Kapitel 14: Talfahrt

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Sag mal, wer hat dir denn jetzt ins Gehirn geschissen?

Herr Böhm steht im Lehrerzimmer mit verschränkten Armen vor mir und starrt mich an. Ich suche nach einem Hauch von Humor in seinem Gesicht, aber da ist nix. Der Sheriff ist ultimativ genervt. Und weil mir so schnell keine Antwort einfällt, starre ich nur entgeistert zurück und denke: Scheiße, das ging jetzt aber schnell mit der Mund-zu-Mund-Propaganda… Irgendjemand hat ihm offenbar den Vorfall mit Selina gepetzt. Herr Böhm hat keine Lust, weiter auf eine Antwort zu warten, vielleicht war es sowieso eher eine rhetorische Frage, denn er legt gleich nach:

Selina führt sich da auf wie ne Irre, und du unterstützt das auch noch, oder wie jetzt? Fällst dem armen Künstler da in den Rücken, als ob der das mit unserem Gesocks nicht schon schwer genug hätte. Klasse, Frau Plath. Das nennt man Solidarität unter Kollegen. Toll gemacht. Und was dachtest du, was das für Konsequenzen hat? Ich glaube echt, es hackt! Wenn du dich in den Klassen nicht durchsetzen kannst, ist das ja die eine Sache. Aber offen zum Fehlverhalten aufstacheln, das ist schon ne beachtlich miese Leistung. Da kommt Freude auf. Oder wolltest du mal bisschen einen auf Mutter Theresa machen, die armen, unterdrückten Kinder, und so weiter, oder was? Ich sag dir mal was: Hier sind Kollegen, die sind schon seit den 70-ern hier, unter anderem auch meine Wenigkeit. Wir sind FREIWILLIG an die Hauptschulen gegangen – Stichwort: Das proletarische Kind. Wir haben da bereits alles versucht, das kannste mir glauben. Das ist halt nicht so einfach, wie du noch merken wirst. Aber hier jetzt die Retterin der Armen zu spielen, das ist echt völlig daneben! Du hast ja  keinen blassen SCHIMMER, Mädel! Hier ohne Hirn die Heldin zu spielen, das haben wir gerne! Ich könnte KOTZEN! Und ob Selina da weitermacht, das entscheide ICH höchstpersönlich, das ist immer noch MEINE Klasse.

Er dreht auf dem Absatz um, rauscht aus dem Lehrerzimmer und wirft knallend die Tür hinter sich zu. Ich fühle mich wie in Scheiße getaucht. Das war jetzt wie ein Tritt in den Magen. Mein Hals ist wie zugeschnürt, meine Augen brennen, mit aller Kraft schlucke ich den Impuls loszuheulen runter. Mit wackligen Knien mache ich mich auf den Weg ins Raucherzimmer. Keiner da. Gottseidank. Ich lasse mich aufs Sofa fallen, zünde mir mit zittrigen Händen eine Zigarette an und lasse ein paar Tränen laufen. Dann klingelt es. Gesicht abwischen. Tief schlucken. Tief einatmen. Aufstehen. Rücken durchstrecken und weiter geht’s. Auf in die 8b. 

Als ich die Aulatür aufschließe, merke ich, dass die Wut in mir hochkommt.  Arschloch!  denke ich. Doch ich habe nicht viel Zeit weiter in meinen Wutgefühlen zu baden, denn leider wartet bereits gleich die nächste Herausforderung. Ein Typ in Jeans und Trainingsjacke steht im Gang am Fenster und tritt auf mich zu.  Sind Sie Frau Plath? –  Ich nicke und reiche ihm die Hand.  Ich bin der Freund von Justins Mutter. Sie kann nicht kommen, aber ich muss mit Ihnen sprechen.

Ich habe jetzt Unterricht, können Sie nicht später noch mal wiederkommen, vielleicht so 14.30? frage ich. Er schüttelt den Kopf.

Nee das geht nicht, ich hab Schicht. Dauert auch nicht lange.  Er schiebt sich an mir vorbei in die Aula. Die Klasse tobt inzwischen auf und hinter der Bühne herum. Immerhin kann kein Vorhang abreißen, denn der ist ja nicht mehr da.  Ich muss das mit dem Schwarz-Streichen der Bühne noch regeln,  denke ich, schließe die Aulatür und wende mich Justins Stiefvater zu. Und was kann ich für Sie tun?  frage ich und ahne bereits, dass jetzt nichts Erfreuliches kommt. Der Mann steht breitbeinig da und fixiert mich mit unangenehmem Gesichtsausdruck. Dann legt er los.

Justins Mutter geht`s nicht gut. Aber sie macht sich Sorgen, deswegen bin ich jetzt mal vorbei gekommen, um mir einen Eindruck zu verschaffen und leider scheint der Klassenlehrer ja recht zu haben. Wie heißt der noch mal?  Ich helfe ihm weiter: Herr Böhm.

Ja, genau, Herr Böhm. Der hat meiner Frau erzählt, dass Justin so ne junge Lehrerin hat, die sich nicht durchsetzen kann und dass da kein ordentlicher Unterricht stattfindet. Nur Chaos in der Aula. Und ich muss sagen: Sieht ganz so aus, als ob der recht hat. Sind Sie überhaupt ausgebildete Lehrerin? Justin hat ein Recht auf normalen Fachunterricht. Nicht auf sowas.  Er deutet auf die zugebenermaßen ziemlich lauten Jugendlichen auf der Bühne.

Das müssen Sie schon mir überlassen, antworte ich und bete innerlich, dass ich nicht ausraste jetzt.  Klar bin ich ausgebildete Lehrerin und es würde mich interessieren, was Sie unter normalem Fachunterricht verstehen,  höre ich mich mit übertrieben fester Stimme sagen. Ich spüre, dass ich mich bremsen muss, mich jetzt nicht um Kopf und Kragen zu reden. Ich halte also inne und lasse die Frage einfach mal so im Raum stehen.

Aber der Typ scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Er schaut mich mit verächtlichem Gesichtsausdruck an und erklärt:  Was für mich normaler Fach-Unterricht ist?Ja, das kann ich Ihnen sagen: Strenger, ordentlicher Unterricht wie bei Herrn Böhm. Da wissen die Kinder, woran sie sind. Der lässt nix durchgehen. Da lernen die noch was. Und genau das braucht Justin. Der kriegt seinen Arsch sonst nicht hoch. Und Sie verplempern hier wertvolle Zeit, das sieht man ja. Ich werde mich beschweren. Das lasse ich mir nicht gefallen, dass Ihre Unfähigkeit unserem Justin die Zukunfts-Chancen versaut. Mir fällt tatsächlich nichts mehr ein. Aber der Mann wendet sich jetzt ohnehin zum Gehen und ich mache keinen Versuch, ihn aufzuhalten. Stattdessen rufe ich ihm hinterher:  Dann schönen Tag noch!  und beiße mir auf die Lippen. Inzwischen wird es wirklich höchste Zeit, dass ich mich um das Chaos auf der Bühne kümmere.

So, Schluss jetzt. Sorry für die Verspätung, wir fangen jetzt an.

Was wollte der? – fragt Justin.

Dein Vater?, frage ich. 

Das ist nicht mein Vater. Das ist n Klugscheißer, der nervt, sagt Justin und ich muss mich zusammenreißen, um nicht zu sagen: Da hast du allerdings recht! Ein kleines Grinsen kann ich mir nicht verkneifen. Meine Laune ist um einen Millimeter gestiegen und ich fange an:

Also Leute, mir ist letztes Mal aufgefallen, dass wir noch mehr Karten, also mehr Programme brauchen, damit die Szenen oben auf der Bühne immer spannender werden. Jetzt gibt es auch noch EINSCHUB, FREEZE UND ALLE BLICK INS PUBLIKUM, CATWALK und EMOTIONSKARTEN.

Während der folgenden 20 Minuten lösen wir schreiend und diskutierend alle Probleme, die während des Spiels auftauchen, u.a. auch, was Emotionen sind und dass es mehr davon gibt als Wut und Liebe und wir vereinbaren während des Spielens ständig neue Regeln, die auch wiederum auf Karten geschrieben werden. Für jedes auftauchende Problem muss eine Lösung in Form einer Karte gefunden werden und das Ziel ist, dass es Spaß macht und keiner sich langweilt. Es ist erstaunlich, wie lange das gut geht, sogar jetzt hier mit der ganzen 8b. Taher findet, dass es „wie ein Computerspiel“ ist, was wir machen und nickt anerkennend in meine Richtung. Ach, ist das schön. Endlich funktioniert mal was. Der Zeitpunkt für meine Veto-Idee scheint gekommen. Ich stoppe das Spiel und setze mich zwischen die beiden Gruppen – zwischen Bühne und zuschauenden bzw. Fernbedienungen klickenden Schüler*innen.

Ich führe jetzt für heute die letzte Karte ein, sage ich, und zwar die Veto-Karte. Wenn von unten ein Auftrag kommt, den ihr nicht ausführen wollt, könnt ihr Veto einlegen, das heißt, ihr verweigert den Auftrag. Und zwar so lange, bis wieder ein Auftrag kommt, den ihr ausführen wollt. Ok? Das kann jeder für sich selbst entscheiden.

Einige nicken. Können wir weiter machen?,  fragt Mahmout. Ich habe irgendwie das Gefühl, ich muss das noch etwas ausführlicher erklären, aber sie fangen bereits wieder an zu spielen und ich denke:  Auch gut, vielleicht klärt es sich ja auch von allein.

