Kapitel 14: Talfahrt

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Sag mal, wer hat dir denn jetzt ins Gehirn geschissen?

Herr Böhm steht im Lehrerzimmer mit verschränkten Armen vor mir und starrt mich an. Ich suche nach einem Hauch von Humor in seinem Gesicht, aber da ist nix. Der Sheriff ist ultimativ genervt. Und weil mir so schnell keine Antwort einfällt, starre ich nur entgeistert zurück und denke: Scheiße, das ging jetzt aber schnell mit der Mund-zu-Mund-Propaganda… Irgendjemand hat ihm offenbar den Vorfall mit Selina gepetzt. Herr Böhm hat keine Lust, weiter auf eine Antwort zu warten, vielleicht war es sowieso eher eine rhetorische Frage, denn er legt gleich nach:

Selina führt sich da auf wie ne Irre, und du unterstützt das auch noch, oder wie jetzt? Fällst dem armen Künstler da in den Rücken, als ob der das mit unserem Gesocks nicht schon schwer genug hätte. Klasse, Frau Plath. Das nennt man Solidarität unter Kollegen. Toll gemacht. Und was dachtest du, was das für Konsequenzen hat? Ich glaube echt, es hackt! Wenn du dich in den Klassen nicht durchsetzen kannst, ist das ja die eine Sache. Aber offen zum Fehlverhalten aufstacheln, das ist schon ne beachtlich miese Leistung. Da kommt Freude auf. Oder wolltest du mal bisschen einen auf Mutter Theresa machen, die armen, unterdrückten Kinder, und so weiter, oder was? Ich sag dir mal was: Hier sind Kollegen, die sind schon seit den 70-ern hier, unter anderem auch meine Wenigkeit. Wir sind FREIWILLIG an die Hauptschulen gegangen – Stichwort: Das proletarische Kind. Wir haben da bereits alles versucht, das kannste mir glauben. Das ist halt nicht so einfach, wie du noch merken wirst. Aber hier jetzt die Retterin der Armen zu spielen, das ist echt völlig daneben! Du hast ja  keinen blassen SCHIMMER, Mädel! Hier ohne Hirn die Heldin zu spielen, das haben wir gerne! Ich könnte KOTZEN! Und ob Selina da weitermacht, das entscheide ICH höchstpersönlich, das ist immer noch MEINE Klasse.

Er dreht auf dem Absatz um, rauscht aus dem Lehrerzimmer und wirft knallend die Tür hinter sich zu. Ich fühle mich wie in Scheiße getaucht. Das war jetzt wie ein Tritt in den Magen. Mein Hals ist wie zugeschnürt, meine Augen brennen, mit aller Kraft schlucke ich den Impuls loszuheulen runter. Mit wackligen Knien mache ich mich auf den Weg ins Raucherzimmer. Keiner da. Gottseidank. Ich lasse mich aufs Sofa fallen, zünde mir mit zittrigen Händen eine Zigarette an und lasse ein paar Tränen laufen. Dann klingelt es. Gesicht abwischen. Tief schlucken. Tief einatmen. Aufstehen. Rücken durchstrecken und weiter geht’s. Auf in die 8b. 

Als ich die Aulatür aufschließe, merke ich, dass die Wut in mir hochkommt.  Arschloch!  denke ich. Doch ich habe nicht viel Zeit weiter in meinen Wutgefühlen zu baden, denn leider wartet bereits gleich die nächste Herausforderung. Ein Typ in Jeans und Trainingsjacke steht im Gang am Fenster und tritt auf mich zu.  Sind Sie Frau Plath? –  Ich nicke und reiche ihm die Hand.  Ich bin der Freund von Justins Mutter. Sie kann nicht kommen, aber ich muss mit Ihnen sprechen.

Ich habe jetzt Unterricht, können Sie nicht später noch mal wiederkommen, vielleicht so 14.30? frage ich. Er schüttelt den Kopf.

Nee das geht nicht, ich hab Schicht. Dauert auch nicht lange.  Er schiebt sich an mir vorbei in die Aula. Die Klasse tobt inzwischen auf und hinter der Bühne herum. Immerhin kann kein Vorhang abreißen, denn der ist ja nicht mehr da.  Ich muss das mit dem Schwarz-Streichen der Bühne noch regeln,  denke ich, schließe die Aulatür und wende mich Justins Stiefvater zu. Und was kann ich für Sie tun?  frage ich und ahne bereits, dass jetzt nichts Erfreuliches kommt. Der Mann steht breitbeinig da und fixiert mich mit unangenehmem Gesichtsausdruck. Dann legt er los.

Justins Mutter geht`s nicht gut. Aber sie macht sich Sorgen, deswegen bin ich jetzt mal vorbei gekommen, um mir einen Eindruck zu verschaffen und leider scheint der Klassenlehrer ja recht zu haben. Wie heißt der noch mal?  Ich helfe ihm weiter: Herr Böhm.

Ja, genau, Herr Böhm. Der hat meiner Frau erzählt, dass Justin so ne junge Lehrerin hat, die sich nicht durchsetzen kann und dass da kein ordentlicher Unterricht stattfindet. Nur Chaos in der Aula. Und ich muss sagen: Sieht ganz so aus, als ob der recht hat. Sind Sie überhaupt ausgebildete Lehrerin? Justin hat ein Recht auf normalen Fachunterricht. Nicht auf sowas.  Er deutet auf die zugebenermaßen ziemlich lauten Jugendlichen auf der Bühne.

Das müssen Sie schon mir überlassen, antworte ich und bete innerlich, dass ich nicht ausraste jetzt.  Klar bin ich ausgebildete Lehrerin und es würde mich interessieren, was Sie unter normalem Fachunterricht verstehen,  höre ich mich mit übertrieben fester Stimme sagen. Ich spüre, dass ich mich bremsen muss, mich jetzt nicht um Kopf und Kragen zu reden. Ich halte also inne und lasse die Frage einfach mal so im Raum stehen.

Aber der Typ scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Er schaut mich mit verächtlichem Gesichtsausdruck an und erklärt:  Was für mich normaler Fach-Unterricht ist?Ja, das kann ich Ihnen sagen: Strenger, ordentlicher Unterricht wie bei Herrn Böhm. Da wissen die Kinder, woran sie sind. Der lässt nix durchgehen. Da lernen die noch was. Und genau das braucht Justin. Der kriegt seinen Arsch sonst nicht hoch. Und Sie verplempern hier wertvolle Zeit, das sieht man ja. Ich werde mich beschweren. Das lasse ich mir nicht gefallen, dass Ihre Unfähigkeit unserem Justin die Zukunfts-Chancen versaut. Mir fällt tatsächlich nichts mehr ein. Aber der Mann wendet sich jetzt ohnehin zum Gehen und ich mache keinen Versuch, ihn aufzuhalten. Stattdessen rufe ich ihm hinterher:  Dann schönen Tag noch!  und beiße mir auf die Lippen. Inzwischen wird es wirklich höchste Zeit, dass ich mich um das Chaos auf der Bühne kümmere.

So, Schluss jetzt. Sorry für die Verspätung, wir fangen jetzt an.

Was wollte der? – fragt Justin.

Dein Vater?, frage ich. 

Das ist nicht mein Vater. Das ist n Klugscheißer, der nervt, sagt Justin und ich muss mich zusammenreißen, um nicht zu sagen: Da hast du allerdings recht! Ein kleines Grinsen kann ich mir nicht verkneifen. Meine Laune ist um einen Millimeter gestiegen und ich fange an:

Also Leute, mir ist letztes Mal aufgefallen, dass wir noch mehr Karten, also mehr Programme brauchen, damit die Szenen oben auf der Bühne immer spannender werden. Jetzt gibt es auch noch EINSCHUB, FREEZE UND ALLE BLICK INS PUBLIKUM, CATWALK und EMOTIONSKARTEN.

Während der folgenden 20 Minuten lösen wir schreiend und diskutierend alle Probleme, die während des Spiels auftauchen, u.a. auch, was Emotionen sind und dass es mehr davon gibt als Wut und Liebe und wir vereinbaren während des Spielens ständig neue Regeln, die auch wiederum auf Karten geschrieben werden. Für jedes auftauchende Problem muss eine Lösung in Form einer Karte gefunden werden und das Ziel ist, dass es Spaß macht und keiner sich langweilt. Es ist erstaunlich, wie lange das gut geht, sogar jetzt hier mit der ganzen 8b. Taher findet, dass es „wie ein Computerspiel“ ist, was wir machen und nickt anerkennend in meine Richtung. Ach, ist das schön. Endlich funktioniert mal was. Der Zeitpunkt für meine Veto-Idee scheint gekommen. Ich stoppe das Spiel und setze mich zwischen die beiden Gruppen – zwischen Bühne und zuschauenden bzw. Fernbedienungen klickenden Schüler*innen.

Ich führe jetzt für heute die letzte Karte ein, sage ich, und zwar die Veto-Karte. Wenn von unten ein Auftrag kommt, den ihr nicht ausführen wollt, könnt ihr Veto einlegen, das heißt, ihr verweigert den Auftrag. Und zwar so lange, bis wieder ein Auftrag kommt, den ihr ausführen wollt. Ok? Das kann jeder für sich selbst entscheiden.

Einige nicken. Können wir weiter machen?,  fragt Mahmout. Ich habe irgendwie das Gefühl, ich muss das noch etwas ausführlicher erklären, aber sie fangen bereits wieder an zu spielen und ich denke:  Auch gut, vielleicht klärt es sich ja auch von allein.

Das tut es leider nicht. Innerhalb kürzester Zeit schreien alle Veto und lachen sich schlapp, unten vor der Bühne rasten einige aus, weil sie ihre Aufträge nicht mehr durchkriegen und sich von den Spieler*innen auf der Bühne verarscht fühlen – langer Rede kurzer Sinn: Wir sind wieder mal im kompletten Chaos gelandet. Nichts geht mehr. Und es kommt noch besser. Taher ruft:  Gilt das Veto auch für das, was Sie uns sagen?  Ich breche das Spiel ab und „verordne einen Stuhlkreis“. Es dauert 20 Minuten, bis der Stuhlkreis aufgebaut ist und es leise ist. Und in diesem Moment treffe ich meine Entscheidung. Ich denke:  Jetzt oder nie!  und erkläre ehrlich und offen, was ich mit dem Veto Recht eigentlich meine:

