Türwächter*innen der Freiheit – Fünftes Kapitel

Knietief durch die Scheiße Teil 2 – Das Lehrerzimmer

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

(Alle Kapitel auch zum Anhören auf „Maikes Podcast“ hier auf der Seite in der linken Leiste).

Das Seltsame ist: Im Lehrerzimmer scheint niemand diese Probleme zu kennen. Alle schimpfen zwar über “dieses allerletzte Pack” und diese “Vollpfosten” usw., aber als ich von meiner totalen Überforderung berichte und um Rat frage, scheinen alle mitleidig überrascht von meiner Inkompetenz zu sein. Tja also sowas trauen die sich bei MIR nicht… das kommt in MEINEM Klassenraum nicht vor, das sollten die sich mal trauen, da mach ich sofort kurzen Prozess mit denen… die wissen bei mir ganz genau, wo der Hase längs läuft… 

Ja und wo läuft der Hase längs? Das kann mir offenbar keiner erklären. 

Das musste schon selber rausfinden, Mädel, sagt der Klassenlehrer der 8b, ein etwa 60-jähriger Kollege mit grimmiger Visage und Holzfällerhemd, während er breitbeinig vor mir sitzt, laut schmatzend einen Apfel isst und sich am Sack kratzt. Ein anderer Kollege wendet sich mir mit etwas freundlicherer Miene zu und fragt: Weeßte, was de machen musst, Mädel? Ich überlege kurz, ob ich diesen Kollegen hier noch mal erklären sollte, wie ich heiße und dass ich mit 33 Jahren eigentlich nicht wirklich als “Mädel” bezeichnet werden möchte, aber da der Typ vor mir offenbar gerade sowas wie Entgegenkommen zeigt, verzichte ich auf meine Bemerkung und frage nur: Nee, weiß ich nicht… was denn? Der Typ beugt sich vor, scheinbar erfreut, dass er jetzt sein persönliches Geheimrezept zum Besten geben darf und zieht bedeutungsvoll die Augenbrauen nach oben: Also du gehst den Flur entlang bis du vor deinem Klassenraum stehst. Dann machste die Tür weit auf, dann wirfste ne Bombe in den Sauhaufen rein und machst ganz schnell die Tür von außen wieder zu!

Ich starre den Typen entgeistert an, während nun beide, auch der Sack-Kratzer, in röhrendes Gelächter verfallen und sich gegenseitig High Five geben. Meine Anwesenheit haben sie völlig vergessen, sie scheinen sich prächtig zu amüsieren, ach wat ham wa jelacht…., ich diene nur als Staffage und Anlass für diese WAHNSINNS-KOMISCHE Schenkel-Klopfer-Pointe… Ach so. 

Auch ansonsten fühle ich mich im Lehrerzimmer wie ein Alien. Jeglicher Kontaktversuch von meiner Seite, jeglicher Versuch von Heiterkeit oder Wärme wird argwöhnisch als das Gegenteil ausgelegt. 

Kein Mensch scheint hier Spaß zu haben und sobald doch jemand wagt, einen Hauch von guter Laune zu verbreiten, wird das zynisch kommentiert oder mitleidig belächelt. „Das Lachen wird dir hier schon noch vergehen“, raunzt mich ein Kollege im Vorbeigehen an, und ich lasse erschrocken meine Gesichtszüge runter sacken. Hatte gar nicht gemerkt, dass ich gelacht (?), gelächelt (?) hatte. 

Bereits in den ersten Tagen kämpfe ich gegen massive Fluchtgedanken. Ich komme mir im Lehrerzimmer vor wie auf einer psychiatrischen Station voller schwerst-gestörter Patienten, von denen alle krampfhaft so tun, als sei „alles normal“. Außer mir scheint sich niemand zu wundern. 

Das Lehrerzimmer ist eine große, seelenlose Rumpelkammer, in der alle zuvor da gewesenen Kollegen ihren Krempel zurück gelassen haben – als wären sie bei der ersten Gelegenheit Hals über Kopf geflüchtet – und wie nach einem apokalyptischen Ereignis sind überall diese undefinierten herrenlosen „vergessenen Gegenstände” übrig geblieben – in diesem Geisterhaus, in dem sich niemand für irgendwas verantwortlich fühlt, weil: Ist ja nicht meins. Diese gesprungene Tasse lag ja schon in der Spüle rum, als ich kam… 

Die gesamte Kommunikation bis hin zum Tonfall ist mir unheimlich: Unter einer dünnen Decke burschikos, fröhlich zur Schau gestellter Kumpelhaftigkeit liegt direkt darunter unverhohlene Bitterkeit und Verachtung. Den anderen Kollegen*innen, den Jugendlichen, ganz besonders den Eltern und letztendlich der gesamten Welt gegenüber. Diese Menschen hier sind im letzten Stadium einer schweren Depression. Denke ich. Aber ohne jegliche Krankheitseinsicht. Weswegen jegliche Therapie zwecklos ist. 

Nachts träume ich immer wieder in einer Dauerschleife von diesem Lehrerzimmer: 

Die Gestalten sitzen mit offenen Wunden da. Um sie herum eine leichte Fahne Verwesungsgeruch. Abgebissene Körperteile liegen auf dem klebrigen Linoleum-Boden und werden von den hin und her schlurfenden blassen Gestalten achtlos mal hierhin, mal dorthin beiseitegeschoben. Dabei brabbeln sie ununterbrochen zornig vor sich hin, z.B. dass Kollege M endlich mal seinen stinkenden Müll wegräumen soll und wie das denn hier schon wieder aussieht. Aus ihren schlaffen, faltigen, unkontrolliert zuckenden Mündern hängen lange, seidige Speichelfäden, gemischt mit gelblichem Eiter oder orangenem Blut. Keiner wischt sie weg. Im Lehrerzimmer gibt es keinen Spiegel. Nur eine Kaffeemaschine. Die röchelt und röchelt braune Soße heraus wie ein Patient mit chronischer Diarröh. Daneben im schmutzgrauen Waschbecken ein kippelnder Berg klebriger, fleckiger Becher und Tassen, die allesamt mit feinen grauen und schwarzen Adern durchzogen sind, die Ränder abgeschlagen wie klaffende Zahnlücken. Abwaschen tut hier keiner. Wozu auch? Es sind ja schon alle tot. Da kann man auch aus bakterien-wimmelnden Tassen trinken. 

Die Fenster bleiben zu, man will sich ja nicht noch was weg holen, da könnte ja jeder kommen. Leuchtend puckert der Kopierer wie ein elektronisches Organ im Nebenzimmer vor sich hin. Um zwei Uhr wird ihm jeden Tag der Garaus gemacht, dann hat dieses Herz lange genug geschlagen. Nicht, dass da noch jemand Experimente nach 14 Uhr macht! Während der Zeiger an der farblosen 70-er Jahre Wanduhr die schal gewordene Zeit vertickt, warten die depressiven Zombies im Lehrerzimmer vergeblich auf ihr Ende. Das Blut an den abgebissenen Körperteilen trocknet und wird bröckelig. 

