Kapitel 18: Knallhart

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig. 

Berlin, 23. April 2007

Der Tag beginnt gut. Die Sonne scheint. Ich habe gut geschlafen. Was für ein knall-blauer Himmel, denke ich, als ich auf die Straße trete, schnell noch eine Zeitung beim Späti für die U-Bahn. Vor mir im Späti einer von diesen Menschen, die was mit Medien machen und eine Freitag-Tasche quer über der Brust hängen haben. Der bestellt natürlich einen Coffe-to-go, das dauert immer etwas. Die Maschine zischt unsäglich laut. Ich schaue gedankenverloren auf die Zeitungen. Überall dasselbe Bild. Also auf den BERLINER Zeitungen. Und auf der BILD Zeitung. Ein Mädchen mit dunklen Haaren. Sieht ein bisschen aus wie ein RAF Foto, denke ich. Aber nee, die ist ja zu jung. Sieht aus, wie ein Kind. Ich scanne unkonzentriert die Zeitungen durch, hoffentlich gibt’s noch ne Süddeutsche. Ach, gut, eine ist noch da. Ich fingere sie aus dem Ständer und überlege, ob ich ich noch einen Club Mate mitnehme. Ayran gibt es ja hier in der Rosenthaler Straße in Mitte nicht, den kriege ich erst in Neukölln. Es ist schon verrückt, wie sehr sich die Berliner Kieze unterscheiden. Wie verschiedene Länder. Ich entscheide mich für den Club Mate, öffne den Kühlschrank, ach Scheiße, heute Abend…fällt mir beim Anblick der verschiedenen Bierflaschen vor mir ein: Heute Abend ist ja Filmabend bei uns und ich muss noch Getränke kaufen. Falls es zu knapp wird mit der Zeit mach ich das im Notfall hier, denke ich. Leider dann bisschen teurer, aber was soll´s. Die Freitag-Tasche ist fertig, ich bin dran, lege meine Süddeutsche auf den Tresen und halte den Club Mate hoch. Die türkische Ladenbesitzerin zeigt auf das Foto auf der BILD Zeitung: Schrecklich, oder?, fragt sie, „eine 14-jährige Schülerin von der Drogenmafia im Koffer verbrannt!  Ich nicke etwas unkonzentriert. Normalerweise machen wir immer einen kleinen smalltalk, aber heute bin ich spät dran, ich zahle und mache dabei ein mitfühlendes Gesicht. Ja… schlimm… Ich denke: Eigentlich passiert ja jeden Tag irgendwas Schlimmes, und das ist jetzt wieder so eine klassische BILD-Zeitungs-Horror-Nachricht. Ich habe jetzt keine Zeit und keine Lust, mich damit zu beschäftigen, und wahrscheinlich macht das dann sowieso nur meine gute Laune kaputt. Ich zahle, sie schaut bekümmert, ich schaue bekümmert zurück, als hätte ich verstanden, worum es geht, wir nicken einander zu, und raus bin ich. Ab in die U8 nach Neukölln. Ich lese meine Süddeutsche und da steht nix von kleinen Mädchen, die lebendig im Koffer verbrannt werden. Ist wahrscheinlich wieder so ein hoch-gejazztes Skandal-Märchen. 

