Türwächter*innen der Freiheit – Drittes Kapitel

Realitätsschock

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig. (Alle Kapitel gibt es auch in der Hörfassung auf meinem Podcast: Auf meiner Seite bei „Maikes Podcast“).

Berlin Neukölln 2004. An meinem ersten Schultag in Neukölln sind noch keine Schüler*innen da. Nur das Kollegium. Es ist der Freitag vor Schulbeginn nach den Sommerferien 2004. Ich stehe in einem Lehrerzimmer, das mich sprachlos macht. Alles ist wahnsinnig eng und voll gerümpelt. Auf den Schränken stapelt sich verstaubtes, offensichtlich längst vergessenes Zeugs: Schulbücher, zusammengerollte Plakate, Kisten, Aktenordner… Alles zugedeckt unter einer feinen, grauen Staubschicht – diese Sachen hat seit Jahren niemand mehr angefasst. Auf den Fensterbänken vertrocknete Pflanzen, die schon bessere Tage gesehen haben, kleine Töpfchen mit grauem Gestrüpp. In der Ecke röchelt eine alte Kaffeemaschine, daneben eine Spüle voller dreckiger Kaffeetassen, mindestens 20 verschiedene Becher und Tassen mit braunen Flecken und Rändern, zu kippelnden Türmen gestapelt. An der Lehrerzimmertür – innen – eine gelbliche Liste mit Schülernamen und Terminen für Klassenkonferenzen – aus dem letzten Schuljahr. Der kleine Raum ist vollgestellt mit grauen Tischen und grauen Stühlen, die Tische sind ebenfalls komplett vollgerümpelt und jeder Stuhl besetzt. Ich stehe neben der Tür und überlege, wo ich mich hinsetzen soll. Als ich endlich einen freien Platz ausmache und zögernd darauf zusteuere, um meine Tasche dort abzulegen, vertritt mir ein älterer Kollege den Weg. 

Da sitzt Frau Schmidt.

Oh, ach so. 

Ich ziehe mich zur Tür zurück. Stehe da so rum. Schaue in die Runde. Alle scheinen sehr beschäftigt zu sein – und angespannt. Allgemeines hektisches Gemurmel. Ich frage mich, wo man eine rauchen kann und verlasse langsam und möglichst unsichtbar diesen Ort des Grauens. Draußen vor der Lehrerzimmertür studiere ich den Schaukasten. Da hängen Listen von den Bundesjugendspielen 2003 und ein paar Urkunden für die Fußballmannschaft. Ich mache mich auf die Suche nach dem Raucherzimmer. Unterwegs ein Toilettensymbol an der Tür. Vielleicht gehe ich erstmal kurz aufs Klo. Geht nicht. Die Tür ist abgeschlossen. Ich stehe ratlos auf dem Schulflur. 

Bist du neu hier? 

Eine jüngere Kollegin steht vor mir.

Ja, ich…

Hallo. Ich bin „die Sozialpädagogin“, sie grinst, als wäre das ein Witz. 

Und du fängst hier jetzt zum Sommer an? fragt sie.

Ja. Ich bin Maike. 

Aus Berlin?

Nee, aus Schleswig-Holstein. 

Oh. Und ist das deine erste Stelle hier?

Nein, ich bin schon 8 Jahre im Schuldienst.

Echt? Na, dann wird dich hier ja so schnell nichts erschüttern. Sie lacht und ich spüre eine kleine Anwandlung von Wärme. Ich bin froh, dass ich offenbar einen normalen Menschen in diesem Gebäude entdeckt habe. Einen Menschen, der mich anguckt und normal mit mir spricht. 

Sie: Wollen wir eine rauchen? 

Ich frage mich, ob sie Gedanken lesen kann und sage erleichtert: Ja, super.

Wir gehen schweigend nebeneinander den dunklen Schulflur entlang. Die Tusche-Bilder an den Wänden sehen so aus wie in meiner damaligen Grundschule in den 70-er Jahren in Glücksburg am Kegelberg. 

Die Toiletten sind noch abgeschlossen, höre ich mich zu meiner eigenen Überraschung sagen.

Die sind IMMER abgeschlossen, ich heiße übrigens Lena, sagt meine Begleiterin und schließt mit einem unverhältnismäßig großen, klirrenden Schlüsselbund eine Tür auf. 

Wie im Knast, denke ich. 

Wir betreten einen Raum, der so aussieht, als wäre er in einem hundertjährigen Dornröschen-Schlaf. Schrankwände voller alter Aktenordner und Schulbücher, Sprachbücher, Mathebücher, Englischbücher, abgewetzte Stapel von „Rokal, der Steinzeitjäger“, einer Lektüre, die ich noch aus meiner eigenen Schulzeit kenne. Ein paar – im Kontrast dazu – seltsam modern wirkende schneeweiße Whiteboards, gestapelt an der Wand und irgendwie unberührt, eingeschweißt in Plastikfolie. Hinten eine Sofaecke, die mich an unseren damaligen SV Raum erinnert, noch zu meinen Schulzeiten – wo die Oberstufen-Ökos immer saßen, heiße Milch mit Honig tranken und über Afghanistan diskutierten – in den 80-ern. 

Lena lässt sich auf das grüne, abgeranzte Sofa fallen. 

So. Sagt sie mit einem zufriedenem Lächeln und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen. 

Sie schaut auf. Auch eine?

Nee, ich hab selber, danke. Ich setze mich auf einen alten Sessel, der bei jeder kleinen Bewegung knarzende Geräusche macht.

Und? Warum bist du jetzt in Berlin? 

Private Gründe. 

Ich mache eine Pause und habe das Gefühl, das klingt irgendwie abweisend. Also füge ich hinzu: Ich wollte noch mal einen anderen Eindruck von Schule kriegen… und Berlin ist ja schon ne spannende Stadt… (Ich komme mir vor wie eine Landpomeranze. – Bin ich ja auch.)

Lena lacht schallend. Ok, mutig, Alter! – Also bist du freiwillig hier? Also ich meine – an dieser Schule?

Ich zünde meine Zigarette an, nehme einen Zug und sehe sie zum ersten Mal direkt an. 

Freiwillig? Ja, klar. Oder was meinst du…?

Naja, hier geht ja keiner freiwillig hin. Hauptschule Neukölln halt. Ist sozusagen der Vorhof zur Hölle. 

Ich atme etwas zu laut aus. 

Boah. Das ist doch voll das Klischee. Böses Neukölln, Kriminalität, Räuberpistolen… Also ich denke, das wird in den Medien auch immer übertrieben dargestellt, oder?

Lena wirft mir einen seltsam ironischen Blick zu. Ich finde, ein bisschen überheblich. Ich fühle mich blöd. Was will sie überhaupt? Sich wichtigmachen? Mir Angst machen? Ich lächle sie an, puste Rauch in die Luft und hoffe, dass ich nicht ganz so provinziell wirke. 

Naja. Sagt sie. Ehrlich gesagt… Ehrlich gesagt ist es schon krass, also… schwierig… Ich will dir jetzt nicht die Motivation nehmen – aber es ist schon…. heftig.

Ich merke, wie ich innerlich trotzig werde. 

Was meinst du denn? Sage ich etwas zu laut.

Sie zögert. Dann wirft sie mir einen kurzen Blick zu, zuckt mit den Schultern. Egal, sagt sie, vielleicht findest du es ja wirklich nicht so schlimm. Es hat auch alles Vorteile hier. Man kann machen, was man will. Hauptsache, es dringt nix nach draußen…

Das finde ich interessant. Diese Aussage habe ich fast wortwörtlich von der Neuköllner Schulrätin beim Einstellungs-Gespräch gehört. An einem der letzten Sommerferientage sitze ich in der Boddinstraße in Neukölln bei der zuständigen Schulrätin. Sie erzählt fröhlich von ihrer anstehenden Pensionierung und dass „sie noch einiges auf den Weg bringen möchte“. Offenbar möchte sie auch mich auf den Weg bringen, denn ich habe noch keine Stelle. 

In Schleswig-Holstein hatte ich gekündigt und meine Verbeamtung aufgegeben, weil ich keine Lust hatte auf das offizielle Verfahren, bei dem mein Wechsel in ein anderes Bundesland eventuell Jahre gedauert hätte. Ich hatte mich entschieden nach Berlin zu gehen – und zwar jetzt. Nicht in ein paar Jahren. Ich war mit meinem ganzen Krempel nach Berlin gezogen, hatte mich vorher persönlich an einer Reihe von Schulen beworben und gehofft, dass es irgendwie klappen würde. Im Verlaufe der Sommerferien musste ich feststellen, dass es offenbar nicht „irgendwie klappen“ würde. In Berlin war 2004 von einem Einstellungsstopp die Rede und ich fing an zu zweifeln, ob meine spontane Entscheidung richtig gewesen war. Neben der Wohnung in der Rosenthaler Straße, in die ich mit meinem Freund gezogen war, hing ein Schild im Laden eines Schuhgeschäfts: Verkäuferin gesucht. Ich ertappte mich hin und wieder bei dem Gedanken, dass ich mich vielleicht dort mal melden sollte…

Jetzt aber saß ich also im Büro der Schulrätin und hoffte, dass sich noch etwas ergeben würde. 

Frau Behrens wirkte auf mich wie eine typisch schnoddrige Berlinerin, die die Dinge beim Namen nennt. 

Sie: Ja, Frau Plath, ich hätte hier ne Stelle für Sie. Sie können gleich nächsten Montag anfangen, wenn Sie wollen.

Ich: Das ist ja toll.

Sie: Naja, das müssen Sie entscheiden. Ich hab hier nur was an ner Hauptschule, und da wollen ja viele nicht hin. Aber ich sehe hier in Ihren Akten, dass Sie ja in Schleswig-Holstein ne Menge bewegt haben und eine engagierte Lehrerin sind. Dann werden Sie es auch an einer Hauptschule schaffen, da bin ich mir sicher. Vor allem haben Sie ja die Fachqualifikation für Darstellendes Spiel und offenbar viel Erfahrung mit dem Theater. Das ist doch großartig. 

Ich: Gibt es an der Hauptschule denn überhaupt offiziellen Theaterunterricht? Ich dachte, das gibt es nur in der gymnasialen Oberstufe.

