Türwächter*innen der Freiheit – Zweites Kapitel

Die Ruhe vor dem Sturm

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig. (Alle Kapitel gibt es auch in der Hörfassung auf meinem Podcast: Auf meiner Seite bei „Maikes Podcast“).

Hamburg 1998. Nach dem Referendariat folgten dann die tatsächlichen Lehrjahre an einer musisch orientierten Gesamtschule in einer kleinen beschaulichen Stadt in Schleswig-Holstein nahe Hamburg. 

An einem heißen Sommertag, kurz vor den Sommerferien, betrat ich zum ersten Mal meine neue Schule, an der ich eine volle Stelle bekommen hatte. Integrierte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe und musischem Schwerpunkt. Na denn. Dachte ich. Integrierte Gesamtschule. Das war ein Wort, das bei mir gemischte Gefühle auslöste. Meine Eltern hatten die Haltung: Da lernt man nix. Die klugen Kinder gehen aufs Gymnasium. Und die Kollegen an meiner Ausbildungsschule hatten beim Thema Gesamtschule immer entsetzt abgewunken: Da arbeitet man sich tot. Da hast du nach zwei Jahren spätestens einen Burnout! Allerdings hatten mir die Leute dasselbe prophezeit, als ich im Referendariat – zusätzlich zu meinem alltäglichen Pensum – das überdimensionierte Theaterprojekt durchgezogen hatte, und ich wusste: Es ist nicht die Quantität der Arbeit, die gefährlich ist…

Das Gebäude sah genauso aus, wie ich mir eine Gesamtschule vorstellte: Neubau, riesengroß, bunte Fensterrahmen und Geländer, der Schulhof so ein bisschen Abenteuerspielplatz-mäßig, alles in allem das Gegenteil von dem herrschaftlichen Gymnasium, das ich selbst als Schülerin besucht hatte. Im Sekretariat begrüßte mich eine junge, irgendwie zackig wirkende, blonde Dame mit einer schicken roten Brille in burschikosem Ton: Ach, hallo! Du bist bestimmt Maike, na, dann komm mal rein, willste nen Kaffee? Ich nickte etwas diffus und fragte mich, wie ich das finden sollte, dass die Sekretärin mich gleich duzte. In etwas lächerlich reserviertem Ton erkundigte ich mich nach dem Schulleiter, mit dem ich ja eigentlich verabredet war. „Ach, der Dieter, der sitzt gerade in einem Käfig“, erklärte mir die gutgelaunte Frau, während sie sich an einer zischenden und metallisch blitzenden Kaffeemaschine zu schaffen machte. Ich verstand nur Bahnhof und sah wahrscheinlich auch so aus. Sie lachte. „Ja, die Schüler haben den eingesperrt, heute ist ja Abi-Streich…“. Ich wusste darauf nichts zu antworten, vor allem, weil ich mich gerade selbst nicht mochte: Ich war irgendwie latent beleidigt, aber warum eigentlich? Weil ich einen Termin mit dem Schulleiter hatte und er sich offenbar gegen seine eigenen Schüler nicht durchsetzen konnte und sich in einen Käfig einsperren ließ? Oder weil mir dieses Geduze und dieses „der Dieter“ auf den Zeiger ging? Wo war ich hier gelandet? Konnte man das alles hier ernst nehmen oder war ich in einer „Pippi-Langstrumpf-Schule“ gelandet? Und wenn ja, warum war ich darüber jetzt eigentlich so bescheuert verstimmt? Während ich darüber nachgrübelte, stellte mir die Sekretärin einen dampfenden Kaffee vor die Nase. Milch? Ich nickte. Zu meinem Erstaunen goss sie mir aus einer glänzenden kleinen Kanne frischen, warmen Milchschaum in die Tasse. Der Kaffee schmeckte erstaunlich gut. So gut, dass ich für einen Moment meine alberne schlechte Laune vergaß. „Ich bin übrigens Mareike“, sagte die Frau, die ich immer weniger als „Sekretärin“ wahrnahm, sondern eher als „ältere Schwester“. Auch darüber war ich verwirrt. Kam das jetzt, weil sie Mareike hieß und kaum älter wirkte, als ich? Oder weil sie auf mich hier in diesem – wie ich zugeben musste ziemlich gemütlichem Raum – wirkte wie in ihrem eigenen Wohnzimmer bzw. wie in einer heimeligen WG Küche? Ich nahm das alles wahr und wunderte mich, warum ich das nicht einfach genießen konnte. Irgendetwas in mir sträubte sich und produzierte diese leichte „Pikiertheit“ und Unsicherheit, die ich aber selber doof fand. Warum bin ich so scheiße unlocker, dachte ich und trank meinen leckeren Kaffee. Wo hat es in einer SCHULE jemals so einen leckeren Kaffee gegeben? Ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte, während Mareike mir gutgelaunt irgendwelche Sachen erklärte, die ich unkonzentriert aufnahm und sofort wieder vergaß. Und dann kam Dieter. 

Er stand im Türrahmen, strahlte mich an, als hätte er den ganzen Tag nur auf mich gewartet und rief: „Na, da ist sie ja! Das ist ja eine Freude! Hast du gut hergefunden? Wie schön, dass wir uns jetzt endlich persönlich kennen lernen, ich habe ja schon viel von dir gehört…“, er wandte sich an Mareike: „Und? Hast du ihr schon unsere Theaterräume gezeigt? Und unsere neue Mediathek?“ Er strahlte, als sei das seine ganz persönliche Weihnachtsbescherung. Mareike schüttelte den Kopf, „Nee, ich dachte, wir lassen es erstmal ganz gemütlich angehen und trinken einen Kaffee und außerdem machst du das doch so gerne, Dieter…!“ Sie lachte und Dieter schien sich zu freuen. „Ja, das ist großartig, dann machen wir das jetzt!  Dann komm mal mit, Maike. – Und ja, ach so: Ich bin der Dieter. Wir duzen uns hier alle, ist einfacher…“. Und so trank ich den letzten Rest Milchschaum aus meiner Tasse und folgte dann Dieter durch seine Schule… Und stellte fest: In der Tat. Eine Pippi-Langstrumpf-Schule. Aber ich fand es plötzlich gar nicht mehr ganz so doof. 

Dieters Schule war in jeder Hinsicht der Gegenentwurf zu meinem bisherigen Bild von Schule und überhaupt eigentlich der Gegenentwurf zu meiner gesamten bisherigen Sozialisation. Es gab 10 Theaterlehrer*innen und 8 Musiklehrer*innen an seiner Schule. Die Musikräume waren die schönsten Räume der Schule und mit allem ausgestattet, was ich mir beim Thema Musik hätte vorstellen können. Keyboards, Gitarren, Schlagzeug, Tonmischpulte, Ukulelen, Trommeln, Klaviere, Mikros, Kabeltrommeln, Blas- und Streichinstrumente,…es war unfassbar. Die Klassenräume sahen aus wie Wohnzimmer. Voller Pflanzen, Sitzecken, Bücherregalen, Bildern, Blumen, … Die Schülersprecherin der Schule war eine Hippie-Schönheit, wie sie eigentlich nur in Filmen vorkommt und organisierte ununterbrochen Aktionen zu den Themen Umwelt, Tierschutz und demokratischer Schüler-Beteiligung, es gab ständig kleine Aufführungen, gemeinsame Ideen-Sitzungen, Konzerte, Chor- und Bandproben, etc. Die Jugendlichen wirkten erwachsener und reflektierter, als ich es je gewesen war und gleichzeitig unglaublich offen und „gechillt“. Wenn ich anfangs in die Oberstufenkurse ging, in denen ich Deutsch unterrichtete, fühlte ich mich seltsam unterlegen und unsicher und zu jung für meinen Job und ich spürte den eindeutigen Wunsch, diesen strahlenden, jungen Menschen zu gefallen. Das merkten diese aufgeklärten Wesen offenbar sofort und statt sich über mich lustig zu machen oder die Rolle der „Lehrerin“ einzufordern, die sich „gefälligst mal durchsetzen sollte“, brachten sie mir eine Ernsthaftigkeit und Sympathie entgegen, die mich sprachlos machte. Es war, wie in ein großes samtweiches Wattetuch fallen. Innerhalb weniger Wochen fand ich mich mit ihnen in Diskussionen zur Weltlage wieder, ständig planten, dachten, organsierten wir Dinge, der Unterricht wirkte wie ein Sit-In zu den wichtigen Themen der Welt. Lehrkräfte, die von den Jugendlichen als „noch etwas verklemmt und/oder schüchtern“ empfunden wurden, lernten ihre Schüler*innen als geduldige und freundliche Unterstützer kennen, die ihnen liebevoll dabei halfen, „aufzutauen“ und „mehr zu sich zu stehen“, „mutiger und ehrlicher zu werden“. Es war fast zum Lachen. Ich hatte das Gefühl, mehr von den Schüler*innen zu lernen, als umgekehrt. 

Was mich vor allem zutiefst erstaunte, war diese allumfassende fürsorgliche Haltung. Ich war es gewöhnt, dass immer irgendwer über irgendjemand anderen schimpfte, bzw. die Mängel einer anderen Person in den Vordergrund stellte. Hier aber schien es um Mängel nicht zu gehen. Wie jemand war, das war grundsätzlich erstmal anerkannt. Es gab nicht diesen doppelten Boden: Nach außen bin ich ganz freundlich zu dir, aber in Wahrheit halte ich dich natürlich für einen Freak. Nein. Hier war die Freundlichkeit einfach das Ergebnis von echter Neugier und Gelassenheit. Es gab so eine zufriedene Grundstimmung und den Willen, andere Leute gut zu finden, egal, wie ANDERS sie waren. Lästern war einfach nicht en vogue. Ich fragte mich ununterbrochen, was bei mir anders gelaufen wäre, wenn ich an SO einer Schule gewesen wäre.  

Und bei den Kleinen erlebte ich eine Begeisterung, über die ich ebenfalls fast lachen musste. Ich empfand Lust, Stunden vorzubereiten, die sie spannend fanden und dachte mir ständig neue Sachen aus. Es schien allseits erwünscht zu sein, möglichst wenig „klassischen Unterricht“ abzuliefern. Lieber in den Wald gehen, oder ein Theaterstück proben, oder auf dem Schulhof eine Aktion starten. Im Klassenraum zu sitzen und Arbeitsbögen auszufüllen schien eher suspekt, da war jemand offenbar zu faul, um sich kreative Gedanken zu machen. Nicht alle Lehrpersonen im Kollegium fanden das gut. Aber diejenigen, die es gut fanden, waren im Schulleitungsteam. Sie hatten gemeinsam mit Dieter diese Schule gegründet. Insofern fühlte ich mich sicher in meiner Freude, zum „Horizont zu galoppieren“, alles Mögliche ausprobieren zu dürfen. Nach ungefähr einem Jahr stellte ich überrascht fest, dass ich glücklich war. Dieter vertrat die These, dass „Umwege die Ortskenntnis erhöhen“ und dass daher „Fehler“ eine wichtige Quelle für neue Erkenntnisse darstellten. Es gab also quasi kein Scheitern. Nur immer wieder Neues probieren, in endlosen Teamsitzungen neue Pläne schmieden, durchgeführte Wochenpläne und Projekte auswerten und Neues planen und durch all das immer neue Erfahrungen sammeln. Ich arbeitete rund um die Uhr. Morgens um 7.30 Uhr war ich in der Schule. Abends um 20 Uhr wieder zu Hause – wenn nicht irgendwelche Abendveranstaltungen stattfanden, was auch häufig passierte, dann kam ich erst spät nachts nach Hause. Es gab ausreichend viele Kollegen*innen, denen ich mich so nahe fühlte, dass es sich wie Freundschaft anfühlte, so dass ich gar kein Bedürfnis danach hatte, meine Arbeitszeit von meiner privaten Freizeit zu trennen. Nix mit Work-Life-Balance. Work und Life war irgendwie dasselbe. Und schön! 

Dieter stellte mich in regelmäßigen Abständen vor neue Herausforderungen und „schickte“ mich zu zahlreichen Fortbildungen. In den Jahren in „Bullerbü“, wie ich diese Phase rückblickend bezeichne, ermutigte mich Dieter auch zu der zeitintensiven Weiterbildung für das Fach „Darstellendes Spiel“ und so erwarb ich nach zwei Jahren berufsbegleitender Weiterbildung und zahlreichen Wochenend-Lehrveranstaltungen auf Schloss Salzau meine Fachqualifikation für „Darstellendes Spiel“ in der Oberstufe, so dass ich nun quasi auch „offiziell“ Theaterlehrerin wurde. 

Es ist schwer für mich, diese sechs Jahre meines Lebens zu beschreiben, denn sie erscheinen mir rückblickend wie ein Traum. Vor dem Hintergrund, was danach passierte, erscheint mir alles wie eine heile und daher unwirkliche Welt. Dabei weiß ich, dass es natürlich auch an der Bullerbü-Schule hin und wieder Konflikte gab und Phasen, in denen ich dachte: Wie blöd ist diese Kollegin Sowieso, dass sie hinter meinem Rücken über mich lästert oder sich über mein neues Projekt aufregt und meine Arbeit boykottiert. Oder diese Eltern, die mir beim Elternsprechtag die Hölle heiß machen und alles besser wissen. Ich weiß, dass es manchmal solche Verstimmungen gab, und ich sie teilweise als Drama empfand, aber alles löste sich nach kurzer Zeit auf und war dann immer gar nicht so bedeutsam wie gedacht und im Großen und Ganzen war ich an einer Schule gelandet, an der Einigkeit darüber bestand, wie guter Unterricht und wertschätzende Pädagogik funktioniert. Das Kollegium verstand sich als eine Gemeinschaft, es wurde oft zusammengesessen, beim Bierchen geplaudert und gegrillt und sogar richtig krass zusammen gefeiert – getanzt und gesoffen bis in die frühen Morgenstunden. Ich hatte ein Zuhause gefunden. 

Vor allem aber weiß ich, dass sich in dieser Zeit eine Art Umbau meines Gehirns vollzogen hat: Aus der konservativen „Perlenschlampe“, die anfangs noch pikiert und skeptisch gegenüber dem lockeren Arbeits-Du und den projektorientierten Unterrichtsmethoden eingestellt gewesen war, wurde die Persönlichkeit frei gelegt, die offenbar darunter geschlummert hatte. Eben jene Person, die im Referendariat mal kurz aufgewacht war und sich mit einem verrückten Theaterprojekt aus den Zwängen des Gehorsams befreit hatte, diese Erfahrung aber noch nicht als Erfolg zu werten wagte. Tatsächlich verschwieg ich diese Episode meines Lebens über zehn Jahre lang, weil es mir peinlich war, dass ich ohne jegliche Kenntnis der Theaterpädagogik eine ganze Schule mit diesem Theaterprojekt aufgescheucht hatte. Erst viel später konnte ich mir diesen Abschnitt meines Lebens wieder als eine Erfolgsgeschichte zurückholen und für mich würdigen. Denn: Damals war ich noch zu sehr darauf aus, alles „richtig“ zu machen. Und es war – LOGISCH! –  „nicht richtig“, autodidaktisch ein Theaterstück mit allen Schüler*innen der Schule zu machen! Wie peinlich war DAS denn?? 

Ich wollte möglichst schnell Neues lernen, Neues kennen lernen, einen möglichst großen Abstand herstellen zu der naiven Maike, die ich im Referendariat gewesen war. Bzw. davor. Ich konnte nicht mehr nachvollziehen, wie ich das auf angebliche Leistung abzielende Gymnasium für den besten Schultyp hatte halten können. Diese Fixierung auf Wissensvermittlung, Abfragen von Wissen in Tests und Prüfungen und die wie in Stein gemeißelte Rollenverteilung Lehrer-Schüler erschien mir jetzt wie ein Schwarz-Weiß-Film aus den 50-er Jahren. Im Grunde so Feuerzangenbowle-mäßig. 

In Bullerbü dagegen lernte ich, was in Wahrheit alles möglich war, und dass der Lehrerberuf eventuell DOCH der spannendste Job der Welt war. Möglichkeiten, jeden Tag auf neue Erkenntnisse zu stoßen, gab es plötzlich im absoluten Überfluss. Dieter wurde für mich Vorbild in der Art und Weise, wie er seine Überzeugungen lebte. Er hatte in einer konservativ geprägten Kleinstadt eine eigene Schule gegründet, die Jahr um Jahr immer wieder aufs Neue bewies, dass nicht äußere Benotung und Leistungsdruck der Schlüssel zu erfolgreichen Bildungsbiografien sind, sondern eine gleichwürdige Pädagogik, die den individuellen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Das klang für mich bis dahin immer nur wie eine wichtigtuerische Worthülse. In „Bullerbü“ konnte ich Tag für Tag den Sinn dahinter erfahren und hautnah erleben, warum das tatsächlich so sein kann und vor allem: wie es funktioniert. 

So hätte diese Geschichte in „Bullerbü“ eigentlich mit einem Happy End und dem Satz: Und wenn sie nicht gestorben ist, dann unterrichtet sie noch heute – zu Ende sein können. Aber offenbar war es noch nicht Zeit für das Happy End. 

Denn wie ist es vor diesem Hintergrund zu erklären, dass ich trotz dieser idealen Bedingungen nach einigen Jahren diese bleiernde Schwere empfand, eine leicht depressive Grundstimmung, so ein Gefühl: Ist mein Leben jetzt „fertig“? Die Tage waren ausgefüllt, alles lief wie geschmiert, alles war schön geordnet – wie „es sein sollte“. Es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis ich heiratete, eine Familie gründete, irgendwo eine Reihenhaushälfte mit kleinem Gartengrundstück kaufte und dann endlich „richtig erwachsen wurde“. Wenn ich durch die Fußgängerzone der beschaulichen Kleinstadt schlenderte, kam in mir die Angst hoch, dass jetzt alles immer so bleiben würde. Und andererseits fand ich mich kindisch mit dieser Sorge. Du musst jetzt endlich mal erwachsen werden, Maike, dachte ich, du kannst nicht immer weiter so einen auf „Studentin“ und WG und Party machen und dir alles offenhalten, du bist ja nicht mehr 20! 

Ich versuchte also krampfhaft, „erwachsen zu sein“, stellte mir vor, wie schön es ja auch sein könnte, in diesem Ort ein Leben lang zu bleiben, mit Freunden abends ein Bier im Garten zu trinken, zu grillen, über die Einrichtung der Reihenhaushälfte und die Angebote bei Aldi nachzudenken und einfach ein „ganz normales, gemütliches Leben zu führen“. 

Ja. Irgendetwas machte in mir drin nicht mit. Das merkte ich spätestens an einem Sommerabend, an dem ich alleine mit meinen zwei Einkaufsbeuteln nach Hause ging und plötzlich diesen Gedanken hatte, wie unglaublich gerne ich jetzt ein rohes Ei gegen diesen blitzsauberen Klinkerbau mit Kleingartenanlage werfen würde. Und das Schlimme war: Es blieb nicht bei diesem Gedanken… Ich warf das Ei. Und es machte bei der Landung ein sehr zufriedenstellendes Geräusch.  

Irgendwie war damit der „Damm gebrochen“ – so wie man irgendwann den ersten Kaffee trinkt, der noch nicht schmeckt, aber mit jeder weiteren Tasse dann immer besser. Ich begann die Innenstadt von „Bullerbü“ unter dem Aspekt zu betrachten, wo es am meisten Spaß machen würde, ein rohes Ei abzuwerfen. Ich fand tatsächlich, dass das Gesamtbild durch so einen schönen, runter glibbernden Eidotter erheblich aufgewertet wurde. Es gab tausend Orte, wo so ein Ei eine wunderbare Wirkung entfaltete. Bald warf ich – ohne Scheiß – täglich mehrere rohe Eier ab: Überall adelte ich diese hübschen, beschaulichen Kleinstadt-. Idyllen mit einem durchdachten, sorgfältigen kleinen Eierwurf. Es war wunderbar. 

Wobei. Meine Kompetenz, mich selbst von außen zu betrachten, war noch existent und so war ich in der Lage, zu bemerken, dass diese Eierwurf-Tätigkeit eventuell auf ein verdrängtes Problem schließen ließ. Vielleicht war ich einfach noch nicht bereit für die Reihenhaushälfte und ein gemütliches Leben?  

Und als ich diesen Gedanken endlich zuließ, brach der Zweifel mit aller Kraft an die Oberfläche: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein…? Ich bin 32 Jahre alt und scheinbar „angekommen“. In meinem Element. Alles gut. Alles toll. Alles ZU gut? Und werde ich jetzt einfach mein Leben lang so weitermachen? Kleinstadt, nette Kinder, nette Eltern, Klassenlehrerin, ein, zwei Theaterstücke im Jahr, im Sommer Abschlussprüfungen und eine Klassenfahrt, und dann Urlaub an der Ostsee? Bei dieser Vorstellung wollte ich sofort 10 Eier irgendwo hinwerfen. 

Wenn man wie ich aus Schleswig-Holstein kommt und in der nächsten großen Stadt – Hamburg – bereits gelebt hat, wie ich – dann scheint Berlin irgendwie die naheliegende Option zu sein. Einige Freunde und meine Brüder waren auch schon da. Und na klar: Berlin war der größtmögliche Gegenentwurf zur Kleinstadtsiedlung, die mich so beklommen machte.

