Türwächter*innen der Freiheit Teil 2/ Kapitel 7: Fegefeuer der Eitelkeiten

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Triggerwarning: In diesem Kapitel beschreibe ich einen Konflikt, in dem es um Rassismus und verwandte Formen von Diskriminierung geht. Mein Anliegen ist es natürlich, mit den Türwächter*innen der Freiheit genau das Gegenteil zu initiieren: Rassismuskritische Reflexion und Austausch, Offenheit, Gleichwürdigkeit und ein gutes Gefühl mit Selbstverantwortung. Dennoch möchte ich dich vor diesem Kapitel warnen, da es negative Gefühle bei dir auslösen könnte.

Berlin 2016. Lila ruft an. Du sag mal, Maike, was ist denn da los mit dem Rassismus Vorwurf im Haus der Berliner Festspiele? Kann ich da filmen? 

Auf GAR keinen Fall! Bist du WAHNSINNIG? höre ich mich ins Handy SCHREI-EN. Ups. Ich drossel meine Stimme wieder etwas runter und ergänze in freundlicherem Ton:

Das geht GAR NICHT, Lila, ich kann verstehen, dass du immer auf der Suche nach Drama bist, aber in diesem Fall muss ich echt Veto machen, sorry… 

Und warum? Lila wirkt vergnügt. Ist doch ein spannendes Thema! 

Meine innere Panik beim Gedanken an Lila mit Filmteam im Garten der Berliner Festspiele ist leider nicht mit einem kurzen knackigen Satz zu erklären. Eher fühlt es sich so an, wie ein weitverzweigtes Spiegel-Labyrinth zu betreten – ohne Garantie, da wieder raus zu kommen. Die Lage von außen ist unübersichtlich: Ich befinde mich in einer komplett aus dem Ruder gelaufenen Situation und weiß nicht, was ich machen soll – kompletter Kontrollverlust. Und in einer solchen Situation verschärft Lila meine Befürchtungen. Ich vertraue ihm nicht. Trotz all seiner charmanten Freundlichkeit, ahne ich, dass er für eine „tolle Geschichte“ über Leichen gehen wird. Sprich: Auf niemanden Rücksicht nehmen wird. 

Und genau das kann ich im Moment nicht brauchen. Das diesjährige Theaterfestival für Jugendliche aus allen Bundesländern kommt mir nämlich gerade ein bisschen so vor wie der Luxusdampfer Titanic. Das Festival läuft in diesem Jahr gleich zu Beginn auf einen Eisberg auf, doch in der gegenwärtigen Lage laufen noch alle kopflos kreuz und quer über Deck ohne die Situation im Ganzen zu erfassen. Zumindest sieht es nach außen so aus. Und ich weiß nur, dass ich nicht einfach wegschleichen und das erste Rettungsboot nehmen kann – weil ich als Teil der Jury irgendwie an diesem „Unfall“ beteiligt bin. Alle sind anwesend, als der Dampfer am Eröffnungsabend auf Eis läuft, alle hören den Knall, aber alle denken noch so: 

Huch! Ach du Scheiße. Ja, aber ist ja nicht so schlimm. Wird schon wieder. Feiern wir doch erstmal weiter. Business as usual.

Aber in den darauffolgenden Tagen wird aus diesem „Machen-wir-doch-einfach-weiter!“ eher sowas wie das Titanic Orchester, das eben einfach weiterspielt, während der Riesentanker langsam im Meer versinkt. 

Ok, aber erstmal der Reihe nach.  

Am Eröffnungsabend  dieses bemerkenswerten Untergangs-Festivals sitze ich im großen Saal der Berliner Festspiele. Vorne in der dritten Reihe, Mitte. Auf meinem reservierten Juryplatz. Neben mir die anderen Juror*innen. Der ganze Saal ist rappelvoll. Dann beginnt das übliche klassische Musik-Stück, live vorgetragen von zwei weißen, akademisch-bürgerlich geprägten Gymnasial-Schülern im „weißes-Hemd-teure-dunkelblaue-Stoffhose-sorgfältig-verwuschelter Kurzhaarschnitt-Style“. Cello und Klavier. Ich fühle mich augenblicklich an zu Hause, an Glücksburg, erinnert. Dann folgen die Eröffnungsreden. Und schließlich die ausgewählten Theater-Gruppen selbst. Jede Spielgruppe stellt eine andere vor. Das ist Tradition seit Jahren. So muss sich jede Gruppe im Vorfeld bereits mit dem Theaterstück einer anderen Gruppe auseinandersetzen und zeigt am Eröffnungsabend dann ihre szenische Interpretation davon – in einer 5-Minuten-Kurzform. 

Die Präsentationen beginnen. Weil diese Eröffnungs-Zeremonie nicht so meine Sache ist, folge ich dem Ganzen nur mit halber Aufmerksamkeit und bin gedanklich schon mit dem Eröffnungsstück beschäftigt, das nach diesem offiziellen Teil folgen wird und das zum ersten Mal von einer nicht-weißen Gruppe übernommen wird. In den letzten Jahren ist dank Carola Schmidt, der Leiterin des Festivals, einiges in Bewegung gekommen. Und dass es inzwischen überhaupt möglich ist, dass eine sogenannte „fragile“ Gruppe den Eröffnungsabend bestreitet, ist ganz klar auch ihr zu verdanken. 

