Türwächter*innen der Freiheit – Sechstes Kapitel

6 Der Sheriff – Recht und Ordnung

 Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 6. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß!

Es waren nicht nur die äußeren Räume, die an dieser Schule verwahrlost waren. Es waren auch die inneren Räume IN den Menschen. Mir kam es so vor, als wäre ich in einem Western gelandet, der kurz nach dem Bürgerkrieg spielt: Eine alte Ordnung war scheinbar zusammen gebrochen, bzw. funktionierte ganz offensichtlich nicht mehr, alle Beteiligten schienen irgendwie traumatisiert und entmenschlicht wie lebende Tote durch das herrschende Chaos durchzuwurschteln und bezogen sich in ihren Köpfen noch auf eine alte Ordnung, die aber nicht mehr existierte. – Ich hatte das Gefühl in einer Art rechtsfreiem Raum zu schwanken, in dem noch nicht klar war, welche Werte und Ordnungen sich durchsetzen würden. Was aber das Schlimmste war: Ich traute meinen eigenen Überzeugungen nicht mehr zu 100 Prozent. Denn wie konnte es sein, dass ich nicht eine einzige Unterrichtsstunde so hinbekam, wie ich es gewohnt war? 

Nach den ersten zwei Wochen war der Stundenplan weitestgehend fertig und in Kraft und ich war nun mit Herrn Böhm, dem Klassenlehrer der 8b, in vier Stunden der Woche doppelt gesteckt. Wie man das nennt. Heißt: Wir unterrichteten jetzt vier Stunden in der Klasse zu zweit. 

Herr Böhm findet das großartig: Jetzt hab ich endlich mal ne hübsche Assistentin, ha ha. 

Er freut sich wie immer sichtlich über seine Knaller-Bemerkung und ich mache einen Schritt zur Seite, weil ich fürchte, dass er mir gleich im Vorbeigehen auf den Hintern haut. Er sagt so Sachen wie: Ist doch immer schön, wenn n bisschen Frischfleisch kommt… hat man was zu Schauen! 

Herrn Böhm mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Er hat seine Klasse „im Griff“, wie er nicht müde wird zu betonen. Ich bin mal gespannt, wie das geht: Die Klasse 8b „in den Griff“ zu bekommen. Mir schwant nichts Gutes. Meine unguten Erwartungen werden aber noch weit übertroffen. Als wir den Klassenraum betreten, hört das übliche Gegröle augenblicklich auf. Alle eilen an ihren Platz und – ich traue meinen Augen nicht – begrüßen ihn stehend mit einem strammen „Gu-ten Mor-gen, Herr Böhm!“. Und Herr Böhm macht ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge und schmettert zurück: „Guten Morgen, ihr Vollpfosten“. Einige Schüler lachen unangenehm begeistert und machen ein Victory Zeichen in seine Richtung. 

Herr Böhm: So. Ihr könnt euch hinsetzen, ihr Flaschen. 

Stühlegeruckel. Alle sitzen ziemlich gerade auf ihren Plätzen. 

Na, dann wolln wa mal. (Herr Böhm ist sichtlich in seinem Element). Ach, Selina, willste heute unbedingt noch gebumst werden, das ist ja ne ganze Douglas Drogerie, die de Dir ins Gesicht geschmiert hast… ich geb dir mal nen Tipp – das stört beim Küssen, wenn man das ganze Zeug vorher ablecken muss… 

Röhrendes Gelächter bei den Jungs. Selina errötet und schaut nach unten. 

Ach und Kevin, du kleiner Fettsack, komm ma nach vorne, unsere kleine Strebersau hat doch bestimmt wieder die Hausaufgaben als einziger tip top erledigt. Kannste gleich mal anschreiben, Zack Zack… 

Kevin steht unbeholfen auf und macht sich mit unglücklichem Gesicht auf den Weg nach vorne zur Tafel. 

Schneller geht’s nicht, wa? Musste mal weniger Kartoffelchips in dich rein fressen, is ungesund… 

Kevin verzieht sich hinter die eine Tafelseite und beginnt verdeckt etwas anzuschreiben. 

Ich bin so was Ähnliches wie schock-gefroren. Stehe sprachlos noch immer neben der Tür und warte darauf, dass ich aufwache. Aber es ist kein Traum. Es geht munter weiter. 

Na, Justin, hat deine Alki-Mutti heute wieder alles vollgekotzt? Scheiße man, du solltest mal duschen oder kannste nicht wenigstens deine Klamotten ma waschen, dann stinkste nicht so… is ja widerlich.

Justin legt den Kopf auf die Tischplatte, verbirgt ihn unter den Armen und bleibt bis zum geschlagenen Ende der Stunde in dieser zusammengekrümmten Embryonal-Haltung sitzen. Rührt sich nicht mehr. 

Doch Herr Böhm ist noch lange nicht fertig. Im Vorbeigehen schlägt er Mahmoud das Käppi vom Kopf.

Mütze ab! blökt Herr Böhm, wir sind hier nicht im Ghetto-Konzert!

So, und jetzt wird hier mal wat gelernt. Bücher raus! Wo warn wa stehen geblieben? 

Es folgt: Brutalster Frontalunterricht, wie ich ihn seit mindestens 100 Jahren für abgeschafft gehalten habe. Eigentlich redet nur Herr Böhm. Er kommentiert, doziert, beschämt, lobt und tadelt wie ein wahrer Meister. Er findet sich selbst unfassbar unterhaltsam, lacht schallend über seine eigenen „Witze“, die ausnahmslos auf Kosten der Jugendlichen gehen. Nach fünf Minuten ist klar, wer seine Lieblinge sind: Chris und Mahmout, die sich hier offenbar in beleidigenden Sprüchen gegenüber allen anderen mit ihrem Klassenlehrer einen lustvollen Wettbewerb liefern. Es ist ein bisschen so wie „Schiffe versenken“, nur werden hier Menschen versenkt. Und der zweite Wettbewerb, der läuft ist der, wer am coolsten auf herabsetzende Sprüche reagieren kann. 

Na, Mehmet, das ist jetzt zu hoch für dich, nehm ich an – aber mach dir nix draus – als der liebe Gott die Gehirne verteilt hat, warste halt noch pennen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, hö hö hö. 

Mehmet errötet, lacht etwas gezwungen und nickt, ha ha, sehr witzig. Toller Scherz. 

Die ganze Klasse frisst diesem Monster aus der Hand, ich kann es nicht fassen. 

Ich schaue zu, wie diese Kaserne weiter funktioniert wie am Schnürchen und bin im wahrsten Sinne des Wortes gelähmt. Warum mache ich nichts? Warum sage ich nichts? Ich stehe da an der Tür und bemerke nur meinen Magen, der sich zusammenkrampft. Aber scheinbar ist mein gesamter Organismus ausgeschaltet. Ich komme mir vor wie in einem schlechten Film. Wo kann ich mich hier einklinken? Was kann ich tun? Während mein Körper versteinert ist, rasen meine Gedanken von links nach rechts und kommen zu keinem Ergebnis. 

Warum lassen die sich das gefallen?? 

Und nicht nur das. Sie scheinen IHM gefallen zu WOLLEN. Jeder schlechte Witz auf Kosten anderer wird sofort mit großem Gelächter goutiert. Gleichzeitig herrscht eine seltsame Angespanntheit, fast hysterische Verkrampftheit im Raum. Nach ca 20 Minuten geht mir auf, was das ist: Angst. 

