„Was ist DAS denn für ein Werbe-Video von ACT?“

Im Netz verbreiten wir (ACT e.V.) derzeit ein kleines Filmchen, dessen Ziel es ist, Fördermitglieder zu gewinnen. Es geht um diesen Video-Clip:

ACT Aufruf:  https://youtu.be/vNmwxzWRcyU

Es gibt genau zwei Reaktionen auf diesen Film.

1 Begeisterung

2 Skepsis, im Sinne von leichter moralischer Entrüstung

Über die Begeisterung freuen wir uns. Aber die zweite Reaktion ist natürlich interessanter. Denn hinter der Skepsis bzw. der moralischen Entrüstung wird etwas sichtbar, das es wert ist, genauer angeschaut zu werden, nämlich ein interessanter blinder Fleck: Ein Widerspruch in unserer Wahrnehmung. Und der hat einen gewissen Erkenntniswert, wie ich finde. Daher lohnt es sich, diesen blinden Fleck mal ein bisschen zu beleuchten. Here we go:

Die Gedanken der moralisch Entrüsteten gehen in etwa so:

„Die Professionalität des Clips macht mich misstrauisch. Denn das ist ja nur Werbung und dann noch so glatt. Sieht aus, als hätte das ordentlich Geld gekostet. Investiert ihr in die Arbeit mit den Jugendlichen – oder in SOWAS??“

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dies ist das neueste filmische Produkt aus unserem ACT Lab. Dafür haben wir niemanden beauftragt. Wir haben diesen Clip selbst gemacht. Auf der Basis all dessen, was wir im letzten Jahr gemeinsam gelernt haben. Denn im ACT Lab beschäftigen wir uns mit dem Medium Film und arbeiten nach den Prinzipien der Demokratischen Führung. Daraus sind im letzten Jahr mehrere Filme entstanden, unter anderem auch „Amers Geschichte“.

WARUM WIR DIESEN WERBE-CLIP GEMACHT HABEN

Kurz vor den Sommerferien war ACT e.V. – wie so oft – existentiell bedroht, und die Zukunft mehrerer Projekte von ACT hing am seidenen Faden. Früher konnte ich in solchen Situationen nicht mehr schlafen. Inzwischen hat die „Katastrophendichte“ bei diesem Thema zu einer gewissen „Abhärtung“ geführt.

„Projekte“: Das klingt so abstrakt. Aber das sind immer Menschen, gewachsene Beziehungen, gemeinsames Ringen um eine erfolgreiche künstlerische Arbeit. Wenn von den vielen Anträgen, die wir ununterbrochen schreiben und einreichen müssen, zu viele abgelehnt werden, stehen ganze Gruppen mit all ihrer Arbeit und ihrem Engagement vor dem Aus.

Das ist schwer auszuhalten. Wir haben auch gelernt, dass die Welt leider nicht gerecht ist. Ha ha. Die Gesetzmäßigkeit: „Je fleißiger und besser ihr Anträge schreibt, desto sicherer ist eure Arbeit“ geht nicht auf. Obwohl wir immer besser werden, ist es mal so, mal so und im Ganzen unberechenbar.

Fakt ist, dass unfassbar viel Zeit und Nerven in die ständige finanzielle Sicherung der Arbeit investiert werden muss und diese Zeit immer auf Kosten der Jugendlichen geht, für die wir dann logischerweise WENIGER Zeit haben.

Also entstand in besagter Situation vor den Sommerferien bei unserem ACT Festival die Idee, einen Werbefilm zu machen, um Fördermitglieder zu gewinnen. Denn: Je mehr Fördermitglieder, desto unabhängiger sind wir vom nervenaufreibenden Auf und Ab der Antragsbewilligungen oder Absagen. Und desto mehr Zeit und Energie haben wir für die kontinuierliche, inhaltliche Arbeit mit den Jugendlichen. Für die langfristige Qualität dieser Arbeit.

WAS IST EIN GUTER WERBEFILM?

Gemäß unseres konzeptionellen Drei-Schritts (1 Ziele formulieren. 2 Erfahrungsräume eröffnen. 3 Reflektieren.) machten wir uns an die Arbeit, einen Werbefilm zu realisieren.

