Medizin für die Demokratie Part 3


Was ist los mit uns und warum hängen wir manchmal noch innerlich im „demokratischen Kindergarten“ fest – wie ich das jetzt mal so nenne. Es wäre so nützlich und auch tröstlich, wenn wir den Sprung in eine etwas selbstbestimmtere Haltung finden würden… so ein bisschen mehr Erwachsenen-Ich vielleicht… 

Wie könnte das gehen? 

Anhand einer Krise lässt sich sehr gut beobachten, was es mit der inneren Haltung im „Kind- oder im Erwachsenen-Modus“ auf sich hat. 

Es gibt derzeit Menschen, die 24/7 im Einsatz sind und ununterbrochen selbstverantwortlich Entscheidungen treffen müssen. Diese Menschen sind zwangsläufig in den Erwachsenen-Modus gegangen, weil sie sich in der Zuspitzung der Lage den Kind-Modus nicht mehr leisten konnten. Diese Leute sagen: 
Für eine Opferhaltung habe ich keine Zeit. 

Da mag jetzt jemand einwenden: Na toll – aber davon kriegen wir ja noch lange keine Demokratie. Nee. Wobei…

Aber wie auch immer: Diese Haltung ist jedenfalls die Grundvoraussetzung, um eine Demokratie lebendig und funktionsfähig zu machen und zu halten. Und dazu gibt es jetzt gerade ne Menge zu erleben und zu lernen, was wir nach der Krise nutzen könnten. 

Was an diesem Beispiel des „Zwangsläufig-ins-Erwachsenen-Ich-Wechseln“ so ein bisschen bedeutsam ist: Ohne äußeren Druck – also freiwillig – gehen wir offenbar nicht so gerne in den Erwachsenen-Modus.

Erstens, weil wir ein Leben lang gelernt haben, im Kind-Modus zu bleiben – wahlweise im angepassten oder im rebellischen Kind – und auch, weil viele gesellschaftliche Institutionen und Strukturen (vor der Krise) immer unser inneres Kind anspiel(t)en. Das ist gar keine böse Absicht, da sitzt kein James-Bond-Bösewicht im Hintergrund und hat das alles fiese so geplant, dass wir alle Kinder bleiben und somit schön steuerbar. Das ist einfach eine notwendige Entwicklungsphase der Demokratie (gewesen). Wir waren einfach noch nicht weiter.

Und jetzt könnte man sagen: Hey Kinners! Jetzt mal raus an die frische Luft und plant jetzt mal selber eure Ausflüge – ins Leben! Und das ist so ein bisschen lustig, weil ein Hauch davon ja gerade passiert: Angela Merkel sagt: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“. Sie möchte gerne, dass wir jetzt mal einen Schritt weiter kommen mit der Demokratie. Aber sie weiß: Verdammich viele Kinners am Start! 

Die angepassten Kinder schreien: „Wir brauchen unbedingt Ausgangssperre! Wenn ICH nicht raus darf, DANN auch kein anderer! Da musst du jetzt WIRKLICH mal hart durchgreifen, Angela!! ALLE müssen zu Hause bleiben!!! Aber auch wirklich ALLE jetzt!! Und bitte bitte harte Strafen für diejenigen, die sich nicht dran halten!! Denn ICH bin brav. Und ich kann mich dann so gut fühlen, dass ich alles RICHTIG mache!!“

Die rebellischen Kinder schreien: „Merkt ihr was? MERKT ihr was??? Angela will die Demokratie abschaffen!!! Sie sagt nicht Ausgangssperre aber sie VERBIETET uns raus zu gehen und hebelt über Nacht alle demokratischen Grundrechte aus! Und WESWEGEN??? Wegen einem Virus, der nicht schlimmer ist als ne Grippe! Das ist doch der Wahnsinn! Die Wirtschaft bricht zusammen! Das gesamte soziale Leben bricht zusammen! Die Welt geht unter! Es wird Diktaturen und Kriege geben!! ALLES geht den BACH runter!!! ICH sehe es kommen! Aber die Politiker sind alle zu blöd!! (ICH bin genial, denn ich sehe es alles, aber MIR hört ja keiner zu! Und wenn ich was sage, kriege ich gleich einen Shitstorm! Schluchz!)“. 

Ja. Das sind so die rebellischen Kinder. Und das ist jetzt im Prinzip so der „demokratische Kindergarten“ in Deutschland. Und Angela ist echt geduldig mit ihren Kindern und auch zuversichtlich, denke ich. Denn eben: In einer Krise wird es wahrscheinlicher, dass Menschen in den Erwachsenen-Modus kommen. Und einige – insbesondere die „systemrelevanten“ Leute sind da ja auch größtenteils schon angekommen. 

