Türwächter*innen der Freiheit – Viertes Kapitel

Knietief durch die Scheiße – Teil 1: Warten, bis es leise ist…

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

(Alle Kapitel auch zum Anhören auf „Maikes Podcast“ hier auf der Seite in der linken Leiste).

Am nächsten Tag ist mir mulmig, als ich wieder die Treppen zum Klassenraum der 8b hochsteige. Nach der misslungenen Musikstunde gestern steht heute ein neuer Versuch bei ihnen an. Wie reagiere ich auf Taher, der gestern so ausgerastet ist? Soll ich auf die Situation von gestern eingehen? Muss ich ja wohl. Ich kann ja nicht ernsthaft akzeptieren, dass sie mir meine Sachen geklaut haben. Immerhin waren weder Geld, noch Handy, noch mein Schlüssel in der Tasche. Aber meine ganzen Unterlagen, mein privater Kalender, das Stifte-Etui, das ich so liebe und ein Lippenstift… mir wird schon wieder heiß im Gesicht, wenn ich nur dran denke. Es ist eine Mischung aus Scham und Wut. Sehr unangenehm und schwer auszuhalten. Aber es nützt ja nix. Wenn ich den Vorfall ignoriere, kann ich gleich nach Hause gehen und im Schuhladen neben unserer Wohnung in Mitte als Verkäuferin anfangen. Ich atme tief durch und öffne die Tür. Es ist nicht großartig anders, als gestern. Chaos. Gegröle. Niemand beachtet mich. Ich stelle meine Tasche auf dem Pult ab. Dasselbe Spielchen also, denke ich. Aber diesmal muss ich mich durchsetzen. Die Frage ist nur, wie. Dieses „Vorne-Stehen und warten bis es leise ist“ funktioniert einfach nicht, ich sollte lieber einen Salto Mortale machen, auf den Tisch springen oder laut beten, keine Ahnung. Stattdessen setze ich mich erstmal aufs Pult und beschließe, erstmal nichts zu machen. Also nicht, damit sie leise werden, denn diese Hoffnung habe ich ohnehin schon aufgegeben, sondern einfach, um mir Zeit und einen Überblick zu verschaffen. Ich sitze also da so rum und beobachte das Geschehen. Ich konzentriere mich darauf, ruhig zu atmen und mir selbst gut zuzureden. Letztendlich kann ich hier ja machen, was ich will. Also theoretisch könnte ich auch die ganze Stunde hier so auf dem Pult rumsitzen und abwarten, bis es klingelt. Mein Blick fällt auf den Sitzplan, der mit Tesafilm auf die Pult-Tischplatte geklebt ist. Aha, ich könnte vielleicht die Namen lernen. Ich studiere den Sitzplan, hoffe, dass die meisten an ihren „richtigen“ Plätzen sitzen und versuche mir die Namen einzuprägen. 

Plötzlich fliegt die Tür auf, Taher erscheint. Wie gestern hat er keine Tasche, keine Jacke, er lässt sich vorne auf seinen Platz fallen, mustert mich kalt. Ich fühle meinen Puls, versuche aber, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Also weiter die Namen lernen. Um mich herum ohrenbetäubender Lärm. Es ist eigentlich absolut lächerlich. Was bin ich für eine Lehrerin, die hier so rum sitzt und nichts tut? Übersetzt: Die komplett hilflos ist? Es ist ein Alptraum. 

Ich spüre Tahers bohrenden Blick. Die Buchstaben vor meinen Augen flackern. Es ist schwer, sich zu konzentrieren, wenn Blicke einen quasi aufspießen. 

Dann knallt Taher mit der Hand auf den Tisch und alle zucken zusammen und schauen ihn an. Schauen mich an. Mein Herz rast. Es geht wieder los. 

Taher: Ey was los? Machst du keinen Unterricht? Isch hab jetzt Musik, wallah! Ich will was lernen. 

Ich zwinge mich, nur langsam von meinem blöden Sitzplan aufzuschauen. Dann treffen sich unsere Blicke. Meiner und Tahers. Ich falle quasi in seinen Blick hinein. Bleibe da. Warte ab. (Weil mir nichts einfällt, was ich sagen könnte). 

Taher starrt mich an: Ja, guck ma nisch so hässlisch! Ich will jetzt Musikunterricht! 

Inzwischen ist es still geworden im Raum. Alles schaut fasziniert nach vorne: Da gibt es die nächste spannende Schlacht mit Taher zu besichtigen. 

Ich zwinge mich zur Ruhe und halte weiterhin Tahers Blick stand. 

Ganz ehrlich, Taher: WAS für einen Unterricht willst du denn? 

Taher stößt sich abrupt mit den Händen von seinem Tisch ab und poltert mit seinem Stuhl nach hinten. 

WALLAH!! Woher soll ISCH das wissen?? DU bist die verfickte Lehrerin! Du wirst dafür BEZAHLT!! Also MACH was, mach ma jetzt Musikunterricht, du Hure!! 

Ich schüttele den Kopf, schaue ihn weiterhin an. 

Ja, Taher. Mach ich. Aber nur, wenn es Sinn macht. Und so, wie du redest, macht es KEINEN Sinn. Jetzt mal ganz ehrlich: Was denkst du denn, was guter Unterricht ist? 

Taher schlägt wieder mit voller Wucht auf den Tisch, dreht sich kurz weg. Schaut auf den Boden. Dann wieder dieser wütende Blick: 

Bin ISCH jetzt hier der Scheißlehrer oder was??? 

Ich: Nee. Aber vielleicht ein guter Berater? Du hast ja schon viele Lehrer erlebt. Und ich hab hier das Gefühl, ihr wollt mich sowieso nur auflaufen lassen, egal, was ich mache. Du findest doch scheinbar ALLES Scheiße, was hier läuft. Dann sag doch mal: Was meinst du mit MUSIKUNTERRICHT?? Also so, dass du da Bock drauf hast? 

Totenstille. 

Taher funkelt mich böse an. Aber irgendwas ist einen Millimeter besser als vorher, sagt mir mein Bauchgefühl und ich merke, dass ich irgendwie „Land gewinne“. Oder? 

Leider nein. 

Taher grinst. Dann sagt er betont ruhig: Alles klar: Also guter Musik-Unterricht ist, wenn wir dir unsere Lieblings-CDs nach vorne schmeißen und du machst den DJ. Und lässt uns in Ruhe. Und klar wird nur coole Musik aufgelegt. Das entscheide ICH dann. 

Er lacht auf unangenehme Weise, dreht sich abrupt von mir weg und poltert in die Klasse:

Ey wallah, wie hässlisch sie ist! Sie kann nicht unterrichten! 

Aber der Rest der Klasse starrt mich nur erwartungsvoll an und reagiert – nicht. Einige Jungs hinten grinsen. 

Ich will nicht aufgeben, mache einen neuen Versuch: Taher. Ich mein das ernst. WAS willst du? Ich kenn so eine Scheiße hier nicht. Ihr habt mir gestern meine Sachen geklaut, du bist ausgerastet. Was soll der ganze Scheiß? Ich bin GERNE Lehrerin, aber das hier bei euch ist echt absurd. Ich VERSTEH nicht, was du willst, was hier los ist bei euch. Wenn du nicht mit mir redest, wird’s nicht besser. 

Taher macht eine wegwerfende Geste mit der Hand, pustet laut Luft aus, als wäre es ihm einfach zu blöd. 

Wallah, ist sie BEHINDERT! sagt er, steht abrupt auf, geht nach hinten, lässt sich dort auf das abgewetzte Sofa am Fenster fallen und tippt in sein Handy. 

Fatima meldet sich. 

Ja, Fatima? 

Mach jetzt mal normal Unterricht, Frau Plath, sagt Fatima mit provokant nach vorn gerecktem Kinn. Die anderen lachen. Es wird jetzt plötzlich wieder laut im Raum, Fuad ruft von hinten: Ja, genau, mach ma Musikunterricht, ich will jetzt ENDLICH was lernen, wallah! 

Gib ma Arbeitsbogen! ruft jemand anders. 

Ich: Und was ist mit meinen Sachen? Bevor hier irgendwas los geht, muss ich die wieder haben. 

Mahmout: Wieso? War doch kein Geld drin. Nix Wichtiges. Waren doch nur langweilige Zettel. 

Ich: Ja, aber MEINE langweiligen Zettel. Und meinen Kalender und meine Stifte-Tasche LIEBE ich. 

Mahmout lacht auf: So SCHULSACHEN? Bist du behindert? 

Ich: Ich weiß nicht, welche Sachen für DICH ne Bedeutung haben? 

Mahmoud: Mein Handy. 

Ich: Ja genau. Dann stell dir vor, jemand würde dir dein Handy weg nehmen. 

Die ganze Klasse röhrt vor Lachen, kreischt, kriegt sich gar nicht mehr ein. Was war jetzt wieder so komisch? 

Mahmout erklärt es mir, während Taher sich hinten immer noch übertrieben inszeniert ausschüttet vor Lachen. 

Mahmout: Die nehmen mir DAUERND mein Handy weg, ey. Scheiß OPFER-Lehrer! 

Fatima: Und dann müssen wir zwei Wochen warten, bis wir das wieder kriegen.

Ich: Wieso zwei Wochen? 

Fatima: Is so. Dann können die Eltern das in der Schule abholen. 

Selina: Handies sind nicht erlaubt im Unterricht. Wenn wir Sms tippen oder es klingelt, nehmen die uns das weg. Und damit wir zu Hause richtig Ärger kriegen, müssen das die Eltern in der Schule abholen. 

Ich: Ok. Verstehe. 

Mahmout: Also bei dir sind Handies erlaubt? 

Ich merke, wie mich diese Frage stresst. Wenn ich jetzt „Ja“ sage, habe ich mit absoluter Sicherheit ein Problem mit den Kollegen. Aber habe ich das nicht vielleicht sowieso? Ich winde mich etwas peinlich um eine klare Antwort. 

Ich: Also manchmal sind Handies ja sinnvoll. Wir können das ja von Fall zu Fall entscheiden. Auf jeden Fall solltet ihr die natürlich im Unterricht ausmachen. – Ist ja klar. (Das füge ich noch mit etwas Nachdruck hinzu, was den gegenteiligen Effekt von Nachdruck hat. Ich komme mir vollkommen lächerlich vor). 

