Türwächter*innen der Freiheit Teil 2/ Kapitel 6: Wir sind nicht alle lila

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig. 

Berlin, März 2016. Lila ruft an. 

Du sag mal, Maike, ich brauch mal deinen Rat, – eine typische Lila Eröffnung, ich frage mich dann immer, ob er das ernst meint, halte es aber doch eher für eine Strategie gespielter Bescheidenheit. Egal. Ich frage:  Worum gehts denn?  und merke schnell: Lila ist aufgebracht. Er hatte offenbar ein Gespräch mit einer Frau, die ihn angegangen ist als “weißen alten Mann”  und Lila ist sauer.  Und dann sagt die, sie sei “Person of Colour”, was soll das denn heißen, die ist zwar Iranerin, aber die ist weiß! Was soll denn das? Also kannst du mir das mal erklären?,  und ich muss eigentlich lachen, verkneife es mir aber, weil Lila wirklich außer sich zu sein scheint. Ich versuche, es ihm möglichst liebevoll zu erklären. Aber es ist nicht ganz einfach, weil Lila zwischendurch immer wieder unterbricht und das Ganze scheinbar für irgendeinen “neumodischen Blödsinn” hält.  Ja aber was soll das denn?, regt er sich auf,  für mich sind alle Menschen gleich, ob lila, rosa, schwarz oder weiß – was sollen solche Beschriftungen, die machen doch nur neue Barrieren auf?   Ich finde die Situation so absurd, dass es mir schwerfällt, die Erklärbärin zu geben. Da soll ich jetzt dem berühmtesten Aktivisten der Schwulen-Szene erklären, warum der Satz „Für mich sind alle gleich“ aus einer privilegierten Perspektive gesprochen ist und existierende Ungleichheiten und Diskrimierung ignoriert. Bisschen absurd. Andererseits bringe ich es aber auch nicht fertig, einfach nur beschwichtigendes Gemurmel von mir zu geben. Also versuche ich Lila von Dornbusch zu erklären, dass er als weißer – und ja, auch als schwuler, weißer –  Mann privilegiert ist. Und logisch regt sich Lila jetzt nur weiter auf und erzählt mir ausladend von seinen Diskriminierungserfahrungen als schwuler Mann, insbesondere in den 70-er und 80-er Jahren. Von seinen zahlreichen Freunden, die an AIDS gestorben sind. Der blanke Horror. Ich fühle mit ihm. Es wird ein langes Telefonat. Nur habe ich am Ende nicht wirklich das Gefühl, dass Lila irgendeinen Rat braucht bzw. meine vorsichtigen Erklärungsversuche überhaupt zu ihm durchdringen. Er ist immer noch empört.  Ein paar Minuten nach unserem Telefonat erhalte ich von ihm folgende Nachricht:

was ist weiß und schwarz

wir sind alle lila

und haben gelbe Punkte nach dem Tod

nur die Herzen zählen

und um Mitternacht kommt eine grosse Fee

und lädt uns ein zum Tee

gruss lila

Ich muss lachen und denke:  Dieser Mensch hat vielleicht wirklich genug auf den Weg gebracht. Muss vielleicht mit 70 auch nicht mehr jeden Twist einer Emanzipationsbewegung kapieren, wenn er sie de facto ja selbst mit auf den Weg gebracht hat. 

