Demokratie von der Basis her erleben: Gleichberechtigt miteinander reden

Gleichberechtigt miteinander reden – Die Anwendung der vier demokratischen Führungs-Joker trainieren

 Demokratie von der Basis her erleben: Wie könnt ihr die vier demokratischen Führungs-Joker einführen?

(Die zwei dazugehörigen neuen Folgen von „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“ findet ihr am Ende dieses Blog Textes).

Ihr kennt wahrscheinlich alle das Spiel „Wahrheit oder Pflicht“: Eine Person stellt einer anderen eine persönliche Frage und diese Person muss sich entscheiden, ob sie darauf wahrheitsgemäß antwortet, oder ob sie ausweicht und stattdessen „Pflicht“ sagt. Dann muss sie eine Pflichtaufgabe erfüllen. Die Person, die die persönliche Frage gestellt hat, gibt nun eine Pflichtaufgabe, wie z.B. „Mach mal fünf Liegestütze“. Im klassischen Wahrheit oder Pflicht Spiel können wir also einer zu persönlichen Frage mit einer Art Veto ausweichen, indem wir lieber Pflicht wählen und einen mehr oder weniger albernen Auftrag ausführen, wie z.B. fünf Liegestütze machen.

Ich habe dieses Spiel erweitert, um hier die Aspekte von Führen und Folgen erlebbar zu machen und den sinnvollen Einsatz des Vetos zu trainieren. Denn nach dem Prinzip Low Floor Wide Walls High ceiling brauchen wir einen einfachen Einstieg. Low Floor, um etwas Komplexeres tatsächlich von der Basis her erstmal zu verstehen.

Denn der sinnvolle Einsatz des Vetos ist – in unserer heutigen Gesellschaft – im Grunde spektakulär. Normalerweise sind wir nämlich so sozialisiert worden, dass wir folgen. Ohne uns zu fragen, ob das eigentlich im spezifischen Fall für uns selbst sinnvoll ist.

Wir sind auch naturgemäß, also als Mensch, erstmal gewöhnt uns anzupassen, um nicht aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden. Und zusätzlich lernen wir dann in der Schule, dass Anpassung belohnt wird und dass Widersprechen und Widerstand nicht gern gesehen ist und unangenehme Folgen hat. Ich könnte auch sagen: Uns ist die Fähigkeit zum sinnvollen Veto konsequent ausgetrieben worden.

Dabei ist genau das die Schlüssel-Kompetenz zur Erhaltung des eigenen Selbstwerts. Dieser Aspekt wird nur gerne mal übersehen. Wir lassen uns eigentlich – bildlich gesprochen – ununterbrochen vom 10-Meter-Brett Schubsen und sind anschließend damit beschäftigt, den Schaden zu kompensieren, den das innerlich in uns auslöst. Bzw. werden wir schrittweise dahingehend sozialisiert, dass wir den Schaden gar nicht mehr als solchen wahrnehmen. Der Schaden rutscht quasi eine Etage tiefer ins Unterbewusste, wo er dann weiter gärt und sich in seltsamen anderen Verhaltenweisen Bahn bricht: Zum Beispiel passiv aggressivem Verhalten anderen Menschen gegenüber…

Besonders schön lässt sich das im Straßenverkehr beobachten: Wer hat da nicht schon mal laut vor sich hingeschimpft oder andere seltsame Verhaltensweisen an den Tag gelegt… Auch im Umgang mit nicht funktionierender Technik lässt sich das beobachten: Wer wollte nicht schon mal eine Fernbedienung oder ein I-Pad zerbrechen? Was passiert da? Wir werden unfreiwillig im Status herabgesetzt. Das ist eine Demütigung und ein Verlust an Selbstwert und der muss kompensiert werden. Jemand oder etwas hat über uns die Führung übernommen und wir mussten unfreiwillig folgen.

Entweder es ist die Technik, durch die wir uns dumm und hilflos fühlen (beim Theater bekannt als „das Requisit als Gegner“) oder ein Mensch. Oder ein Arbeitsumfeld, in dem wir dauernd Sachen machen müssen, gegen die wir einen inneren Widerstand empfinden.

Jetzt ahnt ihr es wahrscheinlich. Genau. Da sind wir in der Schule angekommen. Ständig müssen dort Menschen ihre inneren Widerstände unterdrücken und Dinge tun, die sie nicht tun wollen. Unfreiwillig folgen. Schüler*innen- aber eben auch: Lehrkräfte. Und auch: Eltern, die beispielsweise oft ein unwohles Gefühl kompensieren müssen, wenn sie zum Elterngespräch in die Schule kommen müssen.

Was all diese Situationen eint ist: Wir erleben eine unfreiwillige Statusherabsetzung, weil wir uns nicht als Herr unserer selbst erleben. (Ich würde gerne „Dame unserer selbst“ sagen, aber das führt jetzt zu Verwirrung und lenkt ab). Ich kann auch einfach sagen: In all diesen Situationen müssen Menschen unfreiwillig folgen, was einer Statusherabsetzung gleichkommt, und sei sie noch so klein. Eine Statusherabsetzung ist ein Verlust von Würde.

Demgegenüber steht die sinnvolle (!) Notwendigkeit in Bildungsprozessen, auch mal Dinge tun zu müssen, die wir ablehnen, weil wir sie als unangenehme Irritation empfinden, die aber für einen produktiven Erkenntnisprozess unerlässlich sind. Es kann also durchaus sinnvoll sein, auch mal zu folgen. Es wäre aber für unseren Selbstwert besser, wenn wir lernen könnten, selbstbestimmt zu folgen.

Denn auch das ist ja schon nicht ganz einfach: Sich auf etwas Neues einzulassen, was besonders in Bildungsprozessen und in künstlerischen Prozessen die Grundvoraussetzung ist, empfinden wir erstmal immer als unangenehm. Trotzdem wäre es blöd, wenn wir dann immer gleich Veto rufen würden. Genau das passiert aber am Anfang, wenn wir das Veto bei Jugendlichen einführen. Alle machen mit leicht schadenfreudigem Gesicht Veto. Warum?