Außerdem sind wir voll vom Thema abgekommen, denke ich, es ging doch eigentlich um meine Sachen! 

Ich: Aber ganz egal jetzt, wie wir das zukünftig mit den Handies hier regeln. Ich will erstmal meine Sachen wieder haben. 

Taher: Aber unsere Handies nimmst du uns dann trotzdem weg, oder was? 

Ich: Man, Taher, das ist hier kein Tauschgeschäft! 

Taher: Nee, man, stimmt! Du machst, was du willst, und wir sind die Scheiß-Opfers! Ey, diese Schule ist verrostet, wallah! 

Es wird wieder laut. 

Der Moment der kleinen Hoffnung ist vorbei. Sie haben wieder dichtgemacht. Was mit meinen Sachen ist, keine Ahnung. Ich stehe vorne wie der Alien. Langsam hole ich meine Arbeitsbögen raus. So ein Schwachsinn, denke ich und gebe Mehmet den Stapel, der mit ausdruckslosem Gesicht die Blätter sofort beginnt, auszuteilen. 

Na endlich, man! schreit Selina: Sie macht UNTERRICHT! und lacht ein bisschen hämisch. Während einige wenige tatsächlich anfangen, sich über die Arbeitsblätter zu beugen, falten die anderen Papierflieger daraus und lassen sie durch die Luft sausen. Innerhalb weniger Sekunden herrscht wieder der ohrenbetäubende Lärm. Kevin, ein kleiner blasser Junge, der hinten alleine am Fenster sitzt, hält sich die Ohren zu. Selina schreit: Jetzt setz dich doch mal durch, Frau Plath! Du musst die rauswerfen, die laut sind! 

Und was soll das bringen? schreie ich zurück. Selina zuckt mit den Achseln. 

Machen halt alle so. Du bist zu lieb, man. So lernen wir nix.

Wie zum Beweis geht jetzt hinten zwischen Taher und einem anderen Jungen eine Prügelei los, es sieht so aus, als würden sie sich umbringen wollen. Zwei andere Jungs halten die beiden nur mit Mühe und äußerster Kraftanstrengung auseinander, wildes Geschrei und Gepolter. Ich durchquere mit ein paar sehr schnellen Schritten den Raum, werfe mich quasi zwischen die beiden Streithähne und höre mich zu meiner eigenen Überraschung aus vollem Hals brüllen: Ihr spinnt ja wohl total! Jetzt ist Schluss!

In dem Gerangel werde ich hin und hergeworfen, jemand packt mich und schubst mich unsanft zur Seite. 

Misch disch nisch ein, das hat nix mit dir zu tun, sagt jemand nah an meinem Ohr. Die Schrankwand kracht zu Boden, die Mädchen kreischen, Kevin rennt heulend nach vorne und schreit: Ich will normalen Unterricht! Ich will normalen Unterricht! 

Ich rappel mich wieder auf und gehe nochmals mit aller Kraft dazwischen. Wieder werde ich mit voller Wucht zur Seite gestoßen. Ich stelle mich breitbeinig auf und brülle so laut, wie ich meine eigene Stimme selbst noch nie gehört habe: STOPP! Es REICHT!! 

Erstaunlicherweise kehrt Ruhe ein. Taher schmeißt sich zurück aufs Sofa, winkt mit einer abfälligen Geste ab: Ey du Missgeburt – wir sehn uns später. 

Ja, wir klärn das später, du Hurensohn! 

Als ich gerade aufatmen will, geht die Klassenraumtür auf: Ein älterer Kollege steht im Türrahmen, offenbar der Klassenlehrer der 8b. Er steht da breitbeinig im Türrahmen, die Arme in die Seiten gestemmt und grinst – ja man kann es nicht anders sagen – höhnisch. 

Was n HIER los? Ich glaub, mein Schwein pfeift! Ach! Und da is ja die Kollegin Plath! Ich dachte, hier ist kein Lehrer in der Klasse… Na, wenn Sie das hier als Unterricht bezeichnen… Interessante Pädagogik… Na denn! (Er tippt sich an die Stirn). Viel Spaß noch, Kollegin.

Und weg ist er. 

Ich lasse mich auf den Stuhl am Pult sinken und starre auf den Sitzplan. Es hat alles keinen Sinn, denke ich. 

In der Pause fliehe ich ins Raucherzimmer, sitze zwischen den Rokal-der-Steinzeitjäger-Lektüren, ziehe an meiner Zigarette und denke in einem Dauer-Loop: Nicht heulen, Frau Plath. Erst, wenn du zu Hause bist. 

Dann Musik in der 8a. Schon von draußen das Gejohle und Geschrei. Ich gehe rein und denke: Es sind nur 45 Minuten. Das schaffst du schon. 

Schaffen ist natürlich ein dehnbarer Begriff. Ich versuche gar nicht erst, von vorne irgendetwas anzusagen, sondern gehe gleich durch die Bankreihen und verteile meine Arbeitsbögen. Das sind sie gewöhnt, das verursacht am wenigsten Ärger. Es ist zwar völlig fürn Arsch, weil keiner ernsthaft was einträgt auf den Papieren, aber es sieht immerhin noch am ehesten nach Unterricht aus und führt mysteriöserweise dazu, dass dann immerhin die meisten an ihren Plätzen sitzen bleiben. Warum auch immer. Dort tippen sie zwar auf ihren Handies rum, spielen Karten, lackieren sich die Fingernägel oder zeigen sich Hochzeitsfotos aus dem Libanon, aber wenigstens sind sie dann mit sich beschäftigt und beachten mich nicht. Was in gewisser Weise eine Erholung ist. 

Warum verteile ich nicht einfach nur noch Arbeitsbögen und sitze meine Zeit ab? Wäre doch leicht verdientes Geld? Ich gehe so ein bisschen auf und ab, bleibe am Fenster stehen, schaue raus, schaue auf die Uhr. Immer noch erst zehn Minuten vergangen. Noch 35 Minuten. Ich langweile mich. Und plötzlich muss ich lachen. Was MACHEN wir hier eigentlich? Einen Wettbewerb, wer am besten die Zeit totschlägt? Wir sitzen hier alle diese 45 Minuten ab. Keiner von uns möchte hier sein. Alle würden lieber woanders sein und was anderes machen. Aber hier sind wir. Zusammen in diesem hässlichen, verwahrlosten Raum – und warten darauf, dass es klingelt. Und letztendlich darauf, dass wir endlich nach Hause dürfen. Was für ein Irrsinn. 

Ich traue meinen Augen nicht: Da meldet sich jemand. Ich gehe zaghaft hin, die Erinnerung von gestern noch in den Knochen. Aber es hat keinen Zweck von hier aus zu sprechen – man versteht sein eigenes Wort nicht bei diesem Lärm. Bei Meltem angekommen, kniee ich mich vor sie hin, schaue sie fragend an. Meltem sagt: Mir ist schlecht. Kann ich nach Hause? 

Immerhin fragt sie, denke ich. Taher wäre einfach gegangen. 

Was ist denn los?, frage ich. Statt einer Antwort, kullern Tränen. Entsetzt beuge ich mich vor: Was ist los, Meltem? Hat dir jemand weh getan? 

Jetzt schluchzt Meltem. Nickt. Ich nehme ihre Hand, sie schluchzt weiter. 

Magst du nicht drüber reden? 

Meltem schüttelt den Kopf, drückt aber weiter meine Hand. 

Ich will nach Hause, murmelt sie.

Ok, höre ich mich sagen, richte mich auf, gehe zum Pult und hole das Klassenbuch. 

Darf Meltem nach Hause? Ich will auch nach Hause, schreit ein Mädchen von hinten, das aussieht wie die Gewinnerin eines Model-Wettbewerbs. Ich werfe kurz einen Blick auf den Sitzplan. Das müsste Shirin sein. 

Shirin? Sie nickt. Mir ist schlecht, Frau Plath, ich habe meine Tage. 

Ich auch! Ich will auch nach Hause!, ruft sofort jemand anders. Ach du Scheiße, denke ich. Jetzt wollen alle nach Hause. 

Riesengeschrei: Was hat Meltem? Warum darf die nach Hause? Ich will auch nach Hause!

Ok. Sage ich sehr laut. Das ist jetzt echt albern. Entweder wir reden jetzt kurz, was mit euch los ist, und warum wer nach Hause muss, oder alle bleiben hier. Fertig. 

Ein Geheule geht los, wie eine Wolfsgeheul-Persiflage. Ey, Sie sind VOLL fies, Frau Plath. Wie HÄSSLISCH!!! Meltem geht’s WIRKLICH schlecht! Und ich hab ECHT meine Tage! 

Und wieder – brülle ich… 

Ruhe jetzt! STOPP! Das darf doch nicht wahr sein. Ihr setzt euch jetzt hin! SCHNAUZE!!! (ja, tatsächlich. DAS brülle ich, ich kann nicht glauben, dass ich das bin). Ein kurzer Moment der Überraschung. Die Mädchen grinsen. Ayse murmelt in meine Richtung: Na siehste… GEHT doch… 

Meltem hat inzwischen ihren Kopf auf die Arme gelegt und schluchzt lautlos vor sich hin. Ich streichle ihr vorsichtig über den Rücken. Sie zuckt zusammen. Schaut auf. 

Wolln wir? frage ich. 

Sie nickt. Wir gehen zusammen raus vor die Tür, das Klassenbuch habe ich unter den Arm geklemmt. Draußen auf dem Flur schließe ich vorsichtig die Tür und sehe Meltem an. 

Jetzt erzähl mal… sage ich. 

Aber Meltem schüttelt den Kopf und rennt davon. 

Meltem!

Ich habe den Impuls hinterher zu rennen, aber da kracht schon wieder irgendwas im Klassenraum um. Ich reiße die Tür auf und im selben Moment springen drei Jungs vom Pult, auf dem sie offenbar gerade getanzt hatten. Sämtliche Gegenstände auf dem Pult, zwei große Plastikbehälter mit Stiften und Scheren und eine Blumenvase sind auf den Boden geflogen, der Inhalt in einer Wasserpfütze auf dem Boden verteilt. Ich mache mich daran, aufzuräumen. 

