Türwächter*innen der Freiheit Teil 3/ Kapitel 6: Die Welt von morgen

In den darauf folgenden Wochen verwandelt sich der Heimathafen in einen seltsam unwirklichen Ort zwischen den Welten. Von außen scheint das Gebäude unverändert tot und verlassen, aber wenn sich jemand die Mühe gemacht und über einen längeren Zeitraum im vermüllten und herbstregennassen Hinterhof stehen geblieben und auf Beobachterposten gegangen wäre, hätte dieser Mensch Interessantes zu sehen bekommen. Alle zehn bis fünfzehn Minuten scheint sich da ein Kind in den Hof zu verirren, dort so ein bisschen wie bestellt und nicht abgeholt rumzustehen, mit konzentriertem Blick auf das Handy zu starren, um dann ganz plötzlich sehr zielgerichtet in Windeseile durch die Seitentür des Café Casablanca zu verschwinden – lautlos und mit großer Selbstverständlichkeit. Tür auf, Tür zu, Stille.

Die heimliche kleine Aktivität im Heimathafen nimmt in den folgenden Wochen Fahrt auf und bleibt trotzdem zunächst unbemerkt. Tatsächlich hat der Bekannte von Taher, ein Programmierer, der zu meiner Verwunderung Horst heißt – ich wusste nicht, dass es diesen Namen überhaupt noch gibt – also tatsächlich hat dieser Horst eine App entwickelt, die wie ein sehr unterhaltsames Computer-Spiel funktioniert: Es geht darum, die Distanz zum Virus möglichst groß zu halten, damit man die Distanz zu seinen Mitmenschen wieder verringern kann. Und das geht so: Jede*r Mensch, der die App runtergeladen hat, kann auf dem eigenen Handy nun jederzeit sehen, wieviele sogenannte „Hops“ das Virus von einem selbst entfernt ist. Ist es nur einen oder zwei Hops entfernt, bleib ich dann mal besser zu Hause oder halte beim Rausgehen großen Abstand. Ist das Virus aber sehr weit weg, beispielsweise sieben Hops entfernt oder so, dann kann ich dort, wo ich gerade bin theoretisch sogar mit den mich umgebenden Menschen eng umschlungen tanzen oder knutschen oder was auch immer, denn dann besteht kein Risiko. Das Lustige an der App ist, dass das Virus wie ein kleines Monster animiert ist, das sich dunkelrot färbt und riesengroß und böse wird, je geringer die Anzahl der Hops werden, und umgekehrt zu einem winzigen, freundlich winkenden rosa Kuschelmonster wird, je mehr Hops es von mir entfernt ist. Ist es mehr als sieben Hops entfernt, sieht man nur noch einen kleinen pulsierenden rosa Punkt auf dem Display. Da die App direkt auf alles reagiert, was ich tue und wo ich mich wie bewege, ist das Ganze extrem faszinierend und hat sofort Suchtfaktor. Unnötig zu erwähnen, dass die Kinder es lieben. Und bei ihnen wirkt die App doppelt wie ein Schutzschild, da sie diejenigen sind, die noch nicht geimpft sind. Trotzdem können sie dank der App von Horst nun endlich wieder „in die Schule“, wie sie es mir strahlend berichten, als ich mal wieder vorbei schaue, um mit Taher ein paar Dinge zu besprechen.

Naja, ihr seid im Heimathafen, grinse ich, das ist ja nicht wirklich Schule…

Doch, widerspricht Selma, das ist die richtige Schule hier. Viel besser als die echte Schule. Ich finde, das hier ist die echte Schule.

Selma ist zehn und gehört bereits zur „Hacker-Gruppe“ von Horst. Sie nennen sich zu meiner Verwunderung die „Pipi-Gruppe“. Ich bin einigermaßen verwirrt. Selma klärt mich auf:

Wir programmieren Algorithmen, Horst bringt uns das bei. Horst ist meine… also mein Bruder. Der arbeitet in der KI-Abteilung der Bundesdruckerei. Und wenn wir Algorithmen programmieren, dann bauen wir quasi die Welt von morgen. So wie Pipi Langstrumpf. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Horst sagt, wir haben den wichtigsten Job überhaupt. Deswegen müssen wir ganz viel übers Leben lernen – und über Ethik. Weil: Wenn ich Vorurteile habe und das nicht weiß, dann programmiere ich die in die Algorithmen rein und weiß es gar nicht. Und dann hat die KI auch Vorurteile und trifft ungerechte Entscheidungen. Deswegen macht Horst immer erstmal so Anti-Rassismus Training und sowas mit uns.