Kurze Zeit später dann erste Stunde Deutsch mit der 10 b in der Aula. Das übliche laute Chaos vor der Tür. Ich schließe auf. Die Klasse drängelt laut lachend, albernd, sich gegenseitig schubsend und rempelnd hinein. Offenbar herrscht auch hier gute Laune. Was ein bisschen Sonne so ausmachen kann, denke ich. Dann fällt mein Blick auf Taher. Ach du Scheiße, was ist denn mit DEM los, denke ich? Tiefe dunkle Schatten unter den Augen. Aber nicht nur das. Er wirkt völlig apathisch. Wie ein lebender Toter. Und seine Augen sind irgendwie – komisch. Ich weiß nicht genau, was das ist, hat er was genommen? Der Blick ist irgendwie starr. Leer. So habe ich Taher noch nie gesehen. Er redet auch nicht. Schiebt sich teilnahmslos durch die Tür, als wären die anderen gar nicht da. Ich schaue ihn genauer an. Irgendetwas ist überhaupt nicht in Ordnung. Mein Bauchgefühl sendet Alarm. Aber mein Kopf sagt: Ach, der hat einfach nur schlecht geschlafen. Du kannst dich nicht um alles kümmern. Jetzt lass dir den schönen Tag mal nicht versauen. Der kommt schon klar. Ist ja Taher. Vielleicht hat er Liebeskummer. In den letzten Wochen habe ich immer seine Liebesbriefe korrigiert. Macht bei weitem mehr Spaß, als Klassenarbeiten zu korrigieren. Vor allem gibt es keine Note. Tahers Liebesbriefe sind kleine Kunstwerke. Ich kann es gar nicht fassen. Aber Taher ist unzufrieden mit seiner Rechtschreibung. Deswegen steht er eines Morgens neben mir, hält mir mit einem kleinen schiefen Grinsen ein zerknittertes DinA 4 Blatt hin und murmelt: Können Sie da mal die Fehler raus machen?

Es ist ein Brief an Sabrina, ein Mädchen, das Taher über seine Familienhelferin Carmen kennen gelernt hat.  Die geht aufs Gymnasium, sagt Taher bedeutungsvoll und schiebt nach: Da dürfen keine Fehler drin sein.  Ich nicke und nehme das Blatt entgegen. Sein Liebesbrief an Sabrina. Es bleibt nicht der letzte. In den folgenden Wochen korrigiere ich sämtliche Gedichte und Briefe an Sabrina und nach der Theater AG schlendert Taher immer noch ein Stück neben mir her bis zur Bushaltestelle und holt sich Tipps.  Also was Frauen gut finden und so, erklärt er. Das will er alles genau wissen.  Naja, ich weiß nicht, ob meine Tipps so hilfreich sind,  sage ich,  ich bin bisschen zu alt, ehrlich gesagt.  Taher lächelt wissend,  nee, nee, das macht nix, Carmen und du, äh, Sie , Sie haben Erfahrung. Und über sowas kann ich mit meiner Mutter oder meinen Schwestern nicht reden. Das ist sehr wichtig jetzt, dass ich da was lerne. Dass ich Bescheid weiß. So Frauen-Geheimwissen, Sie verstehn schon.  Er zwinkert mir verschwörerisch zu. Ich lache. Dann schaut er plötzlich sehr ernst: Sabrina ist die Liebe meines Lebens. Wallah, richtig krass… – Und wie ist der Stand?  frage ich und freue mich. Darüber, dass Taher verliebt ist. Dass es Frühling ist. Dass die Zeiten an der Schule besser geworden sind, seit Susanne Sebaldt Schulleiterin ist. Dass ich mich wieder regelmäßig mit Tahers Familienhelferin Carmen treffe und mit ihr eine weitere Freundin gewonnen habe. Dass alles besser wird. 

Hast du von dem Film „Knallhart“ gehört? fragt Taher. Ich nicke. Ja, von Detlef Buck, oder?

Taher zuckt mit den Schultern, keine Ahnung, wie der heißt, aber der hat so ne Rundreise durch die Hauptschulen gemacht, Alter, und sich alles angeguckt. So Recherche-mäßig, voll der Profi. Und die haben an der Kepler gedreht, voll unfair, man, bei uns ist viel lustiger. Ich war auch beim Casting, aber hat nicht geklappt. 

Das überrascht mich jetzt,  echt, du warst beim Casting?  frage ich,  das wusste ich ja gar nicht! Und die haben DICH nicht genommen? Das gibt’s ja gar nicht!