Zu Tahers Frage,  sage ich, also zu der Frage: Gilt das Veto auch für das, was ich sage? Ja klar. Es geht mir darum, dass ihr mal rausfindet, was ihr machen WOLLT, und was nicht. Eigentlich können wir nur richtig arbeiten, wenn ihr lernt, klar zu sagen, was für euch geht und was nicht. Erst dann kann ich mit euch guten Unterricht machen.  Ich erläutere das 10-Meter-Turm-Beispiel. Aber es sind bei weitem mehr als drei Sätze und ich komme nicht durch. Es wird unruhig und Taher unterbricht mich mit breitem Grinsen:  Cool. Dann mach ich jetzt Veto und geh nach Hause.  Und er nimmt seine Jacke – und geht. Und noch bevor ich die Chance habe, in irgendeiner Weise darauf zu reagieren, schreit Fatima:  Veto! Veto! Veto! und kriegt einen hysterischen Lachanfall, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringt. Alle schreien Veto!,  springen auf, kippen die Stühle um, einige rennen raus, andere bewerfen sich mit Jacken, wieder andere öffnen die Fenster, beugen sich raus, schreien  Veto! raus auf den Schulhofund scheinen fast zu ersticken vor Lachen– und in all dem Chaos sehe ich in ihren Gesichtern wieder das, was ich längst dachte besiegt zu haben: Diesen Anflug von Gehässigkeit. Mir gegenüber. Diesen Genuss daran, mich auf die Palme zu bringen, bzw. ja, den Genuss daran, mich zu verletzen. Und das killt mich tatsächlich. Ich habe das Gefühl, innerlich zu vereisen. Was soll das, was ist mit diesen Kindern los? Sind die am Ende doch bösartig? Warum genießen sie es so sehr, mich fertig zu machen? Habe ich mir diese Fortschritte der letzten Woche nur eingebildet? Ich setze mich auf einen Stuhl und denke:  Ich lasse es einfach. Ich melde mich krank und schaue, dass ich an eine andere Schule komme. Und wenn das nicht geht, dann fange ich eben im Schuhladen an. Ich kann es einfach nicht schaffen.  Herrn Böhm sehe ich gar nicht hereinkommen. Erst, als er vor mir steht, wird mir klar, dass es immer ein „Noch schlimmer“ gibt. Herr Böhm grinst und reicht mir ein Taschentuch:  Ich dachte, ich komm mal vorbei, man kann bei diesem Lärm ja nirgends im Haus mehr Unterricht machen. Am besten heulste jetzt erstmal ne Runde und dann schauen wir mal, was wir machen können. So geht das ja hier nicht mehr weiter, das ist dir ja klar, oder nicht?  Und es darf nicht wahr sein, aber tatsächlich fange ich an zu heulen. Und Herr Böhm setzt sich neben mich, reicht mir ein weiteres Taschentuch, während die letzten Schüler*innen den Raum verlassen. Die Tür fällt hinter ihnen ins Schloss. Es wird still. Ich heule unkontrolliert weiter. Dies ist mein letzter Tag, denke ich, es ist alles egal. Da spüre ich etwas auf meinem Bein. Ich erstarre. Herr Böhm hat seine Hände da, wo sie nicht sein sollten. In meinem Schritt. Und er beugt sich vor und versucht mich zu küssen. Mir wird augenblicklich so schlecht, dass ich das Gefühl habe, es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette zu schaffen. Ich springe auf, der Stuhl kippt nach hinten, wegen Tränen und Rotz sehe ich nur verschwommen, ich raffe meine Sachen zusammen und schaffe es irgendwie aus der Aula. Bloß raus hier. Ich renne, stolpere die Treppen runter. Hoffentlich sieht mich keiner. Gleich hab ich es geschafft. Da ist der Ausgang. Nur noch durch diese Tür. Ich greife nach der Klinke. Ups. Die Tür geht von selber auf. Und von draußen kommt herein – mit einem Eimer und einer Schaufel – der Hausmeister. Mist. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Er schaut mich an. Ich schaue auf den Boden. Schweigen. Dann er:  Was ham se denn mit IHNEN anjestellt? Noch immer schaut er mich direkt an. Ich versuche, einen Satz zu formen aber es kommt nur ein undefinierbares Geräusch aus meiner Kehle. Ich setze noch mal neu an, aber es kommt nichts raus und irgendwie füge ich mich meiner Sprachlosigkeit und merke: Vielleicht ist das jetzt auch einfach mal ne Situation ohne Worte. Auch Herr Schulz scheint es zu bemerken. Er stellt erstmal umständlich und scheppernd Eimer und Schaufel ab. Dann schaut er, schaut wieder weg, seufzt.  Na, denn kommse mal mit. So kann ick Se ja nich alleene nach Hause schicken, dit is jetzt Zeit für n Kaffee, wa? – Er schaut mich an. Oder fürn n Pils….?  Da ich immer noch nichts sage, schiebt er mich sanft aus der Tür und bedeutet mir, mit zu kommen. Wohin auch immer, denke ich und trotte etwas belämmert hinter ihm her. Herr Schulz schließt die Tür zum Hausmeister-Kabuff auf. Drinnen ein dunkler Flur. Zigarettenrauch. Wir biegen um die Ecke. Eine kleine Küche mit einem schweren runden Holztisch in der Mitte, an der Wand eine Art Werkbank mit allem möglichen Zeugs, Schrauben, Schlüssel, ein Werkzeugkasten, ein Bohrer, verschiedene metallische Gegenstände, ich vermute ausgebaute Schlösser oder sowas. Zwei Typen sitzen da und qualmen, Bild Zeitung liegt auf dem Tisch, ein kleiner Fernseher flimmert auf einem Schränkchen daneben, irgendein Fußballspiel, die beiden trinken Sternburg Pils aus der Flasche. Herr Schulz nuschelt irgendwas und öffnet einen brummenden, fleckigen Kühlschrank in der Ecke, der vollgeklebt ist mit irgendwelchen Stickern aus den 80-ern, so sieht es jedenfalls aus.  Ick denke, n Pils is anjebracht?  fragt er und reicht mir ein Sternburg Pils. Ich nicke und nehme die kalte Flasche entgegen. Einer der beiden rauchenden Typen reicht mir einen Öffner. Kurzer Blick auf meine Armbanduhr: 13.40 Uhr. Ich hab keinen Unterricht mehr. Aber es fühlt sich ohnehin gerade alles ein bisschen nach „egal“ an. Ich öffne die Flasche, Herr Schulz hat seine bereits mit einem Feuerzeug geknackt, die „Jungs“ am Tisch deuten mit einem Nicken eine Prost-Geste an, nuscheln ihre Namen in meine Richtung, Olli, Jens, Maike, wir nicken uns zu und dann nehme ich einen großen kalten Schluck Bier und nehme das wohltuende Wärmegefühl im Magen zur Kenntnis. Wow. Ich fühle mich plötzlich so müde, als könnte ich auf der Stelle einschlafen. Offenbar erwartet auch niemand groß irgendeine Unterhaltung von meiner Seite. Friedlich sitzen die Männer da am Tisch, schauen auf den kleinen Bildschirm und trinken ihr Sterni. Alles gut. So vergeht eine Weile in angenehmen Schweigen, bis das Bier anfängt zu wirken und ich wieder ein wenig munterer werde. Ich schaue zu Herrn Schulz rüber und sage: Ja, danke übrigens. Das ist echt nett. Er winkt ab. Keene Ursache. Wieder ein paar Minuten wohlige Stille. Dann er: Dit mit dem Vorhang in ner Aula… Dit kann so nich bleiben, dit sieht ja nich jut aus. Wenn Se den nich wieder ofjehängt haben wolln, was ham Se sich denn jedacht? 

Und ich: Ich dachte, wir könnten vielleicht die ganze Bühne schwarz streichen? Herr Schulz zieht die Augenbrauen hoch,  wer is denn „wir“? 

Ach so, ich dachte vielleicht ein paar aus der 8b und ich. 

Herr Schulz stellt sein Bier auf dem Tisch ab und beugt sich vor: Also dit kommt jar nich in Frage. Meinen Se, ich lass die Chaoten da ran? Da könn wa anschließend alles noch mal neu streichen und ham zusätzlich noch ne Sauerei. Nee, dit mach ich lieber selbst mit meenen Jungs, wa?  Er schaut zu den beiden anderen, die weiterhin auf den Bildschirm schauen, aber ihre Daumen heben und nicken. Ja, dit is ja keene schlechte Idee – und dit wolln Se fürs Theater? Und keenen Vorhang? – Ich: Nee. Ich finds ohne Vorhang besser. Herr Schulz zuckt mit den Schultern. Mir soll`s recht sein. Könn wa nächste Woche machen, würd ick sagen, wa? Wieder ein Nicken der beiden Kollegen am Tisch. Ich staune. Jetzt streicht Herr Schulz die Bühne für mich, oder wie? Ich merke aber, dass es jetzt unangebracht wäre, meine Überraschung und Freude zu extrem raus zu lassen. Stattdessen wende ich mich jetzt noch mal mit all meiner Aufmerksamkeit Herrn Schulz zu, lasse zumindest ein kleines Lächeln raus und sage: Das ist wirklich wahnsinnig nett! Das freut mich total. Vielen Dank, Herr Schulz. Er brummelt irgendwas wie Keen Ding, dit muss ja ohnehin jemacht werden, steht auf und beginnt an einem der Schlösser auf der Werkbank rumzuhantieren. Ich habe das Gefühl, dass es Zeit ist zu gehen und verabschiede mich bei den drei Herren, die mich irgendwie gerettet haben heute und mache eine Notiz an mich selbst, nämlich: Es ist alles doch immer wieder anders, als man denkt. Kurze Zeit später sitze ich in der U8 auf dem Weg nach Hause. Von dem Vorfall in der Aula spreche ich nie mehr ein Wort. Schon der Gedanke daran ist so unangenehm, dass ich beschließe, dass es nicht passiert ist. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie, also in welchen Worten ich DAS überhaupt erzählen könnte. Es kommt mir zu ungeheuerlich, zu absurd vor. Und was würde es in der Konsequenz bedeuten? Es macht mir Angst. Also richte ich meine Gedanken auf andere Dinge. Ich kriege jetzt eine schwarze Bühne und mein Leben hier geht weiter und also schaue ich nach vorn. Am nächsten Tag mache ich einen großen Bogen um Herrn Böhm, doch das ist gar nicht so schwer, denn auch er scheint kein Interesse daran zu haben, mit mir zu sprechen. Den Vorfall mit Selina erwähnt er auch nie mehr. Und Selina bleibt im Projekt. Mit wem ich allerdings noch mal über Selina spreche, ist der Tänzer. Wir treffen uns auf einen Kaffee in Kreuzberg und ich versuche ihm zu erklären, warum ich ihm quasi in den Rücken gefallen bin, dass mir das leid tut und wie ich die Sache aber grundsätzlich sehe. Zu meiner Überraschung ist er ganz und gar auf meiner Seite, erzählt von Royston Maldoom, mit dem er im letzten Projekt zusammengearbeitet hat und dass er nur aus Überforderung so krass reagiert habe. Weißt du, erklärt er mir, ich finde mich selber ganz schrecklich, wenn ich da so die Nerven verliere. Ich will das eigentlich gar nicht. Aber manchmal werden halt auch meine inneren Muster getriggert. Ich rede noch mal mit Selina. Ich glaube, wir kommen jetzt sehr gut klar. Und zum Veto-Gedanken: Ich finde es genau richtig, wie du das siehst, und ganz ehrlich: Ich würde dran bleiben an deiner Idee mit dem Veto. Das ist logisch, dass die erstmal Rabbatz machen. Aber das hat ja nichts mit dir oder der Idee zu tun. Die müssen doch erstmal alles abreagieren, was die ansonsten an Demütigungen in diesem Schulsystem schlucken müssen. Deswegen drehen die doch auch immer erstmal so am Rad in unseren Projekten. Kaum ist ein bisschen Freiheit da, müssen die erstmal ordentlich Dampf ablassen. Aber nach einiger Zeit wird das besser. Die müssen erstmal Vertrauen gewinnen. 

Diese Worte wirken auf mich wie reine Medizin. Ich kann es gar nicht fassen, dass im Ganzen die Dinge gar nicht SO schrecklich sind, wie ich dachte. Und also richte ich mich wieder auf und gehe erneut in die Arena mit der 8b – um es noch einmal mit dem Veto-Recht zu probieren. 

Kapitel 13: Veto!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Berlin 2005: Meine „Forschungsarbeiten” mit den Klassen in der Aula zeigten ziemlich schnell, dass es deutlich besser lief, wenn ich einfach INSGESAMT nur noch Theater machte. Mathe, Deutsch, Englisch, Musik, …lief alles nicht. Dann flogen Stühle durch die Gegend, Sachen gingen kaputt und es herrschte Tohuwabohu. Theaterunterricht, wie ich ihn in der Ausbildung in Bullerbü gegeben hatte, funktionierte zwar AUCH nicht, (das fing schon mit den Warm-ups an, die von den Schüler*innen als “schwule Spiele” bezeichnet und boykottiert wurden) – aber: Zumindest in kleineren, meist von mir ausgedachten, Übungen kehrten ihre Blicke zu mir zurück und ich schaffte es trotz häufig herrschendem Chaos Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Von außen sah es weiterhin so aus, als ginge alles „drunter und drüber“, aber auf einer darunterliegenden Ebene spielten wir gemeinsam alle Facetten der emotionalen Skala miteinander durch: Wir lachten viel, schrien uns dann wieder an, waren unfassbar wütend aufeinander, und schlossen dann wieder Frieden. Es wurde geheult, gestritten und gealbert – und ein bisschen Theater gespielt. Und so ganz nebenbei begann auf diese Weise auch die Theater AG, die ich anfangs für ein unmögliches Unterfangen gehalten hatte. Für meinen selbst beschlossenen Forschungsauftrag machte ich eine Notiz an mich selbst: Die Leute denken immer, es ginge darum, die Kinder leise zu kriegen, aber darum geht es erstmal gar nicht. Leise kriegt man sie, wenn überhaupt, nur dann, wenn wir sie erstmal aushalten, so, wie sie sind. 