Andererseits ist dies – wenn mensch von der Perspektive der weißen älteren Oberstudienräte mal absieht – keineswegs eine „fragile“ Gruppe: Sie sind ganz im Gegenteil berühmt. Und zwar unter der selbst geschaffenen Marke „Postmigrantisches Theater“. Künstlerisch und politisch „high end“. Durchreflektiert. Innovativ. Kritisch und mutig. Bisschen BÄM. Nix von wegen „fragil“. War also quasi eine Art „Trick“: Die Jury kann mit diesem Eröffnungsstück auf Nummer sicher gehen und sich gleichzeitig als weltoffen und „pro diversity“ inszenieren. Also WIR konnten uns so inszenieren. Ähem. 

Ok. Ich sitze da also in der „Ehren-Reihe“ vorne und denke so: Wenn wir doch nur schon beim Eröffnungsstück wären… aber jetzt toben erstmal noch weiße, bürgerliche Jugendliche aus Bochum über die Bühne und machen – WHAT? – Affengeräusche und springen nun in den Zuschauerraum und verteilen – WHAT?- Bananen… 

Mir bricht der kalte Schweiß aus. Ich vergesse kurzzeitig zu atmen. Diese Bochumer Gruppe soll das Eröffnungsstück vorstellen: Das Postmigrantische Theater aus Kreuzberg. Ich starre auf das Geschehen und versuche irgendeine positive Erklärung zu finden, irgendwas, das diese Aktion bitte, bitte NICHT als rassistisch ausweist. Aber es gibt keine andere Lesart. Scheinbar wissen die Jugendlichen da auf der Bühne nicht, was sie tun. Oder? Und kaum, dass mein Schrecken zur Gewissheit wird, höre ich die Jugendlichen vom „Postmigrantischen Theater“ im Publikum aufheulen. Zwischenrufe. Einige stehen auf. Schreien in voller Lautstärke nach vorne. Ich wende den Kopf, eine Schwarze Spielerin verlässt jetzt laut protestierend den Saal, gefolgt von weiteren Jugendlichen derselben Gruppe. 

Die Spieler*innen auf der Bühne erstarren. Das Publikum wirkt wie versteinert. Aber in den folgenden Sekunden, die wie eine Ewigkeit erscheinen, passiert – nichts. Und die plötzliche Erkenntnis meiner Situation in diesem Augenblick an diesem Ort lässt mir die Kniee weich werden. Ich sitze hier, schön weit vorne auf den ausgestellten „Ehrenplätzen“ der Jury – als weiße Frau und Teil einer komplett weißen Jury, und habe also volle Kanne das, was hier gerade passiert, mit zu verantworten. 

Warum bleiben jetzt alle sitzen? Warum reagiert niemand? Reihenweise People of Colour verlassen jetzt den Saal. Aber warum bleiben WIR tatenlos sitzen? Warum bleibe ICH tatenlos sitzen? Ich denke: Los, beweg deinen Arsch! Raus hier! Du musst was tun! – Aber was?  Egal. Der Reflex diesen Saal zu verlassen wird übermächtig. Ich springe auf, bahne mir einen Weg entlang der hastig eingezogenen Beine. Entschuldigung. Entschuldigung. Entschuldigung. Aber eigentlich muss ich mich nicht hier bei den Sitzenden dafür entschuldigen, dass ich die Veranstaltung verlasse, sondern… Müssten wir uns nicht schnellstens von offizieller Seite entschuldigen für die öffentliche Demütigung, die hier gerade stattgefunden hat? 

Noch auf dem Weg nach draußen denke ich: Aber wenn wir das tun, wird es ein Riesen-Chaos geben, denn die meisten Menschen, die in diesem Haus versammelt sind, werden wahrscheinlich gar nicht einsehen bzw. überhaupt anerkennen, dass es eine solche Demütigung überhaupt gegeben hat. Im Geiste höre ich schon die Stimmen dazu:  Das war doch gar nicht so gemeint! Verstehen die denn gar keinen Spaß? Warum sind die denn so empfindlich? Wir sind doch nun wirklich alles andere als rassistisch! 

Es würde einige Zeit brauchen, eine gemeinsame Sprache hinzukriegen. Ohne eine solche würden sich wahrscheinlich zwei Lager kompromisslos gegenüberstehen und sich gegenseitig zerfetzen. Ich sehe es bereits vor mir und mir wird ganz schlecht. 

Inzwischen habe ich es nach draußen geschafft. Die gesamte Gruppe des Eröffnungsstücks samt Spielleiter*innen und Unterstützer*innen stehen in kleineren und größeren Runden auf der Wiese bei den Hollywoodschaukeln und diskutieren heftig. Einige Jugendliche weinen. Insgesamt machen alle einen verstörten Eindruck. Ich frage sie, wie es ihnen geht, entschuldige mich für die Situation und versuche heraus zu finden, was sie jetzt brauchen. Eine Weile hängen wir so rum, ich höre ihnen zu, schäme mich, versuche mich so gut es geht mit menschlicher Schadensbegrenzung. Eine Spielerin beschreibt ihren Stolz, zu diesem Festival eingeladen worden zu sein und ihren Schmerz, ausgerechnet hier in aller Öffentlichkeit auf großer Bühne auf ihre Hautfarbe reduziert und herabgewürdigt zu werden. Sie wirkt fassungslos. 

