Hochachtung für den Lehrberuf

Oder: Die Kunst, eigenständige Prozesse zu ermöglichen – und warum wir diese Kunst nicht vernebeln sollten und die “Schildkröte” grundsätzlich beim Namen nennen sollten.

(c) Friederike Faber

Zum ZEIT Artikel „Plötzlich ist der Wurm drin – Deutschlands Grundschulen sind in Gefahr: Es fehlen Tausende Lehrer und die Leistungen brechen ein. Wie konnte es soweit kommen?“ (DIE ZEIT, 30. Mai 2018, Chancen, Seite 61,62)

In der letzten ZEIT Ausgabe erfahren wir im oben genannten Artikel von Martin Spiewak: „Die Personalnot erwischt die Grundschulen zum ungünstigsten Zeitpunkt. Kein anderer Lernort in Deutschland steht stärker unter Druck. Die Grundschule ist die einzige Schule für alle Kinder; ihre Lehrerinnen und Lehrer nehmen viele Entwicklungen zuerst wahr: Dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Dass zu den einheimischen Migranten Hunderttausende Flüchtlinge hinzukommen. Dass sich in einem Teil der Elternschaft pädagogisches Analphabetentum breitmacht. Dass Inklusion viel schwieriger ist, als gedacht. Die Grundschulen sind ein Frühwarnsystem für Erfolg oder Misserfolg der Schule insgesamt“.

Gegen diese Not sollen Seiteneinsteiger die Lösung sein:

„Was in anderen Professionen undenkbar ist, wird an immer mehr Grundschulen Praxis: Seiteneinsteiger ohne pädagogischen Abschluss ziehen in die Schulen ein…“

Im Gegensatz zu Herrn Spiewak ziehe ich die Qualität unserer pädagogischen Abschlüsse , insbesondere des Referendariats, in Zweifel. Aber grundsätzlich sehe auch ich eine zunehmend naive Haltung auf das, was Lehrkräfte in Wahrheit KÖNNEN müssen. Ob da unsere derzeitige pädagogische Ausbildung so viel weiter hilft, sei mal dahin gestellt. Fakt bleibt aber, dass immer mehr Leute offenbar erstaunt sind, dass Jugendliche eben nicht so ohne weiteres selbständig lernen, denken und handeln und unsere hehren Bildungsziele sich nicht „einfach so“ erreichen lassen.

Dazu mein folgender kleiner Essay:

Stellen wir uns drei Schulklassen vor. In allen drei Klassen lautet das Ziel, dass die Schüler*innen selbständig denken und handeln lernen sollen. Am besten auch noch kreativ. Und vergleichen wir mal spaßeshalber, was in diesen drei Klassen im Verlaufe eines Schuljahres an Fortschritt passiert ist. Auf der Basis meiner Erfahrungen mache ich hier mal folgende drei Möglichkeiten auf:

In der ersten Schulklasse ist nach einem Jahr genau gar nichts passiert. Alle haben irgendwie und mit großem Aufwand und vielen Gesprächs-Stuhlkreisen alles mögliche ausdiskutiert, viele bunte Karten an der Wand befestigt und versucht, alles richtig und ganz toll kreativ zu machen – aber raus gekommen ist – NICHTS.

In der zweiten Schulklasse ist im Verlaufe des Jahres Chaos ausgebrochen. Alle sind miteinander verstritten und frustriert. Die Jugendlichen „machen, was sie wollen“, aber in Wahrheit offenbar nicht, denn dann müssten sie ja bessere Laune haben. (…!) Die haben sie aber ganz offensichtlich nicht. Ganz im Gegenteil sind alle frustriert und latent aggressiv. Die Lehrkraft hat den Eindruck, dass ein solcher „Sauhaufen“ eben auch nicht selbständig arbeiten KANN und es das nächste Mal wieder „klare Ansagen“ braucht.

In der dritten Schulklasse sieht es im Verlaufe des Jahres nach außen manchmal etwas chaotisch und ungeordnet aus. Aber überraschenderweise hat diese Klasse am Ende eines Jahres einen Naturwissenschafts-Wettbewerb gewonnen, einen Film gedreht, ein Theaterstück entwickelt und aufgeführt und ist zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen gewachsen, die bestens im Team zusammen arbeitet.