Das tut es leider nicht. Innerhalb kürzester Zeit schreien alle Veto und lachen sich schlapp, unten vor der Bühne rasten einige aus, weil sie ihre Aufträge nicht mehr durchkriegen und sich von den Spieler*innen auf der Bühne verarscht fühlen – langer Rede kurzer Sinn: Wir sind wieder mal im kompletten Chaos gelandet. Nichts geht mehr. Und es kommt noch besser. Taher ruft:  Gilt das Veto auch für das, was Sie uns sagen?  Ich breche das Spiel ab und „verordne einen Stuhlkreis“. Es dauert 20 Minuten, bis der Stuhlkreis aufgebaut ist und es leise ist. Und in diesem Moment treffe ich meine Entscheidung. Ich denke:  Jetzt oder nie!  und erkläre ehrlich und offen, was ich mit dem Veto Recht eigentlich meine:

Zu Tahers Frage,  sage ich, also zu der Frage: Gilt das Veto auch für das, was ich sage? Ja klar. Es geht mir darum, dass ihr mal rausfindet, was ihr machen WOLLT, und was nicht. Eigentlich können wir nur richtig arbeiten, wenn ihr lernt, klar zu sagen, was für euch geht und was nicht. Erst dann kann ich mit euch guten Unterricht machen.  Ich erläutere das 10-Meter-Turm-Beispiel. Aber es sind bei weitem mehr als drei Sätze und ich komme nicht durch. Es wird unruhig und Taher unterbricht mich mit breitem Grinsen:  Cool. Dann mach ich jetzt Veto und geh nach Hause.  Und er nimmt seine Jacke – und geht. Und noch bevor ich die Chance habe, in irgendeiner Weise darauf zu reagieren, schreit Fatima:  Veto! Veto! Veto! und kriegt einen hysterischen Lachanfall, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringt. Alle schreien Veto!,  springen auf, kippen die Stühle um, einige rennen raus, andere bewerfen sich mit Jacken, wieder andere öffnen die Fenster, beugen sich raus, schreien  Veto! raus auf den Schulhofund scheinen fast zu ersticken vor Lachen– und in all dem Chaos sehe ich in ihren Gesichtern wieder das, was ich längst dachte besiegt zu haben: Diesen Anflug von Gehässigkeit. Mir gegenüber. Diesen Genuss daran, mich auf die Palme zu bringen, bzw. ja, den Genuss daran, mich zu verletzen. Und das killt mich tatsächlich. Ich habe das Gefühl, innerlich zu vereisen. Was soll das, was ist mit diesen Kindern los? Sind die am Ende doch bösartig? Warum genießen sie es so sehr, mich fertig zu machen? Habe ich mir diese Fortschritte der letzten Woche nur eingebildet? Ich setze mich auf einen Stuhl und denke:  Ich lasse es einfach. Ich melde mich krank und schaue, dass ich an eine andere Schule komme. Und wenn das nicht geht, dann fange ich eben im Schuhladen an. Ich kann es einfach nicht schaffen.  Herrn Böhm sehe ich gar nicht hereinkommen. Erst, als er vor mir steht, wird mir klar, dass es immer ein „Noch schlimmer“ gibt. Herr Böhm grinst und reicht mir ein Taschentuch:  Ich dachte, ich komm mal vorbei, man kann bei diesem Lärm ja nirgends im Haus mehr Unterricht machen. Am besten heulste jetzt erstmal ne Runde und dann schauen wir mal, was wir machen können. So geht das ja hier nicht mehr weiter, das ist dir ja klar, oder nicht?  Und es darf nicht wahr sein, aber tatsächlich fange ich an zu heulen. Und Herr Böhm setzt sich neben mich, reicht mir ein weiteres Taschentuch, während die letzten Schüler*innen den Raum verlassen. Die Tür fällt hinter ihnen ins Schloss. Es wird still. Ich heule unkontrolliert weiter. Dies ist mein letzter Tag, denke ich, es ist alles egal. Da spüre ich etwas auf meinem Bein. Ich erstarre. Herr Böhm hat seine Hände da, wo sie nicht sein sollten. In meinem Schritt. Und er beugt sich vor und versucht mich zu küssen. Mir wird augenblicklich so schlecht, dass ich das Gefühl habe, es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette zu schaffen. Ich springe auf, der Stuhl kippt nach hinten, wegen Tränen und Rotz sehe ich nur verschwommen, ich raffe meine Sachen zusammen und schaffe es irgendwie aus der Aula. Bloß raus hier. Ich renne, stolpere die Treppen runter. Hoffentlich sieht mich keiner. Gleich hab ich es geschafft. Da ist der Ausgang. Nur noch durch diese Tür. Ich greife nach der Klinke. Ups. Die Tür geht von selber auf. Und von draußen kommt herein – mit einem Eimer und einer Schaufel – der Hausmeister. Mist. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Er schaut mich an. Ich schaue auf den Boden. Schweigen. Dann er:  Was ham se denn mit IHNEN anjestellt? Noch immer schaut er mich direkt an. Ich versuche, einen Satz zu formen aber es kommt nur ein undefinierbares Geräusch aus meiner Kehle. Ich setze noch mal neu an, aber es kommt nichts raus und irgendwie füge ich mich meiner Sprachlosigkeit und merke: Vielleicht ist das jetzt auch einfach mal ne Situation ohne Worte. Auch Herr Schulz scheint es zu bemerken. Er stellt erstmal umständlich und scheppernd Eimer und Schaufel ab. Dann schaut er, schaut wieder weg, seufzt.  Na, denn kommse mal mit. So kann ick Se ja nich alleene nach Hause schicken, dit is jetzt Zeit für n Kaffee, wa? – Er schaut mich an. Oder fürn n Pils….?  Da ich immer noch nichts sage, schiebt er mich sanft aus der Tür und bedeutet mir, mit zu kommen. Wohin auch immer, denke ich und trotte etwas belämmert hinter ihm her. Herr Schulz schließt die Tür zum Hausmeister-Kabuff auf. Drinnen ein dunkler Flur. Zigarettenrauch. Wir biegen um die Ecke. Eine kleine Küche mit einem schweren runden Holztisch in der Mitte, an der Wand eine Art Werkbank mit allem möglichen Zeugs, Schrauben, Schlüssel, ein Werkzeugkasten, ein Bohrer, verschiedene metallische Gegenstände, ich vermute ausgebaute Schlösser oder sowas. Zwei Typen sitzen da und qualmen, Bild Zeitung liegt auf dem Tisch, ein kleiner Fernseher flimmert auf einem Schränkchen daneben, irgendein Fußballspiel, die beiden trinken Sternburg Pils aus der Flasche. Herr Schulz nuschelt irgendwas und öffnet einen brummenden, fleckigen Kühlschrank in der Ecke, der vollgeklebt ist mit irgendwelchen Stickern aus den 80-ern, so sieht es jedenfalls aus.  Ick denke, n Pils is anjebracht?  fragt er und reicht mir ein Sternburg Pils. Ich nicke und nehme die kalte Flasche entgegen. Einer der beiden rauchenden Typen reicht mir einen Öffner. Kurzer Blick auf meine Armbanduhr: 13.40 Uhr. Ich hab keinen Unterricht mehr. Aber es fühlt sich ohnehin gerade alles ein bisschen nach „egal“ an. Ich öffne die Flasche, Herr Schulz hat seine bereits mit einem Feuerzeug geknackt, die „Jungs“ am Tisch deuten mit einem Nicken eine Prost-Geste an, nuscheln ihre Namen in meine Richtung, Olli, Jens, Maike, wir nicken uns zu und dann nehme ich einen großen kalten Schluck Bier und nehme das wohltuende Wärmegefühl im Magen zur Kenntnis. Wow. Ich fühle mich plötzlich so müde, als könnte ich auf der Stelle einschlafen. Offenbar erwartet auch niemand groß irgendeine Unterhaltung von meiner Seite. Friedlich sitzen die Männer da am Tisch, schauen auf den kleinen Bildschirm und trinken ihr Sterni. Alles gut. So vergeht eine Weile in angenehmen Schweigen, bis das Bier anfängt zu wirken und ich wieder ein wenig munterer werde. Ich schaue zu Herrn Schulz rüber und sage: Ja, danke übrigens. Das ist echt nett. Er winkt ab. Keene Ursache. Wieder ein paar Minuten wohlige Stille. Dann er: Dit mit dem Vorhang in ner Aula… Dit kann so nich bleiben, dit sieht ja nich jut aus. Wenn Se den nich wieder ofjehängt haben wolln, was ham Se sich denn jedacht? 

Und ich: Ich dachte, wir könnten vielleicht die ganze Bühne schwarz streichen? Herr Schulz zieht die Augenbrauen hoch,  wer is denn „wir“? 

Ach so, ich dachte vielleicht ein paar aus der 8b und ich. 

Herr Schulz stellt sein Bier auf dem Tisch ab und beugt sich vor: Also dit kommt jar nich in Frage. Meinen Se, ich lass die Chaoten da ran? Da könn wa anschließend alles noch mal neu streichen und ham zusätzlich noch ne Sauerei. Nee, dit mach ich lieber selbst mit meenen Jungs, wa?  Er schaut zu den beiden anderen, die weiterhin auf den Bildschirm schauen, aber ihre Daumen heben und nicken. Ja, dit is ja keene schlechte Idee – und dit wolln Se fürs Theater? Und keenen Vorhang? – Ich: Nee. Ich finds ohne Vorhang besser. Herr Schulz zuckt mit den Schultern. Mir soll`s recht sein. Könn wa nächste Woche machen, würd ick sagen, wa? Wieder ein Nicken der beiden Kollegen am Tisch. Ich staune. Jetzt streicht Herr Schulz die Bühne für mich, oder wie? Ich merke aber, dass es jetzt unangebracht wäre, meine Überraschung und Freude zu extrem raus zu lassen. Stattdessen wende ich mich jetzt noch mal mit all meiner Aufmerksamkeit Herrn Schulz zu, lasse zumindest ein kleines Lächeln raus und sage: Das ist wirklich wahnsinnig nett! Das freut mich total. Vielen Dank, Herr Schulz. Er brummelt irgendwas wie Keen Ding, dit muss ja ohnehin jemacht werden, steht auf und beginnt an einem der Schlösser auf der Werkbank rumzuhantieren. Ich habe das Gefühl, dass es Zeit ist zu gehen und verabschiede mich bei den drei Herren, die mich irgendwie gerettet haben heute und mache eine Notiz an mich selbst, nämlich: Es ist alles doch immer wieder anders, als man denkt. Kurze Zeit später sitze ich in der U8 auf dem Weg nach Hause. Von dem Vorfall in der Aula spreche ich nie mehr ein Wort. Schon der Gedanke daran ist so unangenehm, dass ich beschließe, dass es nicht passiert ist. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie, also in welchen Worten ich DAS überhaupt erzählen könnte. Es kommt mir zu ungeheuerlich, zu absurd vor. Und was würde es in der Konsequenz bedeuten? Es macht mir Angst. Also richte ich meine Gedanken auf andere Dinge. Ich kriege jetzt eine schwarze Bühne und mein Leben hier geht weiter und also schaue ich nach vorn. Am nächsten Tag mache ich einen großen Bogen um Herrn Böhm, doch das ist gar nicht so schwer, denn auch er scheint kein Interesse daran zu haben, mit mir zu sprechen. Den Vorfall mit Selina erwähnt er auch nie mehr. Und Selina bleibt im Projekt. Mit wem ich allerdings noch mal über Selina spreche, ist der Tänzer. Wir treffen uns auf einen Kaffee in Kreuzberg und ich versuche ihm zu erklären, warum ich ihm quasi in den Rücken gefallen bin, dass mir das leid tut und wie ich die Sache aber grundsätzlich sehe. Zu meiner Überraschung ist er ganz und gar auf meiner Seite, erzählt von Royston Maldoom, mit dem er im letzten Projekt zusammengearbeitet hat und dass er nur aus Überforderung so krass reagiert habe. Weißt du, erklärt er mir, ich finde mich selber ganz schrecklich, wenn ich da so die Nerven verliere. Ich will das eigentlich gar nicht. Aber manchmal werden halt auch meine inneren Muster getriggert. Ich rede noch mal mit Selina. Ich glaube, wir kommen jetzt sehr gut klar. Und zum Veto-Gedanken: Ich finde es genau richtig, wie du das siehst, und ganz ehrlich: Ich würde dran bleiben an deiner Idee mit dem Veto. Das ist logisch, dass die erstmal Rabbatz machen. Aber das hat ja nichts mit dir oder der Idee zu tun. Die müssen doch erstmal alles abreagieren, was die ansonsten an Demütigungen in diesem Schulsystem schlucken müssen. Deswegen drehen die doch auch immer erstmal so am Rad in unseren Projekten. Kaum ist ein bisschen Freiheit da, müssen die erstmal ordentlich Dampf ablassen. Aber nach einiger Zeit wird das besser. Die müssen erstmal Vertrauen gewinnen. 

