Türwächter*innen der Freiheit Teil 2/ Kapitel 3: Wasser findet seinen Weg

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Durch die Hexenberatung und durch Cleo lerne ich etwas völlig Neues: Ich muss nicht alles alleine machen. Und ich bin nicht für alles zuständig. Dinge, die ich nicht so gut kann, sollten lieber diejenigen machen, die darin besser sind als ich – damit ich Zeit habe, das zu tun, was ich GUT kann. Klingt logisch. Ist für mich aber sehr ungewohnt. Ich muss mir dann ja auch eingestehen, welches denn die Dinge sind, die ich NICHT so gut kann. Auch das will erstmal gelernt sein. Während die Hexe bei heißem Tee und Schokoladenkuchen unsere Arbeitsberge und Verantwortungsbereiche sortiert, stellt sich schnell heraus, dass wir noch eine dritte Person brauchen. Und kaum, dass es ausgesprochen ist, habe ich auch schon eine Ahnung, wer das sein könnte. 

Berlin 2011

Es ist das Jahr, in dem wir an „Arab Queen und Sarrazin“ arbeiten. Mein Ausstieg ist – seit dieser ersten Episode mit der Schulrätin Reimann in der Boddinstraße – zwar längst beschlossene Sache, scheint aber noch sehr unkonkret in weiter Ferne zu liegen, als Susanne mir eines Morgens in ihrem – seit neuestem kurz angebundenen Ton – mitteilt, dass „ich jetzt Unterstützung bekomme“. So drückt sie es allerdings nicht aus, sondern als ziemlich muffeligen Vorwurf: Da kommt jetzt ne neue Kollegin. Die möchte auch gerne Theater machen. Das finde ich sehr gut, dann musst du endlich mal lernen zu kooperieren und kannst hier nicht immer nur deine Extra-Wurst durchziehen. 

Bla bla. Ich höre geradezu die Stimme von Frau Reimann. Es ist so seltsam, dass Susanne seit unserem Besuch in der Boddinstraße wie eine Sprechpuppe der Schulrätin wirkt. Wo ist die alte Susanne geblieben? Diese gut gelaunte, lachende Frau, die ihren Job zu mögen schien und jederzeit Lust hatte zu plaudern? Die Verwandlung ist fast gespenstisch. Inzwischen wirkt sie wie eine Mischung aus schlecht gelauntem Feldwebel und gehetztem Tier. Jegliche Freude ist aus ihren Augen verschwunden. Der Schulleiter-Job scheint nur noch schwerer Ballast zu sein. Insofern wundere ich mich auch nicht über ihren Tonfall, freue mich aber auf diese „neue Lehrerin, die Theater machen will“. Und die steht dann eines Morgens im Zombie-Zimmer, wortlos und nahezu unsichtbar zwischen unabgewaschenen Kaffeetassen und Aktenschränken.  So wie ich damals…, denke ich, stelle mich vor und frage, was sie denn hierher verschlagen hat. Sie lacht:  Ehrlich gesagt, antwortet sie ohne zu zögern, die ganzen Theaterfotos im Treppenhaus…  Ich erzähle ihr von Mausi, von ihrem vorherigen Leben als Fotografin, bevor sie Lehrerin wurde und von unserer Freundschaft.  Sie begleitet meine Arbeit hier – und macht diese schönen Fotos… erkläre ich, ihr müsst euch auch unbedingt bald mal kennen lernen… Ich sehe uns in Gedanken schon zusammen im Café Casablanca im Heimathafen sitzen. Eine diffuse innere Vorfreude kommt in mir auf – auf das, was vielleicht kommen wird. 

Ich bin Lene, sagt die neue Kollegin jetzt und reicht mir die Hand. Es fühlt sich zu förmlich an, aber eine Umarmung wäre zu viel. In diesem Moment klingelt es und wir verabreden uns noch schnell auf einen Kaffee nach der Schule. 