Und jetzt kommen wir zum springenden Punkt. Das Ziel war es – ja genau (!) -einen Werbefilm zu machen. Welche ästhetischen Koordinaten machen einen Werbefilm aus, wenn wir es – wie immer – möglichst gut, möglichst professionell machen wollen? Ein Werbefilm ist etwas anderes, als eine Doku, als ein künstlerisches Portrait, als ein Kurzfilm, usw. Ein Werbefilm ist ein Werbefilm. Und wie muss der aussehen, damit er als Werbefilm im professionellen Kontext bestehen kann und Wirkung erzielt?

Offenbar ist die Arbeit gelungen. Denn die einen sind begeistert und die anderen sind empört, dass „es so ein professioneller Werbefilm ist“. Und jetzt gehen wir dieser Empörung mal nach:

WARUM IST WERBUNG „BÖSE“?

Erstens: Was genau ist an Werbung verwerflich? Spielt es keine Rolle, WOFÜR ich Werbung mache? Ist Werbung gleich Werbung – egal ob für Primark, für die AFD, für Amazon, für Greenpeace oder für ACT e.V.?

Zweitens: Muss Werbung, die für ein soziales Anliegen wirbt, möglichst unprofessionell und „selbst gebastelt“ daher kommen, damit alle erleichtert sein können, dass wir unsere Energien in die WIRKLICHE Arbeit mit den Jugendlichen stecken – und nicht in deren Oberfläche? Ist eine professionelle Oberfläche grundsätzlich Anlass für Misstrauen, egal, um welchen Inhalt es geht?

Hinter diesem Misstrauen verbirgt sich eine gewisse Ignoranz und Weltfremdheit. Wenn wir den jungen Menschen bei ACT beibringen, dass nur die „inneren Werte“ zählen und es auf die Oberfläche nicht ankommt, verraten wir die gesamte Idee, für die wir angetreten sind.

Denn uns geht es um Selbstermächtigung – und zwar nicht im Elfen-Traumland, sondern im Hier und Jetzt. Wer sich nicht um Professionalität bei Oberflächen, Vermarktung und bei der Akquise finanzieller Mittel bemühen muss, sitzt offenbar recht weich im Wohlstands-Sessel und kann es sich leisten, mit „Selbstgebasteltem“ auszukommen.

WARUM DÜRFEN LEUTE, DIE SICH FÜR „EINE GUTE SACHE“ EINSETZEN, NICHT ÜBER GELD REDEN?

Wie kommt es, dass gute, ideelle, soziale oder künstlerische Arbeit in unseren Köpfen irgendwie immer halb ehrenamtlich sein muss, um glaubwürdig zu sein?

Dieser Gedanke ist meiner Ansicht nach der größte blinde Fleck der sozialdemokratischen Denke. Denn er führt dazu, dass nur die Privilegierten diese „gute, ideelle, sinnstiftende Arbeit“ machen und Gesellschaft gestalten können.

Nämlich nur diejenigen, die es sich leisten können, kein Geld zu verlangen und keine Werbung zu machen: Diejenigen, die als unabhängige Künstler oder Weltenretterinnen wirken können, weil beispielsweise ihre gutbürgerlichen (West-) Eltern ihnen durch Geld und Netzwerke diesen beneidenswerten Luxus finanzieren können. (Und wer sich das selbst finanziert, geht irgendwann in den Burnout, oder „wird DOCH Lehrer*in“… Das ist für den Bereich, von dem ich hier spreche, leider nicht nachhaltig…)

Wer kann in unserer Gesellschaft einer selbstbestimmten, gemeinnützigen, gestaltenden und damit erfüllenden Arbeit nachgehen? Also Hussein, Hala, Sinan, Walid, usw. können das nicht. Ihnen werden schon in der Schule die „Bullshit-Jobs“ vorgeschlagen: Jobs, mit denen man im besten Fall sein Auskommen verdienen, aber sehr selten selbstbestimmt – und zugleich sinnstiftend für andere – arbeiten kann.

