Stimmen der anderen

Rosa von Praunheim: „ACT! Wer bin ich?“ (missing FILMs)

„Während ihrer 10-jährigen Tätigkeit an einer Neuköllner Hauptschule beginnt die Lehrerin Maike Plath mit den sogenannten ‚Problemjugendlichen‘ Theater zu machen und entdeckt ihre zahlreichen Stärken. Die Arbeit wird zum Erfolg. Als sie vom Schulamt aufgefordert wird, „Dienst nach Vorschrift“ zu machen, kündigt sie den Schuldienst und gründet mit zwei anderen Frauen den Verein ACT. Rosa von Praunheim liefert mit Act! Wer bin ich? ein eindrückliches Portrait dieser Arbeit.“ (missing FILMs)

Rezension „Befreit euch!“ (Erschienen in „Zeitschrift für Theaterpädagogik“/34. Jahrgang/Korrespondenzen/Heft 73/Titel: Performing History/Oktober 2018)

Maike Plath: Befreit Euch! Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution. Theorie und Praxis, Norderstedt 2017. Books on Demand ISBN: 9783746014494; 25 €; 428 Seiten

Eine erfahrene Lehrerin verabschiedet sich von Pension und Schuldienst und legt ein Werk vor, das nachhaltig beschäftigen wird, wer es liest. Nach wichtigen didaktischen Publikationen in Beltz-Verlag befreit sich Maike Plath von didaktifizierter Appetit-Ware. Plath gelingt ein Lehr- und Lernkompendium, in dem Theorie und Praxis eng verzahnt sind. Das bremst im praktischen Teil gelegentlich die Lesegeschwindigkeit und lädt ein zum Ausprobieren im pädagogischen Alltag. Bildungspolitischer Impetus und gesamtgesellschaftliche Perspektive zielen auf „Inklusion“, was bei Plath vor allem Öffnung und Vielfalt meint. Sie wendet sich gegen ein Schulsystem, das die anvertrauten Kinder und Jugendlichen (KuJ) klassistisch, rassistisch und massenhaft abhängt und ausschließt. Die Kritik trifft vor allem die Beurteilung und Sanktionierung durch Zensuren.

Der erste Abschnitt nimmt einen Perspektivwechsel vor und thematisiert Bildung und Vielfalt durch Beziehungsgestaltung und Partizipation. (Selbst)Reflexion bildet dafür die Prämissen und Theaterarbeit den Schlüssel. In der Kunst sind Fehler erlaubt. Lernen benötigt Neugier, Unordnung und praktizierte Rückmeldung. Zentrales Anliegen ist der Ansatz von „Demokratischer Führung“. Das grundlegende Prinzip heißt: Kooperation statt Konkurrenz. Plath favorisiert vier demokratische Kernkompetenzen, die im Rahmen Schule oft zu kurz kommen: Empathie, Toleranz, Vertrauen, Identifikation. In Abschnitt Zwei und Drei werden methodische Wege zur Schaffung und Gestaltung inklusiver Räume eröffnet. Es wird spürbar, wie Plath nach dem Bruch mit der Institution Schule durchatmet. Sie kreiert neue Begriffe. So sind „Kreativgefäße“ „spielerische Anordnungen, die einen Rahmen schaffen für individuelle Freiheit, eigenständige Erkenntnisse und Erfahrungen“ und „Gamification“ bezeichnet die spielerische Bereitstellung von „Handlungsmöglichkeiten mit ergebnisoffenem Ausgang“. Sie erläutert die Arbeit mit dem „Theatralen Mischpult“, dem fragmentierten Einsatz ästhetischer Mittel und Handlungen mittels einer sorgsam vorbereiteten Sammlung beschrifteter Karteikarten im DIN A 5 Format. Jede/r kann so verantwortlich Gruppenprozesse leiten. Das Ziel lautet: „Führe Regie in Deinem Leben!“ Abschnitt Vier überlässt Plath Kolleg*innen, die von ihren Erfahrungen berichten. Abschnitt Fünf behandelt die strategische Vermittlung „Demokratischer Führung“ an KuJ. Die Status-Lehre von Johnstone konstituiert den Kern. Mit ihrer charakteristischen Ausformulierung der vier Status-Typen erweitert sie dessen Status-Begriff. Plath durchdringt den Gegenstand vom „Status“ auf dessen sozial- und gesellschaftspolitischen Gehalt. Ausführlich schafft sie ein Bewusstsein für die Wirkung von Status im gesellschaftlichen Leben und ermöglicht so Selbstermächtigung für jede/n. Abgerundet wird das Buch mit einem Strauß an Essays, die die politische Kritik brillant auf den Punkt bringen und fordern, was uns zu gestalten bleibt: die Revolutionierung dieses Bildungssystems.

Stephan B. Antczack

Über Maike Plath und ihrer Arbeit:

„Niemand sollte mir mehr sagen können: ‚Das geht nicht!‘“ (Anna Lehmann, Juni 2014, taz)

„Bruchstücke von Wut und Enttäuschung“ (Anna Lehmann, Mai 2014, taz)

„Die Kämpferin“ (Marie Sophie Krone, Mai 2014, emotion)