Am Ende ist die allgemeine Meinung: Alle Jugendlichen in allen drei Klassen haben in diesem Jahr ganz selbstbestimmt und eigenmächtig gearbeitet. Aber die Jugendlichen in der dritten Klasse waren einfach die „tolleren Jugendlichen“. Da hat die Lehrkraft Glück gehabt.

 

Genau diese allseits verbreitete Ansicht ist der Grund dafür, warum der Lehrerberuf kein Ansehen genießt und das Wort Pädagogik bei den meisten Würge-Reflexe auslöst.

Denn drunter liegt folgendes:

In der ersten Schulklasse war die Lehrkraft menschlich in der Lage, Beziehungen aufzubauen. Deswegen blieb die Stimmung im ganzen gut. Aber es wurde nichts oder wenig gelernt und schon gar nichts entwickelt oder produziert, weil die Lehrkraft dachte, dass es ausreicht, die Jugendlichen „selbständig arbeiten zu lassen“ – ohne Ideen zu haben, welche Impulse und Strukturen es braucht, damit Menschen LERNEN, selbständig zu arbeiten, ihren eigenen Ideen zu vertrauen und diesen eine entsprechende Form zu geben.

In der zweiten Schulklasse glaubte die Lehrkraft selbst nicht daran, dass Jugendliche „selbständig arbeiten“ können. Sie hielt das Projekt von vornherein für gescheitert. „Wenn man denen nicht sagt, wo es längs geht, passiert doch nix!“ dachte die Lehrkraft. Obwohl sie dies nicht sagte, strahlte sie diese Haltung ein Jahr lang aus.

Dadurch konnte keine vertrauensvolle Beziehung zwischen Lehrkraft und Jugendlichen entstehen. Diese Klasse war also doppelt allein gelassen: Ohne funktionierende Beziehungs- und Kommunikationskultur und ohne konkrete Impulse, Strukturen und Ideen seitens der Lehrkraft, wie selbständige Denk- und Arbeitsprozesse denn überhaupt fruchtbar werden KÖNNEN. Den Frust darüber ließen sie also zunehmend aneinander und an der Lehrkraft aus. Am Ende des Jahres war nichts entstanden außer Erleichterung bei allen Beteiligten, dass es jetzt endlich vorbei war und sich alle in die Ferien verabschieden konnten.

 

In der dritten Schulklasse war die Lehrkraft GANZ OHNE ZWEIFEL ein*e „Zauber*in“, bzw. eine „Schildkröte“ – also eine sehr erfahrene Expert*in demokratischer Führung. Gerade WEIL die Jugendlichen TATSÄCHLICH alles „alleine“ und selbstbestimmt entwickelt und das Ganze zu einem sichtbaren ERFOLG gebracht hatten, muss es eine sehr versierte und kluge Führung seitens der Lehrkraft gegeben haben. (Denn anders ist es gar nicht möglich).

 

Diese Kunst (der klugen Führung) ist eine der wichtigsten, die wir derzeit in unserer Welt brauchen. Aber wir können nie wirklich anfangen, diese hochkomplexe Fähigkeit in der Tiefe zu vermitteln, weil wir sie scheinbar gar nicht BENENNEN wollen.

Denn der Weg dahin, auf diese Weise – nämlich zur Mündigkeit hin – zu führen, ist sehr anstrengend, mühevoll und hochkomplex. Wer diese Kunst lernen will, muss einen langen Atem haben und den Willen, auch sich selbst immer wieder in Frage zu stellen, an sich zu arbeiten und niemals aufzuhören, immer besser werden zu wollen. Und dies anhand von ausformulierten Qualitäts-Maßstäben, bzw. wie ich es nenne: Anhand von Koordinaten, die unserem Denken, Handeln und Weiterdenken eine professionelle Richtung geben.

Mir fallen in Bezug auf diese Kunst (etwas albern, aber ihr wisst schon, wie ich es meine) berühmte Filme ein wie Starwars, in denen es um die Ausbildung zum Jedi-Ritter geht, oder Bücher wie Siddartha von Hermann Hesse. „Ein Meister werden zu wollen“ geht eben nicht in zwei, drei Abendkursen und „einfach irgendwie mal so“…

Das Schlimmste aber an unserer heutigen Situation ist, dass diejenigen, die diese hohe Kunst beherrschen, am Ende zu hören kriegen, dass sie nur „Glück“ – nämlich „tolle Jugendliche“ – hatten.

