Kapitel 17: Rütli

Berlin, März 2006

Hilferuf der Rütli-Hauptschule, bekannt geworden als der „Rütli-Brandbrief“ im März 2006:

„Wie in der Schulleitersitzung am 21.2.06 geschildert, hat sich die Zusammensetzung unserer Schülerschaft in den letzten Jahren dahingehend verändert, dass der Anteil der Schüler/innen mit arabischem Migrationshintergrund inzwischen am höchsten ist. Der Gesamtanteil der Jugendlichen n.d.H. (nicht deutscher Herkunft) beträgt 83,2 %. (…) 

Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber.

Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schüler/innen mitgebracht. Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen.

Werden Schüler/innen zur Rede gestellt, schützen sie sich gegenseitig. Täter können in den wenigsten Fällen ermittelt werden.

Laut Aussage eines Schülers gilt es als besondere Anerkennung im Kiez, wenn aus einer Schule möglichst viele negative Schlagzeilen in der Presse erscheinen. (…)

Unsere Bemühungen die Einhaltung der Regeln durchzusetzen, treffen auf starken Widerstand der Schüler/innen. Diesen Widerstand zu überwinden wird immer schwieriger. In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. Lehrkräfte werden gar nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert.

Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können.

Die Folge ist, dass Kollegen/innen am Rande ihrer Kräfte sind.

(…) Einige Kollegen/innen stellen seit Jahren Umsetzungsanträge, denen nicht entsprochen wird, da keine Ersatzkräfte gefunden werden.

Auch von den Eltern bekamen wir bisher wenig Unterstützung in unserem Bemühen, Normen und Regeln durchzusetzen. Termine werden nicht wahrgenommen, Telefonate scheitern am mangelnden Sprachverständnis.

Wir sind ratlos.

(…)

Der Intensivtäter wird zum Vorbild. Es gibt für sie (die Jugendlichen) in der Schule keine positiven Vorbilder. Sie sind unter sich und lernen Jugendliche, die anders leben, gar nicht kennen. Hauptschule isoliert sie, sie fühlen sich ausgesondert und benehmen sich entsprechend.

Deshalb kann jede Hilfe für unsere Schule nur bedeuten, die aktuelle Situation erträglicher zu machen. Perspektivisch muss die Hauptschule in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zu Gunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung.

(…) 

Das unausgesprochene Gesetz, dass „nichts nach außen dringen darf“, Lehrer*innen also grundsätzlich über die Zustände an den Berliner Schulen zu schweigen haben, wird im Februar 2006 durchbrochen. Das Kollegium der benachbarten Rütli-Hauptschule verfasst einen schriftlichen Hilferuf an den Senat, der wenig später als der „Rütli-Brandbrief“ bundesweit Schlagzeilen macht. 

Ich weiß davon noch nichts, als ich an einem grauen, kalten Wintertag zur dritten Stunde in der ersten großen Pause in die Schule komme und sofort spüre, dass „irgendwas los ist“. Im ersten Augenblick fühle ich mich an die „Take-That-Situation“ erinnert: Im Februar 1996, noch während meines Referendariats: Die gesamte Schule schien damals in einem ultimativen, hysterischen Heulkrampf außer Kontrolle geraten zu sein. Überall weinende, laut schluchzende Schülerinnen, in Knäueln bebend ineinander verknotet, auf dem Schulhof, auf den Gängen und in den Klassenzimmern. Ich weiß noch, dass ich – eine furchtbare Katastrophe erwartend – panisch den erstbesten Schüler ansprach, der mir ansatzweise ansprechbar erschien:  Was ist passiert??  und dann mehrere Sekunden brauchte, um seine Antwort zu verstehen.  Take That haben sich getrennt.  Ich starre den Jungen vor mir an und warte auf eine weitere Erklärung, irgendetwas ganz und gar furchtbares, unerträgliches. Aber es kommt nix mehr. Es bleibt bei  Take That haben sich getrennt.  Diese Nachricht  löst hier an der kleinen beschaulichen Schule ein emotionales Beben aus und macht drei Tage lang jeglichen Unterrichtsversuch nahezu unmöglich. Aber was ist JETZT? Zehn Jahre später in Neukölln? Auf dem Schulhof ist die Hölle los, zwar keine schluchzenden Mädchen und auf den ersten Blick denke ich:  Nur das übliche Chaos,   aber dann sehe ich die Journalisten und die Kameras. Überall kleine Pulks, in denen aufgeregt diskutiert wird, es liegt eine Spannung in der Luft, die neue Schulleiterin Susanne Sebaldt, eigentlich immer entspannt und guter Laune, rennt mit leerem Gesichtsausdruck und ohne zu grüßen an mir vorbei.  Ich bleibe stehen, beobachte den Tumult auf dem Schulhof, versuche zu begreifen, was da los ist, aber ich kann mir keinen Reim darauf machen. Ich gehe rein in die Cafeteria. 