Dann steht der Leiter der Gruppe plötzlich direkt vor mir, seine Augen scheinen sich in meine zu bohren, als er fragt:  Die Eröffnungsfeier ist immer noch nicht von euch abgebrochen worden? Das läuft da drinnen jetzt weiter? Nach SO einem rassistischen Ausfall? 

Ich starre ihn an, weiß keine angemessene Antwort, denke nur so: Ja stimmt… ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich bin ja raus gegangen… aber darüber hinaus kann ich eine solche Entscheidung als einzelnes Jury-Mitglied ja auch gar nicht treffen. – Oder?  (Da haben wir ihn wieder, den kleinen eilfertigen Gehorsam… Wenn eine Aktion nicht erlaubt bzw. noch nicht ordnungsgemäß durch alle Gremien gegangen ist, dann darf ich natürlich nichts machen, selbst wenn vor meiner Nase Menschen entmenschlicht werden…- oder??)  

Der Mensch, der jetzt vor mir steht und den ich seit drei Jahren kenne, weil ich immer wieder die Theaterproduktionen des „Postmigrantischen Theaters“ besuche und empfehle, starrt mir feindselig in die Augen. Ich spüre den Impuls, kurz meine Hand auf seinen Arm zu legen und sowas zu sagen, wie  „Hey..! Ich bin`s. Ich bin an eurer Seite. Schau mal, ich bin doch hier draußen – bei euch. Es tut mir total leid, dass das passieren musste.“

Aber sein Blick hält mich davon ab. Und auch mein inneres Unbehagen. Denn es hätte eben NICHT passieren MÜSSEN. Und dazu hätte ich eventuell beitragen können, wenn ich meine Position in der Jury klarer vertreten hätte. Aber ich hatte eben nur Tischtennisbälle gekickt… Scheiße. 

Also nicke ich jetzt betreten und schuldbewusst zu den Ausführungen meines Gegenübers, der jetzt das Haus der Berliner Festspiele als durch und durch weiß dominierten Ort beschreibt und mir in einem atemlosen Staccato die gesamte Fehlentwicklung der deutschen Kultur-Institutionen zusammenfasst. Rassismus und überhebliche Ignoranz, wohin mensch blickt, und jetzt brechen wir noch nicht mal diese völlig unhaltbare Eröffnungsfeier ab. Als ich auch diesmal nichts weiter dazu zu sagen weiß, tritt er einen Schritt näher – zu nah – an mich heran und knallt mir sein Fazit vor die Füße: 

Diese Gruppe aus Bochum muss augenblicklich dieses Festival verlassen, die müssen ABREISEN. Noch heute. Anderenfalls verlassen WIR das Festival. 

Ich kann seine Wut verstehen, bin aber von dieser Forderung trotzdem komplett überfordert. Bevor wir sowas Drastisches machen, müssen wir doch erstmal mit denen reden,  sage ich leise, und fühle mich wie auf rohen Eiern. Jedes Wort könnte falsch sein. 

Mein Gegenüber behält seine Lautstärke bei:  Ach, jetzt sollen wir also auch noch Aufklärungsarbeit leisten? Mehr als die Hälfte meiner Gruppe ist traumatisiert und die sollen jetzt hier weiter in diesem Umfeld bleiben und auch noch ERKLÄREN, warum es ihnen schlecht geht? Es ist EURE Aufgabe, hier einen sicheren Ort zu gewährleisten! 

Das ist richtig,  denke ichaber Ausschluss, also quasi “Abschulen”, ist für mich ein rotes Tuch. Das wäre eine autoritäre Maßnahme und nichts anderes als die eine Demütigung mit einer weiteren Demütigung zu beantworten und damit die Gräben nur weiter aufzureißen. 

Dabei wäre ja eventuell genau diese Situation eine Chance für die Bochumer, ihre Perspektive zu erweitern und zukünftig rassismus-kritischer und reflektierter zu handeln. 

Ich meinte ja nicht, dass IHR die Aufklärungsarbeit machen sollt,  versuche ich es erneut,  das müssen WIR machen, schon klar. Aber dafür müsste die Gruppe hier sein. Wenn wir die jetzt ausschließen, werden die sich keinen Millimeter für eine neue Erkenntnis öffnen, sondern eher Wut entwickeln und sich als Opfer inszenieren. Dann übernehmen die ja gerade KEINE Verantwortung für das, was sie ausgelöst haben. 

Jetzt rastet er aus,  denke ich beim Anblick der Zornesröte, die meinem Gegenüber nun ins Gesicht schießt. 

Wieso geht es jetzt wieder nur um die Befindlichkeiten der Täter*innen?? MEINE Leute sind rassistisch diskriminiert worden! Aber DEREN Verletzungen spielen hier überhaupt keine Rolle! 

Ich will meinen Standpunkt erklären, doch er scheint genug zu haben von dieser Unterhaltung mit mir und wendet sich ab. Aber gleich im nächsten Moment – ich stehe noch immer reglos an derselben Stelle – dreht er sich noch mal um und zischt mich an: 

Die weißen Institutionen müssen brennen! 

Und damit wendet er sich endgültig zum Gehen. 