Nach dieser ersten Begegnung läuft es bestens mit der Kooperation. Lene ist – abgesehen von Mausi – die erste interne Kollegin, die erfreut mein Angebot annimmt, in meinem Unterricht zuzuschauen. Nach einer der ersten Stunden sagt sie:  Für mich ist es total hilfreich bei dir zuzugucken. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Ich bin ein bisschen erleichtert, dass bei dir auch nicht alles perfekt ist! 

Ich muss laut lachen. Was dachtest DU denn? Dass ich einen Zauberspruch habe und alle Probleme sind – ZACK – gelöst? 

Lene grinst und zuckt mit den Schultern:  Keine Ahnung, nee… ich weiß nicht… Aber wahrscheinlich hatte ich es gehofft… 

Tja, sorry, sage ich, die Weltformel braucht etwas mehr Zeit… und Lene lacht ebenfalls. 

Nachdem wir voreinander nicht mehr verheimlichen müssen, dass es nicht nur ein paar, sondern wahrscheinlich sogar ziemlich viele Probleme gibt, die wir nicht auf einen Schlag lösen können, dass sich zumindest aber schon mal die Richtung, die wir einschlagen, deutlich sinnvoller anfühlt, fangen wir an, uns gegenseitig Rückmeldung zu geben und uns zu beraten. Oft ist auch Mausi dabei, und wie ich es mir gedacht habe, verstehen sie sich blendend. 

Es ist Lene, die ich anrufe, nachdem Sabrina abgetaucht ist, um zu beraten, was jetzt zu tun ist. Es ist Lene, die in unseren Endproben für das Vampir-Stück am Heimathafen mit uns auf der Studiobühne hockt und 50 Kasperpuppen in Kunstblut taucht. Es ist Lene, mit der ich eine kleine freiwillige AG am Freitag Nachmittag ins Leben rufe, um in den Wochen nach dem Eklat zumindest wieder ein bisschen Kontinuität in die Arbeit zu bringen. Wir entwickeln gemeinsam mit ein paar treuen Siebt-Klässler*innen, die sich nach ihrem Unterricht einfinden, eine kleine Präsentation für die Eröffnung der neuen Schul-Cafeteria, bei der die zuschauenden Senatsverwaltungsmitglieder etwas irritiert die Stirn runzeln, die Eltern der Kinder aber begeistert strahlen. Und es ist Lene, die ich anrufe, als ich die Aufforderung vom Senat erhalte, mich beim Schulpsychologen zu melden. 

Den grauen, länglichen Umschlag mit dem Senatsstempel habe ich morgens ungelesen in meinen Rucksack gesteckt. Keinen Bock jetzt auf schlechte Nachrichten. Erstmal den Schultag hinter mich bringen. Den aufgezwungenen Vertretungsunterricht. Die Sprüche einiger Kolleg*innen, denen es scheinbar ein bisschen gute Laune macht, dass ich nun zur „Vertretungslehrerin“ herabgestuft worden bin:

Das geht dann beispielsweise so: „Schulfremde“ Person auf der Suche nach Frau Plath:  Entschuldigen Sie – könnten Sie mir sagen, wo ich Frau Plath finde?

Ja, klar, das muss ich Ihnen gar nicht erklären! Gehen Sie einfach Ihrem Gehör nach! Da, wo es am lautesten ist, da, wo das Chaos ist, da finden Sie dann Frau Plath, hö, hö… 

Ja, einigen Kolleg*innen ist es eine Freude, jetzt endlich mal „Batsch“ machen zu können, jetzt, wo die Plath offiziell für „vogelfrei „erklärt wurde und Mensch sich einen Namen damit machen kann, schon „immer gewusst zu haben, dass die ja ne Meise hat“. 

Unter diesen Bedingungen muss ich mit meinen Energien ein wenig haushalten – und so wird das Schreiben vom Senat erst in sicherer Umgebung und mit zeitlichem Abstand vom Schulalltag vorsichtig geöffnet. Es ist fast fünf Uhr nachmittags und die Straßen sind nass vom Regen, der Himmel dunkelgrau verhangen, es wird Herbst. Ich sitze trotzdem draußen, vor einem indischen Restaurant in der Oranienburger Straße in Mitte. Gegenüber das Tacheles, das als von Künstler*innen besetzte Ruine eine Zeitlang einen Namen hatte und jetzt von Touristenströmen zerwandert langsam vor sich hin stirbt. Es ist inzwischen ein trauriger Ort. Aber er erinnert mich an meine Anfangszeit in Berlin. Und der Geschmack von indischem, scharfem Essen macht mir ebenfalls zuverlässig gute Laune. Ich habe das Öffnen des Umschlags also zumindest relativ verantwortungsvoll eingerahmt. 

