Kapitel 14: Talfahrt

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Sag mal, wer hat dir denn jetzt ins Gehirn geschissen?

Herr Böhm steht im Lehrerzimmer mit verschränkten Armen vor mir und starrt mich an. Ich suche nach einem Hauch von Humor in seinem Gesicht, aber da ist nix. Der Sheriff ist ultimativ genervt. Und weil mir so schnell keine Antwort einfällt, starre ich nur entgeistert zurück und denke: Scheiße, das ging jetzt aber schnell mit der Mund-zu-Mund-Propaganda… Irgendjemand hat ihm offenbar den Vorfall mit Selina gepetzt. Herr Böhm hat keine Lust, weiter auf eine Antwort zu warten, vielleicht war es sowieso eher eine rhetorische Frage, denn er legt gleich nach:

Selina führt sich da auf wie ne Irre, und du unterstützt das auch noch, oder wie jetzt? Fällst dem armen Künstler da in den Rücken, als ob der das mit unserem Gesocks nicht schon schwer genug hätte. Klasse, Frau Plath. Das nennt man Solidarität unter Kollegen. Toll gemacht. Und was dachtest du, was das für Konsequenzen hat? Ich glaube echt, es hackt! Wenn du dich in den Klassen nicht durchsetzen kannst, ist das ja die eine Sache. Aber offen zum Fehlverhalten aufstacheln, das ist schon ne beachtlich miese Leistung. Da kommt Freude auf. Oder wolltest du mal bisschen einen auf Mutter Theresa machen, die armen, unterdrückten Kinder, und so weiter, oder was? Ich sag dir mal was: Hier sind Kollegen, die sind schon seit den 70-ern hier, unter anderem auch meine Wenigkeit. Wir sind FREIWILLIG an die Hauptschulen gegangen – Stichwort: Das proletarische Kind. Wir haben da bereits alles versucht, das kannste mir glauben. Das ist halt nicht so einfach, wie du noch merken wirst. Aber hier jetzt die Retterin der Armen zu spielen, das ist echt völlig daneben! Du hast ja  keinen blassen SCHIMMER, Mädel! Hier ohne Hirn die Heldin zu spielen, das haben wir gerne! Ich könnte KOTZEN! Und ob Selina da weitermacht, das entscheide ICH höchstpersönlich, das ist immer noch MEINE Klasse.

Er dreht auf dem Absatz um, rauscht aus dem Lehrerzimmer und wirft knallend die Tür hinter sich zu. Ich fühle mich wie in Scheiße getaucht. Das war jetzt wie ein Tritt in den Magen. Mein Hals ist wie zugeschnürt, meine Augen brennen, mit aller Kraft schlucke ich den Impuls loszuheulen runter. Mit wackligen Knien mache ich mich auf den Weg ins Raucherzimmer. Keiner da. Gottseidank. Ich lasse mich aufs Sofa fallen, zünde mir mit zittrigen Händen eine Zigarette an und lasse ein paar Tränen laufen. Dann klingelt es. Gesicht abwischen. Tief schlucken. Tief einatmen. Aufstehen. Rücken durchstrecken und weiter geht’s. Auf in die 8b. 

Als ich die Aulatür aufschließe, merke ich, dass die Wut in mir hochkommt.  Arschloch!  denke ich. Doch ich habe nicht viel Zeit weiter in meinen Wutgefühlen zu baden, denn leider wartet bereits gleich die nächste Herausforderung. Ein Typ in Jeans und Trainingsjacke steht im Gang am Fenster und tritt auf mich zu.  Sind Sie Frau Plath? –  Ich nicke und reiche ihm die Hand.  Ich bin der Freund von Justins Mutter. Sie kann nicht kommen, aber ich muss mit Ihnen sprechen.

Ich habe jetzt Unterricht, können Sie nicht später noch mal wiederkommen, vielleicht so 14.30? frage ich. Er schüttelt den Kopf.

