Türwächter*innen der Freiheit Teil 2/ Kapitel 4: Skischulgefühl

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Es beginnt eine Zeit, in der wir – wie die Jugendlichen sagen würden – vierundzwanzig sieben arbeiten. Und zwar gar nicht unbedingt, weil wir so gestörte Perfektions-Streberinnen sind, sondern vor allem deswegen, weil der Geldfluss ganz und gar nicht gesichert ist und wir immer das Gefühl haben: Wenn wir dies und jenes jetzt AUCH noch schaffen, DANN sind wir safe. Bzw. sicherER. Was natürlich eine Schlaufe in die Unendlichkeit ist. Wann ist mensch schon SAFE? Der Bereich, in dem wir arbeiten scheint an dem Widerspruch zu kranken, dass Antragsgelder nur fließen, wenn immer alle Projekte NEU sind und auf keinen Fall an schon Bestehendes anschließen. Wie aber jeder Mensch weiß, der in diesem Bereich arbeitet, kann Vertrauen und Bindung als Grundvoraussetzung für Qualität in Wahrheit nur entstehen, wenn gerade NICHT immer ALLES NEU ist, sondern ganz im Gegenteil Kontinuität und eine solide konzeptionelle Basis die Arbeit bestimmen. Diese sehr offensichtliche Tatsache ist aber offenbar in der gesamten Förderlandschaft noch nicht zum realitäts-bestimmenden Faktor geworden. Kaum aus dem einen unbefriedigenden System raus, finde ich mich nun in Strukturen wieder, die viel blinden Aktionismus befördern und die Auswirkungen von sozialer Ungerechtigkeit eher verschärfen als sie nachhaltig zu beheben. Eine ganze “Industrie” mitsamt ihrem zahlreichen Personal lebt von den Problemen der Menschen, scheinbar ohne dass es dabei Ziel ist, diese Probleme zu lösen. Das wird zwar überall in wichtig und relevant klingenden Wortschleifen behauptet, durch die Struktur selbst aber unmöglich gemacht. Hier ein feines Projekt, dort eine super Maßnahme und hinterher gehen alle wieder nach Hause – die einen in ihr bürgerliches Wohnzimmer und die anderen in die Hasenheide Drogen verticken. Cleo, Lene und ich sind also gezwungen, ständig nach außen den Eindruck zu erwecken, dass alles knall-neu und geil experimentell ist, setzen in der Realität aber natürlich auf Bindung, Kontinuität und absolute Verlässlichkeit – woraus in der Folge dann tatsächlich das Neue entsteht. In dieser Reihenfolge ist es aber nicht erwünscht. Aus dieser schizophrenen Situation heraus erträumen wir uns hin und wieder den “reitenden Boten”, der uns aus diesem Dilemma rettet. Die Idee, dass irgendein berühmter Mensch unsere Arbeit entdecken und sie bekannt machen und uns damit vielleicht aus dieser  entwürdigenden “Antrags-Kaspertheater-Situation” befreien könnte, wird fast zu einer fixen Idee. Es ist – wie wir leider zu spät erkennen – die Sehnsucht des Kindes, das auf die Rückkehr des Papas hofft – so nach dem Motto: Wenn der berühmte gütige Mentor kommt – DANN wird alles gut. DACHTEN wir. Und dann erfüllte sich unser Wunsch. Der berühmte Mensch kam und entdeckte unsere Arbeit. Aber gut wurde es nicht. 