Taher winkt ab,  ach scheiß egal, nächstes Mal, man. Die drehen doch bestimmt jetzt dauernd so Filme in Gangster Neukölln, da kommt bestimmt noch mehr. Dann spiel ich den Paten, so Al Pacino-mäßig, er lacht, kennst du Scarface? Bester Film, man! Hab ich schon fünf Mal gesehen!  –  Klar kenne ich Scarface! sage ich,   das ist wirklich ein sehr cooler Film. Und „Knallhart“? Hast du DEN Film denn schon gesehen? 

Taher freut sich sichtlich, dass er mich jetzt ein bisschen beeindrucken kann,   ja, klar, man, ich war sogar bei der Premiere! War ja hier im Kino, Gropius Passagen, Rathaus Neukölln. 

Ich bin tatsächlich beeindruckt und frage mich, wie er denn an Karten für die Premiere gekommen ist. Taher scheint meine Gedanken zu lesen und erklärt:

Da spielen zwei Kumpels von mir mit. Die haben mich eingeladen. 

Wie cool, Taher!  sage ich und bin fast ein bisschen neidisch. Und wie wars? Mochtest du den Film?

Taher streicht sich mit der Hand übers Gesicht und seufzt.  Ja, man, nicht so cool wie Scarface, is klar, is ja so mit deutschen Kartoffeln, aber ziemlich realistisch, Alter! Dieser Regisseur hat gut recherchiert! Er lacht und schaut in die Ferne, dann sieht er mich plötzlich direkt an und sagt:  Und natürlich warn da bei der Premiere auch wieder so Reporter-Kartoffeln, wie bei Rütli. Die wollten wieder so – HUUHU – hartes, böses Neukölln berichten – und die haben mich interviewt. Wahrscheinlich, weil ich ausseh wie n Gangster, man! Taher lacht schallend. 

Für einen Moment frage ich mich, ob er mich jetzt verarscht. Aber er scheint meinen Blick gar nicht zu bemerken und redet einfach weiter:   Die haben mich gefragt, ob Neukölln wirklich so hart ist. Die fanden das alles ÜBERTRIEBEN. Ich hab denen erstma gesagt: Das IST nicht übertrieben, Alter! Das ist UNTERtrieben, man. Ich kenn ja sogar diese Gangster, die im Film vorkommen, die gibt’s ja echt. Auch den Typen mit dem Laden und so. Ich weiß, wo das ist. Das ist alles nicht ausgedacht und klar sind die mega hart, wenn da jemand Scheiße baut, das ist GAR NICHT übertrieben, aber diese weißen Kartoffeln leben aufm andern Planeten, die wissen GAR NIX, wallah! Die haben so gesagt: Was für ein Scheiß-Titel „Knallhart“… finden die sich jetzt wichtig mit ihren krassen Geschichten und so. Aber echt jetzt, Frau Plath, die wissen GAR NICHT, wie das hier läuft, das ist so lustig. Deswegen find ich das echt krass, wie dieser Regisseur recherchiert hat. Der hat nicht nur in den Schulen gesessen! Der war hier krass unterwegs oder der hat Kontakte, der Film ist jedenfalls übelst echt, man. Musst du unbedingt ma gucken.

Als ich später in meinem Freundeskreis mal nachfrage, ob jemand den Film „Knallhart“ gesehen hat, wird mit den Augen gerollt.  Ja, ist nicht schlecht, aber viel zu brutal. Das ist echt nicht mein Ding, sowas muss ich mir nicht angucken. Ich frag mich da auch, was Detlef Buck jetzt dazu bewegt, sich auch noch auf das Neukölln Klischee rauf zu setzen. Und diese ganze Gewalt, da frag ich mich echt: Muss das denn sein? SO knallhart ist Neukölln dann doch nicht. Was soll auch überhaupt dieser reißerische Titel? 