Und solange die Privilegierten unter uns verächtlich reagieren, wenn in diesen beruflichen Kontexten jemand von GELD oder Vermarktung (Igitt!) spricht, wird sich diese soziale Ungerechtigkeit weiter verschärfen.

Das Privileg, etwas ausschließlich aus gemeinnützigen, sozialen oder künstlerisch gestaltenden Gründen zu tun und sich in der Folge moralisch überlegen fühlen zu können, bleibt denjenigen vorbehalten, die es sich leisten können.

UNENTGELTLICH ZU ARBEITEN, VERSCHÄRFT DIE SOZIALEN GRÄBEN IN UNSERER GESELLSCHAFT

Beispiel: In meiner ersten Zeit als Leiterin des Jugendclubs am Heimathafen konnte ich immer schön glänzen mit der Aussage: „Ja, das mache ich hier alles quasi ehrenamtlich. In meiner Freizeit“. Ja super. Das konnte ich so machen, weil ich jeden Monat ein fettes Lehrergehalt auf dem Konto hatte.

Das war doppelt privilegiert: Ich war finanziell voll abgesichert und konnte gleichzeitig die gesamte Ladung sozialer Anerkennung einheimsen, nämlich die Bewunderung dafür, dass ich mich „opfere“ und NEBEN meinem Beruf „so tolle, wichtige Arbeit quasi UMSONST mache!“ Was für ein materieller und moralischer Luxus. Aber was für eine Ignoranz. (In Wahrheit: Teures Hobby…)

Denn sobald wir existentiell angewiesen sind, in diesen Bereichen bezahlt zu werden, schwindet beides: Die finanzielle Sicherheit UND die soziale Anerkennung: Was? Dafür nimmst du GELD?? – Ja, wie denn sonst? – Also zumindest, wenn es mehr als ein „Hobby“ sein soll… (Ich nehme diese Ignoranz niemandem übel – denn ich habe es in meiner Lehrerinnen-Blase selbst nicht gemerkt. Ich fühlte mich ganz toll ehrenhaft damals…).

Aber inzwischen habe ich schmerzlich zur Kenntnis nehmen müssen, dass für „gemeinnützige, bildende oder künstlerische Tätigkeiten“, wie z.B. auch die Leitung eines Jugendclubs an einem kleinen Kieztheater, meistens nur privilegierte, bürgerliche, weiße Menschen in Frage kommen, die noch andere Geld-Töpfe anzapfen können – denn die meisten anderen können sich so einen Luxus (Gutes für wenig oder kein Geld zu tun) selten leisten.

Nur aufgrund der Tatsache, dass wir uns bei ACT e.V. in voller Absicht – immer wieder hartnäckig – unbeliebt machen, indem wir uns um GELD bemühen und die ständige moralische Entrüstung darüber aushalten, dass wir für eine angemessene Bezahlung in diesem Bereich kämpfen, konnten wir das Wunder möglich machen, dass ich meine Leitung am Heimathafen an Walid Al-Atiyat abgeben konnte. Denn ehrenamtlich könnte er diese Arbeit natürlich niemals machen. Logisch.

QUALITÄT KOSTET GELD

Wir leben leider (noch) in einer Gesellschaft, in der der Wert des Menschen an seine Lohn-Arbeit gekoppelt ist. Es herrscht die Ansicht: Was viel kostet, ist viel wert. (Den Umkehrschluss überlasse ich euch selbst). Wir glauben manchmal, wir wären besonders schlau, wenn wir uns dieser kapitalistischen Denkweise verweigern, indem wir menschliches, soziales Engagement vom Geld entkoppelt sehen wollen. Aber so funktioniert es nicht.

So lange fundierte und professionelle Arbeit für eine menschlichere Gesellschaft in den Köpfen der Leute „irgendwie nichts mit Geld zu tun haben darf“, bleibt sie einem kleinen Kreis an Privilegierten vorbehalten, die sich dadurch als bessere Menschen fühlen können – aber insgesamt gesehen bewirkt sie dann leider auch nicht viel. Es bleibt dann eher so eine moralisch-erhebende Freizeit-Beschäftigung am Rande, denn im Moment gibt es noch kein Grundeinkommen und die Miete und die Krankenversicherung müssen nun einmal bezahlt werden.

Also entweder sind wir mit Bildung, mit Verteilung von Wohlstand und Teilhabe-Chancen und derzeitigen politischen Entwicklungen usw. ganz zufrieden – DANN reicht es wahrscheinlich, soziales Engagement eher als unentgeltliches Hobby fürs gute Gewissen zu betrachten – oder aber wir erhoffen uns davon tatsächlich langfristig positive Entwicklungen.

Aber dann – ganz ehrlich – funktioniert es nur mit Qualität und mit beständigen Strukturen. Und dann müssen wir dafür Geld investieren – genauso wie für alles andere, wo wir Qualität erwarten. Für ordentliches Bio-Fleisch müssen wir ja auch mehr ausgeben, als für eingeschweißte Mortadella-Wurst von Lidl. Seltsam. In diesem Bereich sind die Zusammenhänge bekannt. Warum nicht bei professioneller politisch-künstlerischer Arbeit außerhalb der Strukturen?

Ich behaupte: Weil dort der Zuckerguss einer falschen Moral die Wahrnehmung verklebt. Bei eingeschweißter Mortadella Wurst ist es jedem Menschen klar. Aber warum bestimmte Tätigkeiten personell so „bürgerlich-lastig“ sind – das ist schwerer zu erkennen.

DIE QUALITÄT DER ARBEIT VON ACT E.V.

ACT versucht, dem derzeitigen Auseinanderdriften unserer Gesellschaft konzeptionell und nachhaltig entgegen zu wirken und zu beweisen, dass ein konstruktives Miteinander nicht nur möglich, sondern für jeden einzelnen Menschen sinnvoll und perspektivisch erfüllender ist, als Abgrenzung, Ängste, Konkurrenzkampf und Hass.

Wir wünschen uns nicht naiv eine bessere Welt (dafür sind wir zu alt), sondern wir arbeiten sehr konkret und erfolgreich an den bestehenden gesellschaftlich problematischen Baustellen – auf der Basis von jahrzehntelanger Erfahrung, Know-How und einem fundierten Konzept. Wir wissen aus Erfahrung, dass der Schlüssel zu einem demokratischen Miteinander in der Selbstermächtigung und Stärkung des Selbstwerts jedes einzelnen Menschen liegt – und dass das keine leichte Aufgabe ist. Aber WEIL wir das professionell und nachhaltig betreiben – und nicht als Freizeitbeschäftigung – geht das nicht ohne Geld.

Auch die Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, bereiten wir nicht „auf eine Blumenwiese“ vor. Wir vermitteln ihnen, dass Selbstermächtigung nicht heißt, sich auszubeuten oder mit Absicht unprofessionell zu agieren, weil „es ja um die INNEREN Werte geht“ und das Äußere ganz egal ist. Selbstermächtigung heißt nicht, sich zu schämen, über Geld zu sprechen.

SELBSTERMÄCHTIGUNG ALS SCHLÜSSEL FÜR EINE GERECHTERE GESELLSCHAFT

Selbstermächtigung heißt:

Die Welt so zu sehen, wie sie ist, ungleiche Machtverhältnisse zu erkennen und diese entweder bewusst (!) und selbstbestimmt zu akzeptieren oder aber diese konstruktiv zu überwinden.

Selbstermächtigung heißt, die eigenen Stärken erkennen zu können (auch, wenn kein anderer sie erkennt!), sie weiter zu entwicklen und sie kreativ und mutig in die gegenwärtige Gesellschaft einzubringen – und zu wissen, WIE.

Selbstermächtigung heißt, sich nicht unreflektiert von anderen bestimmen und benutzen zu lassen, sondern in dieser Welt einen eigenen Weg zu finden, der Selbstwirksamkeit, soziale Anerkennung und Selbstwertgefühl bringt – und Geld. Weil derzeit (noch) ohne Geld keine Selbstbestimmung möglich ist!

In diesem Sinne sollten sich die Entrüsteten fragen, welches Weltbild sie zementieren, wenn aus ihrer Sicht nur die „Bösen“ (Google? Facebook? Die AFD?) professionelle Werbung machen und sich vermarkten „dürfen“. Damit das Feindbild schön einfach bleibt? Damit Werbung ganz klar verdächtig ist und die Guten natürlich immer edel darauf verzichten? Ist es denn so, dass sich das Gute derzeit ganz von alleine verbreitet?

