Türwächter*innen der Freiheit Teil 3/ Kapitel 7: Die rote oder die blaue Pille

Während wir im Jahr 2021 mit der Pandemie, der Klimakrise, Flutkatastrophen, den Taliban in Afghanistan, Kriegsverbrechen, Krankheit, Katastrophe, Tod – gefühlt überall auf dem Erdball und nicht mehr so weit weg wie sonst – und mit dem insgesamt zunehmenden Gefühl eines apokalyptischen Zeitalters beschäftigt sind, wird Tahers heimliche Schule im Heimathafen zu einem Auffangbecken für pandemie-verstörte Kinder in Berlin. Was ich mich nicht traue zu sagen, benennt Taher umso direkter: 

Die Welt ist am Arsch, aber das war sie eigentlich schon immer – kommt ja drauf an, wo man war – und das ist ja kein Grund, sich NICHT um die Probleme zu kümmern, die direkt vor meiner Nase sind: Jetzt eben zum Beispiel diese Kinder, die einen Pandemie-Koller haben. Klar kann ich sagen: Es gibt Schlimmeres. Gibt’s auch. Zum Beispiel gerade in meiner Heimat, in Beirut, im Libanon. Seit der Explosion im Hafen kommen die da nicht mehr an den Start und die Politiker machen nur Scheiße und kriegen es nicht hin, dieses Land zu regieren und inzwischen haben die da keinen Strom mehr und kein fließend Wasser und alles geht den Bach runter, da ist Apokalypse. Und Afghanistan, da sag ich jetzt ma gar nix zu. Und klar, wir haben hier dagegen Luxusprobleme, aber sorry: Was kann ich gerade im Libanon oder in Afghanistan machen? Nix. Da kümmer ich mich doch lieber mal um die kleinen Zombies hier. Er lacht. Guck mal, Maike, die sehen aus wie kleine Geister, Alter, die müssen alle auf Kur, man, oder nee, besser nicht, ich hab da neulich sowas über Kur für Kinder, also Kinderverschickung nach dem zweiten Weltkrieg gelesen. Da wurden die alle in so Heime an der Ostsee geschickt, so frische Brise und gutes Essen und so, aber in Wahrheit mussten die da essen, bis sie kotzen mussten – und das dann auch noch aufessen und all die Gewalt, die die Erwachsenen erlebt hatten, und über die sie nicht weinen duften, haben sie dann an den Kleinen abreagiert, so richtig eklig, und am Ende haben sich die Eltern gewundert, wer da nach der Kur zurück gekommen ist: So ein verschrecktes Wesen, das ins Bett pinkelt und nicht mehr lacht, aber darüber hat dann auch wieder keiner geredet, weil klar: Ein Indianer kennt ja keinen Schmerz, diese Scheiße halt, und das mit Indianer ist rassistisch, ich weiß, aber du weißt, was ich meine, also deswegen nee, so ne Kur dann besser nicht, wa? Aber ne Kur ist das hier schon irgendwie. Aber ich sag mal ne Kur 5.0. 

Während Taher weiter redet und dabei kleine Teelichter auf dem Tresen anzündet, habe ich wieder dieses überwältigende Gefühl zu träumen. Wie lange träume ich schon? Was ist mit meinem alten Leben? Wo sind eigentlich Cleo und Lene und die Menschen, mit denen ich tagtäglich zu tun hatte? Wo sind meine Freunde? Warum sitze ich hier mit Taher – statt irgendwas Sinnvolles zu tun? Oder ist das hier das Sinnvolle? In mir ist eine seltsame Schwere und das Gefühl, dass alles zu Ende geht, weswegen es jetzt auch nichts mehr bringt, in Aktionismus zu verfallen. Den Müll kann ich auch noch morgen raus bringen. Ich bin zu müde, um aufzustehen. Wie lange bin ich schon hier? Und sollte ich mich nicht freuen, dass Taher mit Omar, Sabrina, Gülüzar, Chris und Mahmout diesen unglaublichen Ort hier erschaffen hat? Diesen Kurort für Kinder mitten in Neukölln? In dem so etwas wie Schule stattfindet – nur ganz anders? Indem die Kinder ein Veto-Recht haben und selbst entscheiden, was sie wann machen wollen. Wie KOMMT Taher auf all diese Methoden, frage ich mich, bin dann aber zu müde, um diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Auf jeden Fall ist offensichtlich, DASS es eine Art Methode gibt, denn irgendwie läuft dieser Laden wie am Schnürchen, alle scheinen zu wissen, was zu tun ist. Die einen sitzen in Decken gewickelt in Liegestühlen und träumen in die Gegend. Das sind die Neuankömmlinge bzw. diejenigen, die es besonders schwer erwischt hat. Nicht was das Virus angeht, sondern das, was Taher als die “blaue Krankheit” bezeichnet. Diese Kinder machen nix außer schwarzen Tee aus kleinen dampfenden Gläsern trinken und irgendwann ein bisschen quatschen – und dabei haben sie so kleine bunte Kärtchen in der Hand, ich muss Taher bei Gelegenheit mal fragen, was die bedeuten, denn UNO spielen die da offensichtlich nicht, es muss irgendwas anderes sein. Andere sitzen mit Horst hinter ihren Laptops, konzentriert und von ihren Bildschirmen blau angeleuchtet. Man könnte denken, das wären die mit der blauen Krankheit, aber im Gegenteil: Das sind die, die Taher als die “Fitten” bezeichnet, was lustig ist, denn mit körperlicher Fitness hat es offenbar weniger zu tun. Und dann gibt es die Gamer-Gruppen, die in den oberen Räumen des Hauses herumtoben und irgendwas machen, was teilweise wie Theater oder Performance aussieht – und manchmal wie Therapie – und es gibt die Think Tank Gruppen, die konzentriert in kleinen Gruppen im Kreis sitzen und ununterbrochen reden und manchmal weinen, und es gibt die Erfinder*innen, die Bastler, die Redaktion, die Netzwerker*innen, die Köche und die Essens-Kreativen, und es gibt die Architekten der Zukunft, die murmelnd mit Bleistiften vor kleinen Papp-Modellen hocken und Städte planen, in denen niemand mehr unfreiwillig alleine wohnen muss – und es gibt sogar einen Chor, der im großen Saal mit den Flügeltüren probt, wegen Abstand und Aerosolen. 

Ich sehe das alles und denke: Ich will das alles verstehen und mitmachen, aber meine Glieder fühlen sich seltsam schwer an und irgendwie komm ich nicht hoch. Taher bringt mir Tee und eine Decke und sagt:  Klarer Fall von blauer Krankheit, Maike, du bleibst jetzt erstmal hier sitzen, das wird schon wieder… Wir haben dieses Buch, da steht drin, was wir brauchen, um Ideen zu haben. Mach dir keine Sorgen.   Ich weiß nicht, was er meint, welches Buch? – Aber ich bin froh – und gleichzeitig so traurig – und ich weine ein bisschen vor mich hin, ohne zu wissen warum. 

Dann sitze ich plötzlich mit Mausi in der Abenddämmerung auf Liegestühlen mitten auf einer Wiese und schaue auf ein paar Kühe. Es ist kalt und wir sitzen da – wieder in Decken gewickelt und trinken Tee, und ich wundere mich wieder: Wie bin ich hier hingekommen? Oder fehlt mir ein Stück von der Zeit? 

Was ist das für eine seltsame Phase gerade? Ist das das Ende oder der Anfang? Und wenn das der Anfang ist: Der Anfang von was?  frage ich. Und Mausi zuckt mit den Schultern und sagt: 

Ich weiß nicht, ich glaube eher, das ist so ne Zwischenphase. 

Also glaubst du, dass das alte Leben zurückkommt? 

Mausi rührt Zucker in ihren Tee und überlegt. 

Ich glaube nicht. 

Ich nämlich auch nicht, sage ich. Und wir rühren in unserem Tee

Wo sind wir hier eigentlich,  frage ich.

Weißt du doch, auf meiner Datsche in Brandenburg, sagt Mausi. 

Und warum sind wir hier? Müssten wir nicht im Heimathafen sein? 

Mausi guckt mich erstaunt an. 

Aber der Heimathafen ist doch zu. Schon lange. 

Ich weiß darauf keine Antwort und schaue stattdessen den Kühen beim Kauen zu. Irgendetwas ist komplett durcheinandergeraten. Aber ich höre auf, mich dagegen zu wehren. 

Es ist besser, wenn du nicht an die Zukunft oder die Vergangenheit denkst, sondern einfach im Augenblick bist – in der totalen Gegenwart, sagt Taher und ich bin wieder im Heimathafen und denke kurz: Aber ist der nicht geschlossen? Andererseits wundere ich mich schon gar nicht mehr, denn inzwischen ist mir klar, dass das alles ein Traum sein muss. 

Eine seltsame, bleiernde Müdigkeit hat mich befallen und allmählich fange ich selber an, zu glauben, dass es die “blaue Krankheit” ist, von der Taher immer redet. Und vielleicht hat er ja recht. Ich sitze tatsächlich am liebsten in Decken gewickelt auf Liegestühlen rum und wundere mich, dass ich dauernd friere. Aber es ist auch ganz angenehm, sich dieser merkwürdigen Schwere zu ergeben. Denn wo sollte ich auch anfangen, etwas zu tun? Die Welt brennt und ich kann irgendwie keinen Einstieg mehr finden, keinen Punkt, wo ich anfangen soll. In den digitalen Raum will und kann ich auf jeden Fall nicht mehr zurück. Dann lieber in echt im Liegestuhl abhängen und Endzeit-Gefühle pflegen. 

Eine unbestimmte Ewigkeit lang – war das ein Jahr gewesen, oder zwei? – hatte ich ja versucht, mein “normales”, echtes Leben einfach online weiter zu führen. Das machte “man” ja so und offenbar fanden das alle vollkommen in Ordnung. Morgens aufstehen, Kaffee, bisschen Yoga, bisschen joggen, dann erste Zoom Konferenz, dann die zweite, die dritte und so weiter. Irgendwann waren die Tage alle miteinander verschwommen. Ein Tag glich dem anderen und alle blieben grau. Die Gesichter auf den kleinen Kacheln am Bildschirm wirkten wie roboterartige, blasse Avatare, die seltsam unerreichbar blieben, besonders dann, wenn sie plötzlich als verzerrte Fratzen einfroren oder gleich ganz verschwanden, weil die Internetverbindung mal wieder instabil war. Ich war in der Endlosschlaufe einer digitalen Geisterbahn gelandet, in der das ungeschriebene Gesetz galt, dass sich niemand gruseln durfte, sondern – ganz im Gegenteil – krampfhaft SEHR GUTE LAUNE zu demonstrieren hatte – denn HEY, es war ja so TOLL, dass alle so FORTSCHRITTLICH waren. 

Letztendlich versuchten wir damit aber nichts anderes, als jeden Tag aufs Neue LECKER und edel zu kochen – und dabei aber nur immer wieder Mehl und Wasser in neuen Formen zu verarbeiten – ohne Salz und ohne Pfeffer – ohne IRGENDETWAS, das der ganzen Sache Geschmack hätte verleihen können. Ein bisschen so wie die Crew von Morpheus im Film “Matrix” ihr “Astronauten-Essen” in sich rein schaufelt, und den Schock verarbeiten muss, dass die Welt, die sie kannten nur eine riesengroße Illusion gewesen war – und jetzt nichts mehr blieb als der erschreckende klare Blick auf die harte kalte Realität. 

In diesem Versuch, die alte Welt in Zoomkonferenzen und sinnlosen kleinen Alltags-Ritualen künstlich aufrecht zu erhalten, waren wir ein bisschen wie die Untoten auf dem Gespensterschiff von Wilhelm Hauff, die jede Nacht aufs Neue dasselbe Ritual aufführten, das mit dem immer gleichen grausamen Tod – nämlich mit der Schraube durch den Kopf am Mastbaum fest gebohrt zu werden – endete. Laptop Deckel runter klappen – Zack – wieder mit der Schraube durchs Hirn am Mast fixiert. 

Ich bin unendlich müde. Ich fröstle, strecke die Beine unter meiner Decke aus und denke, dass ein kurzer kleiner sanfter Schlaf nicht schaden kann. Ich schließe die Augen, lausche den Stimmen der Jugendlichen im ganzen Haus und denke, dass sich das gerade sehr ähnlich anfühlt wie damals, als ich so alt war wie sie jetzt. Damals in England. In Eastbourne – in einem dieser alten Hotels an der Seafront – es ist Mittag und ich mache kurz mal Pause auf einem großen, blumigen Laura Ashly Sofa… Beine hoch, Sonnenbrille auf, den gelben Ordner mit den Schüler-Listen auf dem Schoß. Und in meiner Jackentasche: Mein allererstes Nokia Handy- eine Art blauer Knochen mit Tasten – für das ich mich irgendwie schäme, denn wie prollig kann man sein, ein Mobiltelefon zu besitzen?? – aber im Geheimen liebe ich es. Mein erstes blaues Nokia Handy. 

Ich versuche, mich zu bremsen – nicht in Gedanken abzustürzen und in alten Erinnerungen zu versinken, denn natürlich hat Taher recht – was soll das bringen? Ich sollte besser den Augenblick wahrnehmen, im gegenwärtigen Moment SEIN. Versuchen, zu verstehen, was gerade passiert. Totale Gegenwart. Aber es ist zu spät. Ich rutsche in meinen Gedanken wieder ab – zurück in die Vergangenheit. Es kommt mir vor, wie eine Auszeit in einen “Heile-Welt-Film” – so wie 80-er Jahre Musik hören, wild tanzen und in ein altes Gefühl eintauchen. In eine andere Zeit. Damals, als ich WIRKLICH jung war, viel jünger als Taher jetzt. Und als es mir so vorkam, als könnte das Leben immer nur besser werden. Als läge das Beste auf jeden Fall immer noch vor mir. 

Flensburg, 1990. 

1990 machte ich Abitur und weil meine Eltern nicht müde wurden, mir zu erklären, dass „das Abitur heute ja gar nichts mehr wert wäre und jedem Flapskalli hinterhergeschmissen würde, was man ja schon daran sehen könnte, womit ich mich in den letzten zwei Schuljahren beschäftigt hatte – nämlich ausschließlich mit Rumhängen und Vorbereiten der albernen AbiturFEIER – und nicht etwa der AbiturPRÜFUNG” – war das bestandene Abi für mich nicht mehr als ein formaler Akt. Kein Grund, sich deswegen irgendwie gut zu fühlen oder gar stolz drauf zu sein. Nein. Der einzig WIRKLICHE Vorteil daran war schlicht: Jetzt konnte ich endlich hier weg. Raus hier. Und ein Leben beginnen. Endlich. 1990 hätte mensch ja auf die Idee kommen können nach Berlin zu gehen. Wäre interessant gewesen. Aber – auf diese Idee kam ich gar nicht. Stattdessen hing ich ein wenig in Hamburg ab und versuchte es ein zweites Mal an der Schauspielschule, ohne Erfolg – um dann zum Wintersemester nach Kiel zu ziehen und mich dort für die Fächer Germanistik und Anglistik auf Lehramt einzuschreiben. Ende Oktober nach Kiel zu gehen ist – nun ja – ziemlich bescheuert. In der nichtssagenden zugigen Fußgängerzone, durch die wenigstens hin und wieder ein großer Dampfer tutete, der im Hafen lag, aber gefühlt direkt vor der eigenen Nase vor einem aufragte und einen Hauch von fernen Welten erzeugte, gab es ansonsten nur nasses, graues Wetter, hässliche, kalte 60-er und 70-er Jahre Architektur, unfreundlich dreinschauende Funktions- und Segeljackenträger*innen, die muffig an einem vorbei eilten, überall Pfützen, eiskalter Wind und kreischende Möwen. Kiel war grau, kalt, hässlich und abweisend und erzeugte in mir ein Gefühl totaler Verlorenheit. Der seelenlose Campus am Westring und die Massen an Studierenden im Audimax und in der riesigen Mensa machten es nicht besser und nachdem ich ein paar Wochen auf meinem Fahrrad durch Dunkelheit, Regen und dreckigen Schneematsch gefahren und dabei still vor mich hin geheult hatte, fand ich, es sei dann auch mal genug jetzt – irgendwas musste passieren. An dieser Stelle muss ich einräumen, dass meine depressive Stimmung natürlich nur teilweise an der Stadt lag, sondern im Wesentlichen an mir selber. Ich hatte keinen Plan, was ich wollte. Oder wer ich war. Nur so ein diffuses, pubertäres Gefühl, irgendwas “Großes, Bedeutsames” in der Welt erreichen zu wollen. Was genau das aber sein sollte, davon hatte ich keinen blassen Schimmer. In Berlin wäre ich hoffnungslos überfordert gewesen. Ich war irgendwie gegen alles, was nach Kleinstadt und Langeweile aussah, scheiterte aber schon am Hamburger U-Bahn-Netz. Dass ich mich für Deutsch und Englisch auf Lehramt eingeschrieben hatte, war für mich nur eine Alibi-Strategie, um meine Eltern zu beruhigen. So nach dem Motto: Dann macht sie ja was Ordentliches. Ich fand mich damit besonders schlau und wollte Zeit gewinnen, um den ultimativen Plan zu entwickeln. Maike goes Hollywood. MINDESTENS. Lehrerin wollte ich auf jeden Fall NICHT werden. Und die Fächer Deutsch und Englisch schienen das geringste Übel zu sein, eine Art Notlösung in der Eile bei der Immatrikulation, weil mir nix anderes eingefallen war. Ich hatte keinen Plan. Und kein Geld. Also brauchte ich einen Job, am besten einen, der mich irgendwie ablenkte von diesem Kiel-Wintersemester-Ich-weiß-nicht-was-ich-machen-soll-Disaster. Und da sagte meine CDU-Freundin Inga aus Glücksburg eines Tages am Telefon: Bewirb dich doch mal bei Günter-Jansen- Sprachreisen, die suchen da Leute – und schwupp – landete ich in Itzehoe. In einem gelben kleinen Büro. Einem privaten Sprachreise-Unternehmen, das sogenannte „Betreuer“ suchte: Junge Menschen, die andere – wenig jüngere Menschen – nach England begleiteten und sie dort in einer Art Animateur-Rolle bei guter Laune halten sollten. Es war von Anfang an klar, warum ich in Itzehoe sofort genommen wurde: Weil ich eine blonde, lachende 20-Jährige aus Schleswig Holstein war. Harmlos, hübsch und harmoniebedürftig. Mir war klar, dass ich nicht aufgrund irgendeiner Kompetenz ausgesucht wurde. Es wurde auch gar keine Kompetenz abgefragt. Günter, der nur knapp acht Jahre älter war als ich, Arbeiterkind, aufgewachsen mit einem Bruder und den Eltern in einer bescheidenen Reihenhauswohnung in Itzehoe – wie er es selbst jedem, der es hören wollte, mit gewissem Stolz erzählte – und der in diesem Augenblick selbst überrascht war vom finanziellen Erfolg seines kleinen, selbst gegründeten Unternehmens, sah mich nur kurz an, machte ein paar Sprüche und das war’s. Und schon war ich Betreuerin und hatte einen Termin für meine erste Reise nach England. Ich hatte einen neuen Job. Noch bevor ich eigentlich wusste, mit wem ich es zu tun hatte oder was genau mich erwartete. 

