Türwächter*innen der Freiheit Teil 2/ Kapitel 8: Nicht der Taher ist verkehrt, sondern die Situation, in der er lebt

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Lila geht nicht ran. Klar. Er steht ja auch gerade auf dem Rasen vorm Haus der Berliner Festspiele und filmt, was der Spielleiter aus Bochum zu sagen hat. Wahrscheinlich sind sich die beiden gerade einig, dass „wir alle lila sind“ und „verstehen die ganze Aufregung der People of Colour“ nicht. Ich werde von Minute zu Minute wütender. 20 Minuten später versuche ich es noch einmal. Diesmal geht Lila ran und flötet ins Telefon: 

Maike! Wie geht’s dir? Ich habe gerade erfahren, dass du aus der Jury ausgetreten bist! Warum das denn? Ich habe gerade mit einem Theaterpädagogen aus Bochum gesprochen, sehr spannend, der hat mir erzählt, dass diese Rassismus-Geschichte hier in so eine Art „stalinistischen Schauprozess“ ausgeartet ist, hat das mit deinem Austritt zu tun…ich muss unbedingt…

Ich unterbreche Lilas Redeschwall und benötige meine gesammelte Kraft, um nicht wieder zu schreien. 

Merkst du eigentlich noch was, Lila? Ich bin mega sauer. Ich glaube wirklich, du bist nicht ganz dicht. Ich hatte dir gesagt, dass du da nicht filmen kannst. 

Lila unterbricht in seinem üblichen, freundlich-pseudo-überraschten „Was-hast-du-denn-jetzt-für-ein-Problem-Tonfall“, der mich vollends auf die Palme bringt:  Ja, Maike, ich wusste ja nicht, dass du heute gar nicht hier bist, ich wollte hier nur ein paar Stimmen einfangen, das ist ja spannend alles und deine Meinung dazu hätte ich dann natürlich auch noch gerne, wir können ja Montag einen Dreh im Heimathafen… 

Lila, ich KOTZE gleich! Ich mach überhaupt GAR KEINEN Dreh mehr mit dir, darauf kannst du dich verlassen, du bist komplett neben der Kappe, kannst du jetzt mal EINMAL zuhören?? Wir hatten eine ABMACHUNG! Wie soll das mit diesem Filmprojekt weiter gehen, wenn ich dir NULL vertrauen kann? Ich habe die Verantwortung dafür, dass meine Leute durch deine Arbeit nicht beschädigt werden und dir ist das scheinbar alles völlig Wumpe! Wenn ich dir nicht vertrauen kann, muss ich die Zusammenarbeit mit dir abbrechen. So siehts aus. Arschloch.  (Ich kann nicht fassen, dass ich das gesagt habe. Mein Herz pumpt). 

Jetzt ist Schweigen am anderen Ende. Ich bin kurzatmig, mein Hals ist ganz eng, ich versuche  mit aller Kraft, tief und gleichmäßig zu atmen, lausche ins Handy und frage mich, ob ich auflegen soll. Dann wäre auch dieses Projekt vielleicht einfach – zack – gestorben und ich könnte wieder ruhig schlafen. Vielleicht nicht die schlechteste Option. Aber dann kommt Lilas Antwort, sein Ton hat sich verändert, er spricht leise, ist aber offensichtlich RICHTIG sauer:  Das konnte ich doch nicht wissen, dass du dich so aufregst, was soll ich denn jetzt deiner Meinung nach machen?

Ich ergreife die Gelegenheit und nehme ihn beim Wort:  Das kann ich dir genau sagen,  antworte ich in ebenso kühlem Tonfall,  du schreibst jetzt sofort eine e-mail an Carola Schmidt, in der du dich offiziell verpflichtest, die Filmaufnahmen, die du heute gemacht hast, NICHT zu verwenden. Die schickst du jetzt gleich ab. Und in dieser mail setzt du mich cc. 

Wieder Schweigen. Dann Lila:  Und was heißt DAS denn jetzt? CC?

Oh man, Lila! Ich meine einfach nur, dass du diese mail auch an mich schickst, damit ich quasi Zeugin bin. 

Was soll denn das heißen cc? Was heißt cc?, rastet Lila am anderen Ende jetzt aus und ich kann gerade nicht fassen, dass ich in dieser Situation jetzt erstmal erklären soll, was cc beim e-mail-Schreiben bedeutet, stellt er sich jetzt dumm, oder was? Oder lenkt er ab? 

