Demokratie von der Basis her erleben: Gleichberechtigt miteinander reden

Gleichberechtigt miteinander reden – Die Anwendung der vier demokratischen Führungs-Joker trainieren

 Demokratie von der Basis her erleben: Wie könnt ihr die vier demokratischen Führungs-Joker einführen?

(Die zwei dazugehörigen neuen Folgen von „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“ findet ihr am Ende dieses Blog Textes).

Ihr kennt wahrscheinlich alle das Spiel „Wahrheit oder Pflicht“: Eine Person stellt einer anderen eine persönliche Frage und diese Person muss sich entscheiden, ob sie darauf wahrheitsgemäß antwortet, oder ob sie ausweicht und stattdessen „Pflicht“ sagt. Dann muss sie eine Pflichtaufgabe erfüllen. Die Person, die die persönliche Frage gestellt hat, gibt nun eine Pflichtaufgabe, wie z.B. „Mach mal fünf Liegestütze“. Im klassischen Wahrheit oder Pflicht Spiel können wir also einer zu persönlichen Frage mit einer Art Veto ausweichen, indem wir lieber Pflicht wählen und einen mehr oder weniger albernen Auftrag ausführen, wie z.B. fünf Liegestütze machen.

Ich habe dieses Spiel erweitert, um hier die Aspekte von Führen und Folgen erlebbar zu machen und den sinnvollen Einsatz des Vetos zu trainieren. Denn nach dem Prinzip Low Floor Wide Walls High ceiling brauchen wir einen einfachen Einstieg. Low Floor, um etwas Komplexeres tatsächlich von der Basis her erstmal zu verstehen.

Denn der sinnvolle Einsatz des Vetos ist – in unserer heutigen Gesellschaft – im Grunde spektakulär. Normalerweise sind wir nämlich so sozialisiert worden, dass wir folgen. Ohne uns zu fragen, ob das eigentlich im spezifischen Fall für uns selbst sinnvoll ist.

Wir sind auch naturgemäß, also als Mensch, erstmal gewöhnt uns anzupassen, um nicht aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden. Und zusätzlich lernen wir dann in der Schule, dass Anpassung belohnt wird und dass Widersprechen und Widerstand nicht gern gesehen ist und unangenehme Folgen hat. Ich könnte auch sagen: Uns ist die Fähigkeit zum sinnvollen Veto konsequent ausgetrieben worden.

Dabei ist genau das die Schlüssel-Kompetenz zur Erhaltung des eigenen Selbstwerts. Dieser Aspekt wird nur gerne mal übersehen. Wir lassen uns eigentlich – bildlich gesprochen – ununterbrochen vom 10-Meter-Brett Schubsen und sind anschließend damit beschäftigt, den Schaden zu kompensieren, den das innerlich in uns auslöst. Bzw. werden wir schrittweise dahingehend sozialisiert, dass wir den Schaden gar nicht mehr als solchen wahrnehmen. Der Schaden rutscht quasi eine Etage tiefer ins Unterbewusste, wo er dann weiter gärt und sich in seltsamen anderen Verhaltenweisen Bahn bricht: Zum Beispiel passiv aggressivem Verhalten anderen Menschen gegenüber…

Besonders schön lässt sich das im Straßenverkehr beobachten: Wer hat da nicht schon mal laut vor sich hingeschimpft oder andere seltsame Verhaltensweisen an den Tag gelegt… Auch im Umgang mit nicht funktionierender Technik lässt sich das beobachten: Wer wollte nicht schon mal eine Fernbedienung oder ein I-Pad zerbrechen? Was passiert da? Wir werden unfreiwillig im Status herabgesetzt. Das ist eine Demütigung und ein Verlust an Selbstwert und der muss kompensiert werden. Jemand oder etwas hat über uns die Führung übernommen und wir mussten unfreiwillig folgen.

Entweder es ist die Technik, durch die wir uns dumm und hilflos fühlen (beim Theater bekannt als „das Requisit als Gegner“) oder ein Mensch. Oder ein Arbeitsumfeld, in dem wir dauernd Sachen machen müssen, gegen die wir einen inneren Widerstand empfinden.

Jetzt ahnt ihr es wahrscheinlich. Genau. Da sind wir in der Schule angekommen. Ständig müssen dort Menschen ihre inneren Widerstände unterdrücken und Dinge tun, die sie nicht tun wollen. Unfreiwillig folgen. Schüler*innen- aber eben auch: Lehrkräfte. Und auch: Eltern, die beispielsweise oft ein unwohles Gefühl kompensieren müssen, wenn sie zum Elterngespräch in die Schule kommen müssen.