Sie: Da haben Sie recht. Das gibt es an der Hauptschule nicht. Aber ich bin jetzt mal ganz offen mit Ihnen: Das interessiert hier sowieso niemanden. An den Hauptschulen ist Untergang. Ende Gelände. Da können Sie machen, was Sie wollen. Da redet Ihnen keiner rein. Hauptsache, der Deckel bleibt drauf. 

Ich: Und was heißt das genau?

Sie: Das heißt, dass an den Hauptschulen hier sowieso kein normaler Unterricht mehr möglich ist. Wenn Sie da mit dem Theater kommen – und das irgendwie hinkriegen – dann sind alle froh. Was offiziell unterrichtet wird, ist völlig egal – Hauptsache, das läuft irgendwie ohne Drama ab. Minimalanforderung ist, dass die Polizei nicht kommt. 

Aha. Ich muss lachen. 

Sie: Ja, da lachen Sie jetzt. Aber ich verrate Ihnen mal was: Ich kriege hier reihenweise Suiziddrohungen von Lehrkräften, die da unterrichten sollen. Ich kann meine Stellen hier nicht besetzen, weil die dann mit dem Anwalt kommen. Da freu ich mich doch über eine Person wie Sie. Sie haben Ihre Verbeamtung aufgegeben, um herzukommen. Da steckt ja ordentlich Wums dahinter, das brauchen diese Kinder an der Hauptschule. Und ich bin mir sicher, Sie sind da richtig. Wenn Sie schlau sind, können Sie da richtig was draus machen. 

Sie zwinkert mir aus ihren tiefblau geschminkten Augen verschwörerisch zu. 

Ich: Ja, ich weiß nicht… Mit Hauptschülern habe ich keine Erfahrung. Und ich komme ziemlich aus der Provinz, also vielleicht…

Sie: Ach, das ist doch alles Quatsch. Sie sind ne patente Person. Sowas kann ich riechen. Ich sitz hier schon ne Weile, glauben Sie mir, ich habe Erfahrung. Sie werden mir noch danken, dass ich Sie dahin geschickt habe. Und wenn Sie Probleme kriegen: Sie können sich jederzeit bei mir melden. Ich werde die Hand über Sie halten, da können Sie sich drauf verlassen….

Frau Behrens hielt ihr Versprechen. Sie „hielt ihre Hand über mich“ – allerdings nur drei Jahre. Dann wurde sie pensioniert. Und nach dem „das alte Schlachtschiff mit den blau geschminkten Augen“ nicht mehr in der Boddinstraße saß, brachen andere Zeiten an. Ganz andere Zeiten.

Lena drückt ihre Zigarette aus und seufzt. 

Na, dann wolln wir mal, sagt sie, lächelt halb aufmunternd, halb mitfühlend und wir machen uns auf den Weg zurück ins Lehrerzimmer. 

Mit ihr an der Seite ist es etwas einfacher und ich stehe nicht mehr ganz so verlassen im Türrahmen – wie bestellt und nicht abgeholt. Aber an der Tür stehe ich trotzdem noch eine ganze Weile, bis Lena einige Kolleginnen überredet hat, mir einen Platz zu frei zu machen. Etwas umständlich und begleitet von leicht genervtem Gemurmel werden einige Stühle gerückt und Taschen und Ordner beiseitegeschoben. Ich bekomme einen Platz, obwohl „der nur vorläufig ist“, erklärt mir ein älterer Kollege in grimmigem Ton: Da sitzt eigentlich Frau Wehmeier – aber die ist langzeit-krankgemeldet. Wer weiß, ob die überhaupt wiederkommt. Aber wenn, dann müssen Sie da wieder weg.

Aha. Ich frage mich, ob sich hier alle siezen – oder ob das Ironie ist. So eine Art Theaterstück, dass die hier für mich aufführen. So wirkt es jedenfalls. 

In den ersten Tagen fahre ich von Berlin Mitte aus mit dem Fahrrad zur Schule. Es ist ein weiter Weg, aber ich habe den Ehrgeiz, die Stadt kennen zu lernen und freue mich tatsächlich darüber, dass es sich anfühlt, als würde man durch einen Spielfilm fahren. Alexanderplatz, Fernsehturm, Haus des Lehrers, Moritzplatz, Kreuzberg, Kottbusser Tor, Hermannplatz – alles Orte, die ich gefühlt schon kenne. Aus „Film und Fernsehen“, sagt man ja so schön. Super. Und hier wohne ich jetzt also. Mitten in einer Touri-Postkarte. 

Am vierten Tag regnet es in Strömen und ich trage mein Fahrrad runter in die U-Bahn. Ich ziehe ein Ticket und sitze mit meinem Fahrrad in der U8. Fahrscheinkontrolle. Ein Typ steht vor mir. Ausdrucksloses Gesicht. Ich fingere meinen Fahrschein aus dem Portemonnaie. Er starrt ungerührt darauf. Wartet. 

Ja, dit Fahrrad?

Wie bitte? Mein Fahrrad?

Ja, dit is Ihr Fahrrad, nehm ick ma an.

Ja…

Ja, und wo is der Fahrschein?

Sie haben den doch in der Hand.

Nee, dit is für Sie. Ick brooch den Fahrschein für dit Fahrrad.

Oh, das wusste ich nicht, ich habe gedacht….

Er unterbricht mit Automatenstimme: 40 Euro. Und fängt an, etwas in sein Gerät zu tippen. 

Ich bin fassungslos.

Aber woher soll ich wissen, dass ich auch noch…

40 Euro.

Entschuldigen Sie mal, ich bin erst seit ein paar Wochen hier, woher soll ich wissen…

40 Euro. Er scheint sprachlich bei diesen 40 Euro eingerastet zu sein in einer Art Dauer-Loop.

Er tippt mit ausdrucksloser Miene in sein Gerät. 

Dann endlich ein neuer Satz:

Dann komm Se mal mit raus hier. 

Wir sind am Kottbusser Tor. Ich stehe auf und schiebe mein Fahrrad hinter ihm aus der Bahn. Die Türen schließen. Ich stehe vor diesem bewegungslosen Kontrolleursgesicht, die U8 rattert ohne mich weiter nach Neukölln und ich versuche erneut, zu erklären, wie ich das Ganze sehe. Aber der Automaten-Typ bleibt ungerührt. 40 Euro. Mehr kann er offenbar nicht an Kommunikation. Da ich nur 10 Euro dabeihabe, braucht er jetzt meinen Personalausweis. Ich übe mich in einer buddistischen Grundhaltung und denke: Dit is Berlin, wa? 

Wenig später sitze ich in der nächsten U8 und studiere den Wisch, den ich bekommen habe. Innerhalb von 7 Tagen kann ich bei der BVG Dienststelle am Kleistpark Widerspruch einlegen bzw. nachweisen, dass ich doch ein Ticket hatte. Da ich – fürs Fahrrad – keins hatte, wird es wohl bei den 40 Euro bleiben. Scheiße. Egal. Lehrgeld.

Außerdem sind meine Gedanken ohnehin woanders. Ich habe heute meinen ersten eigenen Unterricht. Da der Stundenplan noch nicht fertig ist, hatten die Schüler*innen die ersten Tage Klassenlehrer-Unterricht. Ich habe keine Klasse. Daher saß ich bisher erstmal nur so rum, auf „meinem“ Platz im Lehrerzimmer neben der röchelnden Kaffeemaschine, und versuchte zu begreifen, wo ich gelandet war. Heute aber ist es soweit. Eine 8. Klasse. Musik. Laut vorläufigem Stundenplan habe ich alle vier 8. Klassen in Musik. Naiv wie ich bin, freue ich mich anfangs noch darüber und denke: Wie nett, dass sie mich gleich da einsetzen, wo meine Stärken sind. Theater gibt’s ja nicht, aber in Musik darf ich bestimmt Theater machen… so, wie an meiner Vorgänger-Schule… 

Als ich mit meiner Tasche die Stufen zum ersten Stock hochsteige, höre ich das Gegröle schon von weitem. Ich frage mich auch in einer Anwandlung von Geistesblitz, wie ich Musikunterricht in einem Klassenraum geben soll – ohne Instrumente, ohne Musikanlage, ohne irgendwas. 

Wir haben keinen Musikraum mehr, hier will sowieso seit Jahren keiner mehr Musik unterrichten. Aber Ihnen wird schon was einfallen, hieß es. 

Na dann.

Ich betrete den Klassenraum. Ohrenbetäubender Lärm. Ich gehe zum Pult. Stelle meine Tasche auf den Tisch. Warte erstmal ab. Das hat „man“ ja so gelernt. Warten, bis es von selbst leise wird. Aber: Nichts wird von selbst leise. Im Gegenteil. Es wird immer lauter. Ob ich jetzt hier stehe, oder in China fällt der sagenhafte Sack Reis um… schon klar… Ich probiere, streng und selbstbewusst geradeaus zu gucken. 

Ey du Hurensohn, isch ficke diese Schule, wallah! Jemand kracht mit seinem Stuhl zu Boden, Gelächter, Stifte fliegen durch den Raum, mehrere Jungs springen wortwörtlich über Tisch und Bänke, kleine Verfolgungsjagd. Die Mädchen sitzen hinten in einer Traube auf den Tischen, eine lackiert ihre Fingernägel, zwei andere tippen in ihre Handys, zeigen sich kitschige, knallbunte Hochzeits-Fotos in großen Briefumschlägen, ey, voll schööön, schüüüüsch… Ey zeig mal – hast du Fotos von Libanon, sieht voll schön aus, wallah.

Es ist völlig uninteressant, dass ich hier bin. Ich könnte genauso gut wieder gehen. Ich stehe da vorne und warte. Auf was eigentlich? Nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wahrheit wahrscheinlich 10 Minuten sind, beschließe ich die Kontaktaufnahme. 