Ich weiß nicht, ob du mich jetzt verarschen willst, Lila, aber ich rede von der unteren Adress-Zeile in einer e-mail. 

Lila brüllt zurück: Welche untere Adresszeile? Bei mir ist keine untere Adress-Zeile! Und was soll ich denn schreiben? Dann diktier mir das doch mal! 

Und so kommt es, dass ich – obwohl ich ihm gerade einfach nur in die Fresse hauen möchte – geduldig erkläre, wie er das cc-Adress-Feld findet, um ihm dann mit aller verbleibenden Geduld wortwörtlich den Text zu diktieren.  Sehr geehrte Frau Schmidt, hiermit versichere ich Ihnen, dass ich die heute getätigten Filmaufnahmen… bla bla bla…  Und wie ein kleiner Junge wiederholt Lila am anderen Ende langsam jedes Wort, während er offenbar mitschreibt und zwischendurch immer wieder fragt: 

Wie? Warte mal, was hast du du gesagt…? Dann wieder Schweigen, während das leise Krakeln des Stifts zu hören ist und er brav sein Diktat zu Papier bringt. Als wir endlich fertig sind, sagt Lila:  Also wenn du das für dein Vertrauen in unsere weitere Zusammenarbeit brauchst, dann mach ich das, dann schick ich denen die mail, aber das ist wirklich sehr schade, das sind ganz spannende Aufnahmen… 

Ich habe das Gefühl, keine weitere Sekunde mehr zuhören zu können und unterbreche ihn mit dem letzten Rest verbleibender Geduld:  Ja, versteh ich alles – aber geht leider gar nicht sorry. Wenn du das nicht zurücknimmst, ist unsere Zusammenarbeit beendet. Ciao. 

Und bevor ich noch irgendetwas verwässern oder zurücknehmen kann, lege ich auf, schalte das Handy aus, werfe mich auf mein Bett und drücke mir ein Kissen aufs Gesicht, damit die Nachbarn mein Schreien nicht hören. 

Tatsächlich versendet Lila die mail und ich versuche die Sache ad acta zu legen. 

Am darauf folgenden Montag – wir sitzen wie immer vor der Probe alle vorm Cafe Casablanca im Hof – kommt ein völlig ausgewechselter Lila von Dornbusch angewackelt, gespielt verlegen grinsend, mit einer Tüte kleiner Plastik-Tiere, die er wie ein Weihnachtsmann in der Mitte unseres Tisches abstellt und mit großer Geste einzeln an die Spieler*innen verteilt. „Glücksbringer!“, erläutert er strahlend. Wie ein kleines Kind, denke ich, und versuche, nicht zu schnell klein beizugeben. Ein bisschen Distanz kann nicht schaden, finde ich, zumal ich tatsächlich ein seltsam schales Gefühl in meiner Magengrube spüre. Lila hat meine Grenze nicht respektiert, scheinbar nicht verstanden, warum dieser Vertrauensbruch bei mir eine größere Verunsicherung auslöst und ich habe gefühlt zu schnell eingelenkt. Warum bloß? Wahrscheinlich weiß Lila jetzt, dass ich das Projekt nicht so ohne weiteres abbrechen werde und er sich doch noch so einige Grenzüberschreitungen leisten kann. Der Spielstand unter Machtaspekten fühlt sich auf jeden Fall jetzt leicht verschoben an und zwar zu meinen Ungunsten: 1:0 für Lila.  

Ich will deswegen noch eine Zeitlang schmollen, merke aber, wie lächerlich das ist. Entweder ich zeige ihm klipp und klar seine Grenzen auf und lebe dann konsequent mit seiner Reaktion, wie auch immer die sein mag, oder ich entscheide mich, die Sache jetzt los zu lassen und darauf zu vertrauen, dass ich ihm das nächste Mal souveräner Paroli geben kann. Schmollen ist einfach nur ein weiterer Punkt an Lila. Kindisches Verhalten. Mist. 

Ich muss mich einfach zukünftig selbstbestimmter verhalten, nehme ich mir vor und lasse das Filmprojekt weiterlaufen. Zwei Tage später stehe ich mit Lilas Filmteam vor meiner „alten“ Neuköllner Schule. Glücklicherweise ist es später Nachmittag und niemand mehr da. Ich versuche, die aufkommenden Erinnerungen inklusive beklommener Gefühle zu unterdrücken und wir starten das Interview.  3-2-1- und: Bitte! Obwohl wir schon einige Drehs hinter uns haben, fällt es mir noch immer schwer in die Kamera zu reden. Im Gegensatz zu den Jugendlichen, die über ihre social media Kanäle gewöhnt sind, munter vor der Kamera drauflos zu quatschen, komme ich mir immer vor wie eine verunglückte Wichtigtuerin. Und jedes Mal, wenn mir Lila hinterher Aufnahmen von mir zeigt, schäme ich mich in Grund und Boden und muss den Impuls unterdrücken davon zu laufen und das ganze Projekt zu canceln. Ok, aber ich will ja was lernen und außerdem nicht feige sein, also schaue ich tapfer geradeaus und sondere konzentriert meine Sätze ab. 

Gleichzeitig werde ich von Erinnerungen überschwemmt, so sehr ich auch versuche, sie zu unterdrücken. Da an der Bushaltestelle habe ich „meine“ Julia kurz vor ihrem Auftritt wieder eingesammelt, nachdem sie panikartig und laut schluchzend aus der vollbesetzten Aula gestürmt war. Dort drüben im Park habe ich meine ersten persönlichen Gespräche mit Taher, Mahmout, Chris und den anderen gewagt und zum ersten Mal einen Hauch von Hoffnung empfunden. Und dort drüben beim Italiener haben wir unseren ersten kleinen Film zusammen gedreht und (mit der belustigtern Genehmigung des Besitzers) Feuer in der Gästetoilette gelegt. Für die Feuer-Szene. Und da habe ich immer gestanden und mit den Kolleginnen geraucht. Und da ist mir Sabrina heulend in die Arme gekippt. Und dort habe ich gestanden und Taher nachgeschaut, nachdem er mir sein Gedicht  in die Hand gedrückt hatte. Und – DA… – IST (?) – TAHER… Ich traue meinen Augen nicht. Ist das eine Art Fata Morgana? Nein. Es ist wirklich Taher. Er schlendert in seinem typischen, leicht federnden Gang erfreut schmunzelnd quer über den Platz auf mich zu. Es verschlägt mir buchstäblich die Sprache.  Mein letzter Satz bleibt halb in der Luft hängen… Cut!,  ruft Lila und starrt mich an. Ich mache eine entschuldigende Geste und setze mich in Bewegung – gehe Taher entgegen. Das darf doch nicht wahr sein. Während sich der Abstand zwischen uns verkleinert, denke ich diesen typischen Tanten-Satz:  Mein Gott, bist du erwachsen geworden!  Glücklicherweise sage ich es nicht. Taher sieht aus – so blöd es klingt – wie ein erwachsener Mann. Ja klar. Er IST erwachsen. Und nicht nur das. Er wirkt größer, breiter, durchtrainiert.  Wie ein Boxer,  denke ich. Und dann steht er vor mir, seine Augen strahlen, dann breitet er seine Arme aus und drückt mich volle Kanne an sich.  Frau Plath…!, sagt er lachend,  was machen Sie denn hier? Das ist ja abartig! Ich habe – ohne Scheiß – gerade an Sie gedacht! War da unten am Teich mit meiner Freundin Enten füttern und da dachte ich: Schau ich doch mal kurz an meiner alten Schule vorbei. Und dann seh ich Sie da. Mit Kamera. Sind Sie jetzt fame oder was?  

Wir haben uns viel zu erzählen. Taher ist tatsächlich Profi-Boxer geworden und hat inzwischen sein Abitur gemacht. Während wir plaudern, kommt seine Freundin dazu, die er per Handy informiert hat, und die inzwischen fertig ist mit Enten füttern. Beide stehen strahlend vor mir wie so ein Glamour-Paar aus der Gala. Ich denke an die Geschichte von damals und bin berührt, erleichtert, glücklich. Wirkt fast wie ein Happy End, denke ich. 