So logisch mein Entschluss mir vorkam, so sehr verstörte er mein Umfeld. „Bist du völlig bekloppt? Was soll DAS denn jetzt?“. Die meisten Menschen in meinem Umfeld reagierten verstimmt. „Das wirst du bereuen!“ war die allgemeine Prophezeiung. „Das ist ein Riesenfehler, Berlin ist so ein hipper Sehnsuchtsort, wo alle was rein projizieren, aber in Wahrheit ist diese Stadt ein Riesendrecksloch und ein hartes Pflaster, da gehst du doch unter“. Solche Sätze kamen. Und auch so ein bisschen dieses Beleidigte: Wie kannst du jetzt einfach weggehen, wo Dieter so viel in dich investiert hat? In der Tat. Das war der einzige Mensch, vor dessen Reaktion ich mich wirklich fürchtete. Denn es stimmte: Dieter hatte jahrelang in „mich investiert“, wenn man es denn so definieren will. Ständig hatte er mich beurlaubt, damit ich mich fortbilden konnte. Und jetzt, wo diese „Investition“ hätte Früchte tragen können, an seiner Schule, verließ ich den Laden. Undankbares Pack. 

Doch der einzige Mensch, der NICHT verstimmt reagierte, war – Dieter. „Tja, Reisende soll man nicht aufhalten“, war sein unbeirrt gutgelaunter Kommentar. Und: „Ich habe mir sowieso gedacht, dass du früher oder später das Weite suchst. Du brauchst noch mehr Herausforderungen. Das ist mir ganz klar. Deswegen hab ich mir die ganze Zeit schon gedacht: Lass sie noch mal ordentlich was mitnehmen, bevor sie dann irgendwann geht. Der Rucksack, mit dem du uns verlässt, der soll möglichst voll sein. Ja. Das hab ich IMMER gedacht bei dir. Und Berlin. Das ist genau die richtige Stadt für dich, glaub ich. Ich freu mich über deinen Schritt. Da wirst du noch ganz viel lernen. Ich sag dir nur eins noch – wenn du willst – was ich dir jetzt so auf den Weg geben würde…“ Fragender Blick. Ich nicke. Dieter grinst und sagt: „Du musst dein Konfliktpotential stärken, Maike. Du bist noch zu lieb. Aber ich habe keine Zweifel, dass dir das in Berlin gelingen wird. Mein Rat vom alten Dieter“. 

Prophetischer Ratschlag, wie sich herausstellen wird…   

Und also entscheide ich mich ein zweites Mal „bekloppt“ zu sein, nehme tränenreichen Abschied und gehe nach Berlin. Nicht ohne zuvor meine Verbeamtung aufzugeben, da ich ansonsten eventuell jahrelang hätte warten müssen, bis jemand anders mit mir getauscht hätte. Ich wusste damals nicht, was ich „in ein paar Jahren wollen würde“. Aber JETZT wollte ich nach Berlin. Und „JETZT“ war im Rahmen einer Lebenszeitverbeamtung nicht möglich. Also versuchte ich, mich von diesem goldenen Käfig, der sowieso so viel Ängstliches mit mir machte, zu befreien. Was auch gelang. Aber nachdem ich mich in Berlin bereit erklärt hatte, freiwillig an einer Neuköllner Hauptschule zu unterrichten, schenkte mir der Berliner Senat – vielleicht als so eine Art Belohnung für meinen Mut – die aufgegebene Verbeamtung wieder zurück. Und so hatte ich sie bei meinem Start an einer sogenannten Neuköllner Brennpunktschule dann doch wieder „an der Backe“ und erlebte in Berlin einen Neuanfang – und meinen Untergang. 

Vortrag „Befreit euch – endlich!“ ACT Fachforum

Vortrag beim ACT Fachforum am 13. September 2019, Berlin, Theater Aufbau Kreuzberg (TaK):

Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet.

Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)). Neben die äußere tritt die innere Emanzipation: als Befreiung aus eigener Unmündigkeit und den Fesseln von Tradition, gesellschaftlichen Normen und vorgegebener Weltanschauung. Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit (im Sinne von Gleichberechtigung oder Gleichstellung), meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischen Strukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern.

 Ich möchte heute darüber sprechen, warum ich glaube, dass Bildung ein emanzipatorischer Prozess sein muss und im Moment aber gerade das Gegenteil davon passiert. Ich möchte darüber sprechen, warum unser Schulsystem gegenwärtig verantwortungslos ist und was wir machen könnten, um das zu ändern.

Wenn es um emanzipatorische Prozesse geht, braucht es Ich-Stärke: Also ein Gefühl für die eigenen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Grenzen und den Mut, zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen zu stehen, sie im Zweifel zu verteidigen – und den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

Der bekannte Familientherapeut Jesper Juul nannte diese Ich-Stärke oder auch Treue zu sich selbst: Integrität. Und er hielt Integrität für die Grundvoraussetzung, damit wir Gleichwürdigkeit mit anderen leben können. Das möchte ich kurz erklären:

Jesper Juul hat für den Bereich der Elternerziehung den Begriff der „Gleichwürdigkeit“ geprägt, um deutlich zu machen, dass es bei der Erziehung von Kindern weder hilfreich ist, autoritär zu agieren, noch – vermeintlich demokratisch – ihnen alles durchgehen zu lassen.

Stattdessen sprach Juul von „autoritativer“ Erziehung auf der Basis einer gleichwürdigen Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Autoritativ bedeutet: Auf der Basis der eigenen Integrität und Werte und einem Bewusstsein für die eigenen Grenzen klar zu führen, in deutlicher Abgrenzung zum Dominieren oder Herrschen (hierarchisch), aber auch in klarer Abgrenzung zur antiautoritären Erziehung, denn jedes Kind braucht Führung.

Führung bedeutet bei Juul: Deutlich machen, was für mich selbst – als individueller Mensch – geht und was nicht, und genau das vorzuleben. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennen und klar vertreten zu lernen, dabei aber immer die Grenzen und Bedürfnisse des Gegenübers als gleichwürdig zu betrachten und in einem ständigen, von Respekt getragenen Ausloten vorzuleben, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für die Situation.

Das Neue dabei war die Erkenntnis, dass es kein hierarchisches Verhältnis braucht und der Erwachsene nicht die „recht-habende-Instanz“ ist, sondern als Mensch vollkommen gleichwürdig mit dem Kind ist – und andererseits aber eben nicht völlig ohne Auftrag ist, also nicht „alles durchgehen lassen muss“, sondern stattdessen seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse als Mensch offen thematisiert.

Die Aufgabe des Erwachsenen ist es quasi, Verantwortung für sich SELBST zu übernehmen, und dies in großer Klarheit und Authentizität vorzuleben, also auf der Basis der eigenen Integrität zu denken und zu handeln. Und nicht zuletzt: Sich selbst und anderen immer wieder „Fehler“ oder Rückschläge zu verzeihen. Denn nichts kann immer perfekt sein. Der Mensch schon gar nicht.

Integrität ist auch über das Erziehungsthema hinaus eine grundlegende Basis für gelingende, weil gleichwürdige Beziehungen. Denn nur, wer sich selbst kennt und den Mut aufbringt, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen anderen Menschen gegenüber offen und klar zu kommunizieren, entwickelt die Fähigkeit, andere Menschen in ihren Bedürfnissen und Grenzen zu respektieren und sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. 

Ich habe mich immer gefragt, warum dies Gedanken von Jesper Juul nicht in den Schulen angekommen sind. Denn aus meiner Sicht sind Integrität und Gleichwürdigkeit die zentralen Aspekte, die wir für eine zukunftsfähige Bildung benötigen. Warum?

Schauen wir kurz mal von oben auf die gegenwärtige gesamt-gesellschaftliche Situation:

Problem: Vertrauen in die Demokratie bröckelt und faschistische Positionen werden „salonfähig“

Wir haben derzeit das Problem, dass in großen Teilen der Gesellschaft das Vertrauen in die Demokratie schwindet. Gleichzeitig erleben wir, dass faschistisches Gedankengut wieder salonfähig wird, gar als „bürgerliche Position“ bezeichnet wird.

Geschichte wiederholt sich nicht, Denkmuster in den Köpfen aber schon

Das hatten wir in Deutschland schon einmal. Und ich weiß: Geschichte wiederholt sich nicht. Aber die Muster in den Köpfen der Menschen sehr wohl. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass Muster sich wiederholen, wenn wir nicht ganz bewusst daran arbeiten, uns weiter zu entwickeln, um unbewusste, internalisierte Muster zu überwinden.

Welche gedanklichen Muster zum Faschismus führen, ist ausreichend analysiert worden. Das ist eigentlich alles bekannt. Die Frage ist, ob wir es als Gesellschaft jetzt schaffen, an diesen gedanklichen Mustern zu arbeiten und sie noch rechtzeitig überwinden, bevor größerer Schaden entsteht. Leider passiert diese Anstrengung auf politischer und auf medialer Ebene gerade NICHT, wenn beispielsweise eine Moderatorin die AFD als „bürgerliche Partei“ bezeichnet.

Nicht Menschen ausschließen, aber Handlungen und Haltungen, die die demokratischen Grundwerte langfristig zerstören

Es geht mir hier nicht darum, MENSCHEN auszuschließen. Aber Haltungen und Handlungen schon, wenn diese die Errungenschaften der Demokratie per se in Frage stellen: Wenn nämlich freies Denken, Gleichwürdigkeit, Vielfalt und nicht zuletzt die Würde des Menschen zur Disposition stehen. Solche Positionen können nicht mit dem Verweis auf demokratische Werte – wie z. B. Meinungsfreiheit – moralisch eingefordert werden. Das ist paradox, weil solche Gedanken in der Konsequenz alle demokratischen Werte und Haltungen – und damit die Demokratie an sich – unterlaufen und zerstören.

Weiterentwicklung unserer Demokratie bedeutet persönliche Emanzipation 

Andererseits, ist schon klar: Unsere Demokratie ist noch nicht toll. Es muss noch vieles WEITER gedacht und weiterentwickelt, bestehende Ungerechtigkeiten behoben werden, aber das geht eben nur durch ein WEITER, eine bewusstere Durchdringung und konsequentere Anwendung demokratischer Werte – und eben nicht durch ein Zurück. (In angeblich frühere goldene Zeiten… welche eigentlich genau?).

Wie geht dieses „WEITER“?

Meine These ist: Demokratische Kernkompetenz kann bei jedem einzelnen Menschen nur durch einen anstrengenden persönlichen Emanzipationsprozess erreicht werden: Nämlich durch eine Befreiung von internalisiertem Gehorsam und Anpassungszwang. Denn mir scheint ein unbewusstes verinnerlichtes Obrigkeitsdenken bei uns allen ein eingeimpftes Muster zu sein, das eine konstruktive Weiterentwicklung von Vielfalt und Demokratie verhindert.

Um demokratische Kernkompetenz zu verinnerlichen, müssen wir durch einen eigenen, persönlichen und individuellen Emanzipationsprozess

Es geht mir hier nicht um die eine, einzige RICHTIGE Haltung, sondern insgesamt um demokratische Kernkompetenz:

Nämlich um den Willen bzw. die Bereitschaft unterschiedliche Meinungen und Haltungen kennen zu lernen, zu respektieren und sich trotz aller Verschiedenheit und trotz manchmalunsicherer Gefühle menschlich gleichwürdig zu begegnen und das Gemeinsame konstruktiv zu versuchen. Das hört sich so schön und einfach an – aber ganz ehrlich:

Warum klappt es damit im Moment nicht so richtig – in Deutschland und anderswo?

