Warum die Schildkröte? – Zur neuen Konzept-Staffel von Rede mal ordentlich, Frau Plath!

Alle Infos zur neuen Konzept-Staffel und was euch dabei erwartet, findet ihr im vorherigen Blog Eintrag. Hier geht es jetzt um das Bild der Schildkröte – und was das eigentlich soll…

Warum die Schildkröte???

Wir haben es immer mit diesem scheinbaren Paradox zu tun, dass wir Jugendliche zum selbständigen Denken und Handeln bringen wollen und gleichzeitig feststellen , dass aber geordnete Prozesse – platt ausgedrückt – nur dann funktionieren, wenn wir klare Ansagen machen und – wie die Jugendlichen es formulieren – streng sind. Streng sein wird aber oft verwechselt mit autoritär bestimmen, was gemacht wird. Wenn ich autoritär bestimme, was gemacht wird, richten sich Jugendliche in einer Nehmer-Haltung ein. Das heißt: Sie übernehmen keine Verantwortung und lernen gerade NICHT selbständig zu denken und zu handeln. Weil sie sich immer nach den Erwartungen der Mutti ausrichten und dann entweder dagegen rebellieren, oder sich selbst bemitleiden und still schmollen oder aber sich brav den Erwartungen anpassen.

Wenn wir auf der anderen Seite sagen: Los jetzt. Ihr sollt selber denken, selber Entscheidungen treffen, selbst euren Arbeitsprozess steuern, dann erleben wir oft, dass der Raum im Chaos versinkt.

Die Herausforderung ist also, es zu schaffen, dass sie selbstdenkende und selbst handelnde Individuen sind – aber wir vergessen oft, dass das ein Weg mit vielen verschiedenen Stufen ist, den wir ermöglichen müssen. Ich halte das für die allergrößte Kunst überhaupt.

Ich habe schon oft die Beobachtung gemacht, dass diese hohe Kunst in unserer Gesellschaft entweder gar nicht gesehen oder nicht ernst genommen wird (erlebt ihr bestimmt ja auch tagtäglich). Beispiel: Wenn eine ganze Klasse am Ende eines Jahres selbständig eine eigene Theaterproduktion präsentiert, und dabei alles alleine hinkriegt und einen Erfolg einfährt, dann sagen alle: Da hatte die Lehrkraft aber Glück, dass sie so tolle Jugendliche hatte.

Wenn die Klasse aber scheitert, dann sagen alle: Na, da konnte sich die Lehrkraft wohl nicht durchsetzen, so ein Chaos. Also was nun? Wo liegt die Ursache für das Gelingen eines solchen Prozesses?

Ich würde sagen: IMMER bei der Lehrkraft. Das heißt: Wenn die Klasse einen Riesen-Erfolg einfährt und alles alleine macht, dann hat die Lehrkraft eine Wahnsinns-Leistung hingelegt. Denn 24-28 Kinder und Jugendliche werden nicht von alleine genial selbständig. Und es gibt auch keine ganzen Klassen, wo zufällig alle Kinder genial, kreativ und selbständig sind. Das ist erstaunlicher Unsinn. Wisst ihr selbst.

Was also ist das Geheimnis, wie wir das schaffen können? Also insbesondere dort, wo eben alles aus dem Ruder zu laufen scheint, also dort, wo wir das mit dem „Selbständig lernen“ und „selbst künstlerisch arbeiten“ eben NICHT einfach so hinkriegen? Wie schaffen wir das dann, wenn wir  NICHT alles bestimmen wollen, wenn wir den Kindern NICHT alles abnehmen bzw. sie durch unsere Bewertungen dahin schubsen wollen, wo wir denken, wo sie hin sollen (auch das verhindert nämlich, dass sie selbst denken). Was tun, wenn wir auf der anderen Seite aber eben auch nicht alles chaotisch laufen lassen wollen, und wenn der Gedanke: „Ihr sollt jetzt mal selbst entscheiden und selbst denken!“ einfach gar nicht umsetzbar ist? (Für diese Haltung: „Ihr schafft das schon alleine“ habe ich immer das Bild meines Sportlehrers früher vor Augen, der am Anfang der Stunde in die Turnhalle kam, einen Ball rein schmiss, „Brennball“ rief und dann wieder verschwand. Die Stunden waren das reinste Chaos und die starken, sportlichen und beliebten Schüler*innen dominierten alle anderen, wobei Mobbing an der Tagesordnung war).

Mit dem Satz: „Ohne die Schildkröte geht es nicht“ will ich darauf hinaus, dass die Lehrkraft Führung übernehmen muss. Das ist ihr Job. Das heißt aber eben NICHT bestimmen oder durch Notendruck und Bewertung (heimlich) lenken, sondern einen Prozess kleinschrittig aufbauen und mit großer Konsequenz begleiten, der nach vielen einzelnen Erkenntnis-Stufen die Jugendlichen irgendwann dahin bringt, dass sie selbst führen können, dass sie selbst die Augaben der Schildkröte übernehmen können.