Diese Worte wirken auf mich wie reine Medizin. Ich kann es gar nicht fassen, dass im Ganzen die Dinge gar nicht SO schrecklich sind, wie ich dachte. Und also richte ich mich wieder auf und gehe erneut in die Arena mit der 8b – um es noch einmal mit dem Veto-Recht zu probieren. 

Kapitel 13: Veto!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Berlin 2005: Meine „Forschungsarbeiten” mit den Klassen in der Aula zeigten ziemlich schnell, dass es deutlich besser lief, wenn ich einfach INSGESAMT nur noch Theater machte. Mathe, Deutsch, Englisch, Musik, …lief alles nicht. Dann flogen Stühle durch die Gegend, Sachen gingen kaputt und es herrschte Tohuwabohu. Theaterunterricht, wie ich ihn in der Ausbildung in Bullerbü gegeben hatte, funktionierte zwar AUCH nicht, (das fing schon mit den Warm-ups an, die von den Schüler*innen als “schwule Spiele” bezeichnet und boykottiert wurden) – aber: Zumindest in kleineren, meist von mir ausgedachten, Übungen kehrten ihre Blicke zu mir zurück und ich schaffte es trotz häufig herrschendem Chaos Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Von außen sah es weiterhin so aus, als ginge alles „drunter und drüber“, aber auf einer darunterliegenden Ebene spielten wir gemeinsam alle Facetten der emotionalen Skala miteinander durch: Wir lachten viel, schrien uns dann wieder an, waren unfassbar wütend aufeinander, und schlossen dann wieder Frieden. Es wurde geheult, gestritten und gealbert – und ein bisschen Theater gespielt. Und so ganz nebenbei begann auf diese Weise auch die Theater AG, die ich anfangs für ein unmögliches Unterfangen gehalten hatte. Für meinen selbst beschlossenen Forschungsauftrag machte ich eine Notiz an mich selbst: Die Leute denken immer, es ginge darum, die Kinder leise zu kriegen, aber darum geht es erstmal gar nicht. Leise kriegt man sie, wenn überhaupt, nur dann, wenn wir sie erstmal aushalten, so, wie sie sind. 

Von Woche zu Woche fanden sich nach und nach immer mehr Jugendliche ein, standen um 14.30 Uhr vor der Aulatür und fragten, ob sie „bei der Theater AG noch mitmachen könnten“. Ja, klar, kein Ding, wir sind ja erst vier. Ja, klar, wir sind ja erst sechs. Ja, klar, wir sind ja erst neun, … und so weiter. Im November waren es 14, 11 davon aus der 8b. Dabei blieb es vorerst. Und ich fand: Diese 14 waren PERFEKT. Drei Mädchen: Selina, Fatima und Shirin. Der Rest Jungs, darunter Chris, Mahmout, Taher. Ganz am Schluss schlenderte auch noch Justin mit gesenktem Kopf und Kapuze durch die Tür und brummelte:  Also ich will nur Technik machen, ich spiel auf keinen Fall Theater!  – Und ich, hocherfreut:  Ja, klar, super.  Ich konnte es nicht fassen: Justin kam zur Theater AG! Das größte Problem zu Beginn war, dass alle ununterbrochen Sketche spielen wollten. Ganz egal, was ich vorschlug, immer tobten nach kürzester Zeit mindestens fünf Jungs unkoordiniert auf der Bühne herum und spielten „SEK-Einsatz“, „Einbruch beim Späti“, „Drogen verticken in der U-Bahn“, „Abzocke auf dem Schulhof“ oder „Gang-Schießerei in der Sonnenallee“, und hatten unfassbar Spaß, während die anderen eine Weile halb amüsiert, halb gelangweilt zuschauten, dann aber die Lust verloren und sich – leider ziemlich laut – mit anderen Dingen beschäftigten.  Hey!,  versuchte ich einzugreifen,  ihr habt eure Zuschauer verloren! Ihr müsst das schon irgendwie auf den Punkt bringen, was ihr da auf der Bühne erzählen wollt und nicht einfach stundenlang rumimprovisieren! Könnt ihr nicht mal versuchen, kürzer zu spielen und etwas wiederholbar zu machen?  Aber meine Einwände blieben meistens völlig vergeblich. Wenn ich versuchte, ihnen Vorschläge zu machen, wie sie eine Szene zumindest teilweise ästhetisieren und dem Ganzen eine Struktur geben könnten, kam ich mir immer vor wie die “Spaßbremse” oder die Mecker-Tante, die etwas Lustvolles auf einen Schlag in etwas Mühsames, Nerviges verwandelte. Ich erntete dann bockige Blicke, verschränkte Arme und leider keinerlei Einsicht, geschweige denn Besserung. Sie VERSTANDEN einfach nicht, was toll daran sein sollte, eine Zeitlupe oder einen Freeze einzubauen. Wie sollten sie auch?  Die Frau findet doof, was wir machen und verdirbt uns allen Spaß!  – Das war alles, was sie von meinen Einwänden mitnahmen. Tja. Wie konnte ich ihnen beweisen, dass ihre Szenen unterhaltsamer wurden, wenn sie Handwerkszeug anwendeten? Und wie konnte ich ihnen Handwerkszeug vermitteln? Reden fiel als Möglichkeit des Wissenstransfers weitestgehend aus, weil niemand mir über eine längere Strecke als drei Sätze zuhörte. Und in drei Sätzen war es ja nicht getan. Und Arbeitsbögen hatte ich abgeschafft. Weil: Es war zum Lachen, was passierte, wenn ich ein Arbeitsblatt austeilte. SOFORT war alles Lebendige aus ihren Augen verschwunden und sie fingen augenblicklich an, in ihren Schüler-Roboter-Rollen einzurasten. Ich lernte Schritt für Schritt, dieses Einrasten zu vermeiden. Alles war besser, nur nicht diese festgefahrenen Rollen. Also bloß keine Arbeitsbögen! Und niemals länger als drei Sätze am Stück reden! Und nicht meckern! Nicht belehren! Nicht die Besserwisserin raushängen lassen! All das führte – Zack! – zum Stillstand. Zum Einrasten in den Schüler-Lehrer-Rollen! Aber wie konnten wir jetzt in einen gegenseitig bereichernden Flow kommen? Wie konnte ich ihnen Informationen vermitteln und sie mir? Wir konnten wir KOMMUNIZIEREN? Ohne Opfer zu sein? Ohne Herrschaft und ohne Unterwerfung? Das war die große Forschungsaufgabe. Weil dieses Fragen viel zu groß waren, fing ich im ganz Kleinen an. Wie kann ich das Sketche-Problem lösen? Was wäre, wenn diejenigen, die gelangweilt vor der Bühne sitzen, selbst eingreifen könnten, um die Sache für SICH spannender zu machen? So, wie man beim Fernsehen ein anderes Programm wählt? Ich brachte alte Fernbedienungen mit und teilte sie an die Zuschauenden vor der Bühne aus. Zu ihren Füßen auf dem Boden legte ich vier Din A 4 Blätter, auf denen stand: „Freeze“, „Zeitlupe“ und „Zeitraffer“ und „Ideen-Joker“.  Es gibt jetzt Spielregeln,  erklärte ich.  Damit es nicht langweilig wird. Sobald euch langweilig wird, könnt ihr das Programm auf der Bühne ändern. Ihr steht auf, klickt die Fernbedienung und ruft „Freeze!“, „Zeitlupe“, „Zeitraffer“ oder irgendwas, was euch selbst einfällt – das ist der Ideen-Joker.  Mit diesen drei Sätzen kam ich so einigermaßen durch. Dann brach erstmal wieder Chaos aus, weil alle auf den Fernbedienungen rumdrückten und irgendwelche Sachen wild durcheinander schrien. Ich zwang mich zur Ruhe und wartete. Irgendwann riefen die ersten:  Wann geht denn das Spiel jetzt los? Ich lächle, zucke mit den Schultern und forme mit den Lippen den Satz:  Keine Ahnung…  Weitere fünf Minuten Chaos. Dann ruft Fatima:  Ey! Jetzt seid mal leise! –  …Danke, Fatima, denke ich und werfe ihr ein kleines Grinsen zu. Weitere fünf Minuten Chaos. Jetzt schreien schon drei Leute  Ey, seid mal leise! Lass ma anfangen!  Ich nicke, stelle mich aber auf weitere Wartezeiten ein. Ein weiteres neues Ergebnis meiner Forschungsarbeit ist: Ich trainiere das „Vergnügte Warten – egal wie lange es dauert“. „Vergnügtes Warten“ ist etwas anderes, als „Genervtes Warten“. Das „Vergnügte Warten“ beinhaltet, dass ich zunächst mal einen klaren Auftrag durchbringe, der zumindest einen Hauch von Neugier bei den Jugendlichen erzeugt. Und dann scheint diese Methode des „Vergnügten Wartens“ die Jugendlichen irgendwann auf die Palme zu bringen – denn dieses Warten kann ich im Zweifel bis zum bitteren Ende der Stunde durchziehen – und das spüren sie. Wie gesagt: Das klappt allerdings tatsächlich nur dann, wenn ich es vorher geschafft habe, sie zumindest ein ganz klein wenig gespannt zu machen auf etwas, das vielleicht, vielleicht Spaß machen könnte. Ich denke an den Unterschied zur früher gelernten Forderung: Warten, bis es leise ist. Und warum das immer nicht funktionierte. Das „Vergnügte Warten“ ist ein großer Unterschied. Und der kommt durch einen klaren Start mit einer neugierig machenden Ankündigung und einer darunterliegenden Haltung vollkommener Gelassenheit zustande, der Fähigkeit, im Moment bleiben zu können, in Ruhe alles wahrzunehmen und sich nicht aufzuregen. Das schaffe ich zunehmend länger auszuhalten, indem ich in solchen Situationen folgendes denke:  Wir haben alle Zeit der Welt. Wenn es diese Stunde nicht klappt, klappt es nächstes Mal. Und wenn es dann immer noch nicht klappt, dann eben übernächstes Mal. Aber ich verschwende hier keine unnötigen Kräfte mehr, indem ich sinnlos rumbrülle oder mich aufrege. Es kommt, wenn es kommt. Und bis dahin schaue ich mir mit guter Laune das lustige Chaos an, das hier läuft.  Das Ganze ist einfach nur Gedanken-Disziplin vom Feinsten.Am Anfang halte ich mit diesem Mindset fünf Minuten durch, bis ich dann doch sauer werde. Dann zehn Minuten. Nach einiger Zeit kann ich locker 20-25 Minuten durchhalten. Und irgendwo da muss scheinbar eine Grenze sein. Denn es dauert nie länger als 25 Minuten, bis sich etwas verändert. Entweder es kracht dann richtig (im wahrsten Sinne des Wortes „bis einer heult“) – oder es wird leise. Ich arbeite innerlich hart daran, beides gleich gut zu finden. Letztendlich ist es ja auch so. Denn wenn es kracht, gibt es in meiner bisherigen Beobachtung so eine Art kathartischen Effekt: Ich raste dann ebenfalls aus und beende die Probe distanziert und ohne Versöhnungsangebot – in einer emotionalen Verfassung in der Art von:  Na gut, dann mach ich halt Schluss – Tschüss.  Und das ist eigentlich meine größte Erkenntnis: Ich DARF sauer werden. Ich muss meine Wut nicht runterschlucken. Es funktioniert viel besser, wenn ich ihnen zeige, was ich fühle, und ihnen deutlich sage, warum ich wütend bin. Diese sogenannte professionelle Distanz, die im Lehrerberuf immer so der Maßstab ist, ist hier GAR NICHT hilfreich, denke ich. Die Jugendlichen sind extrem versierte Experten*innen darin, mir die Maske der formalen Lehrer*innen-Rolle runter zu reißen und sie lassen eh nicht locker, bis sie mich als Menschen spüren können. Denn das ist es, was sie wollen – und vielleicht auch brauchen. Und viel professioneller scheint es mir zu sein, mich gleich von vornherein authentisch zu zeigen – mit all meinen Gefühlen und auch Schwächen. Denn DAS wissen sie zu würdigen. DAS erzeugt bei ihnen Respekt. Der formal „labernde“ Sozialpädagoge ist für sie ein „Opfer“, der sich hinter institutioneller Macht versteckt und sie mit seiner Distanz als Mensch herabsetzt. Dies auch noch mit unfairen Mitteln, denn gegen die institutionelle Macht können sie nichts ausrichten. Respekt aber haben sie vor jemandem, der den Mut aufbringt, sich in all seinen menschlichen Facetten zur Verfügung zu stellen und den sie in der Folge spüren können. Vor jemandem also, der sich nicht hinter einer formalen Rolle verbirgt, die ihm einen Machtvorteil beschert, sondern der als Mensch SELBST Verantwortung übernimmt und sich einer echten menschlichen Begegnung stellt. Später lernte ich in der Fernsehserie „The Wire“ den Satz „I feel you, brother!“ und dachte: Genau. DAMIT hat es zu tun. Sie wollen mich fühlen – als Mensch. Und dann fangen sie an, zu kooperieren. Und was ich meine ist: sich zeigen, wenn wir Gefühle haben, die wir an uns NICHT mögen. Also nicht sich zeigen, wenn ich sowieso alles im Griff habe. Das ist ja einfach. Nein. Sich zeigen, wenn einem der Arsch auf Grundeis geht. DAS meine ich.  Und natürlich braucht es darunter eine innere Haltung der Sympathie und Solidarität mit den Jugendlichen : So nach dem Motto: Wer bist du wirklich, du kleiner Giftzwerg? Wie kann ich dich finden und deinen Aggro-Schutzpanzer knacken, damit wir endlich das tun können, was uns BEIDE weiterbringt?  Ich lernte also Schritt für Schritt diese Angst zu überwinden, dass alles im Arsch sein könnte, wenn ich „auf einen Gang ehrlicher, offener“ schaltete. Das Gegenteil war der Fall. Die Kinder wussten – natürlich – dass es keine perfekten Menschen gibt. Und sie konnten das sehr anerkennen, wenn ich quasi Auge in Auge mit ihnen in die menschliche Arena der Auseinandersetzung ging. Für mich war das aber erstmal unglaublich schwer, weil ich wahnsinnige Angst vor Stress hatte und davor, mich verletzlich zu zeigen. Ich lernte aber, dass es letztendlich genau darum ging: Die hierarchischen Rollen Lehrerin – Schüler*innen abzulegen und als Mensch Verantwortung zu übernehmen. Und mit jeder Stunde übte ich das weiter und stellte fest: Es kostete Mut und emotionalen Kraftaufwand. Aber alles wurde dadurch produktiver und sinnvoller als alles, was ich bisher als Lehrerin versucht hatte. 