Ich glaube: Wir sind zu sehr Untertanen im Geiste. Eine weiter entwickelte Demokratie erfordert aber freie, emanzipierte Menschen, die sich nicht ohnmächtig fühlen, sondern selbst Verantwortung übernehmen. 

Was meine ich mit Untertanen-Haltung?

Der Verlust an Vertrauen in die demokratischen Grundwerte steht in direktem Zusammenhang mit einem Ohnmachtsgefühl, das sich beispielsweise in der Aussage – oder dem Gefühl – ausdrückt: „Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen“ oder: „Ich als einzelner Mensch habe keinen Einfluss darauf, was im Ganzen passiert, ich alleine kann ja nichts machen – ich bin nur Opfer eines (ungerechten) Systems“.

Ich denke: Diese Ohnmachts-Haltung ist eine direkte Folge eines unreflektierten Obrigkeits- bzw. Gehorsamsdenken. Selbst wenn unbestritten Ungerechtigkeit herrscht und sehr viele Menschen ganz real durch unser System Ungleichheit und Herabsetzung erfahren, ist es ein Unterschied, ob ich daran glaube, dass ich durch mein Handeln einen Unterschied machen und die Entwicklungen mit beeinflussen kann (das wäre Selbstwirksamkeit), oder ob ich mich als Spielball der Umstände und Strukturen oder „höher gestellter Personen“ empfinde.

Sich selbst als Opfer der Umstände oder „höher gestellter Personen“ zu fühlen, selbst, wenn es zu 100 Prozent tatsächlich so ist, blockiert die Möglichkeit, zu handeln und macht eine Befreiung aus diesem Zustand unmöglich. Das macht die Sache doppelt schlimm.

Und noch ungerechter ist: Die Grundbedingung für eine emanzipatorische Selbstbefreiung, nämlich Selbstwert, Selbstwirksamkeit und soziale Anerkennung sind sehr ungleich und ungerecht verteiltDarauf komme ich gleich noch einmal ausführlicher zurück.

Trotzdem: Das Fatale daran ist, dass eine innere Gehorsamshaltung, also das „Sich-Fügen“, weil ich „ja selbst nichts machen kann“, die Ohnmachtshaltung nur immer weiter verstärkt, egal, wie berechtigt sie ist. Sie spielt den Gegner*innen der Demokratie in die Hände.

Unsere „Untertanenhaltung“ verhindert, dass wir freie, mündige Menschen werden

In unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation halte ich es deswegen für zentral wichtig, diese internalisierte Gehorsamshaltung und in der Folge dieses Ohnmachtsgefühl zu überwinden.

Denn: Je mehr Menschen eine „Untertanenhaltung“ ausbilden, desto wackliger wird unsere Demokratie und desto salonfähiger werden gegenwärtig autoritäre und leider auch faschistische Positionen. Denn die Demokratie lebt eben NICHT von einigen wenigen, „die da oben gestalten“, sondern vom verantwortungsvollen Gestaltungswillen und -können der Vielen.

Eine Demokratie braucht Menschen, die auf ihre eigenen Fähigkeiten vertrauen (Selbstwert), und darauf, dass sie die Gesellschaft aktiv auf der Basis dieser Fähigkeiten mitgestalten können (Selbstwirksamkeit). Kurz: Eine Demokratie braucht Menschen mit einem stark ausgebildeten Bewusstsein für die eigene Integrität. Ich-Stärke. Selbstwertgefühl.

Wo liegt die Ursache für unsere Untertanenhaltung? 

Wie ist es zu erklären, dass derzeit so viele Menschen eine „Untertanen-Haltung“ ausgebildet haben? Die Ursache liegt zum einen darin, dass in Deutschland noch immer – unbewusst – eine Obrigkeitshaltung durch soziale Prägung internalisiert ist, und zum zweiten darin, dass diese Haltung durch Institutionen und Strukturen weiter verfestigt wird, statt sie gezielt und systematisch zu unterlaufen:

Wer selbst zur Anpassung erzogen wurde, ist in gewisser Weise immer von der Bewertung und Bestätigung durch den „inneren autoritären Vater“ abhängig – also durch die Anerkennung von „als „höher gestellt“ empfundenen Personen“.

Wir alle sind von diesem inneren autoritären Vater geprägt – nämlich von der weißen, männlichen, akademischen Perspektive, die seit sehr langer Zeit unsere gesellschaftlichen Strukturen prägt.

Es geht hier NICHT gegen die Männer. Es geht um den ganz natürlichen Vorgang, dass wir, die „pubertierenden Kinder“ erwachsen werden und uns von unseren „Eltern“ frei spielen, emanzipieren müssen. Wenn die Kinder selbständig und unabhängig von den Eltern werden, ist das für die Eltern IMMER ein Schmerz. So reagieren auch die weißen, akademischen Männer derzeit auf unsere emanzipatorischen Impulse: Sie sind nicht erfreut. Klar. Es fühlt sich stressig an. Pubertierende Kinder sind stressig und der Prozess bis zur eigenen Unabhängigkeit ist „ruckelig“ – aber GESUND. Die Erziehung der Eltern ist gelungen, wenn die Kinder selbständig und selbstbestimmt leben können und nicht mehr von ihnen abhängig sind. Dann ist der Prozess geglückt.

Es geht darum, zu verstehen, dass es über Jahrhunderte weiße, akademische Männer waren, die unsere Gesellschaft, unsere Kultur, unser soziales Verhalten geprägt haben – und das ist eben nur EINE Perspektive auf die Welt – unter vielen anderen. Aber es ist DIE Perspektive, an der wir uns logischerweise ausrichten. Denn es ist der gedankliche Raum, in dem wir sozialisiert wurden. Und jetzt reicht diese eine Perspektive nicht mehr, um die gegenwärtigen Probleme zu lösen.

Wo spüren wir diese Abhängigkeit vom „inneren Vater“? Wo kommen wir in Konflikt mit unserer eigenen Integrität? Mit dem, was uns eigentlich ausmacht? Das erkennen wir selbst persönlich immer daran, wenn wir einen eigenen Impuls, einen Gedanken oder ein Gefühl unterdrücken – aus Angst, dass wir „peinlich“ sind, „dumm rüber kommen“, oder sonstwie abgewertet werden.

Diese innere Abhängigkeit von äußerer Bestätigung blockiert das Ausbilden unserer eigenen Integrität und unseres Selbstwertgefühls. Wenn mein Selbstwertgefühl vom Lob und der Anerkennung anderer abhängt (siehe auch Facebook und Instagram), verlerne ich die Fähigkeit, meine eigenen Bedürfnisse und Potentiale wahrzunehmen und diesen zu vertrauen. Ich verlerne es, frei vom Urteil anderer zu sein und verliere die Fähigkeit, Regie über mein eigenes Leben zu führen. Das tun dann andere. Und das war übrigens schon immer gefährlich (Filmbeispiel: Michael Hannecke, Das weiße Band).

Wir alle sind in gewisser Weise zur Anpassung sozialisiert worden und haben über Anpassung an die herrschende weiße, männliche, akademische Perspektive Anerkennung erfahren – oder Abwertung, wenn wir ihr nicht entsprochen haben – und insofern sind wir alle nicht frei vom internalisierten „inneren autoritären Vater“.

Emanzipatorische Prozesse sind grundsätzlich anstrengend und schmerzvoll – aber sie lohnen sich

Diese innere Abhängigkeit kann nur überwunden und Selbstbestimmung nur erreicht werden durch einen eigenen inneren emanzipatorischen Prozess, welcher grundsätzlich mit Kraftanstrengung und Schmerz verbunden ist.

Der emanzipatorische Akt besteht darin, sich von dieser inneren Abhängigkeit zu befreien und stattdessen die eigene Integrität zum Maßstab des Handelns zu machen.

Was sind die Grundvoraussetzungen für so einen emanzipatorischen Prozess, für ein Verlassen der Gehorsamshaltung zugunsten von Integrität, Mündigkeit und Selbstbestimmung?

Das auf den ersten Blick vielleicht erstaunliche ist, dass ein emanzipatorischer Prozess bei denjenigen am wahrscheinlichsten ist, bei denen der Schmerz durch Ausgrenzung am größten ist.

Denn: Wer „satt in der Mitte der herrschenden Norm sitzt“, ist häufig blind – sowohl für die eigenen als auch für die Bedürfnisse und Grenzen ANDERER Menschen, weil er für die eigenen Bedürfnisse nie wirklich ernsthaft kämpfen, nie wirklich – schmerzhaft – dafür einstehen musste.

Dabei wurde aber schleichend und oft unbewusst die eigene Integrität zugunsten der allgemeinen Anpassung an die herrschende Norm unterdrückt.

Deswegen sind es oft auch genau diejenigen, die KEINE ernsthafte Herabsetzung oder Ausgrenzung erfahren haben, die die Tatsache leugnen, dass die äußeren, gesellschaftlichen Start-Voraussetzungen für emanzipatorische Prozesse sehr ungleich verteilt sind. Auch ich konnte das erst sehr spät SEHEN.

Denn diejenigen, die sich innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Denkmuster ohne größere Opfer anpassen können, wie übrigens auch ich selbst, wissen erstmal nicht, was Freiheit IST, weil sie nie darum kämpfen mussten.

Sie sind äußerlich eigentlich frei. Innerlich aber unfrei, weil sie unbewusst angepasst, unbewusst gehorsam sind und sich der eigenen, individuellen Wirksamkeit gar nicht bewusst. So ging es auch mir selber, bevor ich schockartig aus dieser Blase raus katapultiert wurde.

Tatsache ist: Die einen starten auf einer äußerlich, also gesellschaftlich vorteilhafteren Basis als die anderen. Diese Menschen – also WIR “weißen Kartoffeln” – hätten rein äußerlich beste Voraussetzungen zur Selbstbefreiung, nutzen sie aber nicht (oder zu selten), weil wir innerlich kein Bewusstsein für die eigene Integrität entwickelt haben:

Uns fehlt die Schmerzerfahrung wirklicher Ausgrenzung und deswegen können wir gar nicht SEHEN, was das Problem ist bzw. was ein emanzipatorischer Prozess für uns persönlich bedeuten könnte. Und deswegen sind wir innerlich unfrei. Und fühlen uns diffus ohnmächtig, obwohl wir es de facto nicht sind.

Die anderen erleben den Schmerz der Ausgrenzung so existentiell, dass sie quasi gezwungen sind, sich dazu zu verhalten. Entgegenhalten oder anpassen. Beides auf Kosten der eigenen Integrität. Dadurch entsteht spürbarer und unerträglicher Schmerz. Diese Menschen SEHEN das Problem also zwangsläufig, weil es gar nicht zu ignorieren ist. Sie sehen sowohl die systemische Seite, also das Problem im Außen, als auch spüren sie es im Innern.

Man könnte also sagen, sie hätten die „besseren inneren Startvoraussetzungen“ für einen emanzipatorischen Prozess, zumindest was Bewusstsein angeht, aber die äußeren, gesellschaftlichen Bedingungen sind für sie unverhältnismäßig viel schwerer, als für diejenigen, die selten oder nie Ausgrenzung erleben mussten.