In den folgenden Tagen bereite ich gefühlt 100 verschiedene Stundenentwürfe vor. Vor allem aber denke ich: Du WEISsT doch, wie guter Unterricht funktioniert. Mit Sicherheit geht das nicht frontal vom Pult aus. Also das allererste, was du schaffen musst, ist ein Stuhlkreis und auf Augenhöhe mit ihnen reden! In Beziehung gehen. Du hast das doch alles tausend Mal gemacht und eine ganze Schrankwand voller genialem Unterrichtsmaterial angesammelt! Das DARF doch nicht wahr sein, dass du das nicht hinkriegst! 

Ok. Gesagt getan. Erster Schritt: Demokratische Gesprächskultur, denke ich. In den folgenden Tagen kann Mensch dann besichtigen, wie Frau Plath in ihren Klassen versucht, einen Stuhlkreis aufzubauen. Ungelogen dauert dieses Vorhaben grundsätzlich genau eine Unterrichtsstunde lang. Wenn endlich der Stuhlkreis aufgebaut ist, alle im Kreis sitzen und ein winziger Moment Ruhe einkehrt, also genau in dem Moment, in dem ich sage: Ok, und jetzt fangen wir an – klingelt es zur Pause. 

Und jeden Tag packe ich am Ende eines weiteren langen Kampf-Tages meine Sachen zusammen, setze mich in die U8, die mich nach Mitte bringt und denke: 

Nicht heulen. Erst, wenn du zu Hause bist. 

Türwächter*innen der Freiheit – Drittes Kapitel

Realitätsschock

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig. (Alle Kapitel gibt es auch in der Hörfassung auf meinem Podcast: Auf meiner Seite bei „Maikes Podcast“).

Berlin Neukölln 2004. An meinem ersten Schultag in Neukölln sind noch keine Schüler*innen da. Nur das Kollegium. Es ist der Freitag vor Schulbeginn nach den Sommerferien 2004. Ich stehe in einem Lehrerzimmer, das mich sprachlos macht. Alles ist wahnsinnig eng und voll gerümpelt. Auf den Schränken stapelt sich verstaubtes, offensichtlich längst vergessenes Zeugs: Schulbücher, zusammengerollte Plakate, Kisten, Aktenordner… Alles zugedeckt unter einer feinen, grauen Staubschicht – diese Sachen hat seit Jahren niemand mehr angefasst. Auf den Fensterbänken vertrocknete Pflanzen, die schon bessere Tage gesehen haben, kleine Töpfchen mit grauem Gestrüpp. In der Ecke röchelt eine alte Kaffeemaschine, daneben eine Spüle voller dreckiger Kaffeetassen, mindestens 20 verschiedene Becher und Tassen mit braunen Flecken und Rändern, zu kippelnden Türmen gestapelt. An der Lehrerzimmertür – innen – eine gelbliche Liste mit Schülernamen und Terminen für Klassenkonferenzen – aus dem letzten Schuljahr. Der kleine Raum ist vollgestellt mit grauen Tischen und grauen Stühlen, die Tische sind ebenfalls komplett vollgerümpelt und jeder Stuhl besetzt. Ich stehe neben der Tür und überlege, wo ich mich hinsetzen soll. Als ich endlich einen freien Platz ausmache und zögernd darauf zusteuere, um meine Tasche dort abzulegen, vertritt mir ein älterer Kollege den Weg. 

Da sitzt Frau Schmidt.

Oh, ach so. 

Ich ziehe mich zur Tür zurück. Stehe da so rum. Schaue in die Runde. Alle scheinen sehr beschäftigt zu sein – und angespannt. Allgemeines hektisches Gemurmel. Ich frage mich, wo man eine rauchen kann und verlasse langsam und möglichst unsichtbar diesen Ort des Grauens. Draußen vor der Lehrerzimmertür studiere ich den Schaukasten. Da hängen Listen von den Bundesjugendspielen 2003 und ein paar Urkunden für die Fußballmannschaft. Ich mache mich auf die Suche nach dem Raucherzimmer. Unterwegs ein Toilettensymbol an der Tür. Vielleicht gehe ich erstmal kurz aufs Klo. Geht nicht. Die Tür ist abgeschlossen. Ich stehe ratlos auf dem Schulflur. 

Bist du neu hier? 

Eine jüngere Kollegin steht vor mir.

Ja, ich…

Hallo. Ich bin „die Sozialpädagogin“, sie grinst, als wäre das ein Witz. 

Und du fängst hier jetzt zum Sommer an? fragt sie.

Ja. Ich bin Maike. 

Aus Berlin?

Nee, aus Schleswig-Holstein. 

Oh. Und ist das deine erste Stelle hier?

Nein, ich bin schon 8 Jahre im Schuldienst.

Echt? Na, dann wird dich hier ja so schnell nichts erschüttern. Sie lacht und ich spüre eine kleine Anwandlung von Wärme. Ich bin froh, dass ich offenbar einen normalen Menschen in diesem Gebäude entdeckt habe. Einen Menschen, der mich anguckt und normal mit mir spricht. 

Sie: Wollen wir eine rauchen? 

Ich frage mich, ob sie Gedanken lesen kann und sage erleichtert: Ja, super.

Wir gehen schweigend nebeneinander den dunklen Schulflur entlang. Die Tusche-Bilder an den Wänden sehen so aus wie in meiner damaligen Grundschule in den 70-er Jahren in Glücksburg am Kegelberg. 

Die Toiletten sind noch abgeschlossen, höre ich mich zu meiner eigenen Überraschung sagen.

Die sind IMMER abgeschlossen, ich heiße übrigens Lena, sagt meine Begleiterin und schließt mit einem unverhältnismäßig großen, klirrenden Schlüsselbund eine Tür auf. 

Wie im Knast, denke ich. 

Wir betreten einen Raum, der so aussieht, als wäre er in einem hundertjährigen Dornröschen-Schlaf. Schrankwände voller alter Aktenordner und Schulbücher, Sprachbücher, Mathebücher, Englischbücher, abgewetzte Stapel von „Rokal, der Steinzeitjäger“, einer Lektüre, die ich noch aus meiner eigenen Schulzeit kenne. Ein paar – im Kontrast dazu – seltsam modern wirkende schneeweiße Whiteboards, gestapelt an der Wand und irgendwie unberührt, eingeschweißt in Plastikfolie. Hinten eine Sofaecke, die mich an unseren damaligen SV Raum erinnert, noch zu meinen Schulzeiten – wo die Oberstufen-Ökos immer saßen, heiße Milch mit Honig tranken und über Afghanistan diskutierten – in den 80-ern. 

Lena lässt sich auf das grüne, abgeranzte Sofa fallen. 

So. Sagt sie mit einem zufriedenem Lächeln und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen. 

Sie schaut auf. Auch eine?

Nee, ich hab selber, danke. Ich setze mich auf einen alten Sessel, der bei jeder kleinen Bewegung knarzende Geräusche macht.

Und? Warum bist du jetzt in Berlin? 

Private Gründe. 

Ich mache eine Pause und habe das Gefühl, das klingt irgendwie abweisend. Also füge ich hinzu: Ich wollte noch mal einen anderen Eindruck von Schule kriegen… und Berlin ist ja schon ne spannende Stadt… (Ich komme mir vor wie eine Landpomeranze. – Bin ich ja auch.)

Lena lacht schallend. Ok, mutig, Alter! – Also bist du freiwillig hier? Also ich meine – an dieser Schule?

Ich zünde meine Zigarette an, nehme einen Zug und sehe sie zum ersten Mal direkt an. 

Freiwillig? Ja, klar. Oder was meinst du…?

Naja, hier geht ja keiner freiwillig hin. Hauptschule Neukölln halt. Ist sozusagen der Vorhof zur Hölle. 

Ich atme etwas zu laut aus. 

Boah. Das ist doch voll das Klischee. Böses Neukölln, Kriminalität, Räuberpistolen… Also ich denke, das wird in den Medien auch immer übertrieben dargestellt, oder?

Lena wirft mir einen seltsam ironischen Blick zu. Ich finde, ein bisschen überheblich. Ich fühle mich blöd. Was will sie überhaupt? Sich wichtigmachen? Mir Angst machen? Ich lächle sie an, puste Rauch in die Luft und hoffe, dass ich nicht ganz so provinziell wirke. 

Naja. Sagt sie. Ehrlich gesagt… Ehrlich gesagt ist es schon krass, also… schwierig… Ich will dir jetzt nicht die Motivation nehmen – aber es ist schon…. heftig.

Ich merke, wie ich innerlich trotzig werde. 

Was meinst du denn? Sage ich etwas zu laut.

Sie zögert. Dann wirft sie mir einen kurzen Blick zu, zuckt mit den Schultern. Egal, sagt sie, vielleicht findest du es ja wirklich nicht so schlimm. Es hat auch alles Vorteile hier. Man kann machen, was man will. Hauptsache, es dringt nix nach draußen…

Das finde ich interessant. Diese Aussage habe ich fast wortwörtlich von der Neuköllner Schulrätin beim Einstellungs-Gespräch gehört. An einem der letzten Sommerferientage sitze ich in der Boddinstraße in Neukölln bei der zuständigen Schulrätin. Sie erzählt fröhlich von ihrer anstehenden Pensionierung und dass „sie noch einiges auf den Weg bringen möchte“. Offenbar möchte sie auch mich auf den Weg bringen, denn ich habe noch keine Stelle. 

In Schleswig-Holstein hatte ich gekündigt und meine Verbeamtung aufgegeben, weil ich keine Lust hatte auf das offizielle Verfahren, bei dem mein Wechsel in ein anderes Bundesland eventuell Jahre gedauert hätte. Ich hatte mich entschieden nach Berlin zu gehen – und zwar jetzt. Nicht in ein paar Jahren. Ich war mit meinem ganzen Krempel nach Berlin gezogen, hatte mich vorher persönlich an einer Reihe von Schulen beworben und gehofft, dass es irgendwie klappen würde. Im Verlaufe der Sommerferien musste ich feststellen, dass es offenbar nicht „irgendwie klappen“ würde. In Berlin war 2004 von einem Einstellungsstopp die Rede und ich fing an zu zweifeln, ob meine spontane Entscheidung richtig gewesen war. Neben der Wohnung in der Rosenthaler Straße, in die ich mit meinem Freund gezogen war, hing ein Schild im Laden eines Schuhgeschäfts: Verkäuferin gesucht. Ich ertappte mich hin und wieder bei dem Gedanken, dass ich mich vielleicht dort mal melden sollte…

Jetzt aber saß ich also im Büro der Schulrätin und hoffte, dass sich noch etwas ergeben würde. 

