacht schlafe ich wenig. Ich spiele meinen ursprünglichen Plan durch, ich visualisiere die verschiedenen Szenarien. Wie genau mein Alltag mit Cleo aussehen wird, kann ich mir nicht vorstellen. Ich kann nicht wirklich wissen, was es für mich bedeuten wird. Ich schreibe Pro- und Contra-Argumente auf ein Blatt und starre ewig darauf. Es hilft überhaupt nicht weiter. Zu viele unbekannte Variablen. 

Irgendwann schlafe ich ein. 

Und irgendetwas in mir entscheidet sich in dieser Nacht gegen meinen ursprünglichen, penibel ausgearbeiteten Plan, gegen „Mein Haus-Mein Pferd-Mein Segelboot“ und FÜR die ungewisse Variante.  Ich will Leitmeyer und Batic denke ich beim Aufwachen und sage der Königin von Ägypten zu.