Da meine Kommunikationsmöglichkeiten vom Pult aus offenbar begrenzt sind, bewege ich mich hinein in das Gewusel, gehe langsam von Tisch zu Tisch, nehme Blickkontakt zu einzelnen auf. Einige schauen sofort weg, andere starren mich herausfordernd an, als müsste irgendwas ausgefochten werden, wieder andere lächeln vorsichtig und wenden sich dann schnell ab. Plötzlich ruft jemand von ganz hinten: Wie heißen Sie? Ich rufe zurück: Frau Plath. Daraufhin wenden sich einige Jungs, die hinten mit einer Rangelei beschäftigt waren, mir zu und grinsen. „Können Sie mal kommen, Frau Plath?“ Ich nicke lächelnd und gehe auf die kleine Gruppe zu. Kaum dort angekommen, bombadieren mich die Jungs mit Fragen: Wie alt sind Sie? Sind Sie jetzt unsere neue Musiklehrerin? Haben Sie einen Freund? Wo wohnen Sie? Dürfen wir Musik hören? … Ich versuche, so gut es geht, dem Ansturm an Fragen gerecht zu werden. Als ich gerade ansetze, um sie nach ihrer Musik zu befragen, schreit vorne am Pult jemand „Frau Plath!“ Ich drehe mich um. Irgendetwas ist anders. Nicht gut. Ich gehe zögernd ein paar Schritte in Richtung Pult. Dann sehe ich es: Meine Tasche liegt – offenbar ausgeräumt – am Boden. Mir wird heiß im Gesicht und mein Puls geht schneller. Ich hebe die Tasche auf – sie ist tatsächlich leer. Fragend schaue ich in den Raum, niemand schaut mich an, alle sind wieder mit ihren Privatangelegenheiten beschäftigt. Als wäre ich nie hier gewesen. Ein extrem hübscher Junge mit riesigen dunklen Augen starrt mich eiskalt und völlig ungerührt an. Mir fällt das Wort grausam ein. Da er der einzige ist, der mich anschaut, frage ich mit einer Stimme, die mir selbst schon zu piepsig vorkommt: Weißt du, wo meine Sachen sind…? Da springt der Junge unvermittelt auf, so dass sein Stuhl nach hinten kracht, ich stoße mich vor Schreck hinter mir an der Tafel, irgendwas fällt mit Riesen-Geschepper hinter mir auf den Boden, (später sehe ich: Ein riesiges Plastik-Geodreieck), der Junge steht mit hochgerecktem Kopf und ausgestrecktem Arm Millimeter vor meinem Gesicht und brüllt mich an: Ey WOSSSSSS?!?! Was hab isch mit deiner VERFICKTEN Tasche zu tun, du Opferlehrerin, du! Krieg isch jetzt Klassenkonferenz oder was, EY DU HUUURE, verpiss disch ma, ey wallah, Alter, wie sie aussieht!! – Ja, guck ma nisch so hässlisch!! 

Ich merke, dass meine Arme plötzlich vorne sind und den Jungen abzuwehren versuchen, der mich ununterbrochen weiter anschreit. Meine Hand kommt irgendwie mit seinem Arm in Berührung, ich weiß gar nicht wie, da schubst er mich mit voller Wucht nach hinten. 

Ey FASS misch nisch an, du Opfer!! 

Ich knalle an die Tafel, der Junge wendet sich abrupt ab, schmeißt einen Stuhl, der ihm im Weg steht, gegen die Wand und stürmt aus dem Raum. Ich rappel mich hoch, versuche irgendwie gefasst auszusehen, schaue in die Gesichter vor mir – und merke, wie alle Energie aus meinen Gliedern weicht. Ich blicke in seltsam kalte, zufriedene Augen… Stille. Plötzlich schauen mich alle an. Und es ist so, als hätte jemand auf „Pause“ gedrückt. Aber keine gute Pause. Still und zufrieden und kalt starren sie mich an. Sie genießen es, denke ich. Da ist kein Lächeln mehr, kein Mitleid, nein – sie GENIEßEN diesen Moment, sie FREUEN sich, dass ich hilflos bin. Mir wird flau im Magen, ich friere, mein Herz rast. Ich muss hier raus, denke ich, nehme meine Tasche und finde irgendwie den Weg zur Tür. Als ich draußen auf dem Schulflur stehe, höre ich ihr brüllendes Gelächter… Irgendwie finde ich den Weg zum Klo. Abgeschlossen. Ach ja. Unter Tränen versuche ich meinen Schlüssel zu finden, aber den haben sie mir wahrscheinlich auch geklaut, ach nee, er ist in meiner Hosentasche, Gottseidank, ich fummel mit zitternden Händen am Schlüsselbund herum, endlich geht die Tür auf, ich stürze in eine Kabine, lasse mich auf den Klodeckel fallen – und heule. 

Erster Tag…denke ich. 

Türwächter*innen der Freiheit – Zweites Kapitel

Die Ruhe vor dem Sturm

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig. (Alle Kapitel gibt es auch in der Hörfassung auf meinem Podcast: Auf meiner Seite bei „Maikes Podcast“).

Hamburg 1998. Nach dem Referendariat folgten dann die tatsächlichen Lehrjahre an einer musisch orientierten Gesamtschule in einer kleinen beschaulichen Stadt in Schleswig-Holstein nahe Hamburg. 

An einem heißen Sommertag, kurz vor den Sommerferien, betrat ich zum ersten Mal meine neue Schule, an der ich eine volle Stelle bekommen hatte. Integrierte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe und musischem Schwerpunkt. Na denn. Dachte ich. Integrierte Gesamtschule. Das war ein Wort, das bei mir gemischte Gefühle auslöste. Meine Eltern hatten die Haltung: Da lernt man nix. Die klugen Kinder gehen aufs Gymnasium. Und die Kollegen an meiner Ausbildungsschule hatten beim Thema Gesamtschule immer entsetzt abgewunken: Da arbeitet man sich tot. Da hast du nach zwei Jahren spätestens einen Burnout! Allerdings hatten mir die Leute dasselbe prophezeit, als ich im Referendariat – zusätzlich zu meinem alltäglichen Pensum – das überdimensionierte Theaterprojekt durchgezogen hatte, und ich wusste: Es ist nicht die Quantität der Arbeit, die gefährlich ist…

Das Gebäude sah genauso aus, wie ich mir eine Gesamtschule vorstellte: Neubau, riesengroß, bunte Fensterrahmen und Geländer, der Schulhof so ein bisschen Abenteuerspielplatz-mäßig, alles in allem das Gegenteil von dem herrschaftlichen Gymnasium, das ich selbst als Schülerin besucht hatte. Im Sekretariat begrüßte mich eine junge, irgendwie zackig wirkende, blonde Dame mit einer schicken roten Brille in burschikosem Ton: Ach, hallo! Du bist bestimmt Maike, na, dann komm mal rein, willste nen Kaffee? Ich nickte etwas diffus und fragte mich, wie ich das finden sollte, dass die Sekretärin mich gleich duzte. In etwas lächerlich reserviertem Ton erkundigte ich mich nach dem Schulleiter, mit dem ich ja eigentlich verabredet war. „Ach, der Dieter, der sitzt gerade in einem Käfig“, erklärte mir die gutgelaunte Frau, während sie sich an einer zischenden und metallisch blitzenden Kaffeemaschine zu schaffen machte. Ich verstand nur Bahnhof und sah wahrscheinlich auch so aus. Sie lachte. „Ja, die Schüler haben den eingesperrt, heute ist ja Abi-Streich…“. Ich wusste darauf nichts zu antworten, vor allem, weil ich mich gerade selbst nicht mochte: Ich war irgendwie latent beleidigt, aber warum eigentlich? Weil ich einen Termin mit dem Schulleiter hatte und er sich offenbar gegen seine eigenen Schüler nicht durchsetzen konnte und sich in einen Käfig einsperren ließ? Oder weil mir dieses Geduze und dieses „der Dieter“ auf den Zeiger ging? Wo war ich hier gelandet? Konnte man das alles hier ernst nehmen oder war ich in einer „Pippi-Langstrumpf-Schule“ gelandet? Und wenn ja, warum war ich darüber jetzt eigentlich so bescheuert verstimmt? Während ich darüber nachgrübelte, stellte mir die Sekretärin einen dampfenden Kaffee vor die Nase. Milch? Ich nickte. Zu meinem Erstaunen goss sie mir aus einer glänzenden kleinen Kanne frischen, warmen Milchschaum in die Tasse. Der Kaffee schmeckte erstaunlich gut. So gut, dass ich für einen Moment meine alberne schlechte Laune vergaß. „Ich bin übrigens Mareike“, sagte die Frau, die ich immer weniger als „Sekretärin“ wahrnahm, sondern eher als „ältere Schwester“. Auch darüber war ich verwirrt. Kam das jetzt, weil sie Mareike hieß und kaum älter wirkte, als ich? Oder weil sie auf mich hier in diesem – wie ich zugeben musste ziemlich gemütlichem Raum – wirkte wie in ihrem eigenen Wohnzimmer bzw. wie in einer heimeligen WG Küche? Ich nahm das alles wahr und wunderte mich, warum ich das nicht einfach genießen konnte. Irgendetwas in mir sträubte sich und produzierte diese leichte „Pikiertheit“ und Unsicherheit, die ich aber selber doof fand. Warum bin ich so scheiße unlocker, dachte ich und trank meinen leckeren Kaffee. Wo hat es in einer SCHULE jemals so einen leckeren Kaffee gegeben? Ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte, während Mareike mir gutgelaunt irgendwelche Sachen erklärte, die ich unkonzentriert aufnahm und sofort wieder vergaß. Und dann kam Dieter. 

Er stand im Türrahmen, strahlte mich an, als hätte er den ganzen Tag nur auf mich gewartet und rief: „Na, da ist sie ja! Das ist ja eine Freude! Hast du gut hergefunden? Wie schön, dass wir uns jetzt endlich persönlich kennen lernen, ich habe ja schon viel von dir gehört…“, er wandte sich an Mareike: „Und? Hast du ihr schon unsere Theaterräume gezeigt? Und unsere neue Mediathek?“ Er strahlte, als sei das seine ganz persönliche Weihnachtsbescherung. Mareike schüttelte den Kopf, „Nee, ich dachte, wir lassen es erstmal ganz gemütlich angehen und trinken einen Kaffee und außerdem machst du das doch so gerne, Dieter…!“ Sie lachte und Dieter schien sich zu freuen. „Ja, das ist großartig, dann machen wir das jetzt!  Dann komm mal mit, Maike. – Und ja, ach so: Ich bin der Dieter. Wir duzen uns hier alle, ist einfacher…“. Und so trank ich den letzten Rest Milchschaum aus meiner Tasse und folgte dann Dieter durch seine Schule… Und stellte fest: In der Tat. Eine Pippi-Langstrumpf-Schule. Aber ich fand es plötzlich gar nicht mehr ganz so doof. 