Mahmout und Chris stehen mit ein paar anderen Jungs an der Treppe und essen Sonnenblumenkerne. Die Schalen spucken sie in einen Mülleimer in einiger Entfernung, was nicht immer gelingt. Um den schwarzen Plastikeimer herum hat sich eine beachtliche Ansammlung der daneben gegangenen kleinen weißen Hülsen angesammelt. Als sie meinen Blick sehen, grinst Mahmout und macht eine beschwichtigende Geste,  Machen wir noch weg, Frau Plath! Chill ma!  –  Na dann ist ja gut,  sage ich und Chris lacht und nickt eifrig:  Auf JEDEN, man, WALLAH!  –  Und?   frage ich,    hab ich irgendwas verpasst heute? Ist irgendwas passiert?…  Und jetzt fangen die Jungs an, zu erzählen, sich gegenseitig ins Wort fallend, in kleinen Situations-Bruchstücken, Gelächter und Kommentaren. Ey wallah –  das geht hier schon seit ganz früh heute morgen AB, Alter! Alles voller Reporter hier  – Schüüüsch!  –  Warum das denn?  frage ich.  Keine Ahnung! Aber die fragen uns hier alles und machen Fotos, so Gangster Fotos…  Die Jungs machen es mir vor: Kapuze auf, düsterer Gesichtsausdruck, Arme vor dem Körper in Rapper-Pose vorgereckt.  –  Ja, oder so, man!  sagt Chris und streckt den Arm nach vorne, als hätte er eine Waffe in der Hand und diese direkt auf mich gerichtet.   Ja, und wir sollen so Gangster-Sprüche machen, Alter, so Pate-mäßig und so voll einen auf gefährlich machen, ABO!   Mahmout lacht.  Ey, Alter, für SOWAS gibts 10 Euro, man!   Er geht noch mal in eine eindrucksvolle Gangster-Pose.   Ja, genau man, und für Stuhl aus m Fenster werfen sogar 15 Euro, wallah!   Ich komme jetzt nicht mehr ganz mit:  Was genau ist mit 15 Euro? Wer hat euch Geld gegeben? Für Gangster-Posen und Stühle ausm Fenster werfen??   Chris strahlt mich an:   Ja, genau, leicht verdientes Geld man! Diese Reporter-Kartoffeln wollen so Bilder von Gangster-Neukölln, so voll gefährlicher Kiez, Alter, wir werden berühmt, man!  Die Jungs haben wahnsinnig gute Laune, immer wieder machen sie mir ihre Posen vor und lachen sich dabei schlapp, es ist fast wie eine Tanzeinlage, wie sie so im Halbkreis um mich rumstehen und mir ihre krassen Posen vorhopsen und dazu düstere Grimassen schneiden. Ich frage mich trotzdem etwas verwirrt, was das zu bedeuten hat. Was für Reporter, und warum das Geld für Gangster-Posen? Irgendwie beschleicht mich ein ungutes Gefühl, auch wenn die Jungs sich hier ja scheinbar bestens amüsieren. 

In den folgenden Tagen setzt sich das Bild zusammen. Quasi ALLE Zeitungen machen mit dem “Rütli-Skandal” auf: Und überall geht es um Chaotische Zustände an den Hauptschulen und um Jugendliche als finstere Kriminelle – Stichwort “Der Intensivtäter wird zum Vorbild”. Die skandal-fokussierte, klischeehafte Verzerrung und vor allem schmerzhaft vereinfachte Darstellung der Situation macht mich fassungslos. Und dann wütend. Als kurz darauf mal wieder eine Journalistin vorm Lehrerzimmer steht und mich anspricht:   Könnten Sie sich vorstellen, aus Ihrer Perspektive als Lehrerin zu berichten? In Form eines Interviews?  –  sage ich zu. Da ich als verbeamtete Lehrerin allerdings gar nicht mit der Presse sprechen darf – zumindest wird uns das tagtäglich so eingebläut- vereinbaren wir, dass meine Anonymität gewahrt bleibt. Das Interview möchte die Journalistin in Mitte machen, sie schlägt vor, ich soll sie in der Friedrichstraße neben dem Kulturkaufhaus Dussmann im Gebäude des Zeitungsverlags abholen, dann könnten wir entweder dort oder im nahe gelegenen Café Einstein sprechen. Gesagt, getan. Zum verabredeten Zeitpunkt stehe ich in der Friedrichstraße vor dem Verlagsgebäude, kurz darauf kommt die Journalistin aus der Tür geeilt, gibt mir zu verstehen, dass es im Café Einstein jetzt doch besser ist und wir machen uns auf den Weg. 

