Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 22: Türwächter*innen der Angst

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Berlin 2010. Der Anfang vom Ende beginnt mit einer guten Nachricht. Die Hauptschulen werden abgeschafft. Heißt: Sie werden im Zuge der Berliner Schulstruktur-Reform mit den Realschulen zusammengeschmissen und diese neuen Konglomerate heißen fortan Sekundarschulen. Dieser Prozess verläuft mittelgut bis chaotisch. Die jeweiligen Kollegien „haten“ sich ziemlich und behakeln sich in jeder Konferenz in nervigen Psycho-Schlachten, was von der inhaltlichen Relevanz her an die klassischen WG Streitereien erinnert: Wer wann den Müll runter zu bringen hat und warum xy wieder nicht abgewaschen hat und im Duschsieb schon wieder alles voller Haare ist. Aber ok. Wesentlich frustrierender ist, dass nun all jene Projekte und Initiativen aus dem Schulalltag entfernt werden sollen, die aus den anarchischen Nischen der Hauptschulen entstanden sind – wir erinnern uns: „Sie können machen, was Sie wollen, solange die Polizei nicht kommt.“ Das war nicht nur für mich eine Chance, jahrelang konzeptionell zu forschen und etwas Funktionierendes im Schulalltag zu etablieren – sondern auch für zahlreiche andere Initiativen an Hauptschulen. Aus der nackten Not des ultimativen Scheiterns heraus waren auch an anderen Hauptschulen Projekte und Konzepte von quer denkenden Menschen entstanden, die auf die allumfassende Problemlage innovativ reagiert und etwas Konstruktives auf den Weg gebracht hatten. All das war quasi so im Untergrund entstanden – jenseits irgendwelcher Verordnungen oder Vorgaben. Trotz des intern – im Lehrerzimmer – herrschenden Gebots vom „Dienst nach Vorschrift“ hatte man extern – nämlich in der Senatsverwaltung – geflissentlich an den Brennpunktschulen und was da so im Einzelnen vor sich ging vorbeigeschaut. Turn a blind eye on this problem. So in etwa war wohl die Idee gewesen. Das änderte sich jetzt schlagartig. Plötzlich fiel der Nachfolgerin von Frau Behrens, der neuen Schulrätin Frau Reimann auf, dass an unserer Schule ja dieser merkwürdige Theaterunterricht stattfand. Und dass es dazu keinen Lehrplan gab. Auf welcher Grundlage, in welchem Zeitumfang, mit welchen Inhalten wird da eigentlich gearbeitet?, wollte sie wissen. Ich ahnte nichts Gutes. Obwohl ich inzwischen Fortbildungen für andere Lehrkräfte anbot und unsere Arbeit jedes Jahr aufs Neue Preise und Auszeichnungen erhielt, war Frau Reimann irgendwie schlechter Laune wegen des Hokus Pokus, der da soviel Aufmerksamkeit erzeugte. Sie wollte da mal genauer drauf schauen. Susanne, mit der ich inzwischen fast täglich einen vertraulichen Klönschnack in ihrem Schulleitungszimmer abhielt, sah die Sache recht gechillt.  Stell doch einfach ein paar schöne Fotos und Zeitungsausschnitte zusammen und bereite eine kleine Präsentation vor. Die Arbeit ist ja sehr erfolgreich. Es geht, glaube ich, nur darum, dass Frau Reimann die Sache einordnen kann. Letztendlich ist das doch eine Chance, dass wir dann auf dieser Basis ganz regulär einen Theaterbereich an der Schule etablieren können. Dann wird das fester Teil der Stundentafel. 

Nichts lieber als das, denke ich und bereite in den kommenden Wochen eine Präsentation für Frau Reimann vor, die sich gewaschen hat. Das hat natürlich auch zur Folge, dass ich mich während des stundenlangen Foto-Gefussels und Formulierungen-Gefriemels an so einiges erinnere. An die Anfangszeit mit dem Sheriff, an mein Entsetzen und meine Einsamkeit, an das Gefühl, der dümmste und naivste Mensch auf der ganzen Welt zu sein, an den ersten vertrauensvollen Blick von Taher, an Justin, der mit weit ausgebreiteten Armen auf der Bühne steht und zaghaft lächelt, an Sahars Mutter, die mir die Hände drückt und sagt: Ich danke Ihnen, dass Sie meiner Tochter die wichtigste Rolle in einem so berühmten Theaterstück wie Nathan der Weise zugetraut haben, ich erinnere mich an den kleinen Mustafa, der bebend zwischen mir und einem wütenden Mob älterer Jugendlicher steht und ganz alleine mit vollem Körpereinsatz die großen Jungs zurückboxt und dabei unentwegt brüllt:  Lasst sie in Rrrruhe! Lasst sie in Rrrruhe! , ich erinnere mich an Amira und Sainab, die im Morgengrauen – lange vor der ersten Unterrichtsstunde  – vor der Schule stehen und mich beschimpfen, dass ich die „fieseste Lehrerin der ganzen Welt bin“, dass sie „mich für immer und ewig verfluchen werden“ und mir „niemals verzeihen werden, dass ich SO GEMEIN bin“, um mir dann ein halbes Jahr später grinsend ein liebevoll gestaltetes Fotoalbum in die Hand zu drücken mit den Worten: Wir warn echt so kleine Bitches, wa, aber Sie haben an uns geglaubt, Frau Plath, und ich erinnere mich an die strahlenden Gesichter beim Applaus, an feste, verschwitzte Umarmungen, an eine heulende Julia im weißen Kleid hinter der Bühne und an Ahmad, den kleinen Bruder von Taher, der mich ernst anschaut und sagt: Ich glaube voll an die Liebe. Und darüber mach ich mal ein eigenes Theaterstück. Wirst du sehen, Frau Plath. 