Dennoch zieht es mir dann beim Lesen den Boden unter den Füßen weg. Diese Amtssprache. Und der höflich ausgeführte, tödliche Stich mit der Klinge mitten in die Magengrube. Sie drücken es höflich aus, aber im Grunde steht da: Sie sind krank. Geistesgestört. Sie werden hiermit aufgefordert, sich in psychologische Behandlung zu begeben…. 

Das Seltsame ist: Dies ist nur ein blödes Schreiben in albern elaborierter Amtssprache. Aber es trifft mich tiefer, als alle alptraumartigen Szenen davor. Ich denke: Krass, jetzt wird mir meine Mündigkeit, meine Glaubwürdigkeit abgesprochen. Ich werde meiner Würde beraubt. Ich sehe mich schon in weißer Zwangsjacke in irgendeiner abgelegenen Klinik in einer kleinen quadratischen Gummizelle mit Schaum vorm Mund mein Dasein fristen – vollgepumpt mit Medikamenten und auf kalt-professionelle Weise ausgeschaltet: Seht ihr? Jetzt regt sie sich wieder auf, jetzt hat sie wieder so einen Anfall… interessant… 

Ich versuche, das Schreiben von einer komischen Seite aus zu betrachten. Ich bestelle beim zu viel lächelnden Kellner noch einen weiteren salzigen Lassi und starre auf das monströse graue Tacheles vor mir. Und dann reißt etwas in meinem Bauch und ich denke kurz: Oh Gott, ich muss mich übergeben. Aber da kommt der Kellner, stellt den salzigen Lassi vor mich hin und ich nehme einen großen Schluck. Es geht wieder. Denke ich. Aber dann kommen die Tränen. Und ich sehe alles durch einen Tränen- oder Regenschleier? Alles scheint zu verschwimmen. Ok, es hat alles keinen Sinn. Da fällt mein Blick auf mein Handy. Lene ruft an. Ich denke, Ich kann jetzt nicht, aber dann gehe ich doch ran. Und Lene sagt: Und was steht drin? Die fahren jetzt wahrscheinlich die Nummer, dass du verrückt bist, oder? So ein durchschaubarer Kack…! Hast du noch Lust auf n Kaffee kurz? 

Und statt, dass ich sage: Ja, hab ich! – Bis gleich! – verliere ich komplett die Fassung und schluchze gefühlt zehn Minuten haltlos ins Telefon. Also wenn jemand den Verdacht haben könnte, ich bräuchte einen Schulpsychologen, dann JETZT allerspätestens Lene,  denke ich, als ich den Anruf beende und Lene sich im Regen auf den Weg zu mir macht. 

Kurze Zeit später sitzt sie vor mir, taucht einen Papadam in die scharfe Soße und sagt: Lustig, dass du das so ernst nimmst. Du glaubst doch nicht WIRKLICH, dass irgendjemand dich ernsthaft für psychisch instabil hält! Ich kenn ja kaum eine gesündere Person!

Sie lacht und hält dann plötzlich kurz inne, murmelt: Du kannst mir schon glauben, dass ich da so ein bisschen Expertenwissen habe.

Ich schaue überrascht auf. Sie guckt weg. Ok. Da frage ich jetzt mal nicht weiter nach. Lene bricht einen weiteren Papadam auseinander und fährt fort: Das ist doch offensichtlich, was hier passiert. Hast du nicht neulich erzählt, dass dir diese neue Bildungsstadträtin, wie hieß die noch gleich, dir schon ihre persönliche Einschätzung dazu mitgeteilt hat?   