Was all diese Situationen eint ist: Wir erleben eine unfreiwillige Statusherabsetzung, weil wir uns nicht als Herr unserer selbst erleben. (Ich würde gerne „Dame unserer selbst“ sagen, aber das führt jetzt zu Verwirrung und lenkt ab). Ich kann auch einfach sagen: In all diesen Situationen müssen Menschen unfreiwillig folgen, was einer Statusherabsetzung gleichkommt, und sei sie noch so klein. Eine Statusherabsetzung ist ein Verlust von Würde.

Demgegenüber steht die sinnvolle (!) Notwendigkeit in Bildungsprozessen, auch mal Dinge tun zu müssen, die wir ablehnen, weil wir sie als unangenehme Irritation empfinden, die aber für einen produktiven Erkenntnisprozess unerlässlich sind. Es kann also durchaus sinnvoll sein, auch mal zu folgen. Es wäre aber für unseren Selbstwert besser, wenn wir lernen könnten, selbstbestimmt zu folgen.

Denn auch das ist ja schon nicht ganz einfach: Sich auf etwas Neues einzulassen, was besonders in Bildungsprozessen und in künstlerischen Prozessen die Grundvoraussetzung ist, empfinden wir erstmal immer als unangenehm. Trotzdem wäre es blöd, wenn wir dann immer gleich Veto rufen würden. Genau das passiert aber am Anfang, wenn wir das Veto bei Jugendlichen einführen. Alle machen mit leicht schadenfreudigem Gesicht Veto. Warum?

Ganz einfach: Weil wir alle verlernt haben, zwischen einer für uns sinnvollen Irritation, also einer Art produktiven „Challenge“, und einer demütigenden Grenzüberschreitung (Verlust an Würde) zu unterscheiden. Weil in der Schule und in unserer Gesellschaft beides ständig durcheinander geht und ein Veto nicht vorgesehen ist.

Wer eine leicht unangenehme Irritation nie als positive Challenge erlebt hat, nie als Möglichkeit, Selbstwert zu GEWINNEN, der macht irgendwann aus Prinzip bei allem Veto. Das habe ich an der Hauptschule in Neukölln erlebt. Da war alles nur noch ein großes Veto gegen alles. Und das Gegenan-Regieren setzte die Jugendlichen im Status und im Selbstwert immer weiter herab, ein Teufelskreis.

Irgendwann habe ich verstanden, dass ein Kind, dass frech wird und sich widersetzt, unfassbaren Mut aufbringen muss, denn Veto gegen eine Lehrkraft einzulegen, ist für einen Menschen unfassbarer Stress. Denn dann riskieren wir, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden.

Und das ist für jeden Menschen schmerzhaft. Kinder, die also ständig rebellieren, ziehen den Schmerz des Ausschlusses offenbar dem noch schlimmeren Schmerz vor:

Dem Verlust an Würde.

Dem Schmerz, NOCH mehr an Selbstwert zu verlieren. Denn das ist das letzte, was wir als Menschen verteidigen. Wie sehr müssen da also schon alle Grenzen des Selbstwerts überschritten worden sein, dass ich mich lieber ausschließe aus der Gemeinschaft als noch weiter Demütigungen in Kauf zu nehmen?

Als ich das verstanden habe, war mir klar, dass das Veto der Schlüssel zu allem ist: Wie bringe ich Menschen wieder bei, sinnvoll Veto einzulegen, rechtzeitig zu MERKEN, wann ich mich vor Herabsetzung und Demütigung schützen muss bzw. wann ich mich auf eine für mich sinnvolle Challenge einlassen möchte und das zu einem Gewinn an Selbstwert führt?

Dafür muss ich erleben, dass ich autonom handeln kann und selbst entscheiden darf. Ich muss zu 100 Prozent Vertrauen haben, dass mein Selbstwert nicht beschädigt wird, dass niemand meine inneren Grenzen verletzt und ich SELBST die Fäden in der Hand halte.

Erst DANN kann ich überhaupt wieder neugierig werden, erst dann habe ich die innere Basis, um mich auf etwas Neues, Schwieriges einzulassen. Solange ich aber immer fürchten muss, dass mich jemand vom 10 Meter Turm schubst, bin ich nur mit dem Gedanken beschäftigt, wie ich dieser Situation ausweichen kann. Ob ich überhaupt springen will, dieser Gedanke kommt gar nicht auf.

Besser, gleich wieder vom Turm runter klettern, oder gar nicht erst rauf steigen.

Jede Situation, in der jemand führt und ich folgen muss, ist ein Risiko für meinen Selbstwert. Wer führt ist im höheren Status. Wer folgen muss ist im niedrigeren Status. Das ist ein Statusgefälle. Das kann nur produktiv werden, wenn derjenige, der folgen muss, mit einem Instrument ausgestattet ist, mit dem er den Statusabstand im Zweifel ausgleichen und wieder Gleichstand herstellen kann.

