Türwächter*innen der Freiheit Teil 2/Kapitel 11: Ich bin Dein Vater! (Wusch… wusch…- Starwars-Geräusche)

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Die vorhandenen Rechtschreibfehler im folgenden Kapitel fallen unter das Thema: „Ist das Kunst – oder kann das weg?“ – (Ich habe mich entschieden, dass nicht alles weg muss).  

Liebe Maike

Wir wollten heute mit Ahmad drehen und ich habe mich entschieden, doch diese Woche noch nicht zu drehen. Einmal ist das Wetter schlecht, zum anderen hatte Ahmad verschlafen– Er hat gestern Nacht um 1 Uhr bei mir angerufen, um den Dreh heute um eine Stunde zu verschieben–ich machte ihm telefonisch klar, dass so eine Produktion jeden Tag sehr teuer ist usw. Er rief dann mehrmals an und entschuldigte sich und wir sind verblieben, das im Mai nachzuholen, wenn das Wetter besser ist. Nur damit Du Bescheid weißt.

Ich werde morgen bei dir vorbeikommen, aber ohne zu drehen.

Ich umarme Dich

Gruss Lila 

Hallo liebe Maike

ich denke es ist alles gut, Ahmad hat sich entschuldigt und es wäre auch nicht so schlimm gewesen, wenn das Wetter besser gewesen wäre. Ich werde mit ihm im Mai alles nachholen, da sind wir dann flexibler–er hat ja einen Termin mit dem wirklich tollen Coach, mal sehen wie er sich da anstellt–ich war auch schlecht drauf, hatte eine Absage für ein Projekt, wo ich schon lange dransitze, aber es gibt da vielleicht noch eine kleine Chance… Es ist verrückt, dass man immer kämpfen muss bis zum letzten Atemzug, aber das hält uns vielleicht frisch und munter…

wenn zwei Vögel

den gleichen Geschmack haben

dann rufen sie die Götter

die sie in Dromedare verwandeln

In diesem Sinne grüßt dich Lila

Hallo liebe Maike

Können wir uns treffen?

Würde gerne besprechen, wer von den Jugendlichen in Deiner Gruppe für Einzelportraits spannend ist–Ahmad und ein Mädchen?

Ich soll ja für`s Maxim Gorki Theater was machen–hättest Du Lust gemeinsam mit mir was zu machen ?

Gruss Lila

Hallo liebe Maike

Freitag bei mir um 12 in der Konstanzerstr 

Gruss Lila

Hallo Maike,

bin am nächsten Montag bei dir, spätestens 18/19 Uhr–freu mich auf das Treffen!

Gruss Lila

Hallo Maike

Wie wäre es morgen Samstag um 12 Uhr bei mir in der Konstanzerstr? Gruss Lila

Liebe Maike,

die Probe am Montag hat mir gut gefallen, ich bekam die Idee, mit allen Mitwirkenden kleine bzw. größere Statements zu filmen zu ihrer Person und der Theaterarbeit–ich komme wieder am Montag, dann kannst Du mir raten, wie ich das zeitlich am besten im Mai einplane.

Bin aufgeregt vor dem Dreh und denke immer, ich schaff das alles nicht, und ich freue mich sehr, dass ich Deine Unterstützung habe

Alles Liebe Lila 

Hallo Maike,

habe Muster gesehen, Du siehst traumhaft aus und sehr konzentriert, gehst mit dem Geschehen mit.

Habe Deine Nachricht erhalten–nächsten Mittwoch Dreh mit Dir

Gruss Lila

Lila an Gülüzar und Basak:

Ihr seid wie Blumen

die leuchten in vielen Farben

ihr seid wie Bäume

die wachsen in den Himmel

ihr seid wie Pinguine

so schön und zärtlich

ihr seid wie Äpfel

so knackig und süss

ihr seid wie Adler

voller Sehnsucht

die Welt zu erobern

In diesem Sinne viel Glück

wünscht Lila 

Hallo Maike,

Hier auch ein Gedicht für Dich:

wenn eine blonde frau

in den himmel schaut

dann sieht sie das meer

und eine palme

auf der sitzt ein affe

und lächelt ihr zu 

und sagt  

wenn du ganz brav bist 

dann kaufe ich dir einen stern

Gruss Lila

Hallo Maike,

Für den Mittwoch-Dreh in eurer Leitungsteam-Sitzung mit Cleo und Lene: Ich habe gelesen, dass ihr mit „Do!“ über hundert Aktivitäten gemacht habt in den vergangenen 8 Jahren–und ich denke, es wäre gut, wenn ihr darüber redet, dass durch die absurden Abrechnungsformalitäten bei den EU-Geldern und deren Nachzahlungsforderungen jetzt bei euch alles aus sein kann — es sollte rauskommen, wie schwer es ist immer wieder ist, Gelder aufzutreiben, den Mut nicht zu verlieren und weiterzumachen

gruss Lila

Hallo Maike,

Deine Mail tut mir gut, ich bin in kleiner depressiver Phase, aber der Film mit Euch hält mich am Leben, ich kann mich ja bei der Premiere umbringen, das bringt extra Presse.

in der Not frisst der Teufel Fliegen

aber er frisst auch schwule Filmemacher 

und kleine Ziegen

was tun

selbst zum Teufel werden

da hat man viel Spass

gruss Lila

Hallo liebe Maike,

Du hast so recht–war gestern auf der Ausstellungseröffnung Galerie Raab: Fotos meiner geliebten Eva M., das hat alle meine Depressionen wegegefegt, dann neben meinem Liebsten N. gelegen und zweite Staffel „Fargo“ Serie geschaut, so genial, genau mein Humor

Ich umarme Dich– bis Montag

Gruss Lila 

Hallo Maike,
danke für deine Mail–ich habe schon mit 20 meine Beerdigung gefeiert, einen Film über den Tod und über die Hölle gemacht (Todesmagazin oder wie werde ich ein Blumentopf). Ich spiele gerne mit dem Thema. Und das ÜBERLEBEN ist, glaube ich, in alle von uns eingepflanzt–der Sinn des Leben ist das Überleben–denke ich. Zu meinem 40. wollte ich mich öffentlich von einem Krokodil fressen lassen–der Kinemathek, die meinen Nachlass hat, habe ich abgerungen, dass ich ausgestopft am Eingang stehe mit einem Monitor im Bauch für die Schulkinder, damit sie meine Filme sehen können. Jetzt würde ich gerne auf dem schwulen Friedhof, Alt St Matthäus ein Mausoleum bauen und bei meiner Ausstellung zum 75. in der Akademie der Künste baue ich es schon auf–ideal wäre es, wenn ich dann öffentlich im Glassarg verwesen könnte. Oder als Uroma von Neukölln einzugehen, da kann ich tolle Hüte tragen.

Oh süsser Tod
er leuchtet über Asphalt
und kleine Bengel
betteln für den Frieden
und plötzlich steht ein Hirsch an Deiner Stelle
und röhrt so lange
bis wir verstehen
es war alles ein Versehen 

In diesem Sinne, grüsst dich Lila 

Hallo Maike,

Toi Toi Toi für deine Premiere!


Als Filmemacher wünsche ich natürlich Katastrophen 

Als Mensch wünsche ich Dir viel Kraft
und die schönste Aufführung der Welt
Als Frosch (in meinem nächsten Leben bin ich ein Erdbeerfrosch) wünsche ich Dir viele Fliegen
und als Esel eine dicke Haut
Als Wurst wünsche ich Dir lange Zähne
und als Ei auch Heiterkeit .

Wir waren sehr beeindruckt von Dir und Deinen Proben 

Gruss Lila und Team 

Hallo Maike

Mich verwirrt diese critical whiteness–was ist mit critical blackness oder redness?

Ich weiß nur, dass bei den Flüchtlingen bzw in der arabischen Welt die Schwarzen an letzter Stelle stehen.

Critical whitness erscheint mir genauso rassistisch–ich glaube es ist ein Machtspiel.

Macht heisst Liebe und Hass

ein liebender Vater

ein liebender Gott

die Welt geht unter 

und wir sind munter

gruss Lila

Liebe Maike,

das würde mich beglücken–kommst Du zu meiner Beerdigung, man muss doch vorplanen, weil sonst nichts passiert.