Nachdem ich mir erlaubt hatte, dieser neuen Theorie „der echten menschlichen Begegnung“ zu folgen, schaffte ich auch das mit dem „vergnügten Warten“ wesentlich gelassener, was den Effekt hatte, dass ich immer weniger lange warten musste.

So auch heute. Schon nach ca. 10 Minuten sitzen alle mit ihren Fernbedienungen da, rufen hin und wieder noch genervt „Psst!“ in die Gegend und fuchteln den Jungs auf der Bühne zu, dass die endlich anfangen sollen. Und diese machen ebenfalls einen – vom langen Warten – eher erschöpften als aufgedrehten Eindruck. Es kann also losgehen. Ich habe Raum für meine nächsten drei Sätze, in denen ich „Freeze“, „Zeitlupe“ und „Zeitraffer“ erkläre. „Ideen-Joker“ geht bereits im Lärm unter, aber sie kapieren es auch so.  Es regnet Blut!  brüllt Taher – und ich denke: Geiler Ideen-Joker… Das Spiel beginnt… Und ich stehe am Rand und schaue zu, wie sie – endlich – wie Kinder im Spiel versinken – sowohl oben auf der Bühne wie auch davor. Dauernd wird geschimpft und geschrien, weil irgendwas unklar ist, aber alles bezieht sich auf die Spielregeln und was zwischen Zuschauenden und Spielenden vor sich geht und ich sehe die allerersten Standbilder in diesem Schuljahr. Ich denke  Geht doch!  und klopfe mir innerlich auf die Schulter. Aber dieser kleine Anfall von Hybris wird natürlich sofort wieder bestraft. Denn das Glück hält nicht lange an. Die Probleme beginnen mit Regie-Aufforderungen wie:  Alle geben sich jetzt Nackenschläge!  Sekunden später artet das Spiel auf der Bühne in eine wilde Prügelei aus. Ich muss abbrechen.  Aber Sie haben gesagt: Alles was uns einfällt!  mault Chris und Taher grinst:  Ja genau, ist doch lustig, beste Szene man, wallah!  – Scheiße, ich bin wieder in der Mecker-Tanten-Position gelandet. Ich versuche zu erklären, warum „Nackenschläge-Verteilen“ kein adäquater Auftrag ist, merke aber selbst, wie ich ins Schlingern gerate. 

Fuad: Aber wir geben uns IMMER Nackenschläge. Sie haben gesagt, im Theater ist alles erlaubt!

Ich: Ja aber keine Gewalt!

Taher rollt abfällig mit den Augen: Dann ist Theater scheiße. Wenn man nicht zeigen darf, wie es IST! Isch FICKE Theater, man! 

Ich: Doch, doch, Gewalt zu ZEIGEN ist erlaubt, aber es darf nicht WIRKLICH… 

Weiter komme ich nicht, weil sich jetzt alle lautstark beschweren, dass Theater also scheiße ist, dass man NIX darf, dass sie dann lieber boxen wollen. 

Ich (dazwischen schreiend):  Aber was ist denn der Unterschied? Beim Boxen gibt`s doch auch Regeln!

Taher:  Ja, und was sind die Regeln beim Theater? Keine Gewalt?Tsss… (und da ist sie wieder, diese wegwerfende Geste mit dem herablassenden Schnalz-Geräusch). 

Der Rest versinkt im Chaos. Alles klar. Neues Problem. Neue Forschungsaufgabe: Wie sind die Regeln beim Theater? 

Ich lerne unerwartet eine der wichtigsten davon durch Selina. Und zwar in meinem ersten außerschulischen Theaterprojekt. 

