Teil 3 Türwächter*innen der Freiheit – Kapitel 1: Die Tür zur Freiheit

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.  

Berlin, 28. Januar 2020 

Ich bin zu alt fürs Berghain, denke ich und stehe in der berühmtesten Schlange der Welt. 

Ist auch interessant, dass ich, bevor ich überhaupt drin bin, schon mit dem Bewerten anfange: Zu alt… Für WAS zu alt? Die Türsteher sind genauso alt. Also was soll das? Aber trotzdem geht es immer weiter mit dem Bewerten in meinem Kopf und der lustigen Anstrengung, genau das eben NICHT zu tun. Vielleicht bin ich genau deswegen hier: Um zu schauen, was das mit MIR macht: Ins Berghain gehen. Obwohl ich diese inneren Widerstände habe. Oder: WEIL ich diese inneren Widerstände habe, MUSS ich ins Berghain. Um raus zu finden, was das für innere Widerstände sind – und warum ich die habe und ob ich sie auflösen kann. Irgendwie so. Ich fühle mich wie auf einem 10-Meter-Turm, kurz bevor ich beschließe, dann doch die Leiter wieder runter zu klettern und NICHT zu springen. Der erste Widerstand, den ich habe, ist natürlich schon mal der, dass „nicht jede*r reinkommt“. Wie exklusiv ist DAS denn? In Wahrheit habe ich natürlich nur die Sorge, dass ICH nicht reinkomme. Und was das dann aussagt? Doch zu alt? Falsche Klamotten? Zu spießig? Zu dumm? Zu langweilig? Zu hässlich? Nach welchen Kriterien geht das hier? Alter Schwede – was ist los mit mir? Da rede ich immer davon, dass wir das mit dem Bewerten mal sein lassen sollen – und was mache ich? Stehe in der Schlange vorm Berghain, mache mir in die Hosen wegen der Tür und verfalle ins allerkrasseste Bewerten aller Zeiten!  Damit du dich GENAUSO erlebst, hat sich dieser Ausflug JETZT schon gelohnt,  denke ich.  Jetzt siehst du mal wie Panne du selber bist.  Schon im Vorfeld wird mir also klar, was der „Kult um die Tür“ mit mir macht. 

Wie bin ich diese seltsame Situation hineingeraten? Das war eigentlich nur so ein banaler Anruf. Josh ruft an und fragt: Sag mal, wollen wir nicht noch mal ins Berghain? Und ich sage: Ja klar, sehr gerne. Und warum sagst du das so, als würde es bald dicht machen?   Pause am Telefon. Dann Josh:  Wie kommst du denn darauf? Das Berghain wird noch 100 Jahre da sein, das ist ne INSTITUTION!  Und ich:  Ach so, hörte sich so an wie: Wir müssen nochmal ins Berghain, bevor es das nicht mehr gibt…  Josh lacht.  Nee, das hast du falsch verstanden – das Berghain wird noch da sein, wenn wir beide längst unter der Erde liegen. Safe. 

Josh ist ein guter Freund, er ist vor einigen Jahren aus New York nach Berlin gekommen und hat die gesamte erste Zeit im Berghain verbracht, wie er selber sagt. Das war mein Zuhause, sagt er, ich habe mich im Berghain geborgen gefühlt, ich kannte ja niemanden in Berlin, und das Berghain war quasi meine Familie.  Aha. Ich verstehe GAR NICHT, was er meint. Aber genau deswegen will ich da ja jetzt hin. Schauen, warum ausgerechnet das Berghain Josh’s Zuhause werden konnte. Jetzt muss ich aber erstmal wissen, was ich anziehen soll. Ohne Scheiß: Da sind wir jetzt angekommen. Dass ich so Loriot-mäßig meinen Begleiter anrufe und frage: Was soll ich anziehen, SCHATZ? Das rote oder das grüne? Josh bleibt gelassen. Mach dir keinen Kopf. Zieh einfach das an, was du immer anziehst. Nicht chic machen. Schwarz ist gut.  