Im Zweifel heißt: Wenn mein Selbstwert, meine Würde, gefährdet ist. Dann MUSS ich etwas in der Hand haben, mit dem ich wieder Statusgleichstand herstellen kann, in dem ich nicht folgen MUSS, sondern dadurch wieder selbst die Führung übernehmen kann, in dem ich Veto sage.

Wenn ich dieses Instrument, die Veto Karte, SICHER habe, dann kann ich mich auch auf das Risiko des Folgens einlassen. Dann folge ich selbstbestimmt und kann dadurch auch etwas Neues lernen. Aber eben nur dann. Deswegen müssen alle Menschen führen UND folgen lernen. In der Schule lernen aber alle nur folgen:

Was muss ich machen, damit ich eine „1“ bekomme?

Kommen wir zu Wahrheit oder Pflicht. So, wie ich das Spiel leicht verändert habe, können Jugendliche (und Erwachsene natürlich auch!) niedrigschwellig (Low Floor) lernen, selbstbestimmt zu folgen, also ihren Selbstwert eigenständig zu verwalten und im Zweifel produktiv Veto einzulegen und damit die Führung zurück zu gewinnen und den Statusabstand aufzuheben.

Wahrheit oder Pflicht – Demokratische Variante des Spiels:

Das Spiel geht so: Person A stellt Person B eine persönliche Frage. Wer eine Frage stellt, führt. Denn die Person B ist im Stress, antworten zu müssen, also zu folgen. Jetzt kann aber Person B Veto einlegen, wenn sie die Frage nicht beantworten möchte, weil diese Frage eventuell ihre innere Grenze überschreitet.

Person B kann mit der Sicherheit des Vetos jetzt überhaupt erst anfangen, darüber nachzudenken, ob sie die Frage beantworten WILL. Denn der Stress ist weg. Ich kann ja Veto machen. Sehr oft ist schon alleine dadurch die Bereitschaft größer, sich auf ein Risiko einzulassen.

Aber nehmen wir mal an, Person B macht Veto. Dann hat Person A jetzt die Rückmeldung erhalten, dass die Frage zu persönlich war. Person A hat ein Veto bekommen. Jetzt hat Person A eine zweite Chance und darf sich eine „Pflicht“ ausdenken, also einen Auftrag. Auch hier muss Person A abwägen, ob durch diesen Auftrag Grenzen des Gegenübers überschritten werden könnten.

Wenn Person B auch die „Pflicht“ mit Veto verweigert, hat Person A die erste Runde verloren und muss die Führung an Person B abgegeben. Das heißt, jetzt darf Person B führen und eine persönliche Frage stellen, usw.

Wenn aber in der ersten Runde Person B die Pflicht in Ordnung findet und beispielsweise fünf Liegstütze macht, dann darf Person A NOCH eine persönliche Frage stellen und darf also weiter führen. Denn Person B hat signalisiert: Bei „Pflicht“ war ich bereit, selbstbestimmt zu folgen. Usw.

Die Herausforderung („Challenge“) für die fragende, also führende Person ist also: Wie kann ich möglichst etwas Persönliches von meinem Gegenüber erfahren, das mich wirklich interessiert und gleichzeitig ein Veto vermeiden? Wenn ich zu sehr auf Nummer sicher gehe und risiko-lose Fragen stelle, wie : Was ist dein Lieblingsessen? bekomme ich zwar vielleicht kein Veto, aber ich erfahre leider auch nicht viel. (Hier wird wieder das Skalen-Prinzip wirksam. Ich habe ein Ziel und muss auf einer Skala der Möglichkeiten abwägen).

Dieses Spiel kann, wie beschrieben, in Duos gespielt werden, also in jeweils intimen Zweier-Konstellationen: Zwei Personen sitzen sich gegenüber. Oder aber im Kreis. Dann ist immer nur eine Person dran und wählt eine andere aus, der sie eine Frage stellt. Wahrheit oder Pflicht im Kreis zu spielen ist aber bei weitem die größere Challenge, weil alle zuhören. Deswegen würde ich erstmal jeweils zu zweit spielen lassen und erst später im Kreis.

Damit das Spiel funktioniert, ist es wichtig, dass wir vorher die Bedeutung des Vetos mit allem, was ich jetzt hier beschrieben habe, den Jugendlichen gegenüber thematisieren und transparent machen. Das lohnt sich. Denn meiner Erfahrung nach sind die Jugendlichen dann gebannt. Es ist abgefahren, zu beobachten, wie Leute sich dann teilweise ewig schweigend gegenüber sitzen und grübeln und gleichzeitig wahnsinnig gespannt sind. Also, das ist alles andere als langweilig.