Ganz einfach: Weil wir alle verlernt haben, zwischen einer für uns sinnvollen Irritation, also einer Art produktiven „Challenge“, und einer demütigenden Grenzüberschreitung (Verlust an Würde) zu unterscheiden. Weil in der Schule und in unserer Gesellschaft beides ständig durcheinander geht und ein Veto nicht vorgesehen ist.

Wer eine leicht unangenehme Irritation nie als positive Challenge erlebt hat, nie als Möglichkeit, Selbstwert zu GEWINNEN, der macht irgendwann aus Prinzip bei allem Veto. Das habe ich an der Hauptschule in Neukölln erlebt. Da war alles nur noch ein großes Veto gegen alles. Und das Gegenan-Regieren setzte die Jugendlichen im Status und im Selbstwert immer weiter herab, ein Teufelskreis.

Irgendwann habe ich verstanden, dass ein Kind, dass frech wird und sich widersetzt, unfassbaren Mut aufbringen muss, denn Veto gegen eine Lehrkraft einzulegen, ist für einen Menschen unfassbarer Stress. Denn dann riskieren wir, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden.

Und das ist für jeden Menschen schmerzhaft. Kinder, die also ständig rebellieren, ziehen den Schmerz des Ausschlusses offenbar dem noch schlimmeren Schmerz vor:

Dem Verlust an Würde.

Dem Schmerz, NOCH mehr an Selbstwert zu verlieren. Denn das ist das letzte, was wir als Menschen verteidigen. Wie sehr müssen da also schon alle Grenzen des Selbstwerts überschritten worden sein, dass ich mich lieber ausschließe aus der Gemeinschaft als noch weiter Demütigungen in Kauf zu nehmen?

Als ich das verstanden habe, war mir klar, dass das Veto der Schlüssel zu allem ist: Wie bringe ich Menschen wieder bei, sinnvoll Veto einzulegen, rechtzeitig zu MERKEN, wann ich mich vor Herabsetzung und Demütigung schützen muss bzw. wann ich mich auf eine für mich sinnvolle Challenge einlassen möchte und das zu einem Gewinn an Selbstwert führt?

Dafür muss ich erleben, dass ich autonom handeln kann und selbst entscheiden darf. Ich muss zu 100 Prozent Vertrauen haben, dass mein Selbstwert nicht beschädigt wird, dass niemand meine inneren Grenzen verletzt und ich SELBST die Fäden in der Hand halte.

Erst DANN kann ich überhaupt wieder neugierig werden, erst dann habe ich die innere Basis, um mich auf etwas Neues, Schwieriges einzulassen. Solange ich aber immer fürchten muss, dass mich jemand vom 10 Meter Turm schubst, bin ich nur mit dem Gedanken beschäftigt, wie ich dieser Situation ausweichen kann. Ob ich überhaupt springen will, dieser Gedanke kommt gar nicht auf.

Besser, gleich wieder vom Turm runter klettern, oder gar nicht erst rauf steigen.

Jede Situation, in der jemand führt und ich folgen muss, ist ein Risiko für meinen Selbstwert. Wer führt ist im höheren Status. Wer folgen muss ist im niedrigeren Status. Das ist ein Statusgefälle. Das kann nur produktiv werden, wenn derjenige, der folgen muss, mit einem Instrument ausgestattet ist, mit dem er den Statusabstand im Zweifel ausgleichen und wieder Gleichstand herstellen kann.

Im Zweifel heißt: Wenn mein Selbstwert, meine Würde, gefährdet ist. Dann MUSS ich etwas in der Hand haben, mit dem ich wieder Statusgleichstand herstellen kann, in dem ich nicht folgen MUSS, sondern dadurch wieder selbst die Führung übernehmen kann, in dem ich Veto sage.

Wenn ich dieses Instrument, die Veto Karte, SICHER habe, dann kann ich mich auch auf das Risiko des Folgens einlassen. Dann folge ich selbstbestimmt und kann dadurch auch etwas Neues lernen. Aber eben nur dann. Deswegen müssen alle Menschen führen UND folgen lernen. In der Schule lernen aber alle nur folgen:

Was muss ich machen, damit ich eine „1“ bekomme?

Kommen wir zu Wahrheit oder Pflicht. So, wie ich das Spiel leicht verändert habe, können Jugendliche (und Erwachsene natürlich auch!) niedrigschwellig (Low Floor) lernen, selbstbestimmt zu folgen, also ihren Selbstwert eigenständig zu verwalten und im Zweifel produktiv Veto einzulegen und damit die Führung zurück zu gewinnen und den Statusabstand aufzuheben.

Wahrheit oder Pflicht – Demokratische Variante des Spiels:

Das Spiel geht so: Person A stellt Person B eine persönliche Frage. Wer eine Frage stellt, führt. Denn die Person B ist im Stress, antworten zu müssen, also zu folgen. Jetzt kann aber Person B Veto einlegen, wenn sie die Frage nicht beantworten möchte, weil diese Frage eventuell ihre innere Grenze überschreitet.

Person B kann mit der Sicherheit des Vetos jetzt überhaupt erst anfangen, darüber nachzudenken, ob sie die Frage beantworten WILL. Denn der Stress ist weg. Ich kann ja Veto machen. Sehr oft ist schon alleine dadurch die Bereitschaft größer, sich auf ein Risiko einzulassen.

Aber nehmen wir mal an, Person B macht Veto. Dann hat Person A jetzt die Rückmeldung erhalten, dass die Frage zu persönlich war. Person A hat ein Veto bekommen. Jetzt hat Person A eine zweite Chance und darf sich eine „Pflicht“ ausdenken, also einen Auftrag. Auch hier muss Person A abwägen, ob durch diesen Auftrag Grenzen des Gegenübers überschritten werden könnten.

