Türwächter*innen der Freiheit Teil 2/Kapitel 10: Im Nebel

Kapitel 10: Im Nebel

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Kriegen wir eigentlich EINMAL eine Sitzung hin, in der nicht eine von uns dreien heult?,  fragt Cleo an einem Herbstnachmittag, an dem die Stimmungs-Suppe mal wieder dick und zäh im Büro hängt. Was ist bloß los?  

Mir geht’s irgendwie nicht gut,  sage ich und Cleo rollt mit den Augen:  Aber warum denn? DEINE Probleme will ich mal haben: Ist ja auch echt ein Scheiß, dass ein berühmter Typ einen Kinofilm über dich macht.  

Zack! Mir schwappt die heiße Wut hoch.  Ja, alles klar, Cleo – sehr gerne können wir tauschen! Dann triff du dich doch heute mit ihm. Meinst du, mir macht das SPAß?? 

Ja, HOFFENTLICH, sonst müsstest du es ja nicht machen!

Es macht mir ÜBERHAUPT keinen Spaß! Es ist zum KOTZEN! 

Ja, dann lass es doch!!, poltert Cleo zurück. 

Ich hasse es, wenn Cleo laut wird. Auch das ein Trigger aus Kindheitstagen. Wenn mein Vater laut wurde, fühlte es sich bei mir an wie ein Frieren in der Brust und ich war wie gelähmt. Ich stellte mich dann quasi tot, bis es vorüber war. Umso größer war meine Bewunderung für meinen kleinen Bruder, der sich irgendwann vor meinem brüllenden Vater aufbaute, da war er zehn, und laut und deutlich zu ihm sagte:  Du bist doof. Er bebte dabei am ganzen Körper, stand aber aufrecht da, wich keinen Millimeter zurück und hielt dem wütenden Blick meines Vaters stand. 

Ich hatte schon beim Zuschauen Herzrasen. Und Cleo war eigentlich so wie mein kleiner Bruder. Sie stellte sich nie tot, sondern ging im Zweifel in den Angriff über. Ich bewunderte sie genau deswegen. Aber wenn ich diejenige war, die Cleo anbrüllte, fühlte ich dieses innere Frieren und ärgerte mich dann über meine innere Versteinerung. Und manchmal ärgerte ich mich so sehr, dass ich dann auch zum Angriff überging. Was natürlich in keinster Weise nützlich war. 

Sehr witzig, Cleo. Und wie genau hast du dir das vorgestellt, dass ich das dann jetzt einfach mal „lasse“? Die Jugendlichen hängen da inzwischen alle mit drin und Lila hat bereits tonnenweise Filmmaterial von uns, das er verwenden kann, wie er lustig ist. Ich glaube nicht, dass es jetzt eine super Idee ist, ihn zu verärgern, indem ich es „lasse“ und ihm alles vor die Füße schmeiße. Dann kann er ja erst recht machen, was er will und ist zusätzlich noch sauer auf uns. – Und außerdem: Was willst du eigentlich? Wir haben das hier zusammen beschlossen! 

Das ist richtig,  motzt Cleo zurück,  aber es ist trotzdem AUCH eine Ego-Nummer, denn um wen gehts denn bei diesem Filmprojekt? Um DICH! 

Jetzt werde ich RICHTIG sauer. Erstaunt nehme ich zur Kenntnis, dass ich Mühe habe, keine Gegenstände an die Wand zu werfen. Ich kann den Impuls gerade noch so einigermaßen unterdrücken. 

Was kann ICH dafür, dass Lila einen Film über MICH machen will? Das ist einfach eine CHANCE für uns – für unsere gesamte Organisation –  und ich gebe gerade alles, damit es eben NICHT um meine Person geht, sondern um die Sichtbarkeit unserer Arbeit hier. Von wegen Ego! Ich glaube, es hackt! Meinst du, ich erzähle dem IRGENDWAS über MICH?? Ich zerbreche mir ununterbrochen den Kopf, was ich wie erzähle, damit unsere Arbeit im Mittelpunkt steht und in der Öffentlichkeit VERSTANDEN wird. Damit sich dieser Stress wenigstens für uns lohnt! Aber ich fühle mich dabei inzwischen wie ein Entführungsopfer in der Gewalt eines unberechenbaren Geiselnehmers! Dieser verrückte Typ sitzt auf mir drauf und nimmt mir die Luft zum Atmen! 

Ach! Cleo macht eine wegwerfende Handbewegung: Noch dramatischer gehts also nicht? Du hättest doch jederzeit nein sagen können!