Dass ein Werbefilm bei uns im ACT Lab entsteht, von dem Leute glauben, dass „der aber wahrscheinlich richtig viel Geld gekostet hat“, also “verdächtig ist”, ist aus unserer Sicht ein Grund, um zu sagen: WIE GEIL IST DAS DENN?? Denn – Kleine Überraschung: Wir SIND gar nicht Google!!

WERBUNG KANN VERSCHLEIERN, MANIPULIEREN – ODER ABER AUFKLÄREN UND ZUR SELBSTERMÄCHTIGUNG MOTIVIEREN

Und das Wichtigste zum Schluss: Zu den Inhalten dieses Clips. Das ist nicht nur Werbung. Das ist unser öffentliches und ernst gemeintes Bekenntnis zu einer Geisteshaltung und einer Werte-Kultur, für die wir uns mit ACT e.V. konkret und tagtäglich einsetzen: Als deutliche Abgrenzung gegen die Renaissance des Braunen, die gerade stattfindet und in beängstigender Weise gesellschaftliche Maßstäbe verschiebt.

Die Zeiten, in denen es eine kleine erbauliche Freizeitbeschäftigung sein konnte, sich so ein bisschen für eine bessere Gesellschaft einzusetzen, sollten vorbei sein. Wir meinen es ernst. Wir brauchen Geld.

Wenn du auch etwas tun möchtest, aber noch nicht genau weißt, was – dann werde Fördermitglied bei ACT e.V. ! Und hier zum Abschluss unser kleines Filmchen/Statement/Werbung…:

ACT Aufruf:  https://youtu.be/vNmwxzWRcyU

 

Nach Chemnitz

Ich hatte gestern Wutgefühle auf die Stiernacken in Sachsen. Und auf die Polizisten in Sachsen, die in großen Teilen den Stiernacken heimlich zugetan sind. (Wie ich schon am eigenen Leib erleben durfte).

Ich dachte: „ Sachsen gehört nicht zu Deutschland“. Aber ich sage es nicht, weil ich weiß, dass in Sachsen auch kluge, feinsinnige Menschen leben, die unter diesem Mist leiden müssen.

Dann stieg ich morgens in die U8 nach Neukölln.

Dort wurde gelacht. „So, wir werden euch jetzt auch mal jagen“, sagt ein Kanakendeutscher mit freundlichem Augenzwinkern zu einem Kartoffeldeutschen, der gegenüber sitzt. Der lacht und hebt den Daumen. Großes Gelächter. Ich bin erleichtert: Ich bin in Berlin – nicht in Chemnitz.

So kann mensch auch mit der Sachsener Apokalypse umgehen. Wieder was gelernt.

In der Sonnenallee geht es dann so weiter: Kartoffeldeutsche und Kanakendeutsche verarschen die „Stiernacken-Jäger“ in Sachsen. „Na? Soll ich dich mal jagen, Alter, pass mal auf…!“ Wieder großes Gelächter. Dann Kopfschütteln. Dann alles wie immer. Beim Späti, beim Bäcker, an der Ampel, am Gemüsestand, beim Döner: „Heute auf JEDEN Fall Döner mit Pommes, wa?“ Gelächter. „Nee, pass mal auf, dass ich dich nicht jage, Dicker!“ – sagt ein Kartoffeldeutscher. Kanakendeutscher lacht. Über die Theke hinweg wird fröhlich abgeklatscht.

Am Ende des Tages gehe ich über den Platz vorm Rathaus Neukölln zur U-Bahn. Die Sonne scheint. Die Atmo ein bisschen wie Piazza in Italien. Ich geh absichtlich hier entlang – weil: Normalerweise sitzen hier alle rund und auf den Treppen vorm Rathaus Neukölln: Kartoffeldeutsche mit Plastiktüten und Sterni-Pils bzw. Hipster-Hut und Espresso, Kanakendeutsche mit Goldkettchen oder schwarzem Anzug, Jugendliche mit Energy Drinks versunken in ihre Smartphones. Ich muss gucken, ob auch hier jetzt ein „Trump-Brexit-Unsinns-Unmenschlichkeits-Trauma“ lauert. Ich biege mit Herzklopfen um die Ecke: Was wird heute – nach Chemnitz – hier sein?