Ich beschließe, mir den Film so bald wie möglich selbst anzuschauen und mir ein eigenes Urteil zu bilden. Leider bin ich ja auch so eine weiße Kartoffel, die keine Ahnung hat und in der Blase lebt. Aber immerhin darf ich Tahers Liebesbriefe lesen und korrigieren und freue mich darüber, wie er aufblüht, was im Übrigen auch anderen auffällt. 

Mit Taher läuft es gerade ganz gut, oder?  hatte Carmen gerade ein paar Tage zuvor gefragt, während wir mit Susanne im Schulleitungszimmer saßen, Kaffee tranken und Tahers Chancen auf den Realabschluss besprachen. Auf dem Tisch standen neuerdings Blumen, die Frühlingssonne machte gute Laune und schon da dachte ich:  Zum ersten Mal seit langer Zeit ist einfach mal alles gut. Der Sheriff ist seit Monaten krankgemeldet und arbeitet an seiner Frühpensionierung. Dafür drücke ich ihm alle Daumen. Frau Rische hat die Schulleitung an Susanne Sebaldt abgegeben und seit neuestem wird im Schulleitungszimmer auch mal gelacht – die Tür steht jetzt immer offen. Den ersten großen Schrecken – den Rütli Skandal – hat Susanne relativ gut weggesteckt. Nach einer Woche schlaflosen Schreckens hat sie zur alten Form zurückgefunden, sie hat eine schöne Kaffeemaschine angeschafft und Bilder aufgehängt – und meinen Theaterunterricht findet sie „wichtig für das neue Profil der Schule“. Ihr Lachen und ihre Offenheit sind ansteckend und sogar die ehemalige Sheriff-Ecke ist ein ganz klein wenig aufgetaut – Herr Kiesbauer versucht in regelmäßigen Abständen, mir sein ganz persönliches Skript für eine „Faust“- Inszenierung mit den Schüler*innen anzudrehen:  Ich hab da so was geschrieben, das ist genial, das musst du mal mit der Theater AG machen!  Ich bedanke mich dann immer artig und wehre ab – auch, wenn ich durchaus zu schätzen weiß, dass er meine Arbeit nicht mehr ganz so schlimm findet und offenbar “irgendwie mitmachen will”. In Wahrheit machen wir gerade das Höhlengleichnis von Platon, erkläre ich ihm entschuldigend, und er rollt die Augen und kommentiert natürlich sofort: Oh man, Maike, das ist doch Perlen vor die Säue, das hab ICH ja noch nicht mal verstanden – warum machst du denn nicht meine grenzgeniale Faust-Version? Die ist wenigstens VERSTÄNDLICH!  Ich winke lachend ab und denke: Wenn DER wüsste… Das Höhlengleichnis von Platon fällt bei den Jugendlichen nämlich auf erstaunlich fruchtbaren Boden – vor allem aber, weil sie SELBER ihre Gedanken dazu aufschreiben dürfen und sich nicht bemüßigt fühlen, einen fehlgeleiteten Oberstudienrats-Traum in die Tat umsetzen zu müssen. Diesen Gedanken behalte ich aber natürlich für mich. Ich will die gerade erst in ihren Anfängen befindliche positive Atmosphäre nicht gleich wieder kaputt machen. 

Doch offenbar währt so ein Glück ohnehin nie lange… denke ich jetzt an besagtem April-Vormittag, als mir Tahers maskenartiger Gesichtsausdruck so Sorgen macht. 

