Türwächter*innen der Freiheit Teil 3/ Kapitel 5: Eine neue Schule für ein neues Leben

Als ich am nächsten Tag gegen Mittag Abdis Nachricht erhalte und mich auf den Weg zum Heimathafen mache, erwarte ich nicht mehr als ein weiteres kleines Treffen mit Taher und Abdi, ein bisschen Kaffee, ein bisschen Geplauder am Tresen und ein paar Ideen, wie man es für Taher etwas gemütlicher machen könnte. Aber als sich auf mein Klopfzeichen hin die kleine Seitentür öffnet, höre ich von drinnen bereits Stimmen und Gelächter – und ich sehe mehrere Leute – mit Abstand – vor und hinter dem Tresen sitzen. Und als ich etwas irritiert und vorsichtig auf die kleine Gruppe zugehe, traue ich meinen Augen nicht.  Die junge Frau, die da mit einem Baby auf dem Schoß hinter dem Tresen sitzt und mich anlächelt – das ist: Sabrina. Und neben ihr, die beiden Männer mit den Baseball-Caps und den Bärten, das sind: Mahmout und Chris… Stimmt das wirklich? Oder träum ich das? Und noch während ich überlege, ob das überhaupt sein kann, drehen sich die drei Menschen VOR dem Tresen auf ihren Barhockern um: Es sind Taher, Gülüzar und Omar.  Das ist jetzt wirklich wie im schlechten Film,  denke ich.  Sabrina wirft mir eine Kusshand zu:  Lange nicht gesehn, Frau Plath! Schau mal, wen ich mit gebracht habe…  sie hebt das Baby hoch, streckt es mir entgegen,  das ist Joey… also Joanne… 

Joey strahlt mich aus runden, blauen Augen an, wedelt mit den Ärmchen und sagt „Da…!“. Ok. Das kommt jetzt alles etwas unerwartet. Ich schlucke und schließe kurz die Augen. Wieso bin ich in letzter Zeit so weinerlich geworden? Aber natürlich weiß ich es. Und ich weiß auch, dass ich in diesem Augenblick keine Lust habe, darüber nachzudenken. Ich sehe erstaunt, das kleine Buffet, das irgendjemand auf dem Tresen aufgebaut hat. Mehrere Schüsseln mit leckeren Salaten, Gemüse, Falafel, Haloumi Käse, Soßen, frisches Brot, Obst. Wer hat das alles hier hin gezaubert? Und wie lange sitzen die hier schon? Wir tauschen ein bisschen „Lange-nicht-gesehen-was-machst-du-und-wie geht’s-dir-denn-Geplänkel“ aus. Aber irgendwie scheint die Phase des „Wie-geht’s-DIR-denn- Smalltalks“ schon vorbei zu sein. Ich bin zu spät, so ein bisschen der letzte Gast auf der Party. Und irgendwas ist im Gange. Oder bilde ich mir das nur ein? Abdi stellt mir einen schaumig-cremigen Latte Macchiato im Glas vor die Nase. 

Danke.

Er nickt. Es ist seltsam still. 

Alter, kann mir mal jemand sagen, was hier abgeht?,  frage ich lachend,  hat jemand im Lotto gewonnen oder was? Oder die Weltformel entdeckt?

Nicht schlecht, nicht schlecht,  murmelt Chris zustimmend und zündet sich eine Zigarette an.

Das ist auch so eine lustige Begleiterscheinung dieser Krise, dass an Unorten wie diesen plötzlich wieder drinnen geraucht wird, wie in so einem alten 70-er-Jahre Film. Bei Zoom Konferenzen ja sowieso. 

Und was soll das nun heißen?  frage ich. 

Wir haben nur so paar Pläne gemacht, dies das,  sagt Taher. Aber sein Blick sagt was anderes. Von wegen dies das. 

Und dann werde ich endlich eingeweiht. 