Nee das geht nicht, ich hab Schicht. Dauert auch nicht lange.  Er schiebt sich an mir vorbei in die Aula. Die Klasse tobt inzwischen auf und hinter der Bühne herum. Immerhin kann kein Vorhang abreißen, denn der ist ja nicht mehr da.  Ich muss das mit dem Schwarz-Streichen der Bühne noch regeln,  denke ich, schließe die Aulatür und wende mich Justins Stiefvater zu. Und was kann ich für Sie tun?  frage ich und ahne bereits, dass jetzt nichts Erfreuliches kommt. Der Mann steht breitbeinig da und fixiert mich mit unangenehmem Gesichtsausdruck. Dann legt er los.

Justins Mutter geht`s nicht gut. Aber sie macht sich Sorgen, deswegen bin ich jetzt mal vorbei gekommen, um mir einen Eindruck zu verschaffen und leider scheint der Klassenlehrer ja recht zu haben. Wie heißt der noch mal?  Ich helfe ihm weiter: Herr Böhm.

Ja, genau, Herr Böhm. Der hat meiner Frau erzählt, dass Justin so ne junge Lehrerin hat, die sich nicht durchsetzen kann und dass da kein ordentlicher Unterricht stattfindet. Nur Chaos in der Aula. Und ich muss sagen: Sieht ganz so aus, als ob der recht hat. Sind Sie überhaupt ausgebildete Lehrerin? Justin hat ein Recht auf normalen Fachunterricht. Nicht auf sowas.  Er deutet auf die zugebenermaßen ziemlich lauten Jugendlichen auf der Bühne.

Das müssen Sie schon mir überlassen, antworte ich und bete innerlich, dass ich nicht ausraste jetzt.  Klar bin ich ausgebildete Lehrerin und es würde mich interessieren, was Sie unter normalem Fachunterricht verstehen,  höre ich mich mit übertrieben fester Stimme sagen. Ich spüre, dass ich mich bremsen muss, mich jetzt nicht um Kopf und Kragen zu reden. Ich halte also inne und lasse die Frage einfach mal so im Raum stehen.

Aber der Typ scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Er schaut mich mit verächtlichem Gesichtsausdruck an und erklärt:  Was für mich normaler Fach-Unterricht ist?Ja, das kann ich Ihnen sagen: Strenger, ordentlicher Unterricht wie bei Herrn Böhm. Da wissen die Kinder, woran sie sind. Der lässt nix durchgehen. Da lernen die noch was. Und genau das braucht Justin. Der kriegt seinen Arsch sonst nicht hoch. Und Sie verplempern hier wertvolle Zeit, das sieht man ja. Ich werde mich beschweren. Das lasse ich mir nicht gefallen, dass Ihre Unfähigkeit unserem Justin die Zukunfts-Chancen versaut. Mir fällt tatsächlich nichts mehr ein. Aber der Mann wendet sich jetzt ohnehin zum Gehen und ich mache keinen Versuch, ihn aufzuhalten. Stattdessen rufe ich ihm hinterher:  Dann schönen Tag noch!  und beiße mir auf die Lippen. Inzwischen wird es wirklich höchste Zeit, dass ich mich um das Chaos auf der Bühne kümmere.

So, Schluss jetzt. Sorry für die Verspätung, wir fangen jetzt an.

Was wollte der? – fragt Justin.

Dein Vater?, frage ich. 

Das ist nicht mein Vater. Das ist n Klugscheißer, der nervt, sagt Justin und ich muss mich zusammenreißen, um nicht zu sagen: Da hast du allerdings recht! Ein kleines Grinsen kann ich mir nicht verkneifen. Meine Laune ist um einen Millimeter gestiegen und ich fange an:

Also Leute, mir ist letztes Mal aufgefallen, dass wir noch mehr Karten, also mehr Programme brauchen, damit die Szenen oben auf der Bühne immer spannender werden. Jetzt gibt es auch noch EINSCHUB, FREEZE UND ALLE BLICK INS PUBLIKUM, CATWALK und EMOTIONSKARTEN.

