Türwächter*innen der Freiheit Teil 3/ Kapitel 4: Ulysses

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Aber sag mal, wie es dir geht, Taher,  fragt Abdi,  mit deinen Stichwunden. Kannst du so lange so sitzen? Oder willst du…? 

Taher winkt ab und macht dieses kurze kleine Schnalz-Geräusch.  Nee, Bruder, geht schon. DAS ist nicht das Problem. Die haben mich gut zusammen geflickt und klar kann ich hier sitzen. Was ganz anderes ist, dass es in meiner Familie massiv vielen richtig scheiße geht. Einige sind an Corona gestorben. Verreckt würde ich eher sagen. Und viele – zu viele – sind krank, müde, völlig fertig und allmählich verliert man ja die Hoffnung, dass das irgendwann mal aufhört – dieser Alptraum. Jetzt mit diesen ständigen neuen Mutationen wirken ja auch die Impfstoffe nicht mehr. Ich komme mir allmählich vor wie in einem Scheiß-Apokalypse-Film. Und eben. Ich halte das nicht mehr aus. Dass wir das nicht in den Griff kriegen. Und ich glaub: Diese Krise zeigt uns, dass wir was Krasses ändern müssen. Also so grundsätzlich. Weil, wenn ich merke, dass ich auf einem toten Pferd sitze, dann steig ich besser mal aboder? 

Und das tote Pferd ist jetzt das Patriarchat, oder was?, grinst Abdi. 

Aber Taher wirft ihm nur einen ungerührten „Was-willst-du-denn?-Blick“ zu, Abdi lächelt darauf gutmütig und macht eine beschwichtigende Handbewegung – und Taher redet weiter. 

Ja, genau. Das ist keine Lösung mehr für die Probleme nach über zwei Jahren Pandemie, man. Und das kann ich jetzt auch gerne mal erklären. Die Frage ist doch: Was wollen wir jetzt machen? Also ich kann von mir sagen: Ich kann nicht mehr. Ich habe das Gefühl, dass wenn sich jetzt nicht mal irgendwas zum Guten verändert, dreh ich durch. Und das mein ich ganz wortwörtlich. Ich rede schon mit mir selber und so. Seit über zwei Jahren ist das Leben wie ein Alptraum, aus dem man nicht aufwachen kann. Angst, Krankheit, Tod. Die Leute sterben wie die Fliegen. Und alles andere auch. Leider auch die Sachen, die wichtig und schön waren. Am Anfang dachte ich ja noch so, das ist jetzt einfach mal ne schöne Pause. Ich hab nicht kapiert, dass wir da vielleicht nie wieder raus kommen aus diesem Pandemie Gefängnis. Dass das alte Leben einfach mal vorbei ist. Das ist doch spooky. Dass man den einen Tag zur Arbeit geht und am nächsten wird alles geschlossen und man soll Pause machen und nach zwei Jahren merkt man so: Schüüüsch… es ist nie wieder so geworden wie vorher. Es ist eine Katastrophe. Und keiner weiß ne Lösung. Und ich habe mein Leben nicht mehr selber in der Hand. Ich bin ein Opfer geworden.

Ich ahne, was Taher meint und versuche unsichtbar zu sein, damit er weiter redet. Vor allem HOFFE ich, dass er weiter redet. Denn mich selbst hat neuerdings eine seltsame Angst befallen, auszusprechen, was ich WIRKLICH denke. Bzw. Was denke ich eigentlich wirklich? In mir ist ein bleiernder Nebel. Und eine ganz, leise dünne Stimme, die fragt: Haben wir wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft, mit dieser Situation umzugehen? Und ist das, was wir jetzt haben, das einzig denkbare, neue normale Leben? Ein Leben, in dem Kunst, Kultur und Bildung quasi verkümmert sind und Gemeinschaft und Geselligkeit quasi nicht mehr stattfinden können, menschliche Nähe grundsätzlich zugleich mit Angst und Sterben in Verbindung gebracht wird. So nach dem Motto: Drei Menschen sitzen – so wie wir jetzt – an einem Tresen mit Kerze – und zwischen uns sitzt der Tod mit Sichel und Kapuze? Ein Leben, in dem jede Hoffnung durch immer neue Mutationen und darauf folgende Lockdowns zerrieben wird und schließlich stirbt? Ein Leben, dessen einfachste Bestandteile immer und zu jedem Zeitpunkt staatlich reglementiert werden müssen, weil ansonsten SOFORT wieder tausende weitere Menschen elendig verrecken? Neulich habe ich mal wieder Kafka gelesen und mich gefragt, ob er eventuell in die Zukunft gereist war und dies alles erlebt hatte. Entfremdung. Totale Einsamkeit. Verlust von Sinnzusammenhängen und jeglicher Lebensfreude. Hat Kafka die Jahre der Pandemie erahnt? Das Beunruhigendste für mich an diesem seltsamen langen, bleiernden Traum ist: Ich frage mich: Wie wirkt sich dieses ständige Gefühl des Ausgeliefertseins und der Abhängigkeit  auf unsere Psyche aus? Auf unsere Fähigkeit zur Selbstbestimmung und zur Selbstverantwortung? Was wird aus unseren Fähigkeiten zur Demokratie? Gibt es denn nicht IRGENDEINEN anderen Weg aus dieser Katastrophe, als den, den wir gegangen sind? 