Dieters Schule war in jeder Hinsicht der Gegenentwurf zu meinem bisherigen Bild von Schule und überhaupt eigentlich der Gegenentwurf zu meiner gesamten bisherigen Sozialisation. Es gab 10 Theaterlehrer*innen und 8 Musiklehrer*innen an seiner Schule. Die Musikräume waren die schönsten Räume der Schule und mit allem ausgestattet, was ich mir beim Thema Musik hätte vorstellen können. Keyboards, Gitarren, Schlagzeug, Tonmischpulte, Ukulelen, Trommeln, Klaviere, Mikros, Kabeltrommeln, Blas- und Streichinstrumente,…es war unfassbar. Die Klassenräume sahen aus wie Wohnzimmer. Voller Pflanzen, Sitzecken, Bücherregalen, Bildern, Blumen, … Die Schülersprecherin der Schule war eine Hippie-Schönheit, wie sie eigentlich nur in Filmen vorkommt und organisierte ununterbrochen Aktionen zu den Themen Umwelt, Tierschutz und demokratischer Schüler-Beteiligung, es gab ständig kleine Aufführungen, gemeinsame Ideen-Sitzungen, Konzerte, Chor- und Bandproben, etc. Die Jugendlichen wirkten erwachsener und reflektierter, als ich es je gewesen war und gleichzeitig unglaublich offen und „gechillt“. Wenn ich anfangs in die Oberstufenkurse ging, in denen ich Deutsch unterrichtete, fühlte ich mich seltsam unterlegen und unsicher und zu jung für meinen Job und ich spürte den eindeutigen Wunsch, diesen strahlenden, jungen Menschen zu gefallen. Das merkten diese aufgeklärten Wesen offenbar sofort und statt sich über mich lustig zu machen oder die Rolle der „Lehrerin“ einzufordern, die sich „gefälligst mal durchsetzen sollte“, brachten sie mir eine Ernsthaftigkeit und Sympathie entgegen, die mich sprachlos machte. Es war, wie in ein großes samtweiches Wattetuch fallen. Innerhalb weniger Wochen fand ich mich mit ihnen in Diskussionen zur Weltlage wieder, ständig planten, dachten, organsierten wir Dinge, der Unterricht wirkte wie ein Sit-In zu den wichtigen Themen der Welt. Lehrkräfte, die von den Jugendlichen als „noch etwas verklemmt und/oder schüchtern“ empfunden wurden, lernten ihre Schüler*innen als geduldige und freundliche Unterstützer kennen, die ihnen liebevoll dabei halfen, „aufzutauen“ und „mehr zu sich zu stehen“, „mutiger und ehrlicher zu werden“. Es war fast zum Lachen. Ich hatte das Gefühl, mehr von den Schüler*innen zu lernen, als umgekehrt. 

Was mich vor allem zutiefst erstaunte, war diese allumfassende fürsorgliche Haltung. Ich war es gewöhnt, dass immer irgendwer über irgendjemand anderen schimpfte, bzw. die Mängel einer anderen Person in den Vordergrund stellte. Hier aber schien es um Mängel nicht zu gehen. Wie jemand war, das war grundsätzlich erstmal anerkannt. Es gab nicht diesen doppelten Boden: Nach außen bin ich ganz freundlich zu dir, aber in Wahrheit halte ich dich natürlich für einen Freak. Nein. Hier war die Freundlichkeit einfach das Ergebnis von echter Neugier und Gelassenheit. Es gab so eine zufriedene Grundstimmung und den Willen, andere Leute gut zu finden, egal, wie ANDERS sie waren. Lästern war einfach nicht en vogue. Ich fragte mich ununterbrochen, was bei mir anders gelaufen wäre, wenn ich an SO einer Schule gewesen wäre.  

Und bei den Kleinen erlebte ich eine Begeisterung, über die ich ebenfalls fast lachen musste. Ich empfand Lust, Stunden vorzubereiten, die sie spannend fanden und dachte mir ständig neue Sachen aus. Es schien allseits erwünscht zu sein, möglichst wenig „klassischen Unterricht“ abzuliefern. Lieber in den Wald gehen, oder ein Theaterstück proben, oder auf dem Schulhof eine Aktion starten. Im Klassenraum zu sitzen und Arbeitsbögen auszufüllen schien eher suspekt, da war jemand offenbar zu faul, um sich kreative Gedanken zu machen. Nicht alle Lehrpersonen im Kollegium fanden das gut. Aber diejenigen, die es gut fanden, waren im Schulleitungsteam. Sie hatten gemeinsam mit Dieter diese Schule gegründet. Insofern fühlte ich mich sicher in meiner Freude, zum „Horizont zu galoppieren“, alles Mögliche ausprobieren zu dürfen. Nach ungefähr einem Jahr stellte ich überrascht fest, dass ich glücklich war. Dieter vertrat die These, dass „Umwege die Ortskenntnis erhöhen“ und dass daher „Fehler“ eine wichtige Quelle für neue Erkenntnisse darstellten. Es gab also quasi kein Scheitern. Nur immer wieder Neues probieren, in endlosen Teamsitzungen neue Pläne schmieden, durchgeführte Wochenpläne und Projekte auswerten und Neues planen und durch all das immer neue Erfahrungen sammeln. Ich arbeitete rund um die Uhr. Morgens um 7.30 Uhr war ich in der Schule. Abends um 20 Uhr wieder zu Hause – wenn nicht irgendwelche Abendveranstaltungen stattfanden, was auch häufig passierte, dann kam ich erst spät nachts nach Hause. Es gab ausreichend viele Kollegen*innen, denen ich mich so nahe fühlte, dass es sich wie Freundschaft anfühlte, so dass ich gar kein Bedürfnis danach hatte, meine Arbeitszeit von meiner privaten Freizeit zu trennen. Nix mit Work-Life-Balance. Work und Life war irgendwie dasselbe. Und schön! 

Dieter stellte mich in regelmäßigen Abständen vor neue Herausforderungen und „schickte“ mich zu zahlreichen Fortbildungen. In den Jahren in „Bullerbü“, wie ich diese Phase rückblickend bezeichne, ermutigte mich Dieter auch zu der zeitintensiven Weiterbildung für das Fach „Darstellendes Spiel“ und so erwarb ich nach zwei Jahren berufsbegleitender Weiterbildung und zahlreichen Wochenend-Lehrveranstaltungen auf Schloss Salzau meine Fachqualifikation für „Darstellendes Spiel“ in der Oberstufe, so dass ich nun quasi auch „offiziell“ Theaterlehrerin wurde. 

Es ist schwer für mich, diese sechs Jahre meines Lebens zu beschreiben, denn sie erscheinen mir rückblickend wie ein Traum. Vor dem Hintergrund, was danach passierte, erscheint mir alles wie eine heile und daher unwirkliche Welt. Dabei weiß ich, dass es natürlich auch an der Bullerbü-Schule hin und wieder Konflikte gab und Phasen, in denen ich dachte: Wie blöd ist diese Kollegin Sowieso, dass sie hinter meinem Rücken über mich lästert oder sich über mein neues Projekt aufregt und meine Arbeit boykottiert. Oder diese Eltern, die mir beim Elternsprechtag die Hölle heiß machen und alles besser wissen. Ich weiß, dass es manchmal solche Verstimmungen gab, und ich sie teilweise als Drama empfand, aber alles löste sich nach kurzer Zeit auf und war dann immer gar nicht so bedeutsam wie gedacht und im Großen und Ganzen war ich an einer Schule gelandet, an der Einigkeit darüber bestand, wie guter Unterricht und wertschätzende Pädagogik funktioniert. Das Kollegium verstand sich als eine Gemeinschaft, es wurde oft zusammengesessen, beim Bierchen geplaudert und gegrillt und sogar richtig krass zusammen gefeiert – getanzt und gesoffen bis in die frühen Morgenstunden. Ich hatte ein Zuhause gefunden. 

Vor allem aber weiß ich, dass sich in dieser Zeit eine Art Umbau meines Gehirns vollzogen hat: Aus der konservativen „Perlenschlampe“, die anfangs noch pikiert und skeptisch gegenüber dem lockeren Arbeits-Du und den projektorientierten Unterrichtsmethoden eingestellt gewesen war, wurde die Persönlichkeit frei gelegt, die offenbar darunter geschlummert hatte. Eben jene Person, die im Referendariat mal kurz aufgewacht war und sich mit einem verrückten Theaterprojekt aus den Zwängen des Gehorsams befreit hatte, diese Erfahrung aber noch nicht als Erfolg zu werten wagte. Tatsächlich verschwieg ich diese Episode meines Lebens über zehn Jahre lang, weil es mir peinlich war, dass ich ohne jegliche Kenntnis der Theaterpädagogik eine ganze Schule mit diesem Theaterprojekt aufgescheucht hatte. Erst viel später konnte ich mir diesen Abschnitt meines Lebens wieder als eine Erfolgsgeschichte zurückholen und für mich würdigen. Denn: Damals war ich noch zu sehr darauf aus, alles „richtig“ zu machen. Und es war – LOGISCH! –  „nicht richtig“, autodidaktisch ein Theaterstück mit allen Schüler*innen der Schule zu machen! Wie peinlich war DAS denn?? 

Ich wollte möglichst schnell Neues lernen, Neues kennen lernen, einen möglichst großen Abstand herstellen zu der naiven Maike, die ich im Referendariat gewesen war. Bzw. davor. Ich konnte nicht mehr nachvollziehen, wie ich das auf angebliche Leistung abzielende Gymnasium für den besten Schultyp hatte halten können. Diese Fixierung auf Wissensvermittlung, Abfragen von Wissen in Tests und Prüfungen und die wie in Stein gemeißelte Rollenverteilung Lehrer-Schüler erschien mir jetzt wie ein Schwarz-Weiß-Film aus den 50-er Jahren. Im Grunde so Feuerzangenbowle-mäßig. 