Ja und wie geht das denn jetzt, wenn ich noch nicht so systemrelevant bin und also zu Hause sitze und immer diese schlimmen Sachen bei Spiegel Online lese und mich dann frage: „Scheiße- muss ich jetzt WIRKLICH mal was sagen wegen der demokratischen Grundrechte? Aber nee eigentlich vertrau ich da schon auf unsere Demokratie und unsere Politiker*innen… die werden diese Sachen bei Spiegel Online ja auch lesen… Mmmh. Ja, aber vielleicht sollte ich mal gegen diese Verschwörungstheoretiker (ja, es sind nur Männer…) im Netz was sagen… aber ich weiß gar nicht was, denn ich hab ja auch keine Ahnung… mmmh. Ja was soll ich jetzt MACHEN?“

Ok. Ich mach mal nen kleinen Vorschlag: Als erstes vielleicht ruhig mal gepflegt zusammen brechen. Und zulassen, dass das jetzt ne Krise ist. Und keine Angst vor Gefühlen haben. Bisschen heulen. Bisschen wackeln. Und dann irgendwann das innere Kind liebevoll los lassen. Und in kleinen Dosen trainieren, den allgemeinen Unsicherheits-Zustand auszuhalten. Das ist wirklich schwer. Das Nicht-Wissen auszuhalten. Aber je besser uns das gelingt, desto mehr Energie haben wir irgendwann wieder zur Verfügung für das, was notwendig sein wird. Vielleicht sogar für schöne und erfüllende Aufgaben – wer weiß… 

In diesem Sinne für heute Tschüss! 
Mehr in Part 4! May the (democratic) force be with you! 

Intermission: Update Corona

Der Blog und Podcast „Türwächter*innen der Freiheit“ wird in ungefähr einer Woche fortgesetzt. In den letzten Tagen ist mir – wie uns allen – das Leben um die Ohren geflogen und es gab Dringlicheres zu tun und zu retten, so dass ich keine Zeile schreiben konnte – bis auf die Projekt-Idee, die ihr hier unter diesem Text findet und die auch ihr gerne als Inspiration nutzen könnt. Allmählich gewöhnt sich mein Kopf an den Schock. Und so bald wie möglich, geht es dann hier weiter. Ich wünsche uns allen, dass wir es schaffen, trotz dieser Erschütterung, mit der Zeit allmählich auch die Chancen sehen zu können, die diese gewaltigen Veränderungen eröffnen. Und dass wir die Kraft und die Zuversicht entwickeln, sie zu nutzen – zum Beispiel für mehr MITEINANDER. Bis vor kurzem klang sowas wie ein frommer Wunsch vom Kirchentag. Jetzt finde ich den Satz ziemlich vernünftig. In diesem Sinne: Bleibt stark, zuversichtlich und gesund. Bis demnächst hier an dieser Stelle mit dem 19. Kapitel der „Türwächter*innen der Freiheit“. Möge die Kraft mit uns sein. 😉 Maike

ACT-PROJEKT IN KRISENZEITEN:
«DECAMERONE»
 Von Maike Plath 

Decamerone (Klassiker von Boccaccio): Sieben Frauen und drei
Männer fliehen vor der Pest im Jahre 1348 aufs Land und
verbringen dort zehn Tage in einer Art Quarantäne in
einem Landhaus in den Hügeln von Florenz,
drei Kilometer vom damaligen Stadtkern von Florenz entfernt.
Im Landhaus versuchen sich die zehn jungen Menschen
gegenseitig zu unterhalten.
Daher wird jeden Tag eine Königin oder ein König bestimmt,
welcher einen Themenkreis vorgibt. Zu diesem Themenkreis
hat sich nun jeder der Anwesenden eine Geschichte
auszudenken und zum Besten zu geben.
Nach zehn Tagen und zehn mal zehn Novellen kehrt die
Gruppe wieder nach Florenz zurück.
 
Bis vor wenigen Tagen hat wohl niemand von uns sich vorstellen
können, wie schnell all die Dinge des täglichen Lebens,
die wir ganz selbstverständlich fanden, zum Stillstand kommen könnten:

Zuerst sollten wir nur die Hände waschen und die Armbeuge husten,
dann aufs Händeschütteln und Umarmen verzichten.
Dann wurden Großveranstaltungen abgesagt.
In den sozialen Medien las man einiges, aber das war ja alles
wieder Panikmache. Oder? Jedenfalls. Ganz plötzlich, von einem
Tag zum anderen, veränderte sich die Stimmung und die Meldungen.
Von einem Tag zum anderen ist unser Alltag weggefegt.
Alle Planungen für die nächsten Wochen zusammengebrochen.
Plötzlich ist: nichts. Und dazu eine unheimliche Stimmung.
Leere Regale bei dm und rossmann, wo das Klopapier war.
Erschreckende Meldungen aus Italiens Krankenhäusern.
Leere Bürogebäude, leere Schulen, geschlossene Kneipen,
Kinos und Theater. Wir sollen keine öffentlichen Verkehrsmittel
mehr benutzen. Nicht mehr aus dem Haus gehen, wenn nicht
dringend nötig. Reisen und Termine absagen. Alles von zu Hause
aus machen. Was bedeutet das alles? Und was macht das mit uns,
wenn all das wegfällt, was bis gestern völlig selbstverständlich war?
 
Wir erleben etwas, das uns noch lange beschäftigen wird.
Und zwar insbesondere unter dem Aspekt Menschlichkeit und
Solidarität. Die Entwicklungen der letzten Tage haben uns
einen Schrecken eingejagt. Und das Schlimmste ist noch nicht
überstanden. Unser Alltag wird sich sehr verändern. Aber all das
könnte, wenn wir es überstanden haben, der Auslöser für eine
längst notwendige gesellschaftliche Entwicklung sein.