Wenige Tage später poppt dasselbe Thema erneut auf. Ich sitze im Haus der Berliner Festspiele in der Jurysitzung für ein bundesweites Jugendtheater-Festival. Ich bin seit 8 Jahren in dieser Jury, auch wenn mir immer mal wieder Zweifel kommen, ob ich hier wirklich etwas bewirken kann. Nach welchen Kriterien urteilt eine Jury? Welche Perspektive nimmt sie ein und welche Konsequenzen hat das für die Auswahl? Andererseits sind es genau diese Zweifel, die mich so lange an der Jurytätigkeit festhalten lassen. Denn eine Jury entscheidet, was sichtbar wird. Und was derzeit sichtbar wird, ist überdimensional von der weißen, akademischen Perspektive geprägt. Es fehlen die Sichtweisen und Stimmen beispielsweise all der Jugendlichen, die ich in den letzten Jahren kennen gelernt habe.  Und das ist wenig überraschend: Alle Juror*innen sind weiß und akademisch gebildet. Was auch auf mich selbst zutrifft. Schon klar. Aber das heißt von außen betrachtet: Wir bilden nur einen ziemlich kleinen Ausschnitt an Perspektive ab. Die einen setzen sich eher für Theater in der Schule ein, die anderen mehr für die freie Szene, die einen mehr für den bildenden Aspekt, die anderen mehr für den künstlerischen, die einen wollen eher den vermittelnden Aspekt stärken, die anderen eher den selbst gestaltenden. Aber wie auch immer: Am Ende tummeln sich beim Festival im Haus der Berliner Festspiele auffällig viele Jugendliche, die weiß und “gymnasial” geprägt sind. Diejenigen, die in irgendeiner Weise davon abweichen, befinden sich in diesem Kontext zwangsläufig im Stress der Anpassung oder der Rebellion. Und sie werden aus der weißen, akademischen Perspektive heraus beurteilt und – weil dieser spezifischen weißen Gruppe an Leuten das „Lesegerät“ für Abweichendes fehlt – immer irgendwie defizitär wahrgenommen. Das Blöde daran ist: Diesen Mechanismus können nur diejenigen erkennen, die sich außerhalb dieser Perspektive befinden. Und DIE sind hier in der Minderheit – UND werden in allem, was sie tun, äußern oder zeigen – ja eben – defizitär gelesen. Heißt: Dass es diesen Mechanismus überhaupt gibt, wird gar nicht zur Kenntnis genommen. Und wenn jemand darauf hinweist, wird das von der Mehrheit als „Kampf um Aufmerksamkeit“ verstanden. Und auch wieder defizitär gelesen. Ein Teufelskreis. Seit ich diesen „Code in der Matrix“ lesen kann, rege ich mich darüber auf. 

Und jetzt einmal kurz durchpusten. Denn schon beim Gedanken daran rege ich mich jetzt – in dieser Sekunde – schon wieder auf. Warum? Könnte eine kluge Frage lauten. Sie ist doch selber weiß und akademisch. Will sie sich jetzt als “Retterin der Entrechteten” aufspielen? Vom gemütlichen Wohnzimmer-Sofa aus? Klar. Kann sein. Glaube ich aber nicht. Ist eher was Persönliches und hängt mit einem Schmerz aus der „Kindheitsstube“ (neue Wortschöpfung, ich weiß) zusammen. Einem kleinen Schmerz-Feuerball zwischen Bauch und Hals, der irgendwann in meinen Neuköllner Schulzeiten aktiviert wurde. Als ich anfing den Code lesen zu können und mir etwas Schmerzhaftes bewusst wurde. Ich versuche mal, es zu erklären:

Ich sitze im warmen Wohnzimmer. Ich weiß genau, was ich machen muss und machen KANN, damit ich hier „Punkte“ kriege. Zum Beispiel: Ich kann mir Schritt für Schritt Anerkennung erarbeiten, indem ich immer so tue, als ob die älteren männlichen Menschen in diesem Wohnzimmer, die einen höheren Rang haben als ich, super klug sind und alles durchschauen und recht haben. (Und an dieser Stelle meine ich übrigens NICHT die männlichen Türwächter*innen der Freiheit. Ich meine hier diejenigen, die sich noch immer witzig und cool finden mit der Sheriff-Attitüde und ich meine all diejenigen, die sich innerhalb von solchen Kontexten unterwerfen und so tun, als wüssten sie GAR NICHT, wovon ich rede). Ich kann diesen gehorsamen System-Soldaten*innen recht geben, mich immer ein bisschen kleiner machen, als ich bin und immer lächeln und dankbar sein, dass mich dieser große innere Anpassungsknicks “so weit gebracht” hat. Ich kann immer freundlich über schlechte Sheriff-Witze lachen. Ich kann mir den Ärger darüber, dass die Sheriffs meine Gedanken als ihre eigenen verkaufen, verkneifen. Ich kann mich still und bescheiden geben und denen immer ein gutes Gefühl geben, nämlich das Gefühl, dass sie überlegen sind und ich bewundernd zu ihnen aufschaue. Wenn die Sheriffs schlechte Laune haben, kann ich versuchen, sie aufzuheitern – auch, wenn mir selbst zum Heulen ist. Die “lachende blonde Frau” ist erwünscht, die kritisierende nicht. Ich kann meine eigenen Gefühle und Gedanken verstecken, weil ich schon weiß, dass wenn ich sie zeige, ich dann als schwierig bis “hammer-nervig” gelte. Dass ich dann insgesamt eine “Enttäuschung“ bin: Schade. 

