Türwächter*innen Teil 3/ Kapitel 3: Tod und Wiederauferstehung

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Die haben mich abgestochen, höre ich Tahers Stimme aus dem Handy. 

WAS?

Die haben mich abgestochen… 

Hab ich gehört, aber was soll das heißen? 

Ich höre Taher Luft auspusten. Schweigen. Das ist ne längere Geschichte, können wir uns treffen? 

Ich träum das nur, denke ich wieder, als ich dann bei strömendem Regen und in der Dunkelheit im Hof vor dem Café Casablanca stehe und auf Taher warte. Das gesamte Gebäude wirkt wie eine verlassene Ruine in einem alten Nosferatu Film. Als wäre hier seit 100 Jahren niemand mehr gewesen. Nur hinter dem kleinen beschlagenen Küchenfenster flackert Licht. Eine Kerze? Dann höre ich meinen Namen. „Maike?“ In der Seitentür zum Cafe steht Abdi und winkt mich ran. Komm rein. Schnell., sagt er und hält mir die Tür auf. Ich schlüpfe rein, stehe tropfend neben Abdi, während er die Tür hinter uns wieder schließt.  Scheiß-Wetter,  sagt er, als wäre alles ganz normal und das Wetter unser größtes Problem. Ich schaue mich einigermaßen ungläubig um. Das hier war mal das Cafe Casablanca. Unglaublich. Der große Raum mit den hohen Decken wirkt wie ein verlassener Ballsaal aus einer anderen Zeit. Die Tische und Stühle sind nicht mehr da, nur noch der lange Tresen in der Mitte, an den Wänden steht allerlei Gerümpel, umgedrehte Bilder, Werkzeugkisten, Abdis Rennrad. Rechts vom Tresen drei zu einer improvisierten Tischtennisplatte zusammengeschobene Tische, darauf zwei verstaubte Tischtennis-Schläger, die schon lange keiner mehr angefasst zu haben scheint. Es ist dunkel, bis auf den etwas funzelig und nur auf halb-acht beleuchteten Kronleuchter an der Decke, der eher die Schatten und die allgemeine Düsterkeit zu unterstreichen scheint, als Licht zu spenden. Abdi hält tatsächlich eine flackernde Kerze in der Hand und wirkt ein bisschen wie der verschrobene Diener in einem spukenden Schloss. Er sieht meinen entgeisterten Blick und lacht:  Ja, das ist der Rest vom Cafe Casablanca… Wir haben ja lange durchgehalten mit Außer-Haus-Verkauf, aber jetzt ist ja erstmal ALLES vorbei… mal sehn, wie lange der Laden hier noch so im Dornröschenschlaf weiter rumexistieren kann… Obwohl. Es kümmert sich ja keiner. 

Vor meinem inneren Auge tauchen Szenen auf, die so wirken, als wären sie aus einer anderen Zeit: Der ganze Laden hier hell erleuchtet, voller Menschen und Stimmengewirr, Gläserklirren, das laute Zischen der Kaffeemaschine, Gelächter, Musik, wir alle um den großen Tisch da hinten in der Ecke – nach der Theaterprobe… Es scheint in einem anderen Leben gewesen zu sein. 

Hast du was zu trinken?,  frage ich und muss den Los-Heul-Impuls unterdrücken. Abdi verschwindet hinter dem riesigen Tresen, ich höre Flaschen-Gerumpel. Rotwein hab ich hier noch, Weißwein ist schon lange aus… Warte mal, ich guck mal… Nee, der hier ist nicht mehr gut…  Ich bin ihm gefolgt, stehe jetzt da so rum auf der anderen Seite des Tresens und schaue ihm zu – wie diesem einzigen, unheimlichen Barmann in Stanley Kubricks „Shining“ und weiß ganz genau, dass dies entweder ein Film ist oder ein sehr abgefahrener Traum. Wann wache ich auf? Jetzt schiebt mir Abdi einen Aschenbecher hin. Ich schaue auf. Erstaunt.  Darf man hier drinnen rauchen?  Abdi lacht.  Ja, meinst du das interessiert hier noch irgendjemanden?  Er öffnet eine Weinflasche, sucht ein Glas, findet eins, hebt es in die Luft und beäugt es kritisch, greift dann ein Geschirrtuch und beginnt, das Glas zu polieren. Ich krame in meiner Tasche nach meinen Zigaretten. Wirklich weird das alles… In welcher Zeitkapsel bin ich hier gelandet? Ich zünde mir eine Zigarette an. Abdi schenkt mir ein und schiebt mir das Glas hin.  Und wann kommt Taher?,  fragt Abdi.  Ja, jetzt gleich, murmel ich, ich glaube, es geht ihm nicht so gut… 

In diesem Moment klopft es an der Seitentür. Hinter der Scheibe eine dunkle Gestalt mit Kapuze, es ist Taher. So wie zuvor Abdi, gehe ich zur Tür und mache ihm auf. Tahers Klamotten sind klatschnass, er drängt sich an mir vorbei ins Innere, schüttelt sich wie ein Hund, der aus dem Regen kommt und setzt die Kapuze ab. Ich starre ihn an. Taher sieht aus wie ein Gespenst. Leichenblass. Tiefe Schatten unter den großen, dunklen Augen. Aber. Er lächelt – ein wenig. Ich lächle zurück. Wir stehen voreinander. Umarmen ist ja etwas, was man früher gemacht hat. In einer anderen Zeit. Daher stehen wir jetzt nur so da – und lächeln. Reicht ja auch. Ich bin erleichtert. Abgestochen klang schlimm. Aber offenbar hat er es überlebt. Als Taher allerdings jetzt den Raum zum Tresen durchquert, sehe ich, dass er sich langsam und schwerfällig bewegt. Wie ein alter Mann. Er sinkt auf einen Barhocker. Seufzt. Abdi und er strecken sich kurz ihre Fäuste entgegen. Der Hauch einer Berührung, ein Lächeln. Dann fragt Taher:  Hast du nen Kaffee? 

Nee, sagt Abdi,  die Kaffeemaschine ist schon lange außer Betrieb… Ich kann dir ne Cola Zero geben… 

Taher nickt.  Cola Zero ist gut. 

Er hebt die kleine Flasche an, trinkt sie in ein paar Schlucken halbleer, setzt sie ab, macht dieses kindliche „Aaaah“-Atemgeräusch und schaut mich dann an.  Ja. So sieht man sich wieder, wa?, grinst er und ich spüre einen Hauch Erleichterung. Denn das ist der alte Taher. Allerdings die erwachsene Version. Ein Mann in den 30-ern… (krass!, denke ich – unnötigerweise), der aber in diesem Augenblick älter aussieht – oder jedenfalls ziemlich mitgenommen. Ich versuche den Impuls zu unterdrücken, mit der Tür ins Haus zu fallen: Was ist passiert?? Wer hat dich abgestochen? Wann war das? Warum? Aber es fällt mir schwer, einen Anfang zu machen. Taher merkt es. Er trinkt den Rest Cola aus, bestellt bei Abdi eine zweite Flasche und schaut mich an. 

Läuft gerade scheiße bei mir. 

Ich nicke nur vorsichtig. Was soll ich dazu sagen – ist ja offensichtlich. 

Weißt du noch 2018?, setzt Taher dann noch mal neu an,  als Abbas vor den Augen seiner Familie auf dem Tempelhofer Feld erschossen wurde? 