Ich habe gute Laune wie ein kleines Kind, das mal kurz von zu Hause abgehauen ist und etwas Verbotenes tut. Dass die Frau neben mir irritierende Sachen sagt, stört mich erstmal gar nicht. Im Café Einstein dann aber, als sie mit ihrem Moleskin Büchlein vor mir sitzt und krakelig und schnell mitschreibt, was ich sage, wird mir mulmig. Denn mir kommt das Ganze plötzlich vor wie ein Theaterstück, das zu einem bestimmten Zweck aufgeführt wird, dessen Ausgang aber schon längst feststeht, völlig unabhängig davon, was ich sage. 

Sie:  Wie erklären Sie sich die Gewalt, die Verrohung, die da an den Hauptschulen stattfindet?

Ich:  Naja, diese Kinder sehen für sich keine Perspektive und rebellieren gegen ein System, das sie abgeschrieben hat. Die können sich mit den Inhalten, die wir da im Unterricht anbieten, überhaupt nicht mehr verkoppeln. Dieses in Stein gemeißelte Bewertungsraster, das wir auf alle gleichermaßen anwenden, ist unzureichend und führt zu ständigen Herabsetzungen und Demütigungen dieser Kinder. Dagegen rebellieren die jetzt.

Sie:  Aha? Also das System ist Schuld? Die meisten Kinder in Deutschland kommen doch ganz gut klar mit diesem System. Und wer sich bei uns anstrengt, der kann ja auch was erreichen. Man hat doch eher den Eindruck, dass der hohe Ausländeranteil hier eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielt, oder nicht? 

Ich:  Ja, diese Perspektive hatte ich am Anfang auch, ich habe die Kinder mit Migrationshintergrund alle als eine homogene Gruppe wahrgenommen, aber dann habe ich gemerkt, dass die ja alle völlig unterschiedliche Hintergründe und Lebensgeschichten haben und dass genau DAS das Problem ist: UNSERE Perspektive, dass das „alles Ausländer sind“. Das ist ja in Wahrheit Quatsch.

Sie:  Wie meinen Sie das?

Ich:  Genauso, wie ich gesagt habe: Die Kategorie „Ausländer“ ist nicht hilfreich, ich würde sogar sagen, sie ist total  falsch. Viele der Kinder sind erstens Deutsche und haben dann – wie gesagt – sehr unterschiedliche Hintergründe, die sich gar nicht vergleichen lassen. Wenn wir sagen „die Ausländer“ dann werden wir den jeweils einzelnen Menschen, die sie in Wahrheit sind, überhaupt nicht gerecht. Im Gegenteil: Dann nehmen wir eine defizitäre Perspektive ein. Und die wirkt sich aus. Stichwort Attribution: Wenn ich denke, dass jemand so und so ist, dann verhalte ich mich entsprechend und setze überhaupt erst einen Prozess in Gang, der meine Vorurteile dann bestätigt – völlig unabhängig davon, wie es in Wahrheit ist. Es gibt nicht „die Ausländer“. Es gibt nur einzelne Menschen. Ich denke, wir müssen dringend unsere Perspektive ändern. 

Die Frau räuspert sich leicht pikiert und wirft mir einen Blick zu, als hielte sie mich für minderbemittelt.  Naja,  sagt sie,  es sind ja nicht die DEUTSCHEN Kinder, die sich am Intensivtäter orientieren. Das sehen wir ja im Vergleich an anderen Schulen, wo der Ausländeranteil erheblich niedriger ist. Da tauchen diese Probleme ja nicht auf. Diese ganze Gewalt an den Hauptschulen – das ist doch eine direkte Folge der Sozialisierung in kriminellen arabischen Clans. 