Was Spaß machen würde, war klar. Raus aus der Kieler-Wintersemester-Depression – rein in ein neues Leben mit neuen Menschen, neuen Eindrücken, Reisen. Erwartungshaltung war auch klar: Mich blond und blöd verhalten, sprich: Unterwerfung mit Lächeln und/oder glockenhellem Lachen, je nachdem. Der andere Aspekt war interessanter: In ein neues Universum eintauchen, Teil einer Art von Familie zu sein und auf einen Schlag einen Haufen neuer Menschen kennen zu lernen. Mit einer jungen Papa-Version als Boss, der scheinbar nichts lieber machte, als mit seinen Mitarbeiter*innen zu feiern. 

Was ich an Günter Jansen sympathisch fand, war seine dauerhaft spürbare Verwunderung und ehrliche Freude über das viele Geld, das er jetzt ganz plötzlich mit seiner Idee verdiente. Er freute sich darüber wie ein kleines Kind und benahm sich auch so. Als wäre er vom „Kleiner-Junge-mit-nur-50 Pfennig-Taschengeld-für-Salinos-am-Kiosk-Modus“ ohne Übergang in den Modus eines Geschäftsmanns mit über 500 000 DM pro Monat übergewechselt, wirkte er immer wie jemand, der gerade im Lotto gewonnen hat und es noch nicht fassen kann. Er war unglaublich großzügig und lud seine Betreuer*innen, die er wie seine Freunde behandelte, zu gelage-artigen Fress-und Saufabenden ein, zahlte euphorisch jede Rechnung und zwar meistens nicht mit Karte – sondern bar. Er stand dann – nach einer langen Nacht leicht schwankend – am Tresen und lallte “Zahlen! Das geht alles auf mich!”, bevor er dann umständlich ein Päckchen Tausend-Mark-Scheine aus seiner Omega-Jeans friemelte. Und ups, dann flogen auch mal ein paar Scheine auf den Boden, aber Günter tat dann so, als ob er es nicht merkte und genoss den Moment, wenn der verlegene Kellner sich runter beugte und hastig die Banknoten vom Teppich aufsammelte, um sie dem großen Günter Jansen eilfertig wieder zurück zu geben. Es konnte auch passieren, dass er uns alle nach Sylt einlud, um dann – sich der Inszenierung natürlich voll bewusst – in Barbourjacke und mit windzerzaustem Haar bei Gosh zu stehen und soviele Portionen „Scampies mit Knoblauchsoße“ für uns zu bestellen, bis uns davon gesammelt schlecht wurde. Eben nicht mehr ein Teller „Pommes Schranke“ für alle – sondern 87 Portionen Scampies mit Knoblauchsoße und Weißwein zum Abwinken bei Gosh. Das war so die Marschrichtung.