Dieser Prozess passiert auf keinen Fall von ganz allein. Dieser Prozess ist harte Arbeit. Und er gilt überall. Auch bei erwachsenen Menschen. Das ist das Thema Führung. Bin ich ein Chef, der seine Mitarbeiter zu eigenständigem kreativen Denken und Handeln bringt oder führe ich ein hierarchisches System, in dem alle sich an meiner Erwartung ausrichten? Wir wissen heute, dass selbständig denkende und handelnde Teams wesentlich mehr Qualität erzeugen, als Mitarbeiter, die sich in allem nach den Erwartungen ihres Chefs ausrichten. Denn solche Mitarbeiter können keine eigenen Entscheidungen treffen und ihr ganzes eigenes Potential, das sie einbringen könnten, bleibt ungenutzt. Dennoch braucht es auch da jemanden, der diesen Prozess verantwortet! Ohne eine Schildkröte klappt es nicht. (Das sehen wir auch bei schein-demokratischen Gruppen, wo alle „alles gemeinsam entscheiden wollen“, aber in Wahrheit jeder einzelne nur an sich selber denkt und eigene Ziele verfolgt, die nichts mit dem GEMEINSAMEN Anliegen zu tun haben). Es braucht immer mindestens einen Menschen, der nicht an sich selber denkt, sondern an das gemeinsame Ziel, und der sich nicht zu schade ist, Verantwortung zu übernehmen. Und je mehr davon, desto besser.

Aber bleiben wir vorerst beim Thema Bildung, wo das alles ja seinen Anfang nimmt. Der Anfang besteht darin, dass ungleiche Machtverhältnisse gesehen und ausgehebelt werden, damit eine gleichwertige und produktive fließende Kommunikation entsteht und alle Selbstwert entwickeln und dann schrittweise auf dieser Basis auch Verantwortung und Führung übernehmen können.

Das Bild der Schildkröte habe ich deshalb gewählt, weil damit bestimmte Assoziationen verbunden sind, die für dieses Ziel, also Aspekte einer guten Führung, stehen:

Die Schildkröte setzt auf Zeit und denkt und handelt auf ein übergeordnetes gemeinsames Ziel bezogen und im Sinne aller Mitglieder der Gruppe. Sie erwartet keine kurzfristigen Erfolge. Die Schildkröte bleibt äußerlich meistens im Hintergrund, sie scheint „nichts zu tun“, bewirkt aber langfristig sehr viel mehr als andere Führungstypen. Sich zunächst einmal an diesem Bild zu orientieren, weist in die richtige Richtung, und hilft dabei, sich zu disziplinieren, wenn wir mal wieder aus dem Anzug hüpfen wollen oder beleidigt sind, weil wir nicht genug Anerkennung bekommen (das wäre nämlich innen tief, Eine Kläffer-Haltung).

Das ist der erste Schritt. Die Schildkröte ist ein Bild für den sogenannten vierten Statustyp in der Statuslehre, der innen hoch ist und außen meistens tief agiert. Innen hoch heißt: Zu wissen, ich bin verantwortlich für diese Menschen und dafür, dass sie erfolgreich sein können. Niemand sonst. Wenn was schief geht, ist es MEINE Verantwortung. Ich muss den Prozess so planen, bauen und halten, dass „sie alle Glückskinder werden“.

Ich begegne auf der Reise dahin vielen vielen Hindernissen und Ungerechtigkeiten aber das halte ich aus und verliere nicht meine grundsätzlich Haltung zum Ganzen: Ich jammere nicht und rechtfertige mich nicht nach außen. (Da wäre dieser Satz der Queen hilfreich: Never complain, never explain).

Ob ich erfolgreich mit meiner Aufgabe bin, lässt sich alleine daran ablesen, wie selbständig und frei die Gruppe miteinander wird und wie sehr die einzelnen zu ihrer jeweiligen Hochform auflaufen.

Ich erlaube mir Fehler und Rückschläge, denn die gehören dazu. Und das lebe ich auch den Jugendlichen vor. Kurz: Ich lebe ihnen vor, wie es ist, Verantwortung zu tragen und bin darin vollkommen transparent. So dass sie das eines Tages auch selbst können.

Ich stelle mich zur Verfügung und bin stark genug, wirklich in ihre Bedürfnisse und Voraussetzungen einzusteigen, mich auf sie einzulassen und Risiken einzugehen. Risiken, selbst auch mal zu scheitern und nicht zu wissen, wo es jetzt hingeht, denn es ist wichtig, dass mein eigenes Wissen und meine eigene Perspektive auch übertroffen, überschritten werden kann:

Nicht ich allein besitze das Wissen der Welt, sondern nur eine winzige kleine Wissensecke davon. Wenn ich gut führe, erfahre ich eine Menge und kann die Grundlage dafür schaffen, dass im Raum sehr viel mehr entsteht, als was ich mir nur alleine ausdenken könnte.

Wichtig aber ist, dass ich eine menschliche Kultur gegenseitiger Wertschätzung etabliere und gegen alle Widerstände halten kann. Und dafür muss ich auch Grenzen setzen und streng sein. Dafür muss ich auch den Mut haben, mich unbeliebt zu machen und Widerstände auszuhalten. Aber niemals im Sinne von Dominanz oder Protektionismus. (Das habe ich jetzt alles mit „ich“ formuliert, aber ich meine nicht, dass ICH das jetzt alles so toll hinkriege, sondern das ist sprachlich die Vermeidung der „man-Sätze“. Ich glaube, dass dies die Anforderungen sind und bin selbst tagtäglich nur immer wieder auf dem Weg dahin!)

Innen hoch heißt:

Die schwerste und gleichzeitig bescheidenste Aufgabe zu übernehmen, die es gibt: ANDERE dabei zu unterstützen, groß zu werden und mich irgendwann nicht mehr zu brauchen.

Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass ich im Referendariat nicht gelernt habe, WIE ich einen solchen Prozess plane, baue und halte. Ich habe nur gelernt, wie man Inhalte vermittelt und eine Horde von Kindern zur Anpassung bringt (zwingt). Und daran glaube ich nicht mehr.