Ich frage mich, ob die Frau mir zuhört oder nur ihre eigenen Ansichten los werden will und versuche es erneut:  Aber die sind doch nicht alle in arabischen Clans sozialisiert – das ist doch genau dieses Pauschalisieren, was ich meine! Natürlich müssen wir hinschauen, wenn ein Kind in einem kriminellen Umfeld aufwächst und fragwürdige Vorbilder hat – aber die erste Sache ist doch erstmal heraus zu finden, wer diese Kinder überhaupt sind und was sie selbst erzählen. 

Die Journalistin seufzt abfällig:  Das klingt für mich sehr naiv.

Ich:  Naiv? Wieso naiv? Ich würde eher sagen konkret und konstruktiv.

Sie:  Ach, nun spielen Sie sich hier mal nicht so auf. Das haben ja nun auch schon andere vor Ihnen versucht, da konstruktiv ran zu gehen. Aber das Problem ist doch wirklich diese Multi-Kulti-Naivität! Hört sich alles wunderschön an, was Sie da wollen, aber die Realität ist doch eine andere! Multi-Kulti ist gescheitert! Die Hauptschulen versinken im Chaos! Und wo kommt denn die ganze Gewalt her? Da gibt es Zahlen! Die Kriminalität der arabischen Clans ist ein Riesenthema! Aber scheinbar wollen Sie die Augen davor verschließen!

Ich:  Ich will nicht die Augen vor irgendwas verschließen, sondern ganz im Gegenteil die Augen für die komplizierteren Zusammenhänge öffnen! Wenn sie einen Text über Clan-Kriminalität in Berlin schreiben wollen, dann machen Sie das doch! Dann brauchen Sie doch aber nicht mit mir zu reden. Mir kommt es vor, als wollten Sie nur ein Testimonial für das, was Sie sowieso schreiben werden! 

Die Frau vor mir klappt ihr Moleskine Büchlein mit einer entschiedenen Geste zu, starrt mich mit kühlem Blick an und sagt:

Da haben Sie vollkommen recht. SIE brauche ich für meinen Beitrag offenbar nicht. Wenn Sie ihren romantischen Fantasien von Multi Kulti weiter anhängen wollen, ist das ja Ihre Sache. Ich habe andere Quellen. Mir hat beispielsweise vor kurzem ein Lehrer an einer Neuköllner Hauptschule erzählt, dass es nur noch so wenig deutsche Schüler an seiner Schule gibt, dass die die Außenseiter sind und von den arabischen Jugendlichen gemobbt und verprügelt werden. Abziehen nennt man das wohl. Die deutschen Kinder sind die Minderheit und leben an deutschen Schulen in Angst und Schrecken. Dazu können Sie aber vermutlich nichts weiter sagen, nehme ich an?    Sie grinst leicht süffisant und ich merke, wie ich wütend werde. Ich denke an Justin, und dass der wahrscheinlich tatsächlich in Angst und Schrecken gelebt hat – aber mit arabischen Jugendlichen hatte das eher weniger zu tun… Vorsichtig jetzt, denke ich, wenn ich mich jetzt aufrege, hat das alles keinen Sinn. Ich fühle mich wie eine Schülerin bei einer Prüfung, die immer die falschen Antworten gibt. Sechs, setzen, Frau Plath. Egal. Eine Sache sage ich trotzdem noch: 

Nee, tatsächlich. Dazu kann ich wirklich nichts sagen. In den Klassen, in denen ich unterrichte, haben die alle unterschiedliche Hintergründe und mir ist nicht aufgefallen, dass eine besondere Gruppe oder Minderheit speziell gemobbt wird. Vielleicht sollten Sie mal die Kinder selber fragen. Die können sehr unterschiedliche Geschichten dazu erzählen. Klar gibt es Gewalt und Mobbing, aber die Frontlinien verlaufen nicht so eindimensional, wie Sie sagen. Ich frage mich, warum Sie scheinbar gar nicht interessiert daran sind, etwas raus zu finden, was Sie vielleicht noch NICHT wissen… 

Meine Abschlussrede ist ganz offensichtlich zu lang für mein Gegenüber. Sie hat ihre sieben Sachen währenddessen eingepackt, den Kellner herangewunken, ihren Kaffee bezahlt und ihren Mantel angezogen. Jetzt steht sie vor mir, reicht mir mit einem süßlich-kalten Lächeln die Hand und sagt:   Ich wünsche Ihnen weiterhin noch viel Erfolg, Frau Plath.   Und weg ist sie. 