Ok. Das war also das. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. 

Die ganze Situation kommt mir vor wie eine Szene aus einem Theaterstück. Der Spielleiter in der Rolle des Aktivisten, ich selbst in der Rolle der weißen, privilegierten Frau – in einer weißen, privilegierten Jury. Er spricht gerade mit mir aus dieser Rolle heraus und nicht auf der vertrauten, persönlichen Ebene, die wir EIGENTLICH haben und das fühlt sich gespenstisch an. Fast wie aufgesagter Text. Und natürlich weiß ich, worum es geht – nämlich darum, hier in der Öffentlichkeit strukturellen Rassismus zu benennen, ein lautstarkes Zeichen zu setzen, um die Aufmerksamkeit auf ein dringliches politisches Thema zu lenken. Ob die Jugendlichen aus Bochum dadurch ihre Sichtweise erweitern werden oder insgesamt die ganzen jungen Spieler*innen hier eine Erkenntnis daraus ziehen oder eher Schaden nehmen, spielt dabei eine nachgeordnete Rolle. Und das stresst mich jetzt plötzlich. 

Klar. Diesen Vorfall zu nutzen, um auf politischer Ebene eine Wirkung zu erzielen, ist nachvollziehbar. Aber hat irgendjemand gerade die Jugendlichen im Blick? Hat das Ganze nicht gerade einen Touch des Autoritären: So nach dem Motto: Die müssen das jetzt eben auf die harte Tour begreifen! Und wenn sie´s in diesem Tempo nicht begreifen, egal. Nach mir die Sintflut? 

Der Impuls, meinem eigentlichen „Freund“ nachzulaufen, ihn zu “schütteln, bis er wieder normal ist“ und mit ihm gemeinsam eine Lösung im Sinne der Jugendlichen und unserer eigentlichen Aufgabe hier zu finden, wird übermächtig. Doch ich ahne, dass ich mit einem “Wir” gerade nicht durchkommen werde und es ihm weniger um eine gemeinsame Lösung als um die inszenierte Öffentlichkeit geht, in der wir – nun ja – Gegner*innen sind, sein müssen. 

Also stapfe ich unverrichteter Dinge zurück ins Festspielhaus auf der Suche nach Carola, um mit ihr zu beraten, was zu tun ist. Wie wir die Jugendlichen möglichst schnell in eine selbstbestimmte, reflektierte Position bringen können. Denn was mich am meisten stresst, ist gerade das Gefühl, dass hier nicht alle über dieselben Informationen verfügen und Missverständnisse und weitere Verletzungen vorprogrammiert sind. Doch als ich Carola endlich im Foyer entdecke, umringt von aufgebracht durcheinander schreienden Menschen, wird mir klar, dass ein ruhiges Gespräch unter vier Augen jetzt das letzte ist, was auf ihrer Agenda steht. Ihr Gesicht ist leicht grünlich bis grau, sie wirkt erstarrt. Offenbar hat sich die Eröffnungsfeier inzwischen verselbständigt und sich in komplettem Chaos aufgelöst. 

Ich halte Ausschau nach der Bochumer Gruppe und finde sie schließlich im oberen Foyer auf Sitzsäcken verteilt, still und feindlich vor sich hinstarrend. Ihr Spielleiter ereifert sich derweil erwartungsgemäß unten im Foyer. Auch er ist bereits in das größere „Theaterstück“ eingestiegen. 

Die Bochumer Jugendlichen wirken ein wenig wie eine Reisegruppe in einem Flughafenterminal – wie bestellt und nicht abgeholt. Ich lasse mich in einen leeren Sitzsack fallen, versuche ein Lächeln und frage: Wie gehts euch denn?

Schweigen.

Dann plötzlich richtet sich ein blonder schlacksiger Teenager in seinem Sitzsack auf und funkelt mich böse an: Wir sind jetzt die bösen Nazis! Dabei haben wir gar nix gegen Ausländer! Null! Wir wollten niemanden beleidigen! Jetzt werden wir hier voll an den Pranger gestellt! 

Ich nutze die Gelegenheit, dass niemand mithört und – tröste, beschwichtige. Erstmal.

Niemand hält euch für Nazisdarum geht’s gar nicht, sage ich, nachdem ich sie zehn Minuten lang ihren Frust habe raus kotzen lassen. 

Es geht um was anderes. Stellt euch mal vor, ihr seid auf einer Party, die euch echt wichtig ist, und ihr stellt fest, dass ihr leider irgendwie „falsch seid“. Ihr fühlt euch irgendwie „uncool“, wisst aber nicht, warum. Die anderen gucken komisch und ihr fragt euch: Hab ich die falschen Klamotten an? Seh ich seltsam aus? Rede ich zu viel? Zu wenig? Stimmt was mit meinem Style nicht? Warum fühle ich mich unsicher und falsch und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll? Und ihr werdet immer unsicherer, weil die anderen auf der Party zwar vielleicht sogar freundlich sind, aber freundlich auf die falsche Art. So wie man freundlich ist zu jemandem, den man ein bisschen bemitleidet. Und es sind auch nicht alle freundlich. Manche ignorieren euch und machen Bemerkungen. Es fühlt sich so an, als würde über dich gelästert. Und diese ganze Situation führt dazu, dass du dich nicht traust, so zu sein, wie du eigentlich bist. Stattdessen versuchst du, heraus zu finden, wie du sein sollst, damit diese Unsicherheit aufhört. Aber dadurch wirst du natürlich noch unsicherer. Könnt ihr euch das vorstellen?