Vielleicht weiß Taher mehr als ich. Wir beide haben in der Vergangenheit schon an vielen Orten gesessen, an denen Taher dann plötzlich anfing zu reden. Stundenlang. Als ob sich etwas in ihm angestaut hätte und dann in Form eines fast atemlosen Monologs über mir ausgekippt wurde. Ich liebe das. Ich liebe auch dieses schnelle Reden. Den allerersten Taher-Monolog hatte ich vor vielen – gefühlt hundert – Jahren am Kottbusser Tor gehört. Wir hatten uns vor dem Edeka-Markt direkt am U-Bahneingang verabredet, uns dann beim Türken nebenan einen Döner geholt und uns an einen der schlichten Holztische direkt davor gesetzt, zwischen Gemüsestand und Mülltonne, und dort hatte Taher zum ersten Mal zwei Stunden am Stück geredet. Ich verstand damals fast nichts. Es war ein bisschen so wie eine Mischung zwischen Vorlesung und Rap, mit tausend Referenzen, Filmzitaten, Sachen, die Taher gehört oder gelesen hatte und die er mit seinen eigenen Erfahrungen vermischte – und das Ganze in einer Art Dauer-Staccato, ohne Pause, gespickt mit arabischen Wörtern und Ausdrücken – eine Art musikalisch-theatralisch-popkulturelle Performance, deren Inhalten ich aber kaum bis gar nicht folgen konnte. Erst, als der Vortrag zu Ende war und Taher in seinen inzwischen kalt gewordenen Döner biss, wagte ich zögerlich ein paar Fragen zu stellen. Was meintest du denn mit xy? Und kannst du noch mal erklären, was du mit yz meintest?

Aus allem, was ich durch meine Nachfragen erfuhr, zogen wir damals die Inhalte eines gesamten Theaterstücks. Und auch jetzt ging es mir wieder ähnlich. Außer, dass es in naher Zukunft kein Theaterstück geben würde, das wir daraus destillieren konnten – die Theater waren ja auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Ich dachte bisher immer, wenn Sachen zu kompliziert werden, dann vertrau ich besser mal den Leuten, die einen Plan haben, redet Taher nun weiter, Thank God: 

Beispiel Abbas. Oder so Markus Söder. Diese Typen halt. Aber. Die haben gar keinen Plan. Die haben keine Idee. Die haben nur Macht. Das ist was ganz anderes. Und das ist ein Problem. Denn: Immer wenn ich dachte, dass jemand anders für mich was regelt, dann sind meine Probleme auf Dauer schlimmer geworden. Wahrscheinlich liegt das daran, dass andere Leute eben niemals die Probleme für mich lösen können. Dass insgesamt niemand die Probleme für ALLE lösen kann. Weil es eh zu kompliziert ist. In der Schule hab ich ja schon verstanden, dass Regeln, die für ALLE gleich gelten, am ungerechtesten sind. Kann ja gar nicht klappen, weil jeder was anderes braucht und will. Und außerdem: Weil gleiche, harte Regeln für alle dazu führen, dass man aufhört, selber zu denken. Ist ja alles geregelt. Wenn ich mich unterordne und die Schnauze halte, krieg ich regelmäßig mein Fresschen durch die Käfig-Luke serviert. Dann muss ich über die größeren Zusammenhänge nicht mehr nachdenken. Und darüber, wer ich selber eigentlich bin und wer ich in der Welt sein KÖNNTE, schon gar nicht. Schnauze halten und auf lecker Fresschen warten. Fertig. Problem ist nur: Fresschen alleine macht nicht glücklich. Eingesperrt sein macht nicht glücklich. Gehorchen macht nicht glücklich. Opfer sein macht nicht glücklich. Soviel kann ich gar nicht shoppen, dass meine Depression davon weg geht. Also will ich doch wieder lieber selber denken. Geht nicht anders bei mir. Und dann fällt mir eben auf: Einer alleine oder ein paar wenige können NIE für alle ne gute Lösung finden. Oder – wollen das auch gar nicht. Darum geht’s denen auch nicht. Es ist einfach nur der leichteste Weg, so einen auf Papa für alle zu machen. So „Ich bin dein Vater – und ich weiß, was richtig für dich ist“. Und da ist es auch egal, ob das n Papa oder ne Mama ist. Selbes Prinzip. Protektionismus. So dieses Ding: Guck mal, Kindchen, das ist alles zu kompliziert für dich, deswegen musst du dir da jetzt keinen Kopf machen. Mach einfach, was ich dir sage. Ich regel das dann schon für dich. Für euch alle. Und dann machen diese Papas oder Mamas einfach irgendwelche Regeln für alle. Weil das nach außen auch immer erstmal so straight aussieht, so nach Durchblick. So nach Checker-Masterplan. Chabos wissen, wer der Babo ist, wa? Aber guck mal, was passiert: In den Schulen. In den Ämtern. Bei den Leuten zu Hause. Mit uns allen jetzt. Es gibt Regeln. Aber sind die so, dass alle die verstehen und dass die Sinn machen?