Diese unangenehme Begegnung hatte bei mir aber immerhin EINE positive Auswirkung: Ich fing nun an, die Beiträge dieser Dame regelmäßig zu lesen und sie mit anderen Artikeln in anderen Zeitungen zu vergleichen. Wer schreibt zu diesem Thema auf welche Weise? Und das war spannend. Und es führte zu einer neuen Gewohnheit – nämlich dem Zeitunglesen. 

Das hatte ich bis dahin nur sporadisch und zu bestimmten Themen getan. Jetzt wurde es zu einem neuen ausufernden Hobby. Durch das ständige Zeitunglesen – die großen Tages- und Wochenzeitungen und mindestens eine Lokalzeitung – entwickelte ich Freude daran, auf ein bestimmtes Thema verschiedene Perspektiven einzunehmen und dadurch immer mehr Facetten eines thematischen Feldes zu verstehen.  Ich ärgerte mich weiterhin über platte und vereinfachende Darstellungen, fand aber an anderer Stelle auch immer wieder großartige, kluge Reflexionen, die mich dann wieder trösteten. Vor allem wurde mir bewusst: Je mehr Perspektiven auf eine Sache es gibt, desto klarer wird mein Gefühl dazu, desto besser kann ich sie verstehen. Doch eine Sache blieb merkwürdig: Der Rütli-Skandal schien insgesamt zu polarisieren und auch in der Presse nicht eine Vielzahl von reflektierten Perspektiven hervorzubringen, sondern im Großen und Ganzen eigentlich nur zwei, die sich relativ unversöhnlich gegenüberstanden:

Die einen waren der Meinung, es brauche kein anderes Schulsystem, sondern mehr Law & Order – und zwar deutlich auf die sogenannten „Ausländer“ bezogen, die in dieser Sichtweise als Gruppe problematisiert wurden. Also mehr Autorität und härteres Durchgreifen bei Fehlverhalten. Und dies wurde ganz klar denen zugeschrieben, die sich abweichend verhielten, insbesondere Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Es war in etwa die Position der Journalistin, mit der ich gesprochen hatte. 

Die anderen waren der Meinung, dass viel mehr Durchmischung – sozial und kulturell – erfolgen müsste, und dass das dreigliedrige Schulsystem am Ende sei und eigentlich alle Kinder zusammen beschult werden müssten. Sie hatten die Vision einer Schule der Vielfalt mit einer Kultur, so wie ich sie in Bullerbü kennen gelernt hatte, nur eben für alle. 

Der blinde Fleck bei der zweiten Meinung war allerdings die Frage nach den wahren Gründen des Rütli-Scheiterns: Also dieses „Nicht-wahr-haben-wollen“, dass Bullerbü nicht überall funktionierte. So dieses Unverständnis darüber, warum die Lehrkräfte da denn nicht klarkamen und dann – peinlich! – in so autoritäre Verhaltensweisen gekippt waren. Rütli durfte in dieser Perspektive irgendwie nicht passiert sein. Es war dieses „Peinlich-berührt-sein“, dass ich auch bei meinen ehemaligen Kollegen*innen an Dieters Schule wahrgenommen hatte, wenn ich versucht hatte, von meinen Erlebnissen in Neukölln zu berichten. 

Mir kam das vor, wie ein Herumschleichen um die Frage, was denn zu tun ist, wenn unsere Vorstellung von „Bullerbü“ leider nur dort hinhaut, wo überwiegend Kinder sind, deren Lebenswelten unseren eigenen ähneln? Also plakativ ausgedrückt, wo alle weiß und mehr oder weniger gebildet sind? Ich nahm eine seltsame Unwilligkeit wahr, sich einzugestehen, dass eben NICHT alle Kinder dieselben Voraussetzungen mitbrachten. Und das eine sinnvolle Antwort auf dieses Problem vielleicht NICHT nur in der weißen Bullerbü-Perspektive zu suchen war.  Aber das Sprechen darüber war nahezu unmöglich, weil es scheinbar IMMER den Anhänger*innen der ersten Meinung in die Hände spielte. 

Dabei saß mir die Erkenntnis ja noch sehr spürbar in den Knochen, dass meine so gut gemeinte Vorstellung von Unterricht in Neukölln vom Feinsten krachen gegangen war. Warum machte es mir solche Schwierigkeiten, bei den Vielfalt-Vertreter*innen das Problem zu benennen, das ich ganz real spürte? 