Es ist leider ein unzulässiger Vergleich. Dennoch fällt mir für den Start erstmal nichts Passenderes ein und an der Reaktion einiger Mädchen erkenne ich mit Erleichterung, dass mein Beispiel immerhin rein geht. Und auch die anderen können mir offenbar folgen. Sie nicken. Sie bleiben dran.  

Wir reden über andere Situationen, in denen wir uns unsicher fühlen, weil wir die Codes nicht kennen und uns fremd fühlen. In denen wir uns nicht trauen, authentisch und offen zu reden, aus Angst, abgelehnt oder lächerlich gemacht zu werden. Irgendwann ist dann der Zeitpunkt, an dem ich vorsichtig anfangen kann, über strukturellen Rassismus zu reden, ohne, dass sie sich gleich angegriffen fühlen und aus dem Anzug hüpfen. 

Das Ding ist jetzt einfach nur,  taste ich mich vorsichtig voran, dass ihr diejenigen auf der Party seid, die sich sicher fühlen. Ihr habt quasi Heimspiel. Auch, wenn ihr euch das nicht ausgesucht habt. Aber weiß zu sein, bedeutet einen Vorteil zu haben. Von Anfang an. Und das hat Auswirkungen. Das geht schon sehr weit zurück… 

Ich lasse eine kleine „Geschichtsstunde“ folgen und bete innerlich, dass es nicht zu belehrend klingt. Rassismus. Kolonialismus. Wer sich auf welche Weise in der Welt bereichert hat – und auf wessen Kosten. Warum wir im Wohnzimmer sitzen. Und warum der Blick von dort aus nicht ausreicht. Und das Schöne ist: Diese jungen Menschen, die da vor mir sitzen, sind eben nicht blöd. Sie hatten es nur noch nie aus dieser Perspektive gesehen. Einige wirken ehrlich überrascht. Und beschämt.  Warum lernt man sowas nicht in der Schule?  fragt eine Spielerin. Tja. Gute Frage. 

Am Ende bin ich erschöpft, aber einen Hauch zuversichtlicher. Die Spieler*innen hieven sich nach und nach aus ihren Sitzsäcken und machen sich auf den Weg nach unten – auf der Suche nach ihren Berliner Kollegen*innen, die sie mit ihrer Vorstellung heute verletzt haben. Wir können ja mal mit denen reden. Uns entschuldigen… und fragen, wie es denen geht… Das ist jetzt offenbar der Plan. Ich werfe ihnen zum Abschied Kusshände zu. Der blonde Schlacks grinst schief und macht ein Victory Zeichen. Ich denke: Ok, geht vielleicht doch noch in eine richtige Richtung und lasse mich zurück in einen Sitzsack plumpsen. Puha. Eigentlich habe ich jetzt Lust, nach Hause zu fahren und zu schlafen. Stattdessen raffe ich mich auf und gehe wieder nach unten, vorbei an den diskutierenden Grüppchen, erstmal zur Damentoilette, bisschen kaltes Wasser ins Gesicht klatschen. Offenbar bin ich nicht die einzige mit dieser Idee. Neben mir am Waschbecken steht eine Spielerin der Kreuzberger Gruppe und rubbelt sich ebenfalls das Gesicht mit viel kaltem Wasser. Als sie hochschaut, treffen sich unsere Blicke im Spiegel. Sie sieht verheult aus. Ich versuche den Hauch eines vorsichtigen Lächelns, und sie lächelt zurück, grabscht sich ein paar Papiertücher aus der Halterung und schneuzt sich die Nase, es klingt wie ein tiefer Seufzer. 

Das ist alles so eine Scheiße,  sagt sie,  ich weiß nicht, ob das hier überhaupt jemand versteht, aber wenn ich diesen Spielleiter aus Bochum sehe, dann fühle ich mich ganz beschissen, ganz klein, ganz doof. Der nimmt uns überhaupt nicht ernst. Der tut so, als ob wir uns hier jetzt aufspielen. Der weiß gar nicht, wie wir uns fühlen, weil der sich selber noch nie so gefühlt hat,  sie hält kurz inne und wirft mir einen kurzen Blick zu, so als wollte sie mich abchecken, dann lacht sie bitter und sagt:  Das ist so ein Arschloch! 

Mir tut das so leid., sage ich etwas hilflos, hat der noch mal was zu euch gesagt?

Nee, der redet ja nicht direkt mit uns, der redet nur ÜBER uns. Aber so laut, dass alle es mitkriegen. Der redet und redet und hört nie zu. Ich weiß gar nicht, ob der überhaupt davon ausgeht, dass ich auch denken kann! Der schaut mir auf den Arsch und behandelt mich ansonsten, als wäre ich seine Putzfrau, sorry, aber der checkt gar nicht, worum es geht. 