Und tatsächlich habe ich das in meinem Weltschmerz ganz vergessen. Dabei war das eigentlich eine ziemlich eindrückliche Begegnung gewesen. Ich hatte im Cafe Casablanca mal wieder einen Kaffee mit der berühmt-berüchtigten Kultur-Schildkröte Frau Dr. Holland getrunken und ihr bei der Gelegenheit von meinen Problemen mit der neuen Schulrätin erzählt. Frau Dr. Holland war für mich das, was eine weise alte Schildkröte aus alten Erzählungen ausmacht: Sie war ein Neuköllner Urgestein, kannte jede und jeden und alle Geschichten und bewegte still und beharrlich die größten Dinge im Bezirk. Sie schien Nerven wie Drahtseile zu haben und sich nie aus der Ruhe bringen zu lassen. Gleichzeitig hatte ich des öfteren den Verdacht, dass es bei aller gemütlichen Freundlichkeit, die sie ausstrahlte, wahrscheinlich sehr unangenehm sein konnte, sie als Gegnerin zu haben. Glücklicherweise liebte sie mich. 

Weißt du, Schätzchen, da gehst du am besten mal zu unserer neuen Bildungsstadträtin, ich schau mal, dass du da einen Termin kriegst, sagt Frau Dr. Holland, das ist eine toughe kluge Frau, die kann dir da vielleicht nen Tipp geben… 

Und also stehe ich ein, zwei Wochen später vorm Rathaus Neukölln. Auf den breiten Treppen vor dem Eingang sitzt wie immer eine bunte Mischung aus Neuköllner Ureinwohner*innen: Jugendliche, Obdachlose, Menschen im Anzug mit einem Kaffeebecher in der Hand oder im Jogginganzug mit Sterni-Pils und Plastiktüte. Sie sitzen da alle vor – gefühlt – IHREM Rathaus. Das scheint ein guter Ort zu sein. Ich denke an die Fotos, die mir Taher, Mahmout, Samira und die anderen Jugendlichen regelmäßig mit stolzem Lächeln zeigen: Bilder von der feierlichen Übergabe ihres deutschen Passes im Rathaus, Seite an Seite mit dem Bürgermeister Heinz Buschkowsky. Der ist cool, finden die Jugendlichen nahezu einhellig. Der macht was für uns. Der ist kein Opfer. 

Höchste Auszeichnung, würde ich sagen: Eine Kartoffel, die kein Opfer ist. Diese Anerkennung muss mensch sich erstmal verdienen. 

Ich betrete das Gebäude und mache mich auf die Suche nach dem Büro der Bildungsstadträtin. Kurz darauf stehe ich im Vorzimmer und stelle mich einer freundlichen Sekretärin vor. Ja, Frau Tinkerbell erwartet Sie schon, wollen Sie einen Kaffee? Ich bin fünf Minuten zu früh, aber da öffnet sich bereits eine Tür und vor mir steht – ja, ernsthaft jetzt – eine Fee. Goldenes Haar, blaue Augen, strahlendes Lächeln. Es fehlt nur das Glitzerkleid und der Zauberstab. Ich bin für einen Moment so erstaunt, dass ich vergesse, was ich sagen soll. Aber das macht gar nichts. Denn die Fee bittet mich gutgelaunt in ihr Büro: Ein großzügiger Raum mit breiten, vollen Bücherregalen, einer stilvollen Couchecke, frischen Blumen und einem riesigen, antiken Schreibtisch. Ach, wir setzen uns am besten hier hin, sagt die Fee und weist auf die gemütliche Sofa-Ecke, das ist gemütlicher als da hinten an meinem Schreibtisch. Frau Meyer bringt uns gleich unseren Kaffee, wollen Sie ein Glas Wasser dazu? 

Ich nicke, ja gerne, danke,  und nehme Platz. 