Wenn ich mit Vertreter*innen der Law & Order Fraktion redete, wurde mir vorgeworfen, ich sei „Bullerbü“, also eine naive „Multi-Kulti-Romantikerin.

Wenn ich mit Vertreter*innen der Vielfalt-Fraktion, also eigentlich meiner eigenen, redete, wollte niemand so richtig darüber sprechen, warum ich gescheitert war. Wenn ich anfing, meine Wahrnehmungen zu benennen, wurde mir vorgeworfen, dass ich problematisierte, also auch „schon so redete, wie die Law & Order-Fraktion“, es gäbe diese „Probleme“ und diese „Unterschiede“ zwischen den Kindern nicht, die ich da erwähnte. 

Ich fühlte ein Unbehagen und hörte auf, über Probleme zu sprechen. Ich dachte mir: Pass auf, dass dir nicht der Kopf abgerissen wird in dieser Debatte. Halt` einfach die Klappe und finde selber raus, wie das Problem gelöst werden kann. 

Einige Zeit später lernte ich die Richterin Kirsten Heisig kennen. Sie besuchte die Neuköllner Brennpunktschulen und stellte in den Lehrer-Kollegien ihr Konzept zur Bekämpfung von Jugendkriminalität vor.  (Was ich hier kenntlich machen muss: Kirsten Heisig ist, bzw. war, eine reale Person, sie geriet mit ihrem Konzept zur Bekämpfung von Jugendkriminalität in Berlin in die Schlagzeilen. Ihr Buch „Das Ende der Geduld“ wurde nach ihrem Tod ein Bestseller und rief unterschiedlichste Reaktionen hervor. Es wurde später unter gleichem Titel mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt).   

Wir saßen alle in der Aula, Kirsten Heisig stand mit ihrem Kollegen vorne und während sie redete, dachte ich: Diese Frau kennt den blinden Fleck. Sie spricht die Probleme an. Was ich aber auch wahrnahm: Die Law & Order Fraktion in unserem Kollegium klatschte und applaudierte und macht Bemerkungen wie „Richtig so!“. Sie hörten offenbar ein „Wir müssen härter durchgreifen gegen diese kleinen Gangster!“ und fühlten sich bestätigt. Ich hörte aber etwas anderes. Und meinte wahrzunehmen, dass diese Frau die Jugendlichen MOCHTE und sie besser verstand, als viele Neuköllner Lehrer*innen. Als sie ihren Input beendet hatte und mit ihrem Kollegen die Aula verließ, stand ich ebenfalls auf und ging hinterher. Ich holte die beiden auf der Treppe vor der Lehrerzimmer-Tür ein, stellte mich vor und fragte: 

Was für einen Eindruck haben Sie denn, wenn Sie jetzt so durch die Schulen fahren? Glauben Sie, dass Sie in den Lehrer-Kollegien richtig verstanden werden? 

Kirsten Heisig, die auf mich ein wenig gehetzt gewirkt und eben noch so ausgesehen hatte, als ob sie sich auf keine Verzögerung einlassen würde, blieb stehen und sah mich an: 

Das kann ich, ehrlich gesagt, nicht beurteilen. Für mich ist es entscheidend, dass ich all die Leute, die mit den straffällig gewordenen Jugendlichen zu tun haben, miteinander vernetze und wir eine gemeinsame Strategie finden, wie wir da konstruktiv zusammenwirken können. Haben Sie denn was anderes verstanden? 

Ich:  Es könnte auch so verstanden werden, dass die Kinder möglichst schnell in den Knast verfrachtet werden sollen. Law & Order. Kurzer Prozess und fertig. Gefängnis als zynische Maßnahme – so nach dem Motto: Dann sind wir sie los. 