Sie schaut mich an und ihr Gesicht bricht zusammen. Sie schluchzt. Ich trete einen kleinen Schritt auf sie zu, warte, weiß nicht, was ich tun kann. Und habe sie plötzlich im Arm. Scheinbar ist es ok. Ich warte, bis das Schluchzen aufhört. Dann lacht sie plötzlich, löst sich aus meinen Armen, zieht ein weiteres Tuch aus dem Plastikhalter und sagt:  Ich bin übrigens Amissah, hi…. Ich stelle mich ebenfalls nochmal vor – auch wenn sie natürlich, weiß, wer ich bin, allerdings nicht auf dieser Ebene, nicht auf der „Zwei-Frauen-quatschen-auf-der-Damen-Toilette-Ebene“.  Weißt du, wir machen das ja noch gar nicht so lange,  erklärt sie mir jetzt,  also dass wir überhaupt den Mund aufmachen und das versuchen in Worte zu fassen – Rassismus zu benennen und wie es uns geht. Das ist ja auch gar nicht so einfach. Ich hab immer Herzrasen und fühle mich total bescheuert. Und so jemand wie dieser Spielleiter aus Bochum, der macht es fast unmöglich. Mein Hals ist immer ganz eng, wenn ich den reden höre. Und ich kann dann gar keinen klaren Gedanken fassen. Und das ist so absurd. Denn wenn der so redet, dann denke ich: Also dümmer als der bin ich ja auch nicht… Sie hält inne und schaut mich plötzlich erschrocken an:  Also das klingt jetzt doof, ich meine nur…  Jetzt muss ich lachen,  Nee, nee, Amissah, du hast ja vollkommen recht!  Sie zuckt mit den Schultern:  Ja, aber warum ist das so schwierig? Jetzt, wo ich das anfange zu sehen und auch darüber rede, werde ich manchmal so sauer! Dass so viele Weiße einfach nicht VERSTEHEN, wie krass das ist! Und dann muss ich das auch noch erklären! So, als müsste ich mich rechtfertigen. Und so einer wie dieser Typ aus Bochum, der guckt dann so, als wäre ich peinlich, also nicht ernst zu nehmen, weil zu emotional und so… Amissah pustet laut Luft aus, ja, wenn der wenigstens weg wäre, dann wäre es hier schon einfacher… aber ihr könnt den nicht raus schmeißen, oder?  Ich schüttel den Kopf, nee, ich weiß nicht, ich glaube, das wird schwierig, aber ich verstehe total, was du meinst, und vielleicht wäre es richtig, ich muss da noch mal drüber nachdenken. Ich komme mir vor wie ein Waschlappen. Unentschlossen und feige. Aber wieder denke ich:  Wer bin ich als einzelnes Jury-Mitglied, so etwas anzustoßen und was für Konsequenzen hätte das? 

Amissah wendet sich jetzt zum Gehen.  Also ich muss dann mal – meine Gruppe wartet, wir haben jetzt noch ne Besprechung… Man sieht sich!  – sie lächelt kurz und schiebt hinterher –  und danke… hat gut getan!  – Ich danke DIR! sage ich,  man sieht sich…

Ich werfe noch einen kurzen Blick in den Spiegel, atme tief durch und trete dann raus ins Foyer. Raus auf die stressige Erwachsenen-Bühne. Rein in meine Jury-Rolle. 

Am nächsten Morgen beim ersten Kaffee auf der Festspielwiese sitzen innerhalb kürzester Zeit zehn Jugendliche neben und vor mir auf den Bierbänken. Gemischt aus beiden Gruppen: Aus Bochum – aus Berlin. Strahlende Gesichter. Wir haben die ganze Nacht geredet, erzählt mir eine Spielerin aus Bochum,  und nachher zusammen gefeiert.  Der Schlacks lacht:  Ist sogar ein Pärchen entstanden – Berlin-Bochum!  Die anderen nicken grinsend. 

Als ich mir einige Zeit später den dritten Kaffee hole, rennen die Gruppen Berlin-Bochum gemeinsam in großer Runde um die Tischtennis-Platte. Es wird gespielt und dann wieder geredet und dann wieder gespielt. 

Im Laufe des Tages gehen die Gespräche weiter. Eine Kollegin aus der Jury hat sich ebenfalls eingeschaltet, übernimmt Vermittlungsarbeit und Geschichtsunterricht. Kleine diskutierende Gruppen hier, kleine diskutierende Gruppen dort. Die Spielgruppen scheinen zunehmend entspannt. Fast ausgelassen. 

Was man von den Erwachsenen nicht sagen kann. 

Der Spielleiter aus Bochum beschwert sich lautstark über die befindliche  „Identitätspolitik“ der durchgeknallten Großstädter  und was  hier überhaupt für ein Wind gemacht wird um rein „gar nüscht“  und darüber, dass jetzt diese beiden hysterischen Weiber aus der Jury auch noch völlig durchgedreht über den Platz laufen müssen und mit ihrer Wichtigtuerei die armen Schüler völlig wuschig machenHaben die sonst nix zu tun? Die sollen sich mal locker machen und ihr Gehirn wieder einschalten. Aber das ist ja ohnehin das Problem bei diesem Festival: Dass die Weiber hier alles dominieren. Ich bin hier mit meiner Gruppe als Preisträger gekommen und werde als Rassist und Nazi beschimpft – und dafür erwarte ich gefälligst eine öffentliche Entschuldigung! So lamentiert der Spielleiter aus Bochum in Dauerschleife – während mein „Die-weißen-Institutionen-müssen-brennen-Freund-Spielleiter“ weiterhin auf der Abreise der Bochumer Gruppe beharrt und ebenfalls eine öffentliche Entschuldigung plus Aufklärungs-Veranstaltung fordert. Mehrere Gesprächsversuche sowohl mit Spielleiter Bochum als auch mit Spielleiter Berlin scheitern kläglich. Und so wiederholen sich die Positionen in Dauerschleife und werden zunehmend schriller und aggressiver… 

Spielleiter Bochum:  Mir ist dieses ganze Festival zu weiblich, hier müsste mal ein richtiger Kerl auf den Putz hauen und ein Machtwort sprechen. Stattdessen laufen hier diese hysterischen Weiber und Möchtegern-Aktivisten rum, machen aus einer Mücke einen Elefanten und diffamieren unsere Schüler und unsere Arbeit! Das ist ein Skandal, dass die sich nicht in aller Form bei uns entschuldigen.

Spielleiter Berlin: So lange dieser Pegida-nahe Typ hier rumrennt, sind meine Spieler*innen in einer dauerhaft traumatischen Situation, wenn die Bochumer schon nicht des Festivals verwiesen werden, fordere ich, dass die sich in aller Öffentlichkeit entschuldigen. Das ist ja wohl das Mindeste. 

Hinter den beiden Spielleitern haben sich inzwischen längst große aufgebrachte Lager gebildet. Die ganze Festival-Wiese ist voller Erwachsener, die sich in ihren jeweiligen Gruppierungen in Rage reden. 

Und dies ist die Situation, die Lila filmen will. 

Halt mir den bloß vom Leib,  sagt Carola in der einzigen Minute, die ich während dieses Festivals mit ihr sprechen kann. Sie scheint nur in einer Art Dauer-Trance über den Platz zu laufen, der sich mit immer weiteren Erwachsenen füllt, die sich über „den Vorfall“ erregen.  

Ich habe hier schon ein absolutes Presse-Verbot ausgesprochen,  erklärt sie mir, während wir kurz gemeinsam vor der zischenden Kaffeemaschine stehen und auf die sich füllenden Tassen warten.  Das ist hier sowieso schon völlig aus dem Ruder geraten, wenn jetzt auch noch Presse und verrückte Filmer dazukommen, drehe ich durch. Das ist absolut schädlich für den Ruf dieses Festivals und die ganze Arbeit, die dahintersteckt. Wir müssen hier jetzt erstmal Ruhe reinbringen. Morgen gibt es eine öffentliche Veranstaltung im oberen Foyer, wo ein Mediator sprechen wird. Person of colour. Ein sehr reflektierter Mensch. Ganz viel Erfahrung auf diesem Gebiet. Der kriegt das hier vielleicht wieder ins Lot.  

Mit diesen Worten eilt sie mit ihrer Kaffeetasse zur nächsten Krisensitzung. Ich denke: Hoffentlich kann der vermittelnd sprechen. 

Ich rufe Lila an und erkläre ihm noch einmal eindrücklich meine Situation.  Tut mir leid, aber du kannst da wirklich nicht filmen, Lila. Gibt keine Genehmigung und würde der Sache, den Menschen und der ganzen Arbeit nur schaden. Ich hoffe, du kannst das respektieren… 

Lila gibt den verständnisvollen Großpapa,  natürlich, Maike, mach dir keine Sorgen, das verstehe ich natürlich. Schade ist es, aber natürlich respektiere ich deinen Wunsch. 

Wir reden noch ein wenig über dies und das. Und dann ein herzlichster Abschied, Lila wünscht mir viel Erfolg und gute Nerven und ich lege auf. 

Die Aufklärungs-Veranstaltung im oberen Foyer am darauffolgenden Tag beginnt hoffnungsvoll. Ich bin überrascht über die Anzahl der Gäste. Es ist brechend voll. Bis auf den letzten Stuhl alles besetzt, an den Wänden rund herum stehen dicht gedrängt die Leute. Viele habe ich noch nie gesehen. Sie sind ganz offensichtlich nicht Teilnehmende des Festivals, sondern interessierte Menschen von „außerhalb“. Die Stimmung ist angespannt. Jetzt tritt der Mediator ans Redner-Pult, beginnt zu sprechen. Klug, besonnen, ruhig. Kann klappen, denke ich. Im Publikum nehme ich allerdings Unruhe wahr. Die Leute rutschen auf ihren Stühlen herum, tuscheln, irgendwas ist im Gange. 

Nach den einführenden Worten eröffnet der Mediator das gemeinsame Gespräch. Die ersten Wortbeiträge kommen von den Jugendlichen. Die Bochumer schildern ihre Erkenntnisse der letzten Tage, ihren Schock am Eröffnungsabend, aber auch ihre neuen Einsichten. Fast jeder Wortbeitrag endet mit den Worten „Es tut mir so leid“. Die angesprochenen Jugendlichen aus Berlin antworten entsprechend entgegenkommend, vermittelnd. Auch sie beschreiben ihren Schock und ihre Trauer, aber eben auch die heilenden Erfahrungen der gemeinsamen Gespräche in den letzten Tagen. 