Deswegen habe ich Strategien entwickelt, die sehr konkret dazu führen können, dass das Wunder von selbständigem Denken und verantwortungsvollem Handeln gelingen kann. Nicht immer, aber immer öfter. Diese Strategien möchte ich vermitteln und transparent machen. Ich habe sie in Publikationen beschrieben, weiß aber, dass das nicht reicht und alles Wissen beweglich ist:

Jeder muss diese Strategien selbst für sich erfahren, individuell anwenden und eigene Vorgehensweisen damit entwickeln. Dafür ist dieses Tutorial (Konzept-Staffel „Rede mal ordentlich, Frau Plath“) gedacht – meine Bücher und die Karten und die Workshops, usw. Alles Angebote, um einen eigenen Weg damit zu finden.

Das Bild der Schildkröte ist eine Abkürzung ins Gehirn, um die Haltung, die hinter diesem Ansatz steht, zu veranschaulichen. Wir haben schon genügend Löwen im Bildungssystem – oder Löwenbändiger*innen – ich bin aber ziemlich sicher: Wir brauchen viel mehr Schildkröten. Die auf Zeit setzen, nicht aufgeben, vieles erleben und ertragen, von außen drauf schauen können, liebevoll auf den Menschen blicken und trotz aller Schwierigkeiten vergnügt und gelassen bleiben. Denn die Welt ist so, wie sie ist, und was wir nicht ändern können, können wir eben nicht ändern. Aber langfristig wird die Welt besser – und zwar nicht unwesentlich durch mehr Schildkröten….

Und hier die ersten beiden Folgen zur neuen Konzept-Staffel „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“:

Folge 1 

https://youtu.be/UeBBH0Nbce4

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Folge 2 

https://youtu.be/5Uj-4zviqj8

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Die neue Konzept-Staffel von Rede mal ordentlich, Frau Plath ist da

Die Konzept-Staffel von Rede mal ordentlich, Frau Plath

Ich habe mir letztes Jahr sehr ausreichend Sorgen um den Zustand der Welt gemacht und zu viele Apokalypsen-Gefühle geschoben.

Damit ist jetzt mal Schluss, hab ich beschlossen. Die Nachrichten sind deprimierend, aber das waren sie immer schon und ich denke, ich muss die Dinge mal wieder ins Verhältnis setzen – dabei hat mir unter anderem auch das sehr zu empfehlende Buch „Factfulness“ von Hans Rosling geholfen, das ich euch an dieser Stelle empfehle.

Uns geht es eigentlich sehr gut, und niemandem ist geholfen, wenn wir nur Frust schieben und Untergangs-Szenarien herbei reden. Ganz im Gegenteil: Das macht den Untergang überhaupt erst wahrscheinlicher. 

Jetzt kommt daher von meiner Seite eine kleine konstruktive Gegen-Offensive. Die neue Konzept-Staffel „Rede mal ordentlich, Frau Plath“. Als ermunternder Gruß an euch zum Neuen Jahr. Motto: Wieder konkret, tatsachenorientiert und positiv auf den Alltag schauen und tun, was man kann. Wer guter Laune ist, kann eher Probleme lösen. 2019 ist für mich das Jahr des gelassenen und positiv gestimmten Realismus. Taten und Tatsachen statt Panikmache. 

Die neue Konzept-Staffel von „Rede mal ordentlich, Frau Plath“ orientiert sich am klassischen YouTube Tutorial Gedanken: Beispiel: Wie repariere ich eine Waschmaschine bzw.: Wie repariere ich meinen Berufsalltag – bzw. meine Laune – im Bereich Bildung? 

Das Ganze ist ein Tutorial zu meinem Partizipations-Konzept. In der Konzept-Staffel gibt es zwei Sorten von Folgen. Die Tutorial Folgen und die „Story!“- bzw. „Talk“-Folgen. 

In den ersten zwei Story ! – Folgen mache ich mich ein bisschen über mich selber lustig und veranschauliche gleichzeitig ein paar meiner persönlichen Gedanken zum Thema Bildung. Dies als kleines Kaspertheater mit Playmobil-Figuren, denn ich wollte mal wieder ein bisschen Faxen machen. Nicht immer alles so bierernst nehmen, und sich selbst auch nicht! 

Nach diesen ersten beiden Story!-Folgen zur Einführung gehts dann nächste Woche ab Folge 3 mit den Tutorials los. Wie repariere ich meinen Berufsalltag in der Schule? 

Ziel dieser Konzept-Staffel ist es, euch im Alltag aufzuheitern und ein bisschen hilfreich zu sein: Wie könnt ihr mit meinem Mischpult-Konzept konkret arbeiten und dabei gute Laune kriegen? 

Die Folgen bauen dies mal alle aufeinander auf. Das heißt: Es macht Sinn, sie in der richtigen Reihenfolge und vielleicht auch mehrmals zu gucken, zum Beispiel, wenn ihr im Alltag was ausprobiert und euch noch mal vergewissern wollt. Es gibt immer mehrere Tutorial Folgen und dann mal wieder eine Story!- oder Talk-Folge zur Entspannung. 

Das Ganze ist umsonst und als aufbauende und erheiternde Maßnahme für euch gedacht. Und wenn ihr noch weiter in die Tiefe gehen oder vor allem praktisch ausprobieren möchtet, dann geht das wunderbar in den ACT Workshops in Berlin. Infos dazu findet ihr auf der Seite www.act-berlin.de. 