Günter hatte eine attraktive Frau, an der sich sein Geschmack ablesen ließ: Blond, fröhlich, unkompliziert. Es war also vollkommen klar, was ich besser nicht machen sollte: Meine Meinung zu irgendwas kundtun und ernsthaft meine Gedanken zu irgendwas äußern. Das kam NICHT gut an. Dann war ich „schwierig“ und verlor augenblicklich – sehr schmerzlich – an Status. Für mich war Status aber wichtig, weil: Status bedeutete Wissen und Zugang zu Informationen und damit auch Kontrolle. Und natürlich war ich – auch da schon – ein Kontrollfreak. Ich hatte immer Angst davor, in eine Opferrolle zu geraten, Menschen ausgeliefert zu sein. Deswegen war es mir wichtig, möglichst schnell alle verfügbaren Informationen zu bekommen und die Situationen, in denen ich mich befand, vollständig überblicken zu können. Ich war so eine Art Angst-Informations-Junkie. Und: Ich war neugierig. Ich wollte immer alles verstehen. Ich wollte – genau – wissen, wie die jeweilige Welt funktionierte, in die ich gerade geraten war. Wer weiß, wozu ich das später noch gebrauchen konnte. Kurz gesagt: Ich musste immer da sein, wo das Wichtige besprochen wurde. Um alles zu verstehen und alles im Griff zu haben. Und dass harmlos zu lächeln diesbezüglich die beste Tarnung war, wusste ich aus eigener Erfahrung. Lächeln wurde immer als Bestätigung bzw. Applaus aufgefasst – und das gab einen zeitlichen Aufschub – in dem ich in aller Ruhe erstmal die Lage checken konnte. Es war mir sofort klar, dass ich mich – nach meinen Erfahrungen zu Hause – AGAIN in einem Kosmos wieder fand, in dem Männer die Macher waren und den Frauen bewusst Informationen vorenthielten, um sie im Status unter sich zu halten. Das kannte ich gut – aber ich probierte auch zunehmend Strategien aus, um dieses Programm zu unterlaufen. Eine Strategie war es auf jeden Fall, trinkfest zu werden. Denn wer zu früh nach Hause ging, verpasste alles. Anfang der 90-er gab es wirklich noch dieses klassische Männer-Stammtisch-Verhalten: Die Männer tranken Bier und bestimmten die Themen. Die Frauen saßen mit Apfelschorle oder Cider dabei und beteiligten sich entweder an den Themen der Männer oder starteten ihre eigenen Gesprächsrunden, in denen es aber dann zu 90 Prozent auch wieder nur um die Männer ging. Das regte mich auf, aber leider schien ich die einzige zu sein, die das ärgerlich fand. Ich wollte da sein, wo die Entscheidungen getroffen wurden und wo Insiderkram ausgetauscht wurde und das passierte leider immer erst spät nachts in den Männer-Saufrunden – wenn im Grunde alle Frauen entweder ins Bett oder tanzen gegangen waren. Also beschloss ich damals mit 20, dass ich es lernen musste, Männer unter den Tisch zu saufen und gleichzeitig einen auf blond und harmlos zu machen. Diese Kombination war quasi der Jackpot und ich kam mir sehr pfiffig vor. Ich erfuhr alles. Weil man mich nicht für voll nahm, ich aber auch nicht nervte und – RESPEKT! – saufen konnte. Ich kam also vor vier Uhr nachts eigentlich nie ins Bett, aber meine Neugier war auf jeden Fall größer als mein Gesundheitsbewusstsein. Curiosity killed the cat. Gesundheit war irgendwie nicht das Thema. Und überall wurde geraucht. Ich hatte das Gefühl, nach meinen Glücksburg Jahren hier endlich was fürs Leben zu lernen. 

Der Job war zu dem Zeitpunkt das Beste, was mir passieren konnte. Es stellte sich heraus, dass ich genau in dem Moment das kleine Günter-Jansen- Universum betreten hatte, als sich alles änderte – nämlich die Mauer gefallen war – und deswegen nun plötzlich auch Menschen aus den sogenannten neuen Bundesländern ihre Kinder nach England zu schicken begannen, was zu einer Anmelde-Explosion und in der Folge zu einer wunderbaren Freiheit für die sogenannten Betreuer*innen führte: Das kleine Unternehmen wuchs jetzt so schnell, dass an allen Ecken und Enden improvisiert werden musste – und es gab im Grunde keine Vorgaben, wie ich meinen Job zu erledigen hatte. Ich erhielt ein Klemmbrett mit zwei Namenslisten, eine Ortsangabe, wo ich in „meinen“ Reisebus einzusteigen hatte und zwei weitere Zettel mit dem groben Programm vor Ort – in Eastbourne – plus jeweilige Zeitangaben. Das wars. Juche. Ich liebte es. Niemand, der mir sagte „Tu dies, tu das, das ist richtig und das ist falsch“. Ich durfte losfahren und es alles selber rausfinden. Ich war euphorisiert. 

Wir kacheln mit unseren Bussen durch Ostdeutschland und sammeln da überall die Jugendlichen in den Städten ein und dann gehts mit der Calais-Dover-Fähre rüber nach England und weiter nach Eastbourne, fasste Günter die neue, zusätzliche Reiseroute zusammen, die neben der Anreise ab Hamburg Landungsbrücken mit der MS Hamburg und neben der Flugverbindung nach London Heathrow ratz-fatz eingerichtet wurde. Und so saß ich kurz darauf in einem Reisebus mit meinem Klemmbrett und den vier Zetteln auf den Knien, direkt vorne neben dem Busfahrer Matze aus Itzehoe, der mir sehr ausführlich seine Top-List der besten Autobahnraststätten im Westen erläuterte – einschließlich der jeweiligen Gerichte, die man dort zu welchen Preisen bekam und in welcher Qualität. Er konnte die jeweiligen Speisekarten auswendig – und er schien besorgt zu sein, mit welchen Einschränkungen er jetzt bei seiner Abenteuer-Tour durch den Osten zu rechnen hatte. 