Ich komme von draußen. Ich war noch nie hier. Ein Luftzug, als ich die Tür öffne. Die Zettel mit den Terminen für die Klassenkonferenzen an der Innenseite der Tür flattern für einen Moment wild durcheinander. Ich sage etwas. Aber ich kann meine eigene Stimme nicht hören. Die Zombies lächeln mich an. Kleine orangene Rinnsale laufen aus ihren Mundwinkeln über das Kinn. Eine Bewegung im Raum wie ein unsichtbares, lautloses Zittern. Dann erheben sie sich. Die Stuhlbeine kratzen quietschend und ächzend über den blass-grünen Linoleum-Boden. Wie Fingernägel auf einer riesigen Schiefertafel. Aus ihren Mündern quillen blubbernde Blut-Bäuerchen. 

Ich weiß, wie man sich benimmt. Ich lächle. 

„Hallo. Ich hab Blumen mitgebracht.“ 

„Aha. Das ist NETT.“

„Soll ich die mal ins Wasser stellen?“

„Geht nicht. Wir haben keine Vasen.“

„Und das Waschbecken?“

„Is voll. Siehste doch.“

„Naja, das kann man ja mal abwaschen.“

Schweigen. 

Ein älterer Zombie erwacht ganz plötzlich aus seiner Erstarrung, lacht sehr laut, krächzend, kriegt sich scheinbar gar nicht wieder ein. 

„Da biste noch nich ma richtig hier, da willste hier gleich allet aufn Kopf stellen, ick gloob dit nich!“

Er schüttet sich aus vor Lachen. Alles knarrt und knattert in seinem Brustkorb. 

Keiner sagt was. Alle warten, bis der Anfall vorüber ist. Null Reaktion. 

„Naja, aber wäre ja schon blöd, wenn die jetzt schlapp werden,“ insistiere ich. Was anderes fällt mir nicht ein. Noch immer keine Reaktion. 

Ich beschließe also einfach selbst tätig zu werden und gehe zum Waschbecken. Auf dem langen Weg zu dem Berg mit den geäderten Tassen ist mir nicht ganz wohl. Ich fühle einen kalten Hauch in meinem Nacken. Es ist fauliger, alter Atem. Ein schmatzendes, grauenvolles Geräusch. Der tiefe Biss hinterlässt eine klaffende Wunde in meiner linken Schulter. Lose schlackert mein Arm im Gelenk. Ist das mein Arm? Noch einmal das Schmatzen – wie ein Riss durch die Stille. Etwas reißt ab. Flutscht auseinander. Eine Fontäne Blut. Mein Arm fällt. Fällt auf den Linoleum-Boden. Ich schreie. 

„Warum habt ihr mir den Arm abgebissen?!“

„Du musst hier halt noch so einiges lernen.“

„Warum habt ihr mir den Arm abgebissen?“

„Das ist völlig irrelevant, das wirste noch merken. Das ist hier alles kein Zuckerschlecken und dein ewiges Gelächle wird dir hier auch schon noch vergehen…“

„Aber was hat das denn für einen Sinn, mir den Arm abzubeißen?“

„Mit dieser psychologisierenden Betroffenheitskacke kommst du hier nicht weiter“, der Zombie fletscht seine fauligen Zähne und äfft nach: „Ja, was hat das für einen tieferen Sinn, dass X dies tut und Y jenes? Was DENKEN sich X und Y wohl dabei? Nee, nee, diesen ganzen Scheiß kannste mal schön knicken.“

„Aber mir fehlt ein Arm!“

„Ja, und? Du hast ja noch einen.“

„Ich finde, es wäre das Mindeste, das ihr mir erklärt, was das alles soll. Ihr könnt mir doch nicht den Arm abbeißen und dann einfach so tun, als wäre alles in bester Ordnung!“

„Du hast ganz offensichtlich ein Wahrnehmungsproblem. Hier IST alles in bester Ordnung.“

„Aha. Das sieht man ja…“

„Und jetzt wird sie auch noch überheblich, also das klassische Programm. Keine fünf Minuten hier, aber sie weiß schon Bescheid, was hier alles besser laufen muss.“

„Tut mir leid. So habe ich es nicht gemeint. Vielleicht kann man hier ja auch einfach mal zusammen aufräumen…“ 

Hysterisches, gehässiges Gelächter. 

Neue Blutrinnsale laufen aus ihren Mundwinkeln, während sie sich langsam in meine Richtung in Bewegung setzen. Das hysterische Gegacker verwandelt sich langsam in das alte zornige, speichelnde Gebrabbel. Mit vor Wut gereckten Hälsen humpeln sie auf mich zu. Am Boden herumliegende Körperteile werden wie Fußbälle zur Seite gekickt. Ein Gemisch aus Blut und Eiter schwappt rülpsend aus ihren Mündern, während sie mich mit ihren krampfigen, zitternden Händen zu greifen versuchen. Das erste schmatzende Geräusch lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Sie fangen an, Stücke aus meinem Körper heraus zu beißen. Ich reiße mich los, stürze durch den Raum. Die Tür. Das Flattern der Zettel. Die Tür kracht ins Schloss. Ich rolle, falle, kollere die Treppe runter. Raus ins Freie. 

Morgen muss ich wieder hier hin. Ich frage mich, wie lange sie brauchen werden, bis ich so bin wie sie. 

Türwächter*innen der Freiheit – Viertes Kapitel

Knietief durch die Scheiße – Teil 1: Warten, bis es leise ist…

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

(Alle Kapitel auch zum Anhören auf „Maikes Podcast“ hier auf der Seite in der linken Leiste).

Am nächsten Tag ist mir mulmig, als ich wieder die Treppen zum Klassenraum der 8b hochsteige. Nach der misslungenen Musikstunde gestern steht heute ein neuer Versuch bei ihnen an. Wie reagiere ich auf Taher, der gestern so ausgerastet ist? Soll ich auf die Situation von gestern eingehen? Muss ich ja wohl. Ich kann ja nicht ernsthaft akzeptieren, dass sie mir meine Sachen geklaut haben. Immerhin waren weder Geld, noch Handy, noch mein Schlüssel in der Tasche. Aber meine ganzen Unterlagen, mein privater Kalender, das Stifte-Etui, das ich so liebe und ein Lippenstift… mir wird schon wieder heiß im Gesicht, wenn ich nur dran denke. Es ist eine Mischung aus Scham und Wut. Sehr unangenehm und schwer auszuhalten. Aber es nützt ja nix. Wenn ich den Vorfall ignoriere, kann ich gleich nach Hause gehen und im Schuhladen neben unserer Wohnung in Mitte als Verkäuferin anfangen. Ich atme tief durch und öffne die Tür. Es ist nicht großartig anders, als gestern. Chaos. Gegröle. Niemand beachtet mich. Ich stelle meine Tasche auf dem Pult ab. Dasselbe Spielchen also, denke ich. Aber diesmal muss ich mich durchsetzen. Die Frage ist nur, wie. Dieses „Vorne-Stehen und warten bis es leise ist“ funktioniert einfach nicht, ich sollte lieber einen Salto Mortale machen, auf den Tisch springen oder laut beten, keine Ahnung. Stattdessen setze ich mich erstmal aufs Pult und beschließe, erstmal nichts zu machen. Also nicht, damit sie leise werden, denn diese Hoffnung habe ich ohnehin schon aufgegeben, sondern einfach, um mir Zeit und einen Überblick zu verschaffen. Ich sitze also da so rum und beobachte das Geschehen. Ich konzentriere mich darauf, ruhig zu atmen und mir selbst gut zuzureden. Letztendlich kann ich hier ja machen, was ich will. Also theoretisch könnte ich auch die ganze Stunde hier so auf dem Pult rumsitzen und abwarten, bis es klingelt. Mein Blick fällt auf den Sitzplan, der mit Tesafilm auf die Pult-Tischplatte geklebt ist. Aha, ich könnte vielleicht die Namen lernen. Ich studiere den Sitzplan, hoffe, dass die meisten an ihren „richtigen“ Plätzen sitzen und versuche mir die Namen einzuprägen. 