Von Woche zu Woche fanden sich nach und nach immer mehr Jugendliche ein, standen um 14.30 Uhr vor der Aulatür und fragten, ob sie „bei der Theater AG noch mitmachen könnten“. Ja, klar, kein Ding, wir sind ja erst vier. Ja, klar, wir sind ja erst sechs. Ja, klar, wir sind ja erst neun, … und so weiter. Im November waren es 14, 11 davon aus der 8b. Dabei blieb es vorerst. Und ich fand: Diese 14 waren PERFEKT. Drei Mädchen: Selina, Fatima und Shirin. Der Rest Jungs, darunter Chris, Mahmout, Taher. Ganz am Schluss schlenderte auch noch Justin mit gesenktem Kopf und Kapuze durch die Tür und brummelte:  Also ich will nur Technik machen, ich spiel auf keinen Fall Theater!  – Und ich, hocherfreut:  Ja, klar, super.  Ich konnte es nicht fassen: Justin kam zur Theater AG! Das größte Problem zu Beginn war, dass alle ununterbrochen Sketche spielen wollten. Ganz egal, was ich vorschlug, immer tobten nach kürzester Zeit mindestens fünf Jungs unkoordiniert auf der Bühne herum und spielten „SEK-Einsatz“, „Einbruch beim Späti“, „Drogen verticken in der U-Bahn“, „Abzocke auf dem Schulhof“ oder „Gang-Schießerei in der Sonnenallee“, und hatten unfassbar Spaß, während die anderen eine Weile halb amüsiert, halb gelangweilt zuschauten, dann aber die Lust verloren und sich – leider ziemlich laut – mit anderen Dingen beschäftigten.  Hey!,  versuchte ich einzugreifen,  ihr habt eure Zuschauer verloren! Ihr müsst das schon irgendwie auf den Punkt bringen, was ihr da auf der Bühne erzählen wollt und nicht einfach stundenlang rumimprovisieren! Könnt ihr nicht mal versuchen, kürzer zu spielen und etwas wiederholbar zu machen?  Aber meine Einwände blieben meistens völlig vergeblich. Wenn ich versuchte, ihnen Vorschläge zu machen, wie sie eine Szene zumindest teilweise ästhetisieren und dem Ganzen eine Struktur geben könnten, kam ich mir immer vor wie die “Spaßbremse” oder die Mecker-Tante, die etwas Lustvolles auf einen Schlag in etwas Mühsames, Nerviges verwandelte. Ich erntete dann bockige Blicke, verschränkte Arme und leider keinerlei Einsicht, geschweige denn Besserung. Sie VERSTANDEN einfach nicht, was toll daran sein sollte, eine Zeitlupe oder einen Freeze einzubauen. Wie sollten sie auch?  Die Frau findet doof, was wir machen und verdirbt uns allen Spaß!  – Das war alles, was sie von meinen Einwänden mitnahmen. Tja. Wie konnte ich ihnen beweisen, dass ihre Szenen unterhaltsamer wurden, wenn sie Handwerkszeug anwendeten? Und wie konnte ich ihnen Handwerkszeug vermitteln? Reden fiel als Möglichkeit des Wissenstransfers weitestgehend aus, weil niemand mir über eine längere Strecke als drei Sätze zuhörte. Und in drei Sätzen war es ja nicht getan. Und Arbeitsbögen hatte ich abgeschafft. Weil: Es war zum Lachen, was passierte, wenn ich ein Arbeitsblatt austeilte. SOFORT war alles Lebendige aus ihren Augen verschwunden und sie fingen augenblicklich an, in ihren Schüler-Roboter-Rollen einzurasten. Ich lernte Schritt für Schritt, dieses Einrasten zu vermeiden. Alles war besser, nur nicht diese festgefahrenen Rollen. Also bloß keine Arbeitsbögen! Und niemals länger als drei Sätze am Stück reden! Und nicht meckern! Nicht belehren! Nicht die Besserwisserin raushängen lassen! All das führte – Zack! – zum Stillstand. Zum Einrasten in den Schüler-Lehrer-Rollen! Aber wie konnten wir jetzt in einen gegenseitig bereichernden Flow kommen? Wie konnte ich ihnen Informationen vermitteln und sie mir? Wir konnten wir KOMMUNIZIEREN? Ohne Opfer zu sein? Ohne Herrschaft und ohne Unterwerfung? Das war die große Forschungsaufgabe. Weil dieses Fragen viel zu groß waren, fing ich im ganz Kleinen an. Wie kann ich das Sketche-Problem lösen? Was wäre, wenn diejenigen, die gelangweilt vor der Bühne sitzen, selbst eingreifen könnten, um die Sache für SICH spannender zu machen? So, wie man beim Fernsehen ein anderes Programm wählt? Ich brachte alte Fernbedienungen mit und teilte sie an die Zuschauenden vor der Bühne aus. Zu ihren Füßen auf dem Boden legte ich vier Din A 4 Blätter, auf denen stand: „Freeze“, „Zeitlupe“ und „Zeitraffer“ und „Ideen-Joker“.  Es gibt jetzt Spielregeln,  erklärte ich.  Damit es nicht langweilig wird. Sobald euch langweilig wird, könnt ihr das Programm auf der Bühne ändern. Ihr steht auf, klickt die Fernbedienung und ruft „Freeze!“, „Zeitlupe“, „Zeitraffer“ oder irgendwas, was euch selbst einfällt – das ist der Ideen-Joker.  Mit diesen drei Sätzen kam ich so einigermaßen durch. Dann brach erstmal wieder Chaos aus, weil alle auf den Fernbedienungen rumdrückten und irgendwelche Sachen wild durcheinander schrien. Ich zwang mich zur Ruhe und wartete. Irgendwann riefen die ersten:  Wann geht denn das Spiel jetzt los? Ich lächle, zucke mit den Schultern und forme mit den Lippen den Satz:  Keine Ahnung…  Weitere fünf Minuten Chaos. Dann ruft Fatima:  Ey! Jetzt seid mal leise! –  …Danke, Fatima, denke ich und werfe ihr ein kleines Grinsen zu. Weitere fünf Minuten Chaos. Jetzt schreien schon drei Leute  Ey, seid mal leise! Lass ma anfangen!  Ich nicke, stelle mich aber auf weitere Wartezeiten ein. Ein weiteres neues Ergebnis meiner Forschungsarbeit ist: Ich trainiere das „Vergnügte Warten – egal wie lange es dauert“. „Vergnügtes Warten“ ist etwas anderes, als „Genervtes Warten“. Das „Vergnügte Warten“ beinhaltet, dass ich zunächst mal einen klaren Auftrag durchbringe, der zumindest einen Hauch von Neugier bei den Jugendlichen erzeugt. Und dann scheint diese Methode des „Vergnügten Wartens“ die Jugendlichen irgendwann auf die Palme zu bringen – denn dieses Warten kann ich im Zweifel bis zum bitteren Ende der Stunde durchziehen – und das spüren sie. Wie gesagt: Das klappt allerdings tatsächlich nur dann, wenn ich es vorher geschafft habe, sie zumindest ein ganz klein wenig gespannt zu machen auf etwas, das vielleicht, vielleicht Spaß machen könnte. Ich denke an den Unterschied zur früher gelernten Forderung: Warten, bis es leise ist. Und warum das immer nicht funktionierte. Das „Vergnügte Warten“ ist ein großer Unterschied. Und der kommt durch einen klaren Start mit einer neugierig machenden Ankündigung und einer darunterliegenden Haltung vollkommener Gelassenheit zustande, der Fähigkeit, im Moment bleiben zu können, in Ruhe alles wahrzunehmen und sich nicht aufzuregen. Das schaffe ich zunehmend länger auszuhalten, indem ich in solchen Situationen folgendes denke:  Wir haben alle Zeit der Welt. Wenn es diese Stunde nicht klappt, klappt es nächstes Mal. Und wenn es dann immer noch nicht klappt, dann eben übernächstes Mal. Aber ich verschwende hier keine unnötigen Kräfte mehr, indem ich sinnlos rumbrülle oder mich aufrege. Es kommt, wenn es kommt. Und bis dahin schaue ich mir mit guter Laune das lustige Chaos an, das hier läuft.  Das Ganze ist einfach nur Gedanken-Disziplin vom Feinsten.Am Anfang halte ich mit diesem Mindset fünf Minuten durch, bis ich dann doch sauer werde. Dann zehn Minuten. Nach einiger Zeit kann ich locker 20-25 Minuten durchhalten. Und irgendwo da muss scheinbar eine Grenze sein. Denn es dauert nie länger als 25 Minuten, bis sich etwas verändert. Entweder es kracht dann richtig (im wahrsten Sinne des Wortes „bis einer heult“) – oder es wird leise. Ich arbeite innerlich hart daran, beides gleich gut zu finden. Letztendlich ist es ja auch so. Denn wenn es kracht, gibt es in meiner bisherigen Beobachtung so eine Art kathartischen Effekt: Ich raste dann ebenfalls aus und beende die Probe distanziert und ohne Versöhnungsangebot – in einer emotionalen Verfassung in der Art von:  Na gut, dann mach ich halt Schluss – Tschüss.  Und das ist eigentlich meine größte Erkenntnis: Ich DARF sauer werden. Ich muss meine Wut nicht runterschlucken. Es funktioniert viel besser, wenn ich ihnen zeige, was ich fühle, und ihnen deutlich sage, warum ich wütend bin. Diese sogenannte professionelle Distanz, die im Lehrerberuf immer so der Maßstab ist, ist hier GAR NICHT hilfreich, denke ich. Die Jugendlichen sind extrem versierte Experten*innen darin, mir die Maske der formalen Lehrer*innen-Rolle runter zu reißen und sie lassen eh nicht locker, bis sie mich als Menschen spüren können. Denn das ist es, was sie wollen – und vielleicht auch brauchen. Und viel professioneller scheint es mir zu sein, mich gleich von vornherein authentisch zu zeigen – mit all meinen Gefühlen und auch Schwächen. Denn DAS wissen sie zu würdigen. DAS erzeugt bei ihnen Respekt. Der formal „labernde“ Sozialpädagoge ist für sie ein „Opfer“, der sich hinter institutioneller Macht versteckt und sie mit seiner Distanz als Mensch herabsetzt. Dies auch noch mit unfairen Mitteln, denn gegen die institutionelle Macht können sie nichts ausrichten. Respekt aber haben sie vor jemandem, der den Mut aufbringt, sich in all seinen menschlichen Facetten zur Verfügung zu stellen und den sie in der Folge spüren können. Vor jemandem also, der sich nicht hinter einer formalen Rolle verbirgt, die ihm einen Machtvorteil beschert, sondern der als Mensch SELBST Verantwortung übernimmt und sich einer echten menschlichen Begegnung stellt. Später lernte ich in der Fernsehserie „The Wire“ den Satz „I feel you, brother!“ und dachte: Genau. DAMIT hat es zu tun. Sie wollen mich fühlen – als Mensch. Und dann fangen sie an, zu kooperieren. Und was ich meine ist: sich zeigen, wenn wir Gefühle haben, die wir an uns NICHT mögen. Also nicht sich zeigen, wenn ich sowieso alles im Griff habe. Das ist ja einfach. Nein. Sich zeigen, wenn einem der Arsch auf Grundeis geht. DAS meine ich.  Und natürlich braucht es darunter eine innere Haltung der Sympathie und Solidarität mit den Jugendlichen : So nach dem Motto: Wer bist du wirklich, du kleiner Giftzwerg? Wie kann ich dich finden und deinen Aggro-Schutzpanzer knacken, damit wir endlich das tun können, was uns BEIDE weiterbringt?  Ich lernte also Schritt für Schritt diese Angst zu überwinden, dass alles im Arsch sein könnte, wenn ich „auf einen Gang ehrlicher, offener“ schaltete. Das Gegenteil war der Fall. Die Kinder wussten – natürlich – dass es keine perfekten Menschen gibt. Und sie konnten das sehr anerkennen, wenn ich quasi Auge in Auge mit ihnen in die menschliche Arena der Auseinandersetzung ging. Für mich war das aber erstmal unglaublich schwer, weil ich wahnsinnige Angst vor Stress hatte und davor, mich verletzlich zu zeigen. Ich lernte aber, dass es letztendlich genau darum ging: Die hierarchischen Rollen Lehrerin – Schüler*innen abzulegen und als Mensch Verantwortung zu übernehmen. Und mit jeder Stunde übte ich das weiter und stellte fest: Es kostete Mut und emotionalen Kraftaufwand. Aber alles wurde dadurch produktiver und sinnvoller als alles, was ich bisher als Lehrerin versucht hatte. 

Nachdem ich mir erlaubt hatte, dieser neuen Theorie „der echten menschlichen Begegnung“ zu folgen, schaffte ich auch das mit dem „vergnügten Warten“ wesentlich gelassener, was den Effekt hatte, dass ich immer weniger lange warten musste.