Ja. Voll. Voll das Klischee. Schwarz. Das steht ja auch im Netz in jedem Text übers Berghain. Also gut. Ich ziehe mein normales Zeugs an. Schwarzer Rolli, Jeans, Biker Boots, schwarze Lederjacke. Josh ist offenbar zufrieden, als wir uns vorm Berghain mit Küsschen Küsschen begrüßen. Na immerhin. Jetzt stehen wir in der Schlange – und schweigen.  Ist besser,  sagt Josh, sonst lachen wir zu viel.  What?? – Whatever. Scheinbar gibt es weitere Codes, von denen ich nichts weiß. Je näher wir der Tür kommen, desto bockiger werde ich. Was soll dieses Theater um die Tür? Am meisten ärgere ich mich natürlich über mich selber. Dass mich das überhaupt beeindruckt. Wie nervig. Ich bin halt DOCH eine GANZ kleine Lehrerin. Hat die alte Reimann also doch recht gehabt. Dann sind wir am Eingang. Zwei Türsteher. Erscheinungsbild Marke Sven Marquart, aber der ist gerade nicht da. Der Türsteher rechts schaut mich an, ziemlich direkt in die Augen, ich schaue zurück. Jetzt bloß nicht die Gleichwürdigkeit versemmeln. Er winkt mich weiter. Wir sind drin. DAS war es jetzt? Ich bin fast beleidigt. Aber keine Zeit zum Weiternachdenken, denn jetzt folgt eine Art Flughafenkontrolle. Rucksäcke aufmachen, Taschen entleeren, Körper abtasten und Handy abkleben lassen. Weiter gehts. Wir kommen in eine Art Riesengarderobe wie das Foyer einer Oper, nur ist alles dunkel. Rechts ein langer Empfangstresen, wo die Leute stehen und ihre Jacken und Mäntel abgeben. Wie in der Oper halt – nur: Es werden nicht nur Jacken und Mäntel abgegeben, sondern quasi – alles. Die Leute ziehen sich aus. Teilweise ganz. Bis auf so schwarzes Ledergeschirr. Ach du Scheiße. Ich bin überfordert. Muss ich das? Josh sieht meinen Blick, lächelt:  Keine Sorge…mach, wie du willst…  Jetzt erst fällt mir auf, dass es eine gewisse Komik hat, dass ich hochgeschlossen im schwarzen Rolli ins Berghain gehe und schon am Eingang Schiss habe, dass ich irgendwas ausziehen muss… Woher kommt diese Verklemmtheit? Ich gebe meine Jacke und meinen Rucksack ab, ebenso wie Josh, der ebenfalls alles andere anbehält (PUHA, dann fühle ich mich nicht GANZ so blöd). 

Ok, ich geh noch mal kurz aufs Klo, sagt Josh, und ich sage schnell: Oh, gute Idee, ich auch. Wir biegen um eine weitere dunkle Ecke, da sind die Toiletten, ein komplett nackter Mann wischt gerade den Boden mit einem großen Wisch-Mob. Er lächelt mir freundlich zu. Diese Freundlichkeit bleibt nicht die Ausnahme, es ist eher die Grundhaltung. Als Josh und ich anschließend hoch gehen in die Panorama Bar – da fangen wir mal an, sagt Josh – fällt mir diese Haltung insgesamt auf. Ich sehe viele schöne Menschen. Schöne Körper. Aber eben nicht im Sinne einer Norm wie “schlank”, “sportlich”, „dick“, „dünn“ „durchtrainiert“, usw. sondern in einem sehr vielfältigen Sinne. Alles, was ist, wird in aller Selbstverständlichkeit und Freude präsentiert. Das berührt mich. Gleichzeitig verunsichert es mich. – Warum? Wahrscheinlich, weil ich spüre, dass hier die Maßstäbe nicht gelten, an die ich ansonsten gewöhnt bin. Unter denen ich zwar auch leide. Die mir aber offenbar trotzdem Sicherheit geben. Mir scheinen hier viele Menschen bewusster im Umgang mit sich selbst zu sein als ich. Das ist eine merkwürdige Erfahrung, die ich nicht sofort einordnen kann. Wir bestellen unseren ersten Gin Tonic und rauchen. Im Berghain darf man – logisch – rauchen. Wie man auch so gut wie alles andere darf. Ich bin so beschäftigt mit meinen Eindrücken, dass ich erstmal gar nicht weiß, was ich sagen soll. Also schweigen wir eine Zeitlang und schauen den Tanzenden zu. Es fühlt sich gut an. 

Ich könnte ewig so sitzen. 

Ich überlege gerade, warum ich mich hier so wohl fühle, sage ich plötzlich. 

Und weiß du, warum?, fragt Josh.

Ich glaube, dass der Blick der Leute auf mich hier ein anderer ist, als sonst. Das macht mich einerseits entspannter und andererseits auch unsicherer. Beides. 

Was meinst du?

Wenn ich ansonsten irgendwo unter Menschen bin, fühle ich mich eigentlich immer irgendwie bewertet… Irgendwie beschriftet. Ich würde mich zum Beispiel nicht trauen, so zu tanzen, wie ich tanzen will, weil die Leute normalerweise dann so Sachen senden, wie: Will die jetzt auffallen, oder was? Will die Männer aufreißen? Findet die sich jetzt so geil, oder was? Oder: Mein GOTT, nimmt die sich aber viel Raum! 

Josh nickt. Ja, das kann ich voll verstehen. Aber hier kannst du WIRKLICH einfach so sein, wie du willst.  Du kannst ganz klar senden, ob du beispielsweise Sex willst und mit wem oder ob du einfach nur tanzen willst und dann wird das auch genauso respektiert. 

Um klar zu senden, was ich möchte, muss ich allerdings WISSEN, was ich möchte und mich trauen, das auch zu senden. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich aber gar nicht so genau, ob ich die Freiheit, hier im Berghain Sex zu haben, überhaupt möchte. Für mich ist körperliche Nähe mit persönlicher Nähe verkoppelt. Ich könnte mir eventuell gerade noch so vorstellen, mit meinem Partner hier Sex zu haben. Aber alles darüber hinaus fühlt sich undenkbar an. Und ich frage mich: Warum ist das so? Ist das verklemmt und ich befinde mich auf einer Emanzipations-Skala noch auf Stufe 2 von 10 – oder ist es gerade umgekehrt ein Zeichen von Freiheit, dass ich DIESE Form der Freiheit gar nicht brauche? Bin ich ein Produkt meiner sozialen Prägung und könnte mich WEITER entwickeln auf diesem Feld – oder bin ich längst bei mir selbst angekommen und die ANDEREN hier sind auf der Suche und auf Stufe 2? Das Dumme ist: Wenn ich zurückblicke, weiß ich, dass ich teilweise in „inneren Käfigen“ saß und glaubte, dort glücklich zu sein. Wenn ich im Käfig saß, konnte ich nicht SEHEN, dass ich im Käfig saß. Dieser Blick war immer erst möglich, wenn ich mich befreit hatte und von außen drauf schaute. War das auch jetzt der Fall? Oder war ich im weiten Spektrum der menschlichen Sehnsüchte schon in MEINER inneren Freiheit angekommen, nämlich in der Gewissheit, dass Sex ohne Bindung für mich keinen Mehrwert hat? Ist das eine bürgerliche Prägung oder bin ich das selbst? 

Ich glaube, dass mich gerade volle Granate meine soziale Prägung an den Eiern hat,  lache ich,   ich frage mich gerade, WER hier im Berghain die eigenen Bedürfnisse leben kann, und wo das ein Akt der Emanzipation ist oder ein Akt der Flucht vor sich selbst? Es scheint mir auf den ersten Blick so, dass alle hier viel offener mit ihren Bedürfnissen umgehen und mehr bei sich selbst sind, als ich. Aber stimmt das überhaupt? 

Josh guckt erstaunt.  Wieso glaubst du, dass hier irgendjemand mehr bei sich selbst ist, als du?

Oh. Das kann ich dir sagen… Weil ich meiner eigenen Sozialisation nicht traue… 

Josh leert sein Gin Tonic Glas und schaut mich an:  Das verstehe ich nicht, was meinst du?

Für einen Augenblick denke ich, dass es zu kompliziert ist. Dann versuche ich es doch: 

Ok… Also ich glaube, dass die bürgerliche Welt, aus der ich komme, sogenannte Selbstfindungsprozesse krass unterdrückt und ich weiß immer nicht: Was ist einfach nur Ballast, den ich los werden muss und was ist tatsächlich mein Eigenes. Selbstfindung, emanzipatorische Prozesse – dieses ganze Thema – das war etwas, das bei uns zu Hause immer irgendwie skeptisch gesehen bzw. sogar blockiert wurde: Dass jemand sagt: Ich bin so und so und möchte dies oder das. Das ganze Thema Selbstfindung wird in bürgerlichen Kreisen doch immer irgendwie tendenziell ein bisschen belächelt… und abgewehrt. Kennst du diesen Sketch von Loriot mit dem Jodel-Diplom? “Da hab ich was Eigenes”. Eigentlich krass: Eine Frau, die versucht, aus ihrer absurd festgezurrten Hausfrauen-Rolle rauszukommen, ist da Gegenstand großer Heiterkeit. Alle lachen sich schlapp. Manchmal frage ich mich: Hat das Bildungsbürgertum Loriot verstanden? Der hat ja den Leuten eigentlich nur einen Spiegel vorgehalten. Als ich klein war, fand ich das lustig mit dem Jodeldiplom. Aber aus den falschen Gründen. Ich hatte zu Hause gelernt, dass Menschen, insbesondere Frauen, peinlich sind, wenn sie “was Eigenes” machen wollen bzw. „Selbstfindung“ betreiben. So nannte das mein Vater immer in leicht abfälligem Ton. Das wurde voll lächerlich gemacht. Und gleichzeitig fühlte ich mich immer komisch unterlegen, wenn ich dann mal mit einer emanzipierten, starken Persönlichkeit konfrontiert war, die ihr eigenes Ding gemacht hat. Das hat bei mir eine ganz unangenehme Unsicherheit ausgelöst. 

Josh pustet Rauch aus und bestellt uns zwei Kurze.  Ja, und genau mit dieser Unsicherheit und Abwehr bin ich dann konfrontiert und fühle mich scheiße. Was denkst du, wie ICH mich manchmal fühle, als nicht-weißer, schwuler Mann – an Orten, wo alle so der Meinung sind, weiß und heteronormativ zu sein, wäre das „Normale“? 

Ich muss plötzlich an unser Advents-Singen früher zu Hause in Glücksburg denken. Alle in Mann-Frau-Beziehungen oder so weißen „Familie-Sonnenschein-Konstellationen“. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn Josh bei einem solchen Anlass bei uns zu Hause zu Besuch wäre. Selbst, wenn er höflich mit seinem Weihnachtslieder-Zettel auf der Sofa-Ecke sitzen würde, freundlich lächelnd, und das ganze Theater ergeben mitspielen würde, wäre klar, dass er den Status des „Etwas-Seltsamen-Gastes“ zugespielt bekommen würde. Alle wären „nett“ zu ihm – allerdings nur so lange, bis er mit seinen Lebenswelten sichtbar und diese dort vertreten würde. 

Ich muss fast lachen, wenn ich mir vorstelle, was los gewesen wäre, wenn Josh eine persönliche Geschichte aus seinem Alltag einfach so bei uns zu Hause am Esstisch erzählt hätte…

Und im Vergleich zu früher hat sich da bis heute nicht viel verändert. Jetzt gibt es zwar auch schwule und lesbische Paare und die neue Familie Sonnenschein ist die Patchwork-Family.  Aber eine FRAU beispielsweise, die so lebt wie Josh – da bin ich mir gefühlt irgendwie ziemlich sicher – würde fast überall noch immer als „Schlampe“ oder „psychisch instabil“ abgestempelt werden, oder wäre zumindest noch immer der „schräge Vogel“ beim „Weihnachtssingen. Wie kommt das, dass es im Berghain zwar eine streng bewachte Tür gibt und nicht jeder rein darf, drinnen dann aber alle Lebenshaltungen respektiert werden, beim „Weihnachts-Singen“ aber angeblich jede*r willkommen ist – vor Ort dann aber ganz krass durch die Blume diskriminiert wird? Scheinbar gibt es eine unsichtbare Tür, die viel brutaler ist.  

Meine Eltern würden das so noch nicht mal reflektieren, sage ich, sie würden denken, dass sie doch NETT und TOLERANT sind, dass du „schräger Vogel“ bei uns willkommen bist und Weihnachtslieder singen darfst! Ihnen wäre nicht klar, dass dieses freundliche Tolerieren noch lange kein Respektieren ist. Was du in deinem Alltag machst, woran du glaubst und was du wirklich denkst, das würden die ablehnen. Und deswegen würden sie dich auch gar nicht danach fragen. Damit ihre „Idylle“ keinen Kratzer bekommt.

Eben,  nickt Josh,  und wenn ich sie umgekehrt zu MIR, in meine Welt einladen würde und genauso selbstverständlich meine Lebenswelt und meine Werte zum Maßstab machen würde, wie deine Familie ihr Weihnachts-Singen, dann wären SIE plötzlich die Verunsicherten. Aber die würden ja gar nicht kommen. Er wirft mir einen Blick zu.  Also ich rede jetzt gar nicht mehr speziell über deine Familie… Eher so insgesamt. Es gibt einfach Welten, die nicht von beiden Seiten bereist werden.   Er grinst und ergänzt:  Es hat alles mit Dominanz und Unterwerfung zu tun. Hier im Berghain, aber auch überall sonst. 

Darüber muss ich jetzt erstmal ein bisschen grübeln. Wir schauen auf die Tanzfläche und schweigen. Und ich bin ein bisschen beschämt. Nicht wirklich Josh persönlich gegenüber, aber irgendwie insgesamt. Diese ganzen Sachen mit den Werten und was ich alles so für „normal“ und „richtig“ halte, ist mir irgendwie peinlich. Ich kann nichts dafür, dass ich eine weiße, heteronormative Frau bin, aber ich hätte schon viel früher  – ja, was eigentlich? – ins Berghain gehen sollen? Nein. Ich hätte schon viel früher meine Komfort-Zone verlassen können. Wenn die Neuköllner Jugendlichen nicht so hartnäckig bockig gewesen wären, hätte ich den „berühmten Schuss wahrscheinlich nie gehört“. Ich nehme einen Schluck Gin Tonic und wende mich wieder Josh zu. 

Ich glaube, glücklich zu sein basiert entweder auf Naivität oder auf Privilegien und wenn die selbstverständliche Weltsicht erschüttert wird oder eine Krise auftaucht, dann haben die Leute die Wahl: Entweder die Naivität durch Ignoranz ersetzen, also durch einen Schutzpanzer, mit dem sie sich unangenehme Wahrheiten vom Leib halten und Abweichendes abwerten oder aber: Die eigene Komfort-Zone verlassen und sich plötzlich unsicher fühlen. Das wäre dann wahrscheinlich der Anfang eines Selbstfindungsprozesses: Eigene Denkmuster hinterfragen, sich auseinandersetzen. Aber: Je privilegierter jemand ist,  desto wahrscheinlicher ist wohl eher die Ignoranz-Reaktion. Weil: Man muss ja nicht. LÄUFT ja alles! 

Josh grinst.   Darauf zwei Kurze,  murmelt er, und wir kippen zwei weitere Wodka. 

Hast du Bock zu tanzen?,  fragt Josh, ich nicke, und wir wühlen uns durch das Gedränge nach unten auf die riesige Tanzfläche. Die Bässe wummern im Bauch. Dennoch ist die Musik nicht unangenehm laut, eher so, dass man wie in einer riesigen weichen Decke darin versinkt. Und: Die Musik ist gut. 

Links und rechts von mir tanzen Menschen und einige haben Sex. Auf der Tanzfläche, am Rand der Tanzfläche, zu zweit, zu dritt, egal. Obwohl Sex hier allgegenwärtig ist, fühle ich mich als Frau sicherer, als in jedem anderen Setting. Niemand grabscht mich an. Niemand wirft mir zweideutige Blicke zu. Und andererseits: Niemand ignoriert mich. Niemand gibt mir das Gefühl, ich sei „komisch“, verklemmt“ oder sonst irgendwie „falsch“. Ich bin einfach Teil des Ganzen, werde beachtet und respektiert in meinem Wunsch, nicht angefasst zu werden und fühle mich willkommen. Es bringt mich fast zum Weinen. Warum kann das nicht überall so sein? 