Mein Liebster N. kommt singend an meiner Tür vorbei–bin so glücklich dass er glücklich ist–gleich muss ich ein Gedicht vortragen in Mitte in einer Galerie für den Filmemacher Yoni Leyser, der „Desire will set you free“ gemacht hat und einen tollen Film über Burroughs–morgen drehen wir in der Wohngemeinschaft von Basak– Lukas will, dass wir ihn in seiner Lieblings Boutique filmen.

gruss Lila

Hallo liebe Maike,

hoffe, Du hast den Nachmittag überlebt, Tommy hat ein paar Fotos gemacht–vielleicht kannst du irgendwann was dazu sagen. Ich hasse Ideologen, von welcher Seite auch immer und als Schwuler ist man nicht sehr gelitten in farbigen Communities, da ist man der letzte Dreck. Dieses „Sich-gegenseitig-ausspielen“ und „Hass-schüren“ ist zum Kotzen. Ich wundere mich nur, dass da alle voller Angst kuschen, wenn ein paar Machos rumschreien. Ich wünsche Dir viel Kraft für die Premiere–wir werden am Dienstag bei Dir sein.

viel Kraft und eine Glockenblume

so schön wie Du

und deine Tränen

lass sie laufen in ein Glas

und schenke sie den Vögeln

Gruß Lila

Hallo liebe Maike, 

Premiere war wirklich toll, haben auch gute begeisterte Stimmen danach aufgenommen, tolle Arbeit von Dir und den Kids.

Danke für Deine tolle Unterstützung

Es geschieht einmal im Leben,

dass ein Engel um die Ecke schaut

und flüstert:

es war sehr gut was ihr macht

Gruß Lila

Hallo Maike,

liege seit Montag flach mit einem Virus–kann leider nicht mitkommen–aber mein Team ist sehr gut und Tommy ist ein sehr guter Interviewer in seiner bescheidenen Art–

AllesLiebe–

gruss von der schwachen Lila

Liebe Maike,

ja, leider. Klaus übernimmt die Kamera und ich mache Ton und irgendwie Interview gleichzeitig. Holen Dich morgen wie ausgemacht um 14 Uhr ab. 

Freue mich auch. Bis morgen.

Alles Liebe

Tommy

Hallo Maike

danke für Dein Verständnis–erklär Deinem Vater, dass wir ihn gerne nächstes Jahr zur Uraufführung einladen (vielleicht Berlinale). Du kannst mir auch seine E Mail geben, dass ich ihm ein Loblied auf seine Tochter schreibe…

gruss Lila

Hallo

das war eine wunderbare Aktion–danke, ein guter Abschluss, vielleicht für den Anfang des Films

danke für die Titelanregung

und für die wunderbaren Glücksburg Aufnahmen–leider sind ja Deine Brüder älter geworden, Du nicht.

Ich bin heute erschöpft und wir drehen diese Woche nicht und überhaupt haben wir das Meiste.

Wenn Du mal Zeit hast für mich, würde ich mich gerne mit Dir privat treffen und bei Dir Lebensrat holen–

bis bald

gruss Lila

Hallo Maike, 

vielleicht kommst Du zu mir, dann kann ich Dir schon ein paar Muster zeigen und wir können einen kleinen Spaziergang machen.

es ist nicht schwer ein Baum zu sein

einer mit vielen Ästen

und einem kleinen Nest

ganz oben

mit einer süßen Meise

gruss Lila

Hallo Maike,

Danke Dir, es wäre schön, wenn wir Freunde bleiben.

Ich bin erschöpft und glücklich, dass alles so gut lief–werde Dich nochmal befragen zu deinen alten Aufführungen, wo Taher zu sehen ist, wo Ahmad usw, bin sehr gespannt, wie sich alles zusammenfügt, das ist spannend und wird noch viele Monate dauern. Man geht beim Schnitt durch Höhen und Tiefen. Die Rixdorfer Perlen haben mich sehr beeindruckt, würde gerne mit ihnen einen Film entwickeln, überhaupt jeden Tag neue Ideen, bin so gespannt wie die Zukunft wird, was ich noch tun darf in meinem kurzen Leben.

ein kurzes Leben

wie eine grüne Fliege

und in jeder Minute eine Sensation

die man schnell vergisst

und dann sitzt man auf einem Baum

und denkt nach

In diesem Sinne

vergiss mein nicht

Gruß Lila

Hallo liebe Maike,

ich mache mich ab morgen an Dein Videomaterial, das wir gedreht haben–sonst habe ich alle Teile schon sortiert und beschriftet–ich denke in 3 Wochen werde ich alles gesehen haben–mache dann einen Workshop in Weimar und fange mit dem eigentlichen Schnitt Mitte Sept an… Anfang Oktober sollte ich einen ersten Rohschnitt haben

hier ein gedicht für Dich

wenn man träumt

dann riecht man den Himmel

und wenn man schläft

dann sagt man Dinge

die man besser nicht weitererzählt

gruss Lila

Hallo Maike,

Ich schneide, bin auf Diät-mein Liebster N.  ist mit seinem Buch beschäftigt, was sicher toll werden wird—Stefan, der Praktikant sitzt und schreibt Interviews ab für kommende Filme und Pete restauriert meine alten Filme. Tommy ist im Urlaub.

Mir geht es immer sehr gut, wenn ich schneide und auf Diät bin… Außerdem haben wir 5 unsichtbare Minischweine bei uns, die ständig glücklich grunzen–heute war der Schauspieler M.T. bei mir, der ja mit Ahmad eine Szene hat als Schauspiellehrer. M. ist so süß und bescheiden und ich bekomme viele Ideen für ihn. –„Männerfreundschaften—Ich mache über Homoerotik zur Goethezeit einen Workshop in Weimar und fürchte mich vor der Reise–habe eine Retro in München und Starnberg abgesagt, weil ich ungern reise–denke immer, mir passiert was Schlimmes, dafür reise ich in meinen Träumen und schreibe jeden Tag ein Gedicht.

Ich denke an Dich und danke dir für das große Vertrauen, ich hoffe ich enttäusche dich nicht mit meinem Film

gruss Lila

Hallo Maike, 

danke für`s Anschauen meiner Filme.

wenn man Filme sieht

sollte man Bedenken

dass die Darsteller

unbemerkt

uns auf den Schoss springen können

gruss Lila

Hallo liebe Maike,

ja komm vorbei–sag wann–bin heute morgen und übermorgen gegen Abend da–Donnerstag ist schlecht

wenn ein Schelm nach Sibirien reist

dann kann er was erleben

und wenn eine Mücke

in einer Kühltruhe überlebt

dann bekommt sie einen Preis

überreicht von einem Frosch und einer Ameise

gruss Lila

Hallo Maike, 

Ich habe mich über Deine Mail aus Zürich gefreut. Bin tief im Schnitt mit blutigem Messer–hatte zeitweise Interviews verloren aber wiedergefunden.

Euer Musiker ist so süß, aber in Interviews ist er kein Meister. Aber man verzeiht ihm alles. Ich bin fast mit Deinen Jugendlichen durch, dann an das große Paket mit all Deinen Proben–aber erst mal nächste Woche mein Workshop in Weimar zu „Männerfreundschaften“,

dann Anschub neuer Projekte und abends kuscheln mit N., der nächste Woche seinen ersten großen TV Auftritt hat und wir sehen neue dänische Serien.

wenn es in der Küche spukt

dann kann es nur der Zipfelmörder sein

denn der ist ganz klein

und grinst über alle Backen

und hat ein Messer im Nacken

gruss Lila

Hallo Maike,

Das besprechen wir alles nach Weimar, es geht mir um die Taher Szene, danke.

ein Hirsch fragte eine Seekuh

nach ihrer Telefonnummer

und sie rülpste laut 

der Hirsch wusste nicht

dass das eine Liebeserklärung ist

gruss Lila

Hallo liebe Maike,

es ist so weit—der Film ist so gut wie fertig, wann willst du ihn sehen?

Es sind 90 Minuten und wird ein extra Film über dich und euer Team. Neben „Überleben in Neukölln“, der ja viele Protagonisten hat. 