Das sind abgefahrene Zeiten gerade, sagt Taher,  und ich glaub, es wird nicht mehr so wie früher. Auch, wenn das hier mit der Seuche mal irgendwann vorbei ist. Dann siehts vielleicht nach außen wieder so aus wie früher, aber trotzdem ist dann alles anders. Weil wir anders geworden sind. Bei mir ist es so: Wenn ich an meinen Sohn Ali denke, dann finde ich, dass es gerade echt unsichere Zeiten sind, um Vater zu sein. Man will es richtig machen, besser als die Männer der Vergangenheit, die immer so getan haben, als würde ihnen die Welt gehören. Wer glaubt denn noch ernsthaft, dass es die Väter sind, die den Lauf der Dinge checken, wo doch das Patriarchat mit den ganzen Machern und Wissern und Problemlösern unseren Planeten an die Wand gefahren hat? – Naja, fast. 

Sabrina sagt leise “Yes!”, die anderen nicken und Taher redet weiter. 

Ich will euch jetzt gar nicht weiter voll labern, es geht mir nur darum: Was machen wir jetzt? Wie geht’s weiter? Ich hab das Gefühl, dass das meiste, was ich vor dieser Krise gemacht habe, überhaupt keinen Sinn gemacht hat. Morgens aufstehn, duschen, essen, trinken, dies das, irgendwas arbeiten, sich anstrengen, sich beschäftigen, sich Sorgen machen wegen irgendwelcher unwichtigen Sachen, irgendwie so 24/7 im eigenen kleinen Tunnel rumrödeln, während draußen die Welt untergeht. Ich hab ehrlich gesagt nie über die Welt nachgedacht, jedenfalls nicht so, dass ich da irgendwas dran ändern kann, kümmern sich ja andere drum, dachte ich. Aber krass. Hat sich halt sonst – außer mir – auch kein anderer so richtig n Kopf gemacht. Irgendwie waren scheinbar ALLE in ihren kleinen privaten Tunneln am Rumrödeln. Ich denke, das ist jetzt vorbei. Ich will jetzt was Sinnvolles machen. 

Und ich wollte doch schon immer so Box Training für Jugendliche anbieten. Das mach ich jetzt – aber das ist eher so`n Box Training fürs Leben, was ich vorhabe. Guck mal, die Kinder sind gefühlt seit hundert Jahren nicht mehr in der Schule. Aber ich glaub, die haben da auch vorher schon nix Relevantes mehr gelernt. Das läuft doch auch schon seit Ewigkeiten so tunnel-mäßig ab. Immer so dies: „Weil wir das immer so gemacht haben, können wir das jetzt auch nicht ändern“ – ihr wisst schon – diese Haltung. Und ich finde das so abartig. Früher sind die durchgedreht, wenn ich mal ne Woche fehlen wollte wegen Theaterproben. Und jetzt ist es ok, dass es zwei Jahre einfach mal gar keine Schule gibt. Pandemie. Ach so. Und nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Und vorm Klimawandel. Also wenn Schule so unwichtig ist, dass sie immer ausfällt, wenn ganz normale Gegenwart passiert, nämlich Probleme wie Pandemie, Klimawandel, dies das, ja dann… ok. Lassen wir das doch einfach. Brauchen wir vielleicht SO dann auch nicht mehr. Deswegen hab ich Bock, ne andere Schule aufzumachen. NE Schule fürs Leben. Hieß früher auch schon so. Weiß ich. Aber war nur Gelaber. Hatte mit Leben ja nie so viel zu tun, wa?  