Plötzlich fliegt die Tür auf, Taher erscheint. Wie gestern hat er keine Tasche, keine Jacke, er lässt sich vorne auf seinen Platz fallen, mustert mich kalt. Ich fühle meinen Puls, versuche aber, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Also weiter die Namen lernen. Um mich herum ohrenbetäubender Lärm. Es ist eigentlich absolut lächerlich. Was bin ich für eine Lehrerin, die hier so rum sitzt und nichts tut? Übersetzt: Die komplett hilflos ist? Es ist ein Alptraum. 

Ich spüre Tahers bohrenden Blick. Die Buchstaben vor meinen Augen flackern. Es ist schwer, sich zu konzentrieren, wenn Blicke einen quasi aufspießen. 

Dann knallt Taher mit der Hand auf den Tisch und alle zucken zusammen und schauen ihn an. Schauen mich an. Mein Herz rast. Es geht wieder los. 

Taher: Ey was los? Machst du keinen Unterricht? Isch hab jetzt Musik, wallah! Ich will was lernen. 

Ich zwinge mich, nur langsam von meinem blöden Sitzplan aufzuschauen. Dann treffen sich unsere Blicke. Meiner und Tahers. Ich falle quasi in seinen Blick hinein. Bleibe da. Warte ab. (Weil mir nichts einfällt, was ich sagen könnte). 

Taher starrt mich an: Ja, guck ma nisch so hässlisch! Ich will jetzt Musikunterricht! 

Inzwischen ist es still geworden im Raum. Alles schaut fasziniert nach vorne: Da gibt es die nächste spannende Schlacht mit Taher zu besichtigen. 

Ich zwinge mich zur Ruhe und halte weiterhin Tahers Blick stand. 

Ganz ehrlich, Taher: WAS für einen Unterricht willst du denn? 

Taher stößt sich abrupt mit den Händen von seinem Tisch ab und poltert mit seinem Stuhl nach hinten. 

WALLAH!! Woher soll ISCH das wissen?? DU bist die verfickte Lehrerin! Du wirst dafür BEZAHLT!! Also MACH was, mach ma jetzt Musikunterricht, du Hure!! 

Ich schüttele den Kopf, schaue ihn weiterhin an. 

Ja, Taher. Mach ich. Aber nur, wenn es Sinn macht. Und so, wie du redest, macht es KEINEN Sinn. Jetzt mal ganz ehrlich: Was denkst du denn, was guter Unterricht ist? 

Taher schlägt wieder mit voller Wucht auf den Tisch, dreht sich kurz weg. Schaut auf den Boden. Dann wieder dieser wütende Blick: 

Bin ISCH jetzt hier der Scheißlehrer oder was??? 

Ich: Nee. Aber vielleicht ein guter Berater? Du hast ja schon viele Lehrer erlebt. Und ich hab hier das Gefühl, ihr wollt mich sowieso nur auflaufen lassen, egal, was ich mache. Du findest doch scheinbar ALLES Scheiße, was hier läuft. Dann sag doch mal: Was meinst du mit MUSIKUNTERRICHT?? Also so, dass du da Bock drauf hast? 

Totenstille. 

Taher funkelt mich böse an. Aber irgendwas ist einen Millimeter besser als vorher, sagt mir mein Bauchgefühl und ich merke, dass ich irgendwie „Land gewinne“. Oder? 

Leider nein. 

Taher grinst. Dann sagt er betont ruhig: Alles klar: Also guter Musik-Unterricht ist, wenn wir dir unsere Lieblings-CDs nach vorne schmeißen und du machst den DJ. Und lässt uns in Ruhe. Und klar wird nur coole Musik aufgelegt. Das entscheide ICH dann. 

Er lacht auf unangenehme Weise, dreht sich abrupt von mir weg und poltert in die Klasse:

Ey wallah, wie hässlisch sie ist! Sie kann nicht unterrichten! 

Aber der Rest der Klasse starrt mich nur erwartungsvoll an und reagiert – nicht. Einige Jungs hinten grinsen. 

Ich will nicht aufgeben, mache einen neuen Versuch: Taher. Ich mein das ernst. WAS willst du? Ich kenn so eine Scheiße hier nicht. Ihr habt mir gestern meine Sachen geklaut, du bist ausgerastet. Was soll der ganze Scheiß? Ich bin GERNE Lehrerin, aber das hier bei euch ist echt absurd. Ich VERSTEH nicht, was du willst, was hier los ist bei euch. Wenn du nicht mit mir redest, wird’s nicht besser. 

Taher macht eine wegwerfende Geste mit der Hand, pustet laut Luft aus, als wäre es ihm einfach zu blöd. 

Wallah, ist sie BEHINDERT! sagt er, steht abrupt auf, geht nach hinten, lässt sich dort auf das abgewetzte Sofa am Fenster fallen und tippt in sein Handy. 

Fatima meldet sich. 

Ja, Fatima? 

Mach jetzt mal normal Unterricht, Frau Plath, sagt Fatima mit provokant nach vorn gerecktem Kinn. Die anderen lachen. Es wird jetzt plötzlich wieder laut im Raum, Fuad ruft von hinten: Ja, genau, mach ma Musikunterricht, ich will jetzt ENDLICH was lernen, wallah! 

Gib ma Arbeitsbogen! ruft jemand anders. 

Ich: Und was ist mit meinen Sachen? Bevor hier irgendwas los geht, muss ich die wieder haben. 

Mahmout: Wieso? War doch kein Geld drin. Nix Wichtiges. Waren doch nur langweilige Zettel. 

Ich: Ja, aber MEINE langweiligen Zettel. Und meinen Kalender und meine Stifte-Tasche LIEBE ich. 

Mahmout lacht auf: So SCHULSACHEN? Bist du behindert? 

Ich: Ich weiß nicht, welche Sachen für DICH ne Bedeutung haben? 

Mahmoud: Mein Handy. 

Ich: Ja genau. Dann stell dir vor, jemand würde dir dein Handy weg nehmen. 

Die ganze Klasse röhrt vor Lachen, kreischt, kriegt sich gar nicht mehr ein. Was war jetzt wieder so komisch? 

Mahmout erklärt es mir, während Taher sich hinten immer noch übertrieben inszeniert ausschüttet vor Lachen. 

Mahmout: Die nehmen mir DAUERND mein Handy weg, ey. Scheiß OPFER-Lehrer! 

Fatima: Und dann müssen wir zwei Wochen warten, bis wir das wieder kriegen.

Ich: Wieso zwei Wochen? 

Fatima: Is so. Dann können die Eltern das in der Schule abholen. 

Selina: Handies sind nicht erlaubt im Unterricht. Wenn wir Sms tippen oder es klingelt, nehmen die uns das weg. Und damit wir zu Hause richtig Ärger kriegen, müssen das die Eltern in der Schule abholen. 

Ich: Ok. Verstehe. 

Mahmout: Also bei dir sind Handies erlaubt? 

Ich merke, wie mich diese Frage stresst. Wenn ich jetzt „Ja“ sage, habe ich mit absoluter Sicherheit ein Problem mit den Kollegen. Aber habe ich das nicht vielleicht sowieso? Ich winde mich etwas peinlich um eine klare Antwort. 