Nee. Und guck mal, was passiert? Es gibt dann nur so die Streber, die alles richtig machen wollen und ihr Gehirn am Eingang abgeben und die anderen, die schon aus Prinzip dagegen sind – aber auch nicht ihr Hirn einschalten und auch keine bessere Lösung haben. Und alle denken trotzdem erstmal so: Hu… Endlich jemand, der weiß, wo`s längs geht – in dieser großen Krise. Aber wenn man dann mal länger hinguckt, merkt man: Auf Dauer wird dadurch gar nix gelöst. Außer, dass die einen mit den Regeln besser klar kommen, als die anderen. Und die haben dann Vorteile. Wie früher in der Schule. Und die, die nicht klarkommen, fliegen raus. Ich bin immer rausgeflogen. Warum? Weil ich blöd bin? Nee. Weil diese Regeln für mich nicht passen. Weil ich mit diesen Regeln immer ein Verlierer bleiben werde. Und weil diese Regeln mir noch zusätzlich das Selberdenken abgewöhnen. Also die letzte Möglichkeit zur Selbstbestimmung. Irgendwann glaube ich selbst nicht mehr, dass ich zu einer Lösung beitragen oder mich aus dieser Kack-Situation befreien kann. Ich häng dann nur noch so rum wie ein eingesperrtes Tier im Zoo und das einzige, worauf ich mich freue, ist mein Fresschen. Und wer bestimmt dann da draußen, wie die Welt weiter geht? Die Mamas oder die Papas sagen, dass sie das so machen müssen, um ein riesiges Problem zu lösen – also um uns vor schlimmen Sachen zu bewahren. Aber das ist Protektionismus. Und dadurch entsteht auf Dauer ein viel größeres Problem. Nämlich Unmündigkeit. Hier, Höhlengleichnis, weißt du noch, Maike, früher – als wir das gemacht haben? Da hab ich was verstanden. Was Unmündigkeit ist. Dass ganz viele Leute denken: Ach, ich versteh das ja alles nicht mehr. Dann akzeptiere ich das alles lieber und warte auf mein Fresschen. Aber ernsthaft: Das ist doch dann keine Demokratie? Ich dachte immer, es geht voran – also langsam – sehr langsam – aber immerhin. Dass erstmal die Privilegierten sich das Recht nehmen, selber zu denken und dann aber nach und nach checken, dass es insgesamt klüger ist, wenn ALLE selber denken lernen. Dass die also immer mehr weg kommen vom „Papa-Denken“. Nicht, weil sie gute Menschen sind. Sondern weil sie checken, dass es ihnen sonst selber irgendwann an den Kragen geht, wenn sie andere Menschen zu lange knechten. Denn ein Tiger im Zoo bleibt ein Tiger. Er wird nicht aufhören, sich nach der Freiheit zu sehnen. Und das heißt, dass man die Gitterstäbe immer sicherer oder immer intelligenter konstruieren muss. Das ist ein Teufelskreis. Das war so wie an der Schule früher. Wo dann die Toiletten abgeschlossen wurden und immer weniger erlaubt war. Das war so die eher unintelligente Variante von Käfig. Aber weißt du noch, wie wenig der ganze Scheiß gebracht hat? Immer mehr abschließen, immer mehr verbieten, immer mehr Sanktionen? – Das Chaos wurde immer größer. Niemand fühlte sich für irgendwas verantwortlich. Die ganze Kraft ging nur noch ins “Dagegen-Sein” und ins Kaputt-Machen – von Sachen und von Menschen. Ich versteh das nicht, warum in diesem Land immer von Demokratie und Freiheit geredet wird, aber wenn es schwierig wird – genau wie damals an der Schule ! – dann vertraut scheinbar keiner mehr diesen Werten. Dann braucht es plötzlich wieder harte Ansagen und alles wird abgeschlossen. Das ist doch verlogene Scheiße! 

Da war es wieder. Kurz mal was zusammengefasst, wofür ich zehn Jahre gebraucht hatte, um es zu kapieren. Ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie ich als Lehrerin in Neukölln in einem Klassenraum gestanden und gedacht hatte:  Das ist doch alles Perlen vor die Säue, was ich hier mache. Wäre ich doch nur wieder an einem Gymnasium, wo man meine Fähigkeiten zu schätzen weiß!  Ich war wie ein großes weißes Baby auf einem anderen Planeten gelandet und konnte meine Schockgefühle nicht anders kompensieren als durch Abwertung der Menschen, die diese unangenehmen Gefühle in mir auslösten. Krampfhaft hielt ich mich fest an der Wahrheit, die mir eingebläut worden war: An der Hauptschule sind die dummen, kriminellen Kinder, der Abschaum. Natürlich sagte das keiner. Es hieß: Kinder mit Förderbedarf. Aber gemeint war das andere und wurde mit jeder Pore ausgeatmet. Die können sich nicht benehmen! Sieht man ja. Also hart durchgreifen! Warum habe ich damals diesen Glaubenssatz irgendwann losgelassen? Nichts sprach dafür. Alle schienen sich darin einig zu sein, dass eine demokratische und anspruchsvollere Pädagogik eben nur da funktioniert, wo die Kinder einigermaßen brav sind. Da, wo es kracht und wo größere Probleme auftauchten, wurde automatisch auf autoritäre Maßnahmen zurückgegriffen. Und was lag diesem seltsam unlogischen Verhalten zugrunde? Glaubten wir nun an eine Erziehung zum selbständigen Denken und zur Demokratie oder galt das Ganze nur für die angepassten, NORMALEN, braven Kinder? 

(Kurzer Einschub: Glauben wir an die zugrundeliegenden Werte von Demokratie/Vielfalt/Teilhabe oder gelten die nur, wenn alles ruhig und friedlich und NORMAL läuft – und wir KEINE KRISE haben? Und was genau halten wir für NORMAL? Einschub Ende). 

Wieso gibst du dich denn überhaupt mit diesen Chaoten ab?,  wurde ich damals immer gefragt,  willst du jetzt die Welt retten, oder was? Kennst du nicht den weisen Satz: Wer bis 30 nicht links ist, hat kein Herz und wer ab 30 immer noch links ist, hat kein Gehirn? (Einschub: Was auch immer „links“ heißt… Hier war wohl „sozialromantisch“ gemeint. Aber welche*r „Linke“ ist heute noch „sozialromantisch“, bzw. setzt sich ernsthaft für soziale Gerechtigkeit ein?? Einschub Ende). Man, Maike, du bist jetzt 34, das kann doch nicht sein, dass du so blöd bist?  Und ich dachte damals:  Tja. Vielleicht bin ich echt zu blöd. Aber ich sehe ja jetzt live und in Farbe, dass diese Kinder weder dumm noch kriminell sind, was soll ich also anderes sagen als: Dass wir uns geirrt haben? Dass es an unseren hinterwäldlerischen Schulen liegt, die immer noch vermitteln, dass jedes Kind es schaffen kann? Was soll ich anderes sagen, als dass wir uns noch immer weigern, die wahren Ursachen für die Disziplinprobleme anzugucken. Dass wir von einem NORMAL ausgehen, das ganz und gar fragwürdig ist. Dass wir nicht im Mindesten berücksichtigen, mit wie vielen Jetons die einzelnen Kinder an den Spieltisch gehen? Dass die einen Kinder über Säcke voller Jetons verfügen und die anderen nur einen einzigen in ihrer nervösen, schwitzigen Hand halten und genau wissen, dass sie ruiniert sind, wenn sie diesen einen Chip auf das falsche Feld legen. 