In Bullerbü dagegen lernte ich, was in Wahrheit alles möglich war, und dass der Lehrerberuf eventuell DOCH der spannendste Job der Welt war. Möglichkeiten, jeden Tag auf neue Erkenntnisse zu stoßen, gab es plötzlich im absoluten Überfluss. Dieter wurde für mich Vorbild in der Art und Weise, wie er seine Überzeugungen lebte. Er hatte in einer konservativ geprägten Kleinstadt eine eigene Schule gegründet, die Jahr um Jahr immer wieder aufs Neue bewies, dass nicht äußere Benotung und Leistungsdruck der Schlüssel zu erfolgreichen Bildungsbiografien sind, sondern eine gleichwürdige Pädagogik, die den individuellen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Das klang für mich bis dahin immer nur wie eine wichtigtuerische Worthülse. In „Bullerbü“ konnte ich Tag für Tag den Sinn dahinter erfahren und hautnah erleben, warum das tatsächlich so sein kann und vor allem: wie es funktioniert. 

So hätte diese Geschichte in „Bullerbü“ eigentlich mit einem Happy End und dem Satz: Und wenn sie nicht gestorben ist, dann unterrichtet sie noch heute – zu Ende sein können. Aber offenbar war es noch nicht Zeit für das Happy End. 

Denn wie ist es vor diesem Hintergrund zu erklären, dass ich trotz dieser idealen Bedingungen nach einigen Jahren diese bleiernde Schwere empfand, eine leicht depressive Grundstimmung, so ein Gefühl: Ist mein Leben jetzt „fertig“? Die Tage waren ausgefüllt, alles lief wie geschmiert, alles war schön geordnet – wie „es sein sollte“. Es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis ich heiratete, eine Familie gründete, irgendwo eine Reihenhaushälfte mit kleinem Gartengrundstück kaufte und dann endlich „richtig erwachsen wurde“. Wenn ich durch die Fußgängerzone der beschaulichen Kleinstadt schlenderte, kam in mir die Angst hoch, dass jetzt alles immer so bleiben würde. Und andererseits fand ich mich kindisch mit dieser Sorge. Du musst jetzt endlich mal erwachsen werden, Maike, dachte ich, du kannst nicht immer weiter so einen auf „Studentin“ und WG und Party machen und dir alles offenhalten, du bist ja nicht mehr 20! 

Ich versuchte also krampfhaft, „erwachsen zu sein“, stellte mir vor, wie schön es ja auch sein könnte, in diesem Ort ein Leben lang zu bleiben, mit Freunden abends ein Bier im Garten zu trinken, zu grillen, über die Einrichtung der Reihenhaushälfte und die Angebote bei Aldi nachzudenken und einfach ein „ganz normales, gemütliches Leben zu führen“. 

Ja. Irgendetwas machte in mir drin nicht mit. Das merkte ich spätestens an einem Sommerabend, an dem ich alleine mit meinen zwei Einkaufsbeuteln nach Hause ging und plötzlich diesen Gedanken hatte, wie unglaublich gerne ich jetzt ein rohes Ei gegen diesen blitzsauberen Klinkerbau mit Kleingartenanlage werfen würde. Und das Schlimme war: Es blieb nicht bei diesem Gedanken… Ich warf das Ei. Und es machte bei der Landung ein sehr zufriedenstellendes Geräusch.  

Irgendwie war damit der „Damm gebrochen“ – so wie man irgendwann den ersten Kaffee trinkt, der noch nicht schmeckt, aber mit jeder weiteren Tasse dann immer besser. Ich begann die Innenstadt von „Bullerbü“ unter dem Aspekt zu betrachten, wo es am meisten Spaß machen würde, ein rohes Ei abzuwerfen. Ich fand tatsächlich, dass das Gesamtbild durch so einen schönen, runter glibbernden Eidotter erheblich aufgewertet wurde. Es gab tausend Orte, wo so ein Ei eine wunderbare Wirkung entfaltete. Bald warf ich – ohne Scheiß – täglich mehrere rohe Eier ab: Überall adelte ich diese hübschen, beschaulichen Kleinstadt-. Idyllen mit einem durchdachten, sorgfältigen kleinen Eierwurf. Es war wunderbar. 

Wobei. Meine Kompetenz, mich selbst von außen zu betrachten, war noch existent und so war ich in der Lage, zu bemerken, dass diese Eierwurf-Tätigkeit eventuell auf ein verdrängtes Problem schließen ließ. Vielleicht war ich einfach noch nicht bereit für die Reihenhaushälfte und ein gemütliches Leben?  

Und als ich diesen Gedanken endlich zuließ, brach der Zweifel mit aller Kraft an die Oberfläche: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein…? Ich bin 32 Jahre alt und scheinbar „angekommen“. In meinem Element. Alles gut. Alles toll. Alles ZU gut? Und werde ich jetzt einfach mein Leben lang so weitermachen? Kleinstadt, nette Kinder, nette Eltern, Klassenlehrerin, ein, zwei Theaterstücke im Jahr, im Sommer Abschlussprüfungen und eine Klassenfahrt, und dann Urlaub an der Ostsee? Bei dieser Vorstellung wollte ich sofort 10 Eier irgendwo hinwerfen. 

Wenn man wie ich aus Schleswig-Holstein kommt und in der nächsten großen Stadt – Hamburg – bereits gelebt hat, wie ich – dann scheint Berlin irgendwie die naheliegende Option zu sein. Einige Freunde und meine Brüder waren auch schon da. Und na klar: Berlin war der größtmögliche Gegenentwurf zur Kleinstadtsiedlung, die mich so beklommen machte.

So logisch mein Entschluss mir vorkam, so sehr verstörte er mein Umfeld. „Bist du völlig bekloppt? Was soll DAS denn jetzt?“. Die meisten Menschen in meinem Umfeld reagierten verstimmt. „Das wirst du bereuen!“ war die allgemeine Prophezeiung. „Das ist ein Riesenfehler, Berlin ist so ein hipper Sehnsuchtsort, wo alle was rein projizieren, aber in Wahrheit ist diese Stadt ein Riesendrecksloch und ein hartes Pflaster, da gehst du doch unter“. Solche Sätze kamen. Und auch so ein bisschen dieses Beleidigte: Wie kannst du jetzt einfach weggehen, wo Dieter so viel in dich investiert hat? In der Tat. Das war der einzige Mensch, vor dessen Reaktion ich mich wirklich fürchtete. Denn es stimmte: Dieter hatte jahrelang in „mich investiert“, wenn man es denn so definieren will. Ständig hatte er mich beurlaubt, damit ich mich fortbilden konnte. Und jetzt, wo diese „Investition“ hätte Früchte tragen können, an seiner Schule, verließ ich den Laden. Undankbares Pack. 

Doch der einzige Mensch, der NICHT verstimmt reagierte, war – Dieter. „Tja, Reisende soll man nicht aufhalten“, war sein unbeirrt gutgelaunter Kommentar. Und: „Ich habe mir sowieso gedacht, dass du früher oder später das Weite suchst. Du brauchst noch mehr Herausforderungen. Das ist mir ganz klar. Deswegen hab ich mir die ganze Zeit schon gedacht: Lass sie noch mal ordentlich was mitnehmen, bevor sie dann irgendwann geht. Der Rucksack, mit dem du uns verlässt, der soll möglichst voll sein. Ja. Das hab ich IMMER gedacht bei dir. Und Berlin. Das ist genau die richtige Stadt für dich, glaub ich. Ich freu mich über deinen Schritt. Da wirst du noch ganz viel lernen. Ich sag dir nur eins noch – wenn du willst – was ich dir jetzt so auf den Weg geben würde…“ Fragender Blick. Ich nicke. Dieter grinst und sagt: „Du musst dein Konfliktpotential stärken, Maike. Du bist noch zu lieb. Aber ich habe keine Zweifel, dass dir das in Berlin gelingen wird. Mein Rat vom alten Dieter“. 

Prophetischer Ratschlag, wie sich herausstellen wird…   

Und also entscheide ich mich ein zweites Mal „bekloppt“ zu sein, nehme tränenreichen Abschied und gehe nach Berlin. Nicht ohne zuvor meine Verbeamtung aufzugeben, da ich ansonsten eventuell jahrelang hätte warten müssen, bis jemand anders mit mir getauscht hätte. Ich wusste damals nicht, was ich „in ein paar Jahren wollen würde“. Aber JETZT wollte ich nach Berlin. Und „JETZT“ war im Rahmen einer Lebenszeitverbeamtung nicht möglich. Also versuchte ich, mich von diesem goldenen Käfig, der sowieso so viel Ängstliches mit mir machte, zu befreien. Was auch gelang. Aber nachdem ich mich in Berlin bereit erklärt hatte, freiwillig an einer Neuköllner Hauptschule zu unterrichten, schenkte mir der Berliner Senat – vielleicht als so eine Art Belohnung für meinen Mut – die aufgegebene Verbeamtung wieder zurück. Und so hatte ich sie bei meinem Start an einer sogenannten Neuköllner Brennpunktschule dann doch wieder „an der Backe“ und erlebte in Berlin einen Neuanfang – und meinen Untergang. 

Vortrag „Befreit euch – endlich!“ ACT Fachforum

Vortrag beim ACT Fachforum am 13. September 2019, Berlin, Theater Aufbau Kreuzberg (TaK):

Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet.

Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)). Neben die äußere tritt die innere Emanzipation: als Befreiung aus eigener Unmündigkeit und den Fesseln von Tradition, gesellschaftlichen Normen und vorgegebener Weltanschauung. Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit (im Sinne von Gleichberechtigung oder Gleichstellung), meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischen Strukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern.

 Ich möchte heute darüber sprechen, warum ich glaube, dass Bildung ein emanzipatorischer Prozess sein muss und im Moment aber gerade das Gegenteil davon passiert. Ich möchte darüber sprechen, warum unser Schulsystem gegenwärtig verantwortungslos ist und was wir machen könnten, um das zu ändern.