Ein Beispiel:Systemrelevante Berufe
Für den Fall einer flächendeckenden Ausgangssperre ist die Rede
davon, dass dann alle zu Hause bleiben müssen, bis auf diejenigen,
die die «systemrelevanten Jobs» haben. Denn wenn DIE zu
Hause bleiben, bricht unser ganzes System zusammen. Krass.
Das sind also die Wichtigen, ohne die es nicht geht. Und wer ist das?
Welche Menschen sind die mit den systemrelevanten Berufen?
Das sind diejenigen im medizinischen, pflegerischen und
sozialen Bereich, es sind diejenigen bei der Polizei und der
Feuerwehr, in der Lebensmittelproduktion, in der Infrastruktur,
Telekommunikation und der Müllabfuhr. Und jetzt kommts:
Das sind die Berufe, in denen die allermeisten geringe Einkommen
haben. Jetzt wird deutlich, dass all diejenigen, die wir brauchen,
damit unser Alltag funktioniert und es allen einigermaßen gut
geht, die mit dem wenigsten Geld sind. Und das geht noch weiter.

 Zweites Beispiel:Systemrelevante menschliche Wärme
Was braucht der Mensch, um Krisen-Zeiten nicht nur körperlich
zu überleben, sondern auch psychisch heile durchzukommen?
Was braucht der Mensch, um Mensch bleiben zu können?
Nehmen wir zur Anschauung einmal das Kinderbuch «Frederic»:
Da muss eine Gruppe von Mäusen einen harten Winter
überstehen. Quasi eine Krise. So, wie wir jetzt.
Es gibt die systemrelevanten Mäuse, die tagein, tagaus
Nahrung heranschaffen und alles gewährleisten, was die Mäuse
benötigen, um körperlich zu überleben. Nur die Maus
Frederic scheint sich an diesen Tätigkeiten nicht zu beteiligen.
Stattdessen «sammelt er Farben, Gerüche, Worte, …».
Als dann der harte Winter kommt, haben die Mäuse
genug zu essen. Aber mit der Zeit wächst bei ihnen der Stress,
sie fürchten sich, wissen nicht wohin mit sich, haben nichts
zu tun und fühlen sich unglücklich. Da kommt Frederic und
erzählt ihnen Geschichten. Und die Mäuse kuscheln sich
aneinander und wärmen sich an den Geschichten von Frederic,
denn während sie ihm lauschen, sind sie nicht nur körperlich
miteinander verbunden, sondern auch mental in denselben
Gedankenräumen.
 
Wir wissen, dass Menschen «soziale Distanzierung» nicht
lange aushalten, ohne Symptome zu bekommen.
Der Mensch ist ein Herdentier, das ohne menschliche
Wärme ganz schnell zugrunde geht. Seelisch und psychisch.
Schon jetzt sind ältere Menschen in ihren Wohnungen allein
und haben wegen dem Corona Virus Angst, raus zu gehen.
Sie sind nicht über digitale Geräte mit anderen Menschen
verbunden. Sie sind allein und haben Panik, können nicht schlafen,
vermissen soziale Kontakte. Sie werden quasi krank, ohne
sich überhaupt durch den Virus infiziert zu haben.
Aber so geht es nicht nur Älteren. Wenn Menschen plötzlich
in ihren Wohnungen aufeinanderhocken, niemand mehr
zur Arbeit oder zur Schule muss, entstehen Spannungen
und Konflikte. Und Menschen ohne Familie sind einsam
und sorgen sich viel mehr, als wenn sie in Kontakt mit
anderen sind. Menschen brauchen andere Menschen.
Das heißt:
 
Wenn wir diese Krise gemeinsam meistern wollen und uns
deshalb für eine bisher ungewisse Zeit an die soziale Distanzierung
gewöhnen müssen, dann brauchen wir trotzdem menschliche
Wärme und Zusammenhalt. Wir brauchen erstens die Menschen
in den systemrelevanten Berufen, damit wir körperlich heile
durch den Winter kommen. Wir brauchen aber auch die
Frederics. Und Netflix und Computerspiele können uns zwar
zerstreuen und uns bei Langeweile helfen. Menschliche
Wärme geben sie uns aber nicht. Was ist also die gegenwärtige
Herausforderung?
 
Wir leben in Zeiten, in denen wir wie nie zuvor über das Netz
in Verbindung bleiben können. Bisher wird der
Kommunikationsaspekt im Netz viel zu häufig durch
Beschimpfungen und Hassbotschaften genutzt.

Dies wäre der Zeitpunkt für eine Wende.
 
Weg von Abgrenzung und Gegeneinander hin zu allem,
was uns verbindet, uns tröstet und uns hilft, zu leben.
Hin zu menschlicher Wärme. Das wäre die zweite
systemrelevante Komponente für unsere Gesellschaft:

In diesem Fall könnten wir es «Fernwärme» nennen.  

 Projekt Fernwärme
«DECAMERONE»:
 
Alle ACT-Projektgruppen könnten ihre begonnenen Projekte
so weit denken, wie sie jetzt sind. Bei einer späteren
Präsentation — eventuell im Juni, eventuell aber auch später —
würde das Projekt bis zu dem Punkt gezeigt, bis wohin
«noch alles normal war». Dann bricht die
Theaterproduktion, der Film, die Tanzproduktion, usw. ab.
Es wird dunkel. Und dann kommen eure Stimmen,
eure Eindrücke, Geschichten und Erlebnisse aus
der Zeit der Corona-Krise. Eure Gedanken für eine
bessere Gesellschaft. Eure Ängste. Eure persönlichen
Berichte von Ereignissen aus dem weltweiten Ausnahmezustand.
 