Wenn Person B auch die „Pflicht“ mit Veto verweigert, hat Person A die erste Runde verloren und muss die Führung an Person B abgegeben. Das heißt, jetzt darf Person B führen und eine persönliche Frage stellen, usw.

Wenn aber in der ersten Runde Person B die Pflicht in Ordnung findet und beispielsweise fünf Liegstütze macht, dann darf Person A NOCH eine persönliche Frage stellen und darf also weiter führen. Denn Person B hat signalisiert: Bei „Pflicht“ war ich bereit, selbstbestimmt zu folgen. Usw.

Die Herausforderung („Challenge“) für die fragende, also führende Person ist also: Wie kann ich möglichst etwas Persönliches von meinem Gegenüber erfahren, das mich wirklich interessiert und gleichzeitig ein Veto vermeiden? Wenn ich zu sehr auf Nummer sicher gehe und risiko-lose Fragen stelle, wie : Was ist dein Lieblingsessen? bekomme ich zwar vielleicht kein Veto, aber ich erfahre leider auch nicht viel. (Hier wird wieder das Skalen-Prinzip wirksam. Ich habe ein Ziel und muss auf einer Skala der Möglichkeiten abwägen).

Dieses Spiel kann, wie beschrieben, in Duos gespielt werden, also in jeweils intimen Zweier-Konstellationen: Zwei Personen sitzen sich gegenüber. Oder aber im Kreis. Dann ist immer nur eine Person dran und wählt eine andere aus, der sie eine Frage stellt. Wahrheit oder Pflicht im Kreis zu spielen ist aber bei weitem die größere Challenge, weil alle zuhören. Deswegen würde ich erstmal jeweils zu zweit spielen lassen und erst später im Kreis.

Damit das Spiel funktioniert, ist es wichtig, dass wir vorher die Bedeutung des Vetos mit allem, was ich jetzt hier beschrieben habe, den Jugendlichen gegenüber thematisieren und transparent machen. Das lohnt sich. Denn meiner Erfahrung nach sind die Jugendlichen dann gebannt. Es ist abgefahren, zu beobachten, wie Leute sich dann teilweise ewig schweigend gegenüber sitzen und grübeln und gleichzeitig wahnsinnig gespannt sind. Also, das ist alles andere als langweilig.

Dieses Spiel in der beschriebenen Weise, ist ein Beispiel dafür, wie etwas zunächst einmal sehr leicht klingt (Low Floor) aber unendlich viele Möglichkeiten und Erkenntnisse aufmacht (Wide Walls).

Wenn alle dieses Spiel mit Veto spielen können, werden die anderen drei Demokratischen Führungs-Joker dazu genommen.

Tempo heißt dann: Du kannst riskantere Fragen stellen, bisher fragst du zu vorsichtig. Ich bin bereit, dir persönlicher zu antworten.

Klarheit heißt dann: Ich verstehe deine Frage nicht. Formuliere noch mal anders.

Verantwortung heißt: Deine Frage ist zwar ok, aber eventuell willst DU die Antwort nicht hören. Ich übernehme also hier Verantwortung für DICH. Aber wenn du trotzdem fragst, mache ich kein Veto, und du musst dann mit der Antwort klar kommen. Aber dann bitte nicht jammern…

Wie grundsätzlich in diesem Gesamtkonzept, lassen sich auch in diesem kleinen einfachen Spiel die Grundprinzipien des ganzen Ansatzes nachweisen. Das Kleine steht auch hier wie immer in diesem Konzept zugleich für das Große.

Die Grundprinzipien werde ich demnächst alle auf einem Blick erläutern. In diesem Spiel greifen beispielsweise die Prinzipien: Low Floor, Wide Walls, High Ceiling. Und der Drei-Schritt: 1 Ziele formulieren. 2 Eine Erfahrungs-Spielwiese eröffnen auf der Basis eines gemeinsamen Referenzsystems (das gemeinsame Referenzsystem sind in diesem Falle die vier Demokratischen Führungs-Joker) und 3 Reflexion.

Reflexion: Wenn eine Zeitlang gespielt wurde, treffen sich alle im Kreis und berichten von ihren subjektiven Erfahrungen. Was habe ich bei mir erlebt, wo fiel es mir schwer? Wann habe ich Veto machen wollen und es doch nicht gemacht? Wie hat es sich angefühlt zu führen? Zu folgen? Was war überraschend für mich? Usw.

Und warum das alles? Warum gleichberechtigt reden üben, warum das Veto, warum diese ganze Arbeit, die unserem Schulsystem zu widersprechen scheint?

Ich sehe tagtäglich: Auf der Basis von Selbstwert wächst der Wille, sich auf Neues, Unbekanntes (Lernen) einzulassen und stufenweise dann auch der Wille zur Selbstverantwortung. Dies ist die Basis, um irgendwann auch Verantwortung für gemeinsame Ziele übernehmen zu können. Es ist ein langer Weg, aber einer, der sich lohnt.

Also: Je mehr Selbstwert, desto mehr Kompetenz für eine menschliche, demokratische und freie Gesellschaft.  Das wäre „das Große dahinter“. Und Selbstwert und Würde beginnen im Kleinen. Beim Veto.

Das wars für heute und ich wünsche euch viel Spaß beim Spielen. Denn euch ist ja klar: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt… Das stimmt! Probiert es aus!

Hier jetzt direkt zu den dazugehörigen Folgen von „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“:

Link zur YouTube Folge 4: Demokratie von der Basis her erleben – Gleichberechtigt miteinander reden:

https://youtu.be/SCrkK11T9ak

Link zur YouTube Folge 5: Störungen – was tun, wenn alle Veto machen?:

https://youtu.be/VgtDjREeCc8

 

 

Rede mal ordentlich, Frau Plath, Folge 3: Die vier demokratischen Führungs-Joker

(unten am Ende dieses Textes findet ihr die links direkt zu den beiden neuen Folgen „Tutorial“ und „Talk“ zu Folge 3)

Selbständiges Denken – und wie es leider immer wieder verhindert wird…

Ungleiche Machtverhältnisse (also Statusgefälle zwischen Menschen) blockieren die Kommunikation und damit auch Lern- und Erkenntnisprozesse. Die vier demokratischen Führungs-Joker sind ein erstes konzeptionelles Instrument, um ungleiche Machtverhältnisse auszugleichen und eine fließende, fruchtbare Kommunikation zu ermöglichen.