An einem kalten Novembertag 2015 stehe ich im Heimathafen-Büro und Petra sagt im Vorbeilaufen: Ach ja, kann Lila von Dornbusch heute mal in deiner Probe zuschauen? Der sucht Neuköllner Protagonist*innen für seinen neuen Film. Lila von Dornbusch?, frage ich verwirrt. Dieser 70-er-Jahre Kult-Regisseur mit den abgefahrenen Schwulen-Filmen? Nicht der Schwule ist pervers, sondern …die… Dings… wo er lebt… wie hieß der noch, dieser Film? Also DER Lila von Dornbusch? DEN gibt’s noch? Petra lacht: Ja, ich war auch erstaunt – aber der rennt hier ganz munter rum und macht immer noch Filme. Offenbar. Und jetzt will er einen drehen mit dem Titel „Überleben in Neukölln“. – Aha. Mehr fällt mir dazu erstmal nicht ein. Und warum will der in unsere Probe? Petra zuckt mit den Schultern und zieht eine Grimasse. Keine Ahnung! Musst du ihn selber fragen… Also kann ich den nachher mal bei euch vorbei schicken? – Ja, klar, kein Ding… sage ich und frage mich kurz, ob mich das jetzt nervös macht, dass DER Lila von Dornbusch zugucken will. Aber nee, glücklicherweise nicht so, denn in den letzten Jahren haben schon so viele Leute bei den Proben zugeguckt, dass ich mich selbst in diesen Situationen kennenlernen konnte: Vor allem mein kleines angepasstes inneres Kind, das dann tendenziell anspringt und gefallen möchte. Und das ein kleines Druckgefühl im Magen erzeugt – das sogenannte „Skischulgefühl“, wie meine Geschwister und ich das immer nennen. 

Natürlich gibt es wahrscheinlich passendere Referenzen für mein kleines autoritär geprägtes, ängstliches Kindheits-Ich als ausgerechnet das Wort „Skischulgefühl“, aber ich will mich damit immer selbst ermahnen, meine eigenen Kindheits-Traumata als das zu kennzeichnen, was sie sind: Luxus-Probleme. 

Das “Skischulgefühl” geht wie folgt: Morgens in der Schweizer Ferienwohnung beim Frühstück auf das labbelige, weiße Brötchen mit Käse starren und dabei das mulmige Gefühl im Magen bekämpfen: Jetzt geht’s gleich in die Ski-Schule. Da erwartet mich eine mehrstündige komplette Überforderungs-Situation inklusive Kampf gegen Demütigungs- und Ohnmachtsgefühle. GLEICH ZUR SKISCHULE, bei dem Gedanken schnürt sich mir bis heute zuverlässig der Magen zu. Echt jetzt. Sofort habe ich alles wieder in 3 D vor mir: Nach mehrfachem Ermahnen unserer Eltern mühsam einmal oder zwei Mal abbeißen am unvermeidlichen Brötchen, bisschen rumwürgen und dann los. Erstmal geht es dann runter in den Keller, wo die klobigen Skistiefel in Reihe an der Wand stehen. Muffiger Geruch nach Schweißfüßen und Katzenfutter. Rein zwängen in die Folterinstrumente mit den vielen Schnallen, die beim besten Willen NIE zugingen, immer einen monströsen Kraftaufwand erforderten, man klemmt sich die Finger, ach – auch egal, dann eben erstmal ein paar Schnallen offen lassen, vielleicht hilft ja oben auf der Piste noch jemand (leider nie). Und dann, wenn immerhin endlich beide Füße in den Zementschuhen drinstecken, rasselnder Humpelgang über die Straße zum Auto. Rein da und hinten auf der Rückbank Skibrille über die Mütze fummeln, Handschuhe anziehen und dann – wie ein bis zur Unbeweglichkeit eingepackter Astronaut auf dem Weg ins ungewisse All – ergeben auf das nicht abwendbare Schicksal warten. Papa Familias sitzt vorne am Steuer und lenkt die Familienkutsche über zahlreiche Serpentinen sicher rauf ins Skigebiet. Bloß nicht aus dem Fenster gucken. Da ging es steil bergab. 