Wie ihr eure Geschichten, Gedanken, Beiträge verfasst,
ist euch selbst überlassen. Denkbar wären gemeinsame
Plattformen, in denen ihr eure gegenseitigen Beiträge lesen
oder per Video anschauen — und auch aufeinander reagieren
könnt. Denkbar wäre die Produktion eines Podcasts mit
mehreren Folgen. Oder eine Film-Serie, die ausschließlich
mit Handy oder sehr einfacher Kamera gefilmt ist:
Jede*r von euch filmt sich dabei selbst und erzählt —
beim Spaziergang durch die Stadt, oder beim
«Durchdrehen im eigenen Zimmer», wenn es auch
mal unerträglich ist. Denkbar wäre auch, dass ihr dokumentiert,
wie ihr anderen in der Nachbarschaft, die in Quarantäne
sind, helft, für sie Einkäufe erledigt oder mit ihnen telefoniert,
ihnen Witze erzählt oder am Telefon etwas vorlest.
Oder sie zu ihren Gedanken oder Erinnerungen befragt.
Oder ihr dokumentiert Begegnungen in Berlin mit anderen
(nur zu zweit und zwei Meter Abstand halten, versteht sich).
Oder ihr erstellt ein graphic novel, ein Daumenkino, ein
Musikvideo, oder oder oder…
 
Bedingung aber ist: Ihr seid dabei jeweils allein wie Frederic.
Jede*r verfolgt seine eigene Idee, teilt sie aber mit allen
anderen und darüber bleibt ihr in ständigem Austausch.
Wer technische oder andere Hilfe benötigt bei der
Umsetzung der eigenen Idee, kann in der Gruppe (online)
um Unterstützung bitten. Es ist fast immer alles benötigte
Wissen in einer Gruppe vorhanden, wenn ihr kommuniziert.
Und haltet es einfach: Auf eure Stimme, eure Gedanken,
Erlebnisse, Gefühle und Beobachtungen kommt es an.
Nicht auf Perfektion.
 
So könnten wir menschliche Wärme und Zusammenhalt erzeugen.
Weil wir in gemeinsamen Gedankenräumen sind.
Und eine gemeinsame Sache erschaffen. Die auch andere
trösten und ablenken wird von wiederum ihren Krisen
und einsamen Momenten oder einfach nur ihrer
Langeweile. Mit vielen Formaten (wie z.B. Podcasts )
könnt ihr darüber hinaus auch noch weiter — quasi
in jedes Zimmer — wirken und auch fremde Menschen
aufmuntern. Und das alles wird auch uns helfen,
diese Zeit zu überstehen und beieinander zu bleiben.
Solange, bis wir uns wieder umarmen dürfen.
 
Am Ende hätten wir all diese Geschichten, Kommentare
und Materialien aus einer Zeit, die wir alle nie vergessen werden.
Und die uns dann auch zusammengeschweißt haben wird.
Und vielleicht entstehen aus euren Beobachtungen und
Gedanken aus dieser Zeit neue Ideen für die Zukunft.
Das halte ich durchaus für möglich.
 
Lasst uns noch heute anfangen mit dem neuen
ACT-Projekt «Decamerone».
(Und denkt daran, dass es in jeder Gruppe jemanden braucht, der ein bisschen die Verantwortung und Steuerung übernimmt. Dabei könnt ihr euch auch abwechseln).
Und: Wir bleiben natürlich in Kontakt.
Haltet uns auf dem Laufenden!
 
Auf unserer Seite www.act-berlin.de findet ihr erste Ideen
zu möglichen Umsetzungen.





 

 

Kapitel 16: Die Bretter, die die Welt bedeuten

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Justin ist schuldistanziert. Wenn er weiterhin so viele Fehlstunden ansammelt, müssen wir uns was überlegen. Das läuft da insgesamt völlig aus dem Ruder. Der Junge ist total von der Rolle. Hat sich nicht im Griff. Provoziert. Verweigert den Unterricht – oder erscheint gar nicht erst. Wenn der nicht allerschnellstens wieder in die Spur kommt, können wir den hier nicht weiter beschulen“. 

Sagt der Sheriff. Ich sitze im Lehrerzimmer in der Runde der Kollegen*innen, die in der 8b unterrichten, es geht um die nächste Klassenkonferenz von Justin, und ich fühle mich mal wieder sagenhaft scheiße. Denn natürlich wäre jetzt der Moment, etwas zu sagen. Justin ist nämlich bei mir keineswegs schuldistanziert. Verweigert auch nicht den Unterricht. Ganz im Gegenteil ist so eine neue Wachheit in seine Augen gekommen. Außerdem ist er jetzt jeden Mittwoch zuverlässig bei der Theater-AG. Wo er inzwischen unverzichtbar ist. Nicht nur hat er sich mit Herrn Schulze angefreundet und mit ihm vier alte Strahler aus dem Keller geborgen, die wir nun als Scheinwerfer benutzen, nein – er hat mit dem Hausmeister-Trio auch noch ein Wochenende in der Aula verbracht und geholfen, die Bühne schwarz zu streichen und mit ihnen zwei zusätzliche Holzwände an den Seiten der Bühne angebaut – dann kann man hinter der Bühne sein, ohne, dass die Zuschauer einen sehen, sagt Justin – und auch insgesamt ist es in Wahrheit eher so, dass Justin sich wahlweise im Hausmeister-Kabuff oder in der Aula aufhält – und offenbar in bestimmten Unterrichtsstunden ganz bewusst fehlt – aber deswegen ganz und gar nicht schuldistanziert ist. Denn eben: In der Schule ist er ja. Leider nur nicht da, wo er laut Plan sein soll. Vor allem offenbar nicht bei Herrn Böhm. Wenn ich aber daran denke, dass er noch bis vor kurzem 90 Prozent des Unterrichts mit Kapuze auf und Kopf auf dem Tisch reglos wie eine Statue aus Stein die Zeit abgesessen hat, dann denke ich schon, dass man die Entwicklung der letzten Wochen insgesamt als positiv bezeichnen könnte. Eigentlich sogar als fulminanten Durchbruch. Aber klar, pathetisch werden nützt jetzt nix. Ich forme in Gedanken die Worte, die dieses „Gremium“ hier am Tisch eventuell überzeugen könnte und höre mich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich sagen:

Also mein Eindruck ist eher, dass Justin sich gerade total verbessert. Er ist IMMER bei der Theater AG und in meinem Unterricht fehlt er auch nicht. Ich glaube, der macht gerade eher auf und da passiert was Positives. Den jetzt abzuschulen, wäre doch eine Vollkatastrophe…

Weiter komme ich nicht, denn Herr Böhm unterbricht mich jetzt in eisigem Ton:

Danke für diese ungebetene Einschätzung, Kollegin Plath, die hier im Übrigen niemand teilt. Was in deinen Stunden los ist, wissen wir hier alle. Dass Justin bei DIR zum Unterricht kommt, erstaunt auch niemanden: Bei dir dürfen die ja machen, was sie wollen. Chaos veranstalten ist aber nicht das, was denen auf Dauer im Leben weiterhilft. Daher hoffe ich, dass noch ein paar sinnvollere Vorschläge kommen, die vor allem auf ETWAS mehr beruflicher Kompetenz beruhen. 

Er schaut in die Runde. Einige grinsen.

Mir schießt das Blut ins Gesicht und ich kriege kaum Luft. Mist. So vieles will ich sagen, aber ich habe keine entsprechenden Worte. Wo soll ich anfangen? 

Bei all den Geschichten, die die Jugendlichen jetzt beim Theater erzählen und in letzter Zeit sogar aufschreiben und in Bildern und kleinen Szenen auf die Bühne bringen? Bei meinem Besuch vor zwei Wochen bei Justins Mutter? Bei meiner Erkenntnis, dass Justins Mutter den ganzen Tag trinkt und weint und völlig überfordert ist und ich nicht eine Sekunde länger wütend darüber sein kann, dass sie sich nicht um ihr Kind kümmert, weil sie selbst noch eins ist und dringend Hilfe benötigt? Oder bei meinen vergeblichen Telefonaten mit dem Jugendamt, wo ich immer nur weitervermittelt werde und zu hören bekomme, dass derzeit aufgrund der Vielzahl der Fälle keine Unterstützung möglich ist, wenn ich Glück habe, in sechs Monaten vielleicht? Oder soll ich das Ganze gleich abkürzen mit meiner neuen Erkenntnis, dass es auf uns selber ankommt, weil von außen keine Hilfe zu erwarten ist und gar nichts besser davon wird, wenn wir die Verantwortung immer nur an andere, an eine andere Schule, eine andere Institution, eine andere Maßnahme abgeben? Während mir das alles durch den Kopf rauscht, werde ich wütend. Und das ist hilfreich, denn ich finde meine Stimme wieder:

Es ist doch Wahnsinn, Justin an eine andere Schule oder sonst irgendeine andere Institution abzuschieben – jetzt, wo er gerade anfängt, Vertrauen zu entwickeln. Wenn er offenbar ein Problem damit hat, regelmäßig zur Schule zu kommen, ist es doch absurd, ihn deswegen GANZ raus zu schmeißen! Da sollten wir doch lieber nach den Ursachen forschen, WARUM er fehlt! 

Breiiges Schweigen im Raum. Herr Böhm atmet an. Doch dann passiert das Unerwartete. Jemand sagt:  

Das sehe ich ehrlich gesagt auch so. 

Ich drehe mich um, es ist Andrea Marquart, die Sportlehrerin, ich habe sie eigentlich noch nie etwas sagen gehört. 

Herr Böhm lacht laut und höhnisch:

Da haben sich ja zwei gefunden! Bei der einen toben sie in der Aula rum, bei der anderen in der Turnhalle. Geschätzte Kolleginnen, es geht hier darum, dass Justin ein Anrecht auf FACHUNTERRICHT hat. Nichts gegen eure Spaß-Faxen und Freizeitaktivitäten, ist ja auch mal ganz schön ab und dann, aber Justin braucht ganz eindeutig ein geordnetes Umfeld, eine klare Struktur, eindeutige Ansagen und Regeln. Vor allem würde ich doch aber anraten, dass wir solche Fälle professionell behandeln und Expertenmeinungen einholen, statt hier emotionale Bauchentscheidungen zum Besten zu geben. – Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass insbesondere bei der Kollegin Plath gerade so einiges aus dem Ruder läuft. Der Junge dreht ja nicht ganz zufällig gerade frei! 

Und jetzt verengen sich die Augen des Sheriffs und er holt zur lang erwarteten Attacke aus: 

Und das liegt nicht ganz unwesentlich an dem ganzen Quatsch, den die Kollegin Plath da in ihrem angeblichen Unterricht einführt: Veto Recht und andere fragwürdige Experimente. Ich wollte es ja eigentlich hier nicht zur Sprache bringen, aber die Kollegin hetzt derzeit ganz bewusst unsere Schüler gegen uns auf. Als hätten wir hier nicht schon genug Probleme! 