So auch heute. Schon nach ca. 10 Minuten sitzen alle mit ihren Fernbedienungen da, rufen hin und wieder noch genervt „Psst!“ in die Gegend und fuchteln den Jungs auf der Bühne zu, dass die endlich anfangen sollen. Und diese machen ebenfalls einen – vom langen Warten – eher erschöpften als aufgedrehten Eindruck. Es kann also losgehen. Ich habe Raum für meine nächsten drei Sätze, in denen ich „Freeze“, „Zeitlupe“ und „Zeitraffer“ erkläre. „Ideen-Joker“ geht bereits im Lärm unter, aber sie kapieren es auch so.  Es regnet Blut!  brüllt Taher – und ich denke: Geiler Ideen-Joker… Das Spiel beginnt… Und ich stehe am Rand und schaue zu, wie sie – endlich – wie Kinder im Spiel versinken – sowohl oben auf der Bühne wie auch davor. Dauernd wird geschimpft und geschrien, weil irgendwas unklar ist, aber alles bezieht sich auf die Spielregeln und was zwischen Zuschauenden und Spielenden vor sich geht und ich sehe die allerersten Standbilder in diesem Schuljahr. Ich denke  Geht doch!  und klopfe mir innerlich auf die Schulter. Aber dieser kleine Anfall von Hybris wird natürlich sofort wieder bestraft. Denn das Glück hält nicht lange an. Die Probleme beginnen mit Regie-Aufforderungen wie:  Alle geben sich jetzt Nackenschläge!  Sekunden später artet das Spiel auf der Bühne in eine wilde Prügelei aus. Ich muss abbrechen.  Aber Sie haben gesagt: Alles was uns einfällt!  mault Chris und Taher grinst:  Ja genau, ist doch lustig, beste Szene man, wallah!  – Scheiße, ich bin wieder in der Mecker-Tanten-Position gelandet. Ich versuche zu erklären, warum „Nackenschläge-Verteilen“ kein adäquater Auftrag ist, merke aber selbst, wie ich ins Schlingern gerate. 

Fuad: Aber wir geben uns IMMER Nackenschläge. Sie haben gesagt, im Theater ist alles erlaubt!

Ich: Ja aber keine Gewalt!

Taher rollt abfällig mit den Augen: Dann ist Theater scheiße. Wenn man nicht zeigen darf, wie es IST! Isch FICKE Theater, man! 

Ich: Doch, doch, Gewalt zu ZEIGEN ist erlaubt, aber es darf nicht WIRKLICH… 

Weiter komme ich nicht, weil sich jetzt alle lautstark beschweren, dass Theater also scheiße ist, dass man NIX darf, dass sie dann lieber boxen wollen. 

Ich (dazwischen schreiend):  Aber was ist denn der Unterschied? Beim Boxen gibt`s doch auch Regeln!

Taher:  Ja, und was sind die Regeln beim Theater? Keine Gewalt?Tsss… (und da ist sie wieder, diese wegwerfende Geste mit dem herablassenden Schnalz-Geräusch). 

Der Rest versinkt im Chaos. Alles klar. Neues Problem. Neue Forschungsaufgabe: Wie sind die Regeln beim Theater? 

Ich lerne unerwartet eine der wichtigsten davon durch Selina. Und zwar in meinem ersten außerschulischen Theaterprojekt. 

Nach Erscheinen des Kinofilms „Rhythm is it“ gibt es in Berlin plötzlich einen Haufen Tanzprojekte. Und da ich jeden Impuls von außen annehme, um der inneren Hölle des Sheriff-Imperiums zu entkommen, habe ich die Theater AG bei einem Tanzprojekt angemeldet. Zusammen mit einer anderen AG von der benachbarten Kepler Hauptschule werden wir sechs Wochen lang einmal die Woche ganztägig mit einem professionellen Tänzer und Choreografen arbeiten. Anschließend ist eine Zusammenführung mit anderen Gruppen von anderen Schulen geplant, gemeinsame Haupt- und Generalprobe und öffentliche Präsentation im ICC am Alexanderplatz. Meine heimliche Hoffnung dabei ist natürlich, dass die Jugendlichen auch noch von anderer, professioneller Seite mitnehmen, warum es ganz cool sein könnte, SEK-Einsatz nicht ausschließlich realistisch und sketchartig auf die Bühne zu bringen. Im Lehrerzimmer ernte ich mal wieder Kopfschütteln.  Na, du bist ja mutig. Das ist ein total renommiertes Projekt. Berliner Philharmoniker. Simon Rattle. Und da willst du mit unseren Vollpfosten mitmachen? Das wird doch ne Katastrophe. Die können sich doch nicht zwei Minuten benehmen! Und dann noch zusammen mit den Keplers. Ach du Scheiße… Aber wirste ja selber sehen…   Ja, werde ich selber sehen. Sehe ich dann auch. Also. Was das Problem ist: Nämlich genau die Renommiertheit des Projektes. Diese Haltung dazu. Und die Erwartungen, die daran geknüpft sind. Und wie sich mensch in so einem renommierten Rahmen – hierarchisch – zu verhalten hat. Von Anfang an ist klar, dass „meine“ Jugendlichen und die Kepler Jungs (es waren nur Jungs) DANKBAR sein sollen, das sie als VOLLCHAOTEN an so einem TOLLEN Projekt teilnehmen dürfen und sogar von der Schule dafür beurlaubt werden, obwohl doch jeder weiß, dass Mathe, Deutsch, Englisch viel wichtiger für diese Asozialen wäre. Ganz selbstverständlich entsteht der Eindruck, dass ein großer Künstler sich hier hergibt, um mit diesen »schwierigen Jugendlichen« zu arbeiten. An einem BRENNPUNKT. Oha. Die Jugendlichen sollen gefälligst dankbar sein für diese tolle Erfahrung, die man ihnen hier unter großen persönlichen Opfern ermöglicht. Herr Böhm und Frau Rische werden nicht müde, mir diese Sichtweise jeden Tag unter die Nase zu reiben und mir einzubläuen, dass ich beim „kleinsten Verstoß“, beim „kleinsten Daneben-Benehmen“ der Kinder dieses Projekt sofort abzubrechen habe. Dasselbe wird den Jugendlichen tagtäglich von Herrn Böhm eingeschärft. Im Lehrerzimmer höre ich ihn allerdings prahlen:  Ja, mann muss ja der Kollegin Plath den Rücken freihalten. Alleine hat die ja nicht den Hauch einer Chance das durchzuziehen. Die ist halt noch „frisch“ (hö, hö) und völlig naiv und macht dann natürlich solche Sachen. Projekt mit den Berliner Philharmonikern. (lautes schein-amüsiertes Lachen). Und nee, nee, nicht dass das jetzt jemand hier falsch versteht! Ich find das ja GUT! So`n bisschen naiver Optimismuskann ja nicht schaden! Aber ist schon klar, dass ich da als Klassenlehrer nen Haufen Arbeit habe, denn dass die Kleene  (er meint mich)  die Bande nicht im Griff hat, ist ja logisch. Heißt: Ich muss meine Vollpfosten da ORDENTLICH ein-NORDEN, damit diese Schnaps-Idee ÜBERHAUPT ne Chance hat. Aber nee, mach ich ja gerne. Die Plath ist ja eigentlich ne ganz Süße, der halt ich doch gern den Rücken frei…  So in etwa verklickert er es auch in Dauerschleife seinen elf Theater-Schüler*innen der 8b. Die Startvoraussetzungen sind also „super“… 

Ich lasse mich nicht beirren. Hauptsache mal raus hier und irgendwie wird es schon klappen, ich habe eine seltsame Zuversicht und ertappe mich bei dem Gedanken, ob ich wohl TATSÄCHLICH naiv bin. Scheiß der Hund drauf. 

Und dann beginnt das Projekt. Der Tänzer arbeitet mit den Jugendlichen unserer AG und den Kepler Jugendlichen in der Aula. Ich sitze, gemeinsam mit der Klassenlehrerin der anderen AG Kinder und den Kepler Kollegen, während der Proben immer am Rand und schaue zu. Herr Böhm lässt sich – zu meiner Erleichterung – nur sehr sporadisch blicken. Er hat Wichtigeres zu tun, als bei so einem Projekt auf der Bank zu sitzen, wie er sagt.  Selina, die sich nur zögerlich bereit erklärt hat, mit zu machen, hat dem Tänzer gleich zu Beginn der ersten Probe klargemacht, dass sie nur mitmachen könne, wenn »niemand sie anfasse«. Ich kriege ein schlechtes Gewissen und frage mich, ob das mit der Nackenschläge-Problematik der letzten Theaterstunde zu tun hat. Selina gibt allerdings gar keine Begründung, in ihrem Anliegen ist sie aber vollkommen klar.  Ich kann nur mitmachen, wenn mich keiner anfasst.  Der Tänzer nickt etwas unkonzentriert und sagt, das sei »kein Problem«.  Wie mutig und klar, dass sie ihre persönliche Grenze gleich zu Beginn so unmissverständlich benennt, denke ich und beobachte vom Rand aus das Geschehen. Beim Warm-up zu Beginn geht noch alles gut. Aber dann leitet der Tänzer kleine Hebefiguren an und die Jugendlichen sollen zu zweit arbeiten und sich gegenseitig kurz hochheben. Selina bleibt mit verschränkten Armen im Raum stehen und sagt, dass sie das nicht will. Daraufhin geht der Tänzer auf sie zu, legt mit freundlichem Gesicht seine Hände auf ihre Hüften und sagt:  Schau mal, das ist gar nicht schlimm. Ich mache es einfach mal vor…

Selina rastet aus. Und ich meine jetzt RICHTIG ausrasten. Volles Programm. Sie schreit und feuert eine Kanonade an Flüchen ab, dann schubst sie den Tänzer mit voller Wucht von sich. Jetzt explodiert auch der Tänzer und brüllt Selina zusammen. Aber statt, dass sie zurückweicht, wie ich es erwartet hätte, reißt sie den Kopf hoch und brüllt in voller Lautstärke zurück. Es hört gar nicht mehr auf. Der Tänzer versucht sie zu überschreien, aber rhetorisch ist sie ihm in der Vielfalt ihrer Beschimpfungen haushoch überlegen. Die gesamte Gruppe steht stumm im Raum und starrt die beiden an. Einige grinsen. Der Schlagabtausch dauert unendlich lange drei Minuten. Und es ist allen vollkommen klar, wie er endet: Mit Selinas Rausschmiss. Logisch. Der Tänzer fordert Selina in lauten, scharfen Worten auf, den Raum zu verlassen, er könne mit solchen »unerzogenen Gören« nicht arbeiten, sie brauche nicht mehr wieder zu kommen, er werde den Vorfall bei der Schulleitung melden, sie sei raus. Ende Gelände. 

Selina wirft mir einen kurzen bebend wutverzerrten Blick zu und zögert den Bruchteil einer Sekunde. Das ist meine Chance. Ich mache eine winzige beschwichtigende Geste mit meinen Händen und gebe ihr zu verstehen, dass sie einfach erstmal zu mir auf die Bank kommen soll. Selina steht noch ein paar Sekunden mit hochrotem Kopf im Raum, dann stampft sie wutentbrannt auf mich zu und lässt sich neben mich auf die Bank fallen. Ich habe Herzrasen. Ich weiß GENAU: In einer vergleichbaren Situation früher als Jugendliche in einem solchen Projekt hätte ich mich NIE im Leben getraut, einer Autoritätsperson SO entgegenzutreten. Ich stelle fest, dass ich emotional völlig durch den Wind bin. Irgendetwas hat mich zutiefst getroffen und ich versuche diesem krassen Gefühl in mir nachzugehen. Was ist das? Ich empfinde »flammende« Bewunderung und Solidarität für dieses Mädchen. Ich möchte sie am liebsten in den Arm nehmen und feiern. Aber. Alle anderen hier im Raum würden mich für VÖLLIG abartig halten. Oder? Alle – nämlich sowohl die Schüler*innen, die begleitenden Lehrkräfte als auch der Tänzer – scheinen von mir als Lehrerin dieser Klasse zu erwarten, dass ich Selinas Verhalten unmissverständlich sanktioniere. In mir aber ist der gegenteilige Impuls und pocht mir bis in den Hals. Ich DENKE nicht im Traum an eine Sanktion. Stattdessen stelle ich sie in meinen heimlichen Gedanken auf ein Siegertreppchen. Mit Schnappatmung sitze ich mental zwischen zwei Stühlen. Mir bei den Erwachsenen Respekt verschaffen, indem ich konsequent und streng durchgreife – oder meinem inneren Impuls folgen und eventuell als Weichei gelten und jeglichen Respekt – vielleicht bei ALLEN? – verlieren? 