Hab ich aber nicht! Weil WIR drei uns dafür entschieden haben, dass ich das mache! Woher hätte ich wissen können, dass das SO anstrengend wird? Ich dachte, der ist DIE Ikone für Vielfalt! Dass der jetzt vieles so undifferenziert und falsch darstellen will und mir nie zuhört, konnte ICH doch nicht wissen! – Und jetzt hängen wir – ALLE – da drin! Und es wäre super, wenn wir uns deswegen jetzt nicht auch noch zerstreiten würden! Es wäre geil, wenn ihr mich UNTERSTÜTZEN würdet und wenn wir diese Scheiße gemeinsam durchstehen würden! Stattdessen tut ihr so, als wäre das meine ganz persönliche Ego-Show! Bist du neidisch, Cleo, oder was?? Die Schauspielerin, die es nicht aushält, dass jemand anders im Rampenlicht auf der Bühne steht, oder was? 

Jetzt donnert Cleo mit ihrem Stuhl nach hinten und springt auf. Lene geht hinter ihrem Stuhl in Deckung. Und Cleo ist nicht mehr zu bremsen:

Ich könnte KOTZEN, Maike!! Ich reiß mir hier jeden Tag den Arsch auf und niemand sieht, was ICH hier mache, niemand weiß, dass ICH diesen Laden hier gegründet habe – alles dreht sich IMMER um nur um dich, so eine Scheiße, und jetzt soll ich auch noch Mitleid haben, dass du im Rampenlicht stehst, oder was? 

Ich springe ebenfalls auf, der Stuhl knallt hinter mir an die Wand.  WER hat mich denn hier beauftragt, diese ganze inhaltliche Arbeit zu machen und den ganzen Laden umzubauen?? Wer hat gesagt: Wir brauchen ein Konzept? Wir brauchen Weiterbildung? Wir brauchen einen neuen öffentlichen Auftritt, ein klares Profil und mehr Professionalität?? WER, Cleo, WER??? DU hast mich gefragt! DU wolltest, dass ich genau das mache! Und wenn´s dann erfolgreich ist, ist es dir auch nicht recht, oder was? Dann mach doch deinen Scheiß wieder alleine!

Inzwischen ist Cleo türenknallend in der Küche verschwunden. Ich renne hinterher, reiße die Tür auf, brülle:  Du bist nicht die einzige, die sich hier den Arsch aufreißt! 

Ach, leck mich doch am Arsch!! ruft Cleo und rupft ihren Mantel vom Garderobenständer, er kippelt bedenklich, dann stürmt sie aus der Küche, durch den Büroraum, raus auf die Straße. Ich stehe pumpend im Türrahmen, Lene starrt mich aus verheulten Augen an, ich denke:  Das DARF doch alles nicht wahr sein… 

Dann nehme ich meinen Mantel und laufe raus auf die Sonnenallee.  Lalü Lala… Drei Polizeiwagen rasen vorbei. Wie passend denke ich. Der Soundtrack zur Szene. 

Cleo steht drei Häuser weiter in einem Hauseingang und versucht sich mit zitternden Händen eine Zigarette anzuzünden. Ich stelle mich stumm daneben, zünde mir ebenfalls eine an. Schweigen. Rauchen ist manchmal eine hilfreiche Sache,  denke ich.

Meine Wut verraucht. Wir stehen da und blasen Wölkchen in die Luft. Die nächsten Polizeiwagen rasen vorbei. Lalü Lala… 

Cleo… fange ich vorsichtig an,  es tut mir leid. Das ist doch alles Schwachsinn. Du bist die Geschäftsführerin dieses Unternehmens und das weiß doch auch jeder. 

Cleo zieht schniefend an ihrer Zigarette.  Nee, das weiß eben NICHT jeder. Die Leute wissen gar nicht, was Geschäftsführung ist. Die denken, ich bin deine Sekretärin… Dabei habe ich quasi ein Haus gebaut und als Richtfest war, habe ich dich dazu geholt und dann hast du die ganzen Zimmer eingerichtet und gestaltet und alle sehen nur, was DU machst. Neulich hat jemand angerufen und mich gefragt, ob er die „Chefin“ sprechen kann. Er meinte dich… 

Aber dann ist das einfach ein Vollidiot, Cleo,  sage ich,  auf unserer Web-Seite kann jeder Mensch lesen, dass wir den Laden zu dritt leiten, dass wir alle drei die Chefinnen sind und verschiedene Aufgabenbereiche haben. 

Ach, da guckt doch kein Mensch,  schnauft Cleo,  das interessiert doch gar keinen, sogar in der Presse steht dann, dass DU das Unternehmen gegründet hast…

WO steht das?, frage ich erstaunt,  das will ich sehen… 

Ja, zeig ich dir! War gerade gestern in so einem Artikel über diesen Scheißfilm. Da hab ich echt gedacht: Was ERZÄHLST du Lila denn? Dass DU hier alles alleine machst?