Frau Behrens wirkte auf mich wie eine typisch schnoddrige Berlinerin, die die Dinge beim Namen nennt. 

Sie: Ja, Frau Plath, ich hätte hier ne Stelle für Sie. Sie können gleich nächsten Montag anfangen, wenn Sie wollen.

Ich: Das ist ja toll.

Sie: Naja, das müssen Sie entscheiden. Ich hab hier nur was an ner Hauptschule, und da wollen ja viele nicht hin. Aber ich sehe hier in Ihren Akten, dass Sie ja in Schleswig-Holstein ne Menge bewegt haben und eine engagierte Lehrerin sind. Dann werden Sie es auch an einer Hauptschule schaffen, da bin ich mir sicher. Vor allem haben Sie ja die Fachqualifikation für Darstellendes Spiel und offenbar viel Erfahrung mit dem Theater. Das ist doch großartig. 

Ich: Gibt es an der Hauptschule denn überhaupt offiziellen Theaterunterricht? Ich dachte, das gibt es nur in der gymnasialen Oberstufe.

Sie: Da haben Sie recht. Das gibt es an der Hauptschule nicht. Aber ich bin jetzt mal ganz offen mit Ihnen: Das interessiert hier sowieso niemanden. An den Hauptschulen ist Untergang. Ende Gelände. Da können Sie machen, was Sie wollen. Da redet Ihnen keiner rein. Hauptsache, der Deckel bleibt drauf. 

Ich: Und was heißt das genau?

Sie: Das heißt, dass an den Hauptschulen hier sowieso kein normaler Unterricht mehr möglich ist. Wenn Sie da mit dem Theater kommen – und das irgendwie hinkriegen – dann sind alle froh. Was offiziell unterrichtet wird, ist völlig egal – Hauptsache, das läuft irgendwie ohne Drama ab. Minimalanforderung ist, dass die Polizei nicht kommt. 

Aha. Ich muss lachen. 

Sie: Ja, da lachen Sie jetzt. Aber ich verrate Ihnen mal was: Ich kriege hier reihenweise Suiziddrohungen von Lehrkräften, die da unterrichten sollen. Ich kann meine Stellen hier nicht besetzen, weil die dann mit dem Anwalt kommen. Da freu ich mich doch über eine Person wie Sie. Sie haben Ihre Verbeamtung aufgegeben, um herzukommen. Da steckt ja ordentlich Wums dahinter, das brauchen diese Kinder an der Hauptschule. Und ich bin mir sicher, Sie sind da richtig. Wenn Sie schlau sind, können Sie da richtig was draus machen. 

Sie zwinkert mir aus ihren tiefblau geschminkten Augen verschwörerisch zu. 

Ich: Ja, ich weiß nicht… Mit Hauptschülern habe ich keine Erfahrung. Und ich komme ziemlich aus der Provinz, also vielleicht…

Sie: Ach, das ist doch alles Quatsch. Sie sind ne patente Person. Sowas kann ich riechen. Ich sitz hier schon ne Weile, glauben Sie mir, ich habe Erfahrung. Sie werden mir noch danken, dass ich Sie dahin geschickt habe. Und wenn Sie Probleme kriegen: Sie können sich jederzeit bei mir melden. Ich werde die Hand über Sie halten, da können Sie sich drauf verlassen….

Frau Behrens hielt ihr Versprechen. Sie „hielt ihre Hand über mich“ – allerdings nur drei Jahre. Dann wurde sie pensioniert. Und nach dem „das alte Schlachtschiff mit den blau geschminkten Augen“ nicht mehr in der Boddinstraße saß, brachen andere Zeiten an. Ganz andere Zeiten.

Lena drückt ihre Zigarette aus und seufzt. 

Na, dann wolln wir mal, sagt sie, lächelt halb aufmunternd, halb mitfühlend und wir machen uns auf den Weg zurück ins Lehrerzimmer. 

Mit ihr an der Seite ist es etwas einfacher und ich stehe nicht mehr ganz so verlassen im Türrahmen – wie bestellt und nicht abgeholt. Aber an der Tür stehe ich trotzdem noch eine ganze Weile, bis Lena einige Kolleginnen überredet hat, mir einen Platz zu frei zu machen. Etwas umständlich und begleitet von leicht genervtem Gemurmel werden einige Stühle gerückt und Taschen und Ordner beiseitegeschoben. Ich bekomme einen Platz, obwohl „der nur vorläufig ist“, erklärt mir ein älterer Kollege in grimmigem Ton: Da sitzt eigentlich Frau Wehmeier – aber die ist langzeit-krankgemeldet. Wer weiß, ob die überhaupt wiederkommt. Aber wenn, dann müssen Sie da wieder weg.

Aha. Ich frage mich, ob sich hier alle siezen – oder ob das Ironie ist. So eine Art Theaterstück, dass die hier für mich aufführen. So wirkt es jedenfalls. 

In den ersten Tagen fahre ich von Berlin Mitte aus mit dem Fahrrad zur Schule. Es ist ein weiter Weg, aber ich habe den Ehrgeiz, die Stadt kennen zu lernen und freue mich tatsächlich darüber, dass es sich anfühlt, als würde man durch einen Spielfilm fahren. Alexanderplatz, Fernsehturm, Haus des Lehrers, Moritzplatz, Kreuzberg, Kottbusser Tor, Hermannplatz – alles Orte, die ich gefühlt schon kenne. Aus „Film und Fernsehen“, sagt man ja so schön. Super. Und hier wohne ich jetzt also. Mitten in einer Touri-Postkarte. 

Am vierten Tag regnet es in Strömen und ich trage mein Fahrrad runter in die U-Bahn. Ich ziehe ein Ticket und sitze mit meinem Fahrrad in der U8. Fahrscheinkontrolle. Ein Typ steht vor mir. Ausdrucksloses Gesicht. Ich fingere meinen Fahrschein aus dem Portemonnaie. Er starrt ungerührt darauf. Wartet. 

Ja, dit Fahrrad?

Wie bitte? Mein Fahrrad?

Ja, dit is Ihr Fahrrad, nehm ick ma an.

Ja…

Ja, und wo is der Fahrschein?

Sie haben den doch in der Hand.

Nee, dit is für Sie. Ick brooch den Fahrschein für dit Fahrrad.

Oh, das wusste ich nicht, ich habe gedacht….

Er unterbricht mit Automatenstimme: 40 Euro. Und fängt an, etwas in sein Gerät zu tippen. 

Ich bin fassungslos.

Aber woher soll ich wissen, dass ich auch noch…

40 Euro.

Entschuldigen Sie mal, ich bin erst seit ein paar Wochen hier, woher soll ich wissen…

40 Euro. Er scheint sprachlich bei diesen 40 Euro eingerastet zu sein in einer Art Dauer-Loop.

Er tippt mit ausdrucksloser Miene in sein Gerät. 

Dann endlich ein neuer Satz:

Dann komm Se mal mit raus hier. 

Wir sind am Kottbusser Tor. Ich stehe auf und schiebe mein Fahrrad hinter ihm aus der Bahn. Die Türen schließen. Ich stehe vor diesem bewegungslosen Kontrolleursgesicht, die U8 rattert ohne mich weiter nach Neukölln und ich versuche erneut, zu erklären, wie ich das Ganze sehe. Aber der Automaten-Typ bleibt ungerührt. 40 Euro. Mehr kann er offenbar nicht an Kommunikation. Da ich nur 10 Euro dabeihabe, braucht er jetzt meinen Personalausweis. Ich übe mich in einer buddistischen Grundhaltung und denke: Dit is Berlin, wa? 

Wenig später sitze ich in der nächsten U8 und studiere den Wisch, den ich bekommen habe. Innerhalb von 7 Tagen kann ich bei der BVG Dienststelle am Kleistpark Widerspruch einlegen bzw. nachweisen, dass ich doch ein Ticket hatte. Da ich – fürs Fahrrad – keins hatte, wird es wohl bei den 40 Euro bleiben. Scheiße. Egal. Lehrgeld.

Außerdem sind meine Gedanken ohnehin woanders. Ich habe heute meinen ersten eigenen Unterricht. Da der Stundenplan noch nicht fertig ist, hatten die Schüler*innen die ersten Tage Klassenlehrer-Unterricht. Ich habe keine Klasse. Daher saß ich bisher erstmal nur so rum, auf „meinem“ Platz im Lehrerzimmer neben der röchelnden Kaffeemaschine, und versuchte zu begreifen, wo ich gelandet war. Heute aber ist es soweit. Eine 8. Klasse. Musik. Laut vorläufigem Stundenplan habe ich alle vier 8. Klassen in Musik. Naiv wie ich bin, freue ich mich anfangs noch darüber und denke: Wie nett, dass sie mich gleich da einsetzen, wo meine Stärken sind. Theater gibt’s ja nicht, aber in Musik darf ich bestimmt Theater machen… so, wie an meiner Vorgänger-Schule… 

Als ich mit meiner Tasche die Stufen zum ersten Stock hochsteige, höre ich das Gegröle schon von weitem. Ich frage mich auch in einer Anwandlung von Geistesblitz, wie ich Musikunterricht in einem Klassenraum geben soll – ohne Instrumente, ohne Musikanlage, ohne irgendwas. 

Wir haben keinen Musikraum mehr, hier will sowieso seit Jahren keiner mehr Musik unterrichten. Aber Ihnen wird schon was einfallen, hieß es. 

Na dann.

Ich betrete den Klassenraum. Ohrenbetäubender Lärm. Ich gehe zum Pult. Stelle meine Tasche auf den Tisch. Warte erstmal ab. Das hat „man“ ja so gelernt. Warten, bis es von selbst leise wird. Aber: Nichts wird von selbst leise. Im Gegenteil. Es wird immer lauter. Ob ich jetzt hier stehe, oder in China fällt der sagenhafte Sack Reis um… schon klar… Ich probiere, streng und selbstbewusst geradeaus zu gucken. 