Eine solche demokratische Kultur zu etablieren, macht dennoch eine klare Führung nicht überflüssig. Ganz im Gegenteil: Eine demokratische Kultur zu initiieren und im Sinne aller Beteiligten produktiv zu machen, braucht dringend eine souveräne Führung. Diese herrscht nicht – sondern ermöglicht. Sie dominiert nicht, sondern gibt Raum.

Eine souveräne Führung fühlt sich durch das Aufdecken und Aushebeln großer Status-Abstände nicht bedroht, sondern bereichert. Autorität (im natürlichen und konstruktiven Sinne) entsteht nicht durch das Beharren auf dem eigenen höheren Status, sondern durch eine innere Unabhängigkeit von Harmonie und die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen und sich in den Dienst einer größeren Aufgabe zu stellen. Diese größere Aufgabe könnte im Bereich Bildung beispielsweise lauten:

Wie kann ich einen Prozess ermöglichen, der bei den mir anvertrauten Jugendlichen einen Gewinn an innerem Selbstwert, Selbstwirksamkeit und sozialer Anerkennung bewirkt? Was kann ich tun, damit ihre Chance auf ein selbstbestimmtes glückliches Leben größer wird?

Der erste Schritt dahin ist die furchtlose Neugier auf eine gleichberechtigte Kommunikation mit ihnen. Der zweite Schritt ist die Fähigkeit, junge Menschen – trotz aller Schwierigkeiten –  mit liebevollem Blick zu betrachten und Freude an der eigenen (Bildungs-) Aufgabe zu haben. Der dritte Schritt ist die Fähigkeit zum Humor. All dies sind (u.a.!) Aspekte einer inneren Hochstatus-Haltung und damit einer souveränen Führung.

Es ist eine erfüllende Aufgabe, ein Leben lang daran zu arbeiten – denn mit einer inneren Hoch-Statushaltung wird natürlich niemand geboren, es ist ein langer Weg dahin. Die Einführung der vier demokratischen Führungs-Joker ist ein erster Schritt auf diesem Weg – und vor allem die Basis dafür, dass Jugendliche innerhalb eines solchen Prozesses irgendwann selbst souverän und demokratisch führen – also Verantwortung übernehmen – können.

Staffel 3 Folge 3 Die vier demokratischen Führungs-Joker:

https://youtu.be/yylqBXgA2ao

Staffel 3 Talk zu Folge 3:

https://youtu.be/JXqtfBMS0Uo

Vortrag beim Beltz Forum 2018: Wohin wir ausziehen müssen, um die Freiheit zur Verantwortung zu lernen

Der folgende Vortrag (gehalten beim Beltz Forum in Weinheim am 10. November 2018) ist besonders für all diejenigen interessant, die mit dem Mischpult arbeiten, denn JEDE Übung, jedes Ball-Warm-up, jedes Mal „Actionfiguren auf Bahnen“, jedes Spiel, jede Aktion des Mischpult-Konzepts, kann immer wieder auf diese inhaltliche Basis hier zurückgeführt werden. Dadurch wird das Mischpult-Prinzip als künstlerisches Konzept zur Veränderung unserer Perspektive auf Gesellschaft verständlich. 

 

Trump. Brexit. Chemnitz. Maaßen. Ständige Aufregung in den sozialen Medien, die zu immer neuen Ängsten, Verschwörungstheorien, zu Endzeit-Stimmung und sinnlosen Hysterien führt.

Die Welt hat sich verändert.

Ganz grob gefasst erleben wir gerade eine Zuspitzung zwischen Identitätspolitik und Eintreten für eine freie Gesellschaft der Vielfalt auf der einen Seite und Sehnsucht nach Abschottung, Nationalismus und patriarchalen Verhältnissen auf der anderen Seite.

Die allgemeine Stimmung wird unversöhnlicher, hysterischer und beängstigender durch die sozialen Medien und ihrer Mechanismen.  Spaltung, Narzissmus, innere Opferhaltung, Befindlichkeit und Kampf um Aufmerksamkeit werden durch Facebook, WhatsApp, Instagram, usw. zunehmend massiv verstärkt und damit zum Problem für unsere Demokratie – ein Kampf um Aufmerksamkeit und „Likes“ ist entbrannt, die Meinungen polarisieren sich, ein vorsichtiges Ausloten der zahlreichen Facetten von menschlicher Kommunikation wird immer seltener.

Dies aber wäre für eine funktionierende Demokratie unverzichtbare Grundlage, quasi der Kitt, der das komplexe Gebilde der Demokratie zusammenhalten könnte. (Hierzu empfehle ich das Interview im aktuellen Spiegel mit Jaron Lanier, Internetkritiker und seit 30 Jahren tätig im Silicon Valley, Spiegel Nr. 45/3.11.2018, „Dieser Mist verdirbt uns alle“, Seite 60-62).

Die Bedeutung der Identitätspolitik für die Demokratie

In einer Demokratie ist Identitätspolitik ein unverzichtbarer Schlüssel. Dadurch sind zahlreiche Perspektiven verschiedenster Minderheiten für den sogenannten „Mainstream“ verständlich geworden, und ebenso die Tatsache, dass sehr viele Menschen nicht dieselben Ausgangsbedingungen haben, wie andere. Kurz: Dass in unserem ganz normalen Alltag sehr ungleiche Machtverhältnisse herrschen und insbesondere diejenigen, die davon profitieren, gar nicht merken, dass es so ist. Das heißt: Unverzichtbare Basis einer funktionierenden Demokratie ist die schrittweise Bewusstwerdung aller vorhandenen Perspektiven für jeden einzelnen Menschen und die eigene Rolle im Verhältnis zu den anderen, denn dies ist die Grundvoraussetzung für Würde, Selbstwertgefühl und echte Teilhabe.