Ich atme einmal tief durch. Genau DAS ist die ganze Zeit meine Angst: Dass irgendwo etwas öffentlich wird, was ich eben gerade NICHT gesagt habe, irgendwas, das Lila einfach lieber so haben will, weil ihm meine Geschichte mal wieder zu kompliziert ist.

Cleo, ganz ernsthaft: Das habe ich noch NIE gesagt, das ist WIRKLICH absurd. Ganz im Gegenteil versuche ich doch die ganze Zeit den Fokus auf unsere Organisation und auf euch und auf die Jugendlichen und unser Team zu richten, aber Lila interessiert das nicht, der hört gar nicht richtig zu. Der hat sich irgendein Bild von mir gemacht, da ist der völlig stur. Für den ist das zu umständlich und vielleicht auch zu langweilig, die ganzen Details von mir zu hören, der will einfach eine unterhaltsame, einfache Geschichte. Und leider eben nicht über unsere Organisation, sondern über mich. Und für mich ist das GAR NICHT geil, das ist spooky, ich weiß eigentlich nie, was der will und was er als nächstes machen wird…

Cleo hebt den Kopf, nickt, fummelt dann ein Taschentuch aus einer Manteltasche, schneuzt sich, schaut mich an – und wir nehmen uns in den Arm. 

Und das mit der Presse ist auch wirklich scheiße,  sage ich, als wir uns danach eine weitere Zigarette anzünden,  das kann ich total verstehen, das ist ja wie ein Schlag ins Gesicht, wenn du sowas liest, das ist wirklich krass. Und nervig. Aber das kommt wirklich nicht von mir. 

Cleo nickt wieder,  das weiß ich ja eigentlich auch. Aber wenn ich plötzlich sowas lese, dann ist es wie ein brennender Stich und dann kommen so blöde Gedanken hoch… 

Aber sowas musst du viel früher sagen, Cleo. In DEM Moment, wo so ein Gedanke kommt. Nicht erst einen Tag später. Dann hat sich sowas ja schon verselbständigt. Ich finde, wir müssen uns sofort immer sagen, wenn es irgendein Störgefühl gibt. Gerade jetzt, wo wir alle so im Stress sind und 24/7 am Arbeiten, und dann noch finanziell so unter Druck sind… Und dann noch Lila… Das ist im Moment echt ein bisschen viel gerade…  

Cleo nickt und tritt ihre Zigarette aus. Wir gehen wieder rein. Lene wirft uns einen kurzen Blick zu und tippt dann weiter in ihren Computer.  Habt ihr euch wieder eingekriegt?,  murmelt sie hinter ihrem Bildschirm, und ich merke, dass sie versucht, einen humorvollen Ton anzuschlagen, aber es gelingt nicht so richtig. Wahrscheinlich ist sie sauer…,  denke ich,  sauer, dass wir uns aufführen wie Drama-Queens… und sie hat natürlich recht… Aber warum kommt es überhaupt zu diesen Dramen? Woher kommen plötzlich diese ganzen unangenehmen Gefühle?

Ich hatte den größten Teil meines Lebens gedacht, dass ich mit zunehmendem Alter sicherer und gelassener werden würde. Aber. Offenbar falsch gedacht. In geradezu beunruhigendem Maße stellten sich jetzt bei mir diese Gefühle von Unsicherheit ein. Und ich schreibe bewusst „Gefühle“, weil genau das bei mir den größten Schrecken auslöste: Dass es GEFÜHLE waren. Ich FÜHLTE mich die ganze Zeit beklommen und irgendwie unangenehm alarmiert, konnte aber rational nicht sagen, warum eigentlich. Das Selbstbild, das ich von mir hatte, passte nicht zu dieser neuen Erfahrung. Mein Selbstbild ging nämlich in etwa so: 

Wenn ein Schmerz oder ein unangenehmes Gefühl auftauchte, kam mein Verstand, quasi als Gehirn-Taskforce, „augenblicklich angerauscht“, beugte sich über die Emotions-Unfallstelle, untersuchte und analysierte die Ursache und spuckte dann schnell eine rationale Erklärung und dann eine Lösung aus, meist in Form einer klaren Entscheidung. Alles unter Kontrolle. Alles klar. Schwarz-weiß. So und so isses. Lösung. Fertig. Jetzt aber kam mein Verstand angerannt und war verloren. Wo war das Problem? Nebel. Der arme Verstand rannte hierhin und dorthin und suchte und suchte und drehte sich im Kreis und geriet in Panik. Und das Gefühl, das nicht zu orten war, wurde größer und mächtiger und breitete sich aus. Hä? What the fuck!! Tatsächlich schien dieses Gefühl der Beklommenheit wie ein lebendiges Wesen irgendwo in mir zu hausen und ein Eigenleben zu entwickeln. Ein ständiges inneres Flattern, eine chronische Alarmbereitschaft, deren Grund sich mir aber leider nicht erschloss. 