Ey du Hurensohn, isch ficke diese Schule, wallah! Jemand kracht mit seinem Stuhl zu Boden, Gelächter, Stifte fliegen durch den Raum, mehrere Jungs springen wortwörtlich über Tisch und Bänke, kleine Verfolgungsjagd. Die Mädchen sitzen hinten in einer Traube auf den Tischen, eine lackiert ihre Fingernägel, zwei andere tippen in ihre Handys, zeigen sich kitschige, knallbunte Hochzeits-Fotos in großen Briefumschlägen, ey, voll schööön, schüüüüsch… Ey zeig mal – hast du Fotos von Libanon, sieht voll schön aus, wallah.

Es ist völlig uninteressant, dass ich hier bin. Ich könnte genauso gut wieder gehen. Ich stehe da vorne und warte. Auf was eigentlich? Nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wahrheit wahrscheinlich 10 Minuten sind, beschließe ich die Kontaktaufnahme. 

Da meine Kommunikationsmöglichkeiten vom Pult aus offenbar begrenzt sind, bewege ich mich hinein in das Gewusel, gehe langsam von Tisch zu Tisch, nehme Blickkontakt zu einzelnen auf. Einige schauen sofort weg, andere starren mich herausfordernd an, als müsste irgendwas ausgefochten werden, wieder andere lächeln vorsichtig und wenden sich dann schnell ab. Plötzlich ruft jemand von ganz hinten: Wie heißen Sie? Ich rufe zurück: Frau Plath. Daraufhin wenden sich einige Jungs, die hinten mit einer Rangelei beschäftigt waren, mir zu und grinsen. „Können Sie mal kommen, Frau Plath?“ Ich nicke lächelnd und gehe auf die kleine Gruppe zu. Kaum dort angekommen, bombadieren mich die Jungs mit Fragen: Wie alt sind Sie? Sind Sie jetzt unsere neue Musiklehrerin? Haben Sie einen Freund? Wo wohnen Sie? Dürfen wir Musik hören? … Ich versuche, so gut es geht, dem Ansturm an Fragen gerecht zu werden. Als ich gerade ansetze, um sie nach ihrer Musik zu befragen, schreit vorne am Pult jemand „Frau Plath!“ Ich drehe mich um. Irgendetwas ist anders. Nicht gut. Ich gehe zögernd ein paar Schritte in Richtung Pult. Dann sehe ich es: Meine Tasche liegt – offenbar ausgeräumt – am Boden. Mir wird heiß im Gesicht und mein Puls geht schneller. Ich hebe die Tasche auf – sie ist tatsächlich leer. Fragend schaue ich in den Raum, niemand schaut mich an, alle sind wieder mit ihren Privatangelegenheiten beschäftigt. Als wäre ich nie hier gewesen. Ein extrem hübscher Junge mit riesigen dunklen Augen starrt mich eiskalt und völlig ungerührt an. Mir fällt das Wort grausam ein. Da er der einzige ist, der mich anschaut, frage ich mit einer Stimme, die mir selbst schon zu piepsig vorkommt: Weißt du, wo meine Sachen sind…? Da springt der Junge unvermittelt auf, so dass sein Stuhl nach hinten kracht, ich stoße mich vor Schreck hinter mir an der Tafel, irgendwas fällt mit Riesen-Geschepper hinter mir auf den Boden, (später sehe ich: Ein riesiges Plastik-Geodreieck), der Junge steht mit hochgerecktem Kopf und ausgestrecktem Arm Millimeter vor meinem Gesicht und brüllt mich an: Ey WOSSSSSS?!?! Was hab isch mit deiner VERFICKTEN Tasche zu tun, du Opferlehrerin, du! Krieg isch jetzt Klassenkonferenz oder was, EY DU HUUURE, verpiss disch ma, ey wallah, Alter, wie sie aussieht!! – Ja, guck ma nisch so hässlisch!! 

Ich merke, dass meine Arme plötzlich vorne sind und den Jungen abzuwehren versuchen, der mich ununterbrochen weiter anschreit. Meine Hand kommt irgendwie mit seinem Arm in Berührung, ich weiß gar nicht wie, da schubst er mich mit voller Wucht nach hinten. 

Ey FASS misch nisch an, du Opfer!! 

Ich knalle an die Tafel, der Junge wendet sich abrupt ab, schmeißt einen Stuhl, der ihm im Weg steht, gegen die Wand und stürmt aus dem Raum. Ich rappel mich hoch, versuche irgendwie gefasst auszusehen, schaue in die Gesichter vor mir – und merke, wie alle Energie aus meinen Gliedern weicht. Ich blicke in seltsam kalte, zufriedene Augen… Stille. Plötzlich schauen mich alle an. Und es ist so, als hätte jemand auf „Pause“ gedrückt. Aber keine gute Pause. Still und zufrieden und kalt starren sie mich an. Sie genießen es, denke ich. Da ist kein Lächeln mehr, kein Mitleid, nein – sie GENIEßEN diesen Moment, sie FREUEN sich, dass ich hilflos bin. Mir wird flau im Magen, ich friere, mein Herz rast. Ich muss hier raus, denke ich, nehme meine Tasche und finde irgendwie den Weg zur Tür. Als ich draußen auf dem Schulflur stehe, höre ich ihr brüllendes Gelächter… Irgendwie finde ich den Weg zum Klo. Abgeschlossen. Ach ja. Unter Tränen versuche ich meinen Schlüssel zu finden, aber den haben sie mir wahrscheinlich auch geklaut, ach nee, er ist in meiner Hosentasche, Gottseidank, ich fummel mit zitternden Händen am Schlüsselbund herum, endlich geht die Tür auf, ich stürze in eine Kabine, lasse mich auf den Klodeckel fallen – und heule. 

Erster Tag…denke ich. 

Neues Buch und Podcast: Türwächter*innen der Freiheit – Erstes Kapitel

Ich werde jetzt auf meinem Blog Teile aus meinem neuen Buch veröffentlichen und dazu einen Podcast. Jeden Monat wird es ein neues Kapitel geben. Worum geht’s? Nach allem, was ich bisher geschrieben habe, ist jetzt mal eine amtliche, erzählerische, lebendige Durchdringung des Themas gefragt: Was meine ich eigentlich damit: „Befreit euch!“? Ich dachte, das veranschauliche ich vielleicht am eingängigsten, indem ich euch mal von meiner persönlichen Reise hin zu diesem Thema erzähle. Quasi biografisch… Denn vielleicht sollte ich, nachdem ich alle anderen immer dazu ermutige, ihre Geschichten zu erzählen, auch selbst mal was beitragen…

Ich werde euch von meinen persönlichen Irritationen in Bezug auf unser Schulsystem berichten und warum ich der Meinung bin, dass wir trotz vieler neuer, lustiger Motivationsmethoden, bunter Karten und Gruppentischen in den Schulen noch immer den Gehorsam des letzten Jahrhunderts internalisiert haben und was das mit uns macht. Und: Welche Konsequenzen ich daraus gezogen habe, warum ich mich trotz aller schlechten Nachrichten weiterhin für die Freiheit jedes einzelnen Menschen einsetzen möchte und warum ich diesbezüglich weiterhin optimistisch bin – und vor allem: Warum ich glaube, dass Menschlichkeit bei all dem der wichtigste Faktor bleibt. Walid sagt es im Film „12 Jahre ein Untertan?“ noch viel besser: Man muss lernen, Menschen zu lieben und an Menschen zu glauben.

Denn was uns in allem Chaos der Welt immer wieder rettet, sind einzelne Menschen, die sich allem herrschenden Zynismus zum Trotz immer wieder für andere und für gemeinsame Ziele einsetzen.

Wenn sie es schaffen, frei zu sein. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit.

Davon möchte ich erzählen. Von den

Türwächter*innen der Freiheit.

Und:

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig. 

Anmerkung: Wer lieber hört, als liest, findet hier die Kapitel als Podcast-Folgen.

 Türwächter*innen der Freiheit

 Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet. Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)). Neben die äußere tritt die innere Emanzipation: als Befreiung aus eigener Unmündigkeit und den Fesseln von Tradition, gesellschaftlichen Normen und vorgegebener Weltanschauung. Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit (im Sinnevon Gleichberechtigung oder Gleichstellung), meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischenStrukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern. (Wikipedia, September 2019) 

„Es war nicht die Weltwirtschaftskrise“, die einen Hitler an die Macht gebracht hat. Es waren Menschen mit einer klar definierten inneren Haltung. Mit klar artikulierten, autoritären Überzeugungen. Nur, woher kommen diese Haltungen? Diese Geschichte beginnt dort, wo wir Menschen klein und abhängig sind. In der Kindheit bildet sich der seelische Maßstab, der entscheidet, mit welcher Gesinnung wir später durch das Leben gehen. In der Kindheit erfahren wir, ob es unter Menschen um Macht und Überlegenheit geht – oder aber um Vertrauen und Zusammenarbeit. Erziehung ist keine Privatsache.“

(„Erziehung prägt Gesinnung“, Herbert Renz-Polster)

1 Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Kiel 1997: Am Anfang dachte ich, es wäre so eine Art Pubertät. Dieses ständige Gefühl eines inneren Widerstandes und der Drang zu widersprechen. Ich war 27 Jahre alt und steckte in der Höllenmaschinerie Referendariat auf Lehramt. Meine Motivation Lehrerin zu werden hatte sich bereits nach wenigen Wochen erledigt. Ich kam mir vor wie eine 15-Jährige, die ununterbrochen mit vorwurfsvoll dreinschauenden Erwachsenen konfrontiert ist. Doofen Erwachsenen, die mit humorloser Stimme die Befolgung von völlig schwachsinnigen Regeln einfordern. So albern hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt und es war irgendwie erschütternd, mich selbst dabei zu beobachten, wie ich die ganze Zeit dachte: „Im Ernst?“ – „Im ERNST?“ und Mühe damit hatte, diese zwei Wörter nicht ständig laut auszusprechen.