Herr Böhm ist so blitzschnell im verbalen Niederstrecken von Menschen, dass alle ununterbrochen auf der Hut sind, nicht selbst zum nächsten Opfer zu werden. Ich frage mich, wo Taher ist. Und ertappe mich dabei, ihn herbei zu sehnen. Denn diese Arschkriecherei im Angesicht all dieser Demütigungen ist überhaupt nicht auszuhalten und wenn da einer gegenangehen kann, dann ist es sicherlich Taher. Denke ich. Doch so kann mensch sich täuschen. Als Taher eine halbe Stunde zu spät den Klassenraum betritt, halte ich den Atem an. Und werde bitter enttäuscht. Taher schlendert sehr langsam und selbstsicher grinsend herein. Herr Böhm schaut auf. Erwidert sein Grinsen. Die beiden geben sich vorne am Pult High Five. Taher wendet sich mit triumphierenden Lächeln der Klasse zu, macht ein Victory Zeichen, lässt sich betont lässig auf seinen Platz fallen und lehnt sich genüsslich auf seinem Stuhl nach hinten, wie in Erwartung eines schönen Schauspiels, bei dem er der Ehrengast ist. 

Er sitzt in derselben Haltung wie Herr Böhm breitbeinig fläzend auf seinem Stuhl und zwinkert mir zu. Ernsthaft? Ich starre ihn an. Merke, wie die Wut in mir aufsteigt. Taher genießt den Augenblick. Aber offenbar reicht ihm der Triumph noch nicht. Er steht auf, geht betont lässig zum Papierkorb neben der Tür, wirft sein Kaugummi hinein und wendet sich mir dann kurz zu: Guck ma, raunt er mit einem breiten Grinsen, das ist der Sheriff und HIER herrscht Recht und Ordnung. SO geht Unterricht. 

Er kehrt auf seinen Platz zurück. Vor lauter Wut bin ich kurz davor, Taher hinterher zu brüllen: Bist du VÖLLIG bescheuert?? Aber klar. So redet Mensch ja nicht mit einem Schüler. Ich schlucke die Bemerkung runter. Schade eigentlich. Vielleicht wäre das der Ton, den er versteht. Sofort erschrecke ich über diesen Gedanken. Bin ich jetzt schon infiziert von dieser ganzen Atmosphäre?

Ich verbringe die ganze Unterrichts-Stunde in Bewegungs-Starre an der Tür, werde auch offensichtlich für die Performance von Herrn Böhm nicht gebraucht. In den letzten zehn Minuten geht es dann um einen Ausflug, Herr Böhm will mit der Klasse ins Freibad. Damit wir Jungs noch n bisschen wat zu sehen kriegen, bevor der Sommer zu Ende ist. Also n paar hübsche Ärsche, ich hoffe – ach nee, ich bin mir SICHER – Frau Plath zieht sich n knackigen Tanga an, da FREU ich mich ganz besonders drauf, Frau Kollegin…hö hö… 

Taher schaut mich an und macht mit den Armen die einschlägige Bums-Bewegung, alle grinsen in meine Richtung, dann schallendes Gelächter… 

Ich drücke sanft die Türklinke hinter mir runter und verlasse rückwärts den Klassenraum, und während ich die Tür von außen leise schließe, höre ich Herrn Böhm noch sagen: Hui, da ist aber jemand empfindlich, oder die ist n bisschen frigide, kann ja auch sein, schade, … hö hö hö… 

Ich gehe langsam den stillen grauen Schulflur entlang und stelle mir vor, wie ich dem Sheriff Böhm ins Gesicht schieße und die Western-Stadt befreie. High noon. Do not forsake me, oh my darling. 

Am Wochenende darauf fahre ich nach Hamburg und treffe einige ehemalige Kolleginnen und Kollegen aus Bullerbü. Wir sitzen bei Matthias im Garten und grillen, wie so oft schon vorher, aber für mich fühlt sich die Situation seltsam fremd an. Auf der Zugfahrt hatte ich mir ausgemalt, wie ich mich mal so richtig schön ausheulen würde. Jetzt aber sitze ich da mit meinem Grill-Teller auf den Knien, picke in meinem Salat herum und versuche, zu erzählen „wie es mir an meiner neuen Schule geht“. Leider versteht mich niemand. Offenbar denken alle, ich würde maßlos übertreiben. Oder sie erhoffen sich eine stärkere Maike, die heldenhaftere Geschichten zu bieten hat. So „Michelle-Pfeiffer-mäßig“ wie in „Gangstas Paradise“: Cowboy Stiefel cool aufs Pult ballern und zack sind alle verliebt und die Sache läuft. Leider ist meine Realität ein bisschen anders. Angefangen damit, dass ich nicht Michelle Pfeiffer bin. Irgendwie kann ich mich meinen Ex-Kolleg*innen überhaupt nicht verständlich machen und schaue in seltsam verschlossene bzw. betretene Gesichter. Als ich zum Schluss vom Sheriff erzähle, sagt eine Kollegin: Also, wenn der wirklich so drauf ist, warum gehst du dann nicht zur Schulleitung und beschwerst dich? 

Ja. Warum gehe ich nicht zur Schulleitung und beschwere mich? 

Meine Schulleiterin ist 64 Jahre alt und kurz vor ihrer Pensionierung. Es ist ihr ins Gesicht geschrieben, dass sie bis dahin nur noch heile durchkommen will. Auch hier wieder die berühmte Minimalanforderung. Und wer ständig an ihrer Seite ist und offenbar ihr engster Vertrauter und Berater: Herr Böhm, mit dem sie tagtäglich tuschelnd in der Ecke steht und in den Konferenzen mit Blicken kommuniziert. Ihr öffentliches Credo lautet:Kollege Böhm hat alles im Griff – was man von den anderen Kollegen leider nicht behaupten kann. (Leicht vorwurfsvoller Blick in die Runde).

Sobald irgendeine Entscheidung getroffen werden muss, konferiert sie unter vier Augen mit Herrn Böhm in ihrem Schulleiterzimmer. Herr Böhm ist also nicht nur in der 8b der Sheriff. Er ist der Sheriff der Schule. 

Inzwischen wird mir auch die Sitzordnung im Lehrerzimmer klar: Da sitzt am ersten großen Tisch direkt vor dem Schulleiterzimmer Herr Böhm in der Männerrunde. Das ist quasi der Saloon, wo John Wayne mit seinen männlichen Gefolgsleuten sitzt und ununterbrochen gegen die blöden Frauen mit ihrer Kuschel-Pädagogik hetzt. Die Frauen sitzen an den anderen Tischen, aber einige vom Sheriff auserwählte Kolleginnen tüddeln ständig um die Western-Machos herum, bringen selbstgebackenen Kuchen, „Naschis“, Obst und andere Aufmerksamkeiten mit, kichern begeistert über die Sprüche und Scherze vom Sheriff und machen einen auf Frauchen. Klar. In einem Western spielen Frauen keine großen Rollen. Und die Rollen, die es im Western für Frauen gibt, sind ja recht klar abgesteckt… 

Wer sich in diese groteske Unterwerfung nicht fügt, ist nach Ansicht des Sheriffs humorlos, langweilig – „unterfickt“, so seine Wortwahl – oder eben frigide. 

Das alles kann ich meinen ehemaligen Bullerbü Kollegen nicht erklären, sie halten es offenbar für eine befremdliche Übertreibung, nicht möglich im Jahre 2004. Dieser autoritäre Machotypus ist doch längst ausgestorben, das ist ihre Meinung. 