Wenn es um emanzipatorische Prozesse geht, braucht es Ich-Stärke: Also ein Gefühl für die eigenen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Grenzen und den Mut, zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen zu stehen, sie im Zweifel zu verteidigen – und den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

Der bekannte Familientherapeut Jesper Juul nannte diese Ich-Stärke oder auch Treue zu sich selbst: Integrität. Und er hielt Integrität für die Grundvoraussetzung, damit wir Gleichwürdigkeit mit anderen leben können. Das möchte ich kurz erklären:

Jesper Juul hat für den Bereich der Elternerziehung den Begriff der „Gleichwürdigkeit“ geprägt, um deutlich zu machen, dass es bei der Erziehung von Kindern weder hilfreich ist, autoritär zu agieren, noch – vermeintlich demokratisch – ihnen alles durchgehen zu lassen.

Stattdessen sprach Juul von „autoritativer“ Erziehung auf der Basis einer gleichwürdigen Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Autoritativ bedeutet: Auf der Basis der eigenen Integrität und Werte und einem Bewusstsein für die eigenen Grenzen klar zu führen, in deutlicher Abgrenzung zum Dominieren oder Herrschen (hierarchisch), aber auch in klarer Abgrenzung zur antiautoritären Erziehung, denn jedes Kind braucht Führung.

Führung bedeutet bei Juul: Deutlich machen, was für mich selbst – als individueller Mensch – geht und was nicht, und genau das vorzuleben. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennen und klar vertreten zu lernen, dabei aber immer die Grenzen und Bedürfnisse des Gegenübers als gleichwürdig zu betrachten und in einem ständigen, von Respekt getragenen Ausloten vorzuleben, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für die Situation.

Das Neue dabei war die Erkenntnis, dass es kein hierarchisches Verhältnis braucht und der Erwachsene nicht die „recht-habende-Instanz“ ist, sondern als Mensch vollkommen gleichwürdig mit dem Kind ist – und andererseits aber eben nicht völlig ohne Auftrag ist, also nicht „alles durchgehen lassen muss“, sondern stattdessen seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse als Mensch offen thematisiert.

Die Aufgabe des Erwachsenen ist es quasi, Verantwortung für sich SELBST zu übernehmen, und dies in großer Klarheit und Authentizität vorzuleben, also auf der Basis der eigenen Integrität zu denken und zu handeln. Und nicht zuletzt: Sich selbst und anderen immer wieder „Fehler“ oder Rückschläge zu verzeihen. Denn nichts kann immer perfekt sein. Der Mensch schon gar nicht.

Integrität ist auch über das Erziehungsthema hinaus eine grundlegende Basis für gelingende, weil gleichwürdige Beziehungen. Denn nur, wer sich selbst kennt und den Mut aufbringt, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen anderen Menschen gegenüber offen und klar zu kommunizieren, entwickelt die Fähigkeit, andere Menschen in ihren Bedürfnissen und Grenzen zu respektieren und sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. 

Ich habe mich immer gefragt, warum dies Gedanken von Jesper Juul nicht in den Schulen angekommen sind. Denn aus meiner Sicht sind Integrität und Gleichwürdigkeit die zentralen Aspekte, die wir für eine zukunftsfähige Bildung benötigen. Warum?

Schauen wir kurz mal von oben auf die gegenwärtige gesamt-gesellschaftliche Situation:

Problem: Vertrauen in die Demokratie bröckelt und faschistische Positionen werden „salonfähig“

Wir haben derzeit das Problem, dass in großen Teilen der Gesellschaft das Vertrauen in die Demokratie schwindet. Gleichzeitig erleben wir, dass faschistisches Gedankengut wieder salonfähig wird, gar als „bürgerliche Position“ bezeichnet wird.

Geschichte wiederholt sich nicht, Denkmuster in den Köpfen aber schon

Das hatten wir in Deutschland schon einmal. Und ich weiß: Geschichte wiederholt sich nicht. Aber die Muster in den Köpfen der Menschen sehr wohl. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass Muster sich wiederholen, wenn wir nicht ganz bewusst daran arbeiten, uns weiter zu entwickeln, um unbewusste, internalisierte Muster zu überwinden.

Welche gedanklichen Muster zum Faschismus führen, ist ausreichend analysiert worden. Das ist eigentlich alles bekannt. Die Frage ist, ob wir es als Gesellschaft jetzt schaffen, an diesen gedanklichen Mustern zu arbeiten und sie noch rechtzeitig überwinden, bevor größerer Schaden entsteht. Leider passiert diese Anstrengung auf politischer und auf medialer Ebene gerade NICHT, wenn beispielsweise eine Moderatorin die AFD als „bürgerliche Partei“ bezeichnet.

Nicht Menschen ausschließen, aber Handlungen und Haltungen, die die demokratischen Grundwerte langfristig zerstören

Es geht mir hier nicht darum, MENSCHEN auszuschließen. Aber Haltungen und Handlungen schon, wenn diese die Errungenschaften der Demokratie per se in Frage stellen: Wenn nämlich freies Denken, Gleichwürdigkeit, Vielfalt und nicht zuletzt die Würde des Menschen zur Disposition stehen. Solche Positionen können nicht mit dem Verweis auf demokratische Werte – wie z. B. Meinungsfreiheit – moralisch eingefordert werden. Das ist paradox, weil solche Gedanken in der Konsequenz alle demokratischen Werte und Haltungen – und damit die Demokratie an sich – unterlaufen und zerstören.

Weiterentwicklung unserer Demokratie bedeutet persönliche Emanzipation 

Andererseits, ist schon klar: Unsere Demokratie ist noch nicht toll. Es muss noch vieles WEITER gedacht und weiterentwickelt, bestehende Ungerechtigkeiten behoben werden, aber das geht eben nur durch ein WEITER, eine bewusstere Durchdringung und konsequentere Anwendung demokratischer Werte – und eben nicht durch ein Zurück. (In angeblich frühere goldene Zeiten… welche eigentlich genau?).

Wie geht dieses „WEITER“?

Meine These ist: Demokratische Kernkompetenz kann bei jedem einzelnen Menschen nur durch einen anstrengenden persönlichen Emanzipationsprozess erreicht werden: Nämlich durch eine Befreiung von internalisiertem Gehorsam und Anpassungszwang. Denn mir scheint ein unbewusstes verinnerlichtes Obrigkeitsdenken bei uns allen ein eingeimpftes Muster zu sein, das eine konstruktive Weiterentwicklung von Vielfalt und Demokratie verhindert.

Um demokratische Kernkompetenz zu verinnerlichen, müssen wir durch einen eigenen, persönlichen und individuellen Emanzipationsprozess

Es geht mir hier nicht um die eine, einzige RICHTIGE Haltung, sondern insgesamt um demokratische Kernkompetenz:

Nämlich um den Willen bzw. die Bereitschaft unterschiedliche Meinungen und Haltungen kennen zu lernen, zu respektieren und sich trotz aller Verschiedenheit und trotz manchmalunsicherer Gefühle menschlich gleichwürdig zu begegnen und das Gemeinsame konstruktiv zu versuchen. Das hört sich so schön und einfach an – aber ganz ehrlich:

Warum klappt es damit im Moment nicht so richtig – in Deutschland und anderswo?

Ich glaube: Wir sind zu sehr Untertanen im Geiste. Eine weiter entwickelte Demokratie erfordert aber freie, emanzipierte Menschen, die sich nicht ohnmächtig fühlen, sondern selbst Verantwortung übernehmen. 

Was meine ich mit Untertanen-Haltung?

Der Verlust an Vertrauen in die demokratischen Grundwerte steht in direktem Zusammenhang mit einem Ohnmachtsgefühl, das sich beispielsweise in der Aussage – oder dem Gefühl – ausdrückt: „Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen“ oder: „Ich als einzelner Mensch habe keinen Einfluss darauf, was im Ganzen passiert, ich alleine kann ja nichts machen – ich bin nur Opfer eines (ungerechten) Systems“.

Ich denke: Diese Ohnmachts-Haltung ist eine direkte Folge eines unreflektierten Obrigkeits- bzw. Gehorsamsdenken. Selbst wenn unbestritten Ungerechtigkeit herrscht und sehr viele Menschen ganz real durch unser System Ungleichheit und Herabsetzung erfahren, ist es ein Unterschied, ob ich daran glaube, dass ich durch mein Handeln einen Unterschied machen und die Entwicklungen mit beeinflussen kann (das wäre Selbstwirksamkeit), oder ob ich mich als Spielball der Umstände und Strukturen oder „höher gestellter Personen“ empfinde.

Sich selbst als Opfer der Umstände oder „höher gestellter Personen“ zu fühlen, selbst, wenn es zu 100 Prozent tatsächlich so ist, blockiert die Möglichkeit, zu handeln und macht eine Befreiung aus diesem Zustand unmöglich. Das macht die Sache doppelt schlimm.

Und noch ungerechter ist: Die Grundbedingung für eine emanzipatorische Selbstbefreiung, nämlich Selbstwert, Selbstwirksamkeit und soziale Anerkennung sind sehr ungleich und ungerecht verteiltDarauf komme ich gleich noch einmal ausführlicher zurück.

Trotzdem: Das Fatale daran ist, dass eine innere Gehorsamshaltung, also das „Sich-Fügen“, weil ich „ja selbst nichts machen kann“, die Ohnmachtshaltung nur immer weiter verstärkt, egal, wie berechtigt sie ist. Sie spielt den Gegner*innen der Demokratie in die Hände.

Unsere „Untertanenhaltung“ verhindert, dass wir freie, mündige Menschen werden

In unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation halte ich es deswegen für zentral wichtig, diese internalisierte Gehorsamshaltung und in der Folge dieses Ohnmachtsgefühl zu überwinden.

Denn: Je mehr Menschen eine „Untertanenhaltung“ ausbilden, desto wackliger wird unsere Demokratie und desto salonfähiger werden gegenwärtig autoritäre und leider auch faschistische Positionen. Denn die Demokratie lebt eben NICHT von einigen wenigen, „die da oben gestalten“, sondern vom verantwortungsvollen Gestaltungswillen und -können der Vielen.

Eine Demokratie braucht Menschen, die auf ihre eigenen Fähigkeiten vertrauen (Selbstwert), und darauf, dass sie die Gesellschaft aktiv auf der Basis dieser Fähigkeiten mitgestalten können (Selbstwirksamkeit). Kurz: Eine Demokratie braucht Menschen mit einem stark ausgebildeten Bewusstsein für die eigene Integrität. Ich-Stärke. Selbstwertgefühl.

Wo liegt die Ursache für unsere Untertanenhaltung? 