Ich fing damals an, Pierre Bourdieu zu lesen und zu verstehen, dass materielles Kapital sichtbar ist, soziales Kapital in unserer Gesellschaft aber irgendwie negiert und versteckt wird. So nach dem Motto: Es gibt doch keine Klassen mehr! Das war früher! Heute kann es doch jeder mit Fleiß und Zuverlässigkeit über den zweiten Bildungsweg schaffen! Wer wirklich will, der kann alles erreichen! Echt? Und ich musste an diese alten Scheine denken, die mein Vater noch von seinem Großvater hatte – in so einer abgegriffenen und doch irgendwie so majestätisch wirkenden Ledermappe: Banknoten, auf denen stand „30 Millionen Mark“. Das war das Geld aus der Zeit der Inflation, als irgendwann ein Brot eine Million DM kostete. Danach kam dann irgendwann die Währungsreform. Alles auf Null. Mein Vater erzählte mir häufig davon und seine Geschichte ging damals so: Eines Tages war es dann soweit. Als niemand mehr irgendetwas besaß, erhielten alle Menschen in Deutschland 100 Mark. So eine Art gerechter Neuanfang für alle. Nun waren alle gleich. Alle starteten mit denselben Chancen. Und dann – schon 5 Jahre später – zeigte sich, dass dieselben Menschen, die vor der Inflation reich und erfolgreich gewesen waren, es jetzt wieder waren – und die anderen – wie vorher – arm und kriminell. Daran kann man sehen, Maike, dass es eben Menschen gibt, die intelligenter und einfach besser sind als andere. Welchen besseren Beweis sollte es denn geben? 

Und ich dachte: Wow. So einfach ist das. Und als ich in Neukölln im Klassenraum stand und die Möbel aus dem Fenster flogen und Taher mich aus bösen Augen anfunkelte, dachte ich: Ok. Er ist halt einfach nicht so intelligent. Und deswegen ist er sauer. Ist ja alles völlig logisch. Und meine Aufgabe ist also jetzt, diese Chaoten auf Spur zu kriegen. Klare Regeln für alle. Weil die nicht selber denken können, muss ICH es für sie tun. Damit die endlich NORMAL werden. Das dachte ich damals WIRKLICH! Bis ich dann leider schrittweise feststellen musste: NOT. Und zunehmend dieser leise Zweifel aufkam: Eventuell ist Taher schlauer als ich. Kann mehr als ich. Sieht mehr als ich. Aber warum ist er dann hier? Und schon von vier oder fünf Schulen geflogen? Was ist da los? Und wenn ich anfange, diese Zweifel zuzulassen, bin ich dann eine Sozialromantikerin und leider leider dumm? Maike mit Förderbedarf. Die Antwort fand ich dann bei Pierre Bourdieu. 

Der Grund, warum nach fünf Jahren dieselben Leute wieder gut klarkamen und Wohlstand anhäuften und die anderen nicht, lag eben NICHT an ihrer höheren Intelligenz oder ihrem persönlichen „Besser-Sein“, sondern am sozialen Kapital: Hautfarbe (weiß), Lebensform: Bürgerliche Familie mit Vater, Mutter, Kindern, Vater berufstätig, Mutter Hausfrau, Mann darf heimliche Affären haben, Frau nicht, also klare hetero-normative Geschlechter-Rollen, dann Zugang zu Büchern, Bildung, Kultur. Netzwerke. Die Tatsache, dass weiße, „normale“ Menschen auf Ämtern netter und bevorzugt behandelt werden, schneller Wohnraum bekommen und bessere Jobs. Dadurch haben sie im Verhältnis weniger psychischen Stress und eine bessere körperliche Gesundheit und mehr Energie, um auch ihre allgemeine Situation ständig weiter zu verbessern. Wer am eigenen Leibe erlebt, dass sich persönlicher Einsatz lohnt und mit Geld und Anerkennung einher geht, blickt optimistischer auf die Welt – was wiederum neue Energie möglich macht. Mit angeborener Intelligenz oder „Besser-Sein“ hat es leider wenig – nun ja, eigentlich GAR NICHTS – zu tun. Was ich in Neukölln erlebte, brachte mich auf den sehr unangenehmen Gedanken, wie ich denn wohl selbst die Schulzeit überstanden hätte, wenn ich schon morgens die Streitereien meiner Eltern, Gewalt und tiefe Verzweiflung hätte erleben müssen. Hätte ich mich – direkt im Anschluss an einen Nervenzusammenbruch meiner Mutter am Küchentisch mit Weinen und Türenknallen und allem drum und dran – wenige Minuten später auf meinen Mathe-Test konzentrieren können? Wohl kaum. Aber das alles wurde in der Schule nie thematisiert. Alle hatten ja dieselben Chancen… Klar. Und jede*r ist halt seines eigenen Glückes Schmied. Echt? Das große weiße Riesenbaby, das nach Neukölln kam, wusste NICHTS von diesen Zusammenhängen. Warum nicht? Und noch viel wichtiger: Warum waren alle so abweisend, wenn ich darauf hinwies? Tja. Ich hatte es wirklich noch nicht kapiert. Niemand hatte ein ECHTES Interesse daran, diese Missstände zu beheben. Außer denen, die unter ihnen litten. Und DIE nahm niemand ernst. Zu „emotional“, zu „aggressiv“, zu „ungehobelt“. Ach echt? Wie wäre – ach Quatsch – wie BIN ich – wenn ich existentielle Ängste habe, wenn ich mich mit denen streite, die in meinem Leben für mich die Liebsten und Wichtigsten sind? Wenn ich Angst haben muss, dass alles zerfällt und ich alleine zurück bleibe? Sitze ich dann gefasst und zuversichtlich da und schreibe eine 1 im Mathetest? 