Darum geht es ÜBERHAUPT nicht,   sagt Kirsten Heisig in geduldigem Ton, sie scheint oft missverstanden zu werden und ist darauf vorbereitet:   Im Moment haben wir die Situation, dass einige Kinder in Neukölln auf die falsche Bahn geraten und es viel zu lange dauert, bis da eine Konsequenz für sie spürbar wird. Sie machen dann einfach weiter, sammeln Straftaten an und landen dann irgendwann tatsächlich in der Strafanstalt. Und ich sehe das genauso wie Sie: Das ist kein Ort, der ihnen hilft. Ganz im Gegenteil. Er versaut ihnen ihr ganzes Leben. Das heißt: Wir müssen vorher tätig werden. Das sind ja teilweise 14-jährige Jungs oder noch jünger. Wenn die merken: Ich komme mit einer Straftat einfach so durch und danach passiert drei Jahre gar nichts, dann rutschen die in eine Welt rein, die sie maßgeblich prägt und aus der sie später auch nicht mehr so ohne weiteres rauskommen. Man kann es Kindern nicht übelnehmen, dass sie es erstmal als Abenteuer oder als Ehre verstehen, wenn sie aufgefordert werden, ein Drogenpäckchen quer durch die Stadt an einen Kunden zu überbringen. Vor allem dann nicht, wenn das ihre Bezugspersonen sind, die das von ihnen verlangen, Menschen, zu denen sie aufschauen.  Wenn der Staat da ewig lange Zeit verstreichen lässt, bevor irgendeine Maßnahme erfolgt, entwickeln diese Kinder gar kein Unrechtsbewusstsein und rutschen in eine Denke und ein Verhalten rein, das ihnen später gar keine andere Möglichkeit mehr lässt, als kriminell zu werden. Wenn ich mich dafür einsetze, dass wir uns schnell und wirksam um diese Kinder kümmern müssen, meine ich gerade nicht Gefängnisstrafen, sondern alles andere, was wir zur Verfügung haben, um sie wirklich zu erreichen und auf einen anderen Weg zu bringen. Vor allem zeitnah und wirksam auf einen Weg, den sie selber bestimmen können. Im Moment haben wir eine Situation, in der diese Jungs von erwachsenen Familienmitgliedern instrumentalisiert werden. Da ist eine psychische Abhängigkeit, die sich mit einem lahmen Gespräch vorm Familienrichter alle drei Jahre nicht durchbrechen lässt. Ich finde, dass wir eine Verantwortung dafür haben, Kindern zu helfen, ihren eigenen, selbstbestimmten Weg gehen zu können. Wir müssen dafür sorgen, dass die selbst in der Lage sind, den Berg nach oben zu steigen. Wenn wir immer nur anbieten, sie ein Stück weit zu tragen, dann kommen die nie oben an. Ein bisschen Führung und auch klare Konsequenzen sind absolut notwendig, um gegen die autoritären und missbräuchlichen Strukturen in einigen dieser Familien anzukommen. Mir geht’s darum, dass die eine Chance auf ein eigenes, glückliches Leben haben. Und dafür müssen alle Institutionen und Menschen, die in diese Fälle involviert sind, viel enger zusammenarbeiten. Im Moment läuft das alles aneinander vorbei und allen fehlen die notwenigen Informationen. Wie gesagt: Es geht mir eben gerade darum, dass diese Kinder NICHT im Gefängnis landen. Sollte ich da missverstanden werden, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie das in Ihrem Kollegium weiter diskutieren könnten. Wir sind auf Ihre Mithilfe angewiesen. 

Ich nicke und bin ein bisschen beeindruckt, weil sie sich so offensichtlich auch auf persönlicher Ebene – als Mensch – in dieses riskante Thema hineinbegibt. Was für ein Unterschied zwischen ihr und der Journalistin. Mit Kirsten Heisig ist es möglich über Jugendkriminalität und arabische Clans zu reden, OHNE dabei die ganze Zeit diesen inneren Stress zu empfinden, dass sie diese Kinder innerlich abwertet oder aufgrund von Herkunft defizitär betrachtet bzw. sie als eigenständige, individuelle Menschen gar nicht im Blick hat. Sie hat diese Kinder im Blick. Und zwar nicht als „arabische“ Jugendliche, sondern einfach als Kinder, die in ihrer Situation etwas anderes brauchen, als gut gemeinte Gleichgültigkeit und Laissez faire auf der einen Seite – oder rassistische Zuschreibung auf der anderen Seite. 

Das Seltsame ist aber, dass ich mich später zunehmend weniger traue, diese Gedanken anderen gegenüber auszusprechen, weil mir irgendetwas den Hals zuschnürt. Es fühlt sich so an, als könnte ich nur missverstanden werden, egal, was ich sage. 