Wenn ich mir meine ehemaligen männlichen Kollegen aus Bullerbü in DIESEM Kollegium hier vorstelle, dann ist mir klar, dass sie von Herrn Böhm als Schluffi-Männer betrachtet und verachtet werden. So wie er ja überhaupt für alle eine passende Schublade mit Beschriftung parat hatte – wie festgelegte Rollen in einem Skript: 

Da gibt es die harten, ehrlichen Kerle, die mit strenger Hand für Recht und Ordnung sorgen und die sich in diesem Sauhaufendurchsetzen können, weil sie diesen reformpädagogischen Quatschals dummes Geschwätz und Träumerei hinter sich gelassen haben. Dann gibt es die hübschen, minderbemittelten Kolleginnen, die immer noch versuchen, mit ihrer wertschätzenden Kuschel-Pädagogikdurchzukommen und damit jeden Tag jämmerlich scheitern, aber immerhin sind die attraktiv und lachen über seine Witze, deswegen dürfen die auch am Wochenende mit zum Sauna-Ausflug mit den harten Kerls. Und dann gibt es noch die nervigen frigiden Schlampen, die Emanzen, die alles besser wissen und sich in den Klassen aber auch nicht durchsetzen können. Mit denen ist dann einfach mal gar nix anzufangen.Zu dumm und zu hässlich, um irgendeinen Unterhaltungswert zu habenUnd ihren Job können sie auch nicht. Und in der allerletzten Rollen-Kategorie sind eben diese Schluffi-Männer, die sich den frigiden Schlampen unterwerfenund in den Konferenzen auch so einen Feminismus-Quatsch von sich geben. Und was die Jugendlichen angeht: Das sind für Herrn Böhm die Affen. Von denen ist ja keiner deutsch, blökt er in die Runde, und genau das ist ja das Problem. Also mit vernünftigen deutschen Kindern könnte man ja auch meinetwegen bisschen Traumtänzer-Pädagogik machen, aber mit den Affen hier geht das eben nicht. Sieht man ja, was hier los ist! Da sitzt dann ein Herr Meier (der im übrigens während dieser Worte direkt neben ihm sitzt) die ganze Stunde vorne am Pult und lässt sich mit Papierkügelchen bewerfen! – Ein Skandal ist sowas! Nee nee nee Leute, bei diesem Gesocks braucht es ne andere Gangart!  

Ja, das war so in etwa die Weltsicht des Sheriffs. Und was für mich das Schockierendste war: Niemand widersprach. Ich auch nicht. Noch schlimmer: Ich versuchte, jeglichen Attacken zu entgehen, indem ich mich lieb und nett verhielt. Ich wollte bloß keine Emanzesein. Ich hatte Angst, meine wahren Empfindungen und Eindrücke zu äußern und ausgegrenzt zu werden. Ich dachte: Halt einfach den Mund und verhalte dich unauffällig. Versuche, in dieser neuen Situation zu überleben. Und überleben hieß für mich: Herausfinden, welche Maßstäbe gelten und dann die Erwartungen des Umfeldes bestmöglich erfüllen. Am besten sogar übertreffen. Die Beste sein. Die 1 kriegen. Anerkennung erhalten. Dieses Muster in mir drin sprang jetzt offenbar an. Im Wesentlichen wohl deshalb, weil ich mich völlig isoliert fühlte. Es gab niemanden, der meine Sicht auf die Dinge teilte. Selbst die offeneren Kolleginnen, die dem autoritären Stil des Sheriffs kritisch gegenüberstanden, (oder das zumindest mit traurigem Gesicht behaupteten), schienen sich irgendwie „gefügt“ zu haben und verstanden nicht, was mich so wahnsinnig verstörte. Ich war mit meiner Perspektive ganz offenbar allein.  

Also machte ich das, was ich von klein auf gelernt hatte. Ich fragte mich, wie finde ich Anerkennung? Was muss ich machen, um geliebt zu werden? Und meine tief verwurzelte Prägung lieferte da eine klare Antwort: Wenn du geliebt werden willst, lächle, nicke, ordne dich unter – behalte deine Gefühle und Gedanken für dich. Versteht hier sowieso keiner. Und in diesem unangenehmen Western galt offenbar das Gesetz: Wer die Klassen nicht in die Spur kriegt, ist eine Verliererin, bzw. ein Verlierer. Eine unfähige Lehrerin, ein Opfer. Sozialer Wert gleich null. „In die Spur kriegen“ hieß: Autoritär herrschen, im Zweifel mit allen Mitteln. Grenzüberschreitungen und verbale Gewalt waren offenbar völlig ok. Wenns denn der Sache dienlich ist…? In den alten Western blieb es ja auch ziemlich unhinterfragt, diese Haltung, dass die weißen Helden sich gegen die ursprüngliche Bevölkerung „durchsetzen“ mussten, wenn die unverschämterweise den Eisenbahnbau behinderte. Und der Eisenbahnbau war ja nun definitiv das Richtige, weil: ZIVILISATION! Und klar wurde dann eben auch „geschossen“, wenn die Situation nicht anders in den „Griff zu kriegen war“. Und an dieser Schule war man (n) quasi im Wilden Westen und glaubte unerschütterlich an die eigene Überlegenheit gegenüber diesen „Neuköllner Gangstern“, „Affen“, dem „Gesocks“ halt. Jegliche anspruchsvolle und gleichwürdige Pädagogik war hier offenbar aufgegeben worden. Die Sicht auf die Jugendlichen war grundsätzlich defizitär und herabsetzend, aber niemand nahm das wahr. Es war einfach gar nicht Thema. Niemand hätte zugegeben: Ja, stimmt, ich habe offenbar krasse Vorurteile – sondern es herrschte die Haltung: Die Jugendlichen SIND leistungsschwach, kriminell und minderbemittelt und WIR armen Pädagogen müssen uns mit diesem Sauhaufen abgeben. Wenn beispielsweise eine Schülerin den Berufswunsch Ärztin äußerte, wurde sie von ihren Lehrer*innen im besten Fall einfach nicht ernst genommen, im schlechtesten Fall mit zynischen Sprüchen und höhnischem Gelächter offen bloßgestellt. Na, das ist ja völlig unrealistisch, Fatima, du kannst froh sein, wenn du den Hauptschulabschluss schaffst…Dann kannst du ja vielleicht ein Nagelstudio eröffnen… Ach nee, dafür brauchst du ja ein bisschen Mathe… hö hö…  Niemand fand das unkorrekt. Und ich rieb mir zwar die Augen, wo ich gelandet war, zweifelte aber an meinen eigenen bisherigen Überzeugungen. Denn wenn ich mich hier auf der Grundlage MEINER pädagogischen Werte bewegte, entstand im besten Falle ein Einzel-Gespräch mit einer Schülerin, aber noch lange kein Unterricht. Ich scheiterte ununterbrochen an den einfachsten Dingen, ich kriegte ja noch nicht einmal einen Stuhlkreis hin. Ganz plötzlich war ich nicht mehr die beliebte, tolle Lehrerin. Die beliebte, tolle Kollegin. Das fühlte sich scheiße an. Ich war mit diesem peinlichen Gefühl konfrontiert, dass ich gefallen wollte. Oder zumindest, dass ich verstanden werden wollte. In meinem inneren Zwang zu gefallen oder wenigstens akzeptiert zu werden, EGAL in welchem wie auch immer absurden Umfeld, fiel mir gar nicht auf, das die ganz entscheidenden Fragen hier nie gestellt wurden: Nämlich was genau der Sinn und Zweck von Unterricht sein sollte, um welche Zieleund Wertees gehen sollte. Dass darüber überhaupt kein Austausch stattfand, geriet mir in dieser Anfangszeit völlig aus dem Blick. Darüber wurde GAR NICHT geredet. 