Nach einer halben Stunde Tanzen schlägt Josh einen Rundgang vor. Wir laufen durch diesen riesigen seltsamen Tempel, alles ist riesen-groß und dunkel und voller Menschen – und leicht.  Willst du in die Darkrooms?, fragt Josh und ich nicke. Klar will ich. Wenn ich schon mal hier bin, will ich überall hin. Die Darkrooms sind tatsächlich noch dunkler als alles andere. Trotzdem kann ich sehen, was stattfindet: Sex. Zu zweit, zu dritt, in Gruppen. Was ich allerdings nicht sehe, sind – Frauen. Als wir hinterher an der sogenannten „Klo-Bar“ sitzen, frage ich Josh:  Warum sind in den Darkrooms keine Frauen? Ist das immer so oder nur heute? 

Josh zuckt mit den Schultern.  Keine Ahnung. Meistens sind da nur Männer. Ich habe nur einmal eine Frau gesehen, die sich von mehreren Männern hat vögeln lassen. Ich glaube, dass Männer offener mit ihrer Lust umgehen als Frauen. Obwohl das hier niemand komisch finden würde.

Da haben wir es wieder,  denke ich,  und WARUM gehen Männer offener mit ihrer Lust um, als Frauen? Wahrscheinlich kommt genau da der „Schlampen-Faktor“ ins Spiel. Aber hier in Berlin?  

Und warum glaubst du, ist das so?,  frage ich. 

Du hast es ja schon gesagt: Das hat mit Prägung zu tun. Männer können sich noch immer freier bewegen, als Frauen, da gibt es ja noch immer alle möglichen Abstufungen in den Köpfen. Hetero ist eher „normal“ als schwul, schwul ist gesellschaftlich eher akzeptiert, als trans oder queer, usw. Da gibt es immer noch knallharte Unterschiede, eine krasse Hierarchie.  

Und wer in dieser Hierarchie der gesellschaftlichen Anerkennung jeweils weiter unten steht, hat es halt noch immer schwerer, muss also entsprechend mehr Mut aufbringen. Mehr emanzipatorischen WUMMS aufbringen. 

An diesem Ort wäre das aber immerhin möglich. Da ist es eher eine Frage, inwieweit sich die einzelnen Personen trauen, diesen Freiraum – unabhängig von sozialen Rollenkonstruktionen – zu leben. Also: Hat sich jemand soweit emanzipiert, dass er sie es ihre Grenzen und Bedürfnisse kennt, sie zulässt und sich entsprechend den Raum nimmt? Aber wahrscheinlich stecken die meisten noch voll in ihren verinnerlichten autoritären Prägungen fest – und kämpfen mit dieser blöden Sache, dass wir Freiheit nicht geschenkt bekommen, sondern sie uns selber nehmen müssen… was eben – tja…- Mut erfordert… Josh seufzt und dreht sich eine Zigarette. 

Interessantes Seminar,  denke ich, hier lern ich mehr als an jeder Hochschule. Und  genauso sitze ich hier auch da – mit hochgeschlossenem Rolli und ein bisschen schüchtern – wie eine Studierende in einem Hörsaal. Und wieder diese ganzen Fragen: Bin ich hier so unsicher, weil die Gesellschaft mich dazu gemacht hat oder ist das mein natürliches, ursprüngliches Wesen – und ist das eine überhaupt vom anderen zu trennen? Was würde für mich persönlich Befreiung in diesem Kontext denn bedeuten? Was sind meine persönlichen Wertevorstellungen? Monogame Zweierbeziehung oder regelmäßig selbstbestimmter Spaß im Berghain – oder…?  Was…? 

Während Josh in Richtung Toiletten verschwindet, betrachte ich die in Zucker gegossenen Skulpturen der vögelnden Männer im durchsichtigen Tresen vor mir und denke an die Worte von Josh: Es geht immer um Dominanz und Unterwerfung. Irgendwo da hängt alles zusammen. Ich mache ein kleines Gedankenexperiment. 