Ich denke:  Ach, auf einmal sind es jetzt „unsere Schüler“. 

Andrea Marquart starrt den Sheriff an, sagt aber nichts mehr, senkt den Kopf. Und mir pocht die Wut im Hals. Aber auch die Angst, leider. Denken die jetzt alle, ich würde tatsächlich die Schüler aufstacheln? Wie ist es möglich, dass er die Tatsachen so krass verdrehen kann und niemand widerspricht? Soll ich hier kurz mal schildern, wie er mit den Jugendlichen in seinem Unterricht umgeht? Oder mit mir? Was hindert mich daran? Ich habe dieses schreckliche Gefühl, dass niemand mir glauben würde. Und er scheint das zu wissen. Es darf doch nicht wahr sein, wie sicher er sich fühlt, wie hoch er pokert! Und gleichzeitig sehe ich in den Gesichtern der Kollegen um mich herum diesen Zweifel. Dieses: 

Hetzt sie WIRKLICH die Schüler gegen uns auf? Was für ein Veto Recht?  

Das Schlimme ist, dass ich nicht daran glaube, ausreichend Zeit oder Raum zu bekommen, um das Veto Recht so zu erklären, dass der Sinn dahinter verständlich wird. Was der Sheriff sagt, klingt viel einleuchtender, weil einfacher – und empörender. Es ist einfach die bessere Skandal-Nachricht. Er hat damit jetzt die volle Aufmerksamkeit der Runde. Was ich dagegen zu sagen habe, ist irgendwie komplizierter, es hat mit einer längeren Entwicklung zu tun, ich kann dafür noch keine kurzen, knackigen Worte finden, obwohl ich spüre, dass es richtig ist, was ich da angefangen habe. Aber „spüren“ ist leider ein nicht ganz so überzeugendes Argument und nach außen sieht es nun einmal – ja – leider – irgendwie nach Aufstacheln aus. 

Ich habe die vergangenen Wochen sowohl mit meinen Klassen als auch mit der Theater AG in einer aufreibenden emotionalen Dauerauseinandersetzung verbracht, darüber, was das Veto bedeutet und wie es konstruktiv werden kann, statt alle Anwesenden auf die Palme zu bringen. Und dieser Weg führte zunächst einmal über ihre persönlichen Geschichten und Gedanken – und dann immer weiter zu dem ganz tiefen Frust, den diese Kinder in sich angesammelt hatten. Endlich erfuhr ich, warum sie die ganze Schule „verrostet“ fanden, sie kotzten sich regelrecht aus:

Am meisten macht Spaß, bei ALLEM Veto zu machen, isch ficke diese Schule, wallah! Isch ficke diese Lehrer! Isch ficke diese deutschen Kartoffeln! Alter, isch ficke ALLES! 

Mir wurde klar, dass die Veto Karte in etwa so wirkte wie das Öffnen der Büchse der Pandora. Die ganze aufgestaute Scheiße kam jetzt raus. Ein einziges riesen-großes Veto. Es war so, als hätte ich ein Monster aufgeweckt, das seit Jahren im Keller vor sich hinvegetiert hatte, und sich jetzt plötzlich mit aller Wucht erhob. Weil so viel Frust da war, und ich das alles gar nicht in Gesprächen auffangen konnte, spielten wir stundenlang „Open Mike“ mit „All in “, was hieß, dass sie erzählen, schimpfen und auch fluchen durften, so lange sie niemanden im Raum direkt meinten. Das passierte aber auch ohnehin nicht, denn ihre Wut richtete sich nicht gegeneinander, sondern hauptsächlich gegen die Schule, gegen das Job-Center und gegen alle, die sie verlassen, aufgegeben, gedemütigt oder herabgesetzt hatten. Nach den Open Mike Phasen durften sie Wut-Texte und Wutbriefe schreiben, die ich ihnen dann zu Hause ohne Fehler abtippte und ihnen als schöne, ordentliche Texte zurückgab. Ganz allmählich konnten wir dann auf dieser Grundlage Gespräche führen, die etwas länger dauerten, als drei Sätze und die dazu führten, dass die Jugendlichen genauer zuhörten, was ich mit dem Veto-Recht meinte und wie sie es in meinen Unterrichtsstunden konstruktiv anwenden konnten. Sie nutzten es zunehmend als Schutzschild, wenn sie irgendetwas nicht machen, sagen oder präsentieren wollten und wir redeten viel über eigene Grenzen und wo diese von anderen überschritten worden waren und warum das schmerzhaft gewesen war. Manche ihrer Texte waren nur kurz, bestanden teilweise nur aus ein oder zwei Sätzen, hatten es aber in sich und auf der Bühne wurden daraus mit Hilfe des Fernbedienungs-Spiels ganze Geschichten, die immer weniger wirkten, wie alberne Sketche, eher wie bildhafte, theatrale Bruchstücke von Wut und Enttäuschung. 

Und nach einer dieser Stunden steht Justin irgendwann neben mir und murmelt: 

Ich will nicht mehr, dass Herr Böhm „Du fette Sau“ zu mir sagt. Ich mach da jetzt Veto

Und ja. Es stimmt. Ich habe ihn darin bestärkt. Nicht konkret gegen Herrn Böhm, aber insgesamt darin, sich gegen Herabsetzungen und Beleidigungen dieser Art zu wehren. Eine Grenze zu ziehen. Zu sagen: So redet keiner mit mir. Hier ist Schluss. Die Grenze ist überschritten. 