Aus heutiger Sicht erscheint es mir unvorstellbar, dass ich in DIESEM Umfeld in den Anpassungsmodus geriet und teilweise sogar selbst autoritäre Haltungen übernahm. Ohne überhaupt zu MERKEN, dass es sich um autoritäre Haltungen und Verhaltensweisen handelte. So kam es zu den absurdesten Situationen: Einmal folgte ich beispielsweise dem gut gemeinten Rat einer Kollegin und fing an, Striche für Fehlverhalten einzutragen. Tolle Idee. Damit das auch gleich ganz direkt Wirkung erzielte, wurden diese Striche von mir auch – für alle gut sichtbar – vorne an der Tafel angeschrieben. Bei drei Strichen gab es dann eine Sanktion. Damit gingen die Probleme los. Was für eine Sanktion? Eine sechs eintragen? Interessierte keinen. Eine Strafarbeit (tolles Wort) aufgeben? Wurde dann sowieso nicht gemacht und dann musste ich wieder einen Strich (?), eine Sechs (?) eintragen, was ja –eben! – niemanden interessierte. Die Eltern informieren? GANZ schlechte Idee. Da konnte es passieren, dass Samira am nächsten Tag ein blaues Auge hatte. Und klar, war sie dann die Treppe runtergefallen. Logisch. In solchen Situationen lernte ich, dass auch die Eltern dringend Unterstützung gebraucht hätten. Stattdessen wurden sie aber in Elterngesprächen und Klassenkonferenzen in überheblichem Tonfall zurechtgewiesen, ermahnt und gedemütigt. Hinter jedem Problem standen tausend weitere. Mit Strichen konnte man der Komplexität der Gesamtsituation in der Tat nicht wirklich beikommen. Aber das merkte ich leider erst schrittweise. Und beschäftigte mich anfangs in einem absurd hohen Maße mit so Fragen wie: 

Für welches Verhalten gibt es einen Strich, also was ist ein Fehlverhalten? Und welches Fehlverhalten ist noch ok – also kein Strich –  und was ist ein schlimmes Fehlverhalten? Also wenn jemand laut ist, gibt es einen Strich? Aber dann haben nach zehn Minuten spätestens sowieso ALLE einen Strich – bzw. tausende… Und ab wie vielen Strichen soll es welche Sanktion geben und wie lässt sich diese Sanktion dann durchsetzen, was passiert ab einer bestimmten Anzahl von Strichen? Als wäre das nicht alles schon absurd genug, hatte ich dann noch die tolle Idee, die Striche durch Brownie-Points zu ergänzen, also positive Punkte, die man sammeln konnte für gutesVerhalten. Aber ab wann und für was gab es einen Brownie-Point? Und dann brauchte es ja auch eine Belohnung ab einer bestimmten Punktzahl. Irgendwann war ich nur noch mit Strichen und Punkten, Sanktionen und Belohnungen und Streitereien darüber beschäftigt. Ständig rastete jemand aus, weil irgendwas voll unfair war und dann mussten wir entweder ewig über Striche und Sanktionen diskutieren oder die Situation eskalierte komplett. Und dafür gab es dann wieder einen Strich? Oder hundert? Und während ich mich in hilflosen Belohnungs- und Strafsystemen verhedderte, wuchs in mir ein unangenehmes Gefühl der Scham darüber, dass ich so ins Schlingern geraten war und keinen guten Unterricht mehr machte. Ich hörte mich Sätze sagen und Dinge tun, die ich noch bis vor kurzem für undenkbar gehalten hatte. Wenn du dich jetzt nicht sofort hinsetzt, muss ich die Schulleitung einschalten. Jetzt ist Schluss. So wird das nie was. Dann schreiben wir jetzt eben einen Test. So macht das keinen Spaß mit euch. Dann müsst ihr die Scheiße eben selbst auslöffeln. Da kann ich jetzt auch nichts machen. Ach, das ist doch alles Perlen vor die Säue hier! Ruhe jetzt.  

Es war erbärmlich. Ich war erbärmlich. Und der Sheriff hatte beste Laune und bedachte mich tagtäglich mit seiner anzüglichen Freundlichkeit. Keine Bemerkung ohne irgendeinen Bezug zu meinem Aussehen. Herr Böhm selbst nannte das Komplimente machen. Und natürlich musste ich ständig erklären, warum ich nicht mit in die Sauna komme. Unbegreiflich, aber: Ich wehrte mich nicht. Das autoritäre Setting, in dem ich mich plötzlich wiederfand, aktivierte bei mir ein eigenes, längst überwunden geglaubtes autoritäres Muster – die auf Anpassung sozialisierte, liebe Gefall-Barbie. Und so verstummte in mir das innere Wesen, das sich im Referendariat noch so schön aufgebäumt hatte – und ein anderes Monster in mir wurde wieder wirksam: Mein internalisierter Gehorsam. 

Türwächter*innen der Freiheit – Fünftes Kapitel

Knietief durch die Scheiße Teil 2 – Das Lehrerzimmer

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

(Alle Kapitel auch zum Anhören auf „Maikes Podcast“ hier auf der Seite in der linken Leiste).

Das Seltsame ist: Im Lehrerzimmer scheint niemand diese Probleme zu kennen. Alle schimpfen zwar über “dieses allerletzte Pack” und diese “Vollpfosten” usw., aber als ich von meiner totalen Überforderung berichte und um Rat frage, scheinen alle mitleidig überrascht von meiner Inkompetenz zu sein. Tja also sowas trauen die sich bei MIR nicht… das kommt in MEINEM Klassenraum nicht vor, das sollten die sich mal trauen, da mach ich sofort kurzen Prozess mit denen… die wissen bei mir ganz genau, wo der Hase längs läuft… 

Ja und wo läuft der Hase längs? Das kann mir offenbar keiner erklären. 

Das musste schon selber rausfinden, Mädel, sagt der Klassenlehrer der 8b, ein etwa 60-jähriger Kollege mit grimmiger Visage und Holzfällerhemd, während er breitbeinig vor mir sitzt, laut schmatzend einen Apfel isst und sich am Sack kratzt. Ein anderer Kollege wendet sich mir mit etwas freundlicherer Miene zu und fragt: Weeßte, was de machen musst, Mädel? Ich überlege kurz, ob ich diesen Kollegen hier noch mal erklären sollte, wie ich heiße und dass ich mit 33 Jahren eigentlich nicht wirklich als “Mädel” bezeichnet werden möchte, aber da der Typ vor mir offenbar gerade sowas wie Entgegenkommen zeigt, verzichte ich auf meine Bemerkung und frage nur: Nee, weiß ich nicht… was denn? Der Typ beugt sich vor, scheinbar erfreut, dass er jetzt sein persönliches Geheimrezept zum Besten geben darf und zieht bedeutungsvoll die Augenbrauen nach oben: Also du gehst den Flur entlang bis du vor deinem Klassenraum stehst. Dann machste die Tür weit auf, dann wirfste ne Bombe in den Sauhaufen rein und machst ganz schnell die Tür von außen wieder zu!

Ich starre den Typen entgeistert an, während nun beide, auch der Sack-Kratzer, in röhrendes Gelächter verfallen und sich gegenseitig High Five geben. Meine Anwesenheit haben sie völlig vergessen, sie scheinen sich prächtig zu amüsieren, ach wat ham wa jelacht…., ich diene nur als Staffage und Anlass für diese WAHNSINNS-KOMISCHE Schenkel-Klopfer-Pointe… Ach so. 

Auch ansonsten fühle ich mich im Lehrerzimmer wie ein Alien. Jeglicher Kontaktversuch von meiner Seite, jeglicher Versuch von Heiterkeit oder Wärme wird argwöhnisch als das Gegenteil ausgelegt. 

Kein Mensch scheint hier Spaß zu haben und sobald doch jemand wagt, einen Hauch von guter Laune zu verbreiten, wird das zynisch kommentiert oder mitleidig belächelt. „Das Lachen wird dir hier schon noch vergehen“, raunzt mich ein Kollege im Vorbeigehen an, und ich lasse erschrocken meine Gesichtszüge runter sacken. Hatte gar nicht gemerkt, dass ich gelacht (?), gelächelt (?) hatte. 