Alles wie immer.

Alle sind da, auf den Treppenstufen vor dem Rathaus Neukölln und auf den Bänken und Stühlen rund um das Café davor. Ich gehe langsam quer über den Platz und höre Berliner Schnauze vom Feinsten. Zwei männliche Kartoffeldeutsche um die 70 mit hellgrünen Plastiksäcken trinken aus ihren Jägermeister-Fläschchen. Einer ruft rüber zu drei afrodeutschen Jugendlichen auf der Treppe: „Pass mal uff, dass ich euch nicht vonne Treppe jage! – Prösterchen!“

Mir stockt der Atem.

Die Jugendlichen auf der Treppe grinsen, heben die Daumen, die Jägermeister-Opis prosten ihnen gemütlich lächelnd zu. Drei Kanakendeutsche mit Hipsterbart und Muskelpäckchen lachen, einer ruft quer über den Platz: „Alles klar Opa, lass ma jagen und gucken, wer schneller ist!“

Die afrodeutschen Jugendlichen und das Jägermeister-Duo sind sichtlich gut unterhalten, jetzt lachen alle drei Fraktionen. UND: Der eine ältere Herr wirft Kuss-Händchen in beide Richtungen und ruft: „Nee nee nee, für so‘n Quatsch bin ick zu alt! Und außerdem: Wir sind ja nich in Sachsen, wa?“

Ich denke: Daraus mache ich einen Blog Eintrag. – Nee. – Das ist wieder so gefährliches Terrain, dann regen sich erst recht wieder alle auf. Oder halten das für naiven Multi-Kulti-Romantik-Quatsch. Das geht nicht, das nervt. (Mich am meisten). Aber das ist eben kein Multi-Kulti-Quatsch – das ist eher so der liebevolle Berliner Lebens-Pragmatismus. Also doch ein Blogeintrag. Denn: Nichts hätte mich heute besser trösten können, als hier zu sein. In Neukölln. Und ich denke an das, was Hussein mir erzählt hat:

„Rathaus Neukölln, das ist ein guter Ort. (Er strahlt) Deswegen hängen da immer alle ab. Das ist ein Ort mit guten Erinnerungen. Guck mal mein Foto: Da bin ich mit Franziska Giffey: Da gibt sie mir meinen deutschen Pass. Und alle haben geklatscht. Das war der beste Moment in meinem Leben“.

Grüße aus Berlin Neukölln nach Sachsen.

 

Mischpult-Prinzip

Das Mischpult-Prinzip: Der Begriff Mischpult fungiert zugleich als Bild und Metapher auf der einen Seite und als konzeptionelle Beschreibung des Materials auf der anderen Seite. Das Wort Mischpult bezeichnet hier sowohl als Metapher als auch als Materialbeschreibung das von Maike Plath entwickelte Gesamt-Konzept Demokratischer Führung und ist als Begriff geschützt.

Als Metapher beschreibt der Begriff den zugrundeliegenden Gedanken, dass jeder Mensch hier als Mischpult verschiedenster individueller Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten verstanden wird. Diese individuellen Handlungs-und Gestaltungsmöglichkeiten sind als „Kanäle“ eines Mischpults zu verstehen. Entsprechend diesem Bild kann jeder Mensch seine eigenen „Kanäle“ jeweils von „Null“ (Veto), über „sehr einfach“ bis hinauf nach „sehr komplex“ selbstbestimmt steuern.

Das das Mischpult-Prinzip basiert auf einer inklusiven Lernkultur und rückt den Begriff der FÜHRUNG – als Grundbedingung für demokratische Arbeitsweisen – explizit in den Vordergrund. Führung (zur Mündigkeit) wird hier klar vom Begriff der HERRSCHAFT und von hierarchisch gedachten Arbeitsweisen abgegrenzt.