Und so alles in allem denke ich: Das wird schon klappen bei Frau Reimann. Dasselbe denkt auch Susanne, als ich ihr an einem Donnerstag im März meine Sammlung an Fotobüchern, Schüler-Notizen, Probendokumentationen, Pressemitteilungen, Zeitungsartikeln, Dankes-Schreiben und Plakaten zeige. Wir machen uns guter Laune auf den Weg zum Schulamt in der Boddinstraße. 

Kurz darauf sitzen wir auf einer harten, alten Holzbank vor einer grünlich-grauen Amtszimmertür mit dem Schildchen „Schulrätin C. Reimann“ und warten auf Einlass. Frau Reimann muss noch telefonieren, teilt uns eine bebrillte, gestresst aussehende Dame im Vorbei-Eilen mit. Susanne rollt scherzhaft mit den Augen,  Das macht die doch mit Absicht, also wirklich: Einige Leute scheinen ihre Machtspielchen ja wirklich nötig zu haben… 

Nach geschlagenen 35 Minuten Warten auf der Kirchenbank, äh Holzbank, ist es dann so weit. Wir dürfen in die heiligen Hallen. Bzw. in das heilige Amtszimmer von Frau Reimann. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch, schaut nicht auf, als wir hereinkommen, murmelt nur: Ja, ja, ja, setzen Sie sich, bin gleich soweit. Wir sitzen also noch ein wenig so rum, vor diesem großen Schreibtisch, an dem Frau Reimann noch sehr wichtige Dokumente durchlesen muss und es fühlt sich haargenau so an wie damals in der Grundschule, wenn man zum Direktor musste. Ich balanciere meine Mappe auf den Knien und denke:  Macht nichts. Das hier ist zu gut, um zu scheitern. Nicht die Nerven verlieren jetzt. 

Dann ist es soweit. Frau Reimann blickt auf. Ich denke:  Ach du Scheiße. In ihrem Blick ist einfach mal so GAR NICHTS. Außer – ja, klingt krass, aber doch, es ist: – Verachtung. Ok. Ich schaue wieder auf meine Material-Mappe. Aus dieser Dokumentationsmappe scheint in diesem Augenblick sämtliche Wärme und Hoffnung der Welt zu strömen. Ich halte mich im wahrsten Sinne des Wortes daran fest. Letztendlich sind all diese Kinder gerade mit in diesem Raum. Was sollte also eine einzige schlecht gelaunte Frau hier schon ausrichten können? Ich hebe den Kopf, wage ein Lächeln und frage höflich: Ja, danke für die Einladung. Soll ich dann mal anfangen? Frau Reimann starrt mich an, als hätte ich irgendetwas unsäglich Unverschämtes gesagt. Dann schaut sie Susanne an.  Ich grüße Sie, Frau Marquart. Möchten Sie einen Kaffee? Susanne schüttelt schnell den Kopf. Frau Reimanns Ignorieren meiner Person ist ihr sichtlich unangenehm. Sie lächelt kurz und verlegen und ich denke ein weiteres Mal: Ach du Scheiße. 

Frau Reimann beginnt einen sinnentleerten Smalltalk mit Susanne. Ich komme mir vor wie ein Kind mit seiner Mutter beim Elternsprechtag. Schaue auf meine Mappe. Warte. Susannes Nervosität ist jetzt deutlich spürbar, ich konzentriere mich auf s Atmen und schaue aus dem Fenster. 