Und jetzt wünsche ich euch viel Spaß mit der Konzept-Staffel von Rede mal ordentlich Frau Plath. Es geht heute – zum Schulanfang im neuen Jahr – los mit den ersten zwei Story!- Folgen Z(Folge 1 und 2) und ab nächster Woche dann mit dem ersten Tutorial (Folge 3). Anschließend immer eine neue Folge pro Woche. Jeden Sonntag Abend eine. Taten und Tatsachen statt Panikmache! Alles Gute für‘s Neue Jahr 2019! Und hier direkt zu den beiden Folgen auf YouTube:

Folge 1 Video-URL: https://youtu.be/UeBBH0Nbce4

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Folge 2 Video-URL: https://youtu.be/5Uj-4zviqj8

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Vortrag beim Beltz Forum 2018: Wohin wir ausziehen müssen, um die Freiheit zur Verantwortung zu lernen

Der folgende Vortrag (gehalten beim Beltz Forum in Weinheim am 10. November 2018) ist besonders für all diejenigen interessant, die mit dem Mischpult arbeiten, denn JEDE Übung, jedes Ball-Warm-up, jedes Mal „Actionfiguren auf Bahnen“, jedes Spiel, jede Aktion des Mischpult-Konzepts, kann immer wieder auf diese inhaltliche Basis hier zurückgeführt werden. Dadurch wird das Mischpult-Prinzip als künstlerisches Konzept zur Veränderung unserer Perspektive auf Gesellschaft verständlich. 

 

Trump. Brexit. Chemnitz. Maaßen. Ständige Aufregung in den sozialen Medien, die zu immer neuen Ängsten, Verschwörungstheorien, zu Endzeit-Stimmung und sinnlosen Hysterien führt.

Die Welt hat sich verändert.

Ganz grob gefasst erleben wir gerade eine Zuspitzung zwischen Identitätspolitik und Eintreten für eine freie Gesellschaft der Vielfalt auf der einen Seite und Sehnsucht nach Abschottung, Nationalismus und patriarchalen Verhältnissen auf der anderen Seite.

Die allgemeine Stimmung wird unversöhnlicher, hysterischer und beängstigender durch die sozialen Medien und ihrer Mechanismen.  Spaltung, Narzissmus, innere Opferhaltung, Befindlichkeit und Kampf um Aufmerksamkeit werden durch Facebook, WhatsApp, Instagram, usw. zunehmend massiv verstärkt und damit zum Problem für unsere Demokratie – ein Kampf um Aufmerksamkeit und „Likes“ ist entbrannt, die Meinungen polarisieren sich, ein vorsichtiges Ausloten der zahlreichen Facetten von menschlicher Kommunikation wird immer seltener.

Dies aber wäre für eine funktionierende Demokratie unverzichtbare Grundlage, quasi der Kitt, der das komplexe Gebilde der Demokratie zusammenhalten könnte. (Hierzu empfehle ich das Interview im aktuellen Spiegel mit Jaron Lanier, Internetkritiker und seit 30 Jahren tätig im Silicon Valley, Spiegel Nr. 45/3.11.2018, „Dieser Mist verdirbt uns alle“, Seite 60-62).

Die Bedeutung der Identitätspolitik für die Demokratie

In einer Demokratie ist Identitätspolitik ein unverzichtbarer Schlüssel. Dadurch sind zahlreiche Perspektiven verschiedenster Minderheiten für den sogenannten „Mainstream“ verständlich geworden, und ebenso die Tatsache, dass sehr viele Menschen nicht dieselben Ausgangsbedingungen haben, wie andere. Kurz: Dass in unserem ganz normalen Alltag sehr ungleiche Machtverhältnisse herrschen und insbesondere diejenigen, die davon profitieren, gar nicht merken, dass es so ist. Das heißt: Unverzichtbare Basis einer funktionierenden Demokratie ist die schrittweise Bewusstwerdung aller vorhandenen Perspektiven für jeden einzelnen Menschen und die eigene Rolle im Verhältnis zu den anderen, denn dies ist die Grundvoraussetzung für Würde, Selbstwertgefühl und echte Teilhabe.

Wir müssen auf die Illusion verzichten, dass nur EINER recht hat. Dass nur EINE Perspektive die richtige ist. Dass wir nur zurück zu starker Autorität müssen und dann wird schon alles wieder. Dass es eine Instanz gibt, die uns von der eigenen Verantwortung entlastet. – Diese Sehnsucht, die Verantwortung an andere, an anderes, abgeben zu wollen, ist das Übel, an der eine funktionierende Demokratie krankt – und sterben kann.

Deswegen kann es nur in die andere Richtung gehen: In die Stärkung des Selbstwertes und Ermächtigung zur Freiheit jedes einzelnen Menschen. Nur auf dieser Basis kann ein Mensch den inneren Raum entwickeln, sich für etwas Gemeinsames einzusetzen und anderen zuzuhören.

Denn: So lange ich nicht gesehen, nicht gehört, nicht wertgeschätzt oder sogar diskriminiert und ausgegrenzt werde, KANN ich – zur bloßen Selbsterhaltung–  nichts Anderes tun, als um meine EIGENE Stimme, meine eigene Integrität, meine Existenz kämpfen. Für einen GEMEINSAMEN Impuls in die Zukunft ist dann kein Raum. Das zunehmende Sichtbar-Werden von denjenigen, die Benachteiligung und Diskriminierung erleben (also alle, die durch Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, Körperlichkeit, …, von der gedachten gesellschaftlichen Norm abweichen) ist fundamental wichtig zur Erweiterung des gesamtgesellschaftlichen Horizontes – wenn wir die derzeitigen gesellschaftlichen Herausforderungen auf menschliche Weise meistern wollen.