Vielleicht nenne ich ihn „Schule ist geil“, was meinst du?

Ich werde ihm dem RBB Redakteur zeigen, ob er ihn als zweiten Film senden will ist ungewiss–auf jeden Fall werde ich Berlinale versuchen, und die Kinoauswertung versuche ich erst November nächsten Jahres zu meinem 75. Das bringt mehr Aufmerksamkeit.

Ich bin gespannt was du sagst, ob du grobe Fehler entdeckst, was Max sagt, welche Musiken erneuert werden müssen usw

gruss Lila—P.S. Erste Reaktionen sind großartig.

Leitungsteam-Sitzung. Cleo und Lene werfen mir einen seltsamen Blick zu.  Ist bei dir eigentlich alles in Ordnung?,  fragt Cleo.  Ja klar, warum nicht?  Ich mache mein „Alles-unter-Kontrolle-Lächeln.  Cleo wirkt wenig überzeugt.  Du berichtest gar nicht mehr von Lila und dem Film und trotzdem habe ich das Gefühl, dass da irgendwas komisch ist… 

Nee, da ist nix komisch. Wir verstehen uns jetzt einfach bestens und die Sache läuft… 

Cleo und Lene werfen sich einen Blick zu.  Wie ich es auch mache, ist es nicht recht… ,  denke ich bockig…  Was soll schon komisch sein? Ich habe die Sache jetzt endlich im Griff, Lila ist total süß und ich habe nicht mehr diese Angstattacken. Bisschen Stressgefühl im Bauch noch immer, aber das ist ja normal. Also was soll komisch sein? Ich gebe mein Bestes! Aber ich will auch keinen Stress mehr zwischen uns dreien.  

Aber auf dem Nachhause-Weg fühle ich mich plötzlich wie früher in der Grundschule, wenn meine besten Freundinnen sich ohne mich verabredeten und hinter dem Rücken über mich tuschelten. Obwohl wir uns nicht mehr streiten, scheint Lila zwischen uns zu hängen wie dichter Nebel. 

Hallo liebe Maike, 

Noch bin ich kein Loch gefallen–war gestern im Deutschen Theater in der BOX wo König UBU gespielt wurde, großartig, der Hauptdarsteller soll mich spielen, Premiere am 18.1. 2018 in den Kammerspielen–am 27. 1. 18 ist dann Premiere von BRUMM BRUMM in der Deutschen Oper.

Habe am Dienstag eine Blasenspiegelung gehabt, große Angst davor, ging alles sehr gut. Ja und schreiben will ich wieder – und malen. Was macht ihr Weihnachten?

Gerne Kaffee trinken oder Tee mit Plätzchen–ich würde gerne Fuad treffen, wenn du das arrangieren könntest, finde ihn sehr begabt–

wenn sich zwei Wolken begegnen

sagen sie nicht Hallo

oder wie gehts

sondern sie küssen sich sofort 

und ohne Unterlass

in diesem Sinne 

grüsst Lila

P.S. muss gleich im Kostüm zur Weihnachtsparty des Medienboards und habe über hundert Gedichte geschrieben, die ich da verschenke

Hallo liebe Maike, 

ich bin ein treuer Mensch und wenn ich liebe, dann für immer–das gilt auch für dich—-bleibt ihr Weihnachten zu Hause? –Wir machen ja immer ein Essen am Heiligabend, wen ihr nichts anderes vorhabt, kommt gerne…

habe für den Tagesspiegel geschrieben über schwule Weihnachten und die BZ interviewte mich für morgen, warum ich gestern auf der Weihnachtsfeier des Medienboardes in Gold erschienen bin und Gedichte verteilt habe an Jung- und Altstars.

habe heute eine Dummheit gemacht, habe mir ein sehr teures Buch gekauft, 40 Kilo, das ich mit einem charmanten Taxifahrer nach Hause brachte. (Er hat drei Kinder und macht Kampfsport).

Gleich kommt ein junger Student mit einer großen dicken Nase aus Weimar zu Besuch, er will von mir lernen. Er ist ein Bekannter von Aldon aus New York, einer der originellsten Männer, die ich je kennengelernt habe, der mich sehr in NY unterstützt hat und leider tragisch geendet ist – man hat ihn als Direktor des National Arts Club rausgeschmissen usw.

Ja und morgen kommt W., mit der ich an „Männerfreundschaften “ arbeite und am Sonntag treffe ich K., der eine Arzt-Praxis in Spandau hat und in jeder freien Minute malt und für mich schwärmt–meine beste Freundin Julia von Heinz ist gerade abgereist, sie war mit mir heute Schuhe kaufen, sie hat einen großen Erfolg mit ihrem neuen Film „Katharina von Bora „(Luthers Frau“ der im Frühjahr ins TV kommt) und sie zittert, wie wir alle, ob sie einen  Zuschlag vom TV bekommt für ihren neuen Film (Antifa Stoff.)

Mein Liebster N. kommt gerade herein und bringt mir meine Lieblingsplätzchen– Grüß Deine lieben Eltern–alle lieben sie im Film und grüß Deinen sexy Freund.

wenn zwei sich lieben

weint der Dritte

und der Vierte sitzt auf dem Schrank

und träumt vom Hirschensprung

gruss Lila 

Cleo und Lene runzeln die Stirn.  Du erzählst ja nicht mehr viel vom Dreh und von Lila,  sagt Lene,  aber kann das irgendwie sein, dass du da in etwas versinkst? Du wirkst irgendwie so gedrückt…  Ich richte mich auf meinem Schreibtischstuhl auf und lächle und sage: Nee. Wirklich. Alles gut. 

Also mir kommt das so vor, als ob der zu viel Raum einnimmt,  sagt Lene,  ich finde schon, dass du uns sagen kannst, wenn du Unterstützung brauchst… 

Nee, nee, es ist wirklich alles in Ordnung, ich krieg das schon hin,  sage ich und komme mir tapfer vor, dass ich dieses ganze nervige Thema so hervorragend alleine wuppe – ohne meine Kolleginnen zu belasten. Ohne IRGENDJEMANDEN zu belasten. Ich bin jetzt einfach mal die freundliche, unkomplizierte, professionelle Person, die keinen Ärger macht und das ganze Problem alleine hinkriegt. Nicht, dass wir uns wieder streiten. Nicht, dass wir drei uns auch noch verlieren. 

Das Filmprojekt ist bald vorbei. Ich habe jetzt einen guten Draht zu Lila. Er wird uns nicht schaden, er hört mir jetzt zu und respektiert mich,  sage ich  – und ärgere mich, dass Cleo und Lene meinen Einsatz irgendwie nicht so richtig zu würdigen wissen. Sollen sie sich doch freuen, dass ich sie nicht die ganze Zeit mit diesem Thema belaste… 

Hallo liebe Maike

Ich wünsche Dir eine gute Nacht und flüstere Deinem Liebsten ein nettes Wort in sein linkes Ohr

und lutsche seinen rechten Zeh und mache einen Handstand auf seinem Po

das mögen die Männer

gruss Lila

Hallo

habe korrigierten Flyer bekommen–danke

ja ich bemühe mich um die Berlinale Karten–kannst Du mich bitte am 7.2. nochmal erinnern–dann ist das Programm raus, ich krieg meine Akreditierung am 9. denke ich und kann dann auch die Karten holen.

Bin heut nicht so gut drauf, fühle mich so wertlos und lustlos. Aber das wird schnell vorbeigehen.