Ich hab mir jetzt für den Notfall ein paar Stullen eingepackt, erklärte er mir und wies auf zwei große Tuppadosen neben sich, man weiß ja nie. Ich fand es erstaunlich, wie lange man über die Pros und Cons von Autobahnraststätten reden konnte und war einigermaßen erleichtert, als wir an unserer ersten Station ankamen und das Thema hinter uns lassen konnten. Rostock. Während wir – plötzlich schweigend und – ja – irgendwie staunend – die Straßen entlang kurvten, hatte ich das Gefühl, eine Stadt direkt nach dem Krieg zu durchfahren. Es gab keine Farben. Natürlich wusste ich nicht, wie deutsche Städte nach dem Krieg aussahen, aber ich musste an diese sepia-farbenen Originalaufnahmen aus den Guido-Knopp-Dokumentationen denken. Es blieb allerdings nicht viel Zeit, sich darüber zu wundern, weil wir kurz darauf auf einen Schotterparkplatz fuhren, wo eine Ansammlung von aufgeregten Menschen stand: Die abzuholenden Jugendlichen mit ihren Eltern. Und in dem Moment, in dem ich aus dem Bus stieg, um sie zu begrüßen, wurde mir klar, dass es für diese Menschen ein aufregender Moment war und es von mir abhing, wie sie sich später an diese Situation erinnern würden. Ich begriff plötzlich meinen Job. Nämlich nichts Geringeres, als dass es im Wesentlichen von MIR abhing, wie diese Kinder die Reise erleben würden. Und diese Erkenntnis verursachte bei mir eine unglaubliche Motivation. Ein Glücksgefühl. VON MIR HÄNGT ES ALLES AB. Das hatte es noch nie gegeben. 

Ich werde dafür sorgen, dass es die beste Reise ihres Lebens wird, dachte ich und kippte in eine Wolke der Begeisterung, endlich mal das Gefühl zu haben, etwas Sinnvolles zu tun. Ich dachte: Es gibt sinnvollere Aufgaben in der Welt. Aber: Eine gute Erinnerung an etwas zu haben, ist ja nicht nichts. Und WIE die Erinnerung an die nächsten drei Wochen Eastbourne bei den einzelnen Jugendlichen hier nachher aussehen würde, das lag – wenn ich das wollte – AUCH an mir und wie ich meinen Job kreativ interpretieren – also eigensinnig ausgestalten würde. Es lag einfach mal in MEINER Hand. Wie geil. Ich konnte mich vor Freude kaum beruhigen. Und so trat ich den Eltern mit ihren Kindern in Rostock entgegen: Ein strahlendes blondes Honigkuchenpferd, das sich nichts Geringeres vorgenommen hatte, als alle Wünsche zu erfüllen. Und dieser Positive-Gefühle-Boost verstärkte sich noch, als ich merkte, welche Wirkung ich ganz direkt auf diese Menschen hatte: Sie bombardierten mich mit Fragen und meine gute Laune, mein geduldiges Antworten, die ganze Wärme, die ich über ihnen ausschüttete wurde mit großer Dankbarkeit entgegengenommen. Nach zwanzig Minuten waren alle am Strahlen und ich konnte es kaum fassen. So wenig war nötig, um so viel zu erreichen. Ich fühlte mich geschmeichelt, dass sie MICH fragten und sich von MIR beruhigen ließen, dass MEIN Wort etwas zählte. Das kannte ich ja bisher überhaupt nicht. Interessante Droge…

Als das gesamte Gepäck samt Kindern verladen war und Matze den großen Reisebus mit den gelben Schildern vom Schotterparkplatz steuerte, dachte ich: Endlich geht das RICHTIGE Leben los. 

Und genauso war es. In diesem kleinen und eigentlich banalen Ferienjob kam mir die Erkenntnis, dass ich DOCH – und zwar unbedingt – Lehrerin werden wollte. Genau das, was mich von da an bis zum heutigen Tag am Beruf Lehrerin in richtig gute Laune versetzt, nahm in diesem Reisebus seinen Anfang. Ich liebte es, mich an den Sitzen entlang hangelnd, durch den Bus zu bewegen und jede Person nach ihrem Namen, ihrem bisherigen Leben, ihren Vorlieben, ihren Ängsten, ihren Verliebtheiten, ihren heimlichen Plänen zu befragen und mir alles, alles anzuhören, was sie mir – anfangs schüchtern, dann immer begeisterter und vertrauensvoller – erzählten und zeigten. Ich liebte es, mir ihre wichtigsten Gepäckstücke und Fotos anzuschauen und mir die jeweiligen Geschichten dazu erzählen zu lassen, ich liebte es, vorne neben Matze das Bus-Mikro zu nehmen und Sachen zu erzählen, über die Orte und Plätze und Menschen, an denen wir vorbei fuhren, ich liebte es, hundert kleine Entscheidungen zu treffen und damit den Verlauf der Reise zu bestimmen und dabei zu versuchen, grundsätzlich jedem möglichen Stressgefühl der Kinder zuvor zukommen: Ich liebte es Spiele zu erfinden und alle, die wollten, daran zu beteiligen, ich liebte es, aus der Frage, welche Musik im Bus abgespielt wurde, ein DJ-Regel-System zu entwickeln, dessen Einhaltung bereits nach zwei Stunden von allen akribisch eingehalten und mit großem Ernst eingefordert wurde, ich liebte es, mir von den Älteren, die alle hinten saßen und sich im Cool-Sein übten, ihre Beziehungskisten im Detail erzählen zu lassen, wer wegen wem Liebeskummer hatte und warum und welche Probleme es zu Hause gab. Für mich war das alles: Ein Fest. 