Die Voraussetzungen für emanzipatorische Prozesse und das zugrundeliegende Problem (der Satten auf der einen und der Rebellierenden auf der anderen Seite) werden nicht erkannt 

In diesem Abgrund zwischen den Ausgangssituationen liegt das Drama begründet, das sich derzeit im Schulsystem – und weit darüber hinaus – abspielt:

Es gibt die „Satten, Blinden, Unbefreiten“, die sich ohnmächtig FÜHLEN, und die „Ausgegrenzten, Bewussten”, die ohnmächtig SIND und darum kämpfen, sich selbst zu befreien.

Mit diesen Befreiungs-Versuchen lösen sie Abwehr und Ängste bei den Satten aus, weil diese Emanzipations-Impulse die verdrängte Schattenseite der „Satten“ triggern.

Denn bei denen meldet sich dann sehr unangenehm das verdrängte Selbst.

Statt sich mit den Bewussten, mit den “Freiheits-Kämpfer*innen” zu verbünden, stellen sich die Satten reflexartig vor die herrschende Norm und verteidigen “bewusstlos” ihre „Burg“ und sehen gar nicht, dass diese, ihre Burg eigentlich ihr Gefängnis ist. Ein mentales Gefängnis, das sie zeitlebens in eine geduckte Anpassungshaltung zwingt.

Durch diesen Ohnmachts-Mechanismus, die Burg verteidigen zu “müssen”, werden die äußeren Bedingungen für die Ausgegrenzten wiederum noch weiter verschlechtert. Für die anderen – IN der Burg – aber auch. Denn glücklich ist mit diesem Zustand keiner. Weder draußen vor der Burg, noch in der Burg.

Deswegen ist es wahrscheinlich gerade so attraktiv, sich in eine vermeintlich goldene Vergangenheit zu flüchten und sich Augen und Ohren in Bezug auf die Zukunft zuzuhalten. Dabei müssten wir nur ALLE die Burg verlassen und draußen gemeinsam etwas Neues starten.

Settings, die Emanzipation begünstigen, zu erschaffen, ist zentrale Aufgabe von Bildung

Aber – ich bin hoffnungsvoll. Wie wir immer wieder sowohl aus Filmen (Billy Elliot, Harvey Milk, Forrest Gump) als auch aus eigener Erfahrung wissen:

Emanzipatorische Prozesse können – trotz aller benannten Probleme – von außen angestoßen, bzw. initiiert werden – durch andere Menschen und durch emanzipatorische Settings. Dadurch können ungleiche Startvoraussetzungen abgemildert und Ermächtigungsprozesse ermöglicht werden. Und genau das ist eigentlich Aufgabe von Bildung in einer Demokratie.

Ein emanzipatorischer Akt ist notwendig, um Selbstwert zu entwickeln und Selbstwirksamkeit zu erfahren und ein freier mündiger Mensch zu werden. Nur, wer die internalisierte Untertanen-Haltung überwindet, kann unsere Demokratie aktiv mitgestalten, Verantwortung übernehmen und (im Bildungsbereich und anderswo) in anderen Menschen emanzipatorische Prozesse initiieren.

Nur wer selbst frei ist, kann Freiheit in anderen ermöglichen.

Das Drama in Schulen ist die internalisierte Gehorsamshaltung

Das Drama derzeit ist, dass aber ausgerechnet unser Bildungssystem eine Gehorsamshaltung weiter verstärkt, statt ihr bewusst entgegen zu wirken. Trotz buntem, freundlichen, demokratisch erscheinenden äußerem Erscheinungsbild wirkt in unseren Schulen noch immer ein tief verwurzeltes Obrigkeitsdenken:

Die Lehrpersonen verweisen auf die „Anforderungen von oben“, die sie „erfüllen müssen“, weswegen sie ihren Beruf „nicht so ausüben können, wie sie es eigentlich wollen“. Das heißt übersetzt: Nicht die innere Integrität ist der Maßstab ihres Handelns, sondern die Anforderungen des „inneren autoritären Vaters“. Lieber die äußeren Anforderungen erfüllen und sich dadurch wie ein*e korrekte*r Pädagog*in fühlen, als die eigenen inneren Widerstände und Grenzen ernst zu nehmen und Veränderung zu initiieren.

Die Schüler*innen richten ihr gesamtes Handeln nach den Noten aus (Was muss ich tun, um eine Eins zu bekommen?) und die Eltern unterwerfen sich diesem Anpassungs-System trotz massiver persönlicher Zweifel aus einer diffusen Angst heraus, ihr Kind könnte ansonsten in dieser Welt nicht bestehen. Als hätten genau diese Kinder mit der Gestaltung der Welt nichts zu tun und wären bereits jetzt „Untertanen“, die sich eben der Welt unterordnen müssen, so wie sie jetzt ist. (!) Damit verbauen wir die einzige Chance, die wir auf eine andere, bessere Welt haben! Denn diese Kinder werden die zukünftige Gesellschaft gestalten!

Alle handeln auf der Grundlage von internalisiertem Gehorsam und unterstützen auf diese Weise ein Bildungs-System, das eigentlich niemand mehr will und das vor allem nicht zukunftsfähig ist.

Zusammengefasst: Fremdbestimmter Anpassungszwang, wie er in Schulen herrscht, blockiert das Ausbilden der eigenen Integrität und des eigenen Selbstwerts. Und wer selbst kein Gefühl für die eigene Integrität besitzt, wer selbst nicht frei ist, kann in anderen keinen Selbstwert erzeugen. Ein Mensch, der selbst nur folgt, erwartet, dass auch die anderen folgen, denn etwas anderes kennt er sie es nicht.

Menschen dagegen, die dem gesunden Impuls folgen, ihre Integrität zu verteidigen, werden als Störung oder gar als Bedrohung wahrgenommen. Kinder, die sich widersetzen, werden durch die Instrumente des Gehorsams: Belohnung, Bestrafung, Beschämung, Manipulation in die (Anpassungs-) Spur gebracht. Auf Kosten ihrer eigenen Integrität. Auf Kosten von wirklich gelebter Vielfalt. Auf Kosten von Gleichwürdigkeit und demokratischen Werten.

So läuft das Bildungssystem – mit seinen bunten fröhlichen Gruppentischen, gut gemeinten Demokratie-Plakaten an der Wand und dem (leeren) Versprechen von Vielfalt – in Wahrheit als große Untertanen-Produktionsmaschine immer weiter.

Das ist eine Katastrophe.

Was müssen wir tun?

Unsere wichtigsten Aufgaben sind es, erstens: 

Anzuerkennen, dass die weiße, männliche, akademische Perspektive (also unser innerer „Vater“) noch immer unser Denken und unsere Sichtweise bestimmt und dass wir – sozialisiert mit dieser Perspektive – nicht frei sind von internalisiertem Gehorsam und Anpassungszwang. 

Zweitens: Wir müssten trainieren, diese Perspektive weiträumig zu verlassen und stattdessen die Integrität aller in den Blick nehmen und stärken.

Drittens: Wir könnten Strategien entwickeln, wie wir emanzipatorische Prozesse konkret initiieren können. Dies gelingt erstens über Beziehung, zweitens über Beziehung, drittens über Beziehung. 

Dafür brauchen wir Viertens: Klar ausformulierte Partizipationskonzepte, durch die Beziehungs- und Erfahrungsräume geschaffen werden, in denen Integrität und Gleichwürdigkeit als persönlicher Gewinn erfahren werden können und 

fünftens brauchen wir eine transparente Vermittlung von Führungskompetenz. Das bedeutet Selbstführung und verantwortungsvolle Führung anderer.

Das Mischpultprinzip ist EIN konzeptioneller Vorschlag, wie diese emanzipatorische Reise gelingen kann. Es gibt noch viele andere. Aber auf den Weg machen müssen wir uns selbst.

Niemand kann befreit WERDEN. Wir müssen uns selbst befreien.

Und das ist auch mit Anstrengung und teilweise unwohlen Gefühlen verbunden:

Beim Aufstieg aus der dunklen Höhle ins Licht nach draußen ist das blendende Sonnenlicht leider schmerzhaft. Aber wer einmal draußen ist, wird diejenigen bemitleiden, die noch gefesselt unten in der Höhle – oder in der Burg – hocken und die Schatten an der Wand für die Wirklichkeit halten.

Für mich hat das Höhlengleichnis von Platon eine besondere Bedeutung, weil ich diesen Stoff gleich zu Beginn meiner Zeit als Lehrerin an einer Hauptschule in Neukölln als Ausgangspunkt für eine biografische Stückentwicklung wählte und mir von vielen Leuten anhören musste, das „sei ja viel zu schwer für „diese“ Schüler*innen.

Als mir „meine“ Jugendlichen damals an der Anna-Siemsen-Hauptschule Neukölln ihre erste eigene Interpretation des Höhlengleichnis präsentierten, dachte ich: Wow. Und war fassungslos. Es war der Startpunkt für mein Nachdenken darüber, wie wir alle raus aus dieser Höhle kommen könnten…

Und das frage ich mich seitdem jeden Tag:

Was können wir tun, damit möglichst viele den Aufstieg wagen und ihn durchhalten? Diese Frage halte ich für die entscheidende Frage unserer Zeit.

Sie lässt sich mit den Schritten und Phasen jeder großen Emanzipationsbewegung beantworten. Der einzelne Mensch erkennt, dass nicht er selbst das Problem ist, sondern das System, das ihn umgibt. Er macht sich „auf in die Stadt“, geht dahin, wo die anderen sind, die ebenfalls SEHEND geworden sind, um sich mit ihnen zu verbünden. Gemeinsam entsteht eine Bewegung, die im besten Falle Veränderungen zum Positiven bewirkt – langfristig für ALLE.

Jede Emanzipationsbewegung beginnt beim einzelnen Menschen. Bei dir. Willst du ein Opfer der Umstände und eine Untertanin oder Untertan sein oder eine Mutmacherin, Mutmacher für andere? Die Antwort liegt bei dir selbst.

Abschluss: Deine persönliche emanzipatorische Challenge

Nimm dir für die nahe Zukunft EINE emanzipatorische Handlung vor. Eine kleine emanzipatorische „Challenge“, wo du dich mal gegen deinen “inneren Vater” durchsetzt. Ich gehe jetzt hier in Vorleistung:

Als ich diesen Vortrag vorbereitete, dachte ich: Am Ende muss das Musikstück “Read all about it” von Emile Sande im Raum sein, während alle über ihre persönliche emanzipatorische Challenge nachdenken. Aber dann dachte ich: Das geht GAR NICHT! Das ist zu pathetisch, zu emotional. Dann nimmt keiner mehr ernst, was ich vorher gesagt habe. Aber plötzlich kam mir dann die Erkenntnis: Das sind gar nicht MEINE Gedanken! Da ist die weiße, männliche Perspektive! ICH habe aber eine andere. Und ICH denke: Intelligente Gedanken sind auch MIT Gefühlen möglich! Sogar besser: Wir sollten die Gefühle endlich mit rein nehmen! Statt sie zu verdrängen und als etwas Minderwertiges zu betrachten. VERDRÄNGTE Gefühle sind nämlich das Problem, nicht die Tatsache, dass Menschen Gefühle HABEN. Wir sollten lernen, unsere Gefühle wahr zu nehmen, sie bewusst zu machen, darüber zu reden und sie mit unserem rationalen Denken zu verbinden.