Ich: Also manchmal sind Handies ja sinnvoll. Wir können das ja von Fall zu Fall entscheiden. Auf jeden Fall solltet ihr die natürlich im Unterricht ausmachen. – Ist ja klar. (Das füge ich noch mit etwas Nachdruck hinzu, was den gegenteiligen Effekt von Nachdruck hat. Ich komme mir vollkommen lächerlich vor). 

Außerdem sind wir voll vom Thema abgekommen, denke ich, es ging doch eigentlich um meine Sachen! 

Ich: Aber ganz egal jetzt, wie wir das zukünftig mit den Handies hier regeln. Ich will erstmal meine Sachen wieder haben. 

Taher: Aber unsere Handies nimmst du uns dann trotzdem weg, oder was? 

Ich: Man, Taher, das ist hier kein Tauschgeschäft! 

Taher: Nee, man, stimmt! Du machst, was du willst, und wir sind die Scheiß-Opfers! Ey, diese Schule ist verrostet, wallah! 

Es wird wieder laut. 

Der Moment der kleinen Hoffnung ist vorbei. Sie haben wieder dichtgemacht. Was mit meinen Sachen ist, keine Ahnung. Ich stehe vorne wie der Alien. Langsam hole ich meine Arbeitsbögen raus. So ein Schwachsinn, denke ich und gebe Mehmet den Stapel, der mit ausdruckslosem Gesicht die Blätter sofort beginnt, auszuteilen. 

Na endlich, man! schreit Selina: Sie macht UNTERRICHT! und lacht ein bisschen hämisch. Während einige wenige tatsächlich anfangen, sich über die Arbeitsblätter zu beugen, falten die anderen Papierflieger daraus und lassen sie durch die Luft sausen. Innerhalb weniger Sekunden herrscht wieder der ohrenbetäubende Lärm. Kevin, ein kleiner blasser Junge, der hinten alleine am Fenster sitzt, hält sich die Ohren zu. Selina schreit: Jetzt setz dich doch mal durch, Frau Plath! Du musst die rauswerfen, die laut sind! 

Und was soll das bringen? schreie ich zurück. Selina zuckt mit den Achseln. 

Machen halt alle so. Du bist zu lieb, man. So lernen wir nix.

Wie zum Beweis geht jetzt hinten zwischen Taher und einem anderen Jungen eine Prügelei los, es sieht so aus, als würden sie sich umbringen wollen. Zwei andere Jungs halten die beiden nur mit Mühe und äußerster Kraftanstrengung auseinander, wildes Geschrei und Gepolter. Ich durchquere mit ein paar sehr schnellen Schritten den Raum, werfe mich quasi zwischen die beiden Streithähne und höre mich zu meiner eigenen Überraschung aus vollem Hals brüllen: Ihr spinnt ja wohl total! Jetzt ist Schluss!

In dem Gerangel werde ich hin und hergeworfen, jemand packt mich und schubst mich unsanft zur Seite. 

Misch disch nisch ein, das hat nix mit dir zu tun, sagt jemand nah an meinem Ohr. Die Schrankwand kracht zu Boden, die Mädchen kreischen, Kevin rennt heulend nach vorne und schreit: Ich will normalen Unterricht! Ich will normalen Unterricht! 

Ich rappel mich wieder auf und gehe nochmals mit aller Kraft dazwischen. Wieder werde ich mit voller Wucht zur Seite gestoßen. Ich stelle mich breitbeinig auf und brülle so laut, wie ich meine eigene Stimme selbst noch nie gehört habe: STOPP! Es REICHT!! 

Erstaunlicherweise kehrt Ruhe ein. Taher schmeißt sich zurück aufs Sofa, winkt mit einer abfälligen Geste ab: Ey du Missgeburt – wir sehn uns später. 

Ja, wir klärn das später, du Hurensohn! 

Als ich gerade aufatmen will, geht die Klassenraumtür auf: Ein älterer Kollege steht im Türrahmen, offenbar der Klassenlehrer der 8b. Er steht da breitbeinig im Türrahmen, die Arme in die Seiten gestemmt und grinst – ja man kann es nicht anders sagen – höhnisch. 

Was n HIER los? Ich glaub, mein Schwein pfeift! Ach! Und da is ja die Kollegin Plath! Ich dachte, hier ist kein Lehrer in der Klasse… Na, wenn Sie das hier als Unterricht bezeichnen… Interessante Pädagogik… Na denn! (Er tippt sich an die Stirn). Viel Spaß noch, Kollegin.

Und weg ist er. 

Ich lasse mich auf den Stuhl am Pult sinken und starre auf den Sitzplan. Es hat alles keinen Sinn, denke ich. 

In der Pause fliehe ich ins Raucherzimmer, sitze zwischen den Rokal-der-Steinzeitjäger-Lektüren, ziehe an meiner Zigarette und denke in einem Dauer-Loop: Nicht heulen, Frau Plath. Erst, wenn du zu Hause bist. 

Dann Musik in der 8a. Schon von draußen das Gejohle und Geschrei. Ich gehe rein und denke: Es sind nur 45 Minuten. Das schaffst du schon. 

Schaffen ist natürlich ein dehnbarer Begriff. Ich versuche gar nicht erst, von vorne irgendetwas anzusagen, sondern gehe gleich durch die Bankreihen und verteile meine Arbeitsbögen. Das sind sie gewöhnt, das verursacht am wenigsten Ärger. Es ist zwar völlig fürn Arsch, weil keiner ernsthaft was einträgt auf den Papieren, aber es sieht immerhin noch am ehesten nach Unterricht aus und führt mysteriöserweise dazu, dass dann immerhin die meisten an ihren Plätzen sitzen bleiben. Warum auch immer. Dort tippen sie zwar auf ihren Handies rum, spielen Karten, lackieren sich die Fingernägel oder zeigen sich Hochzeitsfotos aus dem Libanon, aber wenigstens sind sie dann mit sich beschäftigt und beachten mich nicht. Was in gewisser Weise eine Erholung ist. 

Warum verteile ich nicht einfach nur noch Arbeitsbögen und sitze meine Zeit ab? Wäre doch leicht verdientes Geld? Ich gehe so ein bisschen auf und ab, bleibe am Fenster stehen, schaue raus, schaue auf die Uhr. Immer noch erst zehn Minuten vergangen. Noch 35 Minuten. Ich langweile mich. Und plötzlich muss ich lachen. Was MACHEN wir hier eigentlich? Einen Wettbewerb, wer am besten die Zeit totschlägt? Wir sitzen hier alle diese 45 Minuten ab. Keiner von uns möchte hier sein. Alle würden lieber woanders sein und was anderes machen. Aber hier sind wir. Zusammen in diesem hässlichen, verwahrlosten Raum – und warten darauf, dass es klingelt. Und letztendlich darauf, dass wir endlich nach Hause dürfen. Was für ein Irrsinn. 

Ich traue meinen Augen nicht: Da meldet sich jemand. Ich gehe zaghaft hin, die Erinnerung von gestern noch in den Knochen. Aber es hat keinen Zweck von hier aus zu sprechen – man versteht sein eigenes Wort nicht bei diesem Lärm. Bei Meltem angekommen, kniee ich mich vor sie hin, schaue sie fragend an. Meltem sagt: Mir ist schlecht. Kann ich nach Hause? 

Immerhin fragt sie, denke ich. Taher wäre einfach gegangen. 

Was ist denn los?, frage ich. Statt einer Antwort, kullern Tränen. Entsetzt beuge ich mich vor: Was ist los, Meltem? Hat dir jemand weh getan? 

Jetzt schluchzt Meltem. Nickt. Ich nehme ihre Hand, sie schluchzt weiter. 

Magst du nicht drüber reden? 

Meltem schüttelt den Kopf, drückt aber weiter meine Hand. 

Ich will nach Hause, murmelt sie.

Ok, höre ich mich sagen, richte mich auf, gehe zum Pult und hole das Klassenbuch. 

Darf Meltem nach Hause? Ich will auch nach Hause, schreit ein Mädchen von hinten, das aussieht wie die Gewinnerin eines Model-Wettbewerbs. Ich werfe kurz einen Blick auf den Sitzplan. Das müsste Shirin sein. 

Shirin? Sie nickt. Mir ist schlecht, Frau Plath, ich habe meine Tage. 

Ich auch! Ich will auch nach Hause!, ruft sofort jemand anders. Ach du Scheiße, denke ich. Jetzt wollen alle nach Hause. 

Riesengeschrei: Was hat Meltem? Warum darf die nach Hause? Ich will auch nach Hause!

Ok. Sage ich sehr laut. Das ist jetzt echt albern. Entweder wir reden jetzt kurz, was mit euch los ist, und warum wer nach Hause muss, oder alle bleiben hier. Fertig. 

Ein Geheule geht los, wie eine Wolfsgeheul-Persiflage. Ey, Sie sind VOLL fies, Frau Plath. Wie HÄSSLISCH!!! Meltem geht’s WIRKLICH schlecht! Und ich hab ECHT meine Tage! 

Und wieder – brülle ich… 

Ruhe jetzt! STOPP! Das darf doch nicht wahr sein. Ihr setzt euch jetzt hin! SCHNAUZE!!! (ja, tatsächlich. DAS brülle ich, ich kann nicht glauben, dass ich das bin). Ein kurzer Moment der Überraschung. Die Mädchen grinsen. Ayse murmelt in meine Richtung: Na siehste… GEHT doch… 

Meltem hat inzwischen ihren Kopf auf die Arme gelegt und schluchzt lautlos vor sich hin. Ich streichle ihr vorsichtig über den Rücken. Sie zuckt zusammen. Schaut auf. 

Wolln wir? frage ich. 

Sie nickt. Wir gehen zusammen raus vor die Tür, das Klassenbuch habe ich unter den Arm geklemmt. Draußen auf dem Flur schließe ich vorsichtig die Tür und sehe Meltem an. 

Jetzt erzähl mal… sage ich. 

Aber Meltem schüttelt den Kopf und rennt davon. 

Meltem!

Ich habe den Impuls hinterher zu rennen, aber da kracht schon wieder irgendwas im Klassenraum um. Ich reiße die Tür auf und im selben Moment springen drei Jungs vom Pult, auf dem sie offenbar gerade getanzt hatten. Sämtliche Gegenstände auf dem Pult, zwei große Plastikbehälter mit Stiften und Scheren und eine Blumenvase sind auf den Boden geflogen, der Inhalt in einer Wasserpfütze auf dem Boden verteilt. Ich mache mich daran, aufzuräumen. 

In den folgenden Tagen bereite ich gefühlt 100 verschiedene Stundenentwürfe vor. Vor allem aber denke ich: Du WEISsT doch, wie guter Unterricht funktioniert. Mit Sicherheit geht das nicht frontal vom Pult aus. Also das allererste, was du schaffen musst, ist ein Stuhlkreis und auf Augenhöhe mit ihnen reden! In Beziehung gehen. Du hast das doch alles tausend Mal gemacht und eine ganze Schrankwand voller genialem Unterrichtsmaterial angesammelt! Das DARF doch nicht wahr sein, dass du das nicht hinkriegst! 

Ok. Gesagt getan. Erster Schritt: Demokratische Gesprächskultur, denke ich. In den folgenden Tagen kann Mensch dann besichtigen, wie Frau Plath in ihren Klassen versucht, einen Stuhlkreis aufzubauen. Ungelogen dauert dieses Vorhaben grundsätzlich genau eine Unterrichtsstunde lang. Wenn endlich der Stuhlkreis aufgebaut ist, alle im Kreis sitzen und ein winziger Moment Ruhe einkehrt, also genau in dem Moment, in dem ich sage: Ok, und jetzt fangen wir an – klingelt es zur Pause. 

Und jeden Tag packe ich am Ende eines weiteren langen Kampf-Tages meine Sachen zusammen, setze mich in die U8, die mich nach Mitte bringt und denke: 

Nicht heulen. Erst, wenn du zu Hause bist. 

Türwächter*innen der Freiheit – Drittes Kapitel

Realitätsschock

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig. (Alle Kapitel gibt es auch in der Hörfassung auf meinem Podcast: Auf meiner Seite bei „Maikes Podcast“).

Berlin Neukölln 2004. An meinem ersten Schultag in Neukölln sind noch keine Schüler*innen da. Nur das Kollegium. Es ist der Freitag vor Schulbeginn nach den Sommerferien 2004. Ich stehe in einem Lehrerzimmer, das mich sprachlos macht. Alles ist wahnsinnig eng und voll gerümpelt. Auf den Schränken stapelt sich verstaubtes, offensichtlich längst vergessenes Zeugs: Schulbücher, zusammengerollte Plakate, Kisten, Aktenordner… Alles zugedeckt unter einer feinen, grauen Staubschicht – diese Sachen hat seit Jahren niemand mehr angefasst. Auf den Fensterbänken vertrocknete Pflanzen, die schon bessere Tage gesehen haben, kleine Töpfchen mit grauem Gestrüpp. In der Ecke röchelt eine alte Kaffeemaschine, daneben eine Spüle voller dreckiger Kaffeetassen, mindestens 20 verschiedene Becher und Tassen mit braunen Flecken und Rändern, zu kippelnden Türmen gestapelt. An der Lehrerzimmertür – innen – eine gelbliche Liste mit Schülernamen und Terminen für Klassenkonferenzen – aus dem letzten Schuljahr. Der kleine Raum ist vollgestellt mit grauen Tischen und grauen Stühlen, die Tische sind ebenfalls komplett vollgerümpelt und jeder Stuhl besetzt. Ich stehe neben der Tür und überlege, wo ich mich hinsetzen soll. Als ich endlich einen freien Platz ausmache und zögernd darauf zusteuere, um meine Tasche dort abzulegen, vertritt mir ein älterer Kollege den Weg. 

Da sitzt Frau Schmidt.

Oh, ach so. 

Ich ziehe mich zur Tür zurück. Stehe da so rum. Schaue in die Runde. Alle scheinen sehr beschäftigt zu sein – und angespannt. Allgemeines hektisches Gemurmel. Ich frage mich, wo man eine rauchen kann und verlasse langsam und möglichst unsichtbar diesen Ort des Grauens. Draußen vor der Lehrerzimmertür studiere ich den Schaukasten. Da hängen Listen von den Bundesjugendspielen 2003 und ein paar Urkunden für die Fußballmannschaft. Ich mache mich auf die Suche nach dem Raucherzimmer. Unterwegs ein Toilettensymbol an der Tür. Vielleicht gehe ich erstmal kurz aufs Klo. Geht nicht. Die Tür ist abgeschlossen. Ich stehe ratlos auf dem Schulflur. 