Wir müssen auf die Illusion verzichten, dass nur EINER recht hat. Dass nur EINE Perspektive die richtige ist. Dass wir nur zurück zu starker Autorität müssen und dann wird schon alles wieder. Dass es eine Instanz gibt, die uns von der eigenen Verantwortung entlastet. – Diese Sehnsucht, die Verantwortung an andere, an anderes, abgeben zu wollen, ist das Übel, an der eine funktionierende Demokratie krankt – und sterben kann.

Deswegen kann es nur in die andere Richtung gehen: In die Stärkung des Selbstwertes und Ermächtigung zur Freiheit jedes einzelnen Menschen. Nur auf dieser Basis kann ein Mensch den inneren Raum entwickeln, sich für etwas Gemeinsames einzusetzen und anderen zuzuhören.

Denn: So lange ich nicht gesehen, nicht gehört, nicht wertgeschätzt oder sogar diskriminiert und ausgegrenzt werde, KANN ich – zur bloßen Selbsterhaltung–  nichts Anderes tun, als um meine EIGENE Stimme, meine eigene Integrität, meine Existenz kämpfen. Für einen GEMEINSAMEN Impuls in die Zukunft ist dann kein Raum. Das zunehmende Sichtbar-Werden von denjenigen, die Benachteiligung und Diskriminierung erleben (also alle, die durch Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, Körperlichkeit, …, von der gedachten gesellschaftlichen Norm abweichen) ist fundamental wichtig zur Erweiterung des gesamtgesellschaftlichen Horizontes – wenn wir die derzeitigen gesellschaftlichen Herausforderungen auf menschliche Weise meistern wollen.

Stattdessen durch noch mehr „Grenzen setzen“ und noch mehr Dominanz gegenüber angeblich Abweichenden, verweigern wir die einzig mögliche Lösung und begeben uns langfristig zielsicher in eine menschliche Katastrophe, die uns alle betreffen wird. Das Übel an der Wurzel zu packen, bedeutet: Verschiedenheit und Vielfalt auszuhalten und sich der schmerzhaften Wahrheit, quasi der gesellschaftlichen Botschaft, die uns die „Abweichenden“ und jetzt auch die Geflüchteten bringen, gemeinsam und solidarisch zu stellen: Nicht die „Abweichenden“, nicht die „Fremden“ sind das Problem. Sondern unser Beharren auf einer angeblich überlegenen – in Wahrheit eindimensionalen und rein egoistischen – Perspektive. Wir werden einander alle brauchen. Denn die wirklichen Probleme, die auf uns zukommen, können wir nur in Kooperation miteinander lösen. Die Alternative dazu ist Gewalt und Unmenschlichkeit. Diese Tatsache lässt sich gegenwärtig nur noch mit großem Verdrängungsaufwand leugnen. Wir müssen uns also entscheiden. Entweder Mauern und Grenzen, das hieße: Ignoranz, Abwertung (bis hin zu Auslöschung) der „ANDEREN“ – oder Freiheit und Vielfalt. Beides geht nicht.

Darth Vader oder Luke Skywalker?

Wenn wir uns für Freiheit und gleichberechtigte Vielfalt entscheiden, ist auch das kein Ponyhof. Da wird es einiges zu tun geben. Aber wo möchtet ihr lieber dabei sein: Bei Lord Voldemort oder bei Harry Potter? Bei Darth Vader oder bei Luke Skywalker? Ich dachte nicht, dass es noch mal nötig sein würde, zu sagen: Ich bin für den Weltfrieden und für Menschlichkeit. Aber wir können nicht für den Weltfrieden und für Menschlichkeit sein und gleichzeitig glauben, dass einige Menschen wertvoller sind, als andere.

Gemeinsame Vision

Was MACHEN wir also jetzt? Wenn wir die Gleichwertigkeit verschiedener Menschen und Perspektiven akzeptieren, also die real existierende Vielfalt der Menschen, dann braucht es ALS NÄCHSTEN, darauf aufbauenden Schritt, eine GEMEINSAME Vision für die Zukunft und den Willen und die Fähigkeit, diese GEMEINSAM konstruktiv zu gestalten

Um solche GEMEINSAM GEDACHTEN und in die Zukunft gerichteten Vorhaben überhaupt entwickeln zu können, bei gleichzeitiger Wertschätzung und Einflussnahme verschiedenster Perspektiven, braucht es die demokratische FÄHIGKEIT zur Verantwortung für etwas Gemeinsames, durch Kommunikation und konkrete Gestaltung. Und es braucht den Mut zur Freiheit – im Sinne von Verzicht auf dominierende Instanzen, die uns die Verantwortung abnehmen sollen. Denn eine Instanz, der „Papa“, wird der real existierenden Vielfalt niemals gerecht werden können, womit wir wieder beim Anfang des Problems wären.

 

Der Schrecken der Freiheit

Es muss also darum gehen, zu lernen, den „Schrecken der Freiheit“ (zur Selbstverantwortung und zur Verantwortung für ein Gemeinsames) auszuhalten und die Freiheit konstruktiv im Sinne einer gemeinsamen Idee gestalten zu können. Das ist derzeitig wahrscheinlich unsere wichtigste Aufgabe.

Das heißt für den Bereich Bildung: Wir müssen – noch viel mehr als jemals zuvor – Demokratische Kernkompetenzen und den Willen und den Mut zur Freiheit VERMITTELN.

Das sind neben Empathie, Toleranz, Vertrauen und Identifikation:

Erstens die Fähigkeit MITEINANDER statt GEGENEINANDER zu reden

Zweitens das Wissen darum, was es BEDEUTET, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen und wie genau das individuell umsetzbar ist

Drittens GEMEINSAME Ziele und Visionen zu entwickeln und

Viertens tatsächlich gemeinsam Verantwortung dafür zu übernehmen, also es zu TUN – es also nicht nur moralisch einzufordern.