Wie ist es zu erklären, dass derzeit so viele Menschen eine „Untertanen-Haltung“ ausgebildet haben? Die Ursache liegt zum einen darin, dass in Deutschland noch immer – unbewusst – eine Obrigkeitshaltung durch soziale Prägung internalisiert ist, und zum zweiten darin, dass diese Haltung durch Institutionen und Strukturen weiter verfestigt wird, statt sie gezielt und systematisch zu unterlaufen:

Wer selbst zur Anpassung erzogen wurde, ist in gewisser Weise immer von der Bewertung und Bestätigung durch den „inneren autoritären Vater“ abhängig – also durch die Anerkennung von „als „höher gestellt“ empfundenen Personen“.

Wir alle sind von diesem inneren autoritären Vater geprägt – nämlich von der weißen, männlichen, akademischen Perspektive, die seit sehr langer Zeit unsere gesellschaftlichen Strukturen prägt.

Es geht hier NICHT gegen die Männer. Es geht um den ganz natürlichen Vorgang, dass wir, die „pubertierenden Kinder“ erwachsen werden und uns von unseren „Eltern“ frei spielen, emanzipieren müssen. Wenn die Kinder selbständig und unabhängig von den Eltern werden, ist das für die Eltern IMMER ein Schmerz. So reagieren auch die weißen, akademischen Männer derzeit auf unsere emanzipatorischen Impulse: Sie sind nicht erfreut. Klar. Es fühlt sich stressig an. Pubertierende Kinder sind stressig und der Prozess bis zur eigenen Unabhängigkeit ist „ruckelig“ – aber GESUND. Die Erziehung der Eltern ist gelungen, wenn die Kinder selbständig und selbstbestimmt leben können und nicht mehr von ihnen abhängig sind. Dann ist der Prozess geglückt.

Es geht darum, zu verstehen, dass es über Jahrhunderte weiße, akademische Männer waren, die unsere Gesellschaft, unsere Kultur, unser soziales Verhalten geprägt haben – und das ist eben nur EINE Perspektive auf die Welt – unter vielen anderen. Aber es ist DIE Perspektive, an der wir uns logischerweise ausrichten. Denn es ist der gedankliche Raum, in dem wir sozialisiert wurden. Und jetzt reicht diese eine Perspektive nicht mehr, um die gegenwärtigen Probleme zu lösen.

Wo spüren wir diese Abhängigkeit vom „inneren Vater“? Wo kommen wir in Konflikt mit unserer eigenen Integrität? Mit dem, was uns eigentlich ausmacht? Das erkennen wir selbst persönlich immer daran, wenn wir einen eigenen Impuls, einen Gedanken oder ein Gefühl unterdrücken – aus Angst, dass wir „peinlich“ sind, „dumm rüber kommen“, oder sonstwie abgewertet werden.

Diese innere Abhängigkeit von äußerer Bestätigung blockiert das Ausbilden unserer eigenen Integrität und unseres Selbstwertgefühls. Wenn mein Selbstwertgefühl vom Lob und der Anerkennung anderer abhängt (siehe auch Facebook und Instagram), verlerne ich die Fähigkeit, meine eigenen Bedürfnisse und Potentiale wahrzunehmen und diesen zu vertrauen. Ich verlerne es, frei vom Urteil anderer zu sein und verliere die Fähigkeit, Regie über mein eigenes Leben zu führen. Das tun dann andere. Und das war übrigens schon immer gefährlich (Filmbeispiel: Michael Hannecke, Das weiße Band).

Wir alle sind in gewisser Weise zur Anpassung sozialisiert worden und haben über Anpassung an die herrschende weiße, männliche, akademische Perspektive Anerkennung erfahren – oder Abwertung, wenn wir ihr nicht entsprochen haben – und insofern sind wir alle nicht frei vom internalisierten „inneren autoritären Vater“.

Emanzipatorische Prozesse sind grundsätzlich anstrengend und schmerzvoll – aber sie lohnen sich

Diese innere Abhängigkeit kann nur überwunden und Selbstbestimmung nur erreicht werden durch einen eigenen inneren emanzipatorischen Prozess, welcher grundsätzlich mit Kraftanstrengung und Schmerz verbunden ist.

Der emanzipatorische Akt besteht darin, sich von dieser inneren Abhängigkeit zu befreien und stattdessen die eigene Integrität zum Maßstab des Handelns zu machen.

Was sind die Grundvoraussetzungen für so einen emanzipatorischen Prozess, für ein Verlassen der Gehorsamshaltung zugunsten von Integrität, Mündigkeit und Selbstbestimmung?

Das auf den ersten Blick vielleicht erstaunliche ist, dass ein emanzipatorischer Prozess bei denjenigen am wahrscheinlichsten ist, bei denen der Schmerz durch Ausgrenzung am größten ist.

Denn: Wer „satt in der Mitte der herrschenden Norm sitzt“, ist häufig blind – sowohl für die eigenen als auch für die Bedürfnisse und Grenzen ANDERER Menschen, weil er für die eigenen Bedürfnisse nie wirklich ernsthaft kämpfen, nie wirklich – schmerzhaft – dafür einstehen musste.

Dabei wurde aber schleichend und oft unbewusst die eigene Integrität zugunsten der allgemeinen Anpassung an die herrschende Norm unterdrückt.

Deswegen sind es oft auch genau diejenigen, die KEINE ernsthafte Herabsetzung oder Ausgrenzung erfahren haben, die die Tatsache leugnen, dass die äußeren, gesellschaftlichen Start-Voraussetzungen für emanzipatorische Prozesse sehr ungleich verteilt sind. Auch ich konnte das erst sehr spät SEHEN.

Denn diejenigen, die sich innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Denkmuster ohne größere Opfer anpassen können, wie übrigens auch ich selbst, wissen erstmal nicht, was Freiheit IST, weil sie nie darum kämpfen mussten.

Sie sind äußerlich eigentlich frei. Innerlich aber unfrei, weil sie unbewusst angepasst, unbewusst gehorsam sind und sich der eigenen, individuellen Wirksamkeit gar nicht bewusst. So ging es auch mir selber, bevor ich schockartig aus dieser Blase raus katapultiert wurde.

Tatsache ist: Die einen starten auf einer äußerlich, also gesellschaftlich vorteilhafteren Basis als die anderen. Diese Menschen – also WIR “weißen Kartoffeln” – hätten rein äußerlich beste Voraussetzungen zur Selbstbefreiung, nutzen sie aber nicht (oder zu selten), weil wir innerlich kein Bewusstsein für die eigene Integrität entwickelt haben:

Uns fehlt die Schmerzerfahrung wirklicher Ausgrenzung und deswegen können wir gar nicht SEHEN, was das Problem ist bzw. was ein emanzipatorischer Prozess für uns persönlich bedeuten könnte. Und deswegen sind wir innerlich unfrei. Und fühlen uns diffus ohnmächtig, obwohl wir es de facto nicht sind.

Die anderen erleben den Schmerz der Ausgrenzung so existentiell, dass sie quasi gezwungen sind, sich dazu zu verhalten. Entgegenhalten oder anpassen. Beides auf Kosten der eigenen Integrität. Dadurch entsteht spürbarer und unerträglicher Schmerz. Diese Menschen SEHEN das Problem also zwangsläufig, weil es gar nicht zu ignorieren ist. Sie sehen sowohl die systemische Seite, also das Problem im Außen, als auch spüren sie es im Innern.

Man könnte also sagen, sie hätten die „besseren inneren Startvoraussetzungen“ für einen emanzipatorischen Prozess, zumindest was Bewusstsein angeht, aber die äußeren, gesellschaftlichen Bedingungen sind für sie unverhältnismäßig viel schwerer, als für diejenigen, die selten oder nie Ausgrenzung erleben mussten.

Die Voraussetzungen für emanzipatorische Prozesse und das zugrundeliegende Problem (der Satten auf der einen und der Rebellierenden auf der anderen Seite) werden nicht erkannt 

In diesem Abgrund zwischen den Ausgangssituationen liegt das Drama begründet, das sich derzeit im Schulsystem – und weit darüber hinaus – abspielt:

Es gibt die „Satten, Blinden, Unbefreiten“, die sich ohnmächtig FÜHLEN, und die „Ausgegrenzten, Bewussten”, die ohnmächtig SIND und darum kämpfen, sich selbst zu befreien.

Mit diesen Befreiungs-Versuchen lösen sie Abwehr und Ängste bei den Satten aus, weil diese Emanzipations-Impulse die verdrängte Schattenseite der „Satten“ triggern.

Denn bei denen meldet sich dann sehr unangenehm das verdrängte Selbst.

Statt sich mit den Bewussten, mit den “Freiheits-Kämpfer*innen” zu verbünden, stellen sich die Satten reflexartig vor die herrschende Norm und verteidigen “bewusstlos” ihre „Burg“ und sehen gar nicht, dass diese, ihre Burg eigentlich ihr Gefängnis ist. Ein mentales Gefängnis, das sie zeitlebens in eine geduckte Anpassungshaltung zwingt.

Durch diesen Ohnmachts-Mechanismus, die Burg verteidigen zu “müssen”, werden die äußeren Bedingungen für die Ausgegrenzten wiederum noch weiter verschlechtert. Für die anderen – IN der Burg – aber auch. Denn glücklich ist mit diesem Zustand keiner. Weder draußen vor der Burg, noch in der Burg.

Deswegen ist es wahrscheinlich gerade so attraktiv, sich in eine vermeintlich goldene Vergangenheit zu flüchten und sich Augen und Ohren in Bezug auf die Zukunft zuzuhalten. Dabei müssten wir nur ALLE die Burg verlassen und draußen gemeinsam etwas Neues starten.

Settings, die Emanzipation begünstigen, zu erschaffen, ist zentrale Aufgabe von Bildung

Aber – ich bin hoffnungsvoll. Wie wir immer wieder sowohl aus Filmen (Billy Elliot, Harvey Milk, Forrest Gump) als auch aus eigener Erfahrung wissen:

Emanzipatorische Prozesse können – trotz aller benannten Probleme – von außen angestoßen, bzw. initiiert werden – durch andere Menschen und durch emanzipatorische Settings. Dadurch können ungleiche Startvoraussetzungen abgemildert und Ermächtigungsprozesse ermöglicht werden. Und genau das ist eigentlich Aufgabe von Bildung in einer Demokratie.