Ich versuche meinem ehemaligen Praktikanten, dem schönen Jan, zu helfen bei seinen Bewerbungsfilmen und ich komme da bei ihm nicht weiter– er macht Filme die unverständlich sind, nicht weil Kunst, sondern er dreht reale Situationen–zwei Jungs die sich lieben–man sieht sie nebeneinander und dazwischen bei der Liebe–er meint, man müsste verstehen, dass die Berührungen nur in ihrer Fantasie sind, aber nichts deutet darauf hin. Das kann man ihm nicht klar machen und dann hat er ein Script geschrieben: Mutter und Sohn, das ähnlich verwirrend ist–ich versuche ihm konstruktiv Vorschläge zu machen, aber er versteht meine Vorschläge nicht–was tun? Es würde mir so leidtun wenn er wieder bei den Prüfungen zur Filmhochschule scheitert–fühle auch, dass ich versage, weil ich ihm das nicht beibringen kann–ach wäre ich doch eine so gute Pädagogin wie Du- ich bin zu direkt in meiner Kritik.

wenn man am Abend träumt

dann geschieht es am Morgen

wenn man in der Nacht jemand umbringt

dann steht er morgens mit dem Messer in der Brust vor uns

und singt ein süßes Lied

von Heimat und Jugend

und uns bleibt nur ihm zuzuhören

gruss Lila

P.S. Wenn Du noch wach bist, ruf mich doch an

Danke liebe Maike,

tut gut, was Du schreibst und sagst. Der schöne Jan nimmt ja meinen Rat ernst, ist auch dankbar, kann ihn aber nicht umsetzen.

Ich war gestern faul, heute war ich mit meinen Ärzte-Freunden in Potsdam, stiegen auf einen hohen Turm und ich fantasierte, runterzuspringen, endlich alle Sorgen und Ängste vorbei, aber das kann ich meinen Männern nicht antun, die an mir hängen, also weitermachen, schreiben, malen, Filme, Workshops…

das Maß aller Dinge

ist ein Schuhkarton

in ihm schlummert das Geheimnis des Lebens

eine kleine Wurst

gruss Lila

Hallo Maike, habe toll geschrieben und mein bestes Bild gemalt—also –  wäre ein Fehler gewesen, vom Turm zu springen

Alles Liebe

Lila

Ich stehe vorm Heimathafen. Die Jugendlichen sitzen draußen an den Tischen vorm Cafe Casablanca, trinken Cola Zero, rauchen, lachen, warten auf den Beginn der Probe, es ist schönes Wetter und die Welt scheint es wieder gut mit uns zu meinen. Der Film ist abgedreht und fertig geschnitten. Es kann nichts mehr passieren. Bald beginnt ein neues Leben, ein Leben ohne Lila. Bald wird das Ganze nur noch eine krude Erinnerung sein. Ich trinke meinen kalten Ayran, rauche genussvoll meine Zigarette und freue mich auf die Probe. Wollen wir anfangen?, fragt Ahmad. Ich nicke.  Aber Fuad ist noch nicht da, ruft Gülüzar,  er hat geschrieben – noch zehn Minuten, er ist gerade Rathaus Neukölln… 

Alles klar, sage ich,  dann noch eine Zigarettenlänge, dann geht’s los… 

Fuad schlendert durch den Toreingang. Ich will gerade rufen Los geht’s, Fuad ist da… aber dann halte ich inne. Irgendwas ist komisch. Fuad sieht irgendwie anders aus. Ich versuche, herauszufinden, was es ist. Fuad wirft mir einen kurzen, schnellen Blick zu und schaut dann auf den Boden. Komisch. Sonst begrüßt er mich immer mit einem Scherz oder dummen Spruch. Jetzt scheint er einfach an mir vorbei zu gehen…  Fuad?,  frage ich. Irgendein Gegrummel kommt zurück. Fuad geht an den anderen vorbei – direkt durch die Tür ins Foyer. Ich gehe hinterher.  Fuad? 

Er dreht sich zögernd um, steht da so mitten im Foyer und schaut auf seine Schuhe. Irgendwas ist definitiv nicht in Ordnung. 

Stimmt irgendwas nicht, Fuad?,  frage ich.

Statt einer Antwort, tritt Fuad einen Schritt auf mich zu und hält mir wortlos sein Handy hin. Ich sehe einen whatsapp chatverlauf. Soll ich das jetzt lesen, oder was? Ich schaue Fuad fragend an. Er nickt nur und wartet. Ich schaue auf den Display. 

Da sind viele Nachrichten. Mit Herzen. Ich lese. 

Ich finde dich sehr schön, Fuad. – Du hast wirklich einen tollen Körper. – Willst du mal meinen Schwanz sehen? – Ich liege auf meinem Bett und denke an dich. – Willst du, dass ich dir einen blase? – Ich hab hier gerade dein Foto und hole mir einen runter, du bist echt sexy. – Soll ich dich mal massieren? … Willst du meinen dicken Schwanz fühlen? 

Mir wird übel. 

Das ist von diesem Kamera-Mann,  höre ich Fuads Stimme, dem Kamera-Mann von Lila… 

Ich setze mich. Auf irgendeinen Stuhl, der da rum steht. Ich scrolle die Nachrichten runter. Es ist ein scheinbar ewiger Chatverlauf. Die Buchstaben verschwimmen. Ich muss mich übergeben. Ich muss mich doch nicht übergeben. Ich bin wieder in der Aula. Mit dem Sheriff. Auf dem Schulhof. Sabrina heult. Mein Magen. Mein Herz. Ich kann nicht schlucken.  Willst du meinen dicken Schwanz fühlen? 

Fuad steht einfach da. Wartet. Ich schaue ihm ins Gesicht. 

Fuad… Was ist passiert?,  frage ich.

Hallo ihr Lieben, schreibt Lila, 

Euer Rat ist gefragt, Klaus hat Fuad von Maikes Theatergruppe, den Kleinen, Hübschen, per E Mail Chat belästigt—Fuad ist gerade 16 geworden und Klaus hat ihn wohl öfter eingeladen und schließlich vor kurzem geschrieben, er wolle ihm einen blasen–Fuad hat immer nein gesagt–jetzt hat er sich Maike und der ganzen Gruppe anvertraut und die Gruppe ist sauwütend–eventuell geht es gegen unseren Film. Fuad ist eher schüchtern und hat sich sehr geschämt, es zu sagen.

Maike trifft sich morgen Mittwoch 14 Uhr mit Fuad, er will Anzeige erstatten.

Ich habe Maike angeboten, dass unser ganzes Team außer Klaus am Montag den 6.1. um 18 Uhr vor die Gruppe tritt und mit ihnen redet.

Ich habe gerade mit Klaus gesprochen am Telefon, dass er gleich eine Mail an uns schickt, sich entschuldigt. Er dachte Fuad sei älter, Fuad hat ihm selber seine Telefonnummer gegeben, Klaus hatte ihm gesagt, dass er ihn groß rausbringen könnte. Klaus hat Foto Portraits von Fuad gemacht, schon vor längerer Zeit und Fuad hat die Bilder auch abgeholt.

Klaus hat wohl verstanden, dass Fuad keinen sexuellen Kontakt will und dachte, dass es damit erledigt ist. Ich warte auf seinen Brief an uns, leite ihn dann an euch weiter.

gruss Lila

Der Kameramann Klaus schreibt: 

Liebe Maike, lieber Lila,
gerne will ich euch hiermit eine Stellungnahme zu dem Chat-Verlauf mit Fuad abgeben. 

Erst einmal zum zeitlichen Hergang der Kontakte mit Fuad:
Ich habe nach den Dreharbeiten in der Theatergruppe Fuad gefragt, ob er Lust hätte, an einem Foto-Projekt teilzunehmen. Es handelt sich hierbei um eine Portrait-Serie von Menschen ganz unterschiedlicher Altersgruppen, an der ich seit einigen Jahren arbeite. 

Aus diesem Grund habe ich Fuad nach seiner Telefonnummer gefragt, um ihn für ein Treffen kontaktieren zu können. Am 13. Juli 2016 verabredeten wir uns bei mir gegen Mittag, um die Fotos in meinem Studio aufnehmen zu können. Fuad kam in Begleitung eines Freundes und nach ca. 15-20 min. waren die Fotos aufgenommen. 

Danach sind wir alle zusammen (Fuad, sein Kumpel und ich) Mittagessen gegangen. Da ich allen Beteiligten des Fotoprojektes Abzüge ihrer eigenen Fotos versprochen habe – so auch Fuad – haben wir uns zum zweiten Mal Mitte August getroffen, damit Fuad sein Foto bei mir abholen kann. Als kleines Dankeschön hatte ich ihm bei der Verabschiedung meinen Dokumentarfilm als Geschenk mitgegeben. 