Nur, dass sich mein nervöser Zustand leider auch auf die alltäglichen Dinge auswirkte. Zum Beispiel kleinere Auseinandersetzungen zwischen Cleo, Lene und mir, die in den vergangenen Jahren höchstens mal für ein bisschen Gereiztheit gesorgt und dann aber von unserer schönen „Hexe“ schnell wieder in ein harmonisches Miteinander eingehegt worden waren, schienen jetzt plötzlich unverhältnismäßig schnell zu explodieren und verursachten in mir einen Schmerz, der sich fast wie Liebeskummer anfühlte.  

Die Gehirn-Taskforce rannte weiterhin kopflos hin und her und spuckte halbgare Erklärungen aus, zum Beispiel: Es ist Lilas Haltung mir gegenüber. Diese Unwilligkeit, sein eigenes inneres Drehbuch mit meinem abzugleichen. Diese Haltung des allmächtigen Regisseurs und seine Unwilligkeit, meiner Perspektive oder meinen Gedanken Raum zu geben. Nicht, dass das alles in seinen Film rein müsste. Aber ich würde mich sicherer fühlen, wenn ich das Gefühl hätte, dass er wenigstens WEIß, worum es mir geht und meine Position respektiert. Stattdessen scheint er mich als „sein Werk“ zu betrachten und jedes Mal verärgert zu sein, wenn dieses „Werk“ eigenständige Gedanken äußert. Er scheint zu denken: Was will die Tante? Ich mache einen Film über sie! Soll sie sich doch freuen und gefälligst das machen, was ich sage. Aber ständig labert die mir rein, was denkt sie, wer sie ist? 

Das war aber letztendlich eine ständige Aufforderung zum Hofknicks, der ich innerlich nicht nachkommen konnte und das machte mich nervös und ängstlich und schien nun sogar einen Keil zwischen uns drei zu treiben. Wie kam so ein falscher Text in die Presse? Und warum dachte Cleo sofort, ich hätte diese Version so erzählt? Wie konnte ich die ganze Situation unter Kontrolle kriegen? Wie konnte ich Lila unter Kontrolle kriegen? 

Ich schaue Lene an, die weiterhin mit konzentriertem Gesichtsausdruck vor ihrem Bildschirm sitzt und irgendwie so aufgeräumt wirkt. So klar. Ich beneide sie. Dann schaut sie plötzlich auf.  

Wovor hast du eigentlich Angst, Maike?,  fragt sie. Ich merke, wie meine Hände unter dem Schreibtisch zu zittern beginnen und klemme sie mir zwischen die Beine, damit es aufhört

Vielleicht vor deinem messerscharfen Verstand?,  denke ich, aber spreche es nicht aus. Stattdessen versuche ich es mit einem „Alles-in-Ordnung-Lächeln“. Alles unter Kontrolle. Lene schaut skeptisch. Mir ist zum Weinen und ich habe den Impuls, mich Cleo und Lene in die Arme zu werfen und ihnen alles anzuvertrauen. Aber das Schlimme ist: WAS? WAS will ich ihnen anvertrauen? Meine Gehirn-Taskforce spuckt kein Ergebnis aus. Mir fehlen die Worte. Stattdessen rollt eine Welle der Panik über mich hinweg und ich presse meine Hände fest zwischen den Beinen zusammen, während sich langsam eine Erkenntnis den Weg in meinen nebligen Kopf bahnt: Lene hat recht. Ich habe Angst. Aber WOVOR?

Ich habe keine Angst, höre ich mich sagen,  ich habe alles im Griff. Keine Sorge. 

Lene schaut mich einen Moment zu lange an und ich denke:  Scheiße… irgendwas geht bei mir den Bach runter und ich weiß nicht, was es ist. 

Weil meine Gehirn-Taskforce so kläglich versagt, übernimmt eine andere Region meines Körpers die Führung: Mein Bauchgefühl. Und das sagt: Wenn du in unübersichtlichen, schmerzhaften Situationen steckst, baue eine vertrauensvolle Bindung auf. Und sei es auch mit dem Feind. Stelle eine Beziehung her. Dann gewinnst du wieder Kontrolle. Meine Hände hören auf zu zittern. Und ich spüre Erleichterung. Was für ein guter Plan. Ich werde Lila jetzt einfach als Freund ansehen. Ihn verstehen lernen. Das Gute in ihm sehen. Denn das, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, wird größer werden. Alles wird gut.