Das Konzept geht von der real existierenden Vielfalt aus und zielt darauf ab, die Verschiedenheit der Potentiale aller Beteiligten konstruktiv zu verstärken.

Der Einstieg in das Konzept ist prinzipiell einfach (LOW FLOOR: Zugänglichkeit, einfacher Einstieg). Was zunächst simpel erscheint, wird durch die Erschließung immer weiterer Konzept-Ebenen und Kombinationsmöglichkeiten (WIDE WALLS: Unendliche Kombinationsmöglichkeiten) immer komplexer und anspruchsvoller. Im ständigen Wechselspiel zwischen individueller Freiheit des Einzelnen und Reflexion in der Gruppe werden kontinuierlich auf der einen Seite innere Haltung, Kommunikation und demokratisches Miteinander geschult und auf der anderen Seite kreative Gestaltungsmöglichkeiten erprobt und zunehmend kreativ erweitert – ausgerichtet auf ein gemeinsames Ziel. Dabei können grundsätzlich bisher geltende Standards und Gewissheiten übertroffen und Neues geschaffen werden (HIGH CEILING). Plath entwickelte das Mischpult-Prinzip aus der Theater-Praxis heraus. Die Prinzipien des Konzepts lassen sich aber auf zahlreiche andere Felder übertragen.

Erläuterung: Ziel des konzeptionellen Ansatzes ist es, den Beteiligten ihre jeweils unterschiedlichen Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten (Mischpult-Kanäle) aufzuzeigen und sie schrittweise dazu zu ermächtigen, die eigenen Kanäle selbstbestimmt auf einer Skala von „einfach bis komplex“ zunehmend autonom und versiert und in Richtung zunehmender Komplexität und Qualität auf ein gemeinsames Ziel hin zu steuern.

Dies geschieht durch die kontinuierliche Arbeit nach konkret ausformulierten Prinzipien und mit dem Mischpult, das als Bezeichnung auch das Material selbst meint: die verschiedenen Karten (Methodenrepertoires: Materialkästen, erschienen im Beltz Verlag, auch Theatrales Mischpult), die in ihrer Gesamtheit – in immer wieder neuen Zusammenstellungen und Anordnungen – das gemeinsame Referenzsystem bilden, auf das sich eine Gruppe in ihrem Gestaltungsprozess bezieht und das als gemeinsamer Wissens-Pool durch die Weiterentwicklung der Gruppenmitglieder ständig wächst.

Die Karten (das Material) werden auf dem Boden ausgebreitet, ständig durch weitere neue Karten ergänzt, und repräsentieren das Bild des „Mischpults“:

Alle Gruppenmitglieder haben zu jeder Zeit individuellen Zugriff auf das gemeinsame Wissen (Open-knowledge-Prinzip) und können nach dem Prinzip der individuellen „Kanal-Steuerung“ zu immer neuen, individuellen Erkenntnissen und Gestaltungsmöglichkeiten gelangen. Diese werden wiederum in einem ritualisierten Verfahren ständig reflektiert – sowohl in Form der Selbstreflexion (angeleitetes Achtsamkeitstraining), als auch im ständigen Austausch mit den anderen („Format: Gespräch unter Freunden“ von „sehr einfach“ bis „komplex“).

Auf diese Weise wird das Fach- und Erfahrungswissen der Gruppe über größere Zeiträume hinweg zunehmend komplexer und „in einen Raum der unendlichen Möglichkeiten potenziert“.

Das gesamte Konzept folgt dem konzeptionellen Drei-Schritt:

1 Gemeinsames Ziel formulieren

2 Erfahrungsspielraum eröffnen mit Zugangsmöglichkeiten auf einer Skala von „einfach bis komplex“

3 Konkrete Regeln und Rituale für eine ständige eigene und gegenseitige Reflexion des Erlebten und Erfahrenen (Orientierungsmarken sowohl für die Selbstreflexion als auch die ständige Reflexion mit den anderen).