Dieses Spiel in der beschriebenen Weise, ist ein Beispiel dafür, wie etwas zunächst einmal sehr leicht klingt (Low Floor) aber unendlich viele Möglichkeiten und Erkenntnisse aufmacht (Wide Walls).

Wenn alle dieses Spiel mit Veto spielen können, werden die anderen drei Demokratischen Führungs-Joker dazu genommen.

Tempo heißt dann: Du kannst riskantere Fragen stellen, bisher fragst du zu vorsichtig. Ich bin bereit, dir persönlicher zu antworten.

Klarheit heißt dann: Ich verstehe deine Frage nicht. Formuliere noch mal anders.

Verantwortung heißt: Deine Frage ist zwar ok, aber eventuell willst DU die Antwort nicht hören. Ich übernehme also hier Verantwortung für DICH. Aber wenn du trotzdem fragst, mache ich kein Veto, und du musst dann mit der Antwort klar kommen. Aber dann bitte nicht jammern…

Wie grundsätzlich in diesem Gesamtkonzept, lassen sich auch in diesem kleinen einfachen Spiel die Grundprinzipien des ganzen Ansatzes nachweisen. Das Kleine steht auch hier wie immer in diesem Konzept zugleich für das Große.

Die Grundprinzipien werde ich demnächst alle auf einem Blick erläutern. In diesem Spiel greifen beispielsweise die Prinzipien: Low Floor, Wide Walls, High Ceiling. Und der Drei-Schritt: 1 Ziele formulieren. 2 Eine Erfahrungs-Spielwiese eröffnen auf der Basis eines gemeinsamen Referenzsystems (das gemeinsame Referenzsystem sind in diesem Falle die vier Demokratischen Führungs-Joker) und 3 Reflexion.

Reflexion: Wenn eine Zeitlang gespielt wurde, treffen sich alle im Kreis und berichten von ihren subjektiven Erfahrungen. Was habe ich bei mir erlebt, wo fiel es mir schwer? Wann habe ich Veto machen wollen und es doch nicht gemacht? Wie hat es sich angefühlt zu führen? Zu folgen? Was war überraschend für mich? Usw.

Und warum das alles? Warum gleichberechtigt reden üben, warum das Veto, warum diese ganze Arbeit, die unserem Schulsystem zu widersprechen scheint?

Ich sehe tagtäglich: Auf der Basis von Selbstwert wächst der Wille, sich auf Neues, Unbekanntes (Lernen) einzulassen und stufenweise dann auch der Wille zur Selbstverantwortung. Dies ist die Basis, um irgendwann auch Verantwortung für gemeinsame Ziele übernehmen zu können. Es ist ein langer Weg, aber einer, der sich lohnt.

Also: Je mehr Selbstwert, desto mehr Kompetenz für eine menschliche, demokratische und freie Gesellschaft.  Das wäre „das Große dahinter“. Und Selbstwert und Würde beginnen im Kleinen. Beim Veto.

Das wars für heute und ich wünsche euch viel Spaß beim Spielen. Denn euch ist ja klar: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt… Das stimmt! Probiert es aus!

Hier jetzt direkt zu den dazugehörigen Folgen von „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“:

Link zur YouTube Folge 4: Demokratie von der Basis her erleben – Gleichberechtigt miteinander reden:

https://youtu.be/SCrkK11T9ak

Link zur YouTube Folge 5: Störungen – was tun, wenn alle Veto machen?:

https://youtu.be/VgtDjREeCc8

 

 

Warum die Schildkröte? – Zur neuen Konzept-Staffel von Rede mal ordentlich, Frau Plath!

Alle Infos zur neuen Konzept-Staffel und was euch dabei erwartet, findet ihr im vorherigen Blog Eintrag. Hier geht es jetzt um das Bild der Schildkröte – und was das eigentlich soll…

Warum die Schildkröte???

Wir haben es immer mit diesem scheinbaren Paradox zu tun, dass wir Jugendliche zum selbständigen Denken und Handeln bringen wollen und gleichzeitig feststellen , dass aber geordnete Prozesse – platt ausgedrückt – nur dann funktionieren, wenn wir klare Ansagen machen und – wie die Jugendlichen es formulieren – streng sind. Streng sein wird aber oft verwechselt mit autoritär bestimmen, was gemacht wird. Wenn ich autoritär bestimme, was gemacht wird, richten sich Jugendliche in einer Nehmer-Haltung ein. Das heißt: Sie übernehmen keine Verantwortung und lernen gerade NICHT selbständig zu denken und zu handeln. Weil sie sich immer nach den Erwartungen der Mutti ausrichten und dann entweder dagegen rebