Türwächter*innen der Freiheit Teil 2/Kapitel 9: Freiheit und Sicherheit

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Die Leute denken ja immer nicht, dass ich mir finanziell noch Sorgen machen muss, sagt Lila, während wir in strahlendem Sonnenschein einen Spaziergang durch seinen Charlottenburger Kiez machen.  Die meisten Menschen haben so die Vorstellung: Der ist doch berühmt, der hat so viele Filme gemacht, der schwimmt doch im Geld. In Wahrheit muss ich für jedes neue Filmprojekt Anträge schreiben und hoffen, dass irgendwelche Gelder bewilligt werden. Genau wie ihr mit eurer Organisation „Do!“. Das ist ein ständiges Zittern und manchmal frage ich mich, wie lange ich die Wohnung in der Konstanzer Straße überhaupt noch finanzieren kann. Und wie das wird, wenn ich älter werde und nicht mehr so fit bin, das ist auch die große Frage… Also ich muss Filme machen, bis ich tot umfalle…  Er lacht. Aber es ist eher ein resignatives Lachen. 

Diese Info kommt für mich tatsächlich überraschend. Andererseits: Was hatte ich mir vorgestellt? Lilas Filme waren keine Blockbuster. Die Programmkinos waren am Kämpfen, seit ich denken konnte. Überhaupt eigentlich alle Menschen, die im Kulturbereich tätig waren. Dass selbstständige Künstler*innen ein finanziell sorgloses Leben führten, dachte ja eigentlich kein Mensch ernsthaft. Aber bei Leuten, die einen berühmten Namen hatten, dann irgendwie schon. Noch überraschter bin ich nach diesem Eingeständnis, als Lila vorschlägt, „Gelder für uns einzutreiben“.  Wenn er selbst Probleme hat, warum schlägt er das dann vor?,  denke ich. Gibt es da irgendeinen Haken? Aber Lila zerstreut meine Skepsis schnell. Er scheint vergnügt und in guter Verfassung, was nicht selbstverständlich ist.   

Während der letzten Wochen und Monate, in denen Lila mich zu allen Tages- und Nachtzeiten anruft, immer irgendwie unberechenbar, mit immer neuen Fragen und Anliegen, in immer irgendwie unvorhersehbarer Stimmung, hat sich bei mir eine leichte Anspannung eingenistet. Es fühlt sich in etwa so an, als wartete ich auf eine Prüfung, die aber immer weiter in die Zukunft verschoben wird. Ich versuche, mich an Lilas Stimmungsschwankungen zu gewöhnen, aber ein leises Gefühl ständiger Unsicherheit bleibt. Da ist immer wieder seine charmante Freundlichkeit, (hinter der ich allerdings einen Hauch Manipulation vermute), und auf der anderen Seite sein plötzliches Kippen in abgrundtief schlechte Laune. Die Art und Weise, wie er sich dann herablassend bis hin zu vernichtend über andere Leute äußert, macht mir Angst. Ich frage mich etwas beklommen, wann ich selbst wohl die nächste sein werde, die bei ihm in Ungnade fällt, zumal es immer offensichtlicher wird, dass wir in vielen Punkten unterschiedlicher Meinung sind. Und was ich in meiner anfänglichen naiven Freude übersehen habe, ist: Ich habe nicht den geringsten Einfluss darauf, was am Ende auf der Leinwand zu sehen sein wird. Egal, was ich erzähle oder wie ich es erzähle – alles, was ich sage oder nicht sage – Lila kann nach Belieben auswählen, alles anders zurechtschneiden, kürzen oder in einen völlig anderen Kontext stellen. Kurz gesagt: Die Dauerpräsenz von Lila in meinem Leben bewirkt bei mir eine unterschwellige, chronische Alarmbereitschaft. Aber immer wieder denke ich: Ach, es wird schon alles. Jetzt hab einfach mal Vertrauen. Was soll schon sein? Außerdem gibt es immer wieder scheinbar vertrauliche, gute Gespräche, wie auch jetzt, als Lila von seinen Geldsorgen erzählt und seinem Wunsch, uns zu unterstützen. Wir sind inzwischen in einem kleinen Biergarten angekommen. Lila steuert auf einen Tisch zu, nimmt Platz, winkt den Kellner heran und sagt: Ich lad dich ein. Willst du was essen?  Wir bestellen beide Suppe, Salat und Apfelschorle und als der Kellner sich auf den Weg in die Küche macht, fragt Lila:  Ja, das finde ich bei dir ja auch so interessant, dass du deine ganze finanzielle Sicherheit aufgegeben hast. Und das bereust du bisher auch nicht, oder?

Nee,  antworte ich, aber ich denke,  das hat mit einer anderen Sicherheit zu tun. Ich bin in einen sehr guten Freundeskreis eingebunden, habe Geborgenheit in einer sehr schönen Beziehung…  Lila unterbricht:  Ja, ihr seid wirklich ein schönes Paar!  Er grinst breit und ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll, also ignoriere ich seine Bemerkung und rede einfach weiter: …und natürlich komme ich quasi aus einem sicheren Umfeld, privilegiert sozusagen, einen gewissen Wohlstand nehme ich wahrscheinlich für ganz selbstverständlich. Ich meine: Es gab in meinem Leben ja bisher keine größeren Katastrophen. 

Also hast du ein finanzielles Backup von zu Hause, also von deinen Eltern?,  fragt Lila. 

Nee, das nicht. Aber ich denke, es ist sowas wie ein psychologisches Backup. Ich konnte mir ein Stück weit Freiheit und individuelle Entscheidungen zutrauen, weil ich irgendwie immer davon ausgehe, dass alles besser wird. Mein Vater beispielsweise dachte das überhaupt nicht. Der ist ein Kriegskind und hat als 5-Jähriger die Flucht von Polen nach Deutschland erlebt und insgesamt den Verlust aller Sicherheiten. Eine historische Katastrophe quasi. Seine Eltern mussten ihre Heimat verlassen und haben dabei alles an Besitz verloren, was sie hatten. Und alles, was sie kannten und für selbstverständlich hielten. So, als würde die ganz normale, alltägliche Welt, von einem Tag zum anderen zusammenbrechen. Ich habe das lange Zeit nur theoretisch verstanden, aber jetzt kommt es mir auch durch die Erzählungen der Jugendlichen näher, die nach Deutschland geflüchtet sind… sie zeigen mir Handyfilme und erzählen, was sie erlebt haben, und das klingt teilweise eigentlich sehr ähnlich, wie das, was mein Vater immer erzählt hat. Der Zusammenbruch aller Sicherheiten. Innerlich und äußerlich. Und was das mit den Menschen macht. Auch langfristig. Wir – also meine Geschwister und ich – kannten die Geschichten meiner Eltern und gleichzeitig kannten wir sie nicht. Wir haben sie natürlich nicht begriffen. Nur ganz weit weg als dramatische Geschichten, die nichts mit uns selbst zu tun haben. Wie Schwarz-Weiß-Film-Bilder aus der Vergangenheit oder vielleicht auch so ähnlich, wie man bei den Fernsehbildern der zusammenstürzenden Türme des World Trade Centers nicht begreifen konnte, dass das jetzt in echt passiert –  weil es aussah wie im Film. Für uns ist es schwer vorstellbar, dass die ganz normale Sicherheit des Alltags nicht selbstverständlich ist. Bei uns gingen diese Geschichten vom Krieg eher so ein Ohr rein, ein Ohr wieder raus. Erst viel später habe ich dann irgendwann zumindest mal so einen Hauch einer Ahnung gehabt. Das war, glaube ich, 2013, da war mein Vater zu Besuch in Berlin. 

Er kam zu unserer Premiere von „TEAR DOWN THIS CLASSROOM“ und am Tag danach, das war ein Sonntag, hatte ich eine Dampferfahrt auf der Spree vorgeschlagen, was man halt so macht, wenn die Eltern nach Berlin kommen. Das Wetter war super schön und wir sind erstmal so die Rosenthaler Straße entlang zum Hackeschen Markt gelaufen und dann zum Monbijou Park, alles voll dort, die Leute lagen dicht an dicht auf der Wiese am Wasser oder saßen in den Liegestühlen vor den Cafes und Restaurants, es war so ein typischer Sommertag in Berlin Mitte, alles rappelvoll und strahlend blauer Himmel. Ich sage: Wollen wir ne Dampferfahrt machen? Und mein Vater schaut so auf dieses ganze Touri-Gewimmel, leicht abwesend, und antwortet nicht und ich denke, vielleicht ist es ihm zu voll? Aber dann schaut er mich an und nickt und wir lösen zwei Tickets und nehmen den 11 Uhr Dampfer. Draußen sitzen, oder?, frage ich und mein Vater nickt wieder. Ich ergattere uns einen kleinen Tisch an Deck, wir lassen uns auf die Plastikstühle fallen und genießen die Aussicht. Der monströse Dom, die vollen Cafes am Ufer, das DDR-Museum, die Touristenströme, die herumflatternden Tauben und das in der Sonne glitzernde Wasser der Spree. Der Kellner kommt an unseren Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. „Ein großes Bier“, sagt mein Vater, und ich bin kurz verdutzt, aber dann amüsiert und denke: Cool. Wir machen Urlaub. Und bestelle ebenfalls ein großes Bier. Aber als der Kellner kurz darauf die großen Kelche vor uns hinstellt und mein Vater wortlos zugreift und das Glas ohne abzusetzen leert, bin ich doch etwas verwirrt. Ich schaue ihn fragend an. Aber er sieht mich scheinbar gar nicht. Stattdessen starrt er in die Ferne, scheint etwas zu sehen, das mir irgendwie entgeht und ich schaue angestrengt in seine Blick-Richtung, versuche herauszufinden, was es da so Spannendes gibt. Statt mich aufzuklären, winkt mein Vater den Kellner erneut heran und bestellt ein weiteres Bier. Jetzt bin ich tatsächlich ein wenig alarmiert. Papa? Alles in Ordnung? Und während er weiter irgendetwas zu beobachten scheint, das sich meinem Blick entzieht, fängt er an zu sprechen, aber mehr mit sich selber, wie es scheint. Er redet ziemlich leise und ich muss mich vorbeugen, um ihn zu verstehen. „Als ich das letzte Mal hier war, hat alles gebrannt“, murmelt mein Vater und ich denke: „Oh, Gott, jetzt fängt er an zu spinnen“. Aber dann geht es weiter und ich merke, dass ihn offensichtlich seine Erinnerungen einholen. „Das war 1945,“ redet er weiter, „da war ich fünf. Alles stand hier in Flammen, der Himmel war ganz rot, es waren alles nur Ruinen hier und alles brannte…Ich war so müde. Wir waren ganz lange Zug gefahren. Ein Mann hat sich im Zug auf meinen Bruder draufgesetzt, der war ein Baby, es war so voll und hat gestunken. Ich musste immer stehen und habe nicht geschlafen. Ich war so müde. Hier sind überall Soldaten rumgerannt. Irgendwie bin ich dann eingeschlafen und als ich aufgewacht bin, hat mein älterer Bruder gesagt: Jetzt hast du die Schrippen verpasst. Und da hab ich geheult, ich hatte so Hunger und ausgerechnet, als ich geschlafen habe, sind Soldaten vorbei gekommen und haben Schrippen verteilt. Und ich habe keine abbekommen. Da hat mich mein Bruder an die Hand genommen und wir sind durch die brennenden Straßen und Ruinen gelaufen und haben die Soldaten gesucht. Und irgendwann haben wir sie gefunden und ich habe noch eine Schrippe bekommen. Die schmeckte so gut, die war noch warm. Das war das Leckerste, was ich je gegessen habe.“ Mein Vater nimmt einen weiteren großen Schluck Bier und hat ein halbes Lächeln im Gesicht. Als würde er sich noch einmal über die Schrippe freuen. Er sieht nicht die winkenden Leute auf dem gerade an uns vorbeifahrenden Dampfer, er sieht durch sie hindurch auf die brennenden Häuser in Berlin. Und ich denke: Das ist überhaupt nicht lange her… Mein Vater kann sich noch daran erinnern… Ein Menschenleben… So nah dran ist das Ganze noch. Und jetzt sitzen hier alle und trinken Kaffee und kaltes Bier in der Sonne und alles scheint so normal, als könnte es gar nicht anders sein. 

„Es kann aber von heute auf morgen alles anders sein. Alles zusammenbrechen“,  sagt mein Vater jetzt, „ich habe mein Leben lang nicht glauben können, dass wir so lange so friedlich und ohne Krieg oder Katastrophen durchkommen. Wir sind nur Ameisen, die über einen Haufen krabbeln und das Ganze total ernst nehmen, aber es kann einfach „Schwupp“ machen und dann sind wir einfach weg. Zack. Vorbei.“

Jetzt bin ich diejenige, die einen größeren Schluck Bier nimmt. „Man kann sich das nicht vorstellen, dass das hier alles von einem Tag zum anderen verschwinden kann. Dass alles kaputt gehen kann. Unwiederbringlich. Es sei denn, man hat das selbst erlebt“, wiederholt mein Vater dann noch mal mit Nachdruck. 

Es stimmt. Ich kann`s mir nicht vorstellen. Aber zum ersten Mal habe ich zumindest den Hauch einer Ahnung. 

Ich kann deinen Vater gut verstehen,  sagt Lila, und trinkt seine Apfelschorle aus,  ich hab zwar keine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Aber einen Schaden haben ich davon auch mitgekriegt. Ich weiß erst seit ganz kurzer Zeit, dass meine leibliche Mutter von den Nazis im Zuge des Euthanasie-Programms ermordet worden ist. Angeblich war sie verrückt. Aber ich glaube eher, sie war einfach depressiv. Konnte ja passieren, in den Zeiten… Man hat sie ins Gefängnis gesteckt. Und da bin ich geboren. Und was aus mir geworden wäre, weiß kein Mensch, wenn nicht eine Frau gekommen und mich adoptiert hätte. Meine Mutti. Die hat mir ihr Leben lang Sicherheit und Liebe gegeben. Deswegen konnte ich so verrückte Sachen machen. Ich hab immer gesagt: Für meine Mutti war ICH der dritte Weltkrieg,   er lacht. Dann wird er wieder ernst:  Aber eine Katastrophe hab ich auch erlebt. Auch so eine Art Krieg. Den Krieg gegen AIDS. Gegen HIV. Das war schlimm. Da sind meine Freunde und Kollegen gestorben wie die Fliegen. Das kann man sich jetzt auch nicht mehr vorstellen. Das war eine Katastrophe. Ich weiß bis heute nicht, warum ausgerechnet ich überlebt habe. – Willst du noch was?,  fragt er dann unvermittelt und wir bestellen noch einen Kaffee.  Auch hier in diesem vollen Biergarten ist alles so, als ob es niemals anders sein könnte, denke ich. 

Lila wechselt das Thema: So. Und jetzt dein Ausstieg aus der Schule. Tear down this classroom. Dein Befreiungsschlag.  Er schaut mich auffordernd an. Befreiungsschläge sind sein Thema. Ich überlege kurz, wie ich anfangen soll. 

Ja, das eine hat wie gesagt mit dem anderen zu tun, Lila. Mein Empfinden von äußerer  Sicherheit war groß genug, um eine gewisse Freiheit zu wagen. Meine Eltern konnten das nicht. Ihr Lieblingssatz war immer: Mach beruflich was Bodenständiges, sei am besten verbeamtet, denn dann verdienst du zwar nur mäßig, aber regelmäßig. Das finde ich rückblickend lustig, denn aus meiner heutigen Sicht verdienen Lehrer*innen nicht „mäßig“, sondern ziemlich viel. Aber das mit dem „regelmäßig“ – das stimmt natürlich. Aber dafür nehmen sie eben leider auch einen immensen Verlust an Freiheit in Kauf. Für meine Eltern war es nach der katastrophalen Verunsicherung in ihrer Kindheit wichtig, „keine großen Sprünge zu machen“, sondern lieber auf Sicherheit zu setzen als auf Freiheit. So nach dem Motto: Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach. Arbeiten. Sparen. In gegebenen Strukturen funktionieren. Ein Haus kaufen. Eine Familie gründen. In der Kleinstadt einen geregelten Alltag leben. Ich konnte mir aufgrund dieser äußeren Sicherheit leisten, das langweilig zu finden. Und die Strukturen zu hinterfragen, in denen ich funktionieren sollte. Es ist ein Privileg, sich Sorgen um die Gerechtigkeit von Systemen zu machen. Wenn es ums nackte Überleben oder um das Verarbeiten von traumatisierenden Verlusten geht, hat mensch vielleicht nicht so unbedingt die inneren Ressourcen, um sich um andere oder den Zustand der Welt Gedanken zu machen. Dann geht’s erstmal nur um seelische Besitzstandswahrung. Und was ich nach meinen Erfahrungen in der Schule denke ist: Wenn Jugendliche keine äußere Sicherheit haben, so wie ich sie hatte, dann müssen wir wenigstens für ihre innere Sicherheit, also einen gesunden Selbstwert, sorgen. Und das ist keine niedliche Sozial-Romantik, sondern eine realistische Idee zur Lösung unserer Probleme, wie ich finde. Ich glaube, Fortschritt und Innovation entstehen in dem Maße, je mehr Menschen innere Sicherheit haben und in der Konsequenz innere Freiheit entwickeln und sich trauen, über die eigene persönliche Perspektive hinaus zu denken. Gegebene Systeme und Strukturen zu hinterfragen, falls nötig und sich zuzutrauen, selbst konstruktiv was verändern zu können. So klein das auch erstmal sein mag. Innere Sicherheit ist die Grundvoraussetzung für Freiheit. 

Und woher kommt die innere Sicherheit?,  fragt Lila, scheinbar amüsiert. Er findet es immer lustig, wenn ich „pädagogische Vorträge“ halte, wie er es nennt. Meistens hört er dann auch gar nicht zu, insofern bin ich überrascht, dass er heute am Ball bleibt und sogar seine gute Laune behält. Trotzdem ist mir klar, dass ich jetzt mit dem „Dozieren“ aufhören muss und also grinse ich nur, sage:  Spannende Frage…  und erzähle ihm stattdessen von „Tear down this classroom”, der lustvollen Inszenierung des Rütli-Brandbriefs, wie sich die Jugendlichen als Helden einer großen Geschichte neu erfanden und das System Schule auf der Bühne buchstäblich zum Einsturz brachten. BÄM. 

Das sieht tatsächlich nach einem fulminanten Durchbruch in Richtung Freiheit aus, sagt Lila eine Woche später, nachdem er sich die Aufzeichnung des Theaterstücks “Tear down this classroom” angeschaut hat. 

Er schaut verschmitzt: Woher kommt denn bei denen die innere Sicherheit, um so kraftvoll Klartext zu reden? 

Spannende Frage, Lila, will ich wieder ausweichen, sage aber dann doch: Innere Sicherheit fängt da an, wo wir uns verletzlich zeigen können. Und ich probiere mich in der Kunst, Räume zu bauen, wo das wahrscheinlicher wird. Sich verletzlich zeigen zu können ist im Grunde die größtmögliche Freiheit, die man erreichen kann – und ein Ausdruck von Stärke. Wer noch vorsichtig hinter seinen Mauern und Fassaden rumeiert, und alles absichern muss, ist nicht frei. Logisch, oder nicht? 

Lila schaut skeptisch. Wahrscheinlich findet er es wieder zu pädagogisch, denke ich und beschließe, ihn nicht weiter in meine Gedanken einzuweihen. Vielleicht hätte ich genau das aber tun sollen, denn genau um diesen Zeitpunkt herum, beginnt meine eigene innere Sicherheit aus mysteriösen Gründen zu bröckeln. 

Das Ganze beginnt mit der finanziellen Hilfsaktion, die Lila für uns organisiert, um unsere Arbeit zu unterstützen.  Ich will euch helfen,   sagt Lila und schlägt vor, einen bekannten Politiker, der ein Freund von ihm ist, zu einer Probe in den Heimathafen einzuladen. Vielleicht kann der Gelder für euch locker machen, meint Lila, und ich stimme zu. Aber kaum, dass der „hohe Besuch“ an einem Montag Nachmittag unseren Probenraum betreten hat, bereue ich meine Entscheidung. Das Ganze hat den Geschmack eines Staatsbesuchs. Der Politiker gibt sich jovial, scheint aber im realen Leben noch nie mit einem Neuköllner Jugendlichen gesprochen zu haben. Er spricht mit Ahmad, Fuad, Gülüzar und Co wie mit Kleinkindern und sie werfen mir erstaunte bis peinlich berührte Blicke zu. Gleichzeitig sind sie eingeschüchtert, wollen nichts falsch machen, immerhin ist dieser Mann ja irgendwie wichtig und will uns „helfen“. Lilas Filmteam springt um uns herum und hält die gesamte Begegnung in Wort und Bild fest, was die Sache auch nicht lockerer macht, und von Minute zu Minute wird die Stimmung angespannter und künstlicher. Vor allem aber verwandeln sich alle Anwesenden vor meinen Augen in gehorsame, dienstfertige Kinder. Sie springen wie Zirkuslöwen durch den brennenden Reifen, denke ich und frage mich während dieser unglücklichen zwei Stunden, was ich tun könnte. 

Herr Soundso, Sie müssen mit den Jugendlichen hier nicht so sprechen, als wären die beklagenswerte Opfer und nicht für voll zu nehmen, will ich ihm zurufen, aber stattdessen werde ich selber zu einem lächelnden Schulmädchen, das „Danke“ und „Bitte“ sagt. Herrje! Was für Mechanismen sind hier am Werk? In Windeseile ist die gesamte Bereitschaft zur Verletzlichkeit dahin. Alle sind – schwupp- hinter ihre Fassaden und in ihre Rollen zurückgefallen. Und ich selbst leider auch.  Na, immerhin wird er uns einen ordentlichen Geldbetrag überweisen,  denke ich, ohne, dass mich diese Aussicht tröstet. Leider liege ich sogar in dieser Annahme falsch. Als unser seltsam unecht agierender Gast am Ende der Probe – nach einem schnellen, fast unmerklichen Seitenblick in die Kamera – mit großer Geste ankündigt, unsere „tolle Arbeit unterstützen zu wollen“, halten alle den Atem an. Und dann kommts. Er verspricht uns einen Geldbetrag, mit dem wir nach unserer Premiere, wie er es nennt, „ein bisschen feiern können“. Wie der Großonkel aus Amerika seinem Neffen eine Münze in die Hand drückt, damit er sich was „Süßes kaufen kann“ – …aber nicht alles auf einmal ausgeben, hörst du…? Die Summe ist so gering, dass sie tatsächlich nur symbolischen Wert für uns haben kann. Weiß er, was eine Stunde Arbeit kostet? Weiß er, welche Beträge notwendig sind, um die Arbeit unserer Organisation Tag für Tag aufrecht zu erhalten? Weiß er, dass wir seit Jahren rund um die Uhr Anträge schreiben, und diese Summen immer wieder mühsam eintreiben konnten, dafür aber unglaublich viel Zeit und Kraft aufwenden, die für die EIGENTLICHE Arbeit dann jeweils fehlt? Offenbar geht es hier aber gar nicht um eine finanzielle Unterstützung, wahrscheinlich war das nie die Absicht. Worum es hier eigentlich geht, ist die öffentliche Inszenierung eines Politikers. Und in diesem Augenblick wird mir heiß und kalt vor Scham: Denn die Wirkung dieses Nachmittags und insbesondere der Bilder, die am Ende davon bleiben werden, nützen diesem Mann, nicht aber uns. Und noch schlimmer. Für unsere Arbeit und unser Anliegen sind die Aufnahmen nicht nur nutzlos – sondern fatal. Wer auch immer Lilas Film und diese Aufnahmen sehen wird, wird einmal mehr denken, dass ein Politiker „den armen Kindern in Neukölln ein bisschen geholfen hat“. Genau das also, was die Ursache und der Ausgangspunkt all der Probleme ist, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben. Und die so zäh und schwierig zu beheben sind. Alles, was wir also bisher schon geschafft haben, wird durch diese Bilder ein Stück weit wieder zunichte gemacht. Und: Durch genau diese Art von Erfahrungen schwindet bei allen die innere Sicherheit. 

Und jetzt kurz Tacheles: Ich weiß immer nicht, warum dieser Mechanismus offenbar so schwer zu verstehen ist. Ein defizitärer Blick erzeugt im Gegenüber eine defizitäre und unsichere Haltung und zementiert auf diese Weise die bestehenden sozialen Ungleichheiten, die alle doch immer so eifrig bestrebt sind, auszugleichen. Es macht mich wahnsinnig, dass immer von „Partizipation“, „Gleichwürdigkeit“ und dem Wunsch nach mehr Demokratie und Vielfalt gefaselt wird, wenn aber gleichzeitig dieser selbstsichere Blick „von oben herab“ nicht hinterfragt wird. Genauso wie niemand Verantwortung lernen kann, wenn das immer nur klagend eingefordert wird („Nun übernimm doch mal Verantwortung!“), sondern nur dann funktionieren kann, indem Verantwortung tatsächlich übergeben und dann tatsächlich erfahren wird, kann auch Gleichwürdigkeit nur entstehen, wenn Menschen das tatsächlich am eigenen Leibe ERFAHREN. Das ist wieder doziert, I know, sorry – und daher jetzt ein konkretes Beispiel:

Meine eigene soziale Prägung bestimmt bis heute den Blick, den ich auf mich selbst habe. Als Kind wurde mein Vater nicht müde, mir von der Unterlegenheit des weiblichen Geschlechts zu erzählen: Bedeutende Komponisten – , sagte er, alle immer männlich! Frauen können nicht komponieren, die können nur nachahmen. Ihr schöpferisches Potential ist mit dem Kinder-Kriegen abgedeckt.  So ging es weiter.  Frauen können nicht schreiben, nichts erfinden, nicht dirigieren, nichts leiten, nicht rechnen, nicht Auto fahren, …  Frauen sind das schwache Geschlecht… Und so weiter…

Obwohl ich natürlich täglich Beweise erlebe, dass dies nicht so ist, hat diese soziale Prägung noch immer Einfluss auf meine Gedanken und mein Verhalten. So lange es – überwiegend ältere – Männer gibt, die sich in Gegenwart von Frauen sicherer, weil ihnen überlegen, fühlen, sind Frauen doppelt gefordert: Da sie oft Väter haben, die ebenfalls – unbewusst – diesen defizitären Blick hatten, müssen sie erstmal hart arbeiten, um diese soziale Prägung, das internalisierte Minderwertigkeitsgefühl, INNERLICH zu überwinden. Und dann müssen sie zusätzlich auch noch im AUßEN ständig „Aufklärungs- bzw. Therapiearbeit für andere“ leisten, um von dieser Sorte Männern als gleichwürdig wahrgenommen zu werden. In jeder Situation, in der sie wieder auf den defizitären, männlichen Blick treffen, werden sie innerlich quasi „getriggert“ und müssen darum ringen, NICHT in eine internalisierte Unterwerfung zu verfallen. Und dann müssen sie es nach außen auch noch erklären und beweisen. 

Und das ist nur ein Beispiel aus MEINEM Erleben. Derselbe Mechanismus greift aber in allen Kontexten, in denen soziale Überlegenheits-Konstrukte herrschen: 

Weiße Menschen, die sich unbewusst nicht-weißen Menschen überlegen fühlen. 

Hetero-normative Menschen, die sich allen davon abweichenden Menschen überlegen fühlen. 

Gebildete Menschen gegenüber ungebildeten Menschen… 

Gesunde gegenüber Kranken… 

Gut verdienende Menschen gegenüber weniger gut verdienenden… 

Wohlhabende gegenüber armen Menschen… 

Gesund lebende Menschen gegenüber weniger gesund lebenden… 

Ältere Menschen gegenüber Jüngeren…

Einheimische gegenüber Fremden…

Lehrpersonen gegenüber Lernenden… 

Und so weiter und so weiter. 

Und überall müssen die defizitär Beschrifteten sich zunächst die innere Sicherheit mühsam selbst erarbeiten – und sie dann in realen Situationen, in denen sie erneut auf diesen Blick stoßen, sowohl innerlich als auch äußerlich verteidigen. 

Und meiner Erfahrung nach geht das eben nicht von selbst. Wer defizitär angeschaut wird, denkt und fühlt immer erstmal, dass diese Sichtweise berechtigt ist. Der Weg zur inneren Sicherheit, also zu echtem Selbstwert, muss schrittweise gelernt werden – und ist immer ein Stück weit fragil. Weil die Strukturen, in denen wir leben, diesen Blick noch immer unterstützen und wir dadurch ständig diesen „Triggern“ ausgesetzt sind.  