Zweifellos sehen solche Lehrkräfte ihre Schüler*innen genauso: Sie sehen das „Tolle“ in ihnen. Das ist aber etwas anderes, als das, was mit dieser hingeworfenen Bemerkung gemeint ist. Wer sagt: Ach, da hattest du ja Glück, dass du so „tolle Jugendliche“ hattest, entwertet damit die Leistung der Lehrkraft. Und tut so, als bräuchte es gar keine professionelle Führung, bzw. als sei diese ein Kinderspiel – nicht der Rede wert – die Kinder können es ja alles allein. Aber das können sie – zunächst – eben nicht.

Ich habe immer wieder gezögert, diese Tatsache so klar zu benennen, weil ich immer befürchtete, dass es dann so wirken könnte, als wolle ich mal wieder „nur Werbung für mein Konzept“ machen. Das will ich natürlich auch, weil ich daran glaube, dass es – natürlich neben vielen anderen guten Ideen – tatsächlich eine Lösung bietet. Aber darum geht es hier gar nicht in erster Linie.

Im Angesicht der immer weiter stattfindenden Abwertung dieser hohen Kunst, die ich gegenwärtig für gesellschaftlich ziemlich relevant halte, finde ich es viel interessanter, warum wir so verdruckst überhaupt mit dem ganzen Thema umgehen, warum wir das Thema FÜHRUNG scheinbar nicht sehen wollen.

Wahrscheinlich, weil wir FÜHRUNG (zur Mündigkeit) noch immer verwechseln mit HERRSCHAFT (patriarchalischen, protektionistischen, autoritären Führungsstilen, die zur Unmündigkeit führen). Aber aus Angst vor Herrschaft nicht mehr führen zu wollen, ist im Bildungsbereich fatal. Denn dann rutschen wir erst recht – aus Hilflosigkeit – in genau die autoritären Verhaltens- Muster hinein, die wir so sehr bestrebt sind, zu vermeiden!

Das Ziel all unserer Bemühungen muss also sein, im besten Sinne „Zauberer des demokratischen Menschlichen“ zu werden – und zwar in DEM Sinne, dass die uns anvertrauten Menschen selbständig denken und gemeinsam kreativ handeln lernen – und das passiert bei höchstens einem Prozent der Menschen einfach so von selbst!

Dafür braucht es die hochkomplexe (und langfristig übrigens erfüllende!) Kunst der (demokratischen) Führung. Und der Erfolg einer in diesem Sinne gelungenen Führung misst sich im ERGEBNIS.

Das heißt: WENN Jugendliche selbständig gearbeitet und selbst etwas Produktives geschaffen haben, das als Erfolg nach außen sichtbar ist – dann steht dahinter eine „Zauber*in“! Beziehungsweise meiner neuen Wortschöpfung folgend: Eine Schildkröte (Siehe Folge 16 bei Rede mal ordentlich, Frau Plath: „Herrschaft und Führung“). Und jedes Mal, wenn ein solch hochkomplexer Prozess wirklich geglückt – und eben nach außen wirksam ist ! – dann verdient die Lehrkraft die allerhöchste Anerkennung!

Wenn wir DAS nicht einsehen wollen, sind wir völlig naiv. Denn dann verlassen wir uns darauf, dass Lehrkräfte grundsätzlich Persönlichkeiten wie Nelson Mandela oder Mutter Theresa sind, die vollkommen uneigennützig und altruistisch bis zur Selbstaufgabe in stiller Bescheidenheit ihr Leben lang selbstausbeuterisch ihr Licht unter den Scheffel stellen. Und so funktioniert diese Welt nicht.

Das heißt:

Erstens: Der Erfolg einer Lehrkraft bemisst sich im Ergebnis: Wenn die Jugendlichen selbständig denkend und handelnd etwas Neues, Produktives in die Welt stellen, ist die Arbeit erfolgreich. Ansonsten nicht. (Es reicht nicht, Stuhlkreise zu organisieren und bunte Zettel an die Wand zu kleben).

Zweitens: Wenn die Arbeit nach außen sichtbar erfolgreich ist, dann gilt neben aller berechtigten Anerkennung für die Jugendlichen der größte Respekt der Lehrkraft, die dahinter steht. Punkt.

Alles weitere kann erst von hier aus diskutiert und weiter differenziert werden.

Im Moment aber gibt es zum Thema Bildung nur entweder Katastrophenmeldungen oder euphorische Berichte über Jugendliche, die partizipativ, demokratisch und kooperativ alles „ganz alleine gemacht haben“.