Das spürt Lila offenbar auch und unterbricht uns irgendwann mit seinem „Könnt-ihr-mir-einen-Gefallen-tun-Lächeln“:  Ich hab jetzt eine tolle Idee,  sagt er,  könntet ihr diese Szene, wie ihr so  zufällig nach Jahren aufeinander trefft, einfach noch mal nachstellen? Also ihr beide,  er deutet auf Taher und seine Freundin,  also ihr beide kommt noch mal so über den Platz und dann fallt ihr euch total überrascht in die Arme und unterhaltet euch noch mal, so wie eben?  Ich bin augenblicklich genervt, aber Taher nickt gutgelaunt und zuckt mit den Schultern:  Ja, klar. Kein Ding. Kommen wir dann auch in deinem Film vor?  Ich muss schmunzeln, dass Taher Lila gleich auf Augenhöhe und mit „Du“ anspricht und sehe, dass es auch Lila gefällt.  Was is´n das für´n Film,  fragt Taher und Lila fängt umständlich an, von seinem früheren Film „Überleben in New York“ zu erzählen, er holt ziemlich weit aus, und Taher macht dieses Gesicht, das ich noch so gut von früher kenne, dieses:  Ich höre interessiert zu- Gesicht, während er in Wahrheit natürlich längst mit was anderem beschäftigt ist. Während Lila redet und redet, wirft Taher mir irgendwann ein verstohlenes Grinsen zu und unterbricht dann freundlich:  Also so ein Dok-Film über Neukölln, oder was? Ja, man, Alter, da kann ich dir auch ein paar Stories erzählen… Ich bin hier aufgewachsen. Kannst dich ja mal melden, wenn du Interesse hast. Mit Film und so hab ich Bock, aber dann machen wir jetzt hier erstmal diese Szene, wa?  Er wendet sich zum Gehen. Lila – einen Hauch irritiert – wirkt plötzlich leicht abwesend, fängt sich dann aber schnell und ergreift die Gelegenheit:  Ja, klasse, gib mir dann mal deine Nummer, hört sich spannend an, und dann machen wir jetzt erstmal diese Szene…  er wendet sich an Klaus, seinen Kamera-Mann, die beiden tauschen technische Details aus, während Taher mir zuzwinkert und mich fragt:  Und können Sie mir das jetzt noch mal auf Deutsch erklären, was das für`n Film ist? Coole Sache oder eher sowas für Omis?

Ich gebe mein Bestes in kurzen Worten das Film-Phänomen Lila von Dornbusch zu erläutern, vertröste Taher für weitere Details aber auf einen späteren Termin:  Lass uns nächste Woche mal in Ruhe einen Kaffee trinken, du kannst ja einfach mal im Heimathafen vorbei kommen… und übrigens: Ich bin nicht mehr deine Lehrerin, also falls du es hinkriegst, wäre mir das „Du“ jetzt lieber…

Taher gibt mir seine Handynummer,  alles klar, ich freu mich, Frau Plath, äh, Maike, wie krass lustig, dass ich Sie, äh dich, hier einfach so getroffen habe, abgefahren…

Er lacht.  Mit dem Du muss ich noch üben! 

Dann ist Lila soweit und wir fangen an, zu drehen. 

Das ist ja ein interessanter Typ, dieser Taher,  sagt Lila ein paar Tage später, frag den doch mal, ob der nicht auch Lust hat, Protagonist in meinem Film zu sein.  Mein erster Reflex ist Vorsicht. Andererseits: Taher ist alles andere als ein „Baby“, er kann selbst auf sich aufpassen. Außerdem hat er recht – er könnte Lila wirklich einiges erzählen zum Thema „Überleben in Neukölln“. So kommt es also kurz darauf zu einem ersten Treffen der beiden. 

Offenbar geht es schief. 

Das ist ja so ein richtiger kleiner Gangster,  sagt Lila ein paar Tage später nach seinem Treffen mit Taher,  aus dem wird ja nix. 

Wir sitzen in seiner Küche in der Konstanzer Straße und trinken Tee aus großen bunten Bechern, die schon bessere Tage gesehen haben. Lila hat schlechte Laune und in seiner großen Charlottenburger Wohnung herrscht eisige Stille. „Seine Männer“ sind offenbar vorsichtshalber in einen „Duck-and-Cover-Modus“ gegangen. Sein langjähriger Freund und Mitbewohner sitzt bewegungslos und totenstill wie eine Wachsfigur in einem stockdunklen Zimmer vor einem riesigen Bildschirm und bewegt sich während der gesamten Zeit, die ich dort bin, nicht einen Millimeter vom Fleck, sein Lebenspartner schleicht auf Zehenspitzen ein, zwar Mal von einem Zimmer ins andere in dem sichtlichen Bemühen unsichtbar und unhörbar zu sein und der ewig lächelnde Co-Regisseur hat sich in einem hinteren Arbeitszimmer verschanzt. Nur ich habe hier keinen Ort zum Ausweichen und versuche daher, die giftige Frostigkeit von Lila, die in jede Ritze der Wohnung zu dringen scheint, wie ein unabänderliches Naturereignis über mich ergehen zu lassen. 