Die joviale und unreflektierte Überheblichkeit des Politikers stresst mich also „zu Tode“ – und gleichzeitig werde ich schon beim Gedanken müde, dies alles Lila erklären zu wollen. Ich will ja nicht dozieren. Dann hört er nicht mehr zu. 

Trotzdem. Ich muss Lila davon überzeugen, dass er diese Aufnahmen nicht verwendet,  denke ich. Und natürlich passiert das Erwartbare: Lila rastet aus. Aus seiner Sicht: Verständlicherweise. Es ist ja jetzt schon das zweite Mal. Und ebenso klar: Er versteht nicht ansatzweise, was mein Problem damit ist. Keine Chance. Diese Aufnahmen will er nicht zurücknehmen. Ich schäme mich unendlich und bin erstaunt, wie unfassbar unangenehm dieses Gefühl ist. Und wie hartnäckig. Ich kriege es nicht weg. Ich habe mein eigenes Anliegen ein Stück weit verraten. Ätzend.  

Bei unserem nächsten Treffen schiebe ich Lila wortlos ein Textdokument über den Tisch.  

Was ist das?, fragt Lila. 

Lies einfach. Du weißt doch noch: Was mein Vater erzählt hat… 

Lila liest den Text: 

Als wir nach Deutschland kamen, waren wir nicht willkommen. Nirgends. Am Anfang wohnten wir in einem Heim. Für meine Eltern war es schlimmer, als für mich. Ich hatte meinen älteren Bruder und wir konnten zusammen Spaß haben und Spiele erfinden und über zu Hause reden. Wir hatten kein Spielzeug, aber das machte uns nichts aus, wir spielten mit Sachen, die wir auf der Straße fanden und ein bisschen fühlte sich alles auch an wie ein Abenteuer. Aber mit den Jahren merkte ich immer mehr, dass ich nirgends einfach so gesehen wurde, wie ich war. Überall war ich das Flüchtlingskind. Die Lehrerinnen in der Schule redeten anders mit mir als mit den anderen Kindern. Und überall fühlte ich mich ein bisschen wie der Fremde. Und ein bisschen wie der Dumme. Ich versuchte, alles richtig zu machen und so zu sein, wie die anderen, aber ich wusste, dass ich nicht hierher gehörte. Am Anfang dachte ich immer, dass wir bald wieder nach Hause zurück kommen und dann wieder alles normal wird. Dass ich wieder ein ganz normaler Junge zu Hause in meiner Welt bin, wo auch die Erwachsenen im Dorf mich anlächeln und mich kennen. Wo jeder weiß, wer ich bin und was ich mag und meine Familie ein großes Haus besitzt und Freunde, die zu Besuch kommen. Wo das Leben normal und fröhlich ist und ich einen richtigen Platz habe. Aber wir sind nicht mehr zurück nach Hause gekommen. Wir blieben in Deutschland. Und ich gewöhnte mich an das Gefühl, dass ich der Flüchtling bin. Dass die netten Leute mir ihre alten Sachen schenken und die weniger netten mich auf der Straße beschimpfen. Dass dies niemals richtig mein Zuhause wird. Mein heimlicher Wunsch war dann irgendwann, mein eigenes Leben aufzubauen und sehr erfolgreich zu sein, viel Geld zu haben und irgendwann von den Einheimischen bewundert zu werden. Und ich wollte, dass meine eigenen Kinder eine richtige Heimat haben würden, so, wie ich es zu Hause gehabt hatte. Ein richtiges Zuhause und die Sicherheit, dazu zu gehören, so wie man ist. 

Lila liest den Text und schaut auf.  Ist das von deinem Vater?,  fragt er. 

Nein,  sage ich,   das ist ein Text aus „Tear down this classroom“ und den hat Fuad geschrieben. 

Interessant,  sagt Lila und schiebt mir das Blatt Papier über den Tisch wieder zurück. Vielleicht mach ich den nächsten Dreh mit Fuad. Meinst du, der hat Lust?

Je nachdem… sage ich gespielt gelassen,  das kommt wohl ganz drauf an, ob er sich sicher fühlt… 

Doch Lila ist schon aufgestanden und auf dem Weg nach Hause.