Bereits in den ersten Tagen kämpfe ich gegen massive Fluchtgedanken. Ich komme mir im Lehrerzimmer vor wie auf einer psychiatrischen Station voller schwerst-gestörter Patienten, von denen alle krampfhaft so tun, als sei „alles normal“. Außer mir scheint sich niemand zu wundern. 

Das Lehrerzimmer ist eine große, seelenlose Rumpelkammer, in der alle zuvor da gewesenen Kollegen ihren Krempel zurück gelassen haben – als wären sie bei der ersten Gelegenheit Hals über Kopf geflüchtet – und wie nach einem apokalyptischen Ereignis sind überall diese undefinierten herrenlosen „vergessenen Gegenstände” übrig geblieben – in diesem Geisterhaus, in dem sich niemand für irgendwas verantwortlich fühlt, weil: Ist ja nicht meins. Diese gesprungene Tasse lag ja schon in der Spüle rum, als ich kam… 

Die gesamte Kommunikation bis hin zum Tonfall ist mir unheimlich: Unter einer dünnen Decke burschikos, fröhlich zur Schau gestellter Kumpelhaftigkeit liegt direkt darunter unverhohlene Bitterkeit und Verachtung. Den anderen Kollegen*innen, den Jugendlichen, ganz besonders den Eltern und letztendlich der gesamten Welt gegenüber. Diese Menschen hier sind im letzten Stadium einer schweren Depression. Denke ich. Aber ohne jegliche Krankheitseinsicht. Weswegen jegliche Therapie zwecklos ist. 

Nachts träume ich immer wieder in einer Dauerschleife von diesem Lehrerzimmer: 

Die Gestalten sitzen mit offenen Wunden da. Um sie herum eine leichte Fahne Verwesungsgeruch. Abgebissene Körperteile liegen auf dem klebrigen Linoleum-Boden und werden von den hin und her schlurfenden blassen Gestalten achtlos mal hierhin, mal dorthin beiseitegeschoben. Dabei brabbeln sie ununterbrochen zornig vor sich hin, z.B. dass Kollege M endlich mal seinen stinkenden Müll wegräumen soll und wie das denn hier schon wieder aussieht. Aus ihren schlaffen, faltigen, unkontrolliert zuckenden Mündern hängen lange, seidige Speichelfäden, gemischt mit gelblichem Eiter oder orangenem Blut. Keiner wischt sie weg. Im Lehrerzimmer gibt es keinen Spiegel. Nur eine Kaffeemaschine. Die röchelt und röchelt braune Soße heraus wie ein Patient mit chronischer Diarröh. Daneben im schmutzgrauen Waschbecken ein kippelnder Berg klebriger, fleckiger Becher und Tassen, die allesamt mit feinen grauen und schwarzen Adern durchzogen sind, die Ränder abgeschlagen wie klaffende Zahnlücken. Abwaschen tut hier keiner. Wozu auch? Es sind ja schon alle tot. Da kann man auch aus bakterien-wimmelnden Tassen trinken. 

Die Fenster bleiben zu, man will sich ja nicht noch was weg holen, da könnte ja jeder kommen. Leuchtend puckert der Kopierer wie ein elektronisches Organ im Nebenzimmer vor sich hin. Um zwei Uhr wird ihm jeden Tag der Garaus gemacht, dann hat dieses Herz lange genug geschlagen. Nicht, dass da noch jemand Experimente nach 14 Uhr macht! Während der Zeiger an der farblosen 70-er Jahre Wanduhr die schal gewordene Zeit vertickt, warten die depressiven Zombies im Lehrerzimmer vergeblich auf ihr Ende. Das Blut an den abgebissenen Körperteilen trocknet und wird bröckelig. 

Ich komme von draußen. Ich war noch nie hier. Ein Luftzug, als ich die Tür öffne. Die Zettel mit den Terminen für die Klassenkonferenzen an der Innenseite der Tür flattern für einen Moment wild durcheinander. Ich sage etwas. Aber ich kann meine eigene Stimme nicht hören. Die Zombies lächeln mich an. Kleine orangene Rinnsale laufen aus ihren Mundwinkeln über das Kinn. Eine Bewegung im Raum wie ein unsichtbares, lautloses Zittern. Dann erheben sie sich. Die Stuhlbeine kratzen quietschend und ächzend über den blass-grünen Linoleum-Boden. Wie Fingernägel auf einer riesigen Schiefertafel. Aus ihren Mündern quillen blubbernde Blut-Bäuerchen. 

Ich weiß, wie man sich benimmt. Ich lächle. 

„Hallo. Ich hab Blumen mitgebracht.“ 

„Aha. Das ist NETT.“

„Soll ich die mal ins Wasser stellen?“

„Geht nicht. Wir haben keine Vasen.“

„Und das Waschbecken?“

„Is voll. Siehste doch.“

„Naja, das kann man ja mal abwaschen.“

Schweigen. 

Ein älterer Zombie erwacht ganz plötzlich aus seiner Erstarrung, lacht sehr laut, krächzend, kriegt sich scheinbar gar nicht wieder ein. 

„Da biste noch nich ma richtig hier, da willste hier gleich allet aufn Kopf stellen, ick gloob dit nich!“

Er schüttet sich aus vor Lachen. Alles knarrt und knattert in seinem Brustkorb. 

Keiner sagt was. Alle warten, bis der Anfall vorüber ist. Null Reaktion. 

„Naja, aber wäre ja schon blöd, wenn die jetzt schlapp werden,“ insistiere ich. Was anderes fällt mir nicht ein. Noch immer keine Reaktion. 

Ich beschließe also einfach selbst tätig zu werden und gehe zum Waschbecken. Auf dem langen Weg zu dem Berg mit den geäderten Tassen ist mir nicht ganz wohl. Ich fühle einen kalten Hauch in meinem Nacken. Es ist fauliger, alter Atem. Ein schmatzendes, grauenvolles Geräusch. Der tiefe Biss hinterlässt eine klaffende Wunde in meiner linken Schulter. Lose schlackert mein Arm im Gelenk. Ist das mein Arm? Noch einmal das Schmatzen – wie ein Riss durch die Stille. Etwas reißt ab. Flutscht auseinander. Eine Fontäne Blut. Mein Arm fällt. Fällt auf den Linoleum-Boden. Ich schreie. 

„Warum habt ihr mir den Arm abgebissen?!“

„Du musst hier halt noch so einiges lernen.“

„Warum habt ihr mir den Arm abgebissen?“

„Das ist völlig irrelevant, das wirste noch merken. Das ist hier alles kein Zuckerschlecken und dein ewiges Gelächle wird dir hier auch schon noch vergehen…“

„Aber was hat das denn für einen Sinn, mir den Arm abzubeißen?“

„Mit dieser psychologisierenden Betroffenheitskacke kommst du hier nicht weiter“, der Zombie fletscht seine fauligen Zähne und äfft nach: „Ja, was hat das für einen tieferen Sinn, dass X dies tut und Y jenes? Was DENKEN sich X und Y wohl dabei? Nee, nee, diesen ganzen Scheiß kannste mal schön knicken.“

„Aber mir fehlt ein Arm!“

„Ja, und? Du hast ja noch einen.“

„Ich finde, es wäre das Mindeste, das ihr mir erklärt, was das alles soll. Ihr könnt mir doch nicht den Arm abbeißen und dann einfach so tun, als wäre alles in bester Ordnung!“

„Du hast ganz offensichtlich ein Wahrnehmungsproblem. Hier IST alles in bester Ordnung.“

„Aha. Das sieht man ja…“

„Und jetzt wird sie auch noch überheblich, also das klassische Programm. Keine fünf Minuten hier, aber sie weiß schon Bescheid, was hier alles besser laufen muss.“

„Tut mir leid. So habe ich es nicht gemeint. Vielleicht kann man hier ja auch einfach mal zusammen aufräumen…“ 

Hysterisches, gehässiges Gelächter. 