Ich nicke wieder. Natürlich erinnere ich mich. Abbas war der ältere Bruder von Mahmout. Er war in Deutschland bekannt als der erste „Intensivtäter“ und saß zu dem Zeitpunkt, als ich Mahmout kennen lernte, gerade eine Haftstrafe in Tegel ab. Mahmouts Mutter sagte mir damals immer: Wenn Abbas erstmal aus`m Knast raus ist, dann wird alles gut. Der spricht dann ein Machtwort, auf DEN hören die Jungs. Ich war mir nicht so sicher, ob dann „alles so gut werden würde“, war dann aber doch einigermaßen erstaunt, als ich Abbas persönlich kennen lernte. Das war bei einem dieser Elterngespräche in „meinem“ Klassenraum – da saß Abbas in einem edlen, schwarzen Anzug vor mir – sehr gepflegt, sehr gut riechend und mit einem charmanten Lächeln im Gesicht und es ging darum, wie wir es schaffen könnten, seine beiden kleinsten Brüder Mahmout und Karim möglichst problemfrei durch die Schulzeit zu kriegen – was per se erstmal nicht ganz leicht war. Obwohl ich mich während dieses gesamten Gesprächs mantra-mäßig ermahnte jetzt nicht auf die Manipulationen dieses Klischee-Gangsters rein zu fallen – erwies sich genau das als – nun ja, schwierig. Denn Abbas war so ungefähr der charmanteste Mensch, dem ich je begegnet war. Er war klug. Und witzig. Und er schien meine Situation an dieser Schule zu 100 Prozent zu durchschauen. Ehrlich gesagt: Meine persönliche Situation insgesamt. Er schien mich zu kennen. Und meine Arbeit in höchstem Maße zu respektieren. Mich als Mensch zu SEHEN. Und – als Frau. Er flirtete mit mir – und zwar auf höchstem Niveau – haargenau stimmig ausgepegelt zwischen Bescheidenheit, anziehender Frechheit und scheinbar echter Bewunderung. Es war gespenstisch, wie sehr ich drauf abfuhr. Was für ein Typ. Mir standen die buchstäblichen Nackenhaare zu Berge und mein Verstand meldete Daueralarm: Fall nicht drauf rein, fall nicht drauf rein – das hier ist ein Zauberkünstler der Manipulation.Alter. Und wenn dieses Gespräch noch länger gedauert hätte, wäre ich mit Sicherheit irgendwann auf die Idee gekommen, dass wir in Wahrheit Seelenverwandte waren und meine inneren Alarmsignale nichts weiter als spießbürgerliche Vorurteile. Oh je. 

Abbas war ein krasser Typ,  sagt Taher jetzt, der hat sich um alle gekümmert. Und versucht zu schlichten und so. Zwischen den Familien. Aber der hat gefährlich gelebt. Immer n bisschen drüber. 

Ich versuche ein möglichst neutrales Gesicht zu machen – das wundert mich jetzt nicht,  denke ich, unterdrücke aber jeglichen Kommentar.  Und was hat das jetzt mit dir zu tun, Taher? 

Ja, wart`s ab,  lächelt er, – ich sagte doch: Das ist ne längere Geschichte..  Er zündet sich eine Zigarette an. 

Abdi ist in die Küche gegangen. Ich frage mich, ob das Respekt vor der Privatsphäre ist oder er sowieso schon alles weiß. 

Ich war mit Mahmout befreundet. Mit der ganzen Familie. Ich kannte deswegen auch Abbas. Ich bin da so in Sachen rein gerutscht damals. Aber nach der Geschichte mit Sabrina wollte ich da raus. Hab ich ja auch gemacht. Abitur. Lehre. Boxkarriere. Lief gut. Dann hab ich einen Laden aufgemacht. Ich dachte, ich muss da einfach Abstand halten zu Mahmouts Familie. Aber als Abbas erschossen wurde, da hat Mahmout mich angerufen. Er wollte, dass ich zu Abbas` Beerdigung komme. Das war ein Riesending. Und die waren alle total fertig. Das musst du dir mal reinziehen: Vor den Augen seiner Familie – zack booom. Einfach so. Beim Grillen auf dem Tempelhofer Feld. Mehrere Schüsse. Vor seinen Kindern. Und vor seiner Frau. Die sind alle traumatisiert. Jedenfalls. Seitdem hatte ich dann wieder Kontakt. Das war auch kein Ding, weil Mahmout ja auch keinen Scheiß bauen wollte. Er und Karim haben sich rausgehalten. Die wollten nicht enden wie Abbas. Alles lief gut. Ich hab geheiratet.  