Still sitzen wir beide nebeneinander auf der Holzbank, bis sie sich einigermaßen beruhigt hat. Irgendwann frage ich leise:  Was willst du jetzt machen, weiter mitmachen? Selina wirft mir einen trotzigen Blick zu:   Darf ich ja nicht!  Ich schüttele den Kopf.  Natürlich DARFST du weitermachen  –  die Frage ist, ob du das WILLST…? Soll ich noch mal mit ihm sprechen?   Selina zischt Nein! und starrt auf den Boden. In meinem Kopf tobt das Gedankenchaos. Versaut mir das jetzt jegliches Bisschen an Autorität, das ich in der letzten Zeit in der 8b so mühsam gewonnen habe, wenn ich in dieser Situation nicht „hart durchgreife“ und Selina „sanktioniere“, also die Entscheidung des Tänzers mittrage? Mein Bauchgefühl sagt mir:  Ich KANN einfach nicht. Ich KANN es einfach nicht. Sie hat RECHT.   Also gebe ich mir einen kleinen Ruck und sage leise zu Selina das, was ich in WAHRHEIT denke:   Ich hätte mich das in deinem Alter so NIE getraut, Selina, und du hast RECHT. Ich finde es unglaublich bewundernswert, dass du dich wehrst. Wenn du weiter mitmachen willst, finden wir eine Lösung, die für DICH ok ist.

Selina antwortet nicht und starrt weiter auf den Boden. Ich frage mich, ob sie mich überhaupt gehört hat. Es vergehen einige Minuten in absolutem Schweigen, wir beide nebeneinander auf dieser Bank, während die Probe vor uns weiterläuft. Dann plötzlich springt Selina auf und bewegt sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, mit schnellen Schritten in die Mitte des Raumes. Ich halte den Atem an. Aber sie sagt nichts, sie steht nur eine Weile einfach da, direkt vor dem Tänzer und hört ihm zu, beobachtet, was die anderen machen – und steigt dann wieder ein. Der Choreograf schaut irritiert, hält kurz inne, wirft mir einen fragenden Blick zu, ich nicke ihm zu, hebe kurz den Daumen, woraufhin ich einen Hauch von Ärger in seinem Gesicht zu sehen glaube, aber: Dann wendet er sich wieder der Gruppe zu. Und Selina bleibt. Die Probe geht weiter. Und ich sitze auf der Bank und kann mich gar nicht mehr beruhigen. Was war DAS denn? Ich kann es gar nicht fassen. Völlig unbeeindruckt von diesem ganzen Sheriff-Terror und der allgemeinen Ehrfurcht vor dem berühmten Choreografen und dem ganzen „Rhythm is it-Hype“ schubst Selina einfach mal das Alphatier beiseite und weist ihn in seine Schranken. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das hätte ich mich an ihrer Stelle damals als Schülerin NIE-MALS getraut. Dabei ist es eigentlich so selbstverständlich, so gesund: Jemand überschreitet meine Grenzen und ich wehre mich. Zack. Warum mache ICH das nicht? Warum HABE ich das nie gemacht? Ich habe plötzlich ein Gefühl von Reue über all die verpassten Situationen, in denen ich leider NICHT so mutig und widerständig reagiert habe. Der Druck, sich anzupassen und »keinen Ärger« zu machen, hatte bei mir selbst als Schülerin immer dazu geführt, dass ich im Zweifel bemüht war, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Niemals hätte ich mich in einer vergleichbaren Situation getraut, so massiv und laut zu protestieren und damit meinen Ausschluss zu riskieren. Denn wie weh das tat, schon auf einer viel kleineren Ebene Widerstand zu leisten, das hatte ich von zu Hause und als Kind ja bestens verinnerlicht: Das war, wie gegen einen elektrisch geladenen Zaun zu laufen: Dieser augenblickliche, ungeheure Schmerz, in der Folge als »schwierig«, »hysterisch« oder gar »verrückt« zu gelten – und ausgeschlossen – zu werden. Was für einen Mut braucht es also, als Jugendliche im übermächtigen System Schule und gegen eine allgemein anerkannte Autorität aufzustehen? Beschämt dachte ich auch an meine gegenwärtige Situation. Ich brauchte ja gar nicht groß von früher zu reden, auch jetzt war ich ja kein bisschen mutiger geworden. Ich befand mich die ganze Zeit in diesem ekligen Zwiespalt zwischen eigener Überzeugung und Angst, Vorteile zu verlieren: Trotz all meiner inneren Zweifel tat ich nichts gegen die hier herrschende Norm. Dabei fragte ich mich ununterbrochen, warum hier kein einziges Kind jemals nach SEINER Perspektive oder SEINEN Beweggründen gefragt wurde. NIEMAND kam in diesem ganzen Umfeld auf die Idee, zu fragen:  WARUM benehmen die sich so „unmöglich“? Wie geht es diesem Mädchen, dass es so krass reagiert? Warum war es immer diese empörte Reaktion, dieses:  Wieder mal ein UNMÖGLICHES Verhalten einer frechen Hauptschülerin! Dabei hat sie doch die Chance, an einem so tollen Projekt mit einem so renommierten Künstler teilzunehmen!  Warum lasen alle ununterbrochen die Reaktionen der Jugendlichen als verhaltensgestörtes, freches Fehlverhalten? Was wäre, wenn sie alle gute Gründe hätten? Was wäre, wenn alle ein Veto-Recht hätten? Wenn das die Regel wäre? Ich dachte an Tahers Frage: Was sind denn die Regeln beim Theater? Vielleicht das Recht, nein zu sagen? Letztendlich ist es ja so, dass wir ständig quasi auf einem 10-Meter-Turm stehen: Und wenn wir von da oben runter in die Tiefe schauen, dann möchten wir selbst entscheiden, wann wir springen – und nicht runter geschubst werden. Warum kann nicht jeder selbst entscheiden, wann, wie oder ob er-sie-es überhaupt springen möchte. Was würde sich verändern, wenn ich den Raum dafür hätte, selbst zu entscheiden, was ich will? Und was wäre dafür notwendig? Ich merke plötzlich, wie ich ganz aufgeregt werde, denn ich habe das Gefühl, dass dies vielleicht der Anfang zu einer guten Idee werden könnte. Warum nicht ein Veto Recht einführen? Und schauen, was passiert? 

Bereits am nächsten Tag führe ich in der 8b das Veto Recht ein. Und erlebe mein blaues Wunder. Meine Fahrt in den großen Eklat hat inzwischen Höchstgeschwindigkeit angenommen. Aber noch immer sehe ich das Disaster nicht kommen.

 

Türwächter*innen der Freiheit – Siebtes Kapitel

7 Rückblende – Der internalisierte Gehorsam

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Ausgelöst durch mein tägliches Scheitern als Lehrerin und die Sheriff-Atmosphäre kippte ich in einen ängstlichen, inneren Anpassungs-Modus. Ich kam NICHT auf die Idee, dass in meiner Anpassung bzw. Unterwerfung unter die Maxime „Hauptsache Disziplin“ und in der daraus folgenden Anstrengung, auch die Jugendlichen zur Unterwerfung zu zwingen, vielleicht genau der fatale FEHLER lag. Aber. Logisch:

Ich war selbst zeitlebens zum Folgen erzogen und sozialisiert worden. Es kam mir nicht in den Sinn, gegen mein inneres Unbehagen aufzustehen und andere Lösungen zu suchen. 

Skeptisch hätte ich natürlich werden können, im Angesicht dieser flächendeckenden menschlichen Verwahrlosung an diesem Ort. Hier waren nur Menschen unterwegs, die ALLE kein Gefühl mehr für sich selber hatten. Und in der Folge auch für niemand anderen mehr. Bewusstsein für die eigenen Integritätsräume gleich Null. Die Grenzen und Bedürfnisse aller Beteiligten – und zwar sowohl der jungen als auch der Erwachsenen – waren so oft und so existentiell überfahren und geschreddert worden, dass jegliche gesunde Ich-Stärke eingegangen war. Stattdessen eine fette Mauer aus Wut und Zynismus, um die kümmerlichen Reste des verbliebenen Selbstwerts vor der endgültigen Auflösung zu bewahren. Hier wusste NIEMAND, was Integritätsräume waren und wie mensch in gegenseitigem Respekt kommunizieren könnte. Vielleicht war es auch gar nicht gewollt. Der Mechanismus, die (angeblich) eigenen Überzeugungen, (die in Wahrheit allerdings nur den unhinterfragten Rollen entsprachen), für die einzig richtigen zu halten und über alle anderen schlecht zu reden und alle anderen runter zu machen, war hier „State oft the art“. Wenn jemand es wagte, von Gleichwürdigkeit und gegenseitiger Achtung zu reden, wurde das mit Zynismus, mitleidigem Augenrollen oder Verachtung abgewatscht. 

Leider hatte ich dem nichts entgegen zu setzen. Das Wort Integrität kannte ich nicht. Ein Gefühl dazu hatte ich schon gar nicht. Was sollte das sein? – Unglaublich eigentlich. Und erschreckend im Rückblick. Denn wenn es um Führungskompetenz geht – und das ist ja DIE Schlüsselqualifikation für den Lehrberuf – dann ist Integrität die Grundbedingung bzw. der Boden, auf dem wir stehen. Und dieser Boden war nicht da. Bei niemandem. Null. Bei den Lehrkräften nicht, weil die sich seit Ausbildungszeiten in einer Anpassungsmaschinerie befanden, in der es gerade NICHT um ihre eigene Bedürfnisse und Grenzen ging und bei den Jugendlichen dementsprechend auch nicht, weil dort jeglicher gesunde Ich-Impuls als Störung betrachtet und im Keim erstickt wurde. Abweichendes Verhalten war komisch. Nicht vorgesehen. Unmöglich! Unverschämt! 

Das hatte lange Tradition. Auch bei mir war das Monster des internalisierten Gehorsams lange Zeit systematisch genährt worden. 

Kleiner Rückblick: Aufgewachsen bin ich in Glücksburg, einer beschaulichen Kleinstadt im Norden Deutschlands an der Ostsee. Papa Musiklehrer, Mama Englisch- und Sportlehrerin. Oberstudienräte am örtlichen Gymnasium. Konservatives Elternhaus. Autoritäre Erziehung. Drei Brüder. Zu Hause quietschte immer mindestens eine Geige. Regelmäßige Mahlzeiten am Familientisch. Papa macht jeden Tag Mittagspause und während der Zeit müssen alle todes-leise sein. Wehe dem, der stört. Kinder, die in der Mittagspause anrufen oder gar vor der Haustür stehen und klingeln, bekommen einen eindrucksvollen Tobsuchtsanfall meines Vaters geboten, der sich gewaschen hat. Wer das einmal erlebt hatte, klingelte auf jeden Fall NICHT mehr in der Mittagspause. 

Regelmäßig Hausmusik, vor Weihnachten Advents-Singen mit und ohne Gäste. Uns Kindern wird der christliche Glaube vermittelt, aber eher so als Sache, die sein muss, warum wird nicht erklärt und Sonntag geht’s ab in die Kirche. Vorm Einschlafen sage ich immer ein Gebet auf – wie ein Gedicht. Einmal gehe ich als etwa Fünfjährige ans Telefon und sage aus Versehen mein Gebet auf – direkt in den Hörer. „Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir, hast auch uns doch nicht vergessen, lieber Gott, wir danken dir“. Hatte die auswendig gelernte höfliche Ansage „Hallo, hier ist Maike Plath, mit wem ich spreche ich?“ mit dem anderen Text verwechselt. Auch bei den Weihnachtsliedern sind mir die Texte teilweise unklar, ich singe sie dennoch – stolz darauf, dass ich sie auswendig kann – mit viel Inbrunst zu Papas Klavierbegleitung mit. 

Vom Glauben ist mir heute nicht mehr so viel geblieben. Was mich aber immer noch überzeugt, ist der Grundgedanke der Nächstenliebe. Erstaunlich war für mich nur immer die Beobachtung, dass ausgerechnet die Leute, die eifrig von Nächstenliebe redeten, ihre Nächsten eigentlich nicht so sehr liebten.

Schon als Kind lernte ich, dass genau diejenigen die ganz besonders beflissen für die Nächstenliebe eintraten, andere Menschen tüchtig ausgrenzten und verurteilten. Von der Nächstenliebe ausgeschlossen wurden all diejenigen, die beispielsweise NICHT in die Kirche gehen wollten, oder NICHT heiraten und Kinder kriegen oder NICHT einer geregelten Arbeit nachgehen oder in irgendeiner anderen Weise ihr eigenes, abweichendes Ding leben wollten.