Bei den beiden Treffen hatte ich offensichtlich nonverbale Zeichen der Interessensbekundung, wie zum Beispiel bestimmte Blickkontakte seitens Fuad, völlig falsch wahrgenommen, worauf ich ihn im Januar (ich war Ende 2016 längere Zeit in Marokko und war erst seit Anfang Januar wieder so richtig in Berlin) kontaktierte, um eine definitive Klarheit herstellen zu können. 

Aus diesem Grund fand ein erneuter Kontakt meinerseits per whatsapp statt. Über Fuads genaues Alter wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht Bescheid. Ich bin von ca. 17 Jahren ausgegangen, habe aber erst durch Lilas Anruf erfahren, dass Fuad gerade 16 geworden war. 

Nachdem Fuad im Chat-Verlauf klargestellt hatte, dass es von seiner Seite aus kein Interesse gibt, habe ich den Kontakt eingestellt. Zwei Tage später folgte lediglich eine weitere Nachricht, die von ihm ausging. In dieser Nachricht schreibt er, dass er 6.000,00 EUR benötige oder sogar 10.000,00 EUR und ob ich ihm diese geben könne. Ich verneinte seine Anfrage. Seitdem besteht kein Kontakt mehr zu ihm. 

Als ich durch Lila heute erfahren habe, dass meine Whatsapp-Nachrichten Fuad nicht nur schockiert, sondern zutiefst verletzt haben, hat mich das sehr getroffen. 

Ich kann nur mein tief empfundenes Bedauern über mein Verhalten ausdrücken. Ich entschuldige mich in aller Form für mein Verhalten und die Fehlinterpretation von Zeichen, die es offensichtlich gar nicht gab oder ich mir nur eingebildet habe. Es tut mir wahnsinnig leid, bei Fuad eine persönliche Grenze überschritten zu haben. 

Mit herzlichem Gruß, 

Klaus

Ich schreibe:

Hallo Lila,

Danke dir fürs Weiterleiten der Stellungnahme von Klaus. Ich werde das weiterleiten. 

Insgesamt macht dieser Brief beim entstandenen Problem aber keinen Unterschied. Es bleibt der Fakt der sexuellen Belästigung, das ist im Chat-Verlauf eindeutig. Und auch dieses verschobene Machtverhältnis. Da wirkt die Stellungnahme eher destruktiv, weil sie etwas entschuldigt, das nicht zu entschuldigen ist. 

Deswegen denke ich – auf unseren Umgang damit bezogen: Eine ganz klare Distanzierung von Klaus von eurer Seite ist notwendig. Und: Wir werden Klaus wegen sexueller Belästigung anzeigen. Das macht den Schaden und die Verletzung, die bei Fuad entstanden ist, nicht wieder gut, ist aber das mindeste, was wir jetzt tun können.

Dass Klaus in seiner Stellungnahme übrigens diese Sache mit dem Geld schreibt, das fällt zu 100 Prozent auf ihn selbst zurück, ganz egal, wie auch immer man das liest. 

Das ist meine Meinung dazu, Lila. Ich bin mir ganz sicher, hier sollte es keine Grau-Zone geben. 

Gruß Maike

Cleo rennt im Büro auf und ab.  Ich bringe den Typen um! Was ist das für ein ARSCHLOCH?? AUF JEDEN FALL zeigen wir den an! Und dass Lila mit solchen Menschen zusammenarbeitet!! Ich FASSE es nicht!! 

Es tut mir so leid…, murmel ich. 

Cleo reißt den Kopf rum.  Das ist doch nicht DEINE Schuld! Das hätte niemand wissen können! Wir haben das ja zusammen beschlossen! Warum eigentlich??

Lene seufzt.  Wir haben halt gedacht, dass wir einen berühmten Menschen brauchen, der uns hilft… 

Das ist das letzte Mal, dass wir in dieses Schulmädchen-Ding kippen,  sagt Cleo,  wieso denken wir eigentlich immer, dass wir das nicht auch alleine schaffen können? Auf UNSERE Weise? Wieso denken wir, dass wir einen Papa brauchen? Jetzt haben wir schon wieder so ein Problem am Arsch! Und in der Presse schreiben sie weiterhin von den „armen, sozial-benachteiligten Kindern, denen man helfen muss“… 

Ja,  sagt Lene,  die checken das einfach nicht. Und durch den Film ja scheinbar erst recht nicht. Jetzt taucht dieses Zeug mit den benachteiligten Jugendlichen einfach nur NOCH mehr in der Presse auf. Ich frag mich wirklich, was das mit MIR machen würde, wenn ich über mich selber lese, dass „die kleine, bemitleidenswerte Lene so arm dran ist, dass man der echt mal helfen muss…“. Super, da krieg ich dann gleich richtig Bock, was aus mir zu machen! 

Lene, Cleo und ich schauen uns an – und lachen. Obwohl es nichts zu Lachen gibt. Außer, dass wir merken, dass wir einer Meinung sind. Dass wir wieder beieinander sind. Und plötzlich kommen mir die Tränen und ich denke: Das ist nicht gerade wenig.  

Hallo liebe Maike,

Ich stimme Dir zu, dass wir alles tun müssen, um der Gruppe klar zu machen, dass wir nicht auf Klaus`Seite sind. N. ist sogar der Meinung, wir müssen sagen, dass wir nie mehr mit Klaus arbeiten werden. Klaus ist oft in Marrokko, wo Armutprostitution herrscht und es leicht ist, an Jungs ranzukommen und er kann das hier offensichtlich nicht trennen.

Mit 16 ist es ja keine Straftat mehr, aber sexuelle Belästigung gilt ja für jedes Alter.

Wichtig ist es, der Gruppe klar zu machen, dass nicht alle Schwulen so ticken, dass das Ausnahmen sind und wir nicht wussten, dass Klaus den Kontakt zu Fuad sucht.

bis bald

traurig sind die Augen der Kobra

kurz bevor sie zustösst

aber lustig sind sie Augen des Kaninchens

kurz bevor es gefressen wird

gruss Lila

Dann scheint Lila noch etwas einzufallen und er schreibt: 

Hallo liebe Maike

Gut dass Du so klar schreibst–ich werde mich auch von Klaus distanzieren. Ich wollte nur noch eine Sache sagen–Anfang des letzten Jahrhunderts war das größte Problem für Schwule Erpressung–viele Männer machten Selbstmord, proletarische Jungs lauerten an den Toiletten rum und versuchten, Schwule abzuzocken–der erste Schwulenfilm „Anders als die anderen“ von 1919 geht darum (Geschichte eines schwulen Geigers) und der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld schreibt in seinem Berlin Buch von 1904 über das Erpresserwesen und  von den Selbstmorden, weshalb er für eine Strafrechtsreform kämpfte, die ja 1929 fast passierte, aber die die Nazis dann verhinderten–erst 1994 ist der Paragraph 175 gänzlich abgeschafft.

Ich sehe auch Klaus`  Fehlverhalten, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Sexualität von Menschen ausgeübt wird und Menschen da immer wieder Fehler machen. Trotzdem:

Ich unterstütze Dich in jedem Punkt.

gruss Lila

Zwei mails erreichen mich aus Lilas Filmteam: 

Von N.:

Liebe maike,

ich bin entsetzt über das, was passiert ist.

Lila hat dir ja von meinem Standpunkt berichtet.

Lila hat mir gerade erzählt, dass er bzgl. Fuads Geldforderung auf das Erpresserwesen gegenüber Schwulen hingewiesen hat. Ich habe das mit ihm sofort besprochen. Natürlich ist dieser Vergleich falsch! Es geht hier nicht darum, die verborgene Homosexualität von jedem öffentlich zu machen, sondern es geht um sexuelle Belästigung eines Jugendlichen (völlig egal, ob von Mann/Frau gegenüber Jungen oder Mädchen).

Ich werde bei der Aussprache mit den Jugendlichen dabei sein, um solche Missverständnisse nicht entstehen zu lassen. Für mich steht hier nicht die Homosexualität im Vordergrund, sondern die sexuelle Belästigung. Es gibt daran nichts zu relativieren. Ohnehin steht für mich persönlich Päderastie auf einem anderen Blatt. Natürlich ist auch ein Hinweis darauf, dass Jungen wie Mädchen betroffen sein können, richtig. Und auch, dass nicht alle schwulen Päderasten sind. Im Kern geht es aber eben um eine andere Sache (Vertrauensmissbrauch, Grenzüberschreitung…).