Ja, ich habe schon einiges von Ihnen gehört, sie machen ja eine wunderbare Arbeit hier in Neukölln, ich freue mich, dass wir uns jetzt endlich mal kennen lernen. Dann erzählen Sie doch mal, was Sie auf dem Herzen haben …  Sie lächelt. Ich bin noch immer so erstaunt, dass es mir schwerfällt, einen Anfang zu finden, aber offenbar hat die Fee sich alle Zeit der Welt genommen, sie scheint alles ganz genau wissen zu wollen, fragt nach, ermuntert mich, ausführlich zu erzählen. Plötzlich klingelt ihr Handy. Sie schaut auf den Display.  Oh, das ist der Heinz, da muss ich jetzt kurz mal ran gehen…  sie lächelt entschuldigend, greift das Handy und lehnt sich bequem auf der Couch zurück.  Heinz, mein Bärchen! Was ist los?, flötet sie ins Telefon. Ich muss mir ein Grinsen verkneifen. Ich versuche möglichst unbeteiligt aus dem Fenster zu schauen, aber es ist unmöglich, NICHT zuzuhören.  Ach, mein Bärchen, du darfst dich nicht so aufregen, das hat doch gar keinen Sinn. Das ist ganz schlecht für dein Herz… ja, ja… ich versteh das… mmmh… mmmh… aber schau mal, da kannst du ja jetzt gar nichts machen… mmmh…mmmh… und ganz ehrlich, davon würde ich dir abraten, das ist dann nur wieder gefundenes Fressen…. Mmmmh….mmmh… Ja, Heinz, ich versteh das vollkommen, lass uns nachher nochmal in Ruhe weiter telefonieren, ich bin hier gerade in einem Gespräch… Ja, und warte jetzt erstmal ab… ja, genau… ich ruf dich an, sobald ich hier fertig bin… Und jetzt trink erstmal einen Kaffee und atme tief durch… Ja…. Genau…. ich melde mich in ca einer Stunde… Tschüss Tschüss… 

Sie legt das Handy auf den Tisch und schaut mich an. Lacht.  Ja, das war der Heinz. Der regt sich gerade wieder mal auf über seine Parteikollegen von der SPD….  Ich ahne jetzt, wer „der Heinz“ ist, zögere aber, konkret nachzufragen. Was auch nicht nötig ist. Denn die Fee plaudert munter weiter.  Ja, der Heinz ist wirklich mein Vorbild, ein großartiger Bürgermeister, der ist wirklich dran an den Leuten, und das ist manchmal schwierig mit seinen Parteikollegen, der Heinz sagt immer, „die werden immer mehr zu Klugscheißern, die sitzen da in ihren bürgerlichen Wohnzimmern bei Prosecco und Häppchen, reden elaboriertes Zeug und verlieren vollkommen die Bodenhaftung, statt sich mal um die ECHTEN Belange der „kleinen Leute“ hier zu kümmern…“,  ja, so sieht das der Heinz, und nicht, dass Sie denken, dass der die Leute für „klein“ hält, Sie wissen ja, der kommt aus einer ganz einfachen Arbeiterfamilie, ist in so einer Kellerwohnung in Rudow groß geworden, der weiß, wovon er redet… Und jetzt wird er immer öfter missverstanden, wenn er an diese Probleme ein bisschen pragmatischer rangeht. Sie wissen ja wahrscheinlich von seinem Engagement für die Jugendlichen hier im Kiez. 

Ich nicke, ja, das weiß ich allerdings, vor allem auch, wie seine Positionen aufgenommen werden: Bei den Jugendlichen und ihren Familien sehr positiv, wie gesagt: Da ist er eine Art Heldenkartoffel. Ich würde sogar sagen, sie LIEBEN ihn für seine klaren Worte und seine Strenge. Was den Wachschutz an Berliner Schulen angeht, bin ich zwar skeptisch, aber dass er Druck ausübt, dass die Familien das Kindergeld auch wirklich für ihre Kinder ausgeben und diese auch regelmäßig in die Schule schicken, finde ich aus meiner täglichen Erfahrung heraus ziemlich sinnvoll. Zumindest so lange es noch keine besseren und nachhaltiger angelegten Lösungen gibt. Aber klar: Mit diesen Positionen hat er natürlich den Ruf eines autoritären Law-and-Order Bürgermeisters. Wie immer denke ich: Es ist aber doch komplexer! Die bürgerliche „Wohnzimmer-Fraktion“ hat zu wenig Einblick in die anderen Zimmer des Hauses. Es hat immer etwas von der Marie-Antoinette-Haltung: Esst doch Kuchen! Insofern muss ich schmunzeln über die Worte der Fee über „den Heinz“ und seine Parteikollegen mit dem Prosecco. Ganz falsch ist das sicherlich nicht. Vielleicht sogar auf Dauer gefährlich. Denn die wirklichen Probleme können ja nicht gelöst werden, wenn niemand sie überhaupt zur Kenntnis nehmen will. 