Mir war immer übel. Besonders grausam erschien mir bei der Ankunft auf der Piste dann die extreme, vollkommen übertriebene Demonstration von guter Laune: Zu extrem lauten Ballermann-Beats hampelten die Skilehrer mit ihren roten Jacken wie in feinsten Jane-Fonda-Videos herum und alle Kinder (alles bis zur Unkenntlichkeit vermummte Ski-Astronauten) waren aufgefordert, begeistert mitzuhampeln: Die morgendliche Skigymnastik. Dazu strahlend blauer Himmel, glitzernder weißer Schnee und greller Scheinwerfer-Sonnenschein. Nicht heulen jetzt, denn dann beschlägt die Skibrille und man weiß ja, wozu das führt. Meistens heule ich da aber schon still hinter meiner Riesen-Ski-Brille vor mich hin und stapfe im Entengang – und quasi blind hinter den beschlagenen Gläsern – hinter den anderen her zum Skilift, zur panisch erwarteten ersten Station des Horrors: Der Bügel-Lift. Bügel kommt von hinten, ich muss das schaukelnde Ding zu fassen kriegen und es mir hinter den Po klemmen, neben mir in der Skispur steht aber noch ein anderes Ski-bebrilltes Monster, das auch verzweifelt – oder einfach nur gnadenlos egomanisch, nach mir die Sintflut –  an der Bügelstange ruckelt, jetzt bloß nicht die Skier übereinander kriegen, aber leider keine Chance, jetzt kommt der ultimativ brutale Anfahrtsruck, der uns beide nach vorne katapultiert und dabei verkanten sich unsere Skier zu einem kleinen Brettersalat, noch einige Sekunden panisches Schwanken und dann ZACK – Gesicht im eiskalten Schnee, Fangriemen (80-er!) irgendwie noch im Liftbügel oder in der Skibindung des ebenfalls gestürzten Beifahrer-Astronauten verfriemelt, kurze schmerzhafte Fahrt mit dem Gesicht nach unten, Skier über dem Kopf klappernd, Handschuhe in den Stöckerschlaufen verdreht, kurzer Moment Todesangst – das überleb ich nicht – und dann im wahrsten Sinne des Wortes ENDE GELÄNDE, ich liege irgendwo draußen in einer Schneewehe, Skier verdreht, Mütze und Brille pardu, ein Stock auf und davon und das Ganze im Tiefschnee irgendwo zwischen irgendwelchen Tannen am Steilhang – fernab der regulären Piste. Erstmal im Schnee sitzen und heulen. Ziemlich lange, vielleicht kommt ja jemand und hilft. Meistens aber nicht. (Wie die Skilehrer ihre jeweils ca 25 kleinen Ski-Astronauten im widrigen Gelände betreuen sollen, ist ja eigentlich ohnehin ein Rätsel). Astronaut 2 friemelt irgendwo weiter unten sein Zeug zusammen. Also weiter vor sich hin heulend aufstehen und sehr umständlich die eigenen sieben Sachen zusammensuchen, dem verlorenen Stock hinterher klettern, mit der Bindung kämpfen, die Brille vom Schnee befreien und wieder aufsetzen, aber jetzt sehe ich gar nichts mehr, alles ist nass und schnee-verschmiert, außerdem sind die Gläser wieder beschlagen und jetzt kommt natürlich das Schlimmste: Irgendwie am eisglatt-gefrorenen Steilhang entlangrutschen und den Weg zur Piste zurück finden. Das Ganze mit dem wenig erfreulichen Ziel, die Gruppe wieder zu finden, mit der ich mich dann noch stundenlang weiter in zitternden Böglis die Hänge herunter quälen muss, was nichts anderes heißt als panisch und weiterhin blind (die Brille bleibt ja wegen des ständigen Heulens dauerhaft beschlagen) hinter irgendwelchen viel versierteren und schnelleren Schweizer-Skiastronauten hinterher zu brettern – im halsbrecherischen Wackel- Schneeflug – nur um dann die gesamte Chose unten beim Bügellift erneut zu wiederholen. Ein nicht enden-wollender Alptraum. Und täglich grüßt das Murmeltier ist NIX dagegen. 