Am schlimmsten schien mir aber zu sein, dass niemand diese ganzen – eigentlich so offensichtlichen – Zusammenhänge offen zugab. Es gab einfach KEIN PROBLEM. Mir wurde immer wieder geschildert, wie GUT alles an den Schulen laufe, wieviel Fortschritt überall sei. Ja, ja, Maike, du hast da so eine besondere Sicht, aber du siehst gar nicht, was alles GUT läuft in unserem Schulsystem – in den meisten Fällen… du bist jetzt gerade auch sehr auf deine eigene, persönliche Situation fokussiert. Es ist nicht überall schlecht. – Nee, klar. Geh nach Hause und heule über die Ungerechtigkeit der Welt – oder werde mal erwachsen. Du bist schließlich schon ÜBER 30. 

Ich zünde mir eine weitere Zigarette an und versuche beim Gedanken an diese vergeblichen Debatten nicht sauer zu werden. Nützt ja alles nichts. Besser ist es, der Vorlesung von Taher weiter zuzuhören. Da kann ich auf jeden Fall was lernen. 

Und die geht ab. Ich merke augenblicklich, wie meine Laune besser wird: 

Nächste Phase war dann bei mir: Ich dachte, dass ich es einfach nur schaffen muss, was aufzubauen, wo ich selber die Regeln für die anderen bestimme,  sagt Taher jetzt, aber dann bleibt das Problem ja dasselbe. Nur, dass dann eben ANDERE rausfliegen. Denen geht’s dann genau so wie mir. Scheiße. Also auch nicht die Lösung. Für mich ist ein System, in dem ein paar wenige sagen: So ist das richtige Leben und so musst du sein, bla bla, basta, streng dich halt an – das ist für mich Patriarchat. Da sind dann alle Einzelkämpfer—innen – ja, siehste, das sag ich jetzt auch mit so ner Pause drin, auch, wenn meine Kollegen dann so sagen „Ey, bist du jetzt ne Schwuchtel geworden, oder was?“ – egal. Genau das ist ja das Problem. 

Jedenfalls: In so einem System kannst du immer nur zwei Sachen machen: Entweder dich anpassen und vergessen, wer du eigentlich selber bist oder sein willst und dann depressiv werden – oder angreifen. Und wenn du angreifst, ist es sehr wahrscheinlich, dass du als Opfer endest. Es sei denn, du schaffst es, dass sich andere an DEIN System anpassen – und dann auch wieder vergessen, wer sie SELBER sind und auch wieder depressiv werden und nur auf ihr Fresschen warten. Und so weiter. Teufelskreis. Ich dachte immer, wenn ich der Babo bin, dann gehts MIR wenigstens besser. Aber nee. Stimmt gar nicht. Weil ich dann ständig aufpassen muss, dass MICH keiner angreift. Ich darf mich dann nicht mehr weiter entwickeln, mich nicht mehr verändern, nicht mehr zuhören, was andere sagen, weil: Dann heißt es sofort: Ey – WAS! Gestern hast du aber dies das gesagt! – Und schon bist du angreifbar, weil das als Schwäche gesehen wird. Dass du deine Meinung geändert hast. Deswegen werden die Leute, die Anführer sind mit der Zeit so dumm. Weil die wissen: Wenn ich anderen zuhöre und nachdenke, was richtig ist und meine Meinung dann ändern muss, dann nutzen die anderen das aus und dann verliere ich meine Macht. Das ist das Problem. Denn in so komplizierten Zeiten wie jetzt musst du ja dauernd deine Meinung ändern. Jedenfalls, wenn du schlau bleiben und WIRKLICH was besser machen willst. Denn es ist alles unübersichtlich und du musst echt beweglich sein im Kopf. Du kannst ja auch nicht sagen: Ich will mit Internet nix zu tun haben, weil es geiler war mit so Postkarten schreiben. Geht ja nicht. Wenn du so drauf bist, musst du in den Wald ziehen, wallah! Ist ja so. Aber ich will nicht in den Wald ziehen. Ich will hierbleiben und hier was machen. Und zwar nicht nur machtgeil sein und Sprüche ablassen – sondern echt mal was verändern. Was machen, was ALLE weiterbringt und nicht immer nur dieselben. Und deswegen sag ich eben auch Einzelkämpfer*innen mit Pause drin. Weil – diese kurze Pause – das ist nämlich in Wahrheit ein guter Code. Ein Code für Skala. Dass auf einer Skala „von-bis“ alles geht. Nicht eine Sache ist richtig und die andere falsch. Nee! Dann müsste man sich ja wieder für eins entscheiden und dumm bleiben. Skala ist ne echte Alternative zum Patriarchat. Denn nicht EINER hat die EINE richtige Wahrheit und kann damit die Regeln für alle bestimmen, sondern ALLE müssen aus der Fresschen-Trägheit raus und sich zu Wort melden. Aber nicht gegeneinander. Sondern als Ideengeber, um das Problem MIT zu lösen. Wie in diesen Filmen, wo so voll unterschiedliche Typen auf ner gemeinsamen Mission sind und nur der Nerd die Bombe entschärfen und nur die Zirkusartistin den Salto Mortale vorbei an den Bewegungsmeldern machen kann, die den Alarm auslösen würden… du weißt schon, ich glaub, Mission Impossible oder Ocean’s Eleven, aber diese Filme sind ja alle so. Diverse Teams, wa? 