Stattdessen durch noch mehr „Grenzen setzen“ und noch mehr Dominanz gegenüber angeblich Abweichenden, verweigern wir die einzig mögliche Lösung und begeben uns langfristig zielsicher in eine menschliche Katastrophe, die uns alle betreffen wird. Das Übel an der Wurzel zu packen, bedeutet: Verschiedenheit und Vielfalt auszuhalten und sich der schmerzhaften Wahrheit, quasi der gesellschaftlichen Botschaft, die uns die „Abweichenden“ und jetzt auch die Geflüchteten bringen, gemeinsam und solidarisch zu stellen: Nicht die „Abweichenden“, nicht die „Fremden“ sind das Problem. Sondern unser Beharren auf einer angeblich überlegenen – in Wahrheit eindimensionalen und rein egoistischen – Perspektive. Wir werden einander alle brauchen. Denn die wirklichen Probleme, die auf uns zukommen, können wir nur in Kooperation miteinander lösen. Die Alternative dazu ist Gewalt und Unmenschlichkeit. Diese Tatsache lässt sich gegenwärtig nur noch mit großem Verdrängungsaufwand leugnen. Wir müssen uns also entscheiden. Entweder Mauern und Grenzen, das hieße: Ignoranz, Abwertung (bis hin zu Auslöschung) der „ANDEREN“ – oder Freiheit und Vielfalt. Beides geht nicht.

Darth Vader oder Luke Skywalker?

Wenn wir uns für Freiheit und gleichberechtigte Vielfalt entscheiden, ist auch das kein Ponyhof. Da wird es einiges zu tun geben. Aber wo möchtet ihr lieber dabei sein: Bei Lord Voldemort oder bei Harry Potter? Bei Darth Vader oder bei Luke Skywalker? Ich dachte nicht, dass es noch mal nötig sein würde, zu sagen: Ich bin für den Weltfrieden und für Menschlichkeit. Aber wir können nicht für den Weltfrieden und für Menschlichkeit sein und gleichzeitig glauben, dass einige Menschen wertvoller sind, als andere.

Gemeinsame Vision

Was MACHEN wir also jetzt? Wenn wir die Gleichwertigkeit verschiedener Menschen und Perspektiven akzeptieren, also die real existierende Vielfalt der Menschen, dann braucht es ALS NÄCHSTEN, darauf aufbauenden Schritt, eine GEMEINSAME Vision für die Zukunft und den Willen und die Fähigkeit, diese GEMEINSAM konstruktiv zu gestalten

Um solche GEMEINSAM GEDACHTEN und in die Zukunft gerichteten Vorhaben überhaupt entwickeln zu können, bei gleichzeitiger Wertschätzung und Einflussnahme verschiedenster Perspektiven, braucht es die demokratische FÄHIGKEIT zur Verantwortung für etwas Gemeinsames, durch Kommunikation und konkrete Gestaltung. Und es braucht den Mut zur Freiheit – im Sinne von Verzicht auf dominierende Instanzen, die uns die Verantwortung abnehmen sollen. Denn eine Instanz, der „Papa“, wird der real existierenden Vielfalt niemals gerecht werden können, womit wir wieder beim Anfang des Problems wären.

 

Der Schrecken der Freiheit

Es muss also darum gehen, zu lernen, den „Schrecken der Freiheit“ (zur Selbstverantwortung und zur Verantwortung für ein Gemeinsames) auszuhalten und die Freiheit konstruktiv im Sinne einer gemeinsamen Idee gestalten zu können. Das ist derzeitig wahrscheinlich unsere wichtigste Aufgabe.

Das heißt für den Bereich Bildung: Wir müssen – noch viel mehr als jemals zuvor – Demokratische Kernkompetenzen und den Willen und den Mut zur Freiheit VERMITTELN.

Das sind neben Empathie, Toleranz, Vertrauen und Identifikation:

Erstens die Fähigkeit MITEINANDER statt GEGENEINANDER zu reden

Zweitens das Wissen darum, was es BEDEUTET, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen und wie genau das individuell umsetzbar ist

Drittens GEMEINSAME Ziele und Visionen zu entwickeln und

Viertens tatsächlich gemeinsam Verantwortung dafür zu übernehmen, also es zu TUN – es also nicht nur moralisch einzufordern.

Um diese hochkomplexen MENSCHLICHEN Fähigkeiten zu vermitteln, die übrigens niemals eine Maschine leisten kann (!), brauchen wir konkrete Erfahrungsräume, in denen wir Verantwortung und Freiheit ÜBEN können und auch scheitern dürfen, ohne dass gleich großer Schaden entsteht, und in denen wir das Positive daran Schritt für Schritt selbst erleben können. Das ist Aufgabe von Bildung.

Warum Vielfalt und Demokratie, wenn das so anstrengend ist?

Die Demokratien sind derzeit bedroht, deswegen ist es so wichtig, sich jetzt damit zu beschäftigen, was Demokratie bedeutet und nicht die Demokratie an sich anzuzweifeln, denn bei allem Untergangs-Gerede müssen wir sehen, dass durch die Demokratien die Dinge in der Welt bisher über sehr lange Zeiträume betrachtet immer BESSER geworden sind, auch wenn vieles noch immer schlecht läuft (nicht aber im Vergleich zu früheren Zeiten!).