Und: Sollte sich jemand von euch von der Musik manipuliert fühlen: Jeder kann ja jederzeit Veto machen und raus gehen! WO ihr über eure Challenge nachdenkt, ist ja eure Sache! Wenn ihr selbstbestimmte Menschen seid und ich offenlege, warum ich dieses Musikstück wähle, muss ich euch nicht unter Naturschutz stellen, so nach dem Motto: Oha, hoffentlich werden die jetzt nicht mit Haut und Haaren manipuliert! Ihr könnt selbst für euch sorgen.

Ihr könnt einfach selbst überlegen: Darf dieses Musikstück im selben Raum sein wie ihr, wenn ihr über eure Emanzipations-Challenge nachdenkt? Und DÜRFEN auch Gefühle hochkommen – und sind dann trotzdem klare kluge Gedanken möglich?

Oder ist es nur dieses: Findet “der Papa mich dann intellektuell genug?”

Vergesst den Papa! Schaut selbst, wie es euch geht, macht das, was sich für euch richtig anfühlt. Und ganz ehrlich:

ICH habe in meinem ganzen Leben noch nie erlebt, dass echte Gefühle dumm machen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir sollten uns trauen, Gefühle zu haben und darüber zu sprechen. Sie machen uns erst zu Menschen.

Ich danke euch und übergebe den Raum an Emile Sande mit ihrem Lied „Read all about it“… DANKE.

 

„12 Jahre ein Untertan?“ – Warum Bildung die nächste Emanzipationsbewegung braucht.

Filmpremiere am 12. August 2019 (20 Uhr) im Moviemento Kino: „12 Jahre ein Untertan?“

Im vergangenen Jahr habe ich einen Dokumentarfilm gedreht, in dem ich unsere ehemaligen Spieler*innen Walid, Hala, Hussein, Olga und Sinan beim Anleiten ihrer eigenen Gruppen und Projekte begleitet habe. Alle fünf sind seit Jahren Spieler*innen bei ACT. Walid, Hala und Hussein sind darüber hinaus auch ehemalige Schüler*innen von mir – noch aus Neuköllner Schulzeiten.

Im Rahmen des ACTeure-Programms sind die fünf im vergangenen Schuljahr in die Rolle der Lehrkraft gewechselt und leiten nun selbst Kinder und Jugendliche an. Im entstandenen Film „12 Jahre ein Untertan?“ erzählen sie auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen, was es ihrer Meinung nach braucht, wenn mensch ein*e gute Lehrer*in sein will. Sie haben sich die Fragen gestellt: Was bedeutet gute Führung? Was bedeutet „Menschliche Führung“?

Ihre Erfahrungen und Gedanken zum Thema „Lehrer*in sein“ werden darüber hinaus eingerahmt von Reflektionen verschiedener Jugendlicher und Erwachsener bei ACT e.V., die den Mut haben, anzusprechen, was ihnen beim Thema „Bildung“ ein ungemütliches Gefühl bereitet. Das klingt für manchen vielleicht erstmal wie Kritik am Bildungssystem, ist aber in Wahrheit hoffentlich der „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ (Zitat „Casablanca“), und vor allem: Der Beginn eines emanzipatorischen Prozesses. 

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft deshalb, weil dieser Film hoffentlich dazu ermutigt, gemeinsam und hoffnungsvoll über die Baustelle „Bildung“ zu sprechen. Denn ich nehme wahr, dass so viele Lehrkräfte und Schul-Beteiligte jeden Tag ihr Bestes, teilweise auch ihr Letztes geben, und einen wahnsinnig guten Job machen – und es trotzdem eine große Sehnsucht nach Veränderung, ja, nach Befreiung, gibt.

Deshalb ist es, glaube ich wichtig, dass wir uns nicht gegenseitig kritisieren bzw. uns in Schuldfragen verheddern – denn das erzeugt Frustrationen und eben gerade KEINE Motivation – sondern dass wir uns zusammentun und uns gemeinsam fragen: Was können wir realistisch verändern, damit es uns bessergeht?

Um das zu erreichen, brauchen wir Gleichwürdigkeit zwischen allen Beteiligten. Das System Schule ist aber auf struktureller Ebene noch immer von ungleichen Machtverhältnissen geprägt, unter denen wir alle leiden, sowohl die Jungen als auch die Erwachsenen.

Mein Vorschlag lautet daher, dass wir zunächst einmal – unabhängig von bestehenden Hindernissen – gesellschaftliche Gleichwürdigkeit als gemeinsames Ziel anstreben sollten – und von dort aus darüber nachdenken, was es dazu braucht.

Das klingt alles erstmal gut und einfach, ist aber nicht so ohne weiteres umzusetzen. Denn was bedeutet das überhaupt: Gleichwürdigkeit?

Jesper Juul hat für den Bereich der Elternerziehung den Begriff der „Gleichwürdigkeit“ geprägt, um deutlich zu machen, dass es bei der Erziehung von Kindern weder hilfreich ist, autoritär zu agieren, noch – vermeintlich demokratisch – ihnen alles durchgehen zu lassen. Stattdessen sprach Juul von „autoritativer“ Erziehung auf der Basis einer gleichwürdigen Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Autoritativ bedeutet: Auf der Basis der eigenen Integrität und Werte und einem Bewusstsein für die eigenen Grenzen klar zu führen, in deutlicher Abgrenzung zum Dominieren oder Herrschen (hierarchisch), aber auch in klarer Abgrenzung zur antiautoritären Erziehung, denn jedes Kind braucht Führung.

Führung bedeutet bei Juul: Deutlich machen, was für mich selbst – als individueller Mensch – geht und was nicht, und genau das vorzuleben. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennen und klar vertreten zu lernen, dabei aber immer die Grenzen und Bedürfnisse des Gegenübers als gleichwürdig zu betrachten und in einem ständigen, von Respekt getragenen Ausloten vorzuleben, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für die Situation.

Der Erwachsene muss insofern führen, als er dem Kind vorlebt, wie das geht: Dieses Ringen um ein konstruktives Miteinander, um eine gelungene Kommunikation und den konstruktiven Umgang mit Konflikten. Die Basis für dieses Ringen um das Gemeinsame ist immer die eigene Integrität (Treue zu sich selbst). Dann entsteht im besten Fall „Reibungswärme“ (Juul). Konflikte werden nicht ausgeblendet oder vermieden, sondern als etwas vorgelebt, das sich zwischendurch auch mal blöd anfühlt, dann aber lösbar ist und sowohl zu größerem Vertrauen in sich selbst als auch in den jeweils anderen führt (Vertrauen, Selbstvertrauen, Integrität).

Das Neue dabei war die Erkenntnis, dass es kein hierarchisches Verhältnis braucht und der Erwachsene nicht die „recht-habende-Instanz“ sein muss, sondern als Mensch vollkommen gleichwürdig mit dem Kind ist.

Und dass der Erwachsene andererseits aber eben nicht völlig ohne inneren Auftrag ist, also nicht „alles durchgehen lassen muss“, sondern stattdessen seine eigenen Grenzen als Mensch offen thematisiert. Die Aufgabe des Erwachsenen ist es quasi, Verantwortung für sich SELBST zu übernehmen, und dies in großer Klarheit und Authentizität vorzuleben, also auf der Basis der eigenen Integrität zu denken und zu handeln. Und nicht zuletzt: Sich selbst und anderen immer wieder „Fehler“ oder Rückschläge zu verzeihen. Denn nichts kann immer perfekt sein. Der Mensch schon gar nicht.

Integrität ist auch über das Erziehungsthema hinaus eine grundlegende Basis für gelingende, weil gleichwürdige Beziehungen. Denn nur, wer sich selbst kennt und den Mut aufbringt, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen anderen Menschen gegenüber offen und klar zu kommunizieren, entwickelt die Fähigkeit, andere Menschen in ihren Bedürfnissen und Grenzen zu respektieren und sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. 

Beispiel: Stellen wir uns eine WG Situation vor. Vier gleichaltrige Menschen leben zusammen. Wenn ich mich selbst in meinen Bedürfnissen und Grenzen kenne, muss ich keine Angst vor Stress-Situationen mit den anderen haben. Ich kann deutlich machen, was ich brauche und was für mich unerträglich ist und diese Klarheit ist für alle erleichternd. Denn es ist viel angenehmer mit einem Menschen zu leben, der seine eigenen Bedürfnisse kennt und im Umgang mit anderen Menschen diesbezüglich klar und offen kommuniziert, als ständig in diffusen Beziehungs- und Kommunikationssituationen herumzutasten.

Diffuses Herumtasten erzeugt ununterbrochenen mindfuck und unbeabsichtigte gegenseitige Grenzüberschreitungen bei allen Beteiligten. Wie schön, wenn jemand erklären kann, wer sie ist und was sie braucht und ich mich als Mensch unter Berücksichtigung meiner eigenen Bedürfnisse gleichwürdig MIT meinem Gegenüber darauf einstellen kann. (Hilfreich für diese herausfordernde Baustelle menschlicher Kommunikation ist das Konzept der „Menschlichen Führung“, basierend auf der Statuslehre, auf dessen Grundlage wir bei ACT e.V. genau dieses komplexe Feld immer wieder neu auf lustvolle und gleichzeitig produktive Weise erproben).

Das WG Beispiel macht deutlich, dass Führung nicht „Anleitung“ bedeutet. Sondern viel mehr: Ich übernehme die Führung/Verantwortung für mich selbst, bin darin klar und transparent und kann auf dieser Basis in gesunde Beziehungen mit anderen gehen.

Wenn wir diese Gedanken zur Elternerziehung auf den Kontext Schule übertragen, scheint auf den ersten Blick alles schon bekannt zu sein:

Augenhöhe: Sowohl in der Pädagogik als auch durch die Statuslehre des Theatermachers Keith Johnstone bekannt, gelingt Kommunikation dort, wo eine Beziehung gleichwürdig ist. Je größer die hierarchischen Abstände, desto schlechter wird die Kommunikation. Wissen wir. Check.

Kommunikation: Kommunikation ist der Schlüssel zu gelingenden Beziehungen. Je gleichwürdiger die Kommunikation, desto besser die Beziehung. Wissen wir. Check.

Und warum ist das nun wichtig für den Bereich Bildung?

Beziehung: Alles Lernen gelingt über Beziehung. Wissen wir. Check.

Was wir also brauchen sind gleichwürdige Beziehungen. Auch und gerade in Schulen. (Und eigentlich: Überall). Wissen wir. Check.

Was ist also das Problem? Gibt es ein Problem?

Gelingt Gleichwürdigkeit im Sinne von Jesper Juul an Schulen? – Meiner Erfahrung nach: Viel zu selten.