Nach Erscheinen des Kinofilms „Rhythm is it“ gibt es in Berlin plötzlich einen Haufen Tanzprojekte. Und da ich jeden Impuls von außen annehme, um der inneren Hölle des Sheriff-Imperiums zu entkommen, habe ich die Theater AG bei einem Tanzprojekt angemeldet. Zusammen mit einer anderen AG von der benachbarten Kepler Hauptschule werden wir sechs Wochen lang einmal die Woche ganztägig mit einem professionellen Tänzer und Choreografen arbeiten. Anschließend ist eine Zusammenführung mit anderen Gruppen von anderen Schulen geplant, gemeinsame Haupt- und Generalprobe und öffentliche Präsentation im ICC am Alexanderplatz. Meine heimliche Hoffnung dabei ist natürlich, dass die Jugendlichen auch noch von anderer, professioneller Seite mitnehmen, warum es ganz cool sein könnte, SEK-Einsatz nicht ausschließlich realistisch und sketchartig auf die Bühne zu bringen. Im Lehrerzimmer ernte ich mal wieder Kopfschütteln.  Na, du bist ja mutig. Das ist ein total renommiertes Projekt. Berliner Philharmoniker. Simon Rattle. Und da willst du mit unseren Vollpfosten mitmachen? Das wird doch ne Katastrophe. Die können sich doch nicht zwei Minuten benehmen! Und dann noch zusammen mit den Keplers. Ach du Scheiße… Aber wirste ja selber sehen…   Ja, werde ich selber sehen. Sehe ich dann auch. Also. Was das Problem ist: Nämlich genau die Renommiertheit des Projektes. Diese Haltung dazu. Und die Erwartungen, die daran geknüpft sind. Und wie sich mensch in so einem renommierten Rahmen – hierarchisch – zu verhalten hat. Von Anfang an ist klar, dass „meine“ Jugendlichen und die Kepler Jungs (es waren nur Jungs) DANKBAR sein sollen, das sie als VOLLCHAOTEN an so einem TOLLEN Projekt teilnehmen dürfen und sogar von der Schule dafür beurlaubt werden, obwohl doch jeder weiß, dass Mathe, Deutsch, Englisch viel wichtiger für diese Asozialen wäre. Ganz selbstverständlich entsteht der Eindruck, dass ein großer Künstler sich hier hergibt, um mit diesen »schwierigen Jugendlichen« zu arbeiten. An einem BRENNPUNKT. Oha. Die Jugendlichen sollen gefälligst dankbar sein für diese tolle Erfahrung, die man ihnen hier unter großen persönlichen Opfern ermöglicht. Herr Böhm und Frau Rische werden nicht müde, mir diese Sichtweise jeden Tag unter die Nase zu reiben und mir einzubläuen, dass ich beim „kleinsten Verstoß“, beim „kleinsten Daneben-Benehmen“ der Kinder dieses Projekt sofort abzubrechen habe. Dasselbe wird den Jugendlichen tagtäglich von Herrn Böhm eingeschärft. Im Lehrerzimmer höre ich ihn allerdings prahlen:  Ja, mann muss ja der Kollegin Plath den Rücken freihalten. Alleine hat die ja nicht den Hauch einer Chance das durchzuziehen. Die ist halt noch „frisch“ (hö, hö) und völlig naiv und macht dann natürlich solche Sachen. Projekt mit den Berliner Philharmonikern. (lautes schein-amüsiertes Lachen). Und nee, nee, nicht dass das jetzt jemand hier falsch versteht! Ich find das ja GUT! So`n bisschen naiver Optimismuskann ja nicht schaden! Aber ist schon klar, dass ich da als Klassenlehrer nen Haufen Arbeit habe, denn dass die Kleene  (er meint mich)  die Bande nicht im Griff hat, ist ja logisch. Heißt: Ich muss meine Vollpfosten da ORDENTLICH ein-NORDEN, damit diese Schnaps-Idee ÜBERHAUPT ne Chance hat. Aber nee, mach ich ja gerne. Die Plath ist ja eigentlich ne ganz Süße, der halt ich doch gern den Rücken frei…  So in etwa verklickert er es auch in Dauerschleife seinen elf Theater-Schüler*innen der 8b. Die Startvoraussetzungen sind also „super“… 

Ich lasse mich nicht beirren. Hauptsache mal raus hier und irgendwie wird es schon klappen, ich habe eine seltsame Zuversicht und ertappe mich bei dem Gedanken, ob ich wohl TATSÄCHLICH naiv bin. Scheiß der Hund drauf. 

Und dann beginnt das Projekt. Der Tänzer arbeitet mit den Jugendlichen unserer AG und den Kepler Jugendlichen in der Aula. Ich sitze, gemeinsam mit der Klassenlehrerin der anderen AG Kinder und den Kepler Kollegen, während der Proben immer am Rand und schaue zu. Herr Böhm lässt sich – zu meiner Erleichterung – nur sehr sporadisch blicken. Er hat Wichtigeres zu tun, als bei so einem Projekt auf der Bank zu sitzen, wie er sagt.  Selina, die sich nur zögerlich bereit erklärt hat, mit zu machen, hat dem Tänzer gleich zu Beginn der ersten Probe klargemacht, dass sie nur mitmachen könne, wenn »niemand sie anfasse«. Ich kriege ein schlechtes Gewissen und frage mich, ob das mit der Nackenschläge-Problematik der letzten Theaterstunde zu tun hat. Selina gibt allerdings gar keine Begründung, in ihrem Anliegen ist sie aber vollkommen klar.  Ich kann nur mitmachen, wenn mich keiner anfasst.  Der Tänzer nickt etwas unkonzentriert und sagt, das sei »kein Problem«.  Wie mutig und klar, dass sie ihre persönliche Grenze gleich zu Beginn so unmissverständlich benennt, denke ich und beobachte vom Rand aus das Geschehen. Beim Warm-up zu Beginn geht noch alles gut. Aber dann leitet der Tänzer kleine Hebefiguren an und die Jugendlichen sollen zu zweit arbeiten und sich gegenseitig kurz hochheben. Selina bleibt mit verschränkten Armen im Raum stehen und sagt, dass sie das nicht will. Daraufhin geht der Tänzer auf sie zu, legt mit freundlichem Gesicht seine Hände auf ihre Hüften und sagt:  Schau mal, das ist gar nicht schlimm. Ich mache es einfach mal vor…

Selina rastet aus. Und ich meine jetzt RICHTIG ausrasten. Volles Programm. Sie schreit und feuert eine Kanonade an Flüchen ab, dann schubst sie den Tänzer mit voller Wucht von sich. Jetzt explodiert auch der Tänzer und brüllt Selina zusammen. Aber statt, dass sie zurückweicht, wie ich es erwartet hätte, reißt sie den Kopf hoch und brüllt in voller Lautstärke zurück. Es hört gar nicht mehr auf. Der Tänzer versucht sie zu überschreien, aber rhetorisch ist sie ihm in der Vielfalt ihrer Beschimpfungen haushoch überlegen. Die gesamte Gruppe steht stumm im Raum und starrt die beiden an. Einige grinsen. Der Schlagabtausch dauert unendlich lange drei Minuten. Und es ist allen vollkommen klar, wie er endet: Mit Selinas Rausschmiss. Logisch. Der Tänzer fordert Selina in lauten, scharfen Worten auf, den Raum zu verlassen, er könne mit solchen »unerzogenen Gören« nicht arbeiten, sie brauche nicht mehr wieder zu kommen, er werde den Vorfall bei der Schulleitung melden, sie sei raus. Ende Gelände. 

Selina wirft mir einen kurzen bebend wutverzerrten Blick zu und zögert den Bruchteil einer Sekunde. Das ist meine Chance. Ich mache eine winzige beschwichtigende Geste mit meinen Händen und gebe ihr zu verstehen, dass sie einfach erstmal zu mir auf die Bank kommen soll. Selina steht noch ein paar Sekunden mit hochrotem Kopf im Raum, dann stampft sie wutentbrannt auf mich zu und lässt sich neben mich auf die Bank fallen. Ich habe Herzrasen. Ich weiß GENAU: In einer vergleichbaren Situation früher als Jugendliche in einem solchen Projekt hätte ich mich NIE im Leben getraut, einer Autoritätsperson SO entgegenzutreten. Ich stelle fest, dass ich emotional völlig durch den Wind bin. Irgendetwas hat mich zutiefst getroffen und ich versuche diesem krassen Gefühl in mir nachzugehen. Was ist das? Ich empfinde »flammende« Bewunderung und Solidarität für dieses Mädchen. Ich möchte sie am liebsten in den Arm nehmen und feiern. Aber. Alle anderen hier im Raum würden mich für VÖLLIG abartig halten. Oder? Alle – nämlich sowohl die Schüler*innen, die begleitenden Lehrkräfte als auch der Tänzer – scheinen von mir als Lehrerin dieser Klasse zu erwarten, dass ich Selinas Verhalten unmissverständlich sanktioniere. In mir aber ist der gegenteilige Impuls und pocht mir bis in den Hals. Ich DENKE nicht im Traum an eine Sanktion. Stattdessen stelle ich sie in meinen heimlichen Gedanken auf ein Siegertreppchen. Mit Schnappatmung sitze ich mental zwischen zwei Stühlen. Mir bei den Erwachsenen Respekt verschaffen, indem ich konsequent und streng durchgreife – oder meinem inneren Impuls folgen und eventuell als Weichei gelten und jeglichen Respekt – vielleicht bei ALLEN? – verlieren? 

Still sitzen wir beide nebeneinander auf der Holzbank, bis sie sich einigermaßen beruhigt hat. Irgendwann frage ich leise:  Was willst du jetzt machen, weiter mitmachen? Selina wirft mir einen trotzigen Blick zu:   Darf ich ja nicht!  Ich schüttele den Kopf.  Natürlich DARFST du weitermachen  –  die Frage ist, ob du das WILLST…? Soll ich noch mal mit ihm sprechen?   Selina zischt Nein! und starrt auf den Boden. In meinem Kopf tobt das Gedankenchaos. Versaut mir das jetzt jegliches Bisschen an Autorität, das ich in der letzten Zeit in der 8b so mühsam gewonnen habe, wenn ich in dieser Situation nicht „hart durchgreife“ und Selina „sanktioniere“, also die Entscheidung des Tänzers mittrage? Mein Bauchgefühl sagt mir:  Ich KANN einfach nicht. Ich KANN es einfach nicht. Sie hat RECHT.   Also gebe ich mir einen kleinen Ruck und sage leise zu Selina das, was ich in WAHRHEIT denke:   Ich hätte mich das in deinem Alter so NIE getraut, Selina, und du hast RECHT. Ich finde es unglaublich bewundernswert, dass du dich wehrst. Wenn du weiter mitmachen willst, finden wir eine Lösung, die für DICH ok ist.