„Sie müssen sich eine formalere Sprache angewöhnen, Frau Plath…“ – „Im Ernst??“

„Sie dürfen im Unterricht nicht so viel lachen.“ – „Im Ernst??“

„Sie dürfen die Schüler während des Unterrichts nicht zur Toilette lassen.“ – „Im Ernst?“

„Sie müssen in jeder Stunde, die Sie geben, Ihr vorformuliertes Unterrichts-Ziel erreichen – und zwar in genau der Minute, die Sie vorher in Ihrer schriftlichen Unterrichtsplanung dafür angegeben haben.“ – „Im ERNST?“

Nach den Lehrproben sollte ich dem Gremium aus Studienleitern, Mitreferendaren*innen, Schulleiter und Mentorin immer minutiös meine „Fehler“ aufzählen, die mir während der Stunde unterlaufen waren. Mit dieser Selbstgeißelung sollte ich unter Beweis stellen, dass ich all meine Fehler SELBER erkennen konnte und somit also in der Lage war, zu REFLEKTIEREN. Während alle anderen im Raum mit gerunzelter Stirn und sehr beflissen Notizen dazu machten, um im Anschluss dann noch all die vielen Fehler zu ergänzen, die ich NICHT gesehen hatte. Wenn andere nach solchen Tribunalen weinend aufs Klo rannten, seufzte der Seminarleiter mit einer gewissen Zufriedenheit und wiederholte das Mantra, das offenbar die geistige Grundlage für das Referendariat bildete: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. – IM ERNST??

So ging das weiter. Und meine Fassungslosigkeit steigerte sich ins Unermessliche, zumal ich mit meinem Staunen über diese perfekt organisierte Lern-Behinderungs-Maschinerie offenbar völlig alleine war. Um mich herum nur diese betretenden, ängstlichen, selbstgerechten oder empörten Gesichter. Graue Flure, graue Seminarräume, unendliche Langeweile und gleichzeitig unerträglicher, ganz und gar künstlich erzeugter Stress und eine vollkommen aufgebauschte Wichtigkeit von völlig unwichtigen Dingen. Alle schienen sich in geduckter Haltung und nur auf Zehenspitzen zu bewegen – nur darauf bedacht, nicht aufzufallen, keinen FEHLER zu machen, sich zu verstecken und möglichst ungeschoren davon zu kommen. Ich fand mich in einem Reich wieder, in dem die Opportunisten und Schleimerinnen die Königinnen und Könige waren. Mir wurde klar: Hier bin ich falsch.

Meine Mentorin Frau Thiele, die sich offenbar in den Kopf gesetzt hatte, mich heile durch diese zwei Jahre zu bringen, hatte mir vor meiner letzten Lehrprobe geraten, in der anschließenden Auswertungsrunde im „Gremium“ untertänig und sehr höflich aufzutreten. „Wissen Sie, Sie dürfen nicht immer alles in Frage stellen, Frau Plath…“ (- IM ERNST??)

Frau Thiele hatte mir vorsorglich Formulierungen auf einem Zettel notiert, an denen ich mich in meinem Selbstgeißelungs-Gespräch orientieren sollte, „falls mit mir wieder die Pferde durchgehen sollten“…

„Ich kann Sie ja verstehen“, erklärte Frau Thiele, „aber Sie müssen sich an die Vorgaben halten und dem Seminarleiter das Gefühl geben, dass Sie hier wirklich was lernen wollen“. Aber genau das ist ja der Witz! Ich WILL ja was lernen, aber ich DARF ja nicht! Dachte ich genervt.

Das mit den vorgebenden Formulierungen war natürlich gut gemeint. Es klappte aber nicht. Nach der gegebenen Stunde dauerte es im Nachgespräch genau zwei Minuten, bis ich mich wieder – mit vor Aufregung rasendem Herzklopfen – in einem hitzigen Streitgespräch mit dem Seminarleiter befand, der kurz darauf türenknallend den Raum verließ, nicht ohne der betretenen Frau Thiele ein – wie ich fand affig – empörtes “Das lasse ich mir nicht bieten!“ vor die Füße zu werfen, als wäre sie an allem Schuld, weil sie mich „krassen Punk“ nicht unter Kontrolle bekam.

Dabei war von “krasser Punk” wirklich nicht ansatzweise irgendeine Spur. Ich war damals angepasst bis zur Schmerzgrenze: Das, was man “wohlerzogen” nennt und was in Wahrheit nur bedeutete, dass ich mich exzellent an die Erwartungen anderer anpassen konnte, ohne auch nur einen Schimmer davon zu haben, was ich selbst wollen oder brauchen könnte. Meine Erziehung in einem konservativ-protestantischen Elternhaus hatte ganze Arbeit geleistet.

Überall konnte ich in Windeseile die Erwartungen meines Umfeldes erspüren und mich dann entsprechend “benehmen”. Meine Mutter hielt dieses Verhalten für die Schlüsselkompetenz zu einem erfolgreichen Leben. Und meine eigene Schulzeit gab ihr Recht: Als Schülerin kam ich mit dieser Haltung bestens durch. Was meine eigenen Bedürfnisse anging, hatte ich nicht die geringste Ahnung. Wie auch, denn sobald ich irgendeinen eigenen Wunsch durchzusetzen versuchte oder mich gegen eine Erwartung stellte, wurde dieses Verhalten mit dem Satz „Sei nicht hysterisch!“ abgestraft. Die mildere Form des Tadels lautete: Sei doch nicht so ich-bezogen, es gibt auch noch andere Menschen auf der Welt!

Warum ich also im Referendariat ganz plötzlich diesen riesigen inneren Widerstand entwickelte, war, glaube ich, der Ungeheuerlichkeit dieser ständigen Grenzüberschreitungen geschuldet.

Das erste, was mir gesagt wurde, war, dass ich zuviel lachte. Ich müsse mich von den Schüler*innen deutlicher abgrenzen was Sprache und Habitus betreffe. Das zweite Unglück des Referendariats lag in der Fokussierung auf die „Fehler“. Ich hatte Lust, Stunden vorzubereiten und erst recht, anschließend akribisch zu reflektieren, was in der Stunde passiert war. Aber das, was unter „Reflektieren“ verstanden und von mir erwartet wurde, war eine demütige Aufzählung aller Kleinigkeiten, die mir „missraten“ waren. (hierarchisch, Status!). Es schien „die perfekte Unterrichtsstunde“ zu geben – nur leider sah ich eine solche nie und zweifelte auch stark daran, dass es sie überhaupt gab. Stattdessen wurde ich ängstlich und fühlte mich vor jedem Unterrichtsbesuch wie damals als Kind vor der Klavierstunde.

Die hatte ich als Kind jeden Donnerstag um fünf. Bei Herrn Engler. Herr Engler roch nach Seife und machte alles korrekt.

Er saß mit traurigem Gesicht und übereinander geschlagenen Beinen neben seinem Steinway-Flügel und schrieb mit einem Füller in sehr akkurater, winziger Schrift in ein kleines, liniertes Oktavheft hinein, was ich üben sollte. Fingerkraft Seite 7, Nummer 15a und b, Czerny Seite 24, Nummer 3, Emonts Seite 15, Nummer 4. Meistens schrieb er genau das hin, was er auch schon in der letzten Woche geschrieben hatte, denn er war selten zufrieden. Hast du geübt? Fragte er jedes Mal statt einer Begrüßung. Und ich nickte und setzte mich auf die Klavierbank vor dem Flügel. Herr Engler nahm das lange, schmale Samtdeckchen von der Tastatur und sah dabei immer ein wenig gequält aus. Denn jetzt würde ich mit meinen schwitzigen Patschehändchen die schönen weißen Tasten beschmutzen. Es war ganz klar, dass Herr Engler darunter litt. Noch trauriger schaute er, wenn ich anfing zu spielen. Nein nein nein, unterbrach er immer irgendwann und seufzte. Von vorne. Dann fing ich die Übung wieder von vorne an. Wenn ich das sechste oder siebte Mal von vorne angefangen und wieder gepatzt hatte, schüttelte Herr Engler den Kopf und sagt: Du hast nicht geübt. Was meistens auch stimmte. Wobei. Meistens spielte ich am Donnerstag um Punkt 16 Uhr alle Übungen einmal holterdipolter durch, noch gerade rechtzeitig, bevor Papa rief: Wir müssen los! Dann schmiss ich meine Fingerkraft-, Czerny-, Emonts-Hefte in eine Tasche, seufzte und fügte mich in mein unvermeidliches Schicksal. Das war nicht das, was Herr Engler unter „Üben“ verstand, schon klar. Jeden Donnerstag auf dem Weg zur Klavierstunde, wenn ich mit beklommendem Gefühl im Bauch im Auto saß, die Klaviertasche mit den Noten und dem kleinen Oktavheft auf dem Schoß, nahm ich mir vor, das nächste Mal WIRKLICH vorher anzufangen, am besten schon am Wochenende, ich stellte es mir vor, es wäre ja ganz einfach, ich könnte ja jeden Tag eine Viertelstunde üben, das würde ja gar nicht weh tun und dann müsste Herr Engler nicht immer dasselbe ins Oktavheft schreiben. Aber aus irgendwelchen mysteriösen Gründen klappte es nie. Es war immer plötzlich schon Donnerstag, 16 Uhr, und ich hatte wieder nicht geübt. Und immer hoffte ich heimlich und leidenschaftlich, dass Herr Engler kurz vorher anrufen und wegen Krankheit absagen würde, aber diese leidenschaftliche Hoffnung erfüllte sich nie. Herr Engler war zwar chronisch erkältet und sah immer aus, als würde er gleich das Zeitliche segnen, aber er sagte niemals eine Klavierstunde ab. Leider. Insofern beschloss ich irgendwann selbst die Initiative zu ergreifen und meinem Vater zu sagen, dass ich keine Lust mehr hatte auf die Klavierstunde. Ungefähr ein Jahr lang saß ich jeden Donnerstag schweigend neben Papa auf dem Beifahrersitz und dachte: Jetzt sagst du es einfach. Aber ich sagte es nicht. Und saß dann wieder auf der Klavierbank neben dem traurigen Herrn Engler. Als ich es dann irgendwann endlich schaffte und viel zu laut in die Stille des Autos platzte: Ich hab keine Lust mehr auf den Klavierunterricht, kann ich aufhören?, warf mein Vater mir einen Blick zu, als sei ich eine unfassbare Plage, die aus heiterem Himmel über ihn herein gebrochen war und die er nicht verdient hatte. Mit tonloser Stimme sagte er leise: Das kommt GAR NICHT in Frage.