Ich teile meine Gedanken mit der Fee, während sie uns eine zweite Tasse Kaffee bestellt. 

Ja, und das Unheimlichste ist, sage ich und gieße frische Milch in meine Tasse, dass es so schwer ist, Worte für die Perspektiven dieser Jugendlichen zu finden, ohne dass das falsch verstanden wird. Wenn ich ganz alltägliche Dinge benenne, kommt das bei der „Prosecco-Fraktion“ immer als „Räuberpistole“ oder „Hysterie“ oder – noch schlimmer – als Herabsetzung bzw. Diskriminierung rüber. Ich bin mir vollkommen klar über den Rassismus, der in unsere Strukturen leider eingeschrieben ist und auch über den Anteil, den ich selbst daran habe. Deswegen versuche ich, die Jugendlichen selbst sprechen zu lassen – und weniger ÜBER sie zu sprechen. Wenn es um ganz konkrete politische Maßnahmen geht, kann ich aber verstehen, dass es wahnsinnig schwer ist, da differenziert wahrgenommen zu werden. 

Die Fee nickt. Ja, genau das ist die Baustelle… Und für den Heinz ist es jetzt auch wirklich nicht hilfreich, was sein Parteikollege Thilo Sarrazin sich da jetzt geleistet hat. Der Heinz sagt ganz klar: Der ist rassistisch. Das ist jetzt ein Riesenkrach. Und auch eine Enttäuschung für den Heinz. Das verstellt jetzt auch wieder den Blick auf all das, was er im Kiez an tatsächlichen Erfolgen bewirkt hat. Kennen Sie zum Beispiel das Stadtteilmütter-Projekt? 

Ja, allerdings, sage ich, genau. Das ist wirklich so eine kluge Idee. Ich sehe das ja selbst, dass viele Eltern große Widerstände haben, in diese Institutionen zu kommen, die so dermaßen von der Kartoffel-Perspektive geprägt sind. Das ist von vornherein eine Herabsetzung, die – von den Kartoffeln – gar nicht gesehen wird. 

Die Fee lacht. Dann sagt sie in wieder ernstem Ton: Sorry, dass ich lache, das ist natürlich gar nicht komisch, aber es ist erfrischend, wie Sie so direkt von den „Kartoffeln“ sprechen… Ja, und dass die Stadtteilmütter mit IHREN Perspektiven und eben NICHT mit der Kartoffel-Perspektive zu den Familien nach Hause kommen und sie beraten und unterstützen, das ist einfach mal ein sehr guter Schritt in die richtige Richtung. Sehen Sie, und das sind die Dinge, die ich beim Heinz so schätze. Wir müssen hinschauen und handeln, nicht im Wohnzimmer sitzen und ewig diskutieren… 

Es stellt sich heraus, dass wir uns viel zu erzählen haben und die Zeit rast davon. Nach zwei Stunden steckt die Sekretärin ihren Kopf zur Tür herein und sagt: Frau Tinkerbell, Sie haben Ihren nächsten Termin in zehn Minuten. Ich wollte nicht stören, aber… 