Darüber hinaus basiert das Konzept auf folgenden Prinzipien:

A Gemeinsames, flexibles Referenzsystem, Open Knowledge Prinzip

B LOW FLOOR, WIDE WALLS, HIGH CEILING

C Ritualisiertes Regelsystem zur Etablierung einer einschließenden Kommunikation und Wertekultur

D Schrittweise Vermittlung (von „einfach bis komlex“) der Koordinaten Demokratischer Führung und wechselnde Übernahme von Verantwortung (Führung)

Erläuterung des Dreischritts und der Arbeits-Prinzipien: 

Es wird ein gemeinsames Ziel formuliert, das es gemeinsam zu erreichen gilt.

Es muss selbstverständlich sein, dass dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn alle in ihren verschiedenen Potentialen bestärkt und auf das Ziel hin konstruktiv und frei agieren können.

(Das würde bedeuten, dass „schnell laufen“ nicht besser ist als „langsam laufen“ – oder als „fahren“, dass rechnen nicht besser ist als malen, usw.)

Wie aber können verschiedenste Facetten und Potentiale aller Beteiligten sichtbar werden? – Indem wir nach der Ausformulierung eines gemeinsamen Ziels ein breites Erfahrungs- und Experimentierfeld eröffnen. Damit ist folgendes gemeint:

Die Gruppe muss ermächtigt werden, auf das Ziel hin eigene Strategien zu entwickeln, wie sich jeder einzelne sinnhaft und konstruktiv in das Gemeinsame einbringen kann. Und zwar von den Bedingungen ausgehend, die jede*r individuell mitbringt.

Dafür braucht es folgende konzeptionelle Grundvoraussetzungen:

Dies ist erstens ein flexibles und damit immer weiter ausbaufähiges gemeinsames, für alle transparentes Referenzsystem, auf das sich alle Gruppenmitglieder beziehen, das sie selbstständig weiter entwickeln und über das sie miteinander kommunizieren können.

Zweitens braucht es ein ritualisiertes Regelsystem auf der Basis einer einschließenden Werte-Kultur, das jeglicher Kommunikation und jeglichem Handeln aller Beteiligten eine Form, einen Sinn und eine Richtung gibt.

Und drittens braucht es ein Konzept der Demokratischen Führung. Dieses muss schrittweise an alle Teilnehmenden vermittelt werden und macht es möglich, dass alle Phasen des Prozesses klar geführt ablaufen – aber durch jeweils unterschiedliche Menschen, die nach klaren und transparenten Regeln zeitweise Verantwortung für alle übernehmen.

Nach Ziel und Erfahrungsspielraum ist die Reflexion die dritte große konzeptionelle Koordinate dieses Konzepts: Von Beginn an lernen alle Beteiligten anhand klarer Regeln, wie sie den Prozess in einem ständigen Austausch miteinander reflektieren können. Durch die Reflexion werden Wissen und Erfahrungen ständig gemeinsam weiterentwickelt.

Für alle konzeptionellen Instrumente gelten die Prinzipien LOW FLOOR, WIDE WALLS und HIGH CEILING. Das bedeutet, dass grundsätzlich beim Einfachen individuell begonnen werden kann (LOW FLOOR), dass grundsätzlich unendlich viele Kombinations- und Gestaltungsmöglichkeiten bereitstehen (WIDE WALLS) und dass zu jeder Zeit bestehendes Wissen übertroffen werden und neue Entdeckungen gemacht werden können.

Durch das Konzept der Demokratischen Führung, das die Gruppenmitglieder schrittweise auf einer Skala von „einfach bis komplex“ ermächtigt, selbst die Führung und somit Verantwortung zu übernehmen, wird es möglich, dass die Gruppen ihre Lern- und Gestaltungsprozesse auf der Basis aller vorhandenen Potentiale eigenständig führen und somit von jeglichem normorientierten Denken und von äußerer Bewertung unabhängig sind.

Die Gruppenmitglieder finden situations- und kontextabhängig individuell heraus, was sie zur Bewältigung der nächst anstehenden Herausforderung brauchen und wie sie Probleme lösen können. Diese Lösungen können weitaus kreativer sein und weit über das hinausgehen, was in Schule bisher denkbar ist.

Publikation zum Gesamtkonzept: „Befreit euch! Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution. Theorie und Praxis.“ 2017, ISBN-13: 9783746014494