Wie krass, denke ich. Eigentlich höre ich hier eine flammende Rede für Feminismus. Und das von Taher. Und sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich das denke. Warum auch NICHT von Taher? Scheinbar habe ich die Skala selber nicht verstanden. Ich habe SELBER Kategorien im Kopf. Darf sich für Feminismus nur einsetzen, wer weiblich konnotiert ist? Oder queer? Schon ich selber bremse mich ja ständig, weil ich als weiße, privilegierte Frau besser Raum machen sollte für andere. Taher ist alles andere als privilegiert. Aber er ist ein heteronormativer Cis-Mann, wie er ja selber feststellt. Allerdings eben nicht älter und nicht weiß. Aber ist dieses Denken in Kategorien nicht gerade hinderlich, wenn wir das Denken in Skalen lernen wollen und NICHT ausgehend von Normen? Oder ist das ein notwendiger Zwischenschritt, dass wir das soziale Kapital so genau definieren müssen – damit es die Leute ÜBERHAUPT aus ihrer überheblichen „Das-ist-doch-Perlen-vor-Säue-Haltung“ heraus schaffen? 

Ich mach mal ein Beispiel, sagt Taher, mein Sohn Ali. Der ist drei. Der fährt immer auf pink ab. Soll ich dem jetzt beibringen, dass der blau gut finden soll? Warum? Weil sonst jemand sagt: Das ist ne Schwuchtel, oder was? Dann lernt der doch gleich das Falsche, nämlich Opfer zu sein und sich anzupassen. Dann lernt der schon mit drei, dass seine eigene Sache nicht richtig ist. Wer hat das bestimmt, das Blau für Jungen ist und pink für Mädchen? Oder überhaupt diese ganzen Sachen, was angeblich normal ist? Ich hab ganz lange gebraucht, um zu kapieren, dass ich keine “Schwuchtel“ bin, nur weil ich Gedichte schreibe und lieber mit Frauen rede, als mit Männern – und manchmal weinen muss. Und das Wort „Schwuchtel“ – was ist das? Das hab ich jetzt auch so als Beleidigung benutzt, weil ich das so kenne, aber warum sagen das überhaupt alle? Was soll das eigentlich? Warum immer so: No homo, no homo? Ey man, die Leute sind echt krank, Alter. Wenn ich Männer lieben würde, würde ich Männer lieben. Auch gut. Oder das Wort „Männer“ abschaffen. Was sind Männer? Was sind Frauen? Was sind Araber? Was sind Deutsche? Was sollen diese Wörter? In Wahrheit sind alle auf ner Skala, oder ich sag mal, auf vielen verschiedenen Skalen an unterschiedlichen Punkten, so bisschen mehr in die eine Richtung oder die andere. Und dann geht das Leben weiter und wir erleben dies das und dann verschiebt sich wieder was auf den Skalen. Ich bleib doch nicht immer so, wie ich geboren bin! Aber das können wir immer gar nicht trainieren, dieses Rausfinden, WO auf ner Skala wir gerade sind, weil angeblich immer irgendwas NORMAL ist. Und klar. Dann will ich möglichst normal sein. Also nicht der Freak, über den alle lachen. Deswegen hab ich auch immer so Sport gemacht – Muskeln – definierte Körper, du weißt schon – ich wollte so aussehen, wie Abbas. Wie n richtiger Typ halt. Und immer so hart gucken und unfreundlich sein. Dass die Leute Angst haben vor mir. Und dann so zwei Gesichter haben: Ne Frau wie ne Königin behandeln, dies das, und sie dann eiskalt fallen lassen. Ja genau, das ist so n Machtding. Aber eben. Krass. So bin ich eigentlich gar nicht. Mit Rabia kann ich so sein, wie ich wirklich bin. Weich sein. Gefühle haben. Kuscheln. Ja. Mit Rabia. Mit Ali. Ehrlich reden. Ich muss gar nicht auf die Kacke hauen. Will ich auch gar nicht. Aber eben. Ging im normalen Leben draußen nicht. Ich wollte wenigstens als Mann NORMAL sein, wenn ich schon nicht als normaler Deutscher respektiert werde. 

Und jetzt komm ich nämlich zu dieser Sache, die ich kapiert hab. 

Das ist nämlich ECHT ne super Taktik, so eine heimliche Matrix der Normalität zu installieren. Weißt du, was ich meine? Ein heimlicher Code, was als normal gilt und was nicht. Wie so ne Macht-Software für die Gesellschaft. Und wem nützt so ne Matrix? Denen, die Papas sein wollen – oder Mamas. Denen, die Macht haben und sie behalten wollen. Logisch. Für die ist es geil. Du denkst jetzt, ich spinne, aber ernsthaft: Ich glaube, es gibt eine heimliche Matrix der Normalität, die einigen Vorteile und Macht bringt, ohne, dass sie es offen zugeben müssen. Denn wenn die Matrix als heimlicher Verhaltens-Code erstmal gilt, kontrollieren sich alle gegenseitig, dann muss ich gar nicht mehr so dicke Gitterstäbe machen. Das ist so wie dieses mit dem Panoptikum, diesem Gefängnis mit Wachturm in der Mitte, du weißt schon: Foucault, wa? Und das läuft gerade. Und weil das von außen nicht so aussieht wie ein Gefängnis, merken die Leute das nicht. Die denken immer noch, dass wir im demokratischen Stuhlkreis sitzen. Aber ist nicht so. 