Ein emanzipatorischer Akt ist notwendig, um Selbstwert zu entwickeln und Selbstwirksamkeit zu erfahren und ein freier mündiger Mensch zu werden. Nur, wer die internalisierte Untertanen-Haltung überwindet, kann unsere Demokratie aktiv mitgestalten, Verantwortung übernehmen und (im Bildungsbereich und anderswo) in anderen Menschen emanzipatorische Prozesse initiieren.

Nur wer selbst frei ist, kann Freiheit in anderen ermöglichen.

Das Drama in Schulen ist die internalisierte Gehorsamshaltung

Das Drama derzeit ist, dass aber ausgerechnet unser Bildungssystem eine Gehorsamshaltung weiter verstärkt, statt ihr bewusst entgegen zu wirken. Trotz buntem, freundlichen, demokratisch erscheinenden äußerem Erscheinungsbild wirkt in unseren Schulen noch immer ein tief verwurzeltes Obrigkeitsdenken:

Die Lehrpersonen verweisen auf die „Anforderungen von oben“, die sie „erfüllen müssen“, weswegen sie ihren Beruf „nicht so ausüben können, wie sie es eigentlich wollen“. Das heißt übersetzt: Nicht die innere Integrität ist der Maßstab ihres Handelns, sondern die Anforderungen des „inneren autoritären Vaters“. Lieber die äußeren Anforderungen erfüllen und sich dadurch wie ein*e korrekte*r Pädagog*in fühlen, als die eigenen inneren Widerstände und Grenzen ernst zu nehmen und Veränderung zu initiieren.

Die Schüler*innen richten ihr gesamtes Handeln nach den Noten aus (Was muss ich tun, um eine Eins zu bekommen?) und die Eltern unterwerfen sich diesem Anpassungs-System trotz massiver persönlicher Zweifel aus einer diffusen Angst heraus, ihr Kind könnte ansonsten in dieser Welt nicht bestehen. Als hätten genau diese Kinder mit der Gestaltung der Welt nichts zu tun und wären bereits jetzt „Untertanen“, die sich eben der Welt unterordnen müssen, so wie sie jetzt ist. (!) Damit verbauen wir die einzige Chance, die wir auf eine andere, bessere Welt haben! Denn diese Kinder werden die zukünftige Gesellschaft gestalten!

Alle handeln auf der Grundlage von internalisiertem Gehorsam und unterstützen auf diese Weise ein Bildungs-System, das eigentlich niemand mehr will und das vor allem nicht zukunftsfähig ist.

Zusammengefasst: Fremdbestimmter Anpassungszwang, wie er in Schulen herrscht, blockiert das Ausbilden der eigenen Integrität und des eigenen Selbstwerts. Und wer selbst kein Gefühl für die eigene Integrität besitzt, wer selbst nicht frei ist, kann in anderen keinen Selbstwert erzeugen. Ein Mensch, der selbst nur folgt, erwartet, dass auch die anderen folgen, denn etwas anderes kennt er sie es nicht.

Menschen dagegen, die dem gesunden Impuls folgen, ihre Integrität zu verteidigen, werden als Störung oder gar als Bedrohung wahrgenommen. Kinder, die sich widersetzen, werden durch die Instrumente des Gehorsams: Belohnung, Bestrafung, Beschämung, Manipulation in die (Anpassungs-) Spur gebracht. Auf Kosten ihrer eigenen Integrität. Auf Kosten von wirklich gelebter Vielfalt. Auf Kosten von Gleichwürdigkeit und demokratischen Werten.

So läuft das Bildungssystem – mit seinen bunten fröhlichen Gruppentischen, gut gemeinten Demokratie-Plakaten an der Wand und dem (leeren) Versprechen von Vielfalt – in Wahrheit als große Untertanen-Produktionsmaschine immer weiter.

Das ist eine Katastrophe.

Was müssen wir tun?

Unsere wichtigsten Aufgaben sind es, erstens: 

Anzuerkennen, dass die weiße, männliche, akademische Perspektive (also unser innerer „Vater“) noch immer unser Denken und unsere Sichtweise bestimmt und dass wir – sozialisiert mit dieser Perspektive – nicht frei sind von internalisiertem Gehorsam und Anpassungszwang. 

Zweitens: Wir müssten trainieren, diese Perspektive weiträumig zu verlassen und stattdessen die Integrität aller in den Blick nehmen und stärken.

Drittens: Wir könnten Strategien entwickeln, wie wir emanzipatorische Prozesse konkret initiieren können. Dies gelingt erstens über Beziehung, zweitens über Beziehung, drittens über Beziehung. 

Dafür brauchen wir Viertens: Klar ausformulierte Partizipationskonzepte, durch die Beziehungs- und Erfahrungsräume geschaffen werden, in denen Integrität und Gleichwürdigkeit als persönlicher Gewinn erfahren werden können und 

fünftens brauchen wir eine transparente Vermittlung von Führungskompetenz. Das bedeutet Selbstführung und verantwortungsvolle Führung anderer.

Das Mischpultprinzip ist EIN konzeptioneller Vorschlag, wie diese emanzipatorische Reise gelingen kann. Es gibt noch viele andere. Aber auf den Weg machen müssen wir uns selbst.

Niemand kann befreit WERDEN. Wir müssen uns selbst befreien.

Und das ist auch mit Anstrengung und teilweise unwohlen Gefühlen verbunden:

Beim Aufstieg aus der dunklen Höhle ins Licht nach draußen ist das blendende Sonnenlicht leider schmerzhaft. Aber wer einmal draußen ist, wird diejenigen bemitleiden, die noch gefesselt unten in der Höhle – oder in der Burg – hocken und die Schatten an der Wand für die Wirklichkeit halten.

Für mich hat das Höhlengleichnis von Platon eine besondere Bedeutung, weil ich diesen Stoff gleich zu Beginn meiner Zeit als Lehrerin an einer Hauptschule in Neukölln als Ausgangspunkt für eine biografische Stückentwicklung wählte und mir von vielen Leuten anhören musste, das „sei ja viel zu schwer für „diese“ Schüler*innen.

Als mir „meine“ Jugendlichen damals an der Anna-Siemsen-Hauptschule Neukölln ihre erste eigene Interpretation des Höhlengleichnis präsentierten, dachte ich: Wow. Und war fassungslos. Es war der Startpunkt für mein Nachdenken darüber, wie wir alle raus aus dieser Höhle kommen könnten…

Und das frage ich mich seitdem jeden Tag:

Was können wir tun, damit möglichst viele den Aufstieg wagen und ihn durchhalten? Diese Frage halte ich für die entscheidende Frage unserer Zeit.

Sie lässt sich mit den Schritten und Phasen jeder großen Emanzipationsbewegung beantworten. Der einzelne Mensch erkennt, dass nicht er selbst das Problem ist, sondern das System, das ihn umgibt. Er macht sich „auf in die Stadt“, geht dahin, wo die anderen sind, die ebenfalls SEHEND geworden sind, um sich mit ihnen zu verbünden. Gemeinsam entsteht eine Bewegung, die im besten Falle Veränderungen zum Positiven bewirkt – langfristig für ALLE.

Jede Emanzipationsbewegung beginnt beim einzelnen Menschen. Bei dir. Willst du ein Opfer der Umstände und eine Untertanin oder Untertan sein oder eine Mutmacherin, Mutmacher für andere? Die Antwort liegt bei dir selbst.

Abschluss: Deine persönliche emanzipatorische Challenge

Nimm dir für die nahe Zukunft EINE emanzipatorische Handlung vor. Eine kleine emanzipatorische „Challenge“, wo du dich mal gegen deinen “inneren Vater” durchsetzt. Ich gehe jetzt hier in Vorleistung:

Als ich diesen Vortrag vorbereitete, dachte ich: Am Ende muss das Musikstück “Read all about it” von Emile Sande im Raum sein, während alle über ihre persönliche emanzipatorische Challenge nachdenken. Aber dann dachte ich: Das geht GAR NICHT! Das ist zu pathetisch, zu emotional. Dann nimmt keiner mehr ernst, was ich vorher gesagt habe. Aber plötzlich kam mir dann die Erkenntnis: Das sind gar nicht MEINE Gedanken! Da ist die weiße, männliche Perspektive! ICH habe aber eine andere. Und ICH denke: Intelligente Gedanken sind auch MIT Gefühlen möglich! Sogar besser: Wir sollten die Gefühle endlich mit rein nehmen! Statt sie zu verdrängen und als etwas Minderwertiges zu betrachten. VERDRÄNGTE Gefühle sind nämlich das Problem, nicht die Tatsache, dass Menschen Gefühle HABEN. Wir sollten lernen, unsere Gefühle wahr zu nehmen, sie bewusst zu machen, darüber zu reden und sie mit unserem rationalen Denken zu verbinden.

Und: Sollte sich jemand von euch von der Musik manipuliert fühlen: Jeder kann ja jederzeit Veto machen und raus gehen! WO ihr über eure Challenge nachdenkt, ist ja eure Sache! Wenn ihr selbstbestimmte Menschen seid und ich offenlege, warum ich dieses Musikstück wähle, muss ich euch nicht unter Naturschutz stellen, so nach dem Motto: Oha, hoffentlich werden die jetzt nicht mit Haut und Haaren manipuliert! Ihr könnt selbst für euch sorgen.

Ihr könnt einfach selbst überlegen: Darf dieses Musikstück im selben Raum sein wie ihr, wenn ihr über eure Emanzipations-Challenge nachdenkt? Und DÜRFEN auch Gefühle hochkommen – und sind dann trotzdem klare kluge Gedanken möglich?

Oder ist es nur dieses: Findet “der Papa mich dann intellektuell genug?”

Vergesst den Papa! Schaut selbst, wie es euch geht, macht das, was sich für euch richtig anfühlt. Und ganz ehrlich:

ICH habe in meinem ganzen Leben noch nie erlebt, dass echte Gefühle dumm machen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir sollten uns trauen, Gefühle zu haben und darüber zu sprechen. Sie machen uns erst zu Menschen.

Ich danke euch und übergebe den Raum an Emile Sande mit ihrem Lied „Read all about it“… DANKE.