Ach so.

Viele Jahre später fand ich bei einem anderen Klavierlehrer erstaunt heraus, dass Klavierspielen Spaß machte und dass es dazu nicht eine einzige Fingerkraft-Übung brauchte, geschweige denn ein Oktavheft mit aufgelisteten Übe-Aufträgen.

Im Referendariat hatte ich ähnliche Fluchtgedanken.

Das lag nicht an den Schüler*innen. Sofern ich alleine mit ihnen im Klassenraum sein durfte und erste Unterrichtserfahrungen sammelte, war alles gut. Ich bereitete hochmotiviert meine wenigen eigenverantwortlichen Stunden vor und freute mich auf die zahlreichen Reaktionen der Jugendlichen. Ich war gespannt auf alles, was sie mir erzählten, zeigten, fragten. Ich fühlte mich wie in einem Labor, in dem ich austesten konnte, was erfolgreich war und was nicht. Mein Ehrgeiz war es, möglichst alle Schüler*innen zu begeistern und sie „in Fahrt zu bringen“. Dafür wollte ich möglichst viel über sie wissen.

Aber scheinbar ging es darum gar nicht. Das erste, was mein Seminarleiter anmerkte, war: „Sie stellen zu den Schüler*innen zuviel Nähe her. Sie müssen sich viel klarer abgrenzen. Ihre Sprache ist zu umgangssprachlich. Sie müssen sich um einen fachlicheren Ton bemühen“.

Auch stellte sich heraus, dass das Referendariat alles andere als ein „Labor“ war: Austesten, probieren, reflektieren und neu probieren war überhaupt nicht das, was erwartet wurde, sondern – mal wieder – funktionieren nach bereits genau ausformulierten Kriterien. Eigene Ideen und insbesondere zu große Begeisterung für neue Ideen waren alles andere als erwünscht. Bereits nach meiner ersten Lehrprobe und dem erwähnten Rüffel wegen meiner „zu großen Nähe zu den Schülern“, wurde ich zwei Stunden lang über all meine „Fehler“ aufgeklärt. Minute für Minute wurde die gegebene Stunde seziert – und zwar ausschließlich unter dem Aspekt, was alles „falsch gelaufen war“. Ein konstruktives, interessantes Gespräch kam auf diese Weise nicht zu Stande. Meine irgendwann nur noch zögerlich vorgebrachten Fragen, wurden mit leicht sauertöpfischer Miene ignoriert. Meine Mentorin, die mir immer wieder beschwichtigende Blicke zuwarf, erklärte mir hinterher: „Sie sollten bei so einer Nachbesprechung keine Fragen stellen. Das wirkt zu selbstbewusst und verärgert den Seminarleiter. Besser ist es, einfach zuzuhören und den Eindruck zu vermitteln, dass Sie lernen wollen“.

Aber ich WILL doch lernen! MEIN GOTT!!  Meine Mentorin schüttelte den Kopf: „Ja, das weiß ich, aber so wird es nicht verstanden. Wenn Sie Fragen stellen, wirkt es so, als wollten Sie diskutieren und wüssten schon, worauf es Ihnen ankommt. Es ist besser, wenn Sie sich unterordnen, sonst bekommen Sie nur Probleme…Sie müssen dem Seminarleiter das Gefühl geben, dass er immer recht hat, sonst nimmt er Sie als renitent und widerständig wahr. Das führt zu schlechten Benotungen…“

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Mit diesem denkwürdigen Satz, den der Seminarleiter wie eine Drohung formulierte, versuchte meine Mentorin mich zu trösten. Leider half dieses innere Mantra aber auf Dauer nicht weiter. Innerhalb weniger Monate verlor ich jegliche Motivation.

Konfrontiert mit immer neuen, ewigen – und aus meiner Sicht abstrusen – Aufzählungen aller Fehler, die mir in einer Stunde unterlaufen waren, engsten Zeitvorgaben und theoretischen Ausführungen, wie eine „perfekte Stunde“ auszusehen hatte, verlor ich  die Lust am Unterrichten.

Geradezu komische Züge nahmen die Auswertungsrunden in der Seminargruppe mit den anderen Lehramtsanwärter*innen an:

Die gesamte Gruppe der Referendar*innen reiste zu einem Unterrichtsbesuch an, wo sie dann hinten in einer Reihe nebeneinander saßen und emsig jedes Wort mitschrieben. Hinterher saßen wir alle mit ernsten Gesichtern im Kreis und die Mitreferendare wurden vom Seminarleiter aufgefordert, alle Fehler zu benennen, die ihnen aufgefallen waren. Man konnte seinen eigenen Ruf nur dadurch retten, dass man vorher bereits selbst alle Fehler aufzählte, die man in seiner Vorführstunde gemacht hatte. Je mehr Fehler ich selbst benennen konnte, desto besser – denn dadurch konnte ich unter Beweis stellen, dass ich zwar noch nicht unterrichten, aber zumindest selbstkritisch reflektieren konnte.

Dieses Procedere führte zu immer hysterischeren Verhaltensweisen der Lehramtsanwärter*innen – und der Schüler*innen –  vor jedem Unterrichtsbesuch. Die „Vorführstunden“ wurden zu genau abgezirkelten Theater-Kunststückchen, bei denen in Minute drei der visuelle Impuls erfolgen musste, in Minute sieben die hinführende Frage ins Thema, in Minute 10 die Ausgabe der Arbeitsbögen, usw. Die Schülerreaktionen wurden zu einem Schreckens-Szenario, denn was machte mensch, wenn ein Schüler zu früh eine Frage stellte, die erst für Minute 36 vorgesehen war? Da die Jugendlichen den ungeheuren Druck spürten, der auf den Referendaren*innen lastete, begannen sie die seltsamsten Verhaltensweisen an den Tag zu legen: In der Absicht, der armen Lehramtsanwärterin zu „helfen“, saßen sie wie abgerichtete Zirkus-Äffchen auf ihren Plätzen und versuchten zu raten, was von ihnen verlangt wurde. Kein*e Schüler*in verhielt sich so, wie die Referendarin sie in der schriftlichen Vorbereitung beschrieben hatte, alle meldeten sich ununterbrochen und spielten „Streber“. Wenn ich zuvor einen halbwegs realistischen „Erwartungshorizont“ beschrieben hatte, wurde ich hinterher erstaunt darauf hingewiesen, dass die Klasse ja keineswegs so problematisch sei, wie ich es beschrieben hatte. Da hatte ich mich wohl grob verschätzt?

Als ich meine Mentorin halb im Scherz fragte, ob es nicht vielleicht sinnvoller wäre, die „idealen“ Gesprächsbeiträge der gesamten Stunde vorher auswendig lernen zu lassen und mehrmals mit den Schüler*innen zu „proben“, zuckte sie nur seufzend mit den Schultern und antwortete: Ja, vielleicht sollte man das machen…

Das war überhaupt nicht das, was ich gehofft hatte, im Referendariat zu lernen. Ich hatte das Gefühl, immer schlechter zu werden. Je mehr wir davon erfuhren, wie „eine perfekte Stunde“ auszusehen hatte, desto unbeweglicher wurde ich in meinen Gedanken und Handlungen. Ich wurde zu einer Art Roboter und fürchtete letztendlich die Anwesenheit der Schüler*innen, weil sie niemals bis ins Letzte planbar waren.

So fühlte ich mich bereits nach einem halben Jahr „verkrüppelt im Gebrauch meiner Selbst“ (K. Johnstone, „Improvisation und Theater“ 1998, S. 19).

Und selbst ein konservativ und protestantisch erzogener Mensch wie ich, kam da ins Zweifeln, ob diese Dressur-Leistung noch im Verhältnis zur seelischen Gesundheit stand.

Ich beschloss also, meinem Irrtum ein schnelles Ende zu bereiten und teilte meiner gebeutelten Mentorin zum Ende des ersten Halbjahres mit, dass ich mein Referendariat abbrechen würde. Es war ein heißer Sommertag, die Zeugnisse waren geschrieben und ich dachte an all die Dinge, die ich jetzt endlich wieder würde machen können. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, sagt man ja so schön.

Doch ich hatte nicht mit Frau Thiele gerechnet. Sie sagte einfach „Nö“. Ich war verblüfft und für einen Augenblick war es still im Lehrerzimmer, ich hörte die Uhr an der Wand ticken. „Was heißt denn Nö?“, fragte ich etwas belustigt und versuchte das Ganze als Scherz abzutun. Aber Frau Thiele machte ein todernstes Gesicht.

„Wenn Sie nicht Lehrerin werden, dann falle ich vom Glauben ab”, sagte sie und ich wappnete mich für eine kleine Diskussion, in der ich sie davon würde überzeugen müssen, dass sie mit ihrer Ansicht aber ganz offensichtlich alleine dastand und ich in diesem System nichts zu suchen hatte. Aber zu dieser Diskussion kam es nicht. Denn Frau Thiele überraschte mich mit einer Frage. Einer ziemlich guten Frage übrigens. Sie lehnte sich entspannt zurück, lächelte und präsentierte das folgende argumentative Schachmatt:

Was würden Sie machen wollen, jetzt in diesem Referendariat, wenn Sie es sich aussuchen könnten? Tun wir einfach mal so, als wäre alles möglich. Wozu hätten Sie Lust? Was müsste passieren, damit Sie bleiben? Ganz ehrlich jetzt.