Um diese hochkomplexen MENSCHLICHEN Fähigkeiten zu vermitteln, die übrigens niemals eine Maschine leisten kann (!), brauchen wir konkrete Erfahrungsräume, in denen wir Verantwortung und Freiheit ÜBEN können und auch scheitern dürfen, ohne dass gleich großer Schaden entsteht, und in denen wir das Positive daran Schritt für Schritt selbst erleben können. Das ist Aufgabe von Bildung.

Warum Vielfalt und Demokratie, wenn das so anstrengend ist?

Die Demokratien sind derzeit bedroht, deswegen ist es so wichtig, sich jetzt damit zu beschäftigen, was Demokratie bedeutet und nicht die Demokratie an sich anzuzweifeln, denn bei allem Untergangs-Gerede müssen wir sehen, dass durch die Demokratien die Dinge in der Welt bisher über sehr lange Zeiträume betrachtet immer BESSER geworden sind, auch wenn vieles noch immer schlecht läuft (nicht aber im Vergleich zu früheren Zeiten!).

Insgesamt wird der Mensch durch Mündigkeit und Mitsprache schlauer. Insgesamt gesehen leben immer mehr Menschen in Freiheit und Wohlstand und verfügen über eine bessere Bildung als beispielsweise noch vor hundert Jahren und davor. Insgesamt werden die Menschen auf der Welt toleranter, gehen Gewalt und Kriege zurück und das Verständnis der Menschen für Vielfalt und Freiheit wächst. Noch in den 50-er Jahren gab es beispielsweise noch gar kein Bewusstsein dafür, was heute durch die #metoo-Debatte öffentlich diskutiert wird. Dass wir so viel über Diskriminierung und Rassismus reden ist ein GUTES Zeichen, denn es bedeutet, dass unser Bewusstsein dafür größer und differenzierter geworden ist.

Aber: Wir dürfen diesen Wohlstand und den selbstverständlich gewordenen Frieden nicht selbstverständlich nehmen, denn es gab leider – historisch gesehen – auch immer retardierende Momente und Purzelbäume rückwärts. Im Moment könnten wir uns gerade in so einem Rückwärts- Purzelbaum befinden…

Demokratie erfordert Mut und Geduld und harte Arbeit und das Einstehen für demokratische Werte fühlt sich nicht immer angenehm an. Demokratie und eine freie Gesellschaft der Vielfalt sind nicht selbstverständlich. Wir müssen die dafür notwendigen Kompetenzen VERMITTELN.

Wer Demokratie will, muss auf die konstruktive Kraft von Vielfalt setzen

Wie? Was müssen wir TUN?

Die größte Herausforderung, die ich im Bereich Bildung sehe, ist, wie wir in Schulen mit Vielfalt, also verschiedensten Perspektiven und Haltungen auf der einen Seite und mit dem allumfassenden gesellschaftlichen Wandel durch die digitale Revolution auf der anderen Seite umgehen wollen.  Wie wir mit der ständigen, alltäglichen Irritation KONSTRUKTIV umgehen und gleichzeitig auf der Basis demokratischer Werte die Fähigkeit zur Selbstverantwortung und zur Führung vermitteln wollen. Denn nichts Anderes bedeutet „die Freiheit zur Verantwortung lernen“.

Und da sitzen wir mitten in einer riesigen Baustelle, auf der nichts wirklich gut läuft. Es geht nur auf der Basis eines Perspektivwechsels, nämlich der Erkenntnis, dass nicht die „Abweichenden“ das Problem sind, sondern der Schlüssel zur Lösung.

Pars pro toto: Das Kleine im Großen – oder umgekehrt

Bei mir kam dieser Perspektivwechsel abrupt. Damals, 2004 an einer Hauptschule in Berlin Neukölln: Da erlebte ich die Situation, die jetzt auch auf anderen Ebenen der gesellschaftlichen Realität angekommen ist, zum ersten Mal: Eine Gruppe von Menschen, die außer sich waren, ein Haufen verrückter Kinder: Alle gegeneinander, alle gekränkt, alle um Aufmerksamkeit schreiend, alle liebesbedürftig, aber gleichzeitig nicht mehr in der Lage, offen auf andere und auf Neues, von den eigenen Denk-Horizonten Abweichendes, zuzugehen…

Der Konflikt in dieser Situation war und ist noch immer, dass immer dann, wenn wir systemisch mit der Diversität und dem Demokratischen Handeln an Grenzen geraten, wenn es also wirklich mal herausfordernd wird, dass dann auf VIELFALT, also auf das zunächst mal herausfordernde „Chaos“, mit autoritärem Handeln, Paternalismus und patriarchalen Strukturen reagiert wird. Oder mit GRENZEN SETZEN. Also mit einer Rückwärtsrolle in autoritäres Handeln. Und dann haben wir es sofort wieder mit Herabsetzung, mit Kränkung und in der Folge mit der Kompensation der Kränkung zu tun – mit allen üblen Konsequenzen, an denen unsere Demokratien derzeit kranken. Ein Teufelskreis.

Auf gesellschaftlicher Ebene erleben wir dieselbe Hilflosigkeit, wenn die Demokratie an ihre Grenzen zu stoßen scheint. Da rufen einige dann gleich wieder nach „dem starken Mann“, der es mit „Zucht und Ordnung“ richten soll. Und der Gegenseite, die GEGEN das Patriarchat eintritt, fällt derzeit noch zu wenig Konkretes ein, um das entstandene Machtvakuum konstruktiv zu füllen. Glauben wir so wenig an die Demokratie, dass wir immer gleich nach „Papa“ rufen müssen, wenn es schwierig wird? Was denn nun?? Es ist immer dasselbe: Wollen wir von außen kontrollieren, korrigieren und „Grenzen setzen“? Oder wollen wir langfristig von innen her zur Verantwortung und zur Freiheit erziehen und damit langfristig die Basis legen für eine funktionierende Demokratie?