Ein kleines Lächeln in seinem Gesicht. Aber nur kurz. Er zieht an seiner Zigarette.  Meine Traumfrau. Rabia. Wir haben den Laden zusammen gemacht. Dann kam Ali, mein Sohn. Es war wie ein Traumleben. So als Deutscher. Mit eigenem Laden, eigener Familie und deutschem Pass. Aber dann kam diese Scheiß-Pandemie. Ich hab meinen Laden noch etwas über ein Jahr halten können. Dann ging alles den Bach runter. Angeblich hieß es ja, man kriegt staatliche Unterstützung. Aber das war alles Bullshit. Kam alles viel zu spät und außerdem konnte ich es nicht für das abrechnen, wofür ich es zum Überleben gebraucht hätte. Total unrealistische Vorschriften. Bürokratie hoch tausend. Wer hat sich diesen Scheiß ausgedacht? Jedenfalls niemand, der mal selbständig war. Letztendlich hat es null geholfen. Wir mussten Insolvenz anmelden. Und dann aus unserer Wohnung raus. Rabia, meine Süße, ist durchgedreht. Wir sind wieder zu meiner Mutter gezogen. Aber das ging auch nicht. Da waren ja auch noch meine beiden jüngeren Brüder. Die haben das auch nicht gepackt, als der Lockdown immer weiter ging. Mein jüngster Bruder ist dauernd abgehauen und hat Scheiße gebaut. Vorher hatte der gerade seine Ausbildung fertig und alles sah gut aus. Und dann hing der nur noch zu Hause rum und hat Chips gefressen. Hat Streit gesucht. War alles viel zu eng da in der Wohnung in der Pannierstraße. Wir haben nur noch gestritten. Ich habs nicht ausgehalten. Es war die Hölle. 

Warum hast du gar nichts gesagt, warum hast du dich nicht gemeldet?, frage ich. 

Taher zuckt mit den Schultern. Schweigen. 

Dann schaut er mich plötzlich an.  Ganz ehrlich? Ich wollte nicht, dass du mitkriegst, dass ich es nicht schaffe. Ich hab mich geschämt. Ich dachte, ich krieg`s hin. Irgendwie. 

Taher schiebt die leere Cola-Flasche auf dem Tresen hin und her.  Und dann ist Rabia abgehauen. Mit Ali. Ich hab gedacht, ich muss den Laden retten. Rabia zeigen, dass sie mir vertrauen kann. Dass alles wieder gut wird. Irgendwie. Und dann haben Mahmout und ich doch wieder Jobs gemacht. Für die Familie, du weißt schon. Ich brauchte dringend Kohle. Und dann war ich wieder drin in dieser Scheiße. Mit den Kurden. Ich wollte eigentlich… 

Taher macht eine Pause. Schiebt die Cola Flasche hin und her.  Ist ja auch egal, die Details musst du gar nicht wissen. Aber es gab halt Stress. Und dann bin ich da in diesen Späti rein und plötzlich kommen diese drei Typen. Die haben mich eiskalt abgestochen. Einfach so. Vorm Kühlregal. Ich dachte, ich verrecke. 

Wir schauen beide auf die Cola Flasche, die Taher jetzt in seinen Händen hin und her dreht. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Zum zweiten Mal innerhalb der letzten halben Stunde ist mir zum Heulen. 

Das Ding ist: Ich muss da irgendwie raus,  sagt Taher,  ich kann so nicht weiter machen. Eigentlich bin ich tot, man. Das wär`s gewesen. Und diese ganze Riesenscheiße jetzt. Ich darf Ali nicht sehen, Rabia… 

Und zu meinem Entsetzen bricht Taher jetzt zusammen, schlägt seine Hände vors Gesicht, krümmt sich nach vorn und beginnt zu schluchzen. Abdi steht eine Sekunde später neben uns, legt den Arm um Taher, murmelt: Bruder… wird alles wieder… inshallah…

Mir kommt es vor wie eine Rückblende. Als wäre das alles schon gewesen. Und schon wieder scheint dasselbe schief zu laufen, wie damals. Diejenigen, die nicht in gepflegten Altbauwohnungen mit Bücherregalen und Yogamatten leben, sind mal wieder am Arsch. Beziehungsweise waren es natürlich ohnehin die ganze Zeit – nur jetzt noch mal krasser und offensichtlicher. Und wieder scheint es unmöglich, diese Perspektive ernsthaft ins gesellschaftliche Bewusstsein zu verfrachten. 

Taher hat sich inzwischen beruhigt und öffnet sein zweites Bier. Abdi hat uns Nüsse und Oliven hingestellt und sich uns gegenüber auf einen Barhocker gesetzt. Er schaut auf sein Handy, checkt seine Nachrichten Ich stelle mich auf einen langen Abend ein. Vor allem weiß ich noch immer nicht, ob es einen Plan gibt, bzw. ob Taher bereits irgendeine Idee hat, was ich tun könnte. Andererseits – warum hat er mich sonst angerufen? Wie immer scheint Taher meine Gedanken lesen zu können. 

Du fragst dich wahrscheinlich, warum ich mich gemeldet habe – und vorher so lange nicht. Und warum ich jetzt hier so rum heule wie ne Sissy, wo ich vorher noch so meinte, dass es mir peinlich ist, dass ich`s nicht hinkriege. Der Hauch eines Grinsens. Ich schüttel den Kopf:  Du weißt, dass ich `vor-anderen-heulen als Zeichen von Stärke sehe… fange ich an, doch Taher unterbricht mich:  Ja, genau das weiß ich. Hast du immer gesagt. Und du hast auch immer gesagt, dass man seine unfaire Situation nicht als Ort der Verzweiflung sehen soll, sondern als Ort von Widerstand.  Er grinst und nimmt einen großen Schluck Bier, schaut mich an:  Kennst du Jean-Paul Sartre? Oder Simone de Beauvoir? 

Ich lache. Ja…? Und…?

Und auch Judith Butler? ,  legt Taher nach. 

Also jetzt machst du mich gespannt,  sage ich,  also, ich weiß, dass du liest, aber jetzt werd ich dann neugierig… 

Kannst du auch sein,  erklärt Taher,  ich hab nicht nur gelesen, ich hab auch nachgedacht. Woher diese ganze Scheiße bei mir kommt. Alles, was passiert ist seit damals. Warum ich immer diesen Stress habe und alles den Bach runter geht. Und warum auch jetzt mal wieder alles so läuft, wie immer. Ich will das nicht mehr. Und ich will mit dir reden, weil ich erstmal niemand kenne, mit dem ich darüber reden kann. Wieder macht er eine Pause. 

Du machst es spannend, sage ich,  also worum geht’s? 

Taher kaut auf seiner Lippe, zögert. Dann lacht er.

Klingt bisschen blöd. Aber ich denke, es reicht jetzt. Also. Wir sollten das Patriarchat abschaffen. – Cheers. 

Er strahlt mich an. Ich lache:  Das kommt überraschend. Ernsthaft?

Ernsthaft,  sagt Taher. 

Also, du weißt schon, dass es ein bisschen lustig ist, wenn du das Patriarchat abschaffen willst, Taher…  Das ist jetzt nicht gerade das, was ich bei dir auf den ersten Blick erwarten würde… 

Taher zieht in gespielter Riesen-Empörung die Augenbrauen hoch: ACH!  Und warum nicht? Was hast DU denn jetzt für starre Bilder im Kopf? Bin ich jetzt der heteronormative Testosteron-Cis-Araber, oder was? Ich zeig dir gleich mal meinen Kajal-Stift, man! Performe dein Leben! Das wollen wir mal sehen, wer da noch härter in der Unterwerfungs-Komfortzone festhängt, Frau Plath! 

Er lacht jetzt RICHTIG und sieht nicht mehr halb so verschattet aus wie noch vor einer halben Stunde und ich denke:  Krass… vielleicht ist das gerade so ein bisschen das Ende meiner Depression… Dieser Abend kann kommen. Und vielleicht noch die ein oder andere Überraschung… Let´s go…