Insgesamt wird der Mensch durch Mündigkeit und Mitsprache schlauer. Insgesamt gesehen leben immer mehr Menschen in Freiheit und Wohlstand und verfügen über eine bessere Bildung als beispielsweise noch vor hundert Jahren und davor. Insgesamt werden die Menschen auf der Welt toleranter, gehen Gewalt und Kriege zurück und das Verständnis der Menschen für Vielfalt und Freiheit wächst. Noch in den 50-er Jahren gab es beispielsweise noch gar kein Bewusstsein dafür, was heute durch die #metoo-Debatte öffentlich diskutiert wird. Dass wir so viel über Diskriminierung und Rassismus reden ist ein GUTES Zeichen, denn es bedeutet, dass unser Bewusstsein dafür größer und differenzierter geworden ist.

Aber: Wir dürfen diesen Wohlstand und den selbstverständlich gewordenen Frieden nicht selbstverständlich nehmen, denn es gab leider – historisch gesehen – auch immer retardierende Momente und Purzelbäume rückwärts. Im Moment könnten wir uns gerade in so einem Rückwärts- Purzelbaum befinden…

Demokratie erfordert Mut und Geduld und harte Arbeit und das Einstehen für demokratische Werte fühlt sich nicht immer angenehm an. Demokratie und eine freie Gesellschaft der Vielfalt sind nicht selbstverständlich. Wir müssen die dafür notwendigen Kompetenzen VERMITTELN.

Wer Demokratie will, muss auf die konstruktive Kraft von Vielfalt setzen

Wie? Was müssen wir TUN?

Die größte Herausforderung, die ich im Bereich Bildung sehe, ist, wie wir in Schulen mit Vielfalt, also verschiedensten Perspektiven und Haltungen auf der einen Seite und mit dem allumfassenden gesellschaftlichen Wandel durch die digitale Revolution auf der anderen Seite umgehen wollen.  Wie wir mit der ständigen, alltäglichen Irritation KONSTRUKTIV umgehen und gleichzeitig auf der Basis demokratischer Werte die Fähigkeit zur Selbstverantwortung und zur Führung vermitteln wollen. Denn nichts Anderes bedeutet „die Freiheit zur Verantwortung lernen“.

Und da sitzen wir mitten in einer riesigen Baustelle, auf der nichts wirklich gut läuft. Es geht nur auf der Basis eines Perspektivwechsels, nämlich der Erkenntnis, dass nicht die „Abweichenden“ das Problem sind, sondern der Schlüssel zur Lösung.

Pars pro toto: Das Kleine im Großen – oder umgekehrt

Bei mir kam dieser Perspektivwechsel abrupt. Damals, 2004 an einer Hauptschule in Berlin Neukölln: Da erlebte ich die Situation, die jetzt auch auf anderen Ebenen der gesellschaftlichen Realität angekommen ist, zum ersten Mal: Eine Gruppe von Menschen, die außer sich waren, ein Haufen verrückter Kinder: Alle gegeneinander, alle gekränkt, alle um Aufmerksamkeit schreiend, alle liebesbedürftig, aber gleichzeitig nicht mehr in der Lage, offen auf andere und auf Neues, von den eigenen Denk-Horizonten Abweichendes, zuzugehen…

Der Konflikt in dieser Situation war und ist noch immer, dass immer dann, wenn wir systemisch mit der Diversität und dem Demokratischen Handeln an Grenzen geraten, wenn es also wirklich mal herausfordernd wird, dass dann auf VIELFALT, also auf das zunächst mal herausfordernde „Chaos“, mit autoritärem Handeln, Paternalismus und patriarchalen Strukturen reagiert wird. Oder mit GRENZEN SETZEN. Also mit einer Rückwärtsrolle in autoritäres Handeln. Und dann haben wir es sofort wieder mit Herabsetzung, mit Kränkung und in der Folge mit der Kompensation der Kränkung zu tun – mit allen üblen Konsequenzen, an denen unsere Demokratien derzeit kranken. Ein Teufelskreis.

Auf gesellschaftlicher Ebene erleben wir dieselbe Hilflosigkeit, wenn die Demokratie an ihre Grenzen zu stoßen scheint. Da rufen einige dann gleich wieder nach „dem starken Mann“, der es mit „Zucht und Ordnung“ richten soll. Und der Gegenseite, die GEGEN das Patriarchat eintritt, fällt derzeit noch zu wenig Konkretes ein, um das entstandene Machtvakuum konstruktiv zu füllen. Glauben wir so wenig an die Demokratie, dass wir immer gleich nach „Papa“ rufen müssen, wenn es schwierig wird? Was denn nun?? Es ist immer dasselbe: Wollen wir von außen kontrollieren, korrigieren und „Grenzen setzen“? Oder wollen wir langfristig von innen her zur Verantwortung und zur Freiheit erziehen und damit langfristig die Basis legen für eine funktionierende Demokratie?

Demokratie und Gleichwertigkeit von sehr verschiedenen Menschen sind unabdingbar miteinander verbunden. Wenn wir eine demokratische freie Gesellschaft wollen, müssen wir uns der Aufgabe der real existierenden Vielfalt und dem „Schrecken der Selbstverantwortung in unsicheren Zeiten“ wirklich (!) stellen.

Meine persönliche Reaktion auf die systemische Hilflosigkeit des Schulsystems im Umgang mit Vielfalt war, ein Konzept zu entwickeln, um die Führung von EINER Person auf die Schultern von VIELEN zu verteilen: Das Mischpult-Prinzip. Ein Konzept zur schrittweisen Vermittlung „des Schreckens der Freiheit und der Selbstverantwortung“ (und dann irgendwann des Glücks der Freiheit, aber dafür braucht es einen langen Atem…).