Das ist grober Unfug. Und es ist gefährlich. Weil dann ständig Lehrkräfte verzweifeln und sich fragen: Warum sind die „tollen Jugendlichen“ nie bei MIR? Und natürlich auch, weil wir die Verantwortung dafür tragen, dass Jugendliche in der Schule bestmöglich auf die Zukunft vorbereitet werden und wir einsehen müssen, dass das UNSERE Aufgabe ist.

Wie genau das gemacht werden kann, wie schwer das ist, was das erfordert und wie wir das lernen können, das muss offen thematisiert und auch ANERKANNT werden. Dann wird nämlich auch klar, dass überhaupt nicht „jeder Lehrer werden kann“. Wir müssen endlich den Wert einer pädagogisch hochwertigen (demokratischen) Führung sehen, benennen und wertschätzen lernen. Ansonsten gibt es sie irgendwann nicht mehr.

Ich zolle daher hiermit meinen tiefsten Respekt all jenen Lehrkräften und Anleitenden, die immer wieder das Wunder eigenständigen Denkens, Handelns und Neu-Erschaffens in die Welt gebracht haben und es täglich weiter tun –  und dafür noch keinen Friedensnobelpreis erhalten haben. Sie hätten ihn alle verdient.

Maike Plath, 04. Juni 2018

 

»Theatrales Mischpult«

Der Begriff Mischpult fungiert zugleich als Bild und Metapher auf der einen Seite und als konzeptionelle Beschreibung des Materials auf der anderen Seite. Das Wort Mischpult bezeichnet hier als Metapher und als Materialbeschreibung das von Maike Plath entwickelte Gesamt-Konzept und ist als Begriff geschützt.

Als Metapher beschreibt der Begriff den zugrundeliegenden Gedanken, dass jeder Mensch hier als Mischpult verschiedenster individueller Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten verstanden wird. Diese individuellen Handlungs-und Gestaltungsmöglichkeiten sind als „Kanäle“ eines Mischpults zu verstehen. Entsprechend diesem Bild kann jeder Mensch seine eigenen „Kanäle“ jeweils von „Null“ (Veto), über „sehr einfach“ bis hinauf nach „sehr komplex“ selbstbestimmt steuern.

Ziel des konzeptionellen Ansatzes ist es, den Beteiligten ihre jeweils unterschiedlichen Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten (Mischpult-Kanäle) aufzuzeigen und sie schrittweise dazu zu ermächtigen, die eigenen Kanäle selbstbestimmt auf einer Skala von „einfach bis komplex“ zunehmend autonom und versiert und in Richtung zunehmender Komplexität und Qualität auf ein gemeinsames Ziel hin zu steuern.

Begriffsbezeichnung Mischpult als Material:

Als Bezeichnung des Materials meint das Mischpult die verschiedenen Karten (Methodenrepertoires: Materialkästen, erschienen im Beltz Verlag, auch Theatrales Mischpult, siehe unten), die in ihrer Gesamtheit – in immer wieder neuen Zusammenstellungen und Anordnungen – das gemeinsame Referenzsystem bilden, auf das sich eine Gruppe in ihrem Gestaltungsprozess bezieht und das als gemeinsamer Wissens-Pool durch die Weiterentwicklung der Gruppenmitglieder ständig wächst.

Die Karten werden auf dem Boden ausgebreitet, ständig durch weitere neue Karten ergänzt, und repräsentieren das Bild des „Mischpults“:

Alle Gruppenmitglieder haben zu jeder Zeit individuellen Zugriff auf das gemeinsame Wissen (Open-knowledge-Prinzip) und können nach dem Prinzip der individuellen „Kanal-Steuerung“ zu immer neuen, individuellen Erkenntnissen und Gestaltungsmöglichkeiten gelangen. Diese werden wiederum in einem ritualisierten Verfahren ständig reflektiert – sowohl in Form der Selbstreflexion (angeleitetes Achtsamkeitstraining) als auch im ständigen Austausch mit den anderen („Gespräch unter Freunden“ von „sehr einfach“ bis „komplex“).

Auf diese Weise wird das Fach- und Erfahrungswissen der Gruppe über größere Zeiträume hinweg zunehmend komplexer und „in einen Raum der unendlichen Möglichkeiten potenziert“.