Ich denke:  Er hat Liebeskummer  und versuche so ein seltsames Gefühl von innerer Unruhe wegzudrücken. Die Stunde verläuft nahezu reibungslos, alle scheinen heute so ein bisschen „sonnenschein-mäßig“ drauf zu sein, wir spielen unser Fernbedienungs-Anfangsspiel und feilen dann an den Texten und Szenen. Es läuft super, ich bin glücklich. Aber. Irgendwas stimmt ganz und gar nicht mit Taher. Das IST überhaupt nicht mehr Taher, der da stumm und verschattet am Rand sitzt und nichts sagt, nicht reagiert, nichts wahrzunehmen scheint.  Der steht unter Schock,  denke ich. Aber dann verdränge ich diesen Gedanken wieder. Ich muss mich auf die anderen, auf diese Stunde konzentrieren, die so gut läuft. Dann klingelt es. Alle packen ihr Zeug zusammen, verlassen laut diskutierend, scherzhaft fluchend und sich beschimpfend (wie immer), aber insgesamt bester Laune, die Aula. Ich denke: Wenn es doch immer so wäre, wie heute. Dann wende ich mich Taher zu. Er sitzt in sich zusammen gesunken auf einem übrig gebliebenen Stuhl ein Stück weit vor der Bühne und macht keine Anstalten zu gehen. Ich kriege leichten Puls. Irgendwas steht mir bevor. Ich kann jetzt nicht einfach in die Pause gehen. Zögernd packe ich meine Tasche, warte, dass Taher aufsteht und geht. Aber er scheint gar nicht zu merken, dass die Stunde zu Ende ist, dass es geklingelt hat. Mit leicht mulmigem Gefühl im Magen gehe ich schließlich ein paar Schritte auf ihn zu.  Taher?  Keine Reaktion. Ich stehe eine Weile unentschlossen einen Schritt weit von ihm entfernt. Dann atme ich tief ein, greife mir einen Stuhl und setze mich – in ca einem Meter Abstand – vor ihn hin. Sehe ihn an. Es ist der Horror. Er sieht aus wie ein Geist. Mir ist sofort klar, dass ich in etwas hineinblicke, was ich noch nie gesehen habe, wofür ich keinen Plan habe. Am liebsten säße ich jetzt gemütlich im Raucherzimmer, was geht mich das hier überhaupt an? Aber leider sitze ich jetzt nun einmal hier – und es ist völlig undenkbar aufzustehen und zu gehen.  Taher?  Sage ich noch einmal vorsichtig. Und da hebt er den Blick und schaut mich an. Und ein unerklärliches Entsetzen verteilt sich in meinem ganzen Körper, so dass ich mich nicht mehr rühren kann, nicht atmen kann – es ist ganz klar, hier passiert gerade etwas, das ich nicht kontrollieren, nicht erfassen kann, es ist wie ein Alptraum, in dem die Zeit stillsteht und ich warte, dass sich das Schlimme, das ich fühle, endlich aufklärt. Tahers Augen sind direkt auf mich gerichtet, aber da ist nichts mehr von dem Provokantem, Unverschämten, Lustigen, Herausforderndem. Da ist nur – ja, wie soll ich es sagen – unsäglicher dunkler Schmerz. Er scheint sich auch in keinster Weise anzustrengen, diesen zu verbergen. Dann sagt er:  Sabrina.  Und für einen Moment sendet mein Verstand die tröstende Erklärung:  Ach so, es geht „nur“ um Liebeskummer!  Aber diese Erklärung erreicht nicht meinen Bauch.  Nein, so einfach kommst du nicht davon,  ahne ich. Und meine Gedanken rasen hektisch hin und her: Sabrina? Was soll das heißen? Was ist mit Sabrina? Es vergeht gefühlt eine Ewigkeit, bis Taher stockend – und so leise, dass ich mich vorbeugen muss, um ihn zu verstehen, die nächsten Satz-Fetzen herauspresst:  Hast du nicht gesehen? Die Fotos? – In den Zeitungen?  Er zieht eine zerknitterte Zeitungsseite aus der B.Z. aus seiner Hosentasche und reicht sie mir. Da ist das Foto, das ich heute morgen im Späti gesehen habe. Dieses Mädchen. Ich lese: 

Der grausame Mord an Sabrina (14) – er geschah nur 340 Meter von ihrer Haustür entfernt. Das schöne, zierliche Mädchen wurde vergangenen Montag in einen Koffer gesteckt und lebendig in dem Neuköllner Stadtpark Thomashöhe verbrannt. Ihre Mutter und ihr Bruder Dennis (15) saßen ahnungslos zu Hause in der Jonasstraße. …