Was genau nun Justin Herrn Böhm gegenüber gesagt oder getan hat, weiß ich nicht, aber offenbar ist die Entwicklung der letzten Wochen nicht spurlos am Sheriff vorbeigegangen. Wahrscheinlich ist die Situation zwischen Justin und Herrn Böhm eskaliert. Kann ich mir gut vorstellen, so klar und irgendwie stark wie Justin jetzt immer wirkt. Mir wird plötzlich ganz schlecht, weil ich ahne, warum wir hier überhaupt sitzen. Es geht gar nicht um Justin. Es geht um einen Machtkampf. Und ich kriege Angst, wenn ich nur dran denke. Ich hätte eigentlich längst was sagen müssen. Aber es scheint in dieser beklemmenden Atmosphäre irgendwie ganz und gar unmöglich das Offensichtliche auszusprechen. 

Ich mache trotzdem noch einen Versuch. Sämtliches Blut scheint mir dabei in den Kopf zu schießen und ich kriege kaum Luft. 

Justin wehrt sich im Moment nur gegen diese ständigen Herabsetzungen. Ich halte das für sehr gesund. 

Ich bin vor lauter Stress so kurzatmig, dass ich Luft holen muss. Dann schiebe ich noch hinterher: 

Und es stimmt nicht, dass ich die Schüler aufhetze. Ich ermutige sie nur, für ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse einzustehen. 

Mehr schaffe ich nicht. Mein Kopf fühlt sich an wie Brei. Ich nehme nur noch verschwommen wahr, dass Herr Böhm sich aufrichtet, die Adern an seinem Hals und auf der Stirn hervortreten und er anfängt zu brüllen. MICH anzubrüllen. 

Ich glaube echt, es hackt! Haste jetzt die Weisheit mit Löffeln gefressen oder was? Wie kann man nur so dermaßen arrogant sein bei gleichzeitiger vollkommener Verblödung! Willst du uns jetzt erklären, wie wir unseren Job zu machen haben?? Na, vielen Dank auch! Die Kollegen hier reißen sich tagtäglich den Arsch auf, damit aus diesem Gesocks hier noch IRGENDWAS Produktives raus kommt und was machst du? Spielst hier die Heilige! Die ARMEN Kinder! Mein Gott- bist du naiv, das ist ja gar nicht auszuhalten! Deren GRENZEN UND BEDÜRFNISSE!! Ich lach mich tot! Haste mal eine Sekunde über die Grenzen und Bedürfnisse der Kollegen hier nachgedacht?? Nee- Solidarität ist bei dieser Kollegin hier ganz klein geschrieben, ach Quatsch, was red ich: Gar nicht vorhanden! Schleimt sich auf miese Art und Weise bei den Schülern ein: Bei mir dürft ihr alles, aber die BÖSEN anderen Lehrer- die verstehen euch nicht, die machen alles falsch, ach dann wehrt euch doch mal gegen die und macht denen das Leben schwer! Ich könnte kotzen! Ich werd mich beschweren, Kollegin, das lass ich mir hier nicht mehr bieten! Macht euren SCHEISS doch alleine!!! 

Und mit lautem Poltern verlässt der Sheriff die „Bühne“, WUMMS, die Lehrerzimmer-Tür fällt hinter ihm zu, die vielen Zettel mit den Namenslisten der Jugendlichen für die nächsten Klassenkonferenzen zittern noch eine Weile. 

Ich sacke innerlich zusammen. Eine Kollegin sagt in leicht bissigem Ton: 

Ich wunder‘ mich auch immer, woher diese jungen, völlig unerfahrenen Kolleginnen ihr Bomben-Selbstbewusstsein her nehmen. Unterrichten zwei, drei Wochen und wissen dann gleich alles besser… aber das nützt ja nun alles nix, ich nehme mal an, diese Besprechung hier ist zu Ende. Ich schau mal, wo der Werner hingegangen ist. 

Klar. Der arme verletzte Werner-Sheriff muss jetzt schnellstens umsorgt werden nach diesem traumatischen Ereignis: Ihm wurde widersprochen. Ich packe meine Sachen und gehe zur Damentoilette. Nachdem ich mir ein paar Ladungen kaltes Wasser ins Gesicht geklatscht und damit das Aufkommen von Tränen einigermaßen in den Griff bekommen habe, öffnet sich die Tür und drei Kolleginnen betreten das Damenklo. Kaum haben sie mich vor dem Waschbecken ausgemacht, brechen sie in aufgeregte Sympathiebekundungen aus: 

Ach Mensch, Maike! Ich fand das ganz toll, was du gesagt hast- ich bin absolut auf deiner Seite, du hast sowas von recht!

Ich tupfe mein nasses Gesicht mit Toilettenpapier ab (Handtücher gibts nicht) und weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Denn was ich sagen, nein, eigentlich schreien WILL, ist: Ja und warum habt ihr nix gesagt?? 

Wobei. Andrea hat was gesagt. Ist allerdings jetzt nicht hier auf dem Damenklo. Ich beschließe, sie suchen zu gehen. Ich murmle sowas wie   Danke, danke…das freut mich…   und mache mich schnell auf und davon. 