Das gesamte Konzept folgt dem konzeptionellen Drei-Schritt:

1 Gemeinsames Ziel formulieren

2 Spiel- und Erfahrungsräume eröffnen

3 Reflexion (Selbstreflexion und Reflexion innerhalb der Gruppe – im ständigen gegenseitigen Austausch, Beispiel: „Gespräch unter Freunden“).

Publikation zum Gesamtkonzept: „Befreit euch! Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution. Theorie und Praxis.“ 2017, ISBN-13: 9783746014494

Zum Materialbegriff (spezifisch Theater):

Das Theatrale Mischpult besteht aus 500 verschiedenfarbigen Karten, von denen jede Farbe für eine verschiedene Kategorie der Kunstform Theater steht (orange: ästhetische Mittel, rot: Tätigkeiten, gelb: Gefühlsthemen, dunkelblau: Formations-Bausteine, hellblau: Raumkoordinaten, usw.). Grundidee ist es, die Kunstform Theater auf ihre kleinstmöglichen Einheiten herunter zu brechen und transparent zu machen, um diese dann wieder völlig neu kombinieren zu können. Das Prinzip, das dahintersteckt, kann man anhand eines Beispiels veranschaulichen: Stellen wir uns vor, wir reißen ein Haus komplett ab und zerlegen es in seine Einzelteile. Nun kann aus den Bestandteilen des Hauses ein komplett anderes Haus entstehen. Jeder Mensch kann die Bestandteile kreativ so anordnen, wie er oder sie sich das Haus wünscht – dabei müssen aber die Regeln der Statik beachtet werden. Das Haus kann nach individuellen Ideen gestaltet werden – aber es muss am Ende stehen (Anspruch der Theaterproduktion versus Beliebigkeit).

Die Spieler*innen können mit Hilfe der Karten Schritt für Schritt Bilder, Aktionen und Szenenbausteine entwickeln und direkt auf ihre Wirkung hin überprüfen. Jede*r Mensch kann dabei individuell jeweils eigene Zugänge wählen. Über zahlreiche spielerische Übungen, die sich alle am Prinzip der Gamification orientieren, werden immer neue Möglichkeiten des Theatralen Gestaltens direkt erlebt und auf ihre Wirkungen hin untersucht (Feedbackverfahren). Auf diese Weise werden ständig neue Erlebnisse ermöglicht, in Form von immer neuen Spielen mit dem Theatralen Mischpult, bei denen die Spieler*innen eigene Erfahrungen machen, sowohl auf ästhetischer als auch auf sozialer Ebene (wie muss ich mit anderen umgehen, damit wir erfolgreich ein anspruchsvolles Produkt erschaffen können?). Das Theatrale Mischpult bildet dabei das Referenzsystem, auf das sich alle beziehen und das komplett transparent ist (open knowledge). Die Arbeit mit dem Theatralen Mischpult basiert auf dem Prinzip der Überforderung: Es gibt immer viel mehr Möglichkeiten und zu entdeckendes Wissen, als leistbar ist. Aber weil die Spielleitung und zunehmend auch die Spieler*innen selbst ausschließlich das Gelungene verstärken und nicht urteilen oder bewerten, wird in den Spieler*innen der eigene Forschungsdrang aktiviert. Prinzip: »Ihr dürft alles – aber ihr müsst nichts.«

Die Gewinn des Theatralen Mischpults liegt in den zahlreichen verschiedenen Möglichkeiten für die Spielleitung, komplexe theatrale Gestaltungsoptionen schrittweise und in verschiedenen Schwierigkeitsgraden für die Jugendlichen transparent – und visuell sichtbar – anzubieten.

 

Mischpult-Prinzip

Das Mischpult-Prinzip: Der Begriff Mischpult fungiert zugleich als Bild und Metapher auf der einen Seite und als konzeptionelle Beschreibung des Materials auf der anderen Seite. Das Wort Mischpult bezeichnet hier sowohl als Metapher als auch als Materialbeschreibung das von Maike Plath entwickelte Gesamt-Konzept Demokratischer Führung und ist als Begriff geschützt.

Als Metapher beschreibt der Begriff den zugrundeliegenden Gedanken, dass jeder Mensch hier als Mischpult verschiedenster individueller Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten verstanden wird. Diese individuellen Handlungs-und Gestaltungsmöglichkeiten sind als „Kanäle“ eines Mischpults zu verstehen. Entsprechend diesem Bild kann jeder Mensch seine eigenen „Kanäle“ jeweils von „Null“ (Veto), über „sehr einfach“ bis hinauf nach „sehr komplex“ selbstbestimmt steuern.