Neue Blutrinnsale laufen aus ihren Mundwinkeln, während sie sich langsam in meine Richtung in Bewegung setzen. Das hysterische Gegacker verwandelt sich langsam in das alte zornige, speichelnde Gebrabbel. Mit vor Wut gereckten Hälsen humpeln sie auf mich zu. Am Boden herumliegende Körperteile werden wie Fußbälle zur Seite gekickt. Ein Gemisch aus Blut und Eiter schwappt rülpsend aus ihren Mündern, während sie mich mit ihren krampfigen, zitternden Händen zu greifen versuchen. Das erste schmatzende Geräusch lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Sie fangen an, Stücke aus meinem Körper heraus zu beißen. Ich reiße mich los, stürze durch den Raum. Die Tür. Das Flattern der Zettel. Die Tür kracht ins Schloss. Ich rolle, falle, kollere die Treppe runter. Raus ins Freie. 

Morgen muss ich wieder hier hin. Ich frage mich, wie lange sie brauchen werden, bis ich so bin wie sie. 

Türwächter*innen der Freiheit – Viertes Kapitel

Knietief durch die Scheiße – Teil 1: Warten, bis es leise ist…

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

(Alle Kapitel auch zum Anhören auf „Maikes Podcast“ hier auf der Seite in der linken Leiste).

Am nächsten Tag ist mir mulmig, als ich wieder die Treppen zum Klassenraum der 8b hochsteige. Nach der misslungenen Musikstunde gestern steht heute ein neuer Versuch bei ihnen an. Wie reagiere ich auf Taher, der gestern so ausgerastet ist? Soll ich auf die Situation von gestern eingehen? Muss ich ja wohl. Ich kann ja nicht ernsthaft akzeptieren, dass sie mir meine Sachen geklaut haben. Immerhin waren weder Geld, noch Handy, noch mein Schlüssel in der Tasche. Aber meine ganzen Unterlagen, mein privater Kalender, das Stifte-Etui, das ich so liebe und ein Lippenstift… mir wird schon wieder heiß im Gesicht, wenn ich nur dran denke. Es ist eine Mischung aus Scham und Wut. Sehr unangenehm und schwer auszuhalten. Aber es nützt ja nix. Wenn ich den Vorfall ignoriere, kann ich gleich nach Hause gehen und im Schuhladen neben unserer Wohnung in Mitte als Verkäuferin anfangen. Ich atme tief durch und öffne die Tür. Es ist nicht großartig anders, als gestern. Chaos. Gegröle. Niemand beachtet mich. Ich stelle meine Tasche auf dem Pult ab. Dasselbe Spielchen also, denke ich. Aber diesmal muss ich mich durchsetzen. Die Frage ist nur, wie. Dieses „Vorne-Stehen und warten bis es leise ist“ funktioniert einfach nicht, ich sollte lieber einen Salto Mortale machen, auf den Tisch springen oder laut beten, keine Ahnung. Stattdessen setze ich mich erstmal aufs Pult und beschließe, erstmal nichts zu machen. Also nicht, damit sie leise werden, denn diese Hoffnung habe ich ohnehin schon aufgegeben, sondern einfach, um mir Zeit und einen Überblick zu verschaffen. Ich sitze also da so rum und beobachte das Geschehen. Ich konzentriere mich darauf, ruhig zu atmen und mir selbst gut zuzureden. Letztendlich kann ich hier ja machen, was ich will. Also theoretisch könnte ich auch die ganze Stunde hier so auf dem Pult rumsitzen und abwarten, bis es klingelt. Mein Blick fällt auf den Sitzplan, der mit Tesafilm auf die Pult-Tischplatte geklebt ist. Aha, ich könnte vielleicht die Namen lernen. Ich studiere den Sitzplan, hoffe, dass die meisten an ihren „richtigen“ Plätzen sitzen und versuche mir die Namen einzuprägen. 

Plötzlich fliegt die Tür auf, Taher erscheint. Wie gestern hat er keine Tasche, keine Jacke, er lässt sich vorne auf seinen Platz fallen, mustert mich kalt. Ich fühle meinen Puls, versuche aber, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Also weiter die Namen lernen. Um mich herum ohrenbetäubender Lärm. Es ist eigentlich absolut lächerlich. Was bin ich für eine Lehrerin, die hier so rum sitzt und nichts tut? Übersetzt: Die komplett hilflos ist? Es ist ein Alptraum. 

Ich spüre Tahers bohrenden Blick. Die Buchstaben vor meinen Augen flackern. Es ist schwer, sich zu konzentrieren, wenn Blicke einen quasi aufspießen. 

Dann knallt Taher mit der Hand auf den Tisch und alle zucken zusammen und schauen ihn an. Schauen mich an. Mein Herz rast. Es geht wieder los. 

Taher: Ey was los? Machst du keinen Unterricht? Isch hab jetzt Musik, wallah! Ich will was lernen. 

Ich zwinge mich, nur langsam von meinem blöden Sitzplan aufzuschauen. Dann treffen sich unsere Blicke. Meiner und Tahers. Ich falle quasi in seinen Blick hinein. Bleibe da. Warte ab. (Weil mir nichts einfällt, was ich sagen könnte). 

Taher starrt mich an: Ja, guck ma nisch so hässlisch! Ich will jetzt Musikunterricht! 

Inzwischen ist es still geworden im Raum. Alles schaut fasziniert nach vorne: Da gibt es die nächste spannende Schlacht mit Taher zu besichtigen. 

Ich zwinge mich zur Ruhe und halte weiterhin Tahers Blick stand. 

Ganz ehrlich, Taher: WAS für einen Unterricht willst du denn? 

Taher stößt sich abrupt mit den Händen von seinem Tisch ab und poltert mit seinem Stuhl nach hinten. 

WALLAH!! Woher soll ISCH das wissen?? DU bist die verfickte Lehrerin! Du wirst dafür BEZAHLT!! Also MACH was, mach ma jetzt Musikunterricht, du Hure!! 

Ich schüttele den Kopf, schaue ihn weiterhin an. 

Ja, Taher. Mach ich. Aber nur, wenn es Sinn macht. Und so, wie du redest, macht es KEINEN Sinn. Jetzt mal ganz ehrlich: Was denkst du denn, was guter Unterricht ist? 

Taher schlägt wieder mit voller Wucht auf den Tisch, dreht sich kurz weg. Schaut auf den Boden. Dann wieder dieser wütende Blick: 

Bin ISCH jetzt hier der Scheißlehrer oder was??? 

Ich: Nee. Aber vielleicht ein guter Berater? Du hast ja schon viele Lehrer erlebt. Und ich hab hier das Gefühl, ihr wollt mich sowieso nur auflaufen lassen, egal, was ich mache. Du findest doch scheinbar ALLES Scheiße, was hier läuft. Dann sag doch mal: Was meinst du mit MUSIKUNTERRICHT?? Also so, dass du da Bock drauf hast? 

Totenstille. 

Taher funkelt mich böse an. Aber irgendwas ist einen Millimeter besser als vorher, sagt mir mein Bauchgefühl und ich merke, dass ich irgendwie „Land gewinne“. Oder? 

Leider nein. 

Taher grinst. Dann sagt er betont ruhig: Alles klar: Also guter Musik-Unterricht ist, wenn wir dir unsere Lieblings-CDs nach vorne schmeißen und du machst den DJ. Und lässt uns in Ruhe. Und klar wird nur coole Musik aufgelegt. Das entscheide ICH dann. 

Er lacht auf unangenehme Weise, dreht sich abrupt von mir weg und poltert in die Klasse:

Ey wallah, wie hässlisch sie ist! Sie kann nicht unterrichten! 