Wer ist denn eigentlich Horst?,  frage ich,  also ich weiß nur, dass das ein Bekannter von Taher ist und dass der die App programmiert hat, aber woher kennt Taher den denn eigentlich?

Selma weiß auch das:  Horst, also mein älterer Bruder, der ist Transmann. Der hieß früher Hannah. Und Hannah war früher in der Schule die beste Freundin von Sabrina.

Mein Blick geht rüber zu Sabrina, die am Tresen vor ihrem Laptop sitzt.

Nee, nicht die Sabrina,  sagt Selma,  die andere Sabrina… Sie senkt ihre Stimme und schaut auf ihre Füße, die, die im Koffer verbrannt wurde… du weißt, oder?

Ich nicke schnell. Irgendetwas in mir zuckt vor dieser Erinnerung zurück.

Selma lächelt rücksichtsvoll.

Ja, müssen wir nicht mehr drüber reden. Aber Horst hat immer noch ihr Foto in seinem Zimmer. Und irgendwann hat er mir alles erzählt. Die ganze Geschichte. Aber ich kann jetzt sowieso nicht mehr reden, ich muss jetzt mal rüber zur Pipi-Gruppe, sonst verpass ich alles, und wir haben ja jeden Tag nur zwei Stunden Unterricht bei Horst. Vorher muss der ja immer seine Sachen für die Bundesdruckerei machen. Also Ciao erstmal, wa? See you later!

Sie winkt und läuft hüpfend rüber auf die andere Seite des Cafes, wo an den ehemaligen Gästetischen zehn bis 15 Kinder vertieft in ihre Laptops sitzen, in der Mitte steht Horst und scheint in seinem Element zu sein. Alle scheinen in ihrem Element zu sein. Aha. Denke ich. So sieht also die Welt von morgen aus. Nur leider träume ich das ja nur. Die Frage ist, wann ich wieder aufwache.  Zunächst mal jedenfalls nicht, denn jetzt kommt Taher auf mich zu.

Läuft bei uns, wa?,  sagt er lächelnd statt einer Begrüßung und ich kann nur – ein bisschen beeindruckt – nicken.

Allerdings. Ich kann’s kaum glauben.

Ja, das mit Horst und der Pipi-Gruppe läuft echt super,  sagt Taher,  und sein Team da in der Bundesdruckerei, also diese KI-Leute, die sind alle so gut drauf. Ich würd ma sagen: Diverse Truppe. Denen ist auf jeden Fall klar, warum das n büschen wichtig ist, welch Geistes Kind die Leute sind, die Algorithmen programmieren und was man da jetzt besser mal beibringen sollte statt Mathe Deutsch Englisch Bla. In ein paar Jahren wachen wir nämlich – ups – in einer Welt auf, die jetzt gerade entstanden ist. Und da bin ich beruhigt, wenn das Leute wie Horst und die Pipi-Gruppe sind, die da Ethikfragen besprechen und rum programmieren – und nicht Horst Seehofer! Ja… Also MEIN Horst ist mein erster Lebens-Box-Trainer. 

Wir lachen gleichzeitig. Taher springt auf einen Barhocker. 

Ja, dann las ma anfangen, ich hab noch ein paar Fragen, auch an Cleo und Lene usw., kannst du dann ja weiter leiten, und wie wir über die Organisation „Do“ jetzt weiter machen. Geht um die ersten Sessions zum Lebens-Box-Training. Erste Season hat ja das Thema: Was ist deine Geschichte? Ich erzähl dir erstmal, was wir bisher geplant haben, ok?

Ok, sage ich. Und denke: „Ok“ ist wirklich SEHR untertrieben.