Noch immer sehe ich mich als 5-Jährige am Ende eines solchen Skischul-Tages in der sicheren Gondel abwärts zur Talstation sitzen und auf die unter mir FREIWILLIG weiter die Pisten herunter heizenden Skifahrer *innen blicken und denken: DIE MÜSSEN NOCH, die ARMEN… Und: Ja. Ich weiß. Wenn das für mich schon eine nachhaltig bedrückende Kindheitserfahrung gewesen ist, wie muss es dann Kindern mit ernsthaften Problemen gehen? 

Zwei Stunden später beginnt unsere Probe. 

Während ich unsere Mischpult-Karten wie immer vorne auf dem Boden ausbreite, kommt dann tatsächlich der berühmte Lila von Dornbusch zur Studiotür herein: Ein freundlich drein schauender Opa im rot-weiß-karierten Holzfällerhemd und Baseball-Cap, und einem etwas starr wirkenden breiten Grinsen – das seine Augen nicht erreicht. Ja, hallo, du bist also Maike, ich bin Lila – ich duze alle, das ist einfacher, auch wenn ich einen Adelstitel habe…ha, ha… (Ist das seine Art zu testen, ob die Leute über seine Vita informiert sind?, frage ich mich kurz), dann: Alles klar, gerne duzen, wir schütteln Hände. Kurz – dann doch  – ein Hauch von Skischulgefühl meinerseits, ich rede irgendwas von WILLKOMMEN und WIR FREUEN UNS und so weiter, was aber eine Lüge ist, denn keiner in der Gruppe weiß überhaupt, wer Lila von Dornbusch ist, für sie ist das nur irgendein Opa, der heute zuguckt, neben all den anderen Erwachsenen, die da immer sitzen, und es ist ihnen ziemlich egal. Das ist aber auch das Gute daran, denke ich, so bleibt alles NORMAL. Lila will noch schnell meine Telefonnummer, ich kritzele sie ihm auf einen Zettel, er steckt den Zettel in seine Brusttasche. Inzwischen sind alle da und wir fangen an. Und was beruhigend ist: Sobald wir mit den Karten und der Musik loslegen, fängt es an, SPAß zu machen und die Zeit vergeht rasend schnell, wie immer. Wir haben drei Stunden Probe, aber es fühlt sich eher  an wie eine. Für Lila aber sind drei Stunden offenbar zu lang, er schleicht nach der Hälfte der Zeit raus und ich denke, SIEHSTE, alles total harmlos, das war`s schon. 

Das war´s aber nicht, denn ein paar Tage später ruft Lila mich an. Ob ich mich mit ihm im Cafe Casablanca treffen kann, morgen Nachmittag? Er würde gerne noch ein paar Sachen über die Theatergruppe erfahren. Ich sage natürlich zu, kleine Privataudienz mit Lila von Dornbusch, ist ja auf jeden Fall spannend. Am folgenden Nachmittag sitze ich also Lila und seinem – sehr viel jüngeren Co-Regisseur – im Cafe Casablanca gegenüber. Lila hat gerade eine andere Dame verabschiedet, die jetzt das Cafe verlässt, offenbar legt er sich seine Gesprächstermine alle hintereinander hier ins Cafe Casablanca. Während ich mich noch aus meiner Jacke schäle, fragt er in leicht herausforderndem Ton: Und – wie GEHT ES DIR? – GUT, sage ich, danke. Er: WARUM? Kleines herausforderndes Grinsen. WARUM? Ich denke kurz nach – will er jetzt hören Weil ich den großartigen Lila treffen darf? Aber vielleicht ist das auch nur eine gemeine Unterstellung und so antworte ich brav und ehrlich: Weil ich mich quasi BEFREIT habe und weil es sich jetzt, nachdem ich nicht mehr im Schuldienst bin, alles richtiger anfühlt. Besser. Was Geld und Sicherheit angeht natürlich nicht, aber ansonsten hat mein Leben doch wieder ein bisschen Farbe bekommen… Ich mache einen kleinen blöden Verlegenheitslacher, Farbe bekommen… wie drücke ich mich hier eigentlich aus…? Außerdem kommt es mir komisch vor, von MIR zu reden, wo doch ER der interessante Typ ist. Aber gleich, nachdem ich das gedacht habe, ärgere ich mich sofort über diese KLEINMÄDCHEN-HALTUNG und setze mich etwas aufrechter hin. Auf keinen Fall mehr blöde kichern, dafür bist du echt zu alt… Lila lässt sich aber ohnehin nicht von seiner seltsam kalten Freundlichkeit abbringen. INTERESSANT, sagt er, ERZÄHL DOCH MAL GENAUER. Ich denke kurz: Der ist unheimlich. Aber ich höre mich wieder lachen und sage: Alles klar, dann fang ich mal an… ALSO… 