Ich ließ die Frage einsinken, nahm mir Zeit und dachte WIRKLICH darüber nach. Ja, was würde ich machen WOLLEN? Und erstaunlicherweise war es mir ganz klar und ich sagte es einfach, ohne mich zu schützen, ohne mich abzusichern, denn offenbar wollte sie es ja wirklich wissen. Ich sagte: Eigentlich würde ich am liebsten ALLES anders machen. Warum wird alles in der Schule – sogar die Menschen – getrennt voneinander behandelt, wo doch alles nur einen Sinn ergibt, wenn wir es – alles – in einen gemeinsamen Sinnzusammenhang stellen. Warum prökeln alle in voneinander abgetrennten Klassenräumen, Alterstufen und Fächern so klein-kleinmäßig jeder für sich allein ihren Dienst nach Vorschrift ab? Schule ist doch nicht das Bundesamt für Langeweile…”

Da war sie also wieder, diese mir unreif erscheinende Wut, ich biss mir auf die Lippen, aber es war zu spät, die Sätze waren raus. Doch Frau Thiele ließ sich null aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil lächelte sie aufmunternd und hakte nach: “Ja, aber was würden Sie konkret tun, wenn Sie jetzt machen könnten, was Sie wollten?”

“Ich würde mit allen Schülern, mit allen Lehrern und mit allen Eltern der Schule ein riesiges Theaterstück machen- und die Schule dafür ein paar Monate lahmlegen. Alle machen Theater, alle arbeiten an dieser gemeinsamen Sache, jeder an der Stelle, wo er Bock drauf hat…und dann entsteht eine große Sache…”

Ich war überrascht, dass ich das jetzt wirklich gesagt hatte, aber tatsächlich sah ich alles bereits vor mir, hielt es für einen Moment tatsächlich für möglich – merkte, wie meine Gedanken in diese Richtung los galoppieren wollten… dann holte mich das Lehrerzimmer mit der tickenden Uhr wieder ein, ich verstummte und dachte: Totaler Schwachsinn… wie peinlich, dass ich diese pathetische Scheiße jetzt einfach so raus gehauen habe… OMG…

Aber dann passierte eins von diesen kleinen Wundern, ohne die sich im Leben wahrscheinlich nie irgendetwas Wesentliches verändern würde. Frau Thiele dachte nach über das, was ich gesagt hatte. Sie sagte NICHT: Naja, aber das ist ja unrealistisch. Sie sagte auch nicht: Aber von Theater haben Sie doch gar keine Ahnung- oder: Sind Sie für sowas denn irgendwie qualifiziert? Und sie sagte auch nicht: Naja, überschätzen Sie sich da mal nicht ein bisschen? Sie sind hier im ersten Jahr Ihrer Ausbildung und wissen gleich, wie eine ganze Schule besser werden soll…?

Sie sagte all das NICHT – all das, was mein gesamtes Umfeld und auf jeden Fall JEDER im Schulbetrieb gesagt hätte.

Meine Mentorin Frau Thiele blieb seltsam heiter und gleichzeitig ernst und sagte:

Ja. Dann machen wir das.

Bäääm.

Und mir war sofort klar: Wir machen es tatsächlich. Es wird passieren. Sie meint es vollkommen ernst.

Ebenso der Schulleiter, der zu meiner Überraschung ebenfalls positiv reagierte und sofort einen pragmatischen Vorschlag machte:
»Was Sie da vorschlagen, klingt – ehrlich gesagt – etwas unrealistisch, Frau Plath. Aber Sie bekommen von mir eine Chance: Nächsten Freitag lasse ich die ersten zwei Unterrichtsstunden ausfallen und bitte alle Schüler*innen und alle Kollegen*innen, sich in der Aula zu versammeln. Da haben Sie dann zwei Stunden Zeit, alle von Ihrer Projekt-Idee zu überzeugen. Wenn im Anschluss an diese zwei Stunden ALLE Schüler*innen und ALLE Lehrer*innen der Schule sich in entsprechende Teilnehmer-Listen eingetragen haben, bekommen Sie von mir das ›Go‹.« Ganz offensichtlich gehörte er zu den Ermöglichern und nicht zu den Verhinderern – und er übergab mir, der unerfahrenen Referendarin, Verantwortung. Genau das verursachte bei mir natürlich im ersten Augenblick einen Anflug von Panik. Wie jetzt? Ich darf das WIRKLICH machen?? – Mir ging (na klar!) der Arsch auf Grundeis. Aber dann setzte ich mich, wie mensch so schön altmodisch sagt, auf den Hosenboden und fing an, zu planen, zu denken, zu arbeiten.

Mit Musik, Fotos und einer »flammenden Rede« gelang es mir an jenem Freitag, die Schule zu überzeugen: Alle (!) Kollegen*innen und alle (!)  Schüler*innen trugen sich in die von mir vorbereiteten Listen ein. Jede Liste stand für einen Arbeitsbereich innerhalb des Projektes: Theater, Texte schreiben, Tanz, Musik, Kostüme, Bühnenbild, Gelder-Akquise, usw. usw. Der Schulleiter blätterte anschließend die Listen durch, lächelte amüsiert und sagte: Gut, Frau Plath. Wir machen das.

Was ich damals noch nicht auf dem Schirm hatte, war: Frau Thiele erlöste mich mit dieser außergewöhnlichen Aktion von der allumfassenden Erziehung zur Opferhaltung, die in der Lehrerausbildung bis heute Gang und Gebe ist und erstaunlicherweise völlig unhinterfragt bleibt. Und sie verfrachtete mich quasi von einer Sekunde zur nächsten aus der Rolle der (nur mit Mühe) „brav folgenden“ Referendarin in eine Person, die plötzlich die Aufregung verspürte, eine eigene Idee verantworten zu müssen. Erfolg oder Scheitern – das lag jetzt in MEINER Hand. Und es gab ein greifbares Ziel. Wenn es auch ziemlich verrückt wirkte.

Ich fühlte mich plötzlich hellwach und staunte über den Unterschied in der Empfindung von Selbstwert und plötzlich aufkommender Energie.

In den folgenden Monaten erhielt ich einen Eindruck davon, was passiert, wenn die festgefahrenen Abläufe und Strukturen des schweren Tankers Schule auf den Kopf gestellt werden. Dramen spielten sich ab. Ich wurde beschimpft und der Eitelkeit bezichtigt, mir wurde Größenwahnsinn und Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Einige Kollegen*innen forderten die Schüler*innen offen auf, meine Arbeit zu boykottieren, im Lehrerzimmer erntete ich eisige Blicke. Neben den völlig begeisterten Jugendlichen (ALLE Schüler*innen der Schule hatten sich freiwillig in zahlreiche Projektlisten eingetragen und legten los, wie von der Leine gelassen) war es unter den Kollegen*innen zunächst nur eine kleine Gruppe begeisterter „Jung-Gebliebener“ plus Frau Thiele und dem unbeirrt heiter dreinschauenden Schulleiter, die sich voller Elan ans Werk machte. Es wurde geplant, geschrieben, geprobt, gebaut, gemalt, gedichtet, gebastelt, genetzwerkt – denn – auch das gehörte zum Vorhaben – das Projekt musste finanziert werden, und da galt es Sponsoren zu finden, Gelder aufzutreiben, Technik anzuschaffen, Räumlichkeiten zu mieten, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, und so weiter und so fort. Bald waren auch die meisten Eltern für die Sache gewonnen, und da meine Ausbildungsschule sich in einem kleinen Ort befand, summte schon kurz darauf die gesamte kleine Stadt wie ein geschäftiger Bienenkorb. All das ging den ewigen Skeptiker*innen extrem auf den Sack. Was bildet die sich eigentlich ein? Die ist doch völlig bekloppt. Ist noch nicht mal mit der Ausbildung fertig und denkt, dass sie hier alle nach ihrer Nase tanzen lassen kann.

So konnte mensch das sehen. Ich war halt mal wieder „hysterisch“ und „ich-bezogen“. Das kannte ich ja schon. Wenn die Häme mich manchmal doch in die Kniee zwang, baute mich Frau Thiele wieder auf: Guck dir einfach an, ob die Leute glücklich aussehen, die so über dich reden… na, also…!

Ich sollte später noch häufiger an diesen Satz zurückdenken. Der unbeirrbar gelassene Schulleiter übte in den letzten Wochen dann mehr oder weniger sanften Druck aus, um die verbleibenden „Schlecht-Gelaunten“ zu ihrem Glück zu zwingen. In den letzten vier Wochen vor der Premiere gab es niemanden mehr an der Schule, der nicht in das gemeinsame Theaterprojekt involviert war. Zweifel und Murren hin oder her.

Nach symbolischen neun Monaten wurde das „Baby“ dann geboren und in zwei Vorstellungen vor jeweils 500 Leuten zur Aufführung gebracht. Das Bemerkenswerte war aber für mich weniger das Ergebnis selbst, als die Wirkung, die der Prozess auf die beteiligten Menschen hatte. Ich habe selten so viele strahlende Gesichter auf einem Haufen gesehen. Besonders weird war die Wirkung auf das Kollegium: Am Ende lagen sich alle in den Armen, jahrelang verfestigte Animositäten lösten sich in tränenreichen Sekt-Besäufnissen auf und sogar meine härtesten Gegner*innen ließen sich dazu hinreißen, mir Glückwünsche auszusprechen und mir unbeholfen auf die Schulter zu hauen.

Den Wahnsinn der Lehrproben mit allen beschriebenen Absurditäten musste ich zwar dennoch durchstehen, stellte aber mit Staunen fest, dass ich durch die Arbeit an einer ERFÜLLENDEN und SINNVOLLEN Sache plötzlich die innere Gelassenheit und Stärke hatte, den Lehrproben-Terror ohne größere Probleme durchzustehen. Das hieß im Klartext: Dadurch, dass ich mir zwar unendlich viel MEHR Arbeit aufbürdete, als ich im Referendariat sowieso schon hatte, diese Arbeit für mich aber Sinn entfaltete, entwickelte ich überhaupt erst die Voraussetzung dafür, die Ausbildungsmaschinerie erfolgreich zu überstehen. Ich hatte das Gefühl, mir selbst und meinen Entscheidungen und Fähigkeiten wieder trauen zu können, etwas wirklich Sinnvolles leisten zu können und erlebte Selbstwirksamkeit und soziale Anerkennung. Genau das rettete mich: Es gab mir die Kraft, den Irrsinn des Referendariats zu überstehen.

Ich schrieb meine Examensarbeit über die Erfahrungen und gruppendynamischen Prozesse in diesem Projekt und beendete mein Referendariat wider Erwarten mit Erfolg – und wurde:

Lehrerin.