Selina antwortet nicht und starrt weiter auf den Boden. Ich frage mich, ob sie mich überhaupt gehört hat. Es vergehen einige Minuten in absolutem Schweigen, wir beide nebeneinander auf dieser Bank, während die Probe vor uns weiterläuft. Dann plötzlich springt Selina auf und bewegt sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, mit schnellen Schritten in die Mitte des Raumes. Ich halte den Atem an. Aber sie sagt nichts, sie steht nur eine Weile einfach da, direkt vor dem Tänzer und hört ihm zu, beobachtet, was die anderen machen – und steigt dann wieder ein. Der Choreograf schaut irritiert, hält kurz inne, wirft mir einen fragenden Blick zu, ich nicke ihm zu, hebe kurz den Daumen, woraufhin ich einen Hauch von Ärger in seinem Gesicht zu sehen glaube, aber: Dann wendet er sich wieder der Gruppe zu. Und Selina bleibt. Die Probe geht weiter. Und ich sitze auf der Bank und kann mich gar nicht mehr beruhigen. Was war DAS denn? Ich kann es gar nicht fassen. Völlig unbeeindruckt von diesem ganzen Sheriff-Terror und der allgemeinen Ehrfurcht vor dem berühmten Choreografen und dem ganzen „Rhythm is it-Hype“ schubst Selina einfach mal das Alphatier beiseite und weist ihn in seine Schranken. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das hätte ich mich an ihrer Stelle damals als Schülerin NIE-MALS getraut. Dabei ist es eigentlich so selbstverständlich, so gesund: Jemand überschreitet meine Grenzen und ich wehre mich. Zack. Warum mache ICH das nicht? Warum HABE ich das nie gemacht? Ich habe plötzlich ein Gefühl von Reue über all die verpassten Situationen, in denen ich leider NICHT so mutig und widerständig reagiert habe. Der Druck, sich anzupassen und »keinen Ärger« zu machen, hatte bei mir selbst als Schülerin immer dazu geführt, dass ich im Zweifel bemüht war, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Niemals hätte ich mich in einer vergleichbaren Situation getraut, so massiv und laut zu protestieren und damit meinen Ausschluss zu riskieren. Denn wie weh das tat, schon auf einer viel kleineren Ebene Widerstand zu leisten, das hatte ich von zu Hause und als Kind ja bestens verinnerlicht: Das war, wie gegen einen elektrisch geladenen Zaun zu laufen: Dieser augenblickliche, ungeheure Schmerz, in der Folge als »schwierig«, »hysterisch« oder gar »verrückt« zu gelten – und ausgeschlossen – zu werden. Was für einen Mut braucht es also, als Jugendliche im übermächtigen System Schule und gegen eine allgemein anerkannte Autorität aufzustehen? Beschämt dachte ich auch an meine gegenwärtige Situation. Ich brauchte ja gar nicht groß von früher zu reden, auch jetzt war ich ja kein bisschen mutiger geworden. Ich befand mich die ganze Zeit in diesem ekligen Zwiespalt zwischen eigener Überzeugung und Angst, Vorteile zu verlieren: Trotz all meiner inneren Zweifel tat ich nichts gegen die hier herrschende Norm. Dabei fragte ich mich ununterbrochen, warum hier kein einziges Kind jemals nach SEINER Perspektive oder SEINEN Beweggründen gefragt wurde. NIEMAND kam in diesem ganzen Umfeld auf die Idee, zu fragen:  WARUM benehmen die sich so „unmöglich“? Wie geht es diesem Mädchen, dass es so krass reagiert? Warum war es immer diese empörte Reaktion, dieses:  Wieder mal ein UNMÖGLICHES Verhalten einer frechen Hauptschülerin! Dabei hat sie doch die Chance, an einem so tollen Projekt mit einem so renommierten Künstler teilzunehmen!  Warum lasen alle ununterbrochen die Reaktionen der Jugendlichen als verhaltensgestörtes, freches Fehlverhalten? Was wäre, wenn sie alle gute Gründe hätten? Was wäre, wenn alle ein Veto-Recht hätten? Wenn das die Regel wäre? Ich dachte an Tahers Frage: Was sind denn die Regeln beim Theater? Vielleicht das Recht, nein zu sagen? Letztendlich ist es ja so, dass wir ständig quasi auf einem 10-Meter-Turm stehen: Und wenn wir von da oben runter in die Tiefe schauen, dann möchten wir selbst entscheiden, wann wir springen – und nicht runter geschubst werden. Warum kann nicht jeder selbst entscheiden, wann, wie oder ob er-sie-es überhaupt springen möchte. Was würde sich verändern, wenn ich den Raum dafür hätte, selbst zu entscheiden, was ich will? Und was wäre dafür notwendig? Ich merke plötzlich, wie ich ganz aufgeregt werde, denn ich habe das Gefühl, dass dies vielleicht der Anfang zu einer guten Idee werden könnte. Warum nicht ein Veto Recht einführen? Und schauen, was passiert? 

Bereits am nächsten Tag führe ich in der 8b das Veto Recht ein. Und erlebe mein blaues Wunder. Meine Fahrt in den großen Eklat hat inzwischen Höchstgeschwindigkeit angenommen. Aber noch immer sehe ich das Disaster nicht kommen.

 

12. Kapitel: Irrungen und Wirrungen – oder: Opfer sein oder nicht Opfer sein?

(Neu: Alle Kapitel sind jetzt auch als Podcast Folgen bei Spotify! Zu finden unter „Türwächter*innen der Freiheit, Maike Plath“).

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Etwas veränderte sich. Es war nicht ganz klar, was eigentlich genau, aber die Gesamtlage schien um einen Millimeter verrutscht zu sein und fühlte sich nun anders an. Das betraf auch die Zusammenarbeit mit dem Sheriff. Wobei. Von “Zusammenarbeit” konnte ja kaum die Rede sein. In den Stunden, in denen ich mit ihm in der 8b doppelt gesteckt war, lief ich im Grunde einfach nur so mit – wie eine Referendarin oder Assistentin, nur ohne „offiziellen“ Auftrag. Ich sah meine Aufgabe darin, mich möglichst unsichtbar aber dafür mit sehr wachen Antennen durch den Klassenraum zu bewegen, einzelne zu unterstützen und das Schlimmste zu verhindern. Und offenbar gelang mir das zumindest teilweise. Nach Aussage der Jugendlichen war “der Sheriff netter” in den Deutsch-Stunden, in denen ich mit drin war. In den anderen Stunden, in Geschichte und Sport, wenn Sie nicht dabei sind, ist Herr Böhm viel strenger, erklärt mir Fatima. Was meinst du denn mit ‘streng’, frage ich und grusel mich schon vor der Antwort. Dass er die fertigmacht, die Scheiße bauen, also uns beleidigt und so…, sagt Fatima. Ich atme tief durch und frage: DAS heißt für dich ‘streng sein’? Die Schüler beleidigen? Fatima macht dieses wegwerfende “Ts-Schnalz-Geräusch” mit der Zunge, das so viel heißt wie: Du kapierst das nicht. Dann erklärt sie mir mit betont geduldiger Stimme, so als wäre ich ein kleines Kind, das noch viel lernen muss: Herr Böhm ist streng zu den Opfern. Damit die härter werden. Damit die später klar kommen im Leben. So kann man’s auch sehen, denke ich und schiebe meine aufkommende Wut mit einiger Anstrengung beiseite. Letztendlich muss ich das Positive sehen: Meine Anwesenheit in den Deutsch-Stunden hat also wenigstens den Sinn, dass Herr Böhm sich scheinbar zusammenreißt und die Anzahl seiner Demütigungen zurückfährt. Warum auch immer. Vielleicht, weil ich nach meinem Erleben und vor allem ÜBERLEBEN des Totaluntergangs in der Aula ein kleines Stück innere Freiheit gewonnen und Herrn Böhm umgehend mitgeteilt habe, dass ich Frau Rische bitten werde, mich in eine andere Klasse einzuteilen. Ich käme mit seinen herabsetzenden Sprüchen nicht klar und wüsste ohnehin nicht, welchen Sinn meine Doppelsteckung in seinem Unterricht hätte. Dieser kleine Anfall von gesunder Selbstbehauptung war auf die Tatsache zurück zu führen, dass ich nach der Aula-Chaos-Stunde einen stillen Entschluss gefasst hatte:  Seit dieser “Open Mike Doppel-Stunde” ging ich jetzt immer mit meinen Klassen in die Aula. Ich hatte beschlossen, einen anderen Unterricht zu versuchen. So nach dem Motto: Das Schlimmste hab ich ja auch überlebt, also was soll sein? Ich versuche jetzt einfach Schritt für Schritt im Trial & Error-Verfahren selbst heraus zu finden, was funktioniert. Denn ganz ehrlich: Alles, was ich angeblich machen soll, ergibt ja ÜBERHAUPT keinen Sinn. Und helfen tut mir auch keiner. Ich bin völlig auf mich allein gestellt. Da wird kein “reitender Bote” in letzter Sekunde kommen, um mich zu retten. Dann rette ich mich doch lieber selber. Und die überraschende Nebenwirkung dieser Entscheidung war: Mir ging es viel besser. Seit ich mir selbst die Erlaubnis gegeben hatte, alle angeblichen “Anforderungen” in den Wind zu schlagen und es selbst zu versuchen, kam ich mir vor wie eine Art eigenständige Forscherin auf unbekanntem Terrain. Ich fing als Lehrerin quasi von vorne an. Ich erlaubte mir selbst, die Frage nach dem Sinn zu stellen. Und von dort aus Schritt für Schritt auszuprobieren, was funktionierte und was nicht. Es war so, als hätte ich in meiner inneren Wohnung die Tür zu einem neuen Zimmer entdeckt. 