Ich mach noch mal n Beispiel. Hier: Stell dir mal vor, ich installiere jetzt so ne Taher-Normal-Matrix, die mir selber nützt: Also wenn man so ist wie ich, ist man normal. Und hier, du weißt schon: Statuslehre, wa? Wer am meisten normal ist, hat den höchsten Status. Also wer so voll „Taher-mäßig“ ist, kriegt voll die Props. Und wer am wenigsten Taher-mäßig ist, ist voll Opfer. Wär ja auch entspannt: Diese ganzen weichen, intellektuellen Biokartoffeln mit Seitenscheitel und großen Vintage-Brillen können sich dann einfach mal abmelden. Nee, nur Spaß! Die sind ja auch eigentlich alle Skala. Aber die versuchen eben auf der „Ich-bin-voll-woken-und-benutze-die-richtigen-Wörter-Skala“ auch nur NORMAL zu sein. Also sind die ja auch nicht sie selber. Also man weiß nicht, wo die in ECHT auf ihren Skalen sind, was die wirklich denken und träumen und was die WOLLEN. Wissen die aber vielleicht auch selber nicht. Egal. Das ist alles das Problem. 

Und sowas läuft überall, auch in den Familien, so war Abbas – und warum war der so? Der hat gesehen: Hier in Deutschland bin ich in der Foucault-Wachturm-Normal-Matrix voll das Opfer und da hab ich keinen Bock mehr drauf, also greif ich mal an und mach meine eigene Abbas-Normal-Matrix. Und die Biokartoffeln mit den Seitenscheiteln und den Vintage-Brillen und den richtigen Wörtern, die denken so: Ach, die armen kleinen Gangster, die machen alle einen auf toxische Männlichkeit… Dabei machen die eigentlich dasselbe! Die machen auf toxische Intellektualität. Die reden so, dass keiner das kapiert. Als ob die auch gar nicht WOLLEN, dass ich das kapiere. Die freuen sich fast, wenn ich mich dann früher noch so aufgeregt hab über Gender-Toiletten. Dann können die sich so Blicke zuwerfen. So „guck mal“, der arabische Macho mit „nix-im-Hirn“, der checkt`s nicht, und dann können die sich geiler fühlen, weil die dann auch ne Abgrenzung machen. Das ist aber dann auch wieder binär! Die brauchen die „Dummen“, damit sie sich selber „klug“ fühlen können. Das ist AUCH wieder ausgrenzend und NICHT Skala und dann merken die gar nicht: Bei Gender und Rassismus sind die theoretisch voll woken, aber nicht PRAKTISCH, weil: die kapieren trotzdem nur ihre eigene Welt! Sehen die meine Welt? Dann würden die verstehen, warum ich mich lange Zeit nicht so drum kümmern konnte, was alles Kluges hinter der Idee der Gendertoiletten steckt. Und da so überheblich und ignorant sein – das ist ja dann auch nicht viel besser, als diese Typen am Brandenburger Tor, die angeblich für die Demokratie und Grundrechte protestieren, aber noch nie mit ner arabischen Mama geredet haben, die Angst hat vorm Elternsprechtag. Welche Grundrechte? Für wen? Die behaupten, dass sie für die Freiheit von allen kämpfen, aber eigentlich gehts denen nur darum, dass ihr Leben ein bisschen nerviger geworden ist. Ein bisschen so, wie unser Leben schon die ganze Zeit gewesen ist. Ich bin auch für Demokratie und Freiheit – aber für alle.

Und deswegen jetzt mal ganz ehrlich: Wir müssen das mit der Skala kapieren. Und von wo aus jede*r redet. Ich hab das endlich mal alles gelesen, im Krankenhaus, über Feminismus und Machtverhältnisse und so, da hatte ich ja auch mal Zeit ohne Ende. Das hätte mir aber auch schon vorher mal jemand in normalem Deutsch erklären können! Dann hätte ich schon viel früher kapieren können, dass es gar nicht gegen Männer geht! Sondern gegen diese Normal-Matrix-Gefängnisse, in denen wir alle drin stecken. Aber statt, dass sowas Wichtiges mal verständlich in die Welt kommt, quatschen alle nur so unter sich und lassen keinen rein. Jedenfalls fühl ich das so. Als ob ich da nicht mitmachen darf, weil ich ein Mann bin. Und Araber. Und nicht die richtigen Wörter benutze. Dabei müssen das doch viel mehr Leute kapieren, damit sich was ändert! 

Aber die, die das erklären könnten, überlassen es irgendwelchen anderen bei den Medien, bei der Bild Zeitung oder auch spiegel online und so, das zu erklären. Aber die Journalisten haben es meistens auch nur so halb kapiert, und fassen es dann so zusammen, dass alle, die das lesen, denken: OMG – wir haben echt andere Probleme als Gender-Toiletten und Identitätspolitik! Und dann kapiert kein Mensch, dass es ja eben gerade darum geht, NICHT mehr Identitätspolitik zu machen – sondern endlich mal in Skalen zu denken – zu akzeptieren, dass alle verschieden sind. Und dass wir uns zusammentun müssen und diverse Teams brauchen! 