Ja, dieser Taher, der kann ja nix und macht einen auf dicke Hose, ein ganz und gar unsympathischer Mensch, das ist so ein richtig typischer Araber… Machotyp halt, sowas kann ich gar nicht ab…  Lilas Augen sind klein und feindselig und seine Tirade gegen Taher hat etwas Vorwurfsvolles, so als hätte ICH ihm diese unzumutbare Enttäuschung eingebrockt. Ich starre in meinen hässlichen bunten Tee-Becher und versuche, meinen Ärger zu unterdrücken. Aber irgendwann platzt mir dann doch der Kragen und ich frage: 

Was heißt denn das, Lila? „Aus dem wird nix!“ Ist denn aus DIR was geworden? Da gibt’s doch bestimmt reihenweise Leute, die damals gesagt haben: Also dieser Lila ist doch ein Voll-Spinner, der so perverse, völlig dilettantische Filme dreht. Aus dem wird nix! Und hat DICH das interessiert? Glaubst du, deine Meinung interessiert Taher? Oder mich? Und jetzt mal ganz ernsthaft: Was ist denn „nix“? Und was ist „etwas“? Du bist doch selbst das beste Beispiel dafür, dass eine Biografie gelingen kann, OHNE Abschlüsse und OHNE herkömmlich gedachte konservativ-bürgerliche Bewertungen! 

Lila setzte seinen Becher ab, funkelt mich an: 

Meinst du jetzt, weil die mich damals an der Filmakademie abgelehnt haben, oder was? 

Ja, zum Beispiel. Und hat dich das interessiert? Scheinbar ja nicht. Heute bist du eine Legende. 

Richtige Taktik, denke ich ein klein bisschen amüsiert, denn jetzt wird Lilas Blick einen Hauch freundlicher. Trotzdem kann er natürlich nicht klein beigeben. 

Das kann man überhaupt nicht vergleichen,  brummelt er, schenkt mir aber noch einen Tee ein. 

Schweigen. Ich nutze die Gelegenheit. 

Ich finde schon, dass man das vergleichen kann, Lila. Das hat was mit dem Blick auf Menschen zu tun. Denke ich, dass meine Perspektive richtig ist und urteile von da aus über andere? Denke ich, dass ich es „besser weiß“ und Zukunftsprognosen für andere machen kann? Du findest doch angeblich meine Arbeit deswegen so gut, weil ich transformativ arbeite und eben NICHT affirmativ. 

Lila starrt mich böse an,  jetzt redest du wieder mit deinen pädagogischen Fremdwörtern, ich BIN kein Pädagoge, das interessiert mich alles nicht! 

Doch, das interessiert dich wohl, und das hat auch gar nichts mit Pädagogik zu tun! Ich meine doch nur: Bei mir müssen die kein Weihnachtsgedicht aufsagen. Also kein sinnloses Wissen in sich rein schaufeln und dann in Tests und Prüfungen wieder raus kotzen. Bei mir sollen die sich nicht unterwerfen. Die sollen nicht das wiederkäuen, was es schon gibt, sondern sich eigene Wege ausdenken und die realisieren. So wie du das gemacht hast. Und du kannst natürlich sagen: Ich arbeite alleine. Und deswegen ist das nicht zu vergleichen. Aber im Kern eben schon. Bei allem was ICH mache, und das scheint dich ja zu interessieren, sonst würden wir ja gar nicht hier in deiner Küche sitzen, also, bei allem, was ICH mache, frage ich: Wie können wir zusammen kreativ werden? Mit einer korrigierenden, wertenden Haltung im Kopf oder eher neugierig, fragend, forschend? Will ich die irgendwo hinschieben oder drücken oder beschütze und stärke ich deren eigenen Impulse und Lebenswege? Ich finde, wir müssen in der Lage seinVERSCHIEDENE Beiträge zu feiern, und nicht bestimmte Fähigkeiten „wichtiger“ oder besser zu finden als andere. Wertungen, was besser oder schlechter ist, führen dazu, dass nachher alles gleich aussieht. Blasses, langweiliges, elaboriertes, blutleeres Akademiker-Theater zum Beispiel… Aber das gilt doch für alle Bereiche… 

Jetzt wacht Lila auf. Das ist sein Thema. Jetzt kommt er in Fahrt.