Demütigung und Gewalt durch ungleiche Machtverhältnisse

Ich bin damals zunächst einmal der Frage nachgegangen: Wo kommen die Wut und die Gefühle der Demütigung bei den Kindern und Jugendlichen her? Und ich habe – nicht auf den ersten Blick, aber ganz allmählich – herausgefunden: Es ging auch hier im Kleinen um die Demütigung (und Gewalt) durch ungleiche Machtverhältnisse: Um die direkt daraus resultierende Wut darüber, nicht gesehen und nicht gehört zu werden – als Mensch. Es ging um mangelndes Selbstwertgefühl. Deswegen habe ich bei ihren biografischen Geschichten angefangen. Beim Zuhören, Verstehen und Sichtbarmachen ihrer Geschichten. Bei der Stärkung ihres Selbstwerts.

Denn übergeordnet müssen wir – immer – beim Selbstwert und bei der Würde des Menschen anfangen. Wir müssen das Selbstwertgefühl stärken, bzw. überhaupt wiederherstellen und deshalb müssen wir ungleiche Machtverhältnisse und die dazu gehörigen Biografien zunächst einmal verstehen und gleichwertig anerkennen. Und damit die Tatsache, dass jeder Mensch UNTERSCHIEDLICHES symbolisches, geistiges, kulturelles Kapital mitbringt, dass also grundsätzlich die Welt ungerecht ist (!), die Ausgangsressourcen UNGERECHT verteilt sind! Wir müssen deswegen konkrete Instrumente für eine BEWEGLICHE, selbstgesteuerte und jeweils individuelle Kommunikation entwickeln (Beispiel: Die vier demokratischen Führungs-Joker und das individuelle Veto-Recht), um die Vielfalt als selbstverständlichen Ausgangspunkt betrachten zu können, handeln zu können, kommunizieren zu können, ohne dabei persönliche Grenzen zu verletzen. Wir müssen die Angst davor verlieren, etwas falsch zu machen. Nur dann können wir uns menschlich begegnen.

(Einschub: Sensibilisierung für ungleich verteiltes Kapital – Das Kapital-Mischpult. Siehe Youtube-Folge „Rede mal ordentlich, Frau Plath“, Folge „Kapital-Mischpult“).

Gleichzeitig habe ich verstanden, dass diese ganzen Geschichten und Perspektiven, nur dann die ganze Kraft, den ganzen „Zauber“ entwickeln, wenn sie nicht isoliert stehen bleiben, sondern auf etwas Gemeinsames, Zukünftiges gerichtet sind. In der Schule war das – im Kleinen – die gemeinsame Theaterproduktion.

Denn auch in der Schule erleben wir ja schon im Kleinen, was auch im Großen gilt: Schon im alltäglichen „demokratischen Stuhlkreis“ wird klar, dass es zäh und destruktiv wird, wenn jeder nur seine spezifische Perspektive einfordert, ohne Verantwortung für das Gemeinsame zu übernehmen. Aber zu wissen, WIE ich Verantwortung übernehme und es zu TUN, das ist heute ÜBERHAUPT nicht mehr präsent.

Diese Fähigkeit muss Schritt für Schritt gelernt werden. Das ist harte Arbeit. Aber wenn wir damit zumindest im Bildungsbereich erfolgreich sind, dann haben wir in einem Klassenzimmer nicht 27 „abweichende“ Kinder, die uns in den Burnout verfrachten, sondern 27 junge Menschen, die wechselweise Führung und Verantwortung übernehmen können.

Deshalb geht es bei meinem Gesamt-Konzept im Kern um Demokratische FÜHRUNG und um das schrittweise „Erlernen und Aushalten der Freiheit“: Um die Fähigkeit aller Beteiligten, zu FÜHREN, damit eine verantwortungsvolle, wechselnde Führung im Sinne aller anderen möglich wird. Es geht also um die Kompetenz verantwortungsvoll zu führen aber genauso um die Kompetenz, autonom und selbstbestimmt zu folgen. Das ist kein Widerspruch. Denn alle die folgen, können in der nächsten Minute auch führen. Das ist Demokratie.

Die Frage ist also: Wie ermächtigen wir Menschen zur Führung – zur Übernahme von Verantwortung? Und damit zur Freiheit?

Kern-Thema und Ausgangspunkt muss der SELBSTWERT des Menschen sein. Und darauf basierend muss es um Führung, um Verantwortung und das schrittweise Aushalten der Freiheit gehen.

(Einschub: Siehe auch Youtube-Folge „Herrschaft oder Führung“, Rede mal ordentlich, Frau Plath).

 

Das Mischpult-Prinzip als künstlerisches Konzept

Ich bin mit meinem Konzept immer in Schubladen gesteckt worden. Didaktik. Theater. Pädagogik. Therapie. Kommunikation. Politik. Beziehungsgestaltung. Ich sehe mein Konzept in keiner dieser Schubladen – oder in all diesen und noch hundert weiteren.

Ich verstehe mein Konzept am ehesten als „künstlerisch im Sinne von gesellschaftsverändernd durch Irritation und Aktion“.