An erster Stelle steht, dass Klaus das Vertrauen des Jungen ausgenutzt hat, um sich an ihn heranzumachen. Er hat aber natürlich auch Lilas und mein Vertrauen missbraucht. Damit hat er auch in Kauf genommen, deine und Lilas Arbeit zu beschädigen. Die Konsequenz aus alledem kann für mich nur sein, nicht mehr mit ihm zusammen zu arbeiten.

Unsere Solidarität in der Sache gilt dem Jungen und dir.

Im Bedauern

N.

Und Tommy schreibt: 

Liebe Maike,

wollte nur sagen, dass ich total auf deiner Seite stehe. Was mir an der Stellungnahme von Klaus nicht gefällt ist, dass er nur von der persönlichen Grenze von Fuad spricht und nicht seine eigenen Grenzüberschreitungen benennt. So macht es eher den Eindruck einer Rechtfertigung als eines bewussten Eingestehens eines klaren Fehlverhaltens. Ich wurde als Kind auch missbraucht und kenne die Scham und Verletzheit von Fuad. Wir müssen alles dafür tun, dass er das Gefühl bekommt, dass wir zu ihm stehen. So leid mir das für Klaus tut, ich finde N´s radikale Ansicht richtig. Wir müssen ein Zeichen setzen, um Vertrauen wieder aufbauen zu können, auch bei den anderen Jugendlichen.

Alles Liebe

T.

Dann schreibt Lila: 

Liebe Maike

Ich schreibe Dir vertraulich, N. ist immer gleich sauer, wenn ich seiner Meinung nach was Falsches schreibe, aber mit Dir kann ich ja meine Gedanken teilen.

Ich habe den Verdacht, dass Fuad sich schämt, weil er Geld gefordert hat. Bin gespannt, ob er am Montag den 6. zum Theaterspielen kommt. Egal ob er kommt, wir kommen, um mit der Gruppe zu sprechen. Wir werden klar sagen, dass wir uns von Klaus distanzieren.

Dazu kommt das Machtgefälle. Klaus arbeitet in den Medien, ein junger Mensch kann sich schnell vorstellen, dass es ihm Vorteile bringt, wenn er auf Klaus` Avancen eingeht. Das ist viel schlimmer.

Durch seine vielen Reisen nach Marokko hat Klaus erlebt, wie leicht es ist, mit Jugendlichen dort Sex zu haben, dass sich viele Jungs Ausländern anbieten, aus der Hoffnung heraus, dass jemand sie aus dem Land holt oder um ihre Armut zu lindern. Das ist Sextourismus, wie es Heteros auch benutzen in Thailand usw, um billig mit Frauen Sex zu haben.

Mit fiel noch ein, dass man sagen kann, dass junge Frauen speziell in Neukölln ständig von Jungs angemacht, beschimpft und gedemütigt werden (das weiß ich aus meinen Interviews mit Gülüzar und Basak aber auch von meinen Mitarbeiterinnen).

Ich denke es ist auch wichtig, der Gruppe zu sagen, wie Schwule in der Geschichte kriminalisiert wurden und wie leicht erpressbar sie waren, speziell von jungen, armen proletarischen Pseudo- Strichern und dass Homosexualität im Islam offiziell verboten und verachtet wird, speziell wenn sich ein Mann ficken lässt und damit auf die Stufe der minderwertigen Frau gestellt wird. Gleichzeitig ist Bisexualität in arabischen Ländern sehr verbreitet, weil Frauen so schwer zugänglich sind, das fängt schon mit Missbrauch im Kindesalter an. Darüber zu reden ist ein großes Tabu.

In Afrika und Asien ist es fast unmöglich offen schwul zu leben.

Das alles ist keine Entschuldigung für Klaus` Verhalten.

Homosexuelle sind nicht besser als Heterosexuelle. Wenn ein Mann einen Mann sexuell belästigt, wird das gleich verallgemeinert, wenn Hetero-sexuelle Männer Frauen anmachen oder angrabschen, wird das oft als normal angesehen, als männlich. Die meisten Frauen trauen sich nicht, sich zu wehren.

N. schaut mir gerade über die Schulter, sagt dass Du Fuad heute Abend triffst.

Ich wünsche uns allen Glück in dem Fall. Wir tun, was wir können, um Fuad, Dich uns unsere Arbeit zu beschützen. 

Glück muss der Mensch haben 

aber auch Pech

sonst kann er beides nicht unterscheiden

Alles Liebe 

Lila

Kurz darauf kommt eine Mail von N.:

Liebe Maike,

wir sind uns in allen Punkten einig.

Lilas Gedanken, Erklärungen zu finden, wirken hier manchmal missverständlich. Es ist aber anders gemeint.

Selbstverständlich spielen das Land, der kulturueller Hintergrund etc. in diesem Zusammenhang keine Rolle.

Grenzüberschreitung bleibt Grenzüberschreitung (natürlich auch unabhängig von international verschiedenen Gesetzestexten). Vertauensmissbrauch bleibt Vertrauensmissbrauch. Es geht hier um die Unantastbarkeit der Menschenwürde.

Klaus ist ein erwachsener Mann. Noch dazu intelligent. Der Junge ist erst 16 – das kommt ebenfalls hinzu. Genauso wie der indirekte eingriff von Klaus in einen besonders geschützten Raum. Es gibt keine Entschuldigung für Klaus` Verhalten. Es gibt keine Relativierungen zu verhandeln. 

liebe grüße

N.

Lila schreibt: 

Hallo liebe Maike, 

N. ist sehr streng mit mir, das ist auch gut so–Du weißt ja , ich bin Dramatiker und denke immer an Konflikte, aber der Film ist abgedreht. Du weißt, wie sehr wir Dich mögen und schätzen und wollen, dass Deine Arbeit unbeschädigt bleibt.

Ich bin gespannt wie Missing Films unseren Film programmiert.

Meine Oper „Brumm Brumm“ ist nicht von der Deutschen Oper akzeptiert worden, ich will sie jetzt der Neuköllner Oper anbieten, weißt du, wer da zuständig ist?

Ich mache aber für die deutsche Oper was anderes: „Operndiven, Operntunten“ über Schwule, die Opernstars vergöttern und manchmal auch böse über sie lästern. Das wird lustig.

Wir waren gestern bei BZ Kulturgala, viele Stars und nette Gespräche, Jürgen Flimm hatte in seinem Schillertheater das Ganze sehr flott inszeniert.

Ich male viel, Du musst Dir mal ein Bild aussuchen von mir

wir sollten uns öfter Geschenke machen

ich möchte gern ein lebendes Huhn

ein Minischwein

nein zwei Minischweine

und ein Äffchen

und was wünschst Du Dir

Wann hast Du Geburtstag?

Fühl dich umarmt von Lila

Fuad ist seit Tagen nicht zu erreichen. Wir stehen vorm Cafe Casablanca. Ahmad schaut mich an, zuckt mit den Schultern,  ich glaub, der ist abgehauen. Der hat Angst vor seiner Familie. Ich versuche, Fuad zu finden, frage alle, wo er sein könnte, schicke gefühlt hundert Nachrichten an ihn. Bitte, Fuad, melde dich. Du kriegst keinen Ärger und ich sage zu niemandem ein Wort, aber wir müssen uns treffen! 

Abends um 23.30 leuchtet mein Handy. Fuad. In 20 Minuten am Heimathafen? 

Ich springe aus dem Bett, schlüpfe in meine Klamotten, greife meine Schlüssel, mein Handy, meinen Geldbeutel, stürze die Treppen runter, auf die Straße, halte ein Taxi an. Zum Heimathafen, Karl-Marx-Straße… 

Das Cafe Casablanca hat noch offen. Ich wandere draußen vor der Tür auf und ab. Halte nach Fuad Ausschau. Gehe vorne an die Straße, schaue nach links, nach rechts, behalte den U-Bahnausgang im Blick. Kein Fuad. Ich schreibe:  Fuad, wo bist du?  Keine Antwort. Abdi vom Cafe Casablanca kommt raus und stellt mir wortlos ein Glas Wein hin. Ich nehme einen großen Schluck.  Kommt er nicht?, fragt Abdi, der das Ganze natürlich mitbekommen hat. Sowieso alles mitbekommt. Abdi ist der Besitzer des Cafe Casablanca. Und unser Freund. 