Wenn der berühmte Außerirdische auf die Erde schauen würde, dann würde er feststellen, welche Menschen dominieren und welche sich unterwerfen. Welche Merkmale verbinden die Menschen, die dominieren? Und welche Merkmale verbinden diejenigen, die sich unterwerfen? Wer erhält Anerkennung und Zuspruch für dominierendes Verhalten und wer für fürsorgliches, sich unterwerfendes Verhalten? Und was wäre, wenn alle unabhängig von Anerkennung einfach das leben würden, was sie in der jeweiligen Situation am liebsten hätten? In der einen Situation vielleicht mal voll Dominanz ausleben und dann wieder Unterwerfung. Was beim Sex gilt, ließe sich ja auf alle anderen Kontexte übertragen… 

Aber leider läuft es anders: Die einen lernen Schritt für Schritt zu dominieren und die anderen lernen, sich zu unterwerfen. Und dann merken sie irgendwann, dass das scheiße ist und versuchen, es über Therapie und Coaching zu verändern – aber dann kommt die krasse Unsicherheit und vor allem: Der unerwartete Schmerz. Wenn die anderen einen nicht mehr toll finden… 

Da liegt wohl noch so einiges an Unsicherheiten außerhalb der Komfortzone vor mir… Ich schaue auf die Zucker-Skulpturen und merke, dass sich etwas in mir verliebt. Ich merke den Gin Tonic. Das Leben ist schön. Ich fühle mich so geil philosophisch und gebe mich meinen Gedanken hin, die mich jetzt einlullen, wie eine warme Decke. 

Ich sitze hier an diesem Zuckertresen, sorry, der Klobar, im Berghain und denke: Selbstfindung führt nämlich eben NICHT zu Egoismus. Das Gegenteil ist der Fall. Selbstfindung geht mit unverstellter Neugier auf die Menschen einher. Beides bedingt sich gegenseitig. Andere können mir helfen, mich selbst besser zu verstehen. Und ein größeres Bewusstsein für mich selbst führt zu weniger Angst und in der Folge zu mehr Offenheit für die anderen. Vor allem zur Fähigkeit mit anderen mitfühlen zu können, statt von außen zu bewerten. Sich selbst besser zu verstehen führt definitiv zu mehr Mitgefühl mit anderen. Krass: Mein Großvater ist Pastor gewesen. Warum hat er DAS nicht verstanden?: Je mehr ich einen Menschen ermutige, er sie es selbst zu sein, desto größer wird dessen Fähigkeit zur Nächstenliebe. Ich bestelle einen dritten Gin Tonic, denn auf diese Erkenntnis muss ich jetzt erstmal mit Josh anstoßen. 

In diesem Augenblick setzt sich ein nackter Mann neben mich an den Tresen. Er ist ungefähr 50 und hat einen Hängebauch. Er lächelt und fragt: „Willst du Mariuana, Schätzchen?“ Ich schüttle lächelnd den Kopf. Er nickt freundlich und trollt sich wieder. Es ist abgefahren: So, wie er „Schätzchen“ sagt, fühle ich mich liebevoll in den Arm genommen. Nicht herabgesetzt. Wie in einer – besseren – Familie. 

Josh kommt zurück. 

Ich will mit dir anstoßen, sage ich. 

Der Barkeeper stellt die zwei neuen Gin Tonic Gläser vor uns auf den Tresen. 

Worauf? fragt Josh. 

Darauf, dass ich das Konzept der Nächstenliebe verstanden habe, sage ich, wenn du der Mensch werden darfst, der du in Wahrheit bist, dann kannst du anderen auch gönnen, dass sie so werden, wie sie wirklich sind. Josh lacht: Gönn dir! Wir trinken einen großen Schluck und zünden die nächste Zigarette an. 

Dann schaut Josh mich unvermittelt an und sagt – halb ins Glas, halb in den Zigarettenrauch: Sag mal, was ist denn eigentlich der Stand gerade bei dir zum Thema Love interest… oder ich sag mal –  Liebe…? Ich schaue auf die zwei Männer, die auf der anderen Seite des Tresens liebevoll knutschen, nehme einen großen Schluck Gin Tonic und fange zu meiner großen Verwunderung an, meine Gedanken zum Thema Liebe zu formulieren…