Das das Mischpult-Prinzip basiert auf einer inklusiven Lernkultur und rückt den Begriff der FÜHRUNG – als Grundbedingung für demokratische Arbeitsweisen – explizit in den Vordergrund. Führung (zur Mündigkeit) wird hier klar vom Begriff der HERRSCHAFT und von hierarchisch gedachten Arbeitsweisen abgegrenzt.

Das Konzept geht von der real existierenden Vielfalt aus und zielt darauf ab, die Verschiedenheit der Potentiale aller Beteiligten konstruktiv zu verstärken.

Der Einstieg in das Konzept ist prinzipiell einfach (LOW FLOOR: Zugänglichkeit, einfacher Einstieg). Was zunächst simpel erscheint, wird durch die Erschließung immer weiterer Konzept-Ebenen und Kombinationsmöglichkeiten (WIDE WALLS: Unendliche Kombinationsmöglichkeiten) immer komplexer und anspruchsvoller. Im ständigen Wechselspiel zwischen individueller Freiheit des Einzelnen und Reflexion in der Gruppe werden kontinuierlich auf der einen Seite innere Haltung, Kommunikation und demokratisches Miteinander geschult und auf der anderen Seite kreative Gestaltungsmöglichkeiten erprobt und zunehmend kreativ erweitert – ausgerichtet auf ein gemeinsames Ziel. Dabei können grundsätzlich bisher geltende Standards und Gewissheiten übertroffen und Neues geschaffen werden (HIGH CEILING). Plath entwickelte das Mischpult-Prinzip aus der Theater-Praxis heraus. Die Prinzipien des Konzepts lassen sich aber auf zahlreiche andere Felder übertragen.

Erläuterung: Ziel des konzeptionellen Ansatzes ist es, den Beteiligten ihre jeweils unterschiedlichen Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten (Mischpult-Kanäle) aufzuzeigen und sie schrittweise dazu zu ermächtigen, die eigenen Kanäle selbstbestimmt auf einer Skala von „einfach bis komplex“ zunehmend autonom und versiert und in Richtung zunehmender Komplexität und Qualität auf ein gemeinsames Ziel hin zu steuern.

Dies geschieht durch die kontinuierliche Arbeit nach konkret ausformulierten Prinzipien und mit dem Mischpult, das als Bezeichnung auch das Material selbst meint: die verschiedenen Karten (Methodenrepertoires: Materialkästen, erschienen im Beltz Verlag, auch Theatrales Mischpult), die in ihrer Gesamtheit – in immer wieder neuen Zusammenstellungen und Anordnungen – das gemeinsame Referenzsystem bilden, auf das sich eine Gruppe in ihrem Gestaltungsprozess bezieht und das als gemeinsamer Wissens-Pool durch die Weiterentwicklung der Gruppenmitglieder ständig wächst.

Die Karten (das Material) werden auf dem Boden ausgebreitet, ständig durch weitere neue Karten ergänzt, und repräsentieren das Bild des „Mischpults“:

Alle Gruppenmitglieder haben zu jeder Zeit individuellen Zugriff auf das gemeinsame Wissen (Open-knowledge-Prinzip) und können nach dem Prinzip der individuellen „Kanal-Steuerung“ zu immer neuen, individuellen Erkenntnissen und Gestaltungsmöglichkeiten gelangen. Diese werden wiederum in einem ritualisierten Verfahren ständig reflektiert – sowohl in Form der Selbstreflexion (angeleitetes Achtsamkeitstraining), als auch im ständigen Austausch mit den anderen („Format: Gespräch unter Freunden“ von „sehr einfach“ bis „komplex“).

Auf diese Weise wird das Fach- und Erfahrungswissen der Gruppe über größere Zeiträume hinweg zunehmend komplexer und „in einen Raum der unendlichen Möglichkeiten potenziert“.

Das gesamte Konzept folgt dem konzeptionellen Drei-Schritt:

1 Gemeinsames Ziel formulieren

2 Erfahrungsspielraum eröffnen mit Zugangsmöglichkeiten auf einer Skala von „einfach bis komplex“

3 Konkrete Regeln und Rituale für eine ständige eigene und gegenseitige Reflexion des Erlebten und Erfahrenen (Orientierungsmarken sowohl für die Selbstreflexion als auch die ständige Reflexion mit den anderen).