Und in Eastbourne ging es weiter: Ich liebte es, morgens um 6 Uhr mit den englischen Busfahrern im Rosy Lee Cafe zu sitzen, ihnen zuzuschauen, wie sie Schlachtplatten an Bacon and Eggs and Sausages and Tomatoes verdrückten, während ich mit dem mir zugeteilten Busdriver meine Route in London durchsprach. Ich konnte mir aussuchen, wo wir längs fuhren und was ich zu den Sehenswürdigkeiten erzählte, denn niemand überprüfte, was ich für wichtig hielt oder während des Ausflugs erzählte. Die englischen Busfahrer waren mehr oder weniger offen in mich verliebt, was ein Vorteil war, denn so machte es ihnen nichts aus, beispielsweise 8 Runden am Trafalgar Square im Kreisverkehr zu drehen, bis ich fertig war mit all dem, was ich an diesem Spot zu erzählen hatte. Sie hielten auch an allen möglichen und unmöglichen Plätzen für mich an, wenn ich mir in den Kopf gesetzt hatte, dass das fürs Wohlbefinden bzw. zur Unterhaltung meiner Schützlinge notwendig war. Ich, die im Geschichtsunterricht in der Schule vor den nicht enden wollenden, eng mit Jahreszahlen voll beschriebenen Folien auf dem Overheadprojektor regelmäßig eingepennt war (333 Issos Keilerei und so weiter) vertiefte mich jetzt mit wachsender Begeisterung in die blutige Historie von Großbritannien und erzählte quasi die gesammelten Theaterstücke von Shakespeare in zahlreichen Folgen mit Cliffhangern nach Art einer Netflix Serie bzw. Dauer-Podcast. Die Jugendlichen fotografierten dabei wie die Blöden durch die Scheiben und kauften dann beim London Shopping haufenweise Bücher zur englischen Geschichte, als gäbe es nichts Spannenderes als Englands Historie. Und wenn jemand Heimweh hatte oder Probleme in der Gastfamilie und nach Hause wollte, erzählte ich so lange was von Abenteuer und Herausforderungen, durch die wir erst zu spannenden Persönlichkeiten werden können, bis der Grund für das Heimweh vergessen war. Nachts wurde mit Günter und den Betreuer*innen gesoffen und gefeiert. Pubs, indische Restaurants, am Ende Tanzen in den Clubs, im Morgengrauen totmüde auf das zu weiche Bett in der Gastfamilie fallen, kurz darauf wieder aufstehen, schnell zwei Scheiben Toast und Cup of tea und los zum Eastbourne College, wo die Jugendlichen schon auf dem glatt gemähten, grünen Rasen in der Sonne saßen und auf ihren Sprachunterricht warteten – und wo ein weiterer, aufregender Tag seinen Anfang nahm.

Ja. Jung sein ist schon ziemlich geil. Glücklicherweise war mir das damals schon klar – nicht erst später, als es vorbei war – und ich erlebte die gesamten 90-er Jahre wie eine Party. Aber das Beste und irgendwie Unglaublichste daran war dieser darunter liegende, unerschütterliche Glaube daran, dass wir in einer Welt lebten, die immer nur besser werden konnte. 

Taher steht vor mir und reicht mir mein leuchtendes I-Phone. Hier, Maike, dein Telefon klingelt… Ich nehme ihm das Handy aus der Hand. Es ist Cleo. 

Während ich auf den Display schaue und zögere, ran zu gehen, schaue ich Taher an, nehme seine tiefen Schatten unter den Augen zur Kenntnis, die in unbeobachteten Momenten so traurigen, dunklen Augen, und frage mich, ob er – oder irgendjemand – jemals das unwahrscheinliche Glück hatte, 8 Mal um den Trafalgar Square zu fahren und dabei zu denken: Alles wird besser und ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt. 

Ich will da bleiben in diesem Bild – im Reisebus – in dieser anderen alten Welt. Aber mein Telefon klingelt. Ich muss zurück. Und ich tippe auf den roten Button. Auf „Annehmen“.

Cleo…?