Und genau das beobachte ich dann aus der Ferne im Fall von Kirsten Heisig. Sie wird zunehmend angefeindet und offenbar absichtlich missverstanden, in der Öffentlichkeit als autoritäre „Law & Order“ Tante diffamiert –  und absurderweise gleichzeitig von der Law & Order Fraktion für eigene Zwecke instrumentalisiert – im Sinne von: „Endlich greift eine Richterin Gnadenlos in der ausufernden arabischen Jugendkriminalität mal ordentlich durch! Das haben wir ja gleich gesagt: Da helfen eben nur harte Strafen und Knast!“ Was ich schon im Kollegium in der Aula wahrgenommen hatte, passierte nun auch auf der öffentlichen Bühne. Die „Richtig-So!“ Rufer*innen, die sich aus den falschen Gründen „härtere Strafen für die kleinen Gangster“ wünschten, gewannen im Diskurs an den Schulen die Oberhand. Mein inneres Grauen war dann vollständig, als ich eines Morgens die Nachricht von ihrem Suizid in der Berliner Zeitung las – offensichtlich hatte sie sich in einem Waldstück aufgehängt – und sofort wurde spekuliert, sie sei von arabischstämmigen Jugendlichen umgebracht worden, was sich später als falsch erwies. 

Aber wie immer gab es auch über diese verstörende Entwicklung keinen gemeinsamen Austausch im Kollegium. Ich war froh, dass ich Mausi und Andrea “hatte”, mit denen ich es mir zur Gewohnheit gemacht hatte, alles – sowohl was innerhalb als auch außerhalb der Schule passierte – in Ruhe durchzuquatschen. Erst viel später merkte ich, dass diese regelmäßige Verarbeitung mit den beiden mir ganz erheblich dabei half, gesund zu bleiben. 

Wie absurd ist es eigentlich, dass Lehrer*innen all das, was sie in ihrem Alltag erleben, eigentlich nie geordnet mit anderen professionell reflektieren können. Dafür fehlen bis heute die angemessenen (Zeit-)Räume und Settings. Es wird einfach immer alles oben drauf geschmissen, all die Eindrücke und unverarbeiteten Gefühle. Jede*r bleibt damit mehr oder weniger allein. Ein absoluter Wahnsinn. Im schlechtesten Fall dann mit dem Ergebnis der Zombie-Apokalypse im Lehrerzimmer… aber ich schweife ab. 

Nachdem sich die Wogen über den Rütli-Skandal einigermaßen gelegt hatten, ging es an den Neuköllner Schulen zunächst einfach so weiter wie bisher. Wir bekamen eine weitere Sozialarbeiterin, ansonsten passierte nichts. Die Rütli-Schule wurde mit Kreativ-Maßnahmen, Geldern und Innovation aus der ganzen Bundesrepublik beworfen und entwickelte sich in den folgenden Jahren zum Vorzeigeprojekt: Dem Campus Rütli. Ich selbst hatte ein neues Thema für meine Forschungsarbeit in der Aula gewonnen: Der blinde Fleck. Die unausgesprochene Lücke zwischen “Law & Order” und “Bullerbü”. 

In der 9b rede ich noch lange mit den Jugendlichen über „Rütli“ und was sie denken, wie eine gute Schule funktionieren könnte. Am Ende kommen auch wir bei dieser seltsamen Lücke an: Gibt es etwas ZWISCHEN „Hart durchgreifen“ und „Lieb-sein-wie-der-Sozialpädagoge?“

Und wie immer kommen die besten kleinen Erkenntnisse genau von dort, wo alles angefangen hat. 

Wir wollen, dass die Lehrer sich durchsetzen. Sonst ist immer Chaos,   sagt Mahmout. 

Was wäre denn, wenn IHR euch durchsetzt?

Das geht nicht. Dann IST ja Chaos.

Was wäre denn, wenn ihr lernt euch durchzusetzen, OHNE dass Chaos ist? 

Cool. Aber WER setzt sich dann durch? Es kann ja nur einen geben! 

Nee. Es kann viele geben. Wenn ALLE lernen, sich durchzusetzen. 

So abwechselnd oder was?

Ja zum Beispiel. 

Das ist voll langweilig, das ist so Demokratie… macht kein Spaß!

Jetzt warte doch erstmal ab. Ich meine nicht so Stuhlkreis. 

Was denn?

Sag ich doch: Lernen, sich durchzusetzen, also Chef zu sein. 

Chef sein ist gut!   Mahmout lacht.  

Na eben. 

Und das bringst du uns jetzt bei, Frau Plath? 

Ich werd’s mal versuchen. 

Deal!   –  Mahmout streckt seine Hand aus, wir klatschen kurz ab. 

Aber jetzt ist erstmal Pause, wallah!