Ja genau! Diese langweilige, blutleere Akademiker-Scheiße! Diese verklemmte Bürgerlichkeit! Genau da muss man rein pieksen. Das hat mir immer Spaß gemacht. Das hat aber mit Pädagogik nix zu tun! Pädagogik hab ich nicht studiert, ich weiß nicht, wie man mit Jugendlichen umgeht! Ich war immer sehr streng mit meinen Studenten und Schülern und das ist auch viel besser! 

Oh man, jetzt kommt das wieder,  denke ich und werfe schnell dazwischen:

Was heißt den „viel besser“? Viel besser als WAS? Das ist gar kein Gegensatz, Lila, ich bin auch streng mit den Jugendlichen, darum geht’s doch gar nicht. Es geht um das Menschenbild. Denke ich: Der Mensch ist faul und schlecht? Und ich muss den entgegen seiner Natur irgendwohin korrigieren, wo es „richtig“ ist? Oder gehe ich davon aus, dass da ne Menge Schätze liegen, die es gilt ans Tageslicht zu befördern? Das ist ja auch ne Kunst! Und das geht auch nicht ohne Strenge, wie du das nennst!  

Lila macht eine wegwerfende Geste:  Ach! Aber wenn du auch streng bist, warum sagst du dann diesem Ahmad bei dir am Heimathafen zum Beispiel nicht, dass der niemals Erfolg als Schauspieler haben wird? Der denkt, weil der ein paar Ausländer-Rollen im Film bekommen hat, dass der ein richtiger Schauspieler ist. Dabei ist der viel zu dick! Und außerdem wird der immer nur türkische Gangster spielen dürfen! Das muss man dem doch mal sagen! Der denkt ja sonstwas, was er erreichen kann! Der soll mal realistisch ne Ausbildung z. B. in einer KFZ-Werkstatt machen! Alles andere ist doch Wolken-Kuckucksheim!  

Ach so,  antworte ich,  und versuche ruhig zu bleiben,  du glaubst also, weil unser System so scheiße IST, das Menschen wie Ahmad nur „Gangster-Rollen“ kriegen, deswegen muss es auch so bleiben und deswegen muss ich die Jugendlichen darauf vorbereiten, das zu akzeptieren? Zu dick, zu schwul, zu fremd, zu anders? Das meinte ich doch gerade mit transformativ oder affirmativ. Lassen wir dann alles so, oder wie? Hättest DU dich denn damals von DEINEN Plänen abbringen lassen, wenn jemand, als du 20 warst, zu dir gesagt hätte: Du, lass das mal, das wird nichts. Die Leute haben so krasse Vorurteile gegen Schwule, das hat keinen Sinn. Da muss man realistisch bleiben. Da kann man nix ändern. – Das kann doch nicht dein Ernst sein! 

Lila schaut mich an – ausdruckslos. Es ist schwer erkennbar, was meine Worte jetzt bei ihm ausgelöst haben – bzw., ob er überhaupt zugehört hat. Ich fühle mich plötzlich erschöpft. Man, ist das immer anstrengend. Ich frage mich mal wieder, warum ich überhaupt diese Energie investiere. Soll er doch denken, was er will. 

Doch Lila scheint nun irgendwie versöhnlicher gestimmt. Er macht sich – etwas umständlich – einen neuen Tee, setzt sich dann wieder mir gegenüber an den Küchentisch und sagt unvermittelt: 

Weißt du, ich HASSE Macho-Männer. Und Taher mag ich eben nicht. Es hat gedauert bis ich 40 war, bis ich auch mit Männern gedreht habe. In der Schule früher war ich so ein schüchterner, schwuler Außenseiter und diese Macho-Jungs, die haben mir das Leben zur Hölle gemacht. Das verlässt einen nie. Das kann man nicht lernen, sich da zu wehren. Ich mochte Frauen immer viel lieber. All diese Macho-Männer in Leitungspositionen. Das müsste man ändern. Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Frauen in Leitungspositionen sind, Filme machen, Einfluss haben. Deswegen gebe ich übrigens auch Workshops für Frauen, um denen mehr Selbstbewusstsein zu vermitteln. Mit Frauen fühle ich mich sicherer. Solche Typen wie Taher – mit denen hab ich ein Problem. 