Während der folgenden 20 Minuten lösen wir schreiend und diskutierend alle Probleme, die während des Spiels auftauchen, u.a. auch, was Emotionen sind und dass es mehr davon gibt als Wut und Liebe und wir vereinbaren während des Spielens ständig neue Regeln, die auch wiederum auf Karten geschrieben werden. Für jedes auftauchende Problem muss eine Lösung in Form einer Karte gefunden werden und das Ziel ist, dass es Spaß macht und keiner sich langweilt. Es ist erstaunlich, wie lange das gut geht, sogar jetzt hier mit der ganzen 8b. Taher findet, dass es „wie ein Computerspiel“ ist, was wir machen und nickt anerkennend in meine Richtung. Ach, ist das schön. Endlich funktioniert mal was. Der Zeitpunkt für meine Veto-Idee scheint gekommen. Ich stoppe das Spiel und setze mich zwischen die beiden Gruppen – zwischen Bühne und zuschauenden bzw. Fernbedienungen klickenden Schüler*innen.

Ich führe jetzt für heute die letzte Karte ein, sage ich, und zwar die Veto-Karte. Wenn von unten ein Auftrag kommt, den ihr nicht ausführen wollt, könnt ihr Veto einlegen, das heißt, ihr verweigert den Auftrag. Und zwar so lange, bis wieder ein Auftrag kommt, den ihr ausführen wollt. Ok? Das kann jeder für sich selbst entscheiden.

Einige nicken. Können wir weiter machen?,  fragt Mahmout. Ich habe irgendwie das Gefühl, ich muss das noch etwas ausführlicher erklären, aber sie fangen bereits wieder an zu spielen und ich denke:  Auch gut, vielleicht klärt es sich ja auch von allein.

Das tut es leider nicht. Innerhalb kürzester Zeit schreien alle Veto und lachen sich schlapp, unten vor der Bühne rasten einige aus, weil sie ihre Aufträge nicht mehr durchkriegen und sich von den Spieler*innen auf der Bühne verarscht fühlen – langer Rede kurzer Sinn: Wir sind wieder mal im kompletten Chaos gelandet. Nichts geht mehr. Und es kommt noch besser. Taher ruft:  Gilt das Veto auch für das, was Sie uns sagen?  Ich breche das Spiel ab und „verordne einen Stuhlkreis“. Es dauert 20 Minuten, bis der Stuhlkreis aufgebaut ist und es leise ist. Und in diesem Moment treffe ich meine Entscheidung. Ich denke:  Jetzt oder nie!  und erkläre ehrlich und offen, was ich mit dem Veto Recht eigentlich meine:

Zu Tahers Frage,  sage ich, also zu der Frage: Gilt das Veto auch für das, was ich sage? Ja klar. Es geht mir darum, dass ihr mal rausfindet, was ihr machen WOLLT, und was nicht. Eigentlich können wir nur richtig arbeiten, wenn ihr lernt, klar zu sagen, was für euch geht und was nicht. Erst dann kann ich mit euch guten Unterricht machen.  Ich erläutere das 10-Meter-Turm-Beispiel. Aber es sind bei weitem mehr als drei Sätze und ich komme nicht durch. Es wird unruhig und Taher unterbricht mich mit breitem Grinsen:  Cool. Dann mach ich jetzt Veto und geh nach Hause.  Und er nimmt seine Jacke – und geht. Und noch bevor ich die Chance habe, in irgendeiner Weise darauf zu reagieren, schreit Fatima:  Veto! Veto! Veto! und kriegt einen hysterischen Lachanfall, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringt. Alle schreien Veto!,  springen auf, kippen die Stühle um, einige rennen raus, andere bewerfen sich mit Jacken, wieder andere öffnen die Fenster, beugen sich raus, schreien  Veto! raus auf den Schulhofund scheinen fast zu ersticken vor Lachen– und in all dem Chaos sehe ich in ihren Gesichtern wieder das, was ich längst dachte besiegt zu haben: Diesen Anflug von Gehässigkeit. Mir gegenüber. Diesen Genuss daran, mich auf die Palme zu bringen, bzw. ja, den Genuss daran, mich zu verletzen. Und das killt mich tatsächlich. Ich habe das Gefühl, innerlich zu vereisen. Was soll das, was ist mit diesen Kindern los? Sind die am Ende doch bösartig? Warum genießen sie es so sehr, mich fertig zu machen? Habe ich mir diese Fortschritte der letzten Woche nur eingebildet? Ich setze mich auf einen Stuhl und denke:  Ich lasse es einfach. Ich melde mich krank und schaue, dass ich an eine andere Schule komme. Und wenn das nicht geht, dann fange ich eben im Schuhladen an. Ich kann es einfach nicht schaffen.  Herrn Böhm sehe ich gar nicht hereinkommen. Erst, als er vor mir steht, wird mir klar, dass es immer ein „Noch schlimmer“ gibt. Herr Böhm grinst und reicht mir ein Taschentuch:  Ich dachte, ich komm mal vorbei, man kann bei diesem Lärm ja nirgends im Haus mehr Unterricht machen. Am besten heulste jetzt erstmal ne Runde und dann schauen wir mal, was wir machen können. So geht das ja hier nicht mehr weiter, das ist dir ja klar, oder nicht?  Und es darf nicht wahr sein, aber tatsächlich fange ich an zu heulen. Und Herr Böhm setzt sich neben mich, reicht mir ein weiteres Taschentuch, während die letzten Schüler*innen den Raum verlassen. Die Tür fällt hinter ihnen ins Schloss. Es wird still. Ich heule unkontrolliert weiter. Dies ist mein letzter Tag, denke ich, es ist alles egal. Da spüre ich etwas auf meinem Bein. Ich erstarre. Herr Böhm hat seine Hände da, wo sie nicht sein sollten. In meinem Schritt. Und er beugt sich vor und versucht mich zu küssen. Mir wird augenblicklich so schlecht, dass ich das Gefühl habe, es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette zu schaffen. Ich springe auf, der Stuhl kippt nach hinten, wegen Tränen und Rotz sehe ich nur verschwommen, ich raffe meine Sachen zusammen und schaffe es irgendwie aus der Aula. Bloß raus hier. Ich renne, stolpere die Treppen runter. Hoffentlich sieht mich keiner. Gleich hab ich es geschafft. Da ist der Ausgang. Nur noch durch diese Tür. Ich greife nach der Klinke. Ups. Die Tür geht von selber auf. Und von draußen kommt herein – mit einem Eimer und einer Schaufel – der Hausmeister. Mist. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Er schaut mich an. Ich schaue auf den Boden. Schweigen. Dann er:  Was ham se denn mit IHNEN anjestellt? Noch immer schaut er mich direkt an. Ich versuche, einen Satz zu formen aber es kommt nur ein undefinierbares Geräusch aus meiner Kehle. Ich setze noch mal neu an, aber es kommt nichts raus und irgendwie füge ich mich meiner Sprachlosigkeit und merke: Vielleicht ist das jetzt auch einfach mal ne Situation ohne Worte. Auch Herr Schulz scheint es zu bemerken. Er stellt erstmal umständlich und scheppernd Eimer und Schaufel ab. Dann schaut er, schaut wieder weg, seufzt.  Na, denn kommse mal mit. So kann ick Se ja nich alleene nach Hause schicken, dit is jetzt Zeit für n Kaffee, wa? – Er schaut mich an. Oder fürn n Pils….?  Da ich immer noch nichts sage, schiebt er mich sanft aus der Tür und bedeutet mir, mit zu kommen. Wohin auch immer, denke ich und trotte etwas belämmert hinter ihm her. Herr Schulz schließt die Tür zum Hausmeister-Kabuff auf. Drinnen ein dunkler Flur. Zigarettenrauch. Wir biegen um die Ecke. Eine kleine Küche mit einem schweren runden Holztisch in der Mitte, an der Wand eine Art Werkbank mit allem möglichen Zeugs, Schrauben, Schlüssel, ein Werkzeugkasten, ein Bohrer, verschiedene metallische Gegenstände, ich vermute ausgebaute Schlösser oder sowas. Zwei Typen sitzen da und qualmen, Bild Zeitung liegt auf dem Tisch, ein kleiner Fernseher flimmert auf einem Schränkchen daneben, irgendein Fußballspiel, die beiden trinken Sternburg Pils aus der Flasche. Herr Schulz nuschelt irgendwas und öffnet einen brummenden, fleckigen Kühlschrank in der Ecke, der vollgeklebt ist mit irgendwelchen Stickern aus den 80-ern, so sieht es jedenfalls aus.  Ick denke, n Pils is anjebracht?  fragt er und reicht mir ein Sternburg Pils. Ich nicke und nehme die kalte Flasche entgegen. Einer der beiden rauchenden Typen reicht mir einen Öffner. Kurzer Blick auf meine Armbanduhr: 13.40 Uhr. Ich hab keinen Unterricht mehr. Aber es fühlt sich ohnehin gerade alles ein bisschen nach „egal“ an. Ich öffne die Flasche, Herr Schulz hat seine bereits mit einem Feuerzeug geknackt, die „Jungs“ am Tisch deuten mit einem Nicken eine Prost-Geste an, nuscheln ihre Namen in meine Richtung, Olli, Jens, Maike, wir nicken uns zu und dann nehme ich einen großen kalten Schluck Bier und nehme das wohltuende Wärmegefühl im Magen zur Kenntnis. Wow. Ich fühle mich plötzlich so müde, als könnte ich auf der Stelle einschlafen. Offenbar erwartet auch niemand groß irgendeine Unterhaltung von meiner Seite. Friedlich sitzen die Männer da am Tisch, schauen auf den kleinen Bildschirm und trinken ihr Sterni. Alles gut. So vergeht eine Weile in angenehmen Schweigen, bis das Bier anfängt zu wirken und ich wieder ein wenig munterer werde. Ich schaue zu Herrn Schulz rüber und sage: Ja, danke übrigens. Das ist echt nett. Er winkt ab. Keene Ursache. Wieder ein paar Minuten wohlige Stille. Dann er: Dit mit dem Vorhang in ner Aula… Dit kann so nich bleiben, dit sieht ja nich jut aus. Wenn Se den nich wieder ofjehängt haben wolln, was ham Se sich denn jedacht? 