Aha. Dachte ich. Besser nix falsch machen. Denn dann gilt die (Nächsten-) Liebe leider nicht für dich. 

Glücksburg an der Ostsee, 1975-1990: 

Wie alle Kinder wollte ich unbedingt geliebt werden und ich merkte schon sehr früh, dass ich deutlich MEHR geliebt wurde, wenn ich die Erwartungen anderer grundsätzlich über meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche stellte. Erwartungen der anderen in meiner Kindheit waren: Nicht widersprechen. Viel lächeln, höflich sein, lieb sein. Mit angemessener Tonlage sprechen. Sich über Geschenke freuen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Dafür dann trotzdem übertrieben dankbar sein. Briefe in Schönschrift schreiben: Liebe Tante Olga, vielen, vielen Dank für den tollen Serviettenring, den ich SEHR gut gebrauchen kann. (Nach diesem ersten gelogenen Satz, der schnell von der Hand ging, musste man dann noch die ganze Seite vollkriegen. Schwierig, denn wer war Tante Olga?). Gute Noten schreiben. Pünktlich sein. Zuverlässig sein. Den Sonntags-Spaziergang mitmachen, obwohl ich lieber in meinem Zimmer auf dem Bett liegen und lesen wollte. Sonntag Nachmittaggemeinsam mit der Familie Kuchen essen, obwohl ich keinen Kuchen mag. Klassische Musik hören (keine U-Musik. Schlechter Einfluss. Macht dumm. Ach so). Mit den richtigen Kindern befreundet sein. Zum Beispiel nicht mit den Kindern, deren Eltern geschieden sind. Schlechter Einfluss. Ach so. Sich bei Tisch benehmen, also mit Messer und Gabel essen und Serviette in den Schoß legen. (Hier kam der Servietten-Ring zum Einsatz! Wo der heute geblieben ist, keine Ahnung). Anschließend dann Mund abtupfen und Serviette ordentlich mit Messer und Gabel (parallel!) auf den Teller zurücklegen. Parallel heißt: Fertig. Ansonsten muss weiter gegessen werden. Kartoffeln nicht schneiden, sondern mit der Gabel zerdrücken. Auf keinen Fall – nie niemals IRGENDWAS mit den Händen essen oder gar die Finger ablecken! Nicht diskutieren. Besser zustimmend nicken und anderen das Gefühl geben, dass sie entzückend und klug sind. Grundsätzlich höflich zu Erwachsenen sein. Ungerechtigkeiten runterschlucken (kein Fass aufmachen, nicht „hysterisch sein“). Ich wusste als Kind nicht, was „hysterisch“ ist, aber wenn ich anfing zu heulen oder wütend wurde oder widersprach, dann kam der Satz: Sei nicht hysterisch. Ach so. Emotional werden war also „hysterisch“. Besser vermeiden. Und: NIE! – NIEMALS über die eigenen Gefühle reden. GOTT- wie peinlich! 

Ok. Ließe sich jetzt weiter auflisten. Punkt ist aber verstanden, glaube ich. 

Was mir auf jeden Fall gründlich ausgetrieben wurde, war: Mir selbst treu zu sein. Oder überhaupt zu WISSEN, was das überhaupt bedeutete: Mir selbst treu sein. Was ich stattdessen irgendwann perfekt konnte: Die Erwartungen meines Umfeldes in Windeseile „riechen“ können und dann eine bravouröse Anpassungsleistung hinlegen. Ich wollte immer die Eins: Was für ein entzückendes Mädchen! Was für ein KLUGES Kind! (Ich wollte unbedingt klug sein! Die beste sein!). Drunter machte ich es nicht. Bisschen Wut runterschlucken. Kein Ding. Meinen Gefühlen zu irgendwas grundsätzlich misstrauen und wegdrücken. Ich lernte: Die sind IMMER peinlich und machen dich lächerlich und wertlos. Also besser: Ohne Jammern Zustände aushalten, die sich unangenehm anfühlen. Kein Problem. Reiß dich zusammen! Merkte ich irgendwann gar nicht mehr so. Gab ja dann immer die Eins und das Lob – also Zuwendung. Und von dieser Zuwendung nährte sich mein Selbstwert. 

Seltsamerweise hatte ich dabei aber immer eine diffuse Grund-Angst, „irgendwie aussortiert zu werden“, raus zu fliegen, weg geschickt zu werden, bzw. VIELLEICHT DOCH DUMM, also UNBEGABT zu sein. Das war nur so gefühlt und ziemlich unkonkret, aber deswegen nicht weniger bedrohlich. Ich verwendete also viel Gedanken und Energie darauf, mich so zu benehmen, dass ich nicht als DUMM oder UNHÖFLICH oder SCHWIERIG gelten konnte, mein wahres, also vielleicht dummes (?) Ich zu verbergen.

Während der Grundschulzeit spielte ich immer gerne Schule. Meine Freundinnen bekamen von mir liebevoll gestaltete „Arbeitsbögen“, die sie „ausfüllen“ mussten und die ich hinterher „benotete“. Das Spiel machte aber nur Spaß, wenn alle eine 1 bekamen. Ansonsten gab es Tränen und Streit. Also lernte ich meine „Arbeitsbögen“ so zu entwerfen, dass alle eine 1 bekamen oder ich gab während des Ausfüllens viele „gute Tipps“. 

Meine damaligen Grundschullehrerinnen machten das aber nicht so. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir unsere ersten Noten bekommen haben, aber es war trotzdem immer vollkommen klar, wer gut war und wer nicht. Schon im ersten Jahr verschwanden die zwei MICHAELS aus unserer Klasse, weil sie ganz eindeutig NICHT GUT waren. Der eine Michael war klein und dünn und hibbelig und kriegte immer Wutanfälle. (Hysterisch, dachte ich). Dann musste er raus vor die Tür und von außen die Türklinke runter drücken. Das machte er aber nicht, sondern stattdessen trat er von außen laut bollernd gegen die Tür. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Der andere Michael war sehr dick und machte gar nichts – oder aß Paprika Chips aus einer großen raschelnden Tüte. Er war auch nach einem Jahr weg. Wir wussten alle in der Klasse, dass die Michaels „nicht mitkamen“ und deswegen woanders hinmussten. Da, wo die „bösen“ und die „dummen“ Kinder hinkamen: Zur Sonderschule – oder noch schlimmer: Zur Hauptschule.

Die befand sich neben dem Grundschulgebäude und die Schüler*innen beider Schulen nutzten den Schulhof gemeinsam. Die Hauptschüler*innen hielten sich in den Pausen bevorzugt am Rande des Hofs an den Fahrradständern auf. Dort standen sie und rauchten und waren – aus unserer Sicht – irgendwie älter, ein bisschen gefährlich und – cool.

Meine Freundin Kerstin und ich spielten meistens mit ein paar anderen Mädchen aus unserer Klasse Gummi-Twist. Wir gingen nie zu den Fahrradständern, weil wir ein bisschen Schiss vor den Hauptschülern hatten. Besonders die Jungs mit ihren Lederjacken und „bösen Gesichtern“ jagten uns Respekt ein. Gleichzeitig wussten wir, dass die Hauptschule die Schule für die dummen Kinder ist und wir fühlten uns ein bisschen wichtig, weil klar war, dass wir natürlich nach der vierten Klasse aufs Gymnasium kamen.

Kerstin kam irgendwann auf die Idee, dass wir eine Mutprobe machen könnten: Marcel ärgern. Marcel war bei den Hauptschülern derjenige, der am gefährlichsten aussah. Er war in der 8. Klasse, rauchte Kette, sagte immer „Scheiße“ und „Fuck“ und hatte manchmal ein blaues Auge. Wir stellten uns vor, wie er nach der Schule wahrscheinlich immer Leute verprügelte. Marcel schien uns der perfekte Kandidat für eine Mutprobe zu sein.

Eines Mittags nach der Schule steigen Kerstin und ich also in den Schulbus, mit dem Marcel immer nach Hause fährt. Wir setzen uns direkt hinter Marcel und als der Bus losfährt, fangen wir an, laut Witze über ihn zu machen. Am Anfang haben wir noch Herzrasen und sagen immer nur solche Sachen, wie: „Puh ha, der Marcel ist schon ein wahnsinns-wichtiger Typ“. Aber weil nix passiert, werden wir mutiger und lauter und trauen uns, immer frechere Sachen zu sagen.

Wir machen uns darüber lustig, dass er so oft ein blaues Auge hat und dass er sich wahrscheinlich wie ein toller Gangster fühlt, aber sein IQ ja wahrscheinlich nicht so dolle ist, usw. Dazwischen lachen wir uns vor Aufregung halbtot und uns fallen immer bessere Sachen ein. Wir kommen uns sehr sehr lustig und sehr sehr mutig vor. Diesem arroganten Marcel, dem haben wir es jetzt aber mal richtig gegeben…

Dann kommt die Haltestelle, wo ich aussteigen muss. Ich gehe durch den Bus nach vorne und steige vorne beim Busfahrer aus. Als der Bus weiterfährt und ich alleine auf der Straße stehe, sehe ich, dass Marcel hinten leider auch ausgestiegen ist.

Er kommt in seiner schwarzen Lederjacke auf mich zu und sieht so aus, als wolle er mich töten. Er ist zwei Köpfe größer als ich und ich denke „Der bringt mich jetzt um“. Dann steht er vor mir und zischt: „Du miese kleine Ratte“.

Er packt mich mit beiden Händen am Jacken-Kragen und schüttelt mich durch, dann schubst er mich weg, ich versuche, weg zu laufen, doch er hält mich fest und gibt mir dann einen solchen Tritt, dass ich auf die Straße knalle.

„Du mieses Stück Scheiße, du hochnäsige Prinzessin, du bist der letzte Dreck, nächstes Mal brech ich dir die Nase!“

Ich liege auf dem Asphalt und warte auf den nächsten Tritt. Aber Marcel geht an mir vorbei. Kurze Zeit später ist er weg.

Ich rappel mich auf und schüttel den Dreck von der Jacke. Meine Kniee bluten und meine Hände sind dreckig und blutig verschrammt. Ich heule ein bisschen und gehe dann nach Hause. Meinen Eltern erzähle ich nichts. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dies keine ruhmreiche Geschichte für mich ist.

Später habe ich mich immer gefragt, wie Marcel diese Geschichte erzählen würde. Marcel mit dem blau geschlagenen Auge, der mit 14 schon Kette rauchte und nach der 8. Klasse die Schule verließ. Seine Version dieser Geschichte fehlt. (Erst viele Jahre später hatte ich es wieder mit Jugendlichen wie Marcel zu tun – als Lehrerin in Neukölln. Und natürlich hielt ich sie entsprechend meiner Sozialisation anfangs für „kleine Gangster“. Bis ich eines Tages –IHRE Versionen dieser Geschichten hörte. 

In der dritten Klasse hatte ich erwartungsgemäß nur Einsen und meine Hefte sahen aus wie Poesiealben in gestochener Schönschrift (Pelikan Füller! Alles voll geklebt mit Glitzer-Tauschbildern, überall rieselte so silberner Sand aus den Seiten). Zur Belohnung für meine perfekte Schönschrift „durfte“ ich einmal eine ganze Stunde lang vorne am Lehrerpult sitzen und vor allen anderen Bonbons lutschen, die in einem riesigen Glas vor mir standen. Hatte Frau Meier extra von zu Hause mitgebracht. Sie erklärte strahlend vor der ganzen Klasse, dass ich jetzt die ganze Unterrichts-Stunde vorne am Pult sitzen und Bonbons lutschen durfte, weil ich immer so schön meine Hausaufgaben machte und meine Hefte aussahen wie Kunstwerke. Ich hatte es „verdient“, meinte sie. Ich selber war fassungslos über diese Grausamkeit und überlegte noch wochenlang, was ich Frau Meier getan hatte oder ob sie vielleicht wirklich so dämlich war. Natürlich war diese Stunde mein sozialer Suizid. Die ganze Klasse HASSTE mich – logisch – fortan.

Nach diesem Bonbon-Stunden-Trauma passte ich auf, dass ich keine Einsen mehr schrieb. Ich vergaß mit Absicht meine Hausaufgaben, schrieb Wörter absichtlich falsch und malte mit Spucke auf meinem Tisch herum. Einmal musste ich deswegen nach vorne kommen. Frau Meier, die zu dem Zeitpunkt SEHR ENTTÄUSCHT von mir war, zitierte mich nach vorne ans Pult und fragte übertrieben laut: Welche Hand war das? Ich wunderte mich, dass sie schon wieder so dumm war – denn mit welcher Hand hatte ich wohl geschrieben, wenn ich Rechtshänderin war? Ich sagte: Die da und hielt meine linke Hand hin. Denn die rechte brauchte ich für zu viele Sachen, wie ich fand. Sie patschte mir drei Mal hart auf die Hand und sagte dabei mit empörter Stimme: Eins! Zwei! Drei!