Das ist jetzt etwas, das ich nachvollziehen kann. Ich bin überrascht. Sehe Lila in Gedanken als kleinen Jungen vor mir, alleine auf einem Schulhof, verunsichert, ängstlich, gemobbt von älteren Jungs.  

Das verstehe ich,  sage ich,  also dass Taher das bei dir auslöst. Aber ich habe trotzdem den Verdacht, dass ihr euch eigentlich gut verstehen würdet, denn das ist ja nur eine Projektion. Wer weiß, was DU bei Leuten triggerst, Lila…? Ich kenne Taher. Der ist kein „Macho“. Der ist ein Sensibelchen wie du. Ihr müsst nur eure Rollen ablegen, glaub ich… 

Lila schüttelt unwirsch den Kopf.  Ach Quatsch, du idealisierst den doch. Das ist ein kleiner Gangster. Fertig. 

Ja, und du bist ein überhebliches Arschloch,  sage ich grinsend. Lila grinst zurück. Ich finde, es steht 1:1. 

Am nächsten Tag treffe ich Taher im Cafe Casablanca. 

Wie wars denn mit Lila?,  frage ich.  

Taher lacht und winkt ab.  Oh man! Dieser Typ! Der versteckt sich hinter seinem Schwulsein und hat Angst, dass man ihm zu nahekommt. Der kann dir gar nicht richtig in die Augen gucken! Alter! Der hat Angst vor so Hochstatus-AusländernUnd dann stellt der immer so pseudo-provokative Fragen, als würde der so voll die krassen Sachen aufdecken wollen, als wär der voll interessiert an mir. Dabei ist das voll Fake! Der steckt mit seinen Fragen nur sein eigenes Revier ab und will der Boss bleiben – so safe hinter seiner Wand. Und denkt dann, er kann die Leute damit unsicher machen und die kontrollieren. Aber du kennst mich ja…,  Taher lacht,  so Status-Spiele kann ich besser als der. Ich hab den voll auflaufen lassen und zurück provoziert. Wenn der mir so eklige Fragen stellt, so „Wie-ist-das-denn-so-als-arabischer-Gangster-in-Neukölln“, so dies das, dann mach ich halt auch einen auf Boss. Kann er ja mal sehen, wer länger durchhält.  Er lacht wieder.  Ja, war voll die Battle, man. Aber der Typ hat verloren! Der hat Angst, man! 

Also hast du keinen Bock mehr, oder?  frage ich.

Doch. Voll! Aber dann muss der Typ mal n bisschen chillen. Wenn der nicht ordentlich redet und nicht echt ist, dann bin ich auch nicht echt. Sein Pech. Und der muss auch nicht so einen auf Erklärbär und Patriarchen-Papa machen, so als ob der schon alles weiß und dem kleinen dummen Gangster nur mal ne Chance in seinem tollen Film geben will. Will der jetzt was von mir wissen und was erfahren über Neukölln oder will der nur seine eigene Weltsicht behalten? SEINEN Blick auf Neukölln? Kann er ja machen. Aber schade. Schade, dass der so ne kleine ängstliche Wurst ist. Und dann nach außen so derbe auf Boss machen muss. 

Taher lacht. Ja genau. Soll der halt mal freundlich sein! Dann bin ich auch freundlich! Kannst du ihm gerne ausrichten! Zweite Chance mit Taher! Kann er sich überlegen! 

Wir sitzen noch ein Stündchen im Cafe Casablanca und reden über dies und das. Nachdem Taher gegangen ist, rufe ich Lila an. Und frage ihn, ob er Lust auf eine zweite Chance mit Taher hat. 

Er hat. 

Drei Tage später kommt abends eine WhatsApp-Nachricht von Taher:

Hab Lila meinen Kiez gezeigt. Alles gechillt. Sind jetzt Brüder! LOL! Bin mal gespannt auf den Film! 

Und Lila ruft mich an und sagt: Das ist ja ein ganz kluger, sensibler Mensch. Eine total beeindruckende Persönlichkeit. Hätte ich ja  nicht gedacht. Das war ein toller Dreh. Ein toller Nachmittag! 

Ich sage es nicht. Aber ich denke mit einem inneren Schmunzeln:  Na eben! 1:0  für Taher, du alter Patriarchen-Papa!

Und freue mich.