Nach ca einer halben Stunde fragt Lila: Ja und wie geht so ein Theaterunterricht, was machst du denn anders? Für einen Moment zögere ich. Dann: Ja, das würde jetzt zu weit führen, glaube ich – aber du kannst ja meine Bücher lesen… Sofort bereue ich meine Angeberei und wünschte, ich hätte was anderes gesagt. Aber was? So kurz ist das ja nicht zusammengefasst. Entgegen meiner Erwartung nickt Lila aber ganz ernsthaft und sagt: Ja, ein bisschen was habe ich ja schon gelesen, ich wollte jetzt nur mal gucken, wie du das selber erzählst. Und an dieser Stelle spüre ich ein unangenehmes Ziehen im Magen – was wird das hier und hat er WIRKLICH was über mich gelesen, WAS und vor allem: WARUM?? Was ist das hier für ein Gespräch – ist das eine Art Test, auf den ich nicht vorbereitet bin? Was habe ich erzählt? Und wie hätte ich das korrekter, besser, vorsichtiger, bescheidener, TOLLER erzählen müssen? Da mein Redefluss ganz offensichtlich unterbrochen ist, fängt Lila jetzt an zu sprechen, was mir ein wenig Zeit verschafft und nach einigen Minuten tatsächlich beruhigende Wirkung auf mich hat. Ich bin nicht allein mit schneeverschmierter Brille auf einer eisesglatten Piste, ich sitze warm im Cafe Casablanca und kann jederzeit gehen, wenn es mir nicht passt. Ich atme tief durch und lausche Lila von Dornbusch, der jetzt sehr versiert und unterhaltsam seinen Wikipedia Eintrag vorträgt. Unterbrochen immer nur von der Frage: Und meinen Film XY kennst du? – Worauf ich jedes Mal, also wirklich JEDES MAL, beschämt verneinen muss und er mir dann geduldig erzählt, worum es da ging. Nach gefühlten 30 von ihm erwähnten Filmen, die ich zugebe, NICHT zu kennen, wird mir das Ganze so peinlich, dass ich den Zwang unterdrücken muss, ICH KENNE ABER DIE BETTWURST! rauszuplatzen. Glücklicherweise kann ich mich aber noch so gerade eben beherrschen. Es vergeht in etwa eine weitere Stunde und während dieser ganzen Zeit sitzt sein stiller, schüchtern und (zu) freundlich lächelnder Co-Regisseur schweigend daneben. Obwohl er wirklich ununterbrochen lächelt – wie die Grinsekatze in „Alice im Wunderland“ – werde ich das Gefühl nicht los, dass er gequält wirkt. Von mir? Von der Situation? Von Lila? Ich weiß es nicht, wie ich auch insgesamt immer weniger verstehe, welchen Zweck dieses Treffen eigentlich hat. Sollte es nicht über Informationen zur Jugendtheaterarbeit am Heimathafen gehen? Natürlich ist diese Begegnung für mich unterhaltsam – ja, ist sie das eigentlich wirklich? – aber ich kann mir ja denken, dass Lila von Dornbusch noch anderes zu tun hat, als mir seine Biografie zu erzählen. Und als hätte er meine Gedanken gelesen, grinst er mich auch schon wieder auffordernd an mit den Worten: Aber jetzt noch mal zu dir, wie war denn das jetzt genau mit deinem Ausstieg? Du bist ja jetzt selbständig oder nicht? Und schwupp, befinde ich mich wieder in dieser gefühlten Verhör-Situation, charmant und gutgelaunt, aber deswegen nicht weniger verhörmäßig. Diesmal bin ich vorsichtiger, außerdem haben wir ja nicht ewig Zeit, ich beschränke mich also auf die eingeübte Kurzversion. Lila ist sichtlich unzufrieden. Er hatte sich wohl mehr Drama erhofft.  