Ich lasse die Zeitung sinken und schaue Taher an. Sein Mund bewegt sich, aber ich höre nichts. Irgendwann verstehe ich. Er sagt:  SABRINA. … Sie war Drogenkurier. … Sie hat die Leute da verarscht. … Sie wollte bisschen Geld für sich behalten….. Ich habe sie gewarnt… 

Und jetzt erst erreicht mein unruhiges Bauchgefühl meinen Kopf, mein Hirn. Erst jetzt formt sich ein Gedanke. Das Mädchen, das im Koffer verbrannt wurde, war Sabrina. Tahers Sabrina. Seine erste große Liebe. Das Mädchen, an das er die Liebesbriefe geschrieben hatte. Die Briefe, die ich seit Wochen lese und korrigiere. Das Mädchen aus der Zeitung. Das ist Tahers Sabrina. 

Diese Information ist zu viel für mich. Ich kann nichts mehr denken. Geschweige denn, etwas sagen. Ich schaue Taher an und bleibe so sitzen. Die ganze Pause vergeht. Wir sprechen beide kein Wort mehr, sehen uns nur an. Irgendwann laufen mir die Tränen übers Gesicht und genauso geht es Taher. Er weint lautlos und die Tränen und der Rotz laufen einfach so über sein starres Gesicht. Ich weiß nicht, wie ich aus dieser Situation wieder herauskommen soll, oder ob sie überhaupt jemals enden wird. Ob es richtig ist, was ich tue. Wir sitzen uns gegenüber und weinen. Mehr geht nicht. 

Im Lehrerzimmer versuche ich, Hilfe zu organisieren. Ich stelle fest, dass mir die Worte fehlen. Ich versuche, zu erklären, was passiert ist, aber es klingt sogar in meinen eigenen Ohren vollkommen absurd, was ich da sage. Genauso wird es auch aufgenommen. Herr Kiesbauer sagt:  Ach Mensch, Mädel, du musst doch nicht immer JEDE Räuberpistole von den Möchtegern-Gangstern da glauben… Wann wachst du denn mal auf?

In diesem Moment erscheint die Sekretärin in der Tür,  Frau Plath? Telefon für Sie,  sagt sie. Ich folge ihr wortlos und nehme den Hörer. Am anderen Ende ist Carmen. Ich wundere mich über ihre Stimme. Sie klingt anders. Dann wird mir klar, dass sie heult. 

 Du musst dich um Taher kümmern, höre ich sie schluchzen, der muss zur Polizei, der muss sofort unter Polizeischutz gestellt werden, ganz schnell, kannst du das machen, dich kümmern, sonst kriegen die den, die suchen den bestimmt schon, du musst dich kümmern, machst du das? Jetzt sofort. Ich bin hier in Sabrinas Familie, ich muss mich jetzt um die Mutter kümmern. Ich muss hierbleiben. Die nächsten Wochen. Machst du das mit Taher? Lass den nicht aus den Augen!   Im Hintergrund höre ich Schreien und Poltern, dann ist Carmen weg, die Leitung tot, sie hat aufgelegt. 

Ein paar Sekunden stehe ich belämmert vor dem Telefon.  Ich hab jetzt Unterricht,  denke ich,  ich kann doch jetzt nicht einfach mit Taher zur Polizei?  Aber mein Gehirn ist zu langsam, ich merke sofort nach diesem Gedanken, dass auf meinen Kopf jetzt kein Verlass ist. Ich gebe meinem inneren Impuls nach, drehe mich um, stürze aus der Tür, renne die Treppen zur Aula hoch. TAHER? rufe ich und bete, dass er noch oben vor der Tür sitzt, wo wir uns gerade verabschiedet haben. Er ist noch da.  Wir müssen JETZT zur Polizei,  sage ich, und Taher scheint kein bisschen verwundert zu sein, er nickt, als habe er genau das eben gerade auch schon beschlossen und folgt mir wort- und widerstandslos die Treppen runter, hinaus auf die Straße. Ich winke ein Taxi ran, wir steigen ein und fahren zur nächsten Polizei-Station. 