Als das Gespräch kurz vor einer allgemeinen Versöhnung zu sein scheint, reißt hinter mir der Spielleiter aus Bochum seinen Arm hoch und fängt sofort an zu sprechen, ohne aufgefordert worden zu sein. Ich sinke innerlich in meinem Stuhl zusammen. Unnötig zu sagen, WAS er vorträgt. Es ist dieselbe Litanei, wie in den gesamten Tagen zuvor. Und sie endet mit der fast gebrüllten Forderung, dass er eine öffentliche Entschuldigung erwarte. Der gesamte Raum verändert sich schlagartig. Als hätte jemand ein Streichholz ins Benzin geworfen. 

Augenblicklich sind alle versammelten Aktivist*innen im Saal auf 180. Die Wortbeiträge fliegen wie scharfe Messer durch den Raum. Die Jugendlichen verstummen, die Erwachsenen haben das Heft übernommen und innerhalb von Sekunden ist das Ganze eine Schlacht. Ich sitze wie gelähmt auf meinem Stuhl und höre, wie sich die Feindseligkeit von einem Wortbeitrag zum nächsten immer giftigere Bahnen bricht. Der Mediator, der anfangs noch versucht zu beschwichtigen, wird zunehmend ignoriert. Und dann stehen hinten die Leute auf und skandieren: Bochum muss sich entschuldigen. Bochum muss sich entschuldigen. Steht auf und entschuldigt euch!

Die Jugendlichen aus Bochum, die in der Mitte des Raumes in einer Reihe nebeneinander sitzen, erheben sich langsam. Als alle stehen, wird es endlich ruhig im Raum. Totenstill eher. Eine Spielerin sagt leise: Es tut mir leid. Entschuldigung, und wirft einen unsicheren Blick in die Runde. 

Wie bitte??  kommt eine Stimme von hinten,  ich kann dich nicht hören! 

Die Spielerin wendet sich um, senkt den Kopf, wiederholt: Entschuldigung. Es tut mir total leid. Es war nicht so gemeint. 

Es war nicht so gemeint? Es ist aber anders angekommen! 

Ich versuche zu ergründen, wer da redet. War dieser Mensch überhaupt am Eröffnungsabend anwesend? Es erscheint mir nicht so. Doch jetzt schalten sich weitere Stimmen von hinten ein:  Ihr müsst euch ALLE entschuldigen! Sie kann ja nur für sich selber sprechen! 

Ja, genau: Alle müssen sich entschuldigen! 

Die Spieler*innen aus Bochum stehen mit gesenkten Köpfen in Reihe in der Mitte des Raumes und stammeln jetzt nacheinander Entschuldigung, während immer wieder Zwischenrufe von hinten kommen: 

Was? Ich kann euch nicht hören! Lauter bitte! Und was genau tut euch denn leid? 

Die sich ausbreitende Häme im Raum ist buchstäblich mit Händen zu greifen. Einige Jugendliche aus der Berliner Gruppe stehen jetzt auf und rufen: Es reicht. Es reicht! Hört auf!  

Aber das Publikum ist in Aufruhr. Die Zwischenrufe der Jugendlichen gehen unter im allgemeinen Geschrei. Die Spieler*innen aus Bochum rufen wieder und wieder „Entschuldigung! Entschuldigung!“. Dann brechen die ersten unter ihnen in Tränen aus. Ebenso einige Berliner Spielerinnen. Aber es kümmert keinen. Das große Theater im Saal tobt ungerührt weiter. Die weißen Institutionen müssen brennen! Oder: Man darf ja hier gar nichts mehr sagen, dann ist man gleich ein Nazi! Das ist ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit und der Tod der Kunst! 

Auch mir kommen jetzt die Tränen. Der Schmerz bildet einen kleinen harten Ball in meinem Magen. Ich starre auf die Stuhlbeine vor mir und verzweifle still vor mich hin. 

Noch in der Nacht schreibe ich eine lange mail, in der ich meinen Rücktritt aus der Jury erkläre. Ich bin gescheitert. Und wieder einmal weiß ich: Scham ist schlimmer als Trauer. Scham ist die Hölle. In den Morgenstunden klicke ich auf „Senden“. Die mail ist abgeschickt. Ich denke: Das war`s. Aber das war`s noch nicht. Am Nachmittag blinkt mein Handy. Carola Schmidt. Ich gehe ran. Ist das ihre Stimme?, denke ich. Dann wird mir klar: Sie ist außer sich. Eiskalt. 

Maike, das ist jetzt echt nicht dein Ernst. Ich hatte dir vertraut. Ist das jetzt deine große Abgangs-Inszenierung? Aus der Jury austreten und mir dann Lila von Dornbusch auf den Hals hetzen? Der steht hier gerade mit seinem Filmteam auf der Wiese und interviewt ungefragt die Leute. Und der Spielleiter aus Bochum redet seit ner halben Stunde in seine Kamera, der scheint es ganz besonders zu genießen. Ich fasse es nicht. Wenn du den nicht augenblicklich zurückpfeifst, rede ich kein Wort mehr mit dir. 

Klick. Sie hat mich weggedrückt. 

Ich habe Herzrasen. Starre auf den Display. Springe auf. Renne in der Wohnung auf und ab. Heule ein bisschen. Atme tief ein und aus. Und dann. Scrolle ich durch mein Adressbuch. Und klicke auf Lila von Dornbusch.