Taher lacht kurz, aber seine Augen lachen nicht mit, also machen wir hier jetzt mal einen kleinen Neustart, so ne Art Lebens-Box-Training. So Boot-Camp-mäßig. Und wenn ihr hier soweit seid, und ich euch meinen Plan vermittelt hab, Taher macht eine kurze Handbewegung hin zu Mahmout, Chris, Sabrina, Gülüzar und Omar, dann könnt ihr selber Trainer werden und eure eigenen Boot Camps leiten. Und wir können ja die Kinder erstmal hierher holen. Denn alleine in ihren Zimmern hocken, das ist echt nicht gut für die. Die müssen raus. Und die können wir vorm Virus auch anders schützen. Ich hab da so`n Bekannten, der kann ne App programmieren, wie man selber ganz persönlich auf sich aufpassen kann. Das können wir hier nutzen. Und wenn die Schulen dann irgendwann wieder offen sind, gehen wir dahin und bewerben uns als Aushilfslehrer*innen. Die nehmen uns doch sofort – weil: Gibt ja überall den Mega-Monster-Lehrer-Mangel. Und: Wir verbreiten unser Lebens-Box-Training natürlich auch im Netz. Bis niemand diese alte Schule mehr braucht, man. 

Gülüzar ruft: Geil. Wir werden die neuen Lehrer!

Lehrer*innen, korrigiert Taher milde. 

Box Training fürs Leben find ich gut, Alter, sagt Mahmout. 

Sollten wir nicht auch gleich Kurse in den Lehrerzimmern anbieten?, schlägt Omar vor und lacht, vielleicht können die das auch brauchen: Box Training fürs Leben, da hab ich jetzt schon Bock drauf, aber hast du denn überhaupt n Plan, Alter? Oder du denkst du dir das gerade alles nur aus? 

Taher macht sein Schnalz-Geräusch mit der Zunge: Ey Digger, klar hab ich n Plan, was denkst DU denn? 

Aber du hast keine Ausbildung, kein Zeugnis für sowas, sagt Sabrina.

Taher schüttelt den Kopf: Wir brauchen keine Zeugnisse und Prüfungen mehr. Das sind nur die Instrumente der Mächtigen, und die habens verkackt. Für die wichtigsten Sachen im Leben gibt es keine Abschlüsse. Am besten lernt man an Vorbildern. Und ich hatte die falschen. Aber was ich habe ist: Alles, was ich bisher im Leben gelernt habe. Und durch Nachdenken. Ich will jetzt wenigstens mal damit anfangen, selbst ein Vorbild zu sein. Das hätte ich nämlich gebraucht. Ein Vorbild, wie man JETZT HEUTE mit all den Sachen umgehen kann. Und deswegen werd ich jetzt selber Lehrer. Und ihr vielleicht auch, wenn ihr da Bock drauf habt. 

Es wird kurz still, während alle ihre kleinen persönlichen Filme im Kopf abspielen, wie sich das wohl anfühlen würde, hier im Heimathafen eine neue andere Schule zu starten, eine geheime Schule in der Krise – eine Schule fürs Leben. Für das Leben, das WIRKLICH stattfand. JETZT stattfand.  

Wir sind dann so bisschen wie die Hisbollah, wa,  sagt Gülüzar nachdenklich,  also so die, die auf dem Schlachtfeld die Verwundeten und Verletzten aufsammeln und die wieder fit machen, und denen helfen mit Essen, Trinken, Geld, dies, das, wa? 

Sind wir jetzt plötzlich im Scheiß-Krieg oder was,  sagt Chris und guckt verwirrt,  hab ich jetzt irgendwas verpasst, oder was?

Taher winkt ab. 

Nee, man. Ich würd das jetzt ma nicht mit der Hisbollah vergleichen. Obwohl das hier allmählich auch wie so ne Art Krieg ist – auf ner anderen Ebene – also klar: Null vergleichbar mit – Beispiel – Libanon Krieg, klar. Aber hier sind die Opfer auch mal wieder dieselben: Die Kinder, die Alten, die Armen… Wenn was schief läuft- immer dasselbe. 

Also doch Hisbollah, sagt Gülüzar. 