Später habe ich immer wieder an diesen Moment gedacht. Daran, wie völlig absurd das Ganze schien. Aber die Neuköllner Polizisten fanden es kein bisschen absurd. Sie dankten mir für meine „Geistesgegenwart“, wobei ich mir sicher bin, dass DIE ja nun gerade ausgeschaltet war. Also was auch immer irgendwas richtig gemacht hatte, mein vernünftiger Verstand war NICHT daran beteiligt gewesen, denn der setzte die Einzel-Infos und Eindrücke erst viel später zu einem Ganzen zusammen. 

Taher wurde vier Wochen lang unter Polizeischutz gestellt und mehrfach ausführlich verhört. Er sagte mir später, dass die „NATÜRLICH“ nichts aus ihm herausbekommen hätten, denn Polizeischutz hin oder her, er wollte ja schließlich nicht auch noch im Koffer landen und „die Polizei könne ihn gar nicht ausreichend beschützen – und vor allem: Wie lange denn?” 

Carmen blieb sechs Wochen in Sabrinas Familie, die ebenfalls unter Polizeischutz gestellt wurde. Sie schärfte mir ein, dass ich im Moment erstmal gar nicht über „den Vorfall“ reden solle, außer mit den Polizei-Beamten direkt, die nämlich die Lage einschätzen könnten. 

Im Gegensatz zu den Lehrer*innen im Kollegium, mich eingeschlossen, ergänzte ich in Gedanken und hielt also meine Klappe. Was gar nicht so leicht war, denn ich hatte tausend Fragen.  

Guck dir den Film ‚Knallhart‘ an, sagt Carmen, als ich mir die Antworten darauf von IHR erhoffe, der Film ist ziemlich gut. Und der beantwortet dir deine Fragen… ist ziemlich realistisch, ehrlich gesagt. Mehr will ich jetzt nicht dazu sagen…wir sehen uns bald, wenn dieser ganze Alptraum ein bisschen vorbei ist… wobei. Vorbei ist das ja alles nie.  Sie wirft mir einen traurigen Blick zu, wir umarmen uns, dann steigt sie ins Auto und ich sehe ihr nach, wie ihr kleiner roter Toyota in der Masse der anderen Autos auf dem Britzer Damm verschwindet. Noch am selben Tag gehe ich ins Kino und schaue “Knallhart”. Mir ist klar, was ich sehe, aber mein Verstand blockt noch lange ab: Es gibt keine Drogenmafia und keine Kinder, die als Drogenkuriere durch Berlin fahren, es gibt keine brutalen Erpressungen und rohe Gewalt in irgendwelchen Tiefgaragen und verlassenen Kellern, es gibt keine Menschen, die gefoltert und lebendig in Koffern verbrannt werden. Das ist alles nur ein Film. …

Taher sehe ich erst an einem der letzten Schultage vor den Sommerferien wieder. Er sieht etwas besser aus. Als er mich sieht, lächelt er – kein fröhliches Lächeln, aber immerhin. Wir unterhalten uns ein wenig, vorsichtig tastend, und natürlich nur über ganz normale Dinge, das Wetter, die Sommerferien, einen Dönerladen, der neu aufgemacht hat. Beim Abschied drückt Taher mir einen DIN A 4 Zettel in die Hand, beide Seiten eng beschrieben. 

Der letzte Brief… ,  sagt Taher,  ist ja jetzt egal mit den Fehlern, aber ich hab mich dran gewöhnt, dass Sie die lesen – und wir dann ein bisschen quatschen können. Also man sieht sich. Schiefes, trauriges Lächeln, ich sehe ihm nach, bis er am anderen Ende des Schulhofs um die Ecke biegt. Dann lese ich den letzten Brief an Sabrina. 