Ey Alter und wenn das aber keiner checkt, dann geht das immer so weiter. Dann setzt sich das mit der Skala niemals durch. Dann herrscht immer weiter irgendeine heimliche Normal-Matrix, die die einen zu Gewinnern macht und die anderen zu Losern. Und die Probleme – Pandemie, Klimawandel, dies das – das bleibt ALLES ungelöst, Chaos, Krieg, ständiges Gegeneinander, Verwirrung. Konkurrenz forever! Abbas, Markus Söder forever! Weil: Wegen der Normal-Matrix bleiben die, die Macht haben, dumm, und EINSAM, weil die so tun müssen, als hätten sie die Lösungen für alles. Und alle anderen versuchen ‘normal’ zu sein, um nicht raus zu fliegen und verstecken ihre eigenen Stärken und Ideen – bis sie sie selber gar nicht mehr kennen. Alle männlichen Leute versuchen blau gut zu finden und alle weiblichen pink und alle Araber versuchen keine Schwuchtel zu sein und definierte Körper zu haben und alle Frauen versuchen dünn zu sein und Männern zu gefallen ODER ganz krass anzugreifen – also alle versuchen immer in der heimlichen Normal-Matrix angepasst zu sein oder hart anzugreifen – aber KEINER weiß, was er sie es SELBER ist oder kann! Das ist doch Scheiße! Und guck mal, wozu das geführt hat: Wenn mal EIN größeres Problem auftaucht, wie so ne Pandemie, dann wird genau das, was sowieso schon ungelöst und schlecht war, noch tausend Mal schlechter. Das heißt: So, wie wir es bis jetzt gemacht haben – so funktioniert es nicht. Es gibt keinen Plan für die Probleme, die wir JETZT haben und die noch kommen. Aber: Wenn wir alle Millionen Ideen von VERSCHIEDENEN starken, zufriedenen Menschen zur Verfügung hätten, weil keine Normal-Matrix mehr herrscht – und deswegen auch keine Konkurrenz mehr – ey Alter, dann wäre sowas wie Klimawandel ein Kinderspiel für den Homo sapiens. 

Und weißt du, was ich jetzt mach? Ich mach jetzt Dekonstruktion. Dekonstruktion der Normal-Matrix. Und wie geht das? Wissen rausballern und lernen in SKALEN zu denken. Normen abschaffen und sich stattdessen an Werten orientieren. Klar reden. Lernen, klar von sich selber zu sprechen und kapieren, wer Macht hat und wer nicht und warum. 

Und dafür müssen wir endlich wieder zusammenkommen. Wir müssen eine Lösung finden, wie das geht. Ohne dass dadurch mehr Leute sterben. Da muss es eine Lösung geben. Geht nicht mehr, dass alle alleine in der Wohnung hocken, Chips fressen, weinen und träge und depressiv werden. 

Guck mal, was ist das hier? Das ist ein leeres Haus! Wo früher Theater und Gastronomie und Konzerte waren! Jetzt ist das ne Scheiß-Ruine. Und wisst ihr was? Ich zieh jetzt hier ein. Ich besetze dieses Haus. Und organisiere Zusammenhalt. Es braucht erstmal überhaupt Bewusstsein dafür, dass Menschen aus krass unterschiedlichen Positionen herausreden. Und um das zu checken, müssen wir zusammenkommen. Und todes-lange und viel reden. Bis wir uns VERSTEHEN. Und dafür brauchen wir einen ORT! Und guck mal: Hier ist einer. Ein leeres Haus. Also ich zieh jetzt hier ein und dann gehts los. Zusammenhalt organisieren. Hier und im Netz. Aber das hier wird die Zentrale. Hier ist nix mehr. Und genau hier fangen wir neu an. Yallah! 

Ich sitze da und weiß nicht, was ich sagen soll. Abdi stellt seine Flasche ab und fängt an – in die totale Stille hinein – zu klatschen. Und ich merke: Genau. Mehr ist dem nicht hinzuzufügen. Und ich steige in den Applaus mit ein. Taher winkt ab und zündet sich eine Zigarette an. Abdi bringt neue Getränke. 

Dann lass mal klären, wie wir das jetzt machen, sagt Abdi, dass du jetzt hier unterkommst. Ich finds gut. Dann ist hier mal wieder Leben. Und wer weiß, vielleicht passiert ja dann endlich mal was? Du scheinst ja was gecheckt zu haben, Bruder…

Taher nickt. Wir stoßen an. Ohne Worte. Dann legt Taher den Kopf auf den Tresen und murmelt:  Alter, bin ich müde, man… kann ich hier irgendwo pennen? 

Abdi wirft mir einen Blick zu und ich muss lachen, weil es so wirkt, als ob der Papa mit der Mama jetzt beschließt, das Kind zu Bett zu bringen. Aber in diese Falle werden wir nicht tappen. 

Keine Papas und Mamas mehr!,  sage ich lächelnd und Abdi nickt. 

Nee, aber pennen kann er trotzdem hier. Ich mach mal die Luftmatratze klar. Und bisschen Fürsorge ist ja auch nicht dasselbe wie Mama und Papa spielen. Ich glaub, so ein bisschen Wärme – ja, Liebe, wa? – kann jede*r von uns gebrauchen… 

Und Abdi verschwindet im Treppenhaus hinten, um eine Luftmatratze zu holen. Taher ist inzwischen – direkt an Ort und Stelle – eingeschlafen. 

Ich puste die Kerze aus, Abdi kommt zurück und pumpt die Luftmatratze auf, wir hieven Taher vom Barhocker, er murmelt etwas, lässt sich aber bereitwillig führen. Dann liegt er auf der Matratze, Abdi schiebt ihm ein Kissen unter den Kopf, ich decke ihn mit einer großen Wolldecke zu, die Abdi ebenfalls hervorgezaubert hat. 

Schlaf gut, Bruder,  sagt Abdi, und zu mir gewandt:  Ich schau dann morgen mal nach ihm und bring so bisschen Frühstück vorbei. Du kannst ja dann auch dazu kommen, ich schick dir ne Nachricht. Und dann machen wir einen Plan. 

Ich nicke. Das hört sich gut an. Wir machen ein Plan. 

Abdi legt Taher einen Zettel neben das Kopfkissen:  Sind morgen so um 9 Uhr wieder hier. Lichtschalter ist am Tresen links. Fühl dich wie zu Hause, Bruder. Bis gleich. Dann löscht Abdi das funzelige Licht des Kronleuchters und wir schleichen uns im blauen Schein unserer Handies am schlafenden Taher vorbei nach draußen. 

Bis morgen,  sagt Abdi und schließt die Tür sanft und vorsichtig hinter uns zu. 

Bis morgen.