Nee, Taher schüttelt jetzt entschieden den Kopf, GAR NICHT Hisbollah – weil: Die Hisbollah versorgt die Leute und hält die aber weiterhin in einer schwachen Position. Die machen ja kein Box-Training fürs Leben!, er lacht. Die haben ihre eigenen Interessen und instrumentalisieren die Leute. Das ist eigentlich dasselbe wie das, was Abbas macht: Guck ma, ich geb euch essen und beschütze euch, aber dafür müsst ihr dann auch auf meiner Seite sein und auch mal was für mich machen, wenn’s drauf ankommt. 

Und wir machen das nicht, oder was?,  fragt jetzt Mahmout mit einem kleinen Grinsen. 

Nee, genau, wir machen das NICHT, sagt Taher ernst,  wir machen die einfach stark, fertig, so dass die selbst klar kommen und ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Die müssen nicht das denken, was ich denke. Hauptsache, die lernen, kein Opfer zu sein. 

Und das geht genau wie?,  fragt Sabrina.

Taher scheint wirklich viel Zeit zum Nachdenken gehabt zu haben, denke ich. Er hat auch darauf eine Antwort: 

Erstens: Die eigene Geschichte kennen und dazu stehen. Zweitens: Wissen, was man kann und was nicht. Drittens: Die Codes von denen verstehen, die gerade Macht haben und dann die Codes knacken. Viertens… 

Omar unterbricht mit einem lauten Seufzer:  Die, die Macht haben, haben doch keine Codes, man. Die haben einfach Kohle. Geld regiert die Welt. Da wird das mit so Codes knacken nichts bringen. 

Falsch!, ruft Taher und haut mit der flachen Hand auf den Tisch:  Geld ist zwar wichtig, aber Codes sind wichtiger. 

Oh man, stöhnt Chris,  was denn für Codes? Manchmal denk ich echt, du hättest mal Professor werden sollen. Versteht ja kein normaler Mensch mehr, was du laberst! Rede mal ordentlich, man! 

Taher lacht. Sorry Leute. Ihr werdet schon sehen. Wichtiger Teil vom Lebens-Box-Training ist: Lifestyle statt Kohle. Was sind die neuen Status-Symbole der Mächtigen? Nicht die Rolex, nicht Markenklamotten, nicht Champagner, nicht das teure Auto. 

Sondern?,  fragt Gülüzar – plötzlich interessiert. 

Style, sagt Taher und macht eine bedeutungsschwere Pause.  Eine Idee, wie man gut lebt. Das ist heute die neue Rolex. Und genau da werden wir sie überholen. So lässig und entspannt an ihnen vorbeiziehen. Mit dem NEUEN Style: Nämlich nicht nur, wie man gut lebt und Geschmack hat und nachhaltig lebt und woken ist. Sondern wie man dieses Geheimnis von Style TEILT, statt es zu benutzen, um sich von den angeblichen Asis abzugrenzen und Elite zu sein. Das Lebens-Box-Training verteilt Geheimwissen über Macht an alle. Wie man sich mit anderen Menschen und in der Welt BENIMMT. Wie man redet, wie man Beziehungen führt, wie man seine Ideen einbringt und sein Leben baut wie ein Scheiß-Kunstwerk. Auf das Ziel hin den Planeten zu retten. Das ist die neue Macht. Wir brauchen keine Rolex, Markenklamotten, Kohle – wir entwickeln den Code, wie man die Welt rettet und dabei auch noch glücklich wird. Den Style von morgen. Die Macht von morgen. Das lernt man in meinem Lebens-Box-Training. – Viertens… 

Es geht noch bis Zehntens. Aber ich höre nicht mehr zu. Weil ich plötzlich sehr müde werde. Und gleichzeitig beruhigt. Da passiert gerade was. Auch ohne mich. Ich kann mal kurz einfach hier sitzen und NIX machen. Ich trinke langsam meinen Kaffee und beobachte diese seltsam irreale, schöne Szene – wie einen Film ohne Ton. Eine neue Schule für ein neues Leben. Warum träumen wir davon – und machen es nicht?