Dann endlich: Frau Marquart gibt Ihnen hier offenbar die Möglichkeit Ihre Arbeit vorzustellen. Dann fangen Sie mal an. Ich bin gespannt… 

Wie der Inhalt der Worte und die Stimmlage sich so dermaßen widersprechen können ist schon erstaunlich, denke ich. Wenn es irgendetwas gibt, auf das Frau Reimann GAR NICHT gespannt ist, dann ist es mein folgender Wortbeitrag. Bei meinen ersten Sätzen habe ich bereits das Gefühl in einem leeren Raum mit mir selbst zu sprechen. Meine Stimme klingt seltsam krächtzig. Doch eben. Dann betreten diese Kinder gefühlt nach und nach den Raum. Mit jedem Foto, jedem weiteren Satz werden sie präsenter und ich finde irgendwie zurück zu etwas, das man vielleicht als authentisches Sprechen bezeichnen könnte. Außerdem bin ich gut vorbereitet. Je länger mein Vortrag dauert, desto spürbarer wird die Erleichterung von Susanne neben mir. Sie atmet regelrecht auf. Wird schon alles. Ist doch wirklich sehr überzeugend das Ganze. 

Dann bin ich fertig. Stille. Von dem folgenden, was aus dem ultimativ angespannten Strichmund mir gegenüber herauskommt, behalte ich nur wenige Sätze in Erinnerung – aber das Gefühl, das sich während dieser Sätze in mir ausbreitet, ist so überwältigend schmerzhaft, das mein Kopf nach wenigen Sätzen in einen dumpfen Nebel abtaucht. 

Das ist ja interessant, was Sie hier zum Besten geben. Das ist ja wirklich die Höhe. Sie räumen hier also quasi ganz freiwillig ein, dass Sie in den gesamten letzten Jahren Ihrer beruflichen Verpflichtung nicht nachgegangen sind und stattdessen irgendwelche Faxen gemacht haben. Auf Kosten des Steuerzahlers. Als verbeamtete Lehrerin. Ich bin fassungslos. Und ich kann Ihnen hier nur eines sagen: Wenn Sie nicht ab sofort aufhören, hier so einen Wind um nichts zu machen, werde ich Sie versetzen lassen an eine Schule, wo Sie keinen kleinen Finger mehr krümmen können. Sie sind eine ganz kleine Lehrerin. Und Sie haben Dienst nach Vorschrift zu machen. Ich denke, wir sind hier fertig. Das wird noch ein Nachspiel haben. 

Susanne erwacht aus ihrer Erstarrung. Erhebt sich mit versteinerter Miene zum Gehen. 

Nein, nein, nein, nein, nein, Frau Marquart. SIE bleiben jetzt mal ganz schön hier sitzen. Mit Ihnen muss ich hier noch einiges besprechen bezüglich Ihrer Führungsaufgaben als Schulleitung. Und Sie können dann gehen, Frau Plath. Auf Wiedersehen. 

Ich ordne meine sieben Sachen und finde den Weg nach draußen. Auf dem Flur höre ich durch die Tür noch ein paar Wortfetzen.  Also so geht das wirklich gar nicht, Frau Marquart… kann ja hier nicht jeder machen, wie ihm lustig ist… hart durchgreifen… besonders solche egomanischen Alleingänge… haben Sie sich aber einwickeln lassen… Ego klein kriegen… Tanzen sonst alle auf der Nase herum…. Kollegium müssen Sie behandeln wie eine Schulklasse… Zuckerbrot und Peitsche… Und dieser ganze Begeisterungsterrorismus…  Das ist ja ganz furchtbar… Diesen Faxen müssen Sie da jetzt ganz schnell entschieden einen Riegel vorschieben… 

Ich schaffe es noch raus auf die Straße und bis zum Gemüseladen. Dort bleibe ich stehen und kotze in die Büsche. Der Heulkrampf dauert ca 10 Minuten. Als ich danach einigermaßen überrascht feststelle, dass ich weiter atme und überhaupt alles einfach so weitergeht, gehe ich auf wackligen Beinen zur U-Bahnstation und trete den Heimweg an. In meinem Bauch formt sich ganz langsam eine große klare Erkenntnis: Ich bin die längste Zeit Lehrerin gewesen. Es ist vorbei. 

Was ebenfalls an diesem Tag in diesem Amtszimmer stirbt, ist meine Freundschaft mit Susanne. In den folgenden Tagen ist sie für mich nicht zu erreichen. Als ich eine Woche später in ihr Zimmer bestellt werde, gibt es keinen Kaffee. Stattdessen teilt sie mir kurz und bündig mit, dass das Kollegium sie fortan zu siezen habe. Wie es mit meinen Stunden weitergehe, werde sie mir zeitnah mitteilen. Das wars. 

Was für einen ungeheuer effizienten Schaden eine einzelne Person in einem Amtszimmer so anrichten kann, denke ich verwundert und plane von diesem Augenblick an ununterbrochen, gewissenhaft und zielstrebig meinen Ausstieg.