Und wenn, dann nur, weil einzelne Lehrpersonen sich weit über die formalen Anforderungen hinaus persönlich engagieren – und in der Folge dann oft mit den systemischen Vorgaben in Konflikt geraten.

Genau diese Situation war Ausgangspunkt für die Entwicklung des Mischpult-Prinzips und die Weiterentwicklung der Statuslehre von Keith Johnstone zum Konzept der Menschlichen Führung.

Ziel all meiner Bemühungen ist es, Gleichwürdigkeit auch im Bildungskontext zur Selbstverständlichkeit zu machen.

Meine These: Dies ist derzeit noch nicht der Fall.

Und zwar aus zwei Gründen.

Erster Grund: Weil Lehrpersonen Noten geben müssen und damit ein ungleiches Machtverhältnis entsteht, das echte Gleichwürdigkeit verhindert.

Und zweiter Grund: Weil es einen blinden Fleck gibt, der mit unserer Haltung und unserer Perspektive zusammenhängt.

 Der zweite Grund, nämlich der blinde Fleck, ist etwas, das wir ändern können und deswegen sollten wir damit anfangen. Das wäre der Beginn einer Emanzipation. Und dass Emanzipationsbewegungen sich langfristig auch auf gesellschaftliche Strukturen auswirken, ist bekannt. Um die Noten müssen wir uns also erstmal nicht kümmern. Sondern um den blinden Fleck.

Der blinde Fleck: Wo entstehen Statusabstände, die wir nicht sehen und die das verhindern, was wir EIGENTLICH wollen, nämlich Gleichwürdigkeit? Wie schauen wir auf die Situation in der Schule? Aus WELCHER PERSPEKTIVE?

Dazu eine kleine Geschichte:

Ich bin als Referentin bei einer Veranstaltung in der Schweiz und dort in einem Hotel untergebracht. Das Hotel liegt in einem typischen Touristenort, in dem auch viele einheimische Schweizer Urlaub machen. An diesem Wochenende findet im Ort eine Sportveranstaltung statt, eine Woche „Orientierungslauf“, was Fahrradfahren, Wandern und Laufen beinhaltet. Im Hotel sind zahlreiche andere einheimische Menschen, Durchschnittsalter 50-60 Jahre, alle Schweizer, die als Teilnehmende der Sport-Veranstaltung eine Gruppe bilden. Sie haben Wanderstöcke dabei, tragen sportliche Funktionskleidung und sprechen Schweizerdeutsch. Das Personal im Hotel besteht aus einer Handvoll höflicher, ruhiger Frauen in schlichten, langen Dirndlkleidern. Um das Hotel herum grüne Wiesen, blauer Himmel, dunkelbraune Holzhütten und – Berge.

Schon nach wenigen Minuten an der Rezeption muss ich einsehen, dass meine ganz normale Erscheinung, Sommerkleid, die üblichen Cowboystiefel, blonder Zopf, Mütze und Sonnenbrille in diesem Setting eine höchst seltsame Wirkung entfaltet. Ich komme mir vor wie in einem Faschingskostüm – aber ohne Fasching.

Was in Berlin mein Normalo-Outfit ist und nirgends Aufmerksamkeit erregt, ist in diesem Setting ganz offensichtlich der Anlass zu leichter Irritation. So lange mein Gastgeber, Ausrichter meiner Lehr-Veranstaltung und einheimischer Schweizer, an meiner Seite ist, verhalten sich die Gäste des Hotels und insbesondere das Hotel-Personal, die Frauen in den langen Dirndl-Kleidern, sehr freundlich mir gegenüber.

Als ich am nächsten Morgen aber alleine auf der Sonnenterrasse frühstücke, fühlt sich die Gesamtlage dramatisch anders an. Die Leute starren mich entweder ungeniert an, um sofort wieder weg zu schauen, sobald ich ihrem Blick begegne – oder ignorieren mich mit offensichtlich zur Schau gestellten Kühle. So als wäre ich per se eine peinliche Angelegenheit, die leider ausgehalten aber keineswegs gutgeheißen wird.

Als ich dann auch noch die Gepflogenheiten des Frühstücks offenbar nicht kenne und ein Frühstücksei köpfe, aus dem sich dann augenblicklich die rohe, glibbernde Masse ergießt, ist es endgültig vorbei. Das Hotel-Personal mustert mich pikiert, während eine von ihnen mich mit vorwurfsvollem Blick auf den Wasserkocher hinweist, mit dem sich die Gäste ihre Eier selbst zu kochen pflegen.

Ich stehe ratlos vor dem Gerät und versuche zu erfassen, wie die Sache funktioniert. Eine der Frauen steht mit leblosem Gesicht schweigend daneben. Ich fühle mich an meine ehemalige Grundschullehrerin erinnert, die uns mit steinerndem Gesicht vom Pult aus musterte, um jeglichem Abschreibversuch vorzubeugen. Ich friemel mit dem Wasserkocher herum und komme Schritt für Schritt vorwärts, aber die Blicke, die sich in meinen Rücken bohren sind schwer auszuhalten, ich möchte eigentlich am liebsten zurück in mein Zimmer fliehen. Was sehr offensichtlich ist: Ich bin hier nicht willkommen. Alles, was ich repräsentiere ist hier falsch. So ein „Aufzug“ und dann bin ich auch noch Deutsche und kann mein Frühstücksei nicht ordnungsgemäß kochen.

Das könnte jetzt alles zum Lachen sein. Fühlt sich aber in der Situation selbst erstaunlich scheiße an.

Ich ertappe mich in den beiden folgenden Tagen dabei, dass ich mich überwinden muss, alleine auf der Terrasse zu sitzen und einen Kaffee zu bestellen, weil es mich unglaubliche Energie kostet, das unangenehme Gefühl des „Abgelehntwerdens“ mit äußerer Gelassenheit zu ignorieren und mich innerlich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Immer wieder denke ich: Ach, bleib doch einfach gemütlich auf dem Hotelzimmer… Im Ernst?? Maike versteckt sich im Hotelzimmer??

Ja, und was passiert hier EIGENTLICH? Obwohl niemand irgendetwas böse meint, erlebe ich eine Verunsicherung. Ich spüre quasi einen mini-mini-kleinen „Mü“ Ausgrenzung. Mein sonstiges soziales, geistiges, menschliches, kulturelles Kapital ist hier wertlos. Ich werde nur über meine äußere Erscheinung bewertet und in einer Schublade wahrgenommen:

Die nicht ganz so gern gesehene, blonde DEUTSCHE Touristin, die durch ihre Erscheinung und offensichtliche Nicht-Teilnahme an der Sportveranstaltung das gemütliche, homogene Gesamtbild stört.

Ich erlebe im absoluten Minimal-Bereich etwas, das andere Menschen ununterbrochen erleben. Und sogar in dieser Minimal-Variante fühle ich mich schon unsicher, unauthentisch, habe keinen Zugriff mehr auf meine natürlichen Ressourcen. Es fällt mir unglaublich schwer, einfach „normal zu sein“, einen small-talk zu beginnen, ich fühle mich, wie ins Stolpern geraten, nichts fließt mehr einfach von allein.

Und warum erzähle ich das? Dieses Gefühl haben unendlich viele Jugendliche in unseren Schulen. (Und unglaublich viele Menschen in unserer Gesellschaft). Denn das Schweizer Hotel ist quasi unser deutsches Schulsystem. Auch dort meint niemand irgendetwas böse oder hat gar die Absicht, aktiv auszugrenzen. Es geht einfach nur um den Blick der weißen, akademischen Lehrerin auf das arabisch oder sonst wie „abweichend aussehende“ Kind.

Jede*r Schüler*in, die keine „Kartoffel“ mit bildungsbürgerlichem Hintergrund ist, erlebt tagtäglich, ununterbrochen Abstufungen dieses Gefühls, das mich bereits als selbstbewusste und privilegierte weiße Frau schon in einen „Ich-versteck-mich-dann-mal-besser-im Hotelzimmer-Zustand“ versetzt.

Und worauf ich hinaus will: Ich WEISS, dass dies ohne Absicht geschieht. Ich hatte SELBST diese Wahrnehmung, als ich von Schleswig-Holstein nach Berlin kam, und sie war mir nicht bewusst.

Was ich versuchen möchte ist nur, dass DIESE Tatsache einfach mal erspürt, nachvollzogen und anerkannt wird. Wie fühlt sich jemand, der nicht weiß und nicht akademisch aussieht in unserem Schulalltag? Welches soziale, geistige, menschliche und kulturelle Kapital ist in unseren Schulen wertlos, weil es dort keine Rolle spielt und deswegen unter den Tisch fällt? Und was macht das mit denen, die jahrelang solche Gefühle kompensieren müssen?

Was wäre meine eigene Reaktion im Schweizer Hotel? Wenn ich hierbleiben müsste?

Wir wissen alle, dass die meisten den Weg der Anpassung wählen… Das ist die „I-can-pass-Variante“. Und auch hier bin ich im Vorteil. Ich würde mit der Zeit andere Kleidung wählen, Schweizerdeutsch lernen, versuchen, „so zu sein, wie die anderen“, damit ich nicht mehr „der Alien“ bin. Ich würde versuchen, über Anpassung soziale Anerkennung zu erhalten, um damit mein Selbstwertgefühl zurück zu erhalten. Aber zu welchem Preis? Dennoch KANN ich wenigstens über Anpassung Anerkennung zurückgewinnen, weil es nur um äußere Merkmale und Verhaltensweisen geht, die ich ändern KANN. Andere können ihre Hautfarbe nicht ändern. Das heißt übersetzt: Ich wäre dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit der DEUTSCHE Alien mit den Cowboystiefeln auf der Schweizer-Hotel-Terrasse zu sein.

Ich möchte hier nichts vergleichen. Mir ist vollkommen klar, dass sich meine Situation nicht im Ansatz mit der Situation von Menschen vergleichen lässt, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft diskriminiert werden. Aber ich mache den Versuch, ein Beispiel aus meinem eigenen Erleben zu beschreiben, dass eventuell für das größere Problem sensibilisieren könnte. Und zwar diejenigen sensibilisieren könnte, die bisher das Problem gar nicht wahrnehmen.

Wie auch immer ungerecht die Möglichkeiten der Anpassung sind:

Anpassung widerspricht dem Gedanken der eigenen Integrität und führt uns weit weg von Gleichwürdigkeit. 

Was wäre also der andere Weg?

Noch einmal zurück zur Frühstückssituation im Hotel: Ich könnte in die Offensive gehen. Mein Gefühl ansprechen. Mich erklären. Erklären, woher ich komme, wer ich bin, wie ich diese Situation empfinde. Nicht als Vorwurf, sondern als menschliche Brücke. Und das wäre nämlich dann nichts anderes als der Versuch, Gleichwürdigkeit wiederherstellen. Ein Statusplateau. Eine menschliche Begegnung auf Augenhöhe. Und das Interessante ist: Damit würden sich ALLE besser fühlen.