Bist du neu hier? 

Eine jüngere Kollegin steht vor mir.

Ja, ich…

Hallo. Ich bin „die Sozialpädagogin“, sie grinst, als wäre das ein Witz. 

Und du fängst hier jetzt zum Sommer an? fragt sie.

Ja. Ich bin Maike. 

Aus Berlin?

Nee, aus Schleswig-Holstein. 

Oh. Und ist das deine erste Stelle hier?

Nein, ich bin schon 8 Jahre im Schuldienst.

Echt? Na, dann wird dich hier ja so schnell nichts erschüttern. Sie lacht und ich spüre eine kleine Anwandlung von Wärme. Ich bin froh, dass ich offenbar einen normalen Menschen in diesem Gebäude entdeckt habe. Einen Menschen, der mich anguckt und normal mit mir spricht. 

Sie: Wollen wir eine rauchen? 

Ich frage mich, ob sie Gedanken lesen kann und sage erleichtert: Ja, super.

Wir gehen schweigend nebeneinander den dunklen Schulflur entlang. Die Tusche-Bilder an den Wänden sehen so aus wie in meiner damaligen Grundschule in den 70-er Jahren in Glücksburg am Kegelberg. 

Die Toiletten sind noch abgeschlossen, höre ich mich zu meiner eigenen Überraschung sagen.

Die sind IMMER abgeschlossen, ich heiße übrigens Lena, sagt meine Begleiterin und schließt mit einem unverhältnismäßig großen, klirrenden Schlüsselbund eine Tür auf. 

Wie im Knast, denke ich. 

Wir betreten einen Raum, der so aussieht, als wäre er in einem hundertjährigen Dornröschen-Schlaf. Schrankwände voller alter Aktenordner und Schulbücher, Sprachbücher, Mathebücher, Englischbücher, abgewetzte Stapel von „Rokal, der Steinzeitjäger“, einer Lektüre, die ich noch aus meiner eigenen Schulzeit kenne. Ein paar – im Kontrast dazu – seltsam modern wirkende schneeweiße Whiteboards, gestapelt an der Wand und irgendwie unberührt, eingeschweißt in Plastikfolie. Hinten eine Sofaecke, die mich an unseren damaligen SV Raum erinnert, noch zu meinen Schulzeiten – wo die Oberstufen-Ökos immer saßen, heiße Milch mit Honig tranken und über Afghanistan diskutierten – in den 80-ern. 

Lena lässt sich auf das grüne, abgeranzte Sofa fallen. 

So. Sagt sie mit einem zufriedenem Lächeln und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen. 

Sie schaut auf. Auch eine?

Nee, ich hab selber, danke. Ich setze mich auf einen alten Sessel, der bei jeder kleinen Bewegung knarzende Geräusche macht.

Und? Warum bist du jetzt in Berlin? 

Private Gründe. 

Ich mache eine Pause und habe das Gefühl, das klingt irgendwie abweisend. Also füge ich hinzu: Ich wollte noch mal einen anderen Eindruck von Schule kriegen… und Berlin ist ja schon ne spannende Stadt… (Ich komme mir vor wie eine Landpomeranze. – Bin ich ja auch.)

Lena lacht schallend. Ok, mutig, Alter! – Also bist du freiwillig hier? Also ich meine – an dieser Schule?

Ich zünde meine Zigarette an, nehme einen Zug und sehe sie zum ersten Mal direkt an. 

Freiwillig? Ja, klar. Oder was meinst du…?

Naja, hier geht ja keiner freiwillig hin. Hauptschule Neukölln halt. Ist sozusagen der Vorhof zur Hölle. 

Ich atme etwas zu laut aus. 

Boah. Das ist doch voll das Klischee. Böses Neukölln, Kriminalität, Räuberpistolen… Also ich denke, das wird in den Medien auch immer übertrieben dargestellt, oder?

Lena wirft mir einen seltsam ironischen Blick zu. Ich finde, ein bisschen überheblich. Ich fühle mich blöd. Was will sie überhaupt? Sich wichtigmachen? Mir Angst machen? Ich lächle sie an, puste Rauch in die Luft und hoffe, dass ich nicht ganz so provinziell wirke. 

Naja. Sagt sie. Ehrlich gesagt… Ehrlich gesagt ist es schon krass, also… schwierig… Ich will dir jetzt nicht die Motivation nehmen – aber es ist schon…. heftig.

Ich merke, wie ich innerlich trotzig werde. 

Was meinst du denn? Sage ich etwas zu laut.

Sie zögert. Dann wirft sie mir einen kurzen Blick zu, zuckt mit den Schultern. Egal, sagt sie, vielleicht findest du es ja wirklich nicht so schlimm. Es hat auch alles Vorteile hier. Man kann machen, was man will. Hauptsache, es dringt nix nach draußen…

Das finde ich interessant. Diese Aussage habe ich fast wortwörtlich von der Neuköllner Schulrätin beim Einstellungs-Gespräch gehört. An einem der letzten Sommerferientage sitze ich in der Boddinstraße in Neukölln bei der zuständigen Schulrätin. Sie erzählt fröhlich von ihrer anstehenden Pensionierung und dass „sie noch einiges auf den Weg bringen möchte“. Offenbar möchte sie auch mich auf den Weg bringen, denn ich habe noch keine Stelle. 

In Schleswig-Holstein hatte ich gekündigt und meine Verbeamtung aufgegeben, weil ich keine Lust hatte auf das offizielle Verfahren, bei dem mein Wechsel in ein anderes Bundesland eventuell Jahre gedauert hätte. Ich hatte mich entschieden nach Berlin zu gehen – und zwar jetzt. Nicht in ein paar Jahren. Ich war mit meinem ganzen Krempel nach Berlin gezogen, hatte mich vorher persönlich an einer Reihe von Schulen beworben und gehofft, dass es irgendwie klappen würde. Im Verlaufe der Sommerferien musste ich feststellen, dass es offenbar nicht „irgendwie klappen“ würde. In Berlin war 2004 von einem Einstellungsstopp die Rede und ich fing an zu zweifeln, ob meine spontane Entscheidung richtig gewesen war. Neben der Wohnung in der Rosenthaler Straße, in die ich mit meinem Freund gezogen war, hing ein Schild im Laden eines Schuhgeschäfts: Verkäuferin gesucht. Ich ertappte mich hin und wieder bei dem Gedanken, dass ich mich vielleicht dort mal melden sollte…

Jetzt aber saß ich also im Büro der Schulrätin und hoffte, dass sich noch etwas ergeben würde. 

Frau Behrens wirkte auf mich wie eine typisch schnoddrige Berlinerin, die die Dinge beim Namen nennt. 

Sie: Ja, Frau Plath, ich hätte hier ne Stelle für Sie. Sie können gleich nächsten Montag anfangen, wenn Sie wollen.

Ich: Das ist ja toll.

Sie: Naja, das müssen Sie entscheiden. Ich hab hier nur was an ner Hauptschule, und da wollen ja viele nicht hin. Aber ich sehe hier in Ihren Akten, dass Sie ja in Schleswig-Holstein ne Menge bewegt haben und eine engagierte Lehrerin sind. Dann werden Sie es auch an einer Hauptschule schaffen, da bin ich mir sicher. Vor allem haben Sie ja die Fachqualifikation für Darstellendes Spiel und offenbar viel Erfahrung mit dem Theater. Das ist doch großartig. 