Demokratie und Gleichwertigkeit von sehr verschiedenen Menschen sind unabdingbar miteinander verbunden. Wenn wir eine demokratische freie Gesellschaft wollen, müssen wir uns der Aufgabe der real existierenden Vielfalt und dem „Schrecken der Selbstverantwortung in unsicheren Zeiten“ wirklich (!) stellen.

Meine persönliche Reaktion auf die systemische Hilflosigkeit des Schulsystems im Umgang mit Vielfalt war, ein Konzept zu entwickeln, um die Führung von EINER Person auf die Schultern von VIELEN zu verteilen: Das Mischpult-Prinzip. Ein Konzept zur schrittweisen Vermittlung „des Schreckens der Freiheit und der Selbstverantwortung“ (und dann irgendwann des Glücks der Freiheit, aber dafür braucht es einen langen Atem…).

Demütigung und Gewalt durch ungleiche Machtverhältnisse

Ich bin damals zunächst einmal der Frage nachgegangen: Wo kommen die Wut und die Gefühle der Demütigung bei den Kindern und Jugendlichen her? Und ich habe – nicht auf den ersten Blick, aber ganz allmählich – herausgefunden: Es ging auch hier im Kleinen um die Demütigung (und Gewalt) durch ungleiche Machtverhältnisse: Um die direkt daraus resultierende Wut darüber, nicht gesehen und nicht gehört zu werden – als Mensch. Es ging um mangelndes Selbstwertgefühl. Deswegen habe ich bei ihren biografischen Geschichten angefangen. Beim Zuhören, Verstehen und Sichtbarmachen ihrer Geschichten. Bei der Stärkung ihres Selbstwerts.

Denn übergeordnet müssen wir – immer – beim Selbstwert und bei der Würde des Menschen anfangen. Wir müssen das Selbstwertgefühl stärken, bzw. überhaupt wiederherstellen und deshalb müssen wir ungleiche Machtverhältnisse und die dazu gehörigen Biografien zunächst einmal verstehen und gleichwertig anerkennen. Und damit die Tatsache, dass jeder Mensch UNTERSCHIEDLICHES symbolisches, geistiges, kulturelles Kapital mitbringt, dass also grundsätzlich die Welt ungerecht ist (!), die Ausgangsressourcen UNGERECHT verteilt sind! Wir müssen deswegen konkrete Instrumente für eine BEWEGLICHE, selbstgesteuerte und jeweils individuelle Kommunikation entwickeln (Beispiel: Die vier demokratischen Führungs-Joker und das individuelle Veto-Recht), um die Vielfalt als selbstverständlichen Ausgangspunkt betrachten zu können, handeln zu können, kommunizieren zu können, ohne dabei persönliche Grenzen zu verletzen. Wir müssen die Angst davor verlieren, etwas falsch zu machen. Nur dann können wir uns menschlich begegnen.

(Einschub: Sensibilisierung für ungleich verteiltes Kapital – Das Kapital-Mischpult. Siehe Youtube-Folge „Rede mal ordentlich, Frau Plath“, Folge „Kapital-Mischpult“).

Gleichzeitig habe ich verstanden, dass diese ganzen Geschichten und Perspektiven, nur dann die ganze Kraft, den ganzen „Zauber“ entwickeln, wenn sie nicht isoliert stehen bleiben, sondern auf etwas Gemeinsames, Zukünftiges gerichtet sind. In der Schule war das – im Kleinen – die gemeinsame Theaterproduktion.

Denn auch in der Schule erleben wir ja schon im Kleinen, was auch im Großen gilt: Schon im alltäglichen „demokratischen Stuhlkreis“ wird klar, dass es zäh und destruktiv wird, wenn jeder nur seine spezifische Perspektive einfordert, ohne Verantwortung für das Gemeinsame zu übernehmen. Aber zu wissen, WIE ich Verantwortung übernehme und es zu TUN, das ist heute ÜBERHAUPT nicht mehr präsent.

Diese Fähigkeit muss Schritt für Schritt gelernt werden. Das ist harte Arbeit. Aber wenn wir damit zumindest im Bildungsbereich erfolgreich sind, dann haben wir in einem Klassenzimmer nicht 27 „abweichende“ Kinder, die uns in den Burnout verfrachten, sondern 27 junge Menschen, die wechselweise Führung und Verantwortung übernehmen können.

Deshalb geht es bei meinem Gesamt-Konzept im Kern um Demokratische FÜHRUNG und um das schrittweise „Erlernen und Aushalten der Freiheit“: Um die Fähigkeit aller Beteiligten, zu FÜHREN, damit eine verantwortungsvolle, wechselnde Führung im Sinne aller anderen möglich wird. Es geht also um die Kompetenz verantwortungsvoll zu führen aber genauso um die Kompetenz, autonom und selbstbestimmt zu folgen. Das ist kein Widerspruch. Denn alle die folgen, können in der nächsten Minute auch führen. Das ist Demokratie.

Die Frage ist also: Wie ermächtigen wir Menschen zur Führung – zur Übernahme von Verantwortung? Und damit zur Freiheit?

Kern-Thema und Ausgangspunkt muss der SELBSTWERT des Menschen sein. Und darauf basierend muss es um Führung, um Verantwortung und das schrittweise Aushalten der Freiheit gehen.

(Einschub: Siehe auch Youtube-Folge „Herrschaft oder Führung“, Rede mal ordentlich, Frau Plath).

 

Das Mischpult-Prinzip als künstlerisches Konzept

Ich bin mit meinem Konzept immer in Schubladen gesteckt worden. Didaktik. Theater. Pädagogik. Therapie. Kommunikation. Politik. Beziehungsgestaltung. Ich sehe mein Konzept in keiner dieser Schubladen – oder in all diesen und noch hundert weiteren.

Ich verstehe mein Konzept am ehesten als „künstlerisch im Sinne von gesellschaftsverändernd durch Irritation und Aktion“.