Denn so eine seltsame Trennlinie fühlt sich ja auch für diejenigen, die sie unbewusst ziehen, nicht gut an. Jedenfalls nicht in der direkten Begegnung. Es löst auf BEIDEN Seiten Verunsicherung aus.

Ein menschlich offenes „Gespräch unter Freunden“ dagegen ist für alle Beteiligten angenehmer und bereichernder! Wir würden voneinander erfahren. Und nichts interessiert ja einen Menschen mehr als der andere Mensch.

Wir würden herausfinden, was jeweils die andere, der andere macht, denkt, fühlt, wie wir jeweils unsere Leben leben, was uns unterscheidet, vor allem aber, was uns verbindet. Denn Beziehungen zu anderen Menschen haben wir alle, die Grundthemen eines Menschen sind im Großen und Ganzen immer dieselben. Es ist tröstlich zu erfahren, wie ähnlich wir uns am Ende doch alle sind.

Was hindert mich also, im Schweizer Hotel, diesen Schritt zu machen? Den Kopf zu heben, zu lächeln und ein menschliches Gespräch zu beginnen? Das Eis zu durchbrechen? Die menschliche Führung für die Situation zu übernehmen? Innen hoch, außen tief zu agieren (Schildkröte, Statuslehre). Was hindert mich??

Ich stelle fest, dass es unglaubliche Überwindung und Kraft kostet, diesen Schritt aus dieser unsicheren Situation heraus zu machen. 

Was ich anregen möchte, ist, diesen Perspektivwechsel zu vollziehen, als ersten Schritt hin zu gesellschaftlicher Gleichwürdigkeit. Denn wenn diejenigen, die sich im Großen und Ganzen sicher fühlen können, VERSTEHEN, dass diese Sicherheit nur auf einem (ungerechten) Zufall beruht, dann können sie im positiven Sinne Demut empfinden und ihre Perspektive zum anderen MENSCHEN hin öffnen. Dann könnten SIE den ersten Schritt hin zu einer menschlichen Kommunikation machen.

Also WIR. Diejenigen, die in dieser Gesellschaft den zufälligen Vorteil haben, nicht wegen Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft ausgegrenzt zu werden.

Dann könnten wir Ungleichheit anerkennen und anfangen darüber zu sprechen. Und ohne etwas vergleichen zu wollen im Sinne von gleichmachen, könnten wir herausfinden, dass wir als Menschen ähnliche Bedürfnisse und ähnlichen Schmerz haben. Gerade WEIL wir den Schmerz der Ausgrenzung oder Abwertung in ANDEREN Kontexten kennen, könnten wir anfangen, MIT ZU FÜHLEN und bestehende Ungleichheit nicht mehr zu leugnen!

Wir müssten nicht immer wieder – wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ von vorne anfangen, die Tatsache von Rassismus und Ausgrenzung anzuzweifeln. Wir „Weißen“ würden uns z.B. nicht mehr angegriffen fühlen (Was?? Es gibt Rassismus? Aber ich bin doch nicht rassistisch?) – sondern wir könnten die strukturelle Dimension sehen und uns als Menschen verbinden, um der Unmenschlichkeit endlich etwas entgegen zu setzen.

Das wäre so wichtig, denn im Moment ist es so: Diejenigen, die sich auf der „Hotelterrasse“ unwohl fühlen, haben sowieso schon den Nachteil, ausgegrenzt zu werden mit all der fatalen Unsicherheit, die das erzeugt. Und ausgerechnet diejenigen müssen derzeit auf dieses Problem hinweisen, wenn sie es ändern wollen. Und dann stoßen sie oft noch auf Widerwillen und Abwehr. Waaas?? Was will die denn jetzt?? In Deutschland kann doch jede*r Abitur machen! Hier kann doch jeder frei sein und tun und lassen, was er/sie/es will!

Theoretisch schon. Praktisch aber nicht.

Sich selbst befreien und der Mensch sein zu können, der ich selbst sein will, also INTEGRITÄT, ist ein Privileg. Die einen starten in diesen Emanzipationsprozess von einem anderen Startpunkt aus, als die anderen. Niemand kann befreit WERDEN. Wir alle müssen dies selbst und aktiv tun. Den Weg zur Integrität und zur Selbstbestimmung erkämpfen. Das ist ein emanzipatorischer Akt. 

Aber die einen haben Vorteile und es wäre der erste wichtige Schritt, dies zu sehen und es zu thematisieren. Damit es nicht immer nur diejenigen tun müssen, die es sowieso schon erheblich schwerer haben.

Deswegen sprechen im Film „12 Jahre ein Untertan?“ diejenigen, die „im Hotel zur Einheimischen-Gruppe gehören“ ZUERST die Problematik an. Damit machen sie den Weg frei, damit allen anderen der Weg zur Erarbeitung der eigenen Integrität offensteht und sie endlich über SICH sprechen können. (Und nicht immer zuerst durch den Walk-of-shame des „Erklärbären“ durchmüssen).

Das wäre so beglückend für alle. Denn wir alle befinden uns irgendwo auf dieser Skala zwischen Anpassung und Entfremdungsgefühlen auf der einen Seite und Integrität und Selbstbestimmung auf der anderen Seite. Wir alle müssen uns Integrität und innere Freiheit erarbeiten. Denn Integrität ist der Schlüssel, um anderen menschlich und gleichwürdig begegnen zu können. 

Und DESHALB müssen wir uns fragen, inwieweit unser Schulsystem „Untertanen“ heranzieht. 

Im Moment ist es so: Diejenigen, die in der „Einheimischen-Sportler-Gruppe“ sind, erkennen das Problem nicht an, weil sie es selbst nicht erleben, leiden aber selbst unter systemischer Fremdbestimmung, weswegen sie andere, die frei sind oder darum kämpfen, freie Menschen zu sein, argwöhnisch beäugen.

Für einen Menschen, der seine eigenen Bedürfnisse und Werte nicht kennt, bzw. diese nicht klar kommunizieren kann, ist ein Mensch, der genau dafür kämpft, eine unangenehme Provokation. Ein Schmerz, der ans Eingemachte geht. Auch DAS ist nämlich ein Teil des blinden Flecks:

Diejenigen, die im Schulsystem zur „Einheimischen-Gruppe“ gehören, fühlen sich derzeit auch nicht gut. Auch sie erleben – ohne es vergleichen zu können! – Fremdbestimmung und haben keine Ahnung, was es bedeutet, für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen wirklich einzustehen.

Es fehlt vielen Lehrpersonen an Integrität und innerer Selbstbestimmung und auch deswegen fehlt die Basis für Gleichwürdigkeit. 

Lehrpersonen, die sich im Schulsystem wie Aliens fühlen und eine Sehnsucht danach haben, das zu tun, woran sie glauben und wofür sie einstehen, müssten den Mut und die Kraft entwickeln, DARÜBER zu sprechen und sich „zu befreien“. Das wäre die Brücke, um sich mit allen anderen zu soldarisieren, die ebenfalls – unter noch viel schwierigeren Bedingungen – für IHRE Integrität kämpfen.

Denn: Wer selbst nicht frei ist, kann in anderen keine Freiheit ermöglichen. 

Der erste Schritt wäre daher, den eigenen Schmerz ernst zu nehmen, statt ihm auszuweichen und sich zu fragen: Warum fühle ich mich nicht gut? Bin ich der Mensch, der ich sein will? Und wenn nicht: Was hindert mich daran? Dies ist die Initialzündung aller Emanzipationsbewegungen. (Beispiele: Harvey Milk, Billy Elliot).

Und dann könnten wir erkennen, dass wir aufbrechen sollten: Vom „Dorf in die Stadt“ und alle miteinander reden sollten – auf der Basis von gesellschaftlicher Gleichwürdigkeit (Vom „Dorf in die Stadt“ ist als Bild gemeint: Im Sinne des im Heimatdorf gemobbten „Freaks“, der in die Großstadt flieht und dort erkennt, dass er gar nicht der „Freak“ ist, sondern ein Mensch unter vielen Gleichgesinnten, die erkannt haben, dass ihr Fremdheitsgefühl nicht an ihnen selbst liegt, sondern an Strukturen, die sie zum „Freak“ MACHEN).

Übersetzt auf den Bildungskontext wäre das „Dorf“ das Lehrerzimmer, in dem sich die einzelne Lehrperson mit ihren Frustrationen vorkommt, wie ein Freak. Und „in die Großstadt aufbrechen“ würde bedeuten, zu SPRECHEN und sich mit all denen zu verbinden, denen es genauso geht. Denn das sind viele. Sowohl Lehrpersonen, als auch Eltern, als auch Heranwachsende.

Wer ALLEINE in der „Freak“-Position auf „der Hotel-Terrasse“, im „Dorf“ oder im Lehrerzimmer für den Mut zur Freiheit eintritt, hat kaum eine Chance. Der Schmerz der Scham und der Ausgrenzung ist zu groß. Wir müssen uns deswegen zusammentun.

Dann könnten wir gemeinsam formulieren, was uns stört und was uns verunsichert und was wir eigentlich brauchen. Wir könnten eine „große WG“ sein, in der jeder Mensch derjenige sein kann, der er wirklich ist. Das ist nicht pathetisch, denn genau genommen sind wir rein faktisch eine Menschheitsfamilie.

Und zusammen könnten wir auf dieser Grundlage Schritt für Schritt herausfinden, was eine Schule (und eine Gesellschaft) von morgen wirklich braucht.

Wir könnten von unseren eigenen menschlichen Bedürfnissen und Grenzen ausgehend GEMEINSAM und MITEINANDER Reibungswärme erzeugen und diese Gesellschaft WEITER entwickeln. So, wie es jede andere Emanzipationsbewegung auch bewirkt hat. Mein Konzept zur Menschlichen Führung ist EIN Vorschlag, der uns dabei helfen kann, diese Aufgabe gemeinsam zu bewältigen. Die ACTeure im Film „12 Jahre ein Untertan?“ machen es vor.

Und abschließend bleibt mir nur noch folgendes zu sagen:

This is a wake up call to a school system and a society in denial:

Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem mangelnden Bewusstsein für die eigene Integrität und die der anderen, der Verneinung von Rassismus in unserer Gesellschaft und der (unbewussten) Verhinderung von wirklicher Vielfalt und Empowerment in unseren Schulen.

Lasst uns damit anfangen, unsere EIGENEN Bedürfnisse und Grenzen ernst zu nehmen, damit wir die Bedürfnisse und Grenzen der anderen sehen und einander menschlich begegnen können.

Erkenne dich selber, frage dich, woher das kommt, dass du dich fremdbestimmt fühlst, suche die anderen, denen es auch so geht und fang an zu sprechen! Bildung braucht die nächste Emanzipationsbewegung. Und also auch dich.

Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet.

Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)). Neben die äußere tritt die innere Emanzipation: als Befreiung aus eigener Unmündigkeit und den Fesseln von Tradition, gesellschaftlichen Normen und vorgegebener Weltanschauung. Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit (im Sinnevon Gleichberechtigung oder Gleichstellung), meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischenStrukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern.

(Wikipedia) 

Maike Plath, 12. August