Dieser innerliche kleine Revolutions-Impuls sorgte dafür, dass ich Herrn Böhm mitteilte, dass ich nicht länger mehr oder weniger sinnlos in seinem Unterricht mitlaufen wolle, ich hätte von seinen blöden, verletzenden Sprüchen genug. Der Sheriff allerdings grinste daraufhin nur breit und tat so, als wisse er überhaupt nicht, was ich meinte – Mensch, Mädel, das ist doch einfach mein Humor! Die Kinder verstehen das, die finden das witzig! (ach ja?) – aber offenbar wollte er das dann doch nicht auf sich sitzen lassen. Es schien ihn zu wurmen, dass ich seine Art, mit den Schülern*innen umzugehen, alles andere als beeindruckend fand. Und –  wahrscheinlich weil ich “in sein Beuteschema passte”, wie er nicht müde wurde, lauthals raus zu blöken – fing er jetzt an, mir gegenüber den Gockel zu geben. Er wollte, dass ich ihn toll fand. Das fühlte sich scheiße an, aber ich hatte das Gefühl, dass es immerhin den positiven Nebeneffekt hatte, dass er seine Herabsetzungen den Jugendlichen gegenüber drosselte – zumindest in den Deutschstunden. Und daher ging ich nach seinem HÄ? Was meinst du? Die Schüler finden das doch lustig! und Frau Risches Überforderung, mich woanders einzuteilen (Das geht jetzt nicht mehr, frühestens im neuen Schuljahr…), NICHT in eine offene Auseinandersetzung mit ihm, sondern verhielt mich ruhig. (Feige, ich weiß. Aber ich war überzeugt, dass der Sheriff eine offene Konfrontation mit mir am ehesten an den Jugendlichen abreagieren würde. Zumindest redete ich mir das ein, um meine Harmonie-Komfortzone nicht verlassen zu müssen. 

Rückblickend glaube ich, dass ich noch nicht bereit war, meine mir so schön vertraute „Ich-bin-doch-nett- Weibchen-Rolle“ aufzugeben. Obwohl ich dieses große Unwohlsein spürte, war mir die Rolle der Gefall-Barbie ja wenigstens vertraut. So war ich ja den größten Teil meines Lebens „gut“ durchgekommen. Was passieren würde, wenn ich dieses bekannte Terrain verließ, wusste ich nicht und es machte mir Angst. Also redete ich mir ein, dass eine offene Konfrontation mit dem Sheriff gar nichts bringen und den Jugendlichen nur schaden würde.Besser stillhalten und keine Angriffsflächen bieten, dachte ich. Was ich dabei übersah, war: Das Ganze war natürlich eine Einbahnstraße, die zwangsläufig in einer Konfrontation enden würde. Aber es ist ja immer so wunderbar, wie wir uns Augen und Ohren zuhalten und gewisse Realitäten ausblenden können. Bis es dann irgendwann knallt. Damals kam ich mir besonders schlau vor, nichts „Dramatisches zu forcieren“, dabei befand ich mich in Wahrheit natürlich bereits in voller Fahrt auf dem Gleis ins nächstes Disaster. 

Meine Unklarheit – diese scheinbare Unterordnung bei gleichzeitigem inneren Grollen – schien diesen Mann nämlich zu reizen, von dem ich nach und nach erfuhr, dass er zahlreiche Frauen in diesem Kollegium “flachgelegt hatte”. Wortwörtlich war das die Formulierung seines Kumpels Kiesbauer, Fächer Mathe und Physik, und ebenfalls überzeugter Gegner der “Kuschelpädagogik”. Offenbar vertrat auch er die Auffassung, dass Frauen “wie Wild gerissen werden müssen”. Und dass sie das – natürlich! – auch wollen. In dieser Weltsicht ist es das Tollste für eine Frau, wenn Männer sie „attraktiv“ – im Sinne von „fickbar“ – finden. Umso interessanter ist es natürlich, wenn frau sich wehrt. Denn eigentlichwill sie jawollen ja alle Frauen, flachgelegt werden. Wenn also eine bockt im Hühnerstall, dann steigert das natürlich erstmal ihre Attraktivität (wie gesagt- im Sinne von Fickbarkeit. Attraktivität könnte natürlich unzählige andere Facetten haben, aber nee – ich muss es hier deutlich machen: HIER ging es ausschließlich um “gerissen werden”. Punkt. Mein Haus. Mein Pferd. Mein Segelboot. Dieser Scheiß halt). 

Dass ich kein Interesse zeigte, mich von Herrn Böhm, flach legen zu lassen, schien dieser als prickelnde Herausforderung zu betrachten. Irgendwie muss es doch zu schaffen sein!Denn mein gleichzeitiges Schweigen verschaffte ihm offenbar den nötigen Fantasie-Spielraum, sich vorzustellen, ich sei in Wahrheit nämlich DOCH schwerst beeindruckt von ihm. Und so dachte sich der Sheriff wahrscheinlich: Ich mach jetzt mal n bisschen auf gerechten Softie-Pädagogen… und damit krieg ich sie weich… Keine Ahnung. Irgendwie so ähnlich tickte offenbar dieses Patriarchen- bzw. Macho-Gehirn. Und irgendwie kam ich mir besonders schlau vor, nicht mehr „weiter Ärger zu machen“ und entgegen meines ursprünglichen Entschlusses in der Doppelsteckung mit ihm zu bleiben, weil ich auf diese Weise glaubte, einen winzig kleinen Einfluss-Hebel zu haben. Außerdem sah ich einen Vorteil darin, in der Klasse zu bleiben. Ich hatte dort ja auch noch meine eigenen Stunden, ohne Herrn Böhm, und je mehr wir uns sahen, desto besser – fand ich. 

Dementsprechend viel Zeit hatte ich nun, diesen in jeder Hinsicht Gewalt ausübenden Menschen in seinen Unterrichtsstunden und im Lehrerzimmer genau zu beobachten und es war mir immer wieder aufs Neue ein unfassbares Rätsel, wie jemand so sinnlos und ohne jegliche Grundlage von sich selbst überzeugt sein konnte. Wie jemand so unerschütterlich an die eigene Attraktivität und Überlegenheit glaubte – ohne JEDEN Selbstzweifel. Wie mir andere ältere Kolleginnen häppchenweise berichteten, war Herr Böhm ein klassischer West-Berliner Alt-Linker, ein 68-er, wie aus dem Bilderbuch. Das erschütterte mich zusätzlich, weil in meinem Weltbild damals die 68-er doch die “Guten” waren! Die Vertreter einer eben gerade NICHT autoritären Pädagogik. Männer, die emanzipierte und starke Frauen wollten, und keine Sex-Häschen. Aber weit gefehlt. Der Sheriff verkörperte offenbar den Typus männlichen Alt-68-er, der nur deswegen gegen die bürgerlich-konservativen Bastionen wie Ehe und Familie angetreten war, weil Mann dann die Frauen NOCH besser zu Objekten abstempeln konnte. „Wer einmal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Geil: Das schien der Sheriff so ausgelegt zu haben, dass Mann nun hemmungslos rum vögeln konnte, ohne jegliche menschliche Verantwortung zu übernehmen. Mit dem Sheriff vor Augen bekam die Sexuelle Revolution der 68-er für mich plötzlich noch mal ein facettenreicheres Gesicht. Mit SOLCHEN Männern quasi im EIGENEN Lager (!), muss der Weg für Frauen in die Rolle eines gleichberechtigten Gegenübers ja wirklich die Hölle gewesen sein. 

Ich hätte mir denken können, dass meine neue Strategie der Selbstbehauptung auf der einen Seite und mein Stillhalten im Sheriff-Kontext auf der anderen Seite notwendigerweise auf einen Eklat zulaufen musste. Aber ich war zu sehr mit meiner Freude über meine neuen Forschungsaufgaben beschäftigt. Meine erste Entdeckung in dieser neuen Rolle war: Alle Jugendlichen schienen die „netten Lehrer*innen für Opfer“ zu halten. 

Sie müssen uns zusammenscheißen! war der allgemeine Konsens der 8b. Und: Die Frauen sind alle zu nett, deswegen können die sich nicht durchsetzen und deswegen kann man die auch nicht ernst nehmen. 

Aha. Interessant. Was die Jugendlichen hier wohl zu Dieters Schule gesagt hätten? Hier in Neukölln galt die Regel: Wer zugänglich und freundlich ist, ist schwach. Wer sich fürsorglich und empathisch verhält, ist ein Opfer und wird fertiggemacht. Wer Rücksicht auf das Gegenüber nimmt und dies auch in Worten ausdrückt (Wie geht es DIR? Was willst DU?) sinkt im Ansehen. Eine menschliche Form des Umgangs miteinander wurde hier als Schwäche ausgelegt. Wie konnte das sein, dass es in Bullerbü so ganz anders funktioniert hatte? Dass Fürsorglichkeit und Empathie dort als STÄRKE gelesen worden waren? Hier aber als Beweis für mangelnde Charakter- bzw. Führungsstärke?? Ist es eine SCHWÄCHE, sich menschlich auf das Abenteuer einer wirklichen Begegnung mit dem Gegenüber einzulassen – oder ist das eine Schwäche? Interessanter Forschungsgegenstand… Und meine erste große Frage in diesem Zusammenhang ist: Wer ist denn nun ein „Opfer“ und was steckt eigentlich dahinter?    

Im Lehrerzimmer war die Haltung dazu recht eindeutig: 

Die Frauen sind natürlich die Opfer. Weil: Zu schwach und aus Mangel an Durchsetzungskraft versuchen sie es mit „Nett-Sein“. Nett sein ist aber nur eine Hilflosigkeit, keine ernst zu nehmende pädagogische Strategie, was sich darin zeigt, dass „Nett-Sein“ eben nur von deutschen, einigermaßen gebildeten Schüler*innen gewürdigt wird. Aber von DIESEN Jugendlichen eben nicht – und zwar – und da war man sich hier sehr einig: Wegen deren muslimischer Macho-Kultur! Ist doch klar: Die Jugendlichen türkischer und arabischer Herkunft respektieren die Frauen nicht! Beweis: Da „müssen ja alle weiblichen Familienmitglieder mit Kopftuch rumlaufen“, ein klares Indiz für Unterdrückung. Wer so aufwächst, akzeptiert natürlich keine Frau als Autorität!

Ständig hörte ich den Satz: Die haben von Gleichberechtigung noch nix gehört und leben kulturell noch im Mittelalter!Und aus diesem Schluss folgte dann die These: Die brauchen ne harte, männliche Gangart! Was anderes verstehn die nicht! 