Die Irritation besteht darin, zu erkennen und auszuhalten, dass es keine Instanz gibt, die uns von der Verantwortung entlastet. Es gibt niemanden, der lobt, urteilt, bewertet. Es gibt keine Note. Die Irritation der Freiheit wird in der jeweils individuellen eigenen Anverwandlung des Konzeptes für jede*n schrittweise spürbar. Und zwar selbstgesteuert in dem Maße, wie es individuell „aushaltbar“ ist.  Denn darum geht es im Ganzen:

Zu erkennen, dass es auch im Großen keine allgemeingültige Instanz gibt, nur eine stetig wachsende Erkenntnis- Wissens- und Erfahrungsgrundlage, auf derer wir immer klügere Entscheidungen – auf gemeinsame Ziele ausgerichtet – treffen können. Aus der Vielzahl grundsätzlich unendlich vieler Möglichkeiten, müssen wir ununterbrochen wählen. Entscheidungen treffen. Und dabei unterscheiden lernen zwischen Menschlichem und Unmenschlichem. Im Kleinen und im Großen. Das ist Freiheit zur Verantwortung. Und darum geht es in diesem Konzept: Schrittweise im Spiel zu verstehen, was das heißt, wie sich das anfühlt, und dann vom Einfachen zum Komplexen schrittweise überall die „Freiheit zur Verantwortung“ aushalten und gestalten zu lernen.

Ich verstehe das Mischpult-Prinzip als eine praktische, konkrete Irritation bei jedem einzelnen Menschen, die im besten Falle zu einem grundsätzlichen Perspektivwechsel im Kleinen, Privaten führt – und damit einen kleinen aber nachhaltigen Beitrag leisten kann, hin zu Mitgliedern einer Gesellschaft, die über ein starkes Selbstwertgefühl verfügen, individuell und ungewöhnlich denken können, gemeinsame Ziele formulieren und für diese Ziele menschlich einstehen und Verantwortung übernehmen.

Auf dieser Grundlage könnten sich im besten Fall noch mehr Menschen auf die extrem fließenden, also sich verändernden Zustände unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation einlassen und ihre Angst vor diesen ganzen ständigen schnellen Veränderungen überwinden.

Auf der Basis eines intakten Selbstwerts können sie darüber hinaus „das Fremde“ an sich herankommen lassen und erkennen, dass wir nur noch durch Kooperation – also GEMEINSAM – unsere derzeitigen (globalen) Probleme lösen können.

Das Konzept ist quasi ein „Kunst-Haus“, indem wir die Freiheit zur Verantwortung Schritt für Schritt erfahren und individuell erleben und verinnerlichen können.

Wir alle müssen ausziehen, das Fürchten zu lernen. Damit es nichts mehr zu befürchten gibt. Tempo! Klarheit! Verantwortung! Veto!

Maike Plath

Prinzipien des Mischpult-Konzepts:

  • Sensibilisierung dafür wer führt und wer folgt. Für Machtverhältnisse (diesbezüglich spielerisches Achtsamkeitstraining als ständiger Bestandteil des Konzepts). Wie fühlt sich das konkret an? Wie können wir uns offen und auf Augenhöhe begegnen – ohne dass ungleiche Machtverhältnisse und in der Folge Herabsetzungen und/oder Ohnmachts- und Demütigungsgefühle entstehen?

Beispiel: Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ mit dem Nachbarn und mit den vier Demokratischen Führungs-Jokern: Tempo. Klarheit. Verantwortung. Veto. (Wie das geht: Dazu gibt es bald eine Folge bei „Rede mal ordentlich, Frau Plath“).

Sinn des Spiels: Ungleiches Kapital muss offengelegt werden, nicht verschleiert. Dazu braucht es klare Koordinaten, wie ein „Gespräch unter Freunden“ wirklich hergestellt werden kann. Beispiel für solche Koordinaten: Die vier Führungs-Joker.

Demokratische Führung muss Schritt für Schritt transparent gemacht werden, damit jeder Mensch (!) lernt, auf seine Weise Verantwortung zu übernehmen und auf dieser Grundlage SEINE Themen und Perspektiven einzubringen.

  • Konzeptionelle Grundstruktur: Der Drei-Schritt.

1 Gemeinsame Ziele.

2 Erfahrungsspielräume nur mit gemeinsamen transparenten Referenzsystem!

3 Reflektieren mithilfe konkreter Gesprächs-Formate (Beispiel: „Gespräch unter Freunden“)

Weitere Prinzipien:

Mischpult als Bild für den Menschen. Siehe unter „Glossar“ bei Mischpultprinzip

Gemeinsames flexibles Referenzsystem, Open Knowledge Prinzip

Low Floor. Wide walls. High ceiling.

Skala statt Tabelle.

Ritualisiertes Regelsystem zur Etablierung einer einschließenden Kommunikation und Wertekultur

Schrittweise Vermittlung (von einfach bis komplex) der Koordinaten Demokratischer Führung und wechselnder Verantwortung (Führung)

Pars pro Toto. (Die Matroschka als Metapher). Das Kleine steht in diesem Konzept grundsätzlich auch für das Große. (Beispiel: Wenn wir im Klassenzimmer  das „Chaos der Demokratie“, das anfangs ganz natürlich ist und nur langfristig, konzeptionell und konsequent in konstruktive Ordnung verwandelt werden kann, sofort mit der Forderung nach „Regeln und Grenzen“ beantworten, dann müssen wir die Parallele sehen, die das im Großen bedeutet: Gibt es wirklich nur „Chaos der Vielfalt“ oder „Kontrolle und Grenzen…“? Die großen Dinge fangen im ganz Kleinen an…).

Dieses Konzept ist keinem Fach und keiner „Schublade“ zuzuordnen. Es ist ein neues und zugleich sehr altes „Fach“ – aber in neuen Zeiten. Es heißt Demokratie.

(Wem das jetzt ein bisschen zu rezept-artig vorkam, der kann alles sehr ausführlich lesen in meiner aktuellen Publikation „Befreit euch! Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution.“)