Die Irritation besteht darin, zu erkennen und auszuhalten, dass es keine Instanz gibt, die uns von der Verantwortung entlastet. Es gibt niemanden, der lobt, urteilt, bewertet. Es gibt keine Note. Die Irritation der Freiheit wird in der jeweils individuellen eigenen Anverwandlung des Konzeptes für jede*n schrittweise spürbar. Und zwar selbstgesteuert in dem Maße, wie es individuell „aushaltbar“ ist.  Denn darum geht es im Ganzen:

Zu erkennen, dass es auch im Großen keine allgemeingültige Instanz gibt, nur eine stetig wachsende Erkenntnis- Wissens- und Erfahrungsgrundlage, auf derer wir immer klügere Entscheidungen – auf gemeinsame Ziele ausgerichtet – treffen können. Aus der Vielzahl grundsätzlich unendlich vieler Möglichkeiten, müssen wir ununterbrochen wählen. Entscheidungen treffen. Und dabei unterscheiden lernen zwischen Menschlichem und Unmenschlichem. Im Kleinen und im Großen. Das ist Freiheit zur Verantwortung. Und darum geht es in diesem Konzept: Schrittweise im Spiel zu verstehen, was das heißt, wie sich das anfühlt, und dann vom Einfachen zum Komplexen schrittweise überall die „Freiheit zur Verantwortung“ aushalten und gestalten zu lernen.

Ich verstehe das Mischpult-Prinzip als eine praktische, konkrete Irritation bei jedem einzelnen Menschen, die im besten Falle zu einem grundsätzlichen Perspektivwechsel im Kleinen, Privaten führt – und damit einen kleinen aber nachhaltigen Beitrag leisten kann, hin zu Mitgliedern einer Gesellschaft, die über ein starkes Selbstwertgefühl verfügen, individuell und ungewöhnlich denken können, gemeinsame Ziele formulieren und für diese Ziele menschlich einstehen und Verantwortung übernehmen.

Auf dieser Grundlage könnten sich im besten Fall noch mehr Menschen auf die extrem fließenden, also sich verändernden Zustände unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation einlassen und ihre Angst vor diesen ganzen ständigen schnellen Veränderungen überwinden.

Auf der Basis eines intakten Selbstwerts können sie darüber hinaus „das Fremde“ an sich herankommen lassen und erkennen, dass wir nur noch durch Kooperation – also GEMEINSAM – unsere derzeitigen (globalen) Probleme lösen können.

Das Konzept ist quasi ein „Kunst-Haus“, indem wir die Freiheit zur Verantwortung Schritt für Schritt erfahren und individuell erleben und verinnerlichen können.

Wir alle müssen ausziehen, das Fürchten zu lernen. Damit es nichts mehr zu befürchten gibt. Tempo! Klarheit! Verantwortung! Veto!

Maike Plath

Prinzipien des Mischpult-Konzepts:

  • Sensibilisierung dafür wer führt und wer folgt. Für Machtverhältnisse (diesbezüglich spielerisches Achtsamkeitstraining als ständiger Bestandteil des Konzepts). Wie fühlt sich das konkret an? Wie können wir uns offen und auf Augenhöhe begegnen – ohne dass ungleiche Machtverhältnisse und in der Folge Herabsetzungen und/oder Ohnmachts- und Demütigungsgefühle entstehen?

Beispiel: Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ mit dem Nachbarn und mit den vier Demokratischen Führungs-Jokern: Tempo. Klarheit. Verantwortung. Veto. (Wie das geht: Dazu gibt es bald eine Folge bei „Rede mal ordentlich, Frau Plath“).

Sinn des Spiels: Ungleiches Kapital muss offengelegt werden, nicht verschleiert. Dazu braucht es klare Koordinaten, wie ein „Gespräch unter Freunden“ wirklich hergestellt werden kann. Beispiel für solche Koordinaten: Die vier Führungs-Joker.

Demokratische Führung muss Schritt für Schritt transparent gemacht werden, damit jeder Mensch (!) lernt, auf seine Weise Verantwortung zu übernehmen und auf dieser Grundlage SEINE Themen und Perspektiven einzubringen.

  • Konzeptionelle Grundstruktur: Der Drei-Schritt.

1 Gemeinsame Ziele.

2 Erfahrungsspielräume nur mit gemeinsamen transparenten Referenzsystem!

3 Reflektieren mithilfe konkreter Gesprächs-Formate (Beispiel: „Gespräch unter Freunden“)

Weitere Prinzipien:

Mischpult als Bild für den Menschen. Siehe unter „Glossar“ bei Mischpultprinzip

Gemeinsames flexibles Referenzsystem, Open Knowledge Prinzip

Low Floor. Wide walls. High ceiling.

Skala statt Tabelle.

Ritualisiertes Regelsystem zur Etablierung einer einschließenden Kommunikation und Wertekultur

Schrittweise Vermittlung (von einfach bis komplex) der Koordinaten Demokratischer Führung und wechselnder Verantwortung (Führung)

Pars pro Toto. (Die Matroschka als Metapher). Das Kleine steht in diesem Konzept grundsätzlich auch für das Große. (Beispiel: Wenn wir im Klassenzimmer  das „Chaos der Demokratie“, das anfangs ganz natürlich ist und nur langfristig, konzeptionell und konsequent in konstruktive Ordnung verwandelt werden kann, sofort mit der Forderung nach „Regeln und Grenzen“ beantworten, dann müssen wir die Parallele sehen, die das im Großen bedeutet: Gibt es wirklich nur „Chaos der Vielfalt“ oder „Kontrolle und Grenzen…“? Die großen Dinge fangen im ganz Kleinen an…).

Dieses Konzept ist keinem Fach und keiner „Schublade“ zuzuordnen. Es ist ein neues und zugleich sehr altes „Fach“ – aber in neuen Zeiten. Es heißt Demokratie.

(Wem das jetzt ein bisschen zu rezept-artig vorkam, der kann alles sehr ausführlich lesen in meiner aktuellen Publikation „Befreit euch! Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution.“)