Ich KANN genau die Schritte gehen, die die Sheriffs für „angemessen“ halten, damit ich irgendwann auf ihr Nicken hin einen kleinen Schritt weiter darf in Richtung Wohnzimmer-Kamin. Für dieses Ziel kann ich meine Hausaufgaben ordentlich machen. Zu allem zustimmend nicken. (Auch wenn’s der größte Blödsinn ist). Aber klar: Ich KANN alle Erwartungen erfüllen. (Andere werden bereits vor der Türschwelle zum Wohnzimmer aufgehalten). Ich aber KANN mich Schritt für Schritt um meinen eigenen Aufstieg im Wohnzimmer kümmern, mein gesamtes symbolisches und soziales Kapital für mein privates persönliches “Weiterkommen” in diesem Sheriff-System einsetzen, damit ich mir dann eines Tages einen eigenen Platz am Kamin leisten kann und nicht immer soviel über die ganzen Probleme in der Welt nachdenken muss. Ich kann ja meinen Müll trennen und mich gesund ernähren. Und Yoga machen. Und mich um meine nächsten Angehörigen und Freunde kümmern. Das wäre doch ein gutes Wohnzimmer-Leben. Und dann muss ich irgendwann auch wirklich nicht mehr über die anderen Zimmer im Haus nachdenken. Oder über die einzelnen Menschen, die in diesen Zimmern wohnen. Oder draußen schlafen müssen. Ich kann ja einem Patenkind in Afrika was spenden. Dann mach ich ja auch was Gutes. Das Wichtigste ist: Wenn ich so eine „angenehme Sheriff-Frau“ bin, die nicht so emotional und nicht so nervig kritisch ist und den anderen immer schön das Gefühl gibt, dass sie besser und klüger sind, dann kann ich mir einen guten und sicheren Platz im Wohnzimmer erarbeiten. – Mit einem hohlen schwarzen Loch in meinem Inneren. Alles fühlt sich dann gleich an und ist egal. Denn wer ich wirklich gewesen sein könnte, werde ich SO nie erfahren. Denn da, wo mein Selbstwert sein sollte, ist dann ein Fake-Selbstwert. Ein großes schwarzes Loch, das immer neue Bestätigung vom Sheriff-System braucht, damit der Schmerz des gähnenden Abgrunds nicht irgendwann unerträglich wird. 

Genau. Das wäre die eine Variante. Und die andere ist die bewusste Konfrontation mit dem Schmerzfeuerball. Der seit einigen Jahren jedes Mal zu brennen anfängt, wenn ich laut werde und sowas sage wie: Ich will… Ich kann… Ich bestehe drauf… Ich weiß es BESSER… Wenn ich das mache, kann ich übrigens – im Gegensatz zu vielen anderen – immer noch im Wohnzimmer bleiben. Aber keiner will dann mehr neben mir sitzen. Und dann wird es da ziemlich einsam und kalt und ich habe keinen eigenen Platz mehr und muss an der Tür schlafen und niemand schaut mich mehr an und niemand redet mehr mit mir. Denn so eine, die ständig auf das Problem hier im Wohnzimmer hinweist, will natürlich keine*r haben. Das würde nämlich an den Schmerzfeuerball der anderen rühren.