Ich: Gibt es an der Hauptschule denn überhaupt offiziellen Theaterunterricht? Ich dachte, das gibt es nur in der gymnasialen Oberstufe.

Sie: Da haben Sie recht. Das gibt es an der Hauptschule nicht. Aber ich bin jetzt mal ganz offen mit Ihnen: Das interessiert hier sowieso niemanden. An den Hauptschulen ist Untergang. Ende Gelände. Da können Sie machen, was Sie wollen. Da redet Ihnen keiner rein. Hauptsache, der Deckel bleibt drauf. 

Ich: Und was heißt das genau?

Sie: Das heißt, dass an den Hauptschulen hier sowieso kein normaler Unterricht mehr möglich ist. Wenn Sie da mit dem Theater kommen – und das irgendwie hinkriegen – dann sind alle froh. Was offiziell unterrichtet wird, ist völlig egal – Hauptsache, das läuft irgendwie ohne Drama ab. Minimalanforderung ist, dass die Polizei nicht kommt. 

Aha. Ich muss lachen. 

Sie: Ja, da lachen Sie jetzt. Aber ich verrate Ihnen mal was: Ich kriege hier reihenweise Suiziddrohungen von Lehrkräften, die da unterrichten sollen. Ich kann meine Stellen hier nicht besetzen, weil die dann mit dem Anwalt kommen. Da freu ich mich doch über eine Person wie Sie. Sie haben Ihre Verbeamtung aufgegeben, um herzukommen. Da steckt ja ordentlich Wums dahinter, das brauchen diese Kinder an der Hauptschule. Und ich bin mir sicher, Sie sind da richtig. Wenn Sie schlau sind, können Sie da richtig was draus machen. 

Sie zwinkert mir aus ihren tiefblau geschminkten Augen verschwörerisch zu. 

Ich: Ja, ich weiß nicht… Mit Hauptschülern habe ich keine Erfahrung. Und ich komme ziemlich aus der Provinz, also vielleicht…

Sie: Ach, das ist doch alles Quatsch. Sie sind ne patente Person. Sowas kann ich riechen. Ich sitz hier schon ne Weile, glauben Sie mir, ich habe Erfahrung. Sie werden mir noch danken, dass ich Sie dahin geschickt habe. Und wenn Sie Probleme kriegen: Sie können sich jederzeit bei mir melden. Ich werde die Hand über Sie halten, da können Sie sich drauf verlassen….

Frau Behrens hielt ihr Versprechen. Sie „hielt ihre Hand über mich“ – allerdings nur drei Jahre. Dann wurde sie pensioniert. Und nach dem „das alte Schlachtschiff mit den blau geschminkten Augen“ nicht mehr in der Boddinstraße saß, brachen andere Zeiten an. Ganz andere Zeiten.

Lena drückt ihre Zigarette aus und seufzt. 

Na, dann wolln wir mal, sagt sie, lächelt halb aufmunternd, halb mitfühlend und wir machen uns auf den Weg zurück ins Lehrerzimmer. 

Mit ihr an der Seite ist es etwas einfacher und ich stehe nicht mehr ganz so verlassen im Türrahmen – wie bestellt und nicht abgeholt. Aber an der Tür stehe ich trotzdem noch eine ganze Weile, bis Lena einige Kolleginnen überredet hat, mir einen Platz zu frei zu machen. Etwas umständlich und begleitet von leicht genervtem Gemurmel werden einige Stühle gerückt und Taschen und Ordner beiseitegeschoben. Ich bekomme einen Platz, obwohl „der nur vorläufig ist“, erklärt mir ein älterer Kollege in grimmigem Ton: Da sitzt eigentlich Frau Wehmeier – aber die ist langzeit-krankgemeldet. Wer weiß, ob die überhaupt wiederkommt. Aber wenn, dann müssen Sie da wieder weg.

Aha. Ich frage mich, ob sich hier alle siezen – oder ob das Ironie ist. So eine Art Theaterstück, dass die hier für mich aufführen. So wirkt es jedenfalls. 

In den ersten Tagen fahre ich von Berlin Mitte aus mit dem Fahrrad zur Schule. Es ist ein weiter Weg, aber ich habe den Ehrgeiz, die Stadt kennen zu lernen und freue mich tatsächlich darüber, dass es sich anfühlt, als würde man durch einen Spielfilm fahren. Alexanderplatz, Fernsehturm, Haus des Lehrers, Moritzplatz, Kreuzberg, Kottbusser Tor, Hermannplatz – alles Orte, die ich gefühlt schon kenne. Aus „Film und Fernsehen“, sagt man ja so schön. Super. Und hier wohne ich jetzt also. Mitten in einer Touri-Postkarte. 

Am vierten Tag regnet es in Strömen und ich trage mein Fahrrad runter in die U-Bahn. Ich ziehe ein Ticket und sitze mit meinem Fahrrad in der U8. Fahrscheinkontrolle. Ein Typ steht vor mir. Ausdrucksloses Gesicht. Ich fingere meinen Fahrschein aus dem Portemonnaie. Er starrt ungerührt darauf. Wartet. 

Ja, dit Fahrrad?

Wie bitte? Mein Fahrrad?

Ja, dit is Ihr Fahrrad, nehm ick ma an.

Ja…

Ja, und wo is der Fahrschein?

Sie haben den doch in der Hand.

Nee, dit is für Sie. Ick brooch den Fahrschein für dit Fahrrad.

Oh, das wusste ich nicht, ich habe gedacht….

Er unterbricht mit Automatenstimme: 40 Euro. Und fängt an, etwas in sein Gerät zu tippen. 

Ich bin fassungslos.

Aber woher soll ich wissen, dass ich auch noch…

40 Euro.

Entschuldigen Sie mal, ich bin erst seit ein paar Wochen hier, woher soll ich wissen…

40 Euro. Er scheint sprachlich bei diesen 40 Euro eingerastet zu sein in einer Art Dauer-Loop.

Er tippt mit ausdrucksloser Miene in sein Gerät. 

Dann endlich ein neuer Satz:

Dann komm Se mal mit raus hier. 

Wir sind am Kottbusser Tor. Ich stehe auf und schiebe mein Fahrrad hinter ihm aus der Bahn. Die Türen schließen. Ich stehe vor diesem bewegungslosen Kontrolleursgesicht, die U8 rattert ohne mich weiter nach Neukölln und ich versuche erneut, zu erklären, wie ich das Ganze sehe. Aber der Automaten-Typ bleibt ungerührt. 40 Euro. Mehr kann er offenbar nicht an Kommunikation. Da ich nur 10 Euro dabeihabe, braucht er jetzt meinen Personalausweis. Ich übe mich in einer buddistischen Grundhaltung und denke: Dit is Berlin, wa? 

Wenig später sitze ich in der nächsten U8 und studiere den Wisch, den ich bekommen habe. Innerhalb von 7 Tagen kann ich bei der BVG Dienststelle am Kleistpark Widerspruch einlegen bzw. nachweisen, dass ich doch ein Ticket hatte. Da ich – fürs Fahrrad – keins hatte, wird es wohl bei den 40 Euro bleiben. Scheiße. Egal. Lehrgeld.