Nee,  sage ich, und versuche, nicht zu weinen.  Wenn er auftaucht, sag ich dir sofort Bescheid,  sagt Abdi. Ich nicke stumm. Starre auf den Toreingang. Vielleicht kommt er gleich um die Ecke.

Aber Fuad bleibt verschwunden. 

Da ich das Gefühl habe, dass N. in dieser Situation sensibler ist als Lila, schreibe ich: 

Lieber N.,

Also ich habe Fuad jetzt per Whatsapp erreicht und wir sind jetzt noch mal heute um 22 Uhr im Heimathafen verabredet, ich hoffe er kommt. Er ist abgehauen und war jetzt drei Tage nicht zu erreichen. Ich bin völlig fertig. 

Ich glaube, dass er mir ausweicht, weil er Angst hat, dass ich was von seiner Geld-SMS, also dem Erpressungsversuch weiß. 

Ich habe ihm jetzt geschrieben, dass er sich keine Sorgen machen soll, EGAL, was passiert ist, er soll kommen und wir sprechen. ER ist derjenige, dem etwas angetan wurde, ER ist nicht in der Täter-Rolle. Wegen der Geldsache soll er sich auf keinen Fall einen Kopf machen! – Daraufhin hat er jetzt heute 22 Uhr angeboten. 

Wenn das mit seiner Geldforderung stimmt, dann wird Fuad wahrscheinlich nicht Anzeige erstatten wollen, denn Fuad hat wahnsinnig Angst, dass seine Familie etwas von der Sache erfährt. Mir geht es jetzt in erster Linie darum, dass Fuad nicht weiter belastet wird. Deswegen will ich mit IHM sprechen und rausfinden, wie es IHM geht und was ER will. Erst dann können wir entscheiden, was wir machen. Fuad muss wieder das Vertrauen bekommen, dass SEINE Grenzen respektiert werden und ER die Situation steuert, niemand sonst. 

Euer Besuch übernächsten Montag ist aber unabhängig davon sehr wichtig auch für die ANDEREN Jugendlichen. 

Liebe Grüße

Maike 

N.:

Liebe Maike, 

ich kann auch nur sagen, dass Fuad richtig gehandelt hat, indem er sich der Gruppe anvertraut hat. Dafür sollte man ihn loben! Auch die Anzeige wäre richtig. Natürlich soll sie am Ende nicht Fuad schaden. Leider kommen Typen wie Klaus und Schlimmere genau aus solchen Gründen immer wieder davon. 

Täter gehen oft geschickt vor. Arbeiten über vorgegebenes Interesse, Zuwendung und Aufmerksamkeit (Täterstrategien/Grooming). Jeder kann auf so etwas hereinfallen. 

Dass Fuad hat Fotos machen lassen von einem Mann, von dem er vermutlich wusste, dass er schwul ist, spricht FÜR ihn. Um so beschissener, dass seine Aufgeschlossenheit benutzt wurde. Ich finde das nur zum Kotzen! Zu dumm auch, dass die Geldforderung dokumentiert ist. Wir werden die Geldforderung bei der Aussprache nicht problematisieren. 

Meine Meinung. 

Liebe Grüße 

N.

Lila schreibt: 

Hallo liebe Maike,

habe heute mit Klaus telefoniert, um ihm zu erklären, dass ich nicht mehr mit ihm arbeiten kann. Er beschwört, dass er Fuad keine Versprechungen in irgendeiner Weise gemacht hat, auch kein Geld angeboten hat, ich glaube ihm das–aber das macht nichts. Fuad braucht das um sein Gesicht zu wahren.

wenn man sein Gesicht wahren muss

dann steckt man eine Rose 

zwischen die Zähne

beugt sich vor 

so dass man das Gesäss mit der Nase berührt

und bleibt da solange

bis die Krise vorbei ist

gruss Lila

Meine Antwort:

Hallo Lila,

Ich bin mir nicht sicher, ob ich dein Gedicht richtig verstehe. 

Nicht ich oder Fuad haben das Ganze hier zu verantworten. Sondern ganz allein Klaus. Und auch für mich ist das alles eine Katastrophe. Mir geht’s seit Tagen schlecht. Und was soll Fuad sagen…?  

Und es geht eben NICHT nur darum, dass Fuad sein Gesicht wahren kann. Es geht um ein grundsätzliches No-Go, um ein Weltbild, bzw. um ein Menschenbild, das mich absolut entsetzt: Es geht darum, dass Klaus offenbar kein Problem damit hat, Jugendliche sexuell anzumachen, kein Gefühl für das Machtverhältnis hat, das drunter liegt. Er kann sich offenbar kein Stück in die Perspektive eines Jungen wie Fuad rein denken. Und er zeigt mit seinen Rechtfertigungen, dass er Null Verantwortungsgefühl, null Menschenliebe hat. 

Ich kann für dieses Menschenbild kein Verständnis aufbringen. 

Ich verstehe deine Perspektive, wie ätzend es für dich ist, jetzt mit Klaus zu reden, dich von ihm zu distanzieren. Ich kenne auch dieses innerliche Hin – und Schwanken, dieses Zurückdriften in Verharmlosung bei diesem Thema (Ach, es war doch letztendlich nicht so schlimm, der meinte es doch gut, usw usw.). Aber das ist falsch. 

Ich würde so eine Distanzierung nie vorschlagen, wenn ich nicht wüsste, dass es hier einfach kein Grau geben darf. Weil es einfach definitiv menschlich und ethisch falsch ist. (Und kein bisschen harmlos). 

Ich hätte uns auch gewünscht, dass uns so eine Scheiße erspart bleibt. Das kannst du mir glauben. 

Mir geht’s inzwischen richtig schlecht. Aber ich muss jetzt hier ein Lächeln aufsetzen und meine Lehrveranstaltung weiter machen, obwohl mir zum Weinen ist. 

Gruß

Maike 

Darauf Lila:

Hallo liebe Maike, 

es tut mir so leid, ich hoffe, dass alles gut geht und bald Sand über die Sache weht. Unsere Hilfe hast Du, wir sind alle völlig auf deiner Seite.

gruss Lila

Am nächsten Tag schreibt Lila: 

Hallo liebe Maike,

machst Du mir für morgen eine Liste der Filme, für die ich Karten kaufen soll

bis morgen–lese gerade ein neues Buch „Ein wenig Leben“ ein Meisterwerk

bis morgen, dass heisst heute Nacht

die Sterne glühen

und der silberne Mond lacht

und eine einsame Ameise rennt auf einen Hügel

und ruft

Salve, es ist die schönste Nacht meines Lebens

gruss Lila

Ich bin irritiert, dass er auf Fuad nicht weiter eingeht, beschließe aber erstmal den lockeren Ton genauso zu beantworten und einfach später bei einem Treffen noch mal in Ruhe mit ihm zu sprechen.  

Hallo Lila,

DANKE für die Berlinale Karten! Ich habe mich SO gefreut!! Habe heute „Beuys“ gesehen und war sehr begeistert! 

Und: Ich hätte gerne ein Bild von dir, Lila! 

Alles Liebe

Maike 

Hallo Maike,

nein, kein Bild von mir, da kann ich mir gar nicht vorstellen was du alles damit anfangen würdest….

bin total schwach, habe 17 Stunden geschlafen und für heute Abend zwei neue Praktikanten eingeladen, die mich hoffentlich aufmuntern. Berlinale ist wie immer sehr anstrengend für mich

angestrengt in den Tag

ein Furche im Gemüt

und dann ein kleines Blümelein

spricht zu mir mit leiser Stimme

Nimm Dich nicht zu ernst

Du hast das Schlimmste hinter Dir

gruss lila

Meine Antwort an Lila: 

Ich meine eines deiner gemalten Bilder! Wolltest du mir nicht eins schenken? Ich melde mich später noch mal ausführlicher! Und ich würde gerne noch mal in Ruhe mit dir sprechen. Es ist ein bisschen viel gerade. Alles Liebe und bis später, gerade am Heimathafen….