Ungefähr zu der Zeit habe ich aufgehört, Schule zu spielen. 

Der Gedanke, dass man sehr schnell „raus fliegen“ kann, kam mir schon sehr früh. Lange, bevor ich mit der Schule Bekanntschaft machte. Als Kind beobachtete ich bei meinen Eltern, dass es nur sehr wenige Menschen gab, über die sie positiv redeten. Die meisten waren irgendwie „SCHLECHTER EINFLUSS“ für mich und meine Geschwister, da sollten wir uns fernhalten. Beim gemeinsamen Mittagessen ging es sehr oft um Kollegen, Bekannte oder sogar Familienmitglieder, die irgendwas falsch machten bzw. falsche Ansichten hatten, „faul“ waren – oder ordinär. Ordinär sein war ganz schlimm. Ich wusste lange Zeit nicht genau, was mit „ordinär“ gemeint war. Aber es hatte etwas mit Sprache und mit Verhalten zu tun – und mit „den Verhältnissen“, aus denen man kam. Die „Verhältnisse“ waren wichtig. Kinder von geschiedenen Eltern beispielsweise waren „kein guter Einfluss“ für mich, denn das waren Leute, deren Familienverhältnisse „unübersichtlich“ waren. Hieß: Geschieden, womöglich alleinerziehende Mütter mit neuen Partnern, oder Männer mit neuen Frauen, alles gar nicht gut. Das leuchtete mir als Kind auch irgendwie ein. In jedem Märchen konnte ich erfahren, dass eine Stiefmutter keine gute Sache war. Aber darüber hinaus wurde es schwierig für mich, die Regeln zu durchschauen, nach denen meine Eltern andere Menschen beurteilten bzw. abwerteten. Ich verstand nur: Man konnte offenbar sehr viel falsch machen. 

Meine Eltern benutzten damals noch das Wort „Gammler“. „Gammler“ waren Jugendliche mit langen Haaren und irgendwie ungepflegten Klamotten, die rauchten und „LAUTE POPMUSIK“ hörten, gar nicht gut. Meine Mutter sagte „Popmusik“ oder „Klopfmusik“ und fand, das „sei etwas für die Affen“. Sie hatte diese Ansicht 1:1 von ihrem Vater übernommen, der offenbar als Vorbild galt – obwohl ich immer Angst vor ihm hatte und bei jedem Besuch froh war, wenn wir wieder ins Auto steigen und wegfahren durften.

Mit sechs Jahren beschloss ich, dass es vielleicht lustiger wäre, bei Beate zu wohnen, als bei meinen Eltern. Seit mein kleinerer Bruder geboren war, kam Beate zu uns, um auf ihn aufzupassen: Sie war 19, trug immer enge Jeans und Lederjacke und war in meinen Augen eine Lichtgestalt. Ein Kindermädchen wie Mary Poppins. Ich dachte, dass es viel schöner sein würde, wenn ich bei Beate wohnte. Dann hätte mein kleiner Bruder Beate am Vormittag für sich allein und ich am Nachmittag und nachts. Diese Vorstellung machte mich zufrieden, es erschien mir gerecht. Ich stellte mir meinen „Umzug“ in allen Einzelheiten vor und wartete, bis sich eine gute Gelegenheit ergab. 

An einem Herbstnachmittag, ich war seit zwei Monaten in der ersten Klasse, war ich bei einer Freundin in der Nachbarschaft zum Spielen. Vorher packte ich sehr sorgfältig einen kleinen roten Plastikkoffer: Zwei Bifis, eine Tafel Schokolade und meine beiden Puppen, die hießen Petersen und Christiansen (ich hatte beobachtet, dass das in Schleswig Holstein die Namen waren, mit denen man DRIN BLIEB im Spiel, das waren die Leute, die schon sehr LANGE hier wohnten und die man deswegen niemals aussortieren würde. Und für meine Puppen wollte ich natürlich nur das Beste. Die sollten auf jeden Fall ohne Zweifel DAZU GEHÖREN und deswegen mussten sie Petersen und Christiansen heißen). 

Als ich ungefähr eine Stunde mit meiner Freundin Yvonne im Garten gespielt hatte, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg zu Beate. Der kleine Ort, in dem ich aufgewachsen bin, ist nicht groß und ich hatte mir gemerkt, wo Beate wohnte. Ich dachte, dass sie sich bestimmt freuen würde, wenn wir zusammenwohnen würden, denn sie war ja auch alleine. Und vormittags, während ich in der Schule war, würde sie ja sowieso immer bei uns zu Hause sein und auf meinen kleinen Bruder aufpassen. Dann konnte sie immer berichten, wie es mir geht und niemand musste traurig sein. Das war mir wichtig, denn ich wollte auf keinen Fall, dass meine Eltern wegen mir traurig waren. 

Nach höchstens 10 Minuten Fußweg stand ich vor Beates Wohnungs-Tür und klingelte. Es dauerte sehr lange, bis sie die Tür öffnete und ich war erstaunt, wie sie aussah: Sie hatte nur so eine Art Nachthemd, also ein sehr großes Mickey Maus T-Shirt, an und ich dachte, komisch, ist sie mitten am Tag schlafen gegangen? Überhaupt war alles sehr seltsam, weil sie sich auch nicht so sehr freute, wie ich gedacht hatte. Trotzdem sagte sie irgendwann doch: Na gut, dann komm mal rein. Wir gingen durch einen engen dunklen Flur und ich hatte nicht so ein gutes Gefühl. Beate rief: Teddy, Maike ist hier! Und bevor ich mich fragen konnte, wer „Teddy“ war, sah ich ihn schon: Wir standen im Türrahmen zu ihrem Schlafzimmer und da lag ein Mann im Bett. Er hatte nur eine Unterhose an und rauchte eine Zigarette. Mir war irgendwie sofort klar, dass mein Plan nicht aufgehen würde. Ich bekam zwar ein Glas Orangensaft und Beate lächelte und sagte: Na, was machst du denn hier? Aber ich wusste, dass sie dachte, ich wäre nur zu Besuch gekommen. Ich trank meinen Saft aus, nahm meinen Plastikkoffer und machte mich wieder auf den Weg. Nach Hause wollte ich aber auch nicht. Deswegen setzte ich mich auf eine Bank auf den Parkplatz vor dem Glücksburger Schloss, Petersen und Christiansen links und rechts neben mir, und aß meine Bifis. Erstmal überlegen. Wo könnte man sonst noch hin? Mir fiel nichts ein. Irgendwann wurde es dunkel und ich stand auf und ging langsam nach Hause. Meine Mutter war nicht weiter überrascht über mein Erscheinen, was mich ein bisschen enttäuschte, was aber auch nicht verwunderlich war, denn sie dachte ja, ich wäre bei Yvonne gewesen. 

Im Postgebäude in Glücksburg hing an der Wand ein großes Plakat mit „Gammlern“. Jedenfalls stellte ich mir so die „Gammler“ vor. Es waren düster dreinblickende Menschen mit wirren Haaren, die schreckliche Verbrechen begangen hatten, wurde mir mit bedeutungsvollem Blick zugeraunt, und die deshalb von der Polizei gesucht wurden. Ich stand oft vor diesem Plakat, betrachtete die Gesichter der gesuchten „Touristen“ (wie ich das Wort verstanden hatte), und gruselte mich auf angenehme Weise, denn mir war klar, dass solche schlimmen Verbrecher niemals nach Glücksburg kommen würden. Hier war ich in Sicherheit. Aber irgendwo da draußen rannten also diese „Touristen“ rum und knallten Leute ab. Ich gruselte mich wohlig und war froh, dass ich immerhin nie so eine schlimme Außenseiterin sein würde wie diese „Touristen“. Im Verhältnis zu denen gehörte ich noch ordentlich dazu und machte alles richtig. 

Ich lernte, dass die „Touristen“ auf dem Plakat im Postamt „Linke“ waren. Aber auch insgesamt waren bei meinen Eltern Leute nicht gerne gesehen, die „LINKS waren“, oder Leute, die irgendwie „anders „ lebten“ –  und über Schwule wurde gar nicht erst geredet, das war völlig undenkbar. Schlechter Einfluss waren auch die SCHWER ERZIEHBAREN JUGENDLICHEN aus dem Heim nebenan. Die waren „KRIMINELL“. Dann gab es als Vorstufe zum schlechtem Einfluss noch die Leute, die man zumindest höchst skeptisch betrachten musste, z.B. die Leute von der Waldorfschule. Als Kind glaubte ich, dass da nur verrückte Spinner sind. Meine Mutter sagte immer: „Nett aber verrückt. Im wahren Leben kommen die nicht klar“. 

Was auch interessant war: Der Lehrerberuf stand zwar hoch im Ansehen, immerhin waren ja sowohl meine Mutter als auch mein Vater Lehrer – aber es galt ausschließlich der Gymnasiallehrer. Realschullehrer, Hauptschullehrer, oder gar Grundschullehrer galten bedeutend weniger und als Kind kam mir das auch ganz logisch vor: Zum Gymnasium gingen ja auch die klugen Kinder, die weniger klugen kamen an eine Realschule und die ganz Dummen mussten zur Hauptschule. Diese Logik übertrug ich 1 zu 1 auch auf die entsprechenden Lehrer und zu Hause am Mittagstisch wurde das bestätigt. 

Der einzige Schultyp, der von meinen Eltern geachtet wurde, war das Gymnasium. Auf der Realschule und der Hauptschule waren die „Nicht-so-Begabten“. Es war völlig undenkbar, dass ich nicht aufs Gymnasium gehen würde. Als ich endlich dort war langweilte ich mich meistens und hatte regelmäßig Bauchschmerzen wegen der Klassenarbeiten. Besonders Mathearbeiten konnten auf Wochen meine Stimmung versauen. Auf dem Weg zum Gymnasium, an dem auch meine Eltern unterrichteten, fuhr ich – im Familienauto auf der Rückbank – immer an Feldern mit Kühen vorbei. Jeden Morgen wünschte ich mir, ich wäre eine von diesen Kühen und könnte einfach auf der Weide stehen und kauen. Den ganzen Tag lang. Kein Stress. Keine Erwartungen. Einfach nur grüne Wiese und fressen. Außerdem fand ich Kühe sehr schön. Besonders ihre Augen. Die wissen was, von der Welt, dachte ich. Auf dem Rückweg nach Hause hatte sich die Lage dann aber komplett verändert. Auf dem Rückweg hätte ich niemals im ganzen Leben mit einer dieser Kühe tauschen wollen. Denn dann kamen die schönen Sachen. Mit Freundinnen im Garten sämtliche Bücher von Erich Kästner nachspielen. Das doppelte Lottchen. Das fliegende Klassenzimmer. Emil und die Detektive. Die Rollen wurden verteilt und dann spielten wir Kapitel für Kapitel durch. Mit Kostümen und Musik-Einspielungen vom Kassettenrekorder. Also quasi mit Soundtrack. Manchmal spielten wir auch Winnetou und Old Shatterhand. Aber da gab es oft Streit, weil jede von uns Winnetou sein wollte.

Zu Hause ging es in den Gesprächen beim gemeinsamen Mittagsessen häufig um Noten. Eine 3 war ein Disaster. Undenkbar. Eine Enttäuschung. In den Herkunfts-Familien meiner Eltern war die akademische Bildungsbiografie der unausgesprochene Standard. Wehe dem, der „dahinter“ zurückblieb: Gleich „gestorben“. Als Kind lernte ich schnell, dass alle Menschen, die kein Abitur und kein Studium hatten, „irgendwie gescheitert“ waren. Man blickte in unserer Familie auf sie herab. Mir war im Alter von fünf, sechs Jahren bereits klar, dass sich der Wert eines Menschen an seinem gesellschaftlichen Status bemisst. Künstler*in beispielsweise durfte man in unserer Familie nur werden, wenn man „dann auch sichtbar, also öffentlichkeitswirksam, Erfolg hatte“ – sich also der gesellschaftlich hohe Status durch „öffentliche Anerkennung“ einstellte. Da niemand in meiner Herkunftsfamilie als Künstler berühmt geworden ist, obwohl es viele versuchten, endeten die künstlerischen Ausbruchversuche immer irgendwie auf halber Strecke und wurden dann durch Kompromisse („dann werde ich halt doch Lehrer, Tierarzt, Rechtsanwalt,…“) an die Norm der akademischen Bildungsbiografie angepasst. 