Aber der Rest der Klasse starrt mich nur erwartungsvoll an und reagiert – nicht. Einige Jungs hinten grinsen. 

Ich will nicht aufgeben, mache einen neuen Versuch: Taher. Ich mein das ernst. WAS willst du? Ich kenn so eine Scheiße hier nicht. Ihr habt mir gestern meine Sachen geklaut, du bist ausgerastet. Was soll der ganze Scheiß? Ich bin GERNE Lehrerin, aber das hier bei euch ist echt absurd. Ich VERSTEH nicht, was du willst, was hier los ist bei euch. Wenn du nicht mit mir redest, wird’s nicht besser. 

Taher macht eine wegwerfende Geste mit der Hand, pustet laut Luft aus, als wäre es ihm einfach zu blöd. 

Wallah, ist sie BEHINDERT! sagt er, steht abrupt auf, geht nach hinten, lässt sich dort auf das abgewetzte Sofa am Fenster fallen und tippt in sein Handy. 

Fatima meldet sich. 

Ja, Fatima? 

Mach jetzt mal normal Unterricht, Frau Plath, sagt Fatima mit provokant nach vorn gerecktem Kinn. Die anderen lachen. Es wird jetzt plötzlich wieder laut im Raum, Fuad ruft von hinten: Ja, genau, mach ma Musikunterricht, ich will jetzt ENDLICH was lernen, wallah! 

Gib ma Arbeitsbogen! ruft jemand anders. 

Ich: Und was ist mit meinen Sachen? Bevor hier irgendwas los geht, muss ich die wieder haben. 

Mahmout: Wieso? War doch kein Geld drin. Nix Wichtiges. Waren doch nur langweilige Zettel. 

Ich: Ja, aber MEINE langweiligen Zettel. Und meinen Kalender und meine Stifte-Tasche LIEBE ich. 

Mahmout lacht auf: So SCHULSACHEN? Bist du behindert? 

Ich: Ich weiß nicht, welche Sachen für DICH ne Bedeutung haben? 

Mahmoud: Mein Handy. 

Ich: Ja genau. Dann stell dir vor, jemand würde dir dein Handy weg nehmen. 

Die ganze Klasse röhrt vor Lachen, kreischt, kriegt sich gar nicht mehr ein. Was war jetzt wieder so komisch? 

Mahmout erklärt es mir, während Taher sich hinten immer noch übertrieben inszeniert ausschüttet vor Lachen. 

Mahmout: Die nehmen mir DAUERND mein Handy weg, ey. Scheiß OPFER-Lehrer! 

Fatima: Und dann müssen wir zwei Wochen warten, bis wir das wieder kriegen.

Ich: Wieso zwei Wochen? 

Fatima: Is so. Dann können die Eltern das in der Schule abholen. 

Selina: Handies sind nicht erlaubt im Unterricht. Wenn wir Sms tippen oder es klingelt, nehmen die uns das weg. Und damit wir zu Hause richtig Ärger kriegen, müssen das die Eltern in der Schule abholen. 

Ich: Ok. Verstehe. 

Mahmout: Also bei dir sind Handies erlaubt? 

Ich merke, wie mich diese Frage stresst. Wenn ich jetzt „Ja“ sage, habe ich mit absoluter Sicherheit ein Problem mit den Kollegen. Aber habe ich das nicht vielleicht sowieso? Ich winde mich etwas peinlich um eine klare Antwort. 

Ich: Also manchmal sind Handies ja sinnvoll. Wir können das ja von Fall zu Fall entscheiden. Auf jeden Fall solltet ihr die natürlich im Unterricht ausmachen. – Ist ja klar. (Das füge ich noch mit etwas Nachdruck hinzu, was den gegenteiligen Effekt von Nachdruck hat. Ich komme mir vollkommen lächerlich vor). 

Außerdem sind wir voll vom Thema abgekommen, denke ich, es ging doch eigentlich um meine Sachen! 

Ich: Aber ganz egal jetzt, wie wir das zukünftig mit den Handies hier regeln. Ich will erstmal meine Sachen wieder haben. 

Taher: Aber unsere Handies nimmst du uns dann trotzdem weg, oder was? 

Ich: Man, Taher, das ist hier kein Tauschgeschäft! 

Taher: Nee, man, stimmt! Du machst, was du willst, und wir sind die Scheiß-Opfers! Ey, diese Schule ist verrostet, wallah! 

Es wird wieder laut. 

Der Moment der kleinen Hoffnung ist vorbei. Sie haben wieder dichtgemacht. Was mit meinen Sachen ist, keine Ahnung. Ich stehe vorne wie der Alien. Langsam hole ich meine Arbeitsbögen raus. So ein Schwachsinn, denke ich und gebe Mehmet den Stapel, der mit ausdruckslosem Gesicht die Blätter sofort beginnt, auszuteilen. 

Na endlich, man! schreit Selina: Sie macht UNTERRICHT! und lacht ein bisschen hämisch. Während einige wenige tatsächlich anfangen, sich über die Arbeitsblätter zu beugen, falten die anderen Papierflieger daraus und lassen sie durch die Luft sausen. Innerhalb weniger Sekunden herrscht wieder der ohrenbetäubende Lärm. Kevin, ein kleiner blasser Junge, der hinten alleine am Fenster sitzt, hält sich die Ohren zu. Selina schreit: Jetzt setz dich doch mal durch, Frau Plath! Du musst die rauswerfen, die laut sind! 

Und was soll das bringen? schreie ich zurück. Selina zuckt mit den Achseln. 

Machen halt alle so. Du bist zu lieb, man. So lernen wir nix.

Wie zum Beweis geht jetzt hinten zwischen Taher und einem anderen Jungen eine Prügelei los, es sieht so aus, als würden sie sich umbringen wollen. Zwei andere Jungs halten die beiden nur mit Mühe und äußerster Kraftanstrengung auseinander, wildes Geschrei und Gepolter. Ich durchquere mit ein paar sehr schnellen Schritten den Raum, werfe mich quasi zwischen die beiden Streithähne und höre mich zu meiner eigenen Überraschung aus vollem Hals brüllen: Ihr spinnt ja wohl total! Jetzt ist Schluss!

In dem Gerangel werde ich hin und hergeworfen, jemand packt mich und schubst mich unsanft zur Seite. 

Misch disch nisch ein, das hat nix mit dir zu tun, sagt jemand nah an meinem Ohr. Die Schrankwand kracht zu Boden, die Mädchen kreischen, Kevin rennt heulend nach vorne und schreit: Ich will normalen Unterricht! Ich will normalen Unterricht! 

Ich rappel mich wieder auf und gehe nochmals mit aller Kraft dazwischen. Wieder werde ich mit voller Wucht zur Seite gestoßen. Ich stelle mich breitbeinig auf und brülle so laut, wie ich meine eigene Stimme selbst noch nie gehört habe: STOPP! Es REICHT!! 

Erstaunlicherweise kehrt Ruhe ein. Taher schmeißt sich zurück aufs Sofa, winkt mit einer abfälligen Geste ab: Ey du Missgeburt – wir sehn uns später. 

Ja, wir klärn das später, du Hurensohn! 

Als ich gerade aufatmen will, geht die Klassenraumtür auf: Ein älterer Kollege steht im Türrahmen, offenbar der Klassenlehrer der 8b. Er steht da breitbeinig im Türrahmen, die Arme in die Seiten gestemmt und grinst – ja man kann es nicht anders sagen – höhnisch. 

Was n HIER los? Ich glaub, mein Schwein pfeift! Ach! Und da is ja die Kollegin Plath! Ich dachte, hier ist kein Lehrer in der Klasse… Na, wenn Sie das hier als Unterricht bezeichnen… Interessante Pädagogik… Na denn! (Er tippt sich an die Stirn). Viel Spaß noch, Kollegin.