Ok, und deswegen suche ich dann lieber die Verbindung mit den Leuten aus den anderen Zimmern des Hauses. Nicht, weil ich die retten will, sondern weil DIE mich retten. Denn dort – in der Küche, im Keller und in der Garage – da sind die Leute, die den Unterwerfungs-Modus hinterfragen und die den Schmerz kennen, den das nach sich zieht und die sich trotzdem trauen, da voll mitten rein zu gehen. Die Leute nämlich, die beschlossen haben, liebevoll mit sich selbst umzugehen und die eigenen Bedürfnisse nicht länger zu ignorieren. Die gelernt haben, zu sagen ICH KANN… ICH WILL… ICH WERDE… Und die genau deswegen Kompetenz zur und Kapazitäten für die Liebe haben und sich deswegen in diesen schmerzhaften Prozessen gegenseitig die Hand reichen. Denn natürlich macht das Ganze nach außen “aua”, aber nach innen beginnt damit sowas wie ein Heilungsprozess. Und wenn die ganze Welt sowieso schon so scheiße ist, dann bin ich doch in diesen Zeiten lieber bei denen, die in Kontakt mit sich selber sind und Selbstfürsorge und Liebe können als bei denen, die sagen: „Schnauze, ich bin dein Vater!“ Ganz ehrlich jetzt…

Ja. Das ist das eine Argument. Und das andere ist: Mir erscheint es logischer, dass der Fortschritt eher aus DIESER Ecke kommt – und nicht durch den verinnerlichten Anpassungsknicks und die innere Leere im Wohnzimmer. 

Kommen wir zurück zum Problem mit der Jury. Die Jury war eben auch ein Wohnzimmer. Was mir anfangs nicht so klar war. Aber dann immer mehr. Ich dachte, ich könnte da Schritt für Schritt was bewirken, aber mit der Zeit kam mir zunehmend der Verdacht, dass ich eventuell nur so eine Art Alibi-Strohpuppe war, so nach dem Motto:  Schaut- wir HABEN ja jemanden, die immer „Diversität!“ und “Partizipation” ruft! Das reicht doch! Und wir unterstützen ja auch jedes Jahr ein, zwei „riskante“, sogenannte „fragile“ Gruppen.  An dem Wort “riskant” oder “fragil” hätte ich es merken können. Riskant oder fragil hieß nämlich: Eventuell irritierend bis verstörend für die – sich selbst natürlich als intellektuell führend wahrnehmende – Kartoffel-Gruppe. Dieses Risiko einzugehen, wurde in der Wohnzimmer-Jury als mutig bis waghalsig eingeschätzt. 

Was dann folgerichtig in verschiedenen Varianten über die Jahre passierte, war folgendes:

Jugendgruppe mit nicht-weißen und/oder akademisch gebildeten Hintergründen treten beim Festival auf. Beim Durchblättern des Programms sagen noch alle “Oh” und “Ah, wie cool”. Aber dann kommt die Vorstellung. Und krass: Die spielen jetzt NICHT alle Geige und zitieren Goethe und Schiller oder krass gegenwärtige Hipster-Autoren (männlich) und die Mädchen haben NICHT alle lange blonde Haare und weiße Nachthemdchen an und sehen NICHT aus, wie gerade für den neuen Jahrgang der Ernst-Busch-Schauspielschule gecastet… MAN! Und dann beziehen die sich einfach mal NICHT auf weiße Literatur, sondern erzählen “nur” von sich selber! Also DAS ist ja unterirdisch. Das ist ja gar kein richtiges Theater.

Das war in etwa das Problem. Und niemand hatte ein Lesegerät für andere Codes. 

Ich hockte also in der Jury und setzte mich gehorsam – also gemäß der Erwartung aller übrigen Mitglieder – für die sogenannten “fragilen” Produktionen ein, allerdings eben gehorsam, also – noch – nicht mit der Wirkkraft des Schmerzfeuerballs: Und so fühlte sich das Ganze letztendlich so an wie kleine, federleichte Tischtennisbälle gegen einen Betonwand zu kicken. Es wurden zwar – wie immer –  ein oder zwei dieser Gruppen zum Festival eingeladen, aber gleichwürdig war das eben nicht im Entferntesten. Die weiße Perspektive dominierte und auch meine eigene Rolle in diesem Setting bereitete mir zunehmend ein dumpfes Störgefühl. Irgendetwas war ganz und gar nicht stimmig. 

Und natürlich musste es – früher oder später – explodieren. 

Es explodierte im Frühling 2016. 

Lila ruft an:  Du sag mal, Maike, was ist da los mit dem Rassismus- Vorwurf am Haus der Berliner Festspiele? Kann ich da filmen?