Ich schaue auf mein leeres Rhabarber-Schorle-Glas und bedauere, dass man hier drinnen nicht rauchen darf. In diesem Moment wäre eine Zigarette irgendwie hilfreich gewesen. Vom still dauer-lächelnden Co-Regisseur empfange ich – wirklich? – irgendwie unsichtbare Zeichen, dass er es gähnend langweilig findet, aber Lila lächelt immer noch starr und unverdrossen. Dann steht er plötzlich auf und verabschiedet sich aufs Klo. Ich bleibe mit der Grinsekatze allein zurück. Wir unterhalten uns über das kalte November-Wetter. Der lächelnde Co-Regisseur wirkt, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Dann kommt Lila zurück und macht ein Gesicht, wie bei der Präsentation einer Geburtstagsüberraschung und während er spricht, setzen sich bei mir endlich die Puzzle-Teile zu einer vagen Erkenntnis zusammen: Dieses Gespräch war offenbar ein CASTING! Ausgerechnet! Wo schon das Wort CASTING bei mir einen 100-Prozent-Trotz auslöst, ich dann eigentlich den Raum schon verlassen habe, bevor es überhaupt los geht. Aber tatsächlich. Das war so eine Art Casting und jetzt geht es um eine Entscheidung. Ich will plötzlich nicht mehr hier sein, irgendetwas beunruhigt mich. Und gleichzeitig fühlt sich alles seltsam vertraut an. Eine Mischung aus einer mir sehr bekannten alten Vorfreude und Hoffnung und Aufregung und gleichzeitig ein inneres Frösteln. Es ist wie eine kalte Hand, die sich um mein Herz legt und zudrückt. Ich denke: Renn! Lauf weg! HAU AB… Aber da ist auch diese seltsame, aufgeregte Vorfreude und ich will unbedingt noch hören was Lila sagt…  – und er sagt folgendes: Kannst du dir vorstellen, Protagonistin in meinem neuen Film zu sein? Es geht um Menschen in Neukölln und ich glaube, es wäre interessant, dich zu begleiten. Wir würden deinen Alltag filmen, deine Arbeit und Interviews mit dir, deinen Kollegen und den Jugendlichen machen…Besonders die Theaterarbeit mit den Jugendlichen … Und die ganze Geschichte dazu, wie du aus der Schule raus bist und wie du jetzt mit den Künstler*innen in Neukölln ÜBERLEBST, wie ihr das auch finanziell auf die Beine stellt und so…

Und an dieser Stelle drängt sich meine Vorfreude und aufgeregte Hoffnung nach vorn, Scheiß auf das Skischulgefühl, scheiß auf diese seltsame Vertrautheit der ganzen Situation, die mich hätte warnen sollen. In mir stellt sich jetzt ganz groß und kerzengerade und strahlend die Vorfreude auf. Lila wird einen Film über uns machen. Wir werden berühmt. Wir werden gerettet. Meine Gedanken überschlagen sich, rennen freudig mit wehender Fahne zum Horizont, es ist zu spät. Ich sage JA, das könnte ich mir schon vorstellen.

Und die Falle schnappt zu.