Darüber hinaus basiert das Konzept auf folgenden Prinzipien:

A Gemeinsames, flexibles Referenzsystem, Open Knowledge Prinzip

B LOW FLOOR, WIDE WALLS, HIGH CEILING

C Ritualisiertes Regelsystem zur Etablierung einer einschließenden Kommunikation und Wertekultur

D Schrittweise Vermittlung (von „einfach bis komlex“) der Koordinaten Demokratischer Führung und wechselnde Übernahme von Verantwortung (Führung)

Erläuterung des Dreischritts und der Arbeits-Prinzipien: 

Es wird ein gemeinsames Ziel formuliert, das es gemeinsam zu erreichen gilt.

Es muss selbstverständlich sein, dass dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn alle in ihren verschiedenen Potentialen bestärkt und auf das Ziel hin konstruktiv und frei agieren können.

(Das würde bedeuten, dass „schnell laufen“ nicht besser ist als „langsam laufen“ – oder als „fahren“, dass rechnen nicht besser ist als malen, usw.)

Wie aber können verschiedenste Facetten und Potentiale aller Beteiligten sichtbar werden? – Indem wir nach der Ausformulierung eines gemeinsamen Ziels ein breites Erfahrungs- und Experimentierfeld eröffnen. Damit ist folgendes gemeint:

Die Gruppe muss ermächtigt werden, auf das Ziel hin eigene Strategien zu entwickeln, wie sich jeder einzelne sinnhaft und konstruktiv in das Gemeinsame einbringen kann. Und zwar von den Bedingungen ausgehend, die jede*r individuell mitbringt.

Dafür braucht es folgende konzeptionelle Grundvoraussetzungen:

Dies ist erstens ein flexibles und damit immer weiter ausbaufähiges gemeinsames, für alle transparentes Referenzsystem, auf das sich alle Gruppenmitglieder beziehen, das sie selbstständig weiter entwickeln und über das sie miteinander kommunizieren können.

Zweitens braucht es ein ritualisiertes Regelsystem auf der Basis einer einschließenden Werte-Kultur, das jeglicher Kommunikation und jeglichem Handeln aller Beteiligten eine Form, einen Sinn und eine Richtung gibt.

Und drittens braucht es ein Konzept der Demokratischen Führung. Dieses muss schrittweise an alle Teilnehmenden vermittelt werden und macht es möglich, dass alle Phasen des Prozesses klar geführt ablaufen – aber durch jeweils unterschiedliche Menschen, die nach klaren und transparenten Regeln zeitweise Verantwortung für alle übernehmen.

Nach Ziel und Erfahrungsspielraum ist die Reflexion die dritte große konzeptionelle Koordinate dieses Konzepts: Von Beginn an lernen alle Beteiligten anhand klarer Regeln, wie sie den Prozess in einem ständigen Austausch miteinander reflektieren können. Durch die Reflexion werden Wissen und Erfahrungen ständig gemeinsam weiterentwickelt.

Für alle konzeptionellen Instrumente gelten die Prinzipien LOW FLOOR, WIDE WALLS und HIGH CEILING. Das bedeutet, dass grundsätzlich beim Einfachen individuell begonnen werden kann (LOW FLOOR), dass grundsätzlich unendlich viele Kombinations- und Gestaltungsmöglichkeiten bereitstehen (WIDE WALLS) und dass zu jeder Zeit bestehendes Wissen übertroffen werden und neue Entdeckungen gemacht werden können.

Durch das Konzept der Demokratischen Führung, das die Gruppenmitglieder schrittweise auf einer Skala von „einfach bis komplex“ ermächtigt, selbst die Führung und somit Verantwortung zu übernehmen, wird es möglich, dass die Gruppen ihre Lern- und Gestaltungsprozesse auf der Basis aller vorhandenen Potentiale eigenständig führen und somit von jeglichem normorientierten Denken und von äußerer Bewertung unabhängig sind.

Die Gruppenmitglieder finden situations- und kontextabhängig individuell heraus, was sie zur Bewältigung der nächst anstehenden Herausforderung brauchen und wie sie Probleme lösen können. Diese Lösungen können weitaus kreativer sein und weit über das hinausgehen, was in Schule bisher denkbar ist.

Publikation zum Gesamtkonzept: „Befreit euch! Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution. Theorie und Praxis.“ 2017, ISBN-13: 9783746014494