Sabrina

mit dir ist was gestorben

ich frag mich: was ist aus der 

welt geworden

schau in den horizont nach oben

ungelogen: 14 jahre alt und schon am boden

und das alles wegen drogen

es fällt mir schwer, ohne dich zu leben

es fällt mir schwer über dich zu reden

ohne dich fühle ich mich leer.

diese zeilen gehen raus an dich

du bist mir wichtig

liebe dich, vermisse dich

wollte lediglich

abschiednehmen, verdammt

ich kann diesen scheiß nicht verstehen

warum musstest du gehen,

warum musste es geschehen

warum musste ich es in der zeitung sehen

der hass, die wut , wächst wieder in mir

in träumen sehe ich meine hände blutverschmiert

habe angst, dass sich das gute im menschen verliert

du bist weg

was nützt der ganze scheiß

gott, sag mir, wer war’s

wer weiß

dieser scheiß lässt mich nicht los

bin im teufelskreis

sehe dein sanftes lächeln immer noch vor mir

ich und du, Sabrina, das waren wir

jede träne , die ich vergossen habe

war für dich

glaub mir, ich vergess dich nicht

jedes mal , wenn ich ein bild seh

kommt die gänsehaut

jedes mal denke ich, wer hat dich geraubt

du hast mir vertraut

hab dir alles geglaubt

haben aufeinander gebaut

zusammen haben wir uns alles getraut

wie oft sagtest du mir, dass du mich lieb hast

was passierte, war einfach nur krass

wenn ich in träumen dir in die augen seh

und in deinen augen deine seele seh

wird mir klar, du warst mehr als nur wunderbar

für immer bist du nun weg, das ist wahr

hab drüber nachgedacht

tag und nacht hab ich getrauert

nie mehr gelacht

mehr als nur eine träne ist geflossen

mehr als nur eine träne hab ich vergossen,

in gedanken bin ich immer noch bei dir, 

bist du immer noch bei mir

ich umarme dich das aller letzte mal

ohne dich auf der erde ist eine qual

menschen wie dich gibt’s nur einmal

doch muss ich da jetzt durch

und hart sein wie stahl

mit dir an meiner seite fühlte ich mich ganz oben

mein herz in 1000 stücke zerrissen

der schmerz dich so zu vermissen

wir telefonierten stundenlang, ich hab versucht, dich zu hassen, 

hab versucht, dich loszulassen,

doch das bringe ich nicht fertig

Baby, wie sehr liebe ich dich

du warst ein lebensfroher mensch

immer ein lächeln im gesicht 

deine probleme plagten dich nicht

ich frage mich, wo ist das hübsche mädchen geblieben

das wir alle so sehr lieben

ohne furcht setzte sie sich durch

du bleibst wie ein stein in meiner brust,

ich reiche dir die hand

mein engel

deine schmerzen haben endlich ein ende, 

der tag, an dem ich dich vergesse

ist der tag, an dem auch ich ende

ich betrauere nicht deinen tod

ich feiere dein leben

ich weiß da, wo du jetzt bist, wird’s dir besser gehen

Sabrina, wir werden uns wiedersehen 

ein mensch ist erst dann tot

wenn er vergessen wird

auch, wenn er stirbt, er lebt im herzen weiter

bei dir war es zu früh leider

das alles wollte ich dir sagen

Baby, so viele offene fragen

so viel schmerz zu ertragen

doch bleib ich standhaft

durch dich hab ich die kraft

das allerletzte, was ich zu dir sagte:

bau keinen scheiß

ich vermisse dich, und das ist der beweis, 

sowas hätte ich nie gedacht:

das mädchen

das so ohne sorgen lacht, das mädchen, über das ein engel wacht…

ich umarme dich das allerletzte mal

ohne dich auf der erde

ist eine qual.