Darauf Lila: 

Hallo

natürlich gerne ein gemaltes Bild

gruss Lila

Und nach dieser mail bricht der Kontakt mit Lila wie aus heiterem Himmel ab. 

Er hat Angst gekriegt,  denke ich. Aber er ist ja ein guter und sensibler Mensch. Deswegen kann ich alles mit ihm klären.

Und ich versuche, mit ihm zu REDEN, bitte ihn noch einmal um ein Treffen. Wundere mich über das plötzliche Schweigen. Frage nach, ob irgendwas passiert ist. Keine Antwort. 

Lila will offenbar nicht mehr reden. Und mir dämmert: Das wollte er noch nie. Er schreibt auf meinen Vorschlag, sich zu treffen, meine Frage, was los ist, nicht zurück. Und eben von da an gar nicht mehr. Heute nennt man das ghosten. Es ist ein Schock. Aber warum eigentlich? Warum bringt mich das so dermaßen aus der Fassung? 

Ich denke: Das kann doch nicht wahr sein, dass er einfach so zur Tagesordnung zurückkehrt. Nach Fuad. Nach dieser ganzen Geschichte. Nach diesem ganzen Jahr fast täglichem Kontakt. Was habe ich ihm getan? Was rechtfertigt einen solchen Abbruch? Ich müsste doch einen vernünftigen Abschluss mit ihm finden können. Insbesondere jetzt. 

Aber für Lila scheine ich ganz plötzlich gestorben zu sein. Als würden wir uns gar nicht kennen. Als hätte es die täglichen Botschaften und Telefonate nie gegeben. Ich sage mir: Sei doch froh, Maike. Alles gut. Aber es fühlt sich nicht gut an. Es ist die krasseste Form von Schluss-Machen, die ich je erlebt habe. 

Und in mir reißt eine Saite. Jedenfalls fühlt es sich genauso an. 

Und plötzlich rutscht alles noch mal eine Etage tiefer und ich weiß gar nicht mehr, ob der Schmerz durch den plötzlichen, unerklärlichen Kontaktabbruch von Lila kommt – oder nicht vielleicht viel älter ist. Denn was ich jetzt fühle, ist mit Lilas unverständlichem Kontaktabbruch alleine nicht zu erklären. Und natürlich ahne ich es. Es hat mit meinem Vater zu tun. Nicht mit Lila. Dieser Schmerz, dass ich ihn nicht erreichen kann, obwohl es so wichtig wäre, etwas zu klären. Zu reden. Dieser Schmerz, dass es nicht geht. Und nie gehen wird. Und jetzt gehen diese Gefühle durcheinander. Ich denke: Diesmal gebe ich nicht auf. Diesmal gewinne ich. Diesmal schaffe ich es, diese Eiswand zu durchbrechen. Es kann doch nicht sein, dass da nur Gleichgültigkeit ist. Lila hat sich doch geöffnet für all das, was mir etwas bedeutet. Er hat doch all diese Nachrichten geschrieben. Ich konnte mich doch auf ihn verlassen. 

Aber jetzt erinnere ich mich. Mein Vater fand mich “schwierig”, wenn es nicht um IHN ging, sondern um mich. Und wer schwierig war, der war für meinen Vater “gestorben”. 

Und so endet die Geschichte mit Lila. 

Ich will glauben, dass das eine gleichwürdige Begegnung war. Zwischen gleichwürdigen Menschen. So schwierig das auch manchmal sein mag. So verschieden wir auch ticken. Und dass eine gleichwürdige Begegnung nicht auf diese Weise endet. Aber.

Ein paar Tage später erfahre ich von seinem Team, dass Lila mich bei der Polizei anzeigen will. Er glaube, ich sei “in ihn verliebt und würde ihn stalken”. Als ich das höre, muss ich lachen. Wie kann Mensch die Dinge so frech umdrehen, denke ich. 

Aber Lila hält daran fest.  Und da merke ich dann, dass es nicht zum Lachen ist. Dass es gemein ist. Und mitten rein geht in den alten Schmerz. “Die Frau ist verrückt”, behauptet Lila stur und weigert sich wie ein Kleinkind, mit mir zu kommunizieren. 

Ich sehe meinen Vater, der mit aufeinandergepressten Lippen dasitzt und gefühlte hundert Jahre schweigt, weil ich ihm widersprochen habe. 

Bei allen nun folgenden öffentlichen Auftritten im Zusammenhang mit dem Film, sitzt Lila mit verschränkten Armen da und schaut bockig in die andere Richtung. So als wäre ich nicht da. So nach dem Motto: Schafft sie mir vom Leib. Sie ist für mich gestorben. 

Nun denn. 

Ich habe nie wieder ein Wort von Lila gehört. In seinem folgenden Film las ich im Abspann den Namen Klaus. Unter der Kategorie: Kamera. 

Aber. 

JEDE Geschichte hat ein Happy End. Hier ist es zu DIESER Geschichte: 

Fuad merkte, dass ER seine Geschichte bestimmt. Und nicht andere. Er wollte keine Anzeige, obwohl Cleo, Lene und ich in die Tischkante beißen mussten vor Wut und Frustration. Aber. Fuad ist ein selbstbestimmter Mensch. Und er wird zu seiner Zeit und in seinem Tempo das tun, was für ihn richtig ist. Die Welt war und bleibt unfair. Aber um das jemals zu ändern, braucht es die Erfahrung, dass wir SELBST Regie über unser Leben führen. In unserem eigenen Tempo. 

Anderthalb Jahre später erfährt Fuad im Netz von der “me-too-Debatte”. Es ist ein sonniger Tag und wir sitzen wieder vorm Heimathafen. Fuad schlendert durch den Toreingang, sieht mich, grinst mich an, ballt die Faust und sagt in verschwörerisch-ironischem Tonfall: Me too, Maike… 

Cleo hat eine Veranstaltung in Hamburg, wo Lilas Film gezeigt wird. Anschließend scharen sich die Leute um sie, um mehr zu erfahren. Eine ältere, adrette Lehrerin mit Perl-Ohrringen drängt sich vor und sagt in vertraulichem Tonfall: 

Sie machen ja so eine tolle Arbeit… wie muss es für Sie bloß sein, mit so einer egozentrischen Person wie Maike zusammen zu arbeiten, die so tut, als ginge es nur um sie? Das ist ja fürchterlich in diesem Film, wie sehr es da ausschließlich um Maike’s Person und gar nicht um die Arbeit der ganzen Organisation geht! Das muss ja schwer auszuhalten sein! 

Und Cleo richtet sich auf, wirft ihren vernichtenden Blick auf die Dame und schießt Feuer: 

WAS FÜR EINE KLEINGEISTIGE PERSON SIND SIE DENN?? Denken Sie, das hat meiner Kollegin SPASS gemacht?? Die hat sich über ein Jahr diesem ganzen unsäglichen Druck ausgesetzt, damit unsere Arbeit sichtbarer wird! Damit unsere Arbeit überleben kann! Sie haben ja keinen blassen Schimmer! Wie kommt es, dass Sie so gehässig denken? Haben SIE eventuell ein Neid-Problem? 

Lilas Film kommt in die Kinos. Und die Leute sagen: Was für ein berührender Film. Und ganz und gar anders als die anderen Filme von Lila. Es wirkt fast so, als hätte er sich verliebt… Abgefahren… 

Insofern. Tatsächlich. Alles gut. Am Ende. Könnte man meinen. Aber nach dem „Dritten Weltkrieg Lila von Dornbusch“ kam dann noch so einiges… 

Aber eigentlich geht es nicht darum, was passiert, sondern darum, wie wir damit umgehen. 

Und was Cleo, Lene und ich aus dieser Geschichte mitnahmen war: Kill your Daddy. In your head. Trust yourself. 

Was man natürlich auch schon vorher hätte wissen können… Aber: Wir sind alle immer nur so klug, wie wir eben sind. Alles hat seine Zeit.  

Und Cleo öffnet eine Sektflasche. Im Büro. 

Morgens?, lachen Lene und ich.  Ja, also wenn wir JETZT nicht auf uns anstoßen, sagt Cleo, wann denn bitteschön DANN??

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