Aha? Dachte ich. Und diese „harte, männlicheGangart“ (echt?) führt bei den Jugendlichen dann genau wozu? Zu höherem Respekt vor den Frauen?? Ich denke an meine Erfahrungen an Dieters Schule und bin verwirrt. Offenbar glaubt hier keiner an die Wirkkraft der angeblich eigenenKultur, die hier gegen die muslimische Kultur ausgespielt wird: Die eigene Kultur ist angeblich fortschrittlich und umfasst Gleichberechtigung und wertschätzenden Umgang miteinander, aber so richtig überzeugt davon scheint ja in diesem durch und durch weißen, deutschen Lehrerzimmer niemand zu sein, denn warum sonst wird, sobald es ein Problem gibt, dann doch auf die autoritäre, eben NICHT gleichberechtigte, Gangart zurückgegriffen? DIESE Jugendlichen brauchen eine „starke Hand“ und eine „starke Hand“ ist männlich – oder wie jetzt?  Was denn nun? Werlebt denn nun im Mittelalter? Sind es die muslimischen Jugendlichen, die eine „harte, autoritäre und demütigende Führung“ als STARK und eine zugewandte, empathische als SCHWACH empfinden, oder ist es Herr Böhm und die Kollegen in diesem Lehrerzimmer, die so denken? Wo lebt denn kulturell dieses deutsche Lehrerkollegium?frage ich mich. Und warum gibt es ÜBERHAUPT diese wertende Zuordnung in stark und schwach, in männlich gleich autoritär und weiblich gleich empathisch, Zuordnungen, die in Bullerbü GAR KEIN Thema waren? Scheiß doch der Hund drauf, ob „zugewandt und empathisch“ weiblich oder männlich ist! Die Frage ist doch eher: Was WOLLEN wir denn überhaupt und wie können wir es erreichen? Aber was erreicht werden sollte, war hier eben allgemein unklar. 

Ich dachte an die anzüglichen Sprüche des Sheriffs und die Männlein-Weiblein-Rollenverteilung im Lehrerzimmer. Oder an die Sitzordnung wie in der Häschen-Schule, während der Lehrer-und Schulkonferenzen: Vorne sitzt die Schulleitung mit dem Sheriff und der beflissen protokollierenden Sekretärin und das Kollegium sitzt in Reih und Glied frontal ausgerichtet davor wie eine Schulklasse in den 50-er Jahren. Die Schulleitung trägt vor, was sie beschlossen hat und die Lehrer*innen spielen Kinder: Rebellische Kinder, faule Kinder, und unzuverlässige Kinder, die immer zu spät kommen und mit lautem Gerumpel hinten noch einen Platz finden müssen, um dann ihre Brotdosen auszupacken und demonstrativ zu essen anfangen, oder diejenigen, die sofort anfangen, Hefte zu korrigieren, und damit offen zu verstehen geben, dass sie die ganze Veranstaltung sinnlos finden und viel Wichtigeres zu tun haben, oder die emsigen, die strebsamen und die beflissenen, die gelangweilten und die gekränkten Kinder, die sich ständig melden und immer beleidigt sind, weil sie finden, dass sie zu kurz kommen und niemand all ihr Engagement zu würdigen weiß. Und die Kinder, die sich erhaben fühlen über all diesen Blödsinn hier, die mit blasiertem Gesichtsausdruck und verschränkten Armen am Rand sitzen, ständig mit den Augen rollen und abfällige Geräusche machen. Pffff. Ja. In verschiedensten Ausformungen waren alle Verhaltensweisen der Kinder in den Klassen hier vorbildhaft repräsentiert. Lustigerweise also genau von den Erwachsenen, die sich ununterbrochen über dasselbe Verhalten bei den Kindern beschwerten.  Und die hier eindeutig der autoritären Gangart des Sheriffs folgten. 

Und was die viel beschworene Gleichberechtigung anging, die der Sheriff so selbstverständlich in der DEUTSCHEN Kultur im Gegensatz zur arabischen oder türkischen Kultur verortete, war es schon ein bisschen zum Lachen. Denn die Schulleiterin war zwar weiblich – aber – es redete nur Herr Böhm und sein Männerclub und für jeden ihrer Sprüche gab es beifällig begeistertes Gelächter, bzw. Gekicher aus der Saloon-Damen-Ecke. Frauen, die NICHT darüber lachten, waren in diesem Kollegium unsichtbar. Und die Frauen, die sich zu Wort meldeten, taten dies in einem seltsamen Modus der Unterwerfungsgeste: Wortbeiträge wurden lächelnd und/oder leicht aufgeregt um Anerkennung buhlend vorgetragen – als liefe ein heimlicher Wettbewerb um die Gunst des Sheriffs – bei gleichzeitiger polemischer und brutaler Abwertung aller kritischen Impulse. Wer auch nur den Hauch einer abweichenden Meinung durchblicken ließ, hatte die empörten Augen und abfälligen Kommentare des gesamten Hühnerstalles auf sich. Ich stellte fest, dass mir die politischen Kategorien von „links“ und „rechts“ in diesem Kontext keine Orientierung mehr geben konnten. Der gesamte Kreis um den Sheriff gab sich als „links“, offenbarte aber sowohl im Denken als auch im Handeln ein zutiefst hierarchisches und autoritäres Weltbild, welches den offen konservativ, also eher „rechts“ tickenden Kolleg*innen an der Schule verblüffend nahe war. Offenbar waren hier „links“ oder „rechts“ keine aussagekräftigen Kategorien mehr, sondern eher „autoritär, hierarchisch“ auf der einen Seite und „gleichwürdig, demokratisch“ auf der anderen Seite. Wobei die autoritär agierende Fraktion sich natürlich für absolut demokratisch hielt. Demokratisch in welchem Sinne? Insgesamt fehlte es an Klarheit und an Durchsetzungskraft auf ein Ziel bezogen. Welches Ziel wurde hier überhaupt verfolgt? Gab es eins? Oder war alles nur ein Durchwurschteln und „Dabei-auf-die-Welt- und-die-Umstände-schimpfen“? Und vor allem: Auf die „anderen“? Ich war verwirrt. 

Am schlimmsten aber empfand ich in diesem Sheriff-dominierten Umfeld meinen seltsamen Rückfall in´s angepasste Weibchen-Schema. Ich selbst saß in diesen Häschenschule-Konferenzen und Studientagen, konnte das alles nicht so richtig fassen und sagte – trotzdem – nichts! Seltsame Dynamiken schienen hier zu wirken. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Wenn ich es kaum mehr aushielt und etwas sagen WOLLTE, dann hatte ich Herzrasen und große Beklommenheit und musste mich extrem überwinden, das Wort zu ergreifen. 

WARUM? Was war los mit mir? Ich hatte keinen Zugriff auf meine natürliche Art zu sprechen, mich zu äußern, authentisch zu sein, weil ich in dieser hierarchisch tickenden Welt die Rolle eines Menschen „mit Behinderung“ zugespielt bekam – nämlich die einer Frau. Und weil mir in diesem Umfeld als Frau Eigenschaften angedichtet wurden, zu denen ich selbst nicht Stellung nehmen durfte. Ich war eine Frau. Fertig. Das hieß: Zu nett, Opfer, Kuschelpädagogik, unqualifiziert, kann sich nicht durchsetzen. Und weiter: Auf einer Skala zwischen „fickbar“ und „frigide“ eingeordnet: Falls ich mich an die Regeln halte, kann ich bei den Saloon-Damen mitspielen, bzw. mitkichern. Ansonsten sieht es mit meinem „Rang“ ziemlich schlecht aus. Und WENN ich dagegen aufmucke, wird mir jeglicher Status, jegliche Anerkennung und Berechtigung, hier zu sein und Einfluss zu nehmen, aberkannt. Sei die Gefall-Barbie, dann darfst du bleiben und hast deinen Platz. So lautet die Regel. Und ansonsten nicht. 

(Aber nee: Wahrscheinlich hatten „die kleinen arabischen Machos“ ihre Rollenbilder auf jeden Fall ausschließlich von ihren „Kopftuch-tragenden Müttern“…) 

Damals blieb ich in meinem Herzrasen und dem beklommenen Gefühl gefangen und bemühte mich, dazu zu gehören. Egal, was das bedeutete. So lange ich die lächelnde Gefall-Barbie war, hatte ich einen Platz und einen Status. Und den wollte ich auf keinen Fall verlieren. Manchmal dachte ich: Es ist alles scheiße. Aber du hast einen Job und einen guten Ruf. Du gehörst dazu und du bist NORMAL. Keiner kennt deine Gedanken. Dir kann nichts passieren. Einfach lächeln und weitermachen.  Was für ein unfassbarer Mindfuck aber unten drunter lag! Den ich ständig mit großem Kraftaufwand wegdrücken musste“. Ich stand wie ein angeketteter Hund in seiner engen Hütte – dabei WAR ich ja gar nicht angekettet und hätte laufen können, wohin ich wollte. Warum tat ich es nicht?

Aber immerhin passierte etwas anderes: Ich empfand plötzlich ein Gefühl der Solidarität mit den Jugendlichen. So wie ich das Gefühl hatte, immer als „leicht minderbemittelt angespielt zu werden“, weil ich im Sheriff-System eine Frauwar, so mussten sich die Jugendlichen fühlen, die immer nur über ihren „Ausländer-Status“ – und damit direkt verkoppelt als kriminell und verhaltensgestört – angespielt wurden.  Wenn ich im Lehrerzimmer hörte, wie die Kollegen in der großen Sheriff-Runde über die Schüler*innen redeten, stieg in mir die Wut hoch und ich verließ fluchtartig die Patriarchen-Zone. Brennende Solidarität mit denjenigen, die hier ebenfalls als Opfer und als minderbemitteltabgestempelt und nicht ernst genommen wurden. 

Aber trotz meiner aufkeimenden Solidarität blieb ich erstaunlicherweise weiterhin nach außen NETT und angepasst. Und es ist die Frage, wie lange das so weitergegangen wäre, wenn sich die Jugendlichen nicht so wunderbar STÖREND verhalten hätten und mir damit zum Vorbild wurden. Denn ich war angepasst. Sie aber nicht. Sie wehrten sich. Sie waren weiter als ich. 

Ich hätte noch ewig gebraucht, um aus meinen Mustern auszusteigen, wenn ich nicht einen ordentlichen Schubser von einem beeindruckenden role-model bekommen hätte: Von meiner Schülerin Selina. Nach meiner Mentorin im Referendariat und Dieter in Bullerbü überraschte sie mich als eine weitere Türwächter*in der Freiheit – und öffnete mir die Augen, was zu tun ist, wenn wir KEIN Opfer sein wollen…