Und weg ist er. 

Ich lasse mich auf den Stuhl am Pult sinken und starre auf den Sitzplan. Es hat alles keinen Sinn, denke ich. 

In der Pause fliehe ich ins Raucherzimmer, sitze zwischen den Rokal-der-Steinzeitjäger-Lektüren, ziehe an meiner Zigarette und denke in einem Dauer-Loop: Nicht heulen, Frau Plath. Erst, wenn du zu Hause bist. 

Dann Musik in der 8a. Schon von draußen das Gejohle und Geschrei. Ich gehe rein und denke: Es sind nur 45 Minuten. Das schaffst du schon. 

Schaffen ist natürlich ein dehnbarer Begriff. Ich versuche gar nicht erst, von vorne irgendetwas anzusagen, sondern gehe gleich durch die Bankreihen und verteile meine Arbeitsbögen. Das sind sie gewöhnt, das verursacht am wenigsten Ärger. Es ist zwar völlig fürn Arsch, weil keiner ernsthaft was einträgt auf den Papieren, aber es sieht immerhin noch am ehesten nach Unterricht aus und führt mysteriöserweise dazu, dass dann immerhin die meisten an ihren Plätzen sitzen bleiben. Warum auch immer. Dort tippen sie zwar auf ihren Handies rum, spielen Karten, lackieren sich die Fingernägel oder zeigen sich Hochzeitsfotos aus dem Libanon, aber wenigstens sind sie dann mit sich beschäftigt und beachten mich nicht. Was in gewisser Weise eine Erholung ist. 

Warum verteile ich nicht einfach nur noch Arbeitsbögen und sitze meine Zeit ab? Wäre doch leicht verdientes Geld? Ich gehe so ein bisschen auf und ab, bleibe am Fenster stehen, schaue raus, schaue auf die Uhr. Immer noch erst zehn Minuten vergangen. Noch 35 Minuten. Ich langweile mich. Und plötzlich muss ich lachen. Was MACHEN wir hier eigentlich? Einen Wettbewerb, wer am besten die Zeit totschlägt? Wir sitzen hier alle diese 45 Minuten ab. Keiner von uns möchte hier sein. Alle würden lieber woanders sein und was anderes machen. Aber hier sind wir. Zusammen in diesem hässlichen, verwahrlosten Raum – und warten darauf, dass es klingelt. Und letztendlich darauf, dass wir endlich nach Hause dürfen. Was für ein Irrsinn. 

Ich traue meinen Augen nicht: Da meldet sich jemand. Ich gehe zaghaft hin, die Erinnerung von gestern noch in den Knochen. Aber es hat keinen Zweck von hier aus zu sprechen – man versteht sein eigenes Wort nicht bei diesem Lärm. Bei Meltem angekommen, kniee ich mich vor sie hin, schaue sie fragend an. Meltem sagt: Mir ist schlecht. Kann ich nach Hause? 

Immerhin fragt sie, denke ich. Taher wäre einfach gegangen. 

Was ist denn los?, frage ich. Statt einer Antwort, kullern Tränen. Entsetzt beuge ich mich vor: Was ist los, Meltem? Hat dir jemand weh getan? 

Jetzt schluchzt Meltem. Nickt. Ich nehme ihre Hand, sie schluchzt weiter. 

Magst du nicht drüber reden? 

Meltem schüttelt den Kopf, drückt aber weiter meine Hand. 

Ich will nach Hause, murmelt sie.

Ok, höre ich mich sagen, richte mich auf, gehe zum Pult und hole das Klassenbuch. 

Darf Meltem nach Hause? Ich will auch nach Hause, schreit ein Mädchen von hinten, das aussieht wie die Gewinnerin eines Model-Wettbewerbs. Ich werfe kurz einen Blick auf den Sitzplan. Das müsste Shirin sein. 

Shirin? Sie nickt. Mir ist schlecht, Frau Plath, ich habe meine Tage. 

Ich auch! Ich will auch nach Hause!, ruft sofort jemand anders. Ach du Scheiße, denke ich. Jetzt wollen alle nach Hause. 

Riesengeschrei: Was hat Meltem? Warum darf die nach Hause? Ich will auch nach Hause!

Ok. Sage ich sehr laut. Das ist jetzt echt albern. Entweder wir reden jetzt kurz, was mit euch los ist, und warum wer nach Hause muss, oder alle bleiben hier. Fertig. 

Ein Geheule geht los, wie eine Wolfsgeheul-Persiflage. Ey, Sie sind VOLL fies, Frau Plath. Wie HÄSSLISCH!!! Meltem geht’s WIRKLICH schlecht! Und ich hab ECHT meine Tage! 

Und wieder – brülle ich… 

Ruhe jetzt! STOPP! Das darf doch nicht wahr sein. Ihr setzt euch jetzt hin! SCHNAUZE!!! (ja, tatsächlich. DAS brülle ich, ich kann nicht glauben, dass ich das bin). Ein kurzer Moment der Überraschung. Die Mädchen grinsen. Ayse murmelt in meine Richtung: Na siehste… GEHT doch… 

Meltem hat inzwischen ihren Kopf auf die Arme gelegt und schluchzt lautlos vor sich hin. Ich streichle ihr vorsichtig über den Rücken. Sie zuckt zusammen. Schaut auf. 

Wolln wir? frage ich. 

Sie nickt. Wir gehen zusammen raus vor die Tür, das Klassenbuch habe ich unter den Arm geklemmt. Draußen auf dem Flur schließe ich vorsichtig die Tür und sehe Meltem an. 

Jetzt erzähl mal… sage ich. 

Aber Meltem schüttelt den Kopf und rennt davon. 

Meltem!

Ich habe den Impuls hinterher zu rennen, aber da kracht schon wieder irgendwas im Klassenraum um. Ich reiße die Tür auf und im selben Moment springen drei Jungs vom Pult, auf dem sie offenbar gerade getanzt hatten. Sämtliche Gegenstände auf dem Pult, zwei große Plastikbehälter mit Stiften und Scheren und eine Blumenvase sind auf den Boden geflogen, der Inhalt in einer Wasserpfütze auf dem Boden verteilt. Ich mache mich daran, aufzuräumen. 

In den folgenden Tagen bereite ich gefühlt 100 verschiedene Stundenentwürfe vor. Vor allem aber denke ich: Du WEISsT doch, wie guter Unterricht funktioniert. Mit Sicherheit geht das nicht frontal vom Pult aus. Also das allererste, was du schaffen musst, ist ein Stuhlkreis und auf Augenhöhe mit ihnen reden! In Beziehung gehen. Du hast das doch alles tausend Mal gemacht und eine ganze Schrankwand voller genialem Unterrichtsmaterial angesammelt! Das DARF doch nicht wahr sein, dass du das nicht hinkriegst! 

Ok. Gesagt getan. Erster Schritt: Demokratische Gesprächskultur, denke ich. In den folgenden Tagen kann Mensch dann besichtigen, wie Frau Plath in ihren Klassen versucht, einen Stuhlkreis aufzubauen. Ungelogen dauert dieses Vorhaben grundsätzlich genau eine Unterrichtsstunde lang. Wenn endlich der Stuhlkreis aufgebaut ist, alle im Kreis sitzen und ein winziger Moment Ruhe einkehrt, also genau in dem Moment, in dem ich sage: Ok, und jetzt fangen wir an – klingelt es zur Pause. 

Und jeden Tag packe ich am Ende eines weiteren langen Kampf-Tages meine Sachen zusammen, setze mich in die U8, die mich nach Mitte bringt und denke: 

Nicht heulen. Erst, wenn du zu Hause bist.