Die Fee schaut mich an: Oh je, zwei Stunden sind um. Das gibt’s ja gar nicht. Und nun hab ich den Heinz gar nicht zurück gerufen. Aber das hat mir jetzt wirklich Spaß gemacht mit Ihnen! Und ich möchte Ihnen jetzt wenigstens noch einen kleinen persönlichen Rat zu Ihrer Situation geben: Gehen Sie da weg. Wissen Sie, da sind Leute in hierarchischen Positionen, die Ihnen nicht wohlgesonnen sind. Da können Sie gar nichts dafür. Das liegt in der Natur der Sache. Also in der Hierarchie und der Persönlichkeit Ihrer Vorgesetzten. Und da können Sie auch gar nichts machen. Als Bildungsstadträtin kann ich mich da auch nicht einfach einmischen, da sitze ich an der falschen Stelle, das würde falsch verstanden werden und negativ auf Sie zurückfallen. Aber ich kann Ihnen raten: Gehen Sie da weg. Ich weiß nicht, was Sie beruflich vorhaben, aber wenn Sie beispielsweise nicht unbedingt in der Schule arbeiten, könnte ich Sie unterstützen. Die Fee macht eine Pause. Wartet. Offenbar hat sie ein indirektes Angebot gemacht. Ich denke nach. Dann entscheide ich mich für die ehrliche Variante. 

Ich glaube, ich möchte weiterhin mit Jugendlichen arbeiten. Das ist der Bereich, wo ich am besten bin. Da kommen alle meine Ideen her. Ich weiß im Moment nicht, wie ich außerhalb von Schule mit diesen Ideen wirksam werden könnte… 

Die Fee lächelt. Das habe ich mir natürlich schon gedacht. Ich schätze Ihre Offenheit. Und es beeindruckt mich, dass Sie da so klar und konsequent sind. Ich sehe ja, was Sie bewirken. Denken Sie trotzdem darüber nach, ob Sie mit Ihren Fähigkeiten nicht woanders mehr bewirken können. Die Situation, in der Sie sich befinden, ist einfach ungünstig. Da haben gerade Leute Macht über Sie, die nicht verstehen, was Sie da machen. Rufen Sie mich an, wenn Sie in Probleme geraten. Ich hoffe, Sie finden da einen guten Weg nach draußen. Raus aus dieser Position. Ich muss jetzt leider zu meinem nächsten Termin. Es war mir eine große Freude! Ich wünsche Ihnen viel Glück und halten Sie mich auf dem Laufenden! Das meine ich ernst. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich weiter über Ihre Arbeit informieren. Alles Gute, Frau Plath! Die Fee drückt meine Hände, schenkt mir ein letztes Mal dieses leuchtende Lächeln. Dann ist sie weg. Als ich ein paar Minuten später die breiten Rathaus-Treppen hinunterlaufe, denke ich: Was für eine krasse Person. Wenn DIE Bundeskanzlerin wäre… 

Ja, wie hatte ich dieses Gespräch vergessen können? Ich schaue Lene an. Die Papadams sind alle. Wir bestellen einen Yogi-Tee. Es geht mir deutlich besser. Lene schlägt ihren Kalender auf, zückt einen Kugelschreiber und sagt: Und jetzt lass mal Ideen sammeln, wie wir diesen Schulpsychologen-Quatsch deichseln… 

Überflüssig zu erwähnen, dass Lene eine der neun Kolleg*innen ist, die mich ein paar Wochen später zu meinem Schulpsychologen-Termin begleiten. Wir stemmen zwei weitere kleinere Projekte zusammen und irgendwie fühlt sich alles plötzlich leichter an. So wie Wasser findet alles, was wir gemeinsam angehen, seinen Weg und langsam wächst in mir eine seltsame Ahnung – oder ist es doch eher nur eine Sehnsucht? –  dass wir noch eine lange berufliche Zusammenarbeit vor uns haben werden. Aber offenbar irre ich mich. 

Ich bin schwanger, sagt Lene ein paar Wochen später. Wir sitzen in der Simon-Dach-Straße in Friedrichshain vor einem Späti, es ist inzwischen deutlich Herbst und lange kann mensch nicht mehr draußen sitzen. 

Ich bin schwanger. Und ich höre erstmal auf. Vielleicht machen Juri und ich ein paar Auslandsjahre. Er kann da über die Hochschule was machen. Vielleicht Paris… vielleicht Rom… oder Brüssel… Und ich habe irgendwie mal Lust, NICHTS zu machen. Einfach mit zu kommen… Auszuruhen. Mama zu sein. 