Mit 14 war ich bereits davon überzeugt, dass ich zu den „Nicht-so-Begabten“ gehörte, quasi eine Hochstaplerin war, die sich nur deswegen am Gymnasium hielt, weil ich die heimlichen Codes kannte, um in diesem Feld zu überleben. Selbstwert also gen Null. Denn außer dem Deutsch- und Musikunterricht, der Big Band und der Theater- und Ballett-AG fand ich alles ziemlich uninteressant und konnte mir nichts länger als zwei Wochen merken. Glücklicherweise war mir aber von kleinauf der Katalog der Ausschluss-Kriterien gut bekannt, so dass ich diverse Tricks anwenden lernte, um meiner Umwelt vorzutäuschen, dass ich zu den „Begabten“ gehörte und somit im Kreis der Anerkannten bleiben durfte. Für Klassenarbeiten schrieb ich stundenlang Spickzettel in Mini-Schrift, die ich mir mit Tesafilm in die Innenseiten eines langen Ober-Hemds (Achtung 80-er!) klebte und Zeile für Zeile abschrieb. An den ganz und gar nicht in Frage kommenden FETEN, auf denen GENESIS gehört und Joints geraucht wurden, nahm ich teil, in dem ich nachts mit dem Fahrrad nach Flensburg fuhr und morgens früh wieder zurück, um dann am Sonntag Morgenam Frühstückstisch betont hellwach und ausgeschlafen zu performen. 

Wenn ich heute sagen soll, was ich in der Schule gelernt habe, dann ist das ziemlich wenig: Die englische Sprache (durch ständiges Romanlesen ab 14 ganz ok), ein bisschen Latein (die paar Sätze könnte man auch in 10 Minuten aus einem Sprüchebuch auswendig lernen), ein bisschen Französisch (Je ne parle pas Francais… ). Fertig. Für diesen Output am Ende von 13 Schuljahren erscheint mir das Ergebnis im Verhältnis zum Zeitaufwand recht kümmerlich. Erstaunlich, welche Bildungswunder sich heutzutage so viele vom Gymnasium erhoffen. Ich würde gerne mal testen, was heutige Abiturienten 5 Jahre nach ihrem Abschluss noch abrufen können – und wie zentral wichtig sie diese Wissens-Restbestände in Bezug auf ihr zukünftiges Leben einschätzen… 

Sehr leer ist mein Gehirn, was die Erinnerung an all diese vielen Jahren Fachunterricht angeht: Im Fach Erdkunde erinnere ich mich beispielsweise noch an das „Klimadiagramm von Timbuktu“, nicht aber, was es eigentlich aussagte. Ich kann mich auch an einige ratternde Filme mit herumfliegenden Kritzeln auf der Leinwand erinnern: Beispiel: Das Paarungsverhalten der Stichlinge. Wie sie sich nun paaren, kann ich allerdings nicht sagen und weiß auch nicht, ob ich das jemals wusste. 

Aus der Schulzeit ist ein großes Nichts zurück geblieben.. Ich habe demnach Stunden um Stunden, Tage um Tage, Jahre um Jahre die Zeit totgeschlagen.

Ich erinnere mich an die Menschen, an die Orte, an die Theateraufführungen, an die Proben, an unsere Texte, unsere Stücke und Gespräche, an die Reisen mit der Theatergruppe und der Big Band und die Auftritte – und das Hochgefühl, das ich dabei hatte. Den Rest habe ich offenbar erfolgreich ausgemistet. 

Es war damals aber immer klar, dass genau diese Anteile des Schullebens eben NICHT „zählten“. Das war nicht der „richtige Unterricht“. Das war „nur Spaß“, nur AG, nur Freizeit. Wenn ich nun aber 30 Jahre später feststelle, dass ich vom „richtigen Unterricht“ nahezu alles vergessen habe, mich aber andererseits bis auf den heutigen Tag auf zahlreiche Erfahrungen beziehe, die ich in den „Spaß-Projekten“ gemacht habe, frage ich mich, wieviel Sinn diese „Das ist die ernste Arbeit“- und „Das ist nur Spaß“- Gewichtung macht. 

Das Gleiche gilt für den Beziehungsaspekt. 

Interessiert habe ich mich in der Schule eigentlich immer nur für die ANDEREN – meine Mitschüler*innen und was ich mit ihnen erlebte. Was die machten, was die sagten, welche Gefühle das bei mir auslöste, was in der Gruppe passierte, wer cool war, wer nicht, wer mit wem „ging“ – und meine eigene Position innerhalb der Gruppe. Alles andere war uninteressant und wurde in meinem Gedächtnis erfolgreich geschreddert. All das aber galt in den Augen meiner Eltern als oberflächlich. Ach so. 

Genau wie in der Schule lernte ich auch zu Hause, dass ich auf der einen Seite Ablehnung erfuhr, wenn ich „schwierig“ oder „oberflächlich“ wurde und auf der anderen Seite Anerkennung und Nähe, wenn ich erfolgreich war. Ich sollte mich „benehmen“, freundlich, höflich und hilfsbereit sein, regelmäßig Klavier üben, meine Hausaufgaben machen und „funktionieren“. Mir war vollkommen klar, dass ich nicht „diskutieren“ und nicht „emotional“ werden sollte. Ich wusste immer, was „man macht“ und was „man nicht macht“. 

Sobald ich auch nur anfing zu rebellieren, wurde mir sofort vorgeworfen, dass ich „unter dem Einfluss“ von irgendeinem furchtbaren Menschen stünde. Auf keinen Fall konnte so ein Gedanke in mir selbst entstanden sein, denn „so bist du ja gar nicht“. 

Was ich als Erziehung erlebt habe, bestand also im Wesentlichen darin, das, was ich selbst dachte oder tun wollte, als vollkommen abstruse Verhaltensweisen zu unterdrücken und „schlechte Einflüsse“ (von denen ich geradezu umzingelt zu sein schien) von mir fernzuhalten. Was ich tun und sagen musste, damit ich Nähe und Zuneigung erhielt, wurde für mich zu einem sehr eindeutigen Verhaltens-Kanon, den ich meistens schauspielerisch zufriedenstellend absolvierte – ohne dabei zu zeigen, was ich wirklich dachte oder wollte. So erspielte ich mir Lob und Zuspruch, wusste aber immer, dass ich das nicht wirklich verdient hatte – denn ich tat ja nur so „als ob“. 

Meine „Werte“ mit 20 ließen sich dann irgendwann wie folgt zusammenfassen: Sei zu allen Leuten nett (Interpretation von Nächstenliebe) und passe dich bestmöglich an. Sei eine entzückende, BESCHEIDENDE (!), Person, die sich in allem selbst zurückstellt, mit einem glockenhellen Lachen, die allen Menschen immer alles recht macht. 

Genau. Deswegen war das Wort Integrität für mich ein Fremdwort. 

Unmerklich hatte sich bei mir eine Grundhaltung ausgebildet, die jeglichem Gefühl für meine eigene Integrität komplett entgegenlief und die Grundlage dafür war folgendes:

Lange Zeit fühlte ich mich ganz toll moralisch überlegen, dass ich „mein eigenes Wollen so in den Hintergrund stellte“. Denn da lag der vermeintliche Wert des Altruismus drunter: Ich bin ein besserer Mensch, weil ich mich selbst nicht so wichtig nehme. Immer schön bescheiden sein, ne? Und das war dann auch so schön, wenn alle mich deswegen MOCHTEN. So kommt mensch ja gut durchs Leben: Immer freundlich, immer leicht devot, immer hilfsbereit, immer schön lächeln. Immer bei den Erwartungen der anderen sein. Nee, mach du mal, ich nehm mich selbst ja nicht so wichtig. Geh du mal vor. Nee, ich schlaf auf jeden Fall auf der Couch. Ich brauch nicht so viel. Ach, nimm einfach, nee, ist kein Problem. Ich mach das einfach umsonst. Es geht mir ja um die INNEREN Werte.Ach. Es ist so toll, ein guter Mensch zu sein. 

Nein. Eigentlich nicht. Denn. In Wahrheit wird man dadurch. Ein. Schlechter. Mensch.

Weil: Unmerklich war ich auf der moralischen Autobahn gelandet, die direkt zu den lästernden und ausgrenzenden Menschen führte, die von Nächstenliebe reden, aber ihrem Vordermenschen im Supermarkt in der Schlange mal ganz kurz „aus Versehen“ den Einkaufswagen in die Hacken rammen müssen. Diese leichte passiv-aggressive Art. Der schon wieder! Kann der nicht mal seinen Müll weg bringen? Nicht so viel trinken? Nicht so laut sein? Nicht rauchen? Mehr arbeiten? Fleißiger sein? Sportlicher sein? Hilfsbereiter sein? ANDERS sein? BESSER sein….??? So wie ICH…??? Ja genau: Warum können die anderen nicht so PERFEKT sein, wie ich immer bin (…äh… sein MUSS)…?? 

Naja. Und jetzt sind wir ein bisschen beim Kern angelangt. Bei der Erschütterung in Neukölln. Das „Lieb-Sein“ ging bei mir nämlich nur so lange gut, wie darauf auch auf dem Fuße die „Belohnung“ folgte. Eigener Selbstwert nämlich: Gleich Null. Deswegen war es wichtig, dass andere (ununterbrochen) wahrnahmen, was für ein GUTER Mensch ich war und mich  entsprechend auch lobten: Toll gemacht, Maike! Super! So lange ich alles „richtig“ machte und dafür Bestätigung von außen erhielt, war alles gut. Selbstwert safe. Zwar ertappte ich mich dann trotzdem des öfteren bei so passiv-aggressiven Gedanken („Die immer – ich nie!!), wenn sich jemand meiner Ansicht nach „zuviel raus nahm“, aber ich hätte noch sehr lange so weitergemacht – wenn nicht in Neukölln in gewisser Weise ein kleiner Infarkt stattgefunden hätte. Alles, was ich bis dahin gelernt hatte, funktionierte nämlich leider nur in „Happyland“*, also dort, wo alle weitestgehend dieselbe Sozialisation und dieselben Vorteile hatten, wie ich. Da, wo die Mehrheit weiß und akademisch gebildet war. In SOLCHEN Umfeldern wusste ich den Code der Anpassung. Wusste, wie ich mich verhalten musste, um Anerkennung zu bekommen. Natürlich nicht für das, was mich SELBST ausmachte. Aber immerhin für das, was allseits als Qualität abgenickt und verstanden wurde. Und so sah ich auf die Welt. 

Folgerichtig bemitleidete ich mich bei meinem allumfassenden Scheitern in Neukölln selbst. Ich hatte doch immer alles RICHTIG gemacht! Warum fanden die Jugendlichen meinen Unterricht doof? Warum lehnten die mich ab? Es konnte nur eine Erklärung geben: Weil sie zu dumm und zu minderwertig waren, um meine tolle Leistung zu SEHEN und anzuerkennen! Ich dachte „Perlen vor die Säue!“. Was ich nicht sehen konnte, war: Mein gesamter Selbstwert beruhte NICHT auf einer eigenständigen Leistung oder einer eigenen Idee, die ich gegen Widerstände in der Welt durchgesetzt hatte, sondern in der beständigen Anpassung an Fremderwartungen. Ich konnte nur Anpassungsleistungen honorieren, nicht aber selbständiges Denken oder eigenständiges Handeln, denn das machte mir Angst, weil es mir mein größtes Defizit schmerzhaft bewusstmachte: Dass ich selbst nicht wusste, wer ich war, wenn ich selbständig denken und handeln sollte. Dass mein Selbstwert von äußeren Bewertungen abhing. Vom Lob und der Zuwendung der anderen. Wenn das wegfiel, merkte ich, dass ich mich selbst für nicht besonders wertvoll hielt. Dass beim Thema Selbstwert Tabula Rasa war. Wer war ich, wenn mich NIEMAND toll fand? 

Und hätte ich solche Gedanken jemals in meinem bildungsbürgerlichen Umfeld geäußert oder sogar versucht, irgendeinen eigenen, abweichenden Weg einzuschlagen, die Rolle der Gefall-Barbie zu verlassen, dann wäre die Reaktion im besten Fall abfällig-amüsiert gewesen, es hätte geheißen: „Ach, jetzt braucht sie was eigenes. Jetzt braucht sie ihr Jodel-Diplom!“ (Zitat Loriot… Nicht umsonst ist Loriot erwiesenermaßen ein großer Kenner der (Voll-)Psychosen des weißen Bildungsbürgertums).