Wenn ich Michelle Pfeiffer in „Gangstas Paradise“ gewesen wäre, dann hätten sich jetzt mehr und mehr Leute getraut, dem Sheriff zu widersprechen, Justin hätte Unterstützung erhalten, der Sheriff hätte beleidigt das Feld geräumt – oder wäre – von Justin’s Theater-Erfolg zutiefst berührt – ein neuer Mensch geworden. Das Schuljahr hätte geendet mit der gefeierten Aufführung der Theater AG, einem glücklichen Justin, einer strahlenden Mutter, die den Entzug geschafft hat und mit einer großen allgemeinen Versöhnung im Lehrerzimmer. Aber es war kein Film. Und Herr Böhm verließ nicht das Feld und wurde auch nicht geläutert. Ganz im Gegenteil trommelte er zur Schlacht. Er drohte mir, mich „fertig zu machen“, sollte ich mich weiterhin in SEINER Klasse einmischen. Justin nahm er in die Mangel und setzte ihn unter Druck. Was genau sich abspielte, weiß ich nicht, aber in der folgenden Konferenz gab Justin mit gesenktem Kopf zu Protokoll, Herr Böhm nenne ihn zwar immer „fette Sau“, aber das sei nur Spaß und eigentlich seien sie ja „gute Kumpels“, Herr Böhm sei eben ein strenger, aber eben auch ein guter Lehrer, der „die Lage im Griff hätte“. Andrea und ich gaben unsere Beobachtungen und unsere Sichtweise trotzdem zu Protokoll. Die Reaktion darauf war allgemeines, unangenehmes Schweigen, bei dem ich mich die ganze Zeit fühlte wie eine Verräterin. Aber: Taher, Mahmout, Chris und Selina bestätigten zu meiner großen Überraschung meine und Andrea‘s Aussagen und schrieben – ganz und gar freiwillig und ohne dazu aufgefordert worden zu sein – den längsten Text, den sie wohl je in der Schule freiwillig geschrieben hatten, nämlich eine Wörter- Liste mit folgender Überschrift: „Liste der Beleidigungen, wie Herr Böhm uns immer nennt – von der 8b“. Die Reaktion darauf im Kollegium war:  Ach. Die Jugendlichen erzählen halt viel, wenn der Tag lang ist. 

Außer, dass Herr Böhm einen weiteren Tobsuchtsanfall bekam und mir androhte, mich wegen Verleumdung anzuzeigen, bewirkte das Ganze leider so gut wie nichts, außer, dass Justin die Klasse wechselte, weil er es mit Herrn Böhm nicht mehr aushielt. Und der Sheriff selbst schwieg grimmig zu allen Vorwürfen, wurde aber auch nachhaltig von Frau Rische und dem Hühnerstall verteidigt und getröstet – und machte Andrea und mir fortan das Leben zur Hölle. Was man halt alles so machen kann, wenn Mann heimliche Schulleitung ist. Im Kollegium änderte sich NICHTS, zumindest dachte ich das damals. Aber offenbar änderte sich sehr wohl etwas, nur fand das eher im Verborgenen statt. In den Köpfen einzelner, die aber noch nicht laut werden wollten oder konnten. 

Ich selbst leckte zu Hause meine Wunden, stellte fest, dass die Welt nicht gerecht ist – mit 33 Jahren wurde das ja auch allmählich mal Zeit – und hielt mich an meine neuen Freundinnen: Andrea und Mausi. Wir saßen abends im Café Casablanca und versuchten zusammen zu begreifen, warum ein Phänomen wie der Sheriff so unangreifbar war und was das eigentlich über uns alle aussagte.  

Sag mal, Mausi: Hast du denn damals mal was gesagt, wenn sich der Sheriff wie ein Arschloch verhalten hat?   fragte ich, und hoffte auf eine Gebrauchsanweisung. Aber zu meiner Enttäuschung bekam ich nur ähnliche Variationen davon zu hören, wie es auch jetzt gelaufen war. So ein bisschen Aufruhr, mutiger Schlagabtausch, aber leider kein überzeugendes Ergebnis. Zu wenige trauten sich, ebenfalls aus der Deckung zu kommen. 

Mausi schaut traurig in ihr Weinglas:  Wir sind halt alle zum Stillhalten erzogen worden. Das hat System. Du siehst ja auch jetzt: Die Kinder werden ja nicht dazu erzogen, freie Menschen zu sein, sondern sich an alle Gegebenheiten anzupassen, egal wie unmöglich die eigentlich sind. Und wer da aus der Reihe tanzt, bekommt die volle Ladung sozialen Druck zu spüren. 

Mein erstes Schuljahr in Neukölln ging also nicht mit einem Happy End zu Ende, wohl aber mit einer fulminanten Theateraufführung, bei der 14 Jugendliche mit voller Power auf der Bühne standen und ihre Geschichten erzählten. Und auch, wenn Herr Böhm natürlich nicht kam und nur ein paar versprengte Eltern und befreundete Jugendliche im Publikum saßen, entgingen mir nicht die Tränen, die einige Zuschauer*innen in den Augen hatten, und ich dachte: Wir sind auf dem richtigen Weg. Und als Justin in einer Szene mit weit ausgebreiteten Armen auf der Bühne steht und sagt: Was ich in diesem Jahr gelernt habe? Ich habe gelernt, Veto zu sagen, muss ich mich abwenden, weil mir selbst die Tränen kommen. Also. Alles in allem ein gar nicht ganz so schlechter Anfang.