Ich muss meine Lippen ganz fest aufeinanderpressen, um nicht WHAT??? zu schreien. What??? Mein gesamtes Inneres wehrt sich mit „Händen und Füßen“. (Wie auch immer das aussehen mag). Irgendetwas in mir ist sicher, dass wir noch sehr lange, sehr gut zusammen arbeiten werden – und dieser Dreh passt einfach überhaupt nicht. Aber mir ist klar, wie es wirkt, wenn ich meine Gedanken jetzt ausspreche. Also bestelle ich stattdessen ein Glas Rotwein, nehme einen großen Schluck und sage „Herzlichen Glückwunsch, meine Liebe. Das FREUT mich für dich und für euch! Was für eine krasse Nachricht! Dann wünsche ich euch eine zauberhafte Zeit im Ausland. Halt mich auf dem Laufenden“. 

Wir verbringen einen wunderschönen Abend. Und dann verschwindet Lene aus meinem Leben. 

Bis zu jenem Tag, als die Hexe sagt: Ihr braucht noch jemanden und ich sofort denke: Lene. 

Ruf sie doch mal, sagt Cleo, ist ja jetzt zwei Jahre her, vielleicht hat sich die Lage bei denen ja jetzt verändert, wer weiß? 

Als ich Lene erreiche, ist sie soeben von der Schule nach Hause gekommen. Es stellt sich heraus: Paris wurde doch gestrichen. Lene lacht: Weißt du, ich hab gemerkt: Ich kann ja doch nicht nur von Luft und Liebe leben! Ich erfahre: Sie ist wieder an „unserer alten“ Schule in Neukölln, hat einen wunderbaren kleinen zweiten Sohn – aber nicht mehr so wirklich Bock auf ihren Job. Oh man, es ist im Moment eher noch schlimmer, als zu dem Zeitpunkt, als du weg gegangen bist, berichtet sie in leicht genervtem Ton:  Statt Theater oder meine anderen Fächer muss ich jetzt plötzlich dauernd fachfremd Hauswirtschaft unterrichten. Und das ist so abstrus: Die schicken mir hier einfach alle Jungs hin, die ansonsten überall rausfliegen. Ich steh hier immer mit acht bis zehn mega aggressiven Jungs in der Küche – also eigentlich traurigen Jungs – und keiner kann kochen – ich auch nicht – und die knallen mir hier regelmäßig durch, weil die so sauer und gefrustet sind. Und das ist schon wieder insgesamt das Programm: Störer raus! Strafen und Sanktionen als Erziehungsmaßnahme. Denen zu vermitteln, dass Kochen auch Spaß machen kann, ist unter diesen Bedingungen echt am Arsch. Und Susanne rennt wie getrieben durch die Gegend und versucht durch immer härtere Maßnahmen das Chaos in den Griff zu kriegen. Hier sind alle depressiv. Wenn ich mit den Jungs zwei Stunden Hauswirtschaft in der Küche habe, denke ich manchmal, es ist jedes Mal ein Wunder, dass sich niemand verletzt. So ein Schwachsinn das Ganze… 

Es ist also für Cleo und mich nicht ganz so besonders schwierig, Lene von einer Alternative zu überzeugen…

Als wäre es nie anders gewesen, sitzt sie ein paar Wochen später in unserem nagelneuen Büro – an den Wänden die Fotos von Mausi. Alles, wie es sein soll, denke ich ein bisschen verwundert. Lene unterschreibt ihren Vertrag. Magdalena Anahita Schneider. Ich betrachte den schönen Schriftzug. Was ist denn Anahita für ein schöner Name?,  frage ich. Lene schaut auf: Ach, das ist so ein bisschen drüber finde ich. Aber meine Eltern haben sich scheinbar ein bisschen viel Gedanken gemacht… Sie grinst.  Anahita heißt: Göttlichkeit des Wassers und steht für Heilung und Weisheit. 

Ich drehe mich kurz weg, weil ich ein bisschen schlucken muss. Ich denke: Kein bisschen drüber… Eher genau auf die zwölf.