Außerdem sind meine Gedanken ohnehin woanders. Ich habe heute meinen ersten eigenen Unterricht. Da der Stundenplan noch nicht fertig ist, hatten die Schüler*innen die ersten Tage Klassenlehrer-Unterricht. Ich habe keine Klasse. Daher saß ich bisher erstmal nur so rum, auf „meinem“ Platz im Lehrerzimmer neben der röchelnden Kaffeemaschine, und versuchte zu begreifen, wo ich gelandet war. Heute aber ist es soweit. Eine 8. Klasse. Musik. Laut vorläufigem Stundenplan habe ich alle vier 8. Klassen in Musik. Naiv wie ich bin, freue ich mich anfangs noch darüber und denke: Wie nett, dass sie mich gleich da einsetzen, wo meine Stärken sind. Theater gibt’s ja nicht, aber in Musik darf ich bestimmt Theater machen… so, wie an meiner Vorgänger-Schule… 

Als ich mit meiner Tasche die Stufen zum ersten Stock hochsteige, höre ich das Gegröle schon von weitem. Ich frage mich auch in einer Anwandlung von Geistesblitz, wie ich Musikunterricht in einem Klassenraum geben soll – ohne Instrumente, ohne Musikanlage, ohne irgendwas. 

Wir haben keinen Musikraum mehr, hier will sowieso seit Jahren keiner mehr Musik unterrichten. Aber Ihnen wird schon was einfallen, hieß es. 

Na dann.

Ich betrete den Klassenraum. Ohrenbetäubender Lärm. Ich gehe zum Pult. Stelle meine Tasche auf den Tisch. Warte erstmal ab. Das hat „man“ ja so gelernt. Warten, bis es von selbst leise wird. Aber: Nichts wird von selbst leise. Im Gegenteil. Es wird immer lauter. Ob ich jetzt hier stehe, oder in China fällt der sagenhafte Sack Reis um… schon klar… Ich probiere, streng und selbstbewusst geradeaus zu gucken. 

Ey du Hurensohn, isch ficke diese Schule, wallah! Jemand kracht mit seinem Stuhl zu Boden, Gelächter, Stifte fliegen durch den Raum, mehrere Jungs springen wortwörtlich über Tisch und Bänke, kleine Verfolgungsjagd. Die Mädchen sitzen hinten in einer Traube auf den Tischen, eine lackiert ihre Fingernägel, zwei andere tippen in ihre Handys, zeigen sich kitschige, knallbunte Hochzeits-Fotos in großen Briefumschlägen, ey, voll schööön, schüüüüsch… Ey zeig mal – hast du Fotos von Libanon, sieht voll schön aus, wallah.

Es ist völlig uninteressant, dass ich hier bin. Ich könnte genauso gut wieder gehen. Ich stehe da vorne und warte. Auf was eigentlich? Nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wahrheit wahrscheinlich 10 Minuten sind, beschließe ich die Kontaktaufnahme. 

Da meine Kommunikationsmöglichkeiten vom Pult aus offenbar begrenzt sind, bewege ich mich hinein in das Gewusel, gehe langsam von Tisch zu Tisch, nehme Blickkontakt zu einzelnen auf. Einige schauen sofort weg, andere starren mich herausfordernd an, als müsste irgendwas ausgefochten werden, wieder andere lächeln vorsichtig und wenden sich dann schnell ab. Plötzlich ruft jemand von ganz hinten: Wie heißen Sie? Ich rufe zurück: Frau Plath. Daraufhin wenden sich einige Jungs, die hinten mit einer Rangelei beschäftigt waren, mir zu und grinsen. „Können Sie mal kommen, Frau Plath?“ Ich nicke lächelnd und gehe auf die kleine Gruppe zu. Kaum dort angekommen, bombadieren mich die Jungs mit Fragen: Wie alt sind Sie? Sind Sie jetzt unsere neue Musiklehrerin? Haben Sie einen Freund? Wo wohnen Sie? Dürfen wir Musik hören? … Ich versuche, so gut es geht, dem Ansturm an Fragen gerecht zu werden. Als ich gerade ansetze, um sie nach ihrer Musik zu befragen, schreit vorne am Pult jemand „Frau Plath!“ Ich drehe mich um. Irgendetwas ist anders. Nicht gut. Ich gehe zögernd ein paar Schritte in Richtung Pult. Dann sehe ich es: Meine Tasche liegt – offenbar ausgeräumt – am Boden. Mir wird heiß im Gesicht und mein Puls geht schneller. Ich hebe die Tasche auf – sie ist tatsächlich leer. Fragend schaue ich in den Raum, niemand schaut mich an, alle sind wieder mit ihren Privatangelegenheiten beschäftigt. Als wäre ich nie hier gewesen. Ein extrem hübscher Junge mit riesigen dunklen Augen starrt mich eiskalt und völlig ungerührt an. Mir fällt das Wort grausam ein. Da er der einzige ist, der mich anschaut, frage ich mit einer Stimme, die mir selbst schon zu piepsig vorkommt: Weißt du, wo meine Sachen sind…? Da springt der Junge unvermittelt auf, so dass sein Stuhl nach hinten kracht, ich stoße mich vor Schreck hinter mir an der Tafel, irgendwas fällt mit Riesen-Geschepper hinter mir auf den Boden, (später sehe ich: Ein riesiges Plastik-Geodreieck), der Junge steht mit hochgerecktem Kopf und ausgestrecktem Arm Millimeter vor meinem Gesicht und brüllt mich an: Ey WOSSSSSS?!?! Was hab isch mit deiner VERFICKTEN Tasche zu tun, du Opferlehrerin, du! Krieg isch jetzt Klassenkonferenz oder was, EY DU HUUURE, verpiss disch ma, ey wallah, Alter, wie sie aussieht!! – Ja, guck ma nisch so hässlisch!! 

Ich merke, dass meine Arme plötzlich vorne sind und den Jungen abzuwehren versuchen, der mich ununterbrochen weiter anschreit. Meine Hand kommt irgendwie mit seinem Arm in Berührung, ich weiß gar nicht wie, da schubst er mich mit voller Wucht nach hinten. 

Ey FASS misch nisch an, du Opfer!! 

Ich knalle an die Tafel, der Junge wendet sich abrupt ab, schmeißt einen Stuhl, der ihm im Weg steht, gegen die Wand und stürmt aus dem Raum. Ich rappel mich hoch, versuche irgendwie gefasst auszusehen, schaue in die Gesichter vor mir – und merke, wie alle Energie aus meinen Gliedern weicht. Ich blicke in seltsam kalte, zufriedene Augen… Stille. Plötzlich schauen mich alle an. Und es ist so, als hätte jemand auf „Pause“ gedrückt. Aber keine gute Pause. Still und zufrieden und kalt starren sie mich an. Sie genießen es, denke ich. Da ist kein Lächeln mehr, kein Mitleid, nein – sie GENIEßEN diesen Moment, sie FREUEN sich, dass ich hilflos bin. Mir wird flau im Magen, ich friere, mein Herz rast. Ich muss hier raus, denke ich, nehme meine Tasche und finde irgendwie den Weg zur Tür. Als ich draußen auf dem Schulflur stehe, höre ich ihr brüllendes Gelächter… Irgendwie finde ich den Weg zum Klo. Abgeschlossen. Ach ja. Unter Tränen versuche ich meinen Schlüssel zu finden, aber den haben sie mir wahrscheinlich auch geklaut, ach nee, er ist in meiner Hosentasche, Gottseidank, ich fummel mit zitternden Händen am Schlüsselbund herum, endlich geht die Tür auf, ich stürze in eine Kabine, lasse mich auf den Klodeckel fallen – und heule. 

Erster Tag…denke ich.