Und ich: Ich dachte, wir könnten vielleicht die ganze Bühne schwarz streichen? Herr Schulz zieht die Augenbrauen hoch,  wer is denn „wir“? 

Ach so, ich dachte vielleicht ein paar aus der 8b und ich. 

Herr Schulz stellt sein Bier auf dem Tisch ab und beugt sich vor: Also dit kommt jar nich in Frage. Meinen Se, ich lass die Chaoten da ran? Da könn wa anschließend alles noch mal neu streichen und ham zusätzlich noch ne Sauerei. Nee, dit mach ich lieber selbst mit meenen Jungs, wa?  Er schaut zu den beiden anderen, die weiterhin auf den Bildschirm schauen, aber ihre Daumen heben und nicken. Ja, dit is ja keene schlechte Idee – und dit wolln Se fürs Theater? Und keenen Vorhang? – Ich: Nee. Ich finds ohne Vorhang besser. Herr Schulz zuckt mit den Schultern. Mir soll`s recht sein. Könn wa nächste Woche machen, würd ick sagen, wa? Wieder ein Nicken der beiden Kollegen am Tisch. Ich staune. Jetzt streicht Herr Schulz die Bühne für mich, oder wie? Ich merke aber, dass es jetzt unangebracht wäre, meine Überraschung und Freude zu extrem raus zu lassen. Stattdessen wende ich mich jetzt noch mal mit all meiner Aufmerksamkeit Herrn Schulz zu, lasse zumindest ein kleines Lächeln raus und sage: Das ist wirklich wahnsinnig nett! Das freut mich total. Vielen Dank, Herr Schulz. Er brummelt irgendwas wie Keen Ding, dit muss ja ohnehin jemacht werden, steht auf und beginnt an einem der Schlösser auf der Werkbank rumzuhantieren. Ich habe das Gefühl, dass es Zeit ist zu gehen und verabschiede mich bei den drei Herren, die mich irgendwie gerettet haben heute und mache eine Notiz an mich selbst, nämlich: Es ist alles doch immer wieder anders, als man denkt. Kurze Zeit später sitze ich in der U8 auf dem Weg nach Hause. Von dem Vorfall in der Aula spreche ich nie mehr ein Wort. Schon der Gedanke daran ist so unangenehm, dass ich beschließe, dass es nicht passiert ist. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie, also in welchen Worten ich DAS überhaupt erzählen könnte. Es kommt mir zu ungeheuerlich, zu absurd vor. Und was würde es in der Konsequenz bedeuten? Es macht mir Angst. Also richte ich meine Gedanken auf andere Dinge. Ich kriege jetzt eine schwarze Bühne und mein Leben hier geht weiter und also schaue ich nach vorn. Am nächsten Tag mache ich einen großen Bogen um Herrn Böhm, doch das ist gar nicht so schwer, denn auch er scheint kein Interesse daran zu haben, mit mir zu sprechen. Den Vorfall mit Selina erwähnt er auch nie mehr. Und Selina bleibt im Projekt. Mit wem ich allerdings noch mal über Selina spreche, ist der Tänzer. Wir treffen uns auf einen Kaffee in Kreuzberg und ich versuche ihm zu erklären, warum ich ihm quasi in den Rücken gefallen bin, dass mir das leid tut und wie ich die Sache aber grundsätzlich sehe. Zu meiner Überraschung ist er ganz und gar auf meiner Seite, erzählt von Royston Maldoom, mit dem er im letzten Projekt zusammengearbeitet hat und dass er nur aus Überforderung so krass reagiert habe. Weißt du, erklärt er mir, ich finde mich selber ganz schrecklich, wenn ich da so die Nerven verliere. Ich will das eigentlich gar nicht. Aber manchmal werden halt auch meine inneren Muster getriggert. Ich rede noch mal mit Selina. Ich glaube, wir kommen jetzt sehr gut klar. Und zum Veto-Gedanken: Ich finde es genau richtig, wie du das siehst, und ganz ehrlich: Ich würde dran bleiben an deiner Idee mit dem Veto. Das ist logisch, dass die erstmal Rabbatz machen. Aber das hat ja nichts mit dir oder der Idee zu tun. Die müssen doch erstmal alles abreagieren, was die ansonsten an Demütigungen in diesem Schulsystem schlucken müssen. Deswegen drehen die doch auch immer erstmal so am Rad in unseren Projekten. Kaum ist ein bisschen Freiheit da, müssen die erstmal ordentlich Dampf ablassen. Aber nach einiger Zeit wird das besser. Die müssen erstmal Vertrauen gewinnen. 

Diese Worte wirken auf mich wie reine Medizin. Ich kann es gar nicht fassen, dass im Ganzen die Dinge gar nicht SO schrecklich sind, wie ich dachte. Und also richte ich mich wieder auf und gehe erneut in die Arena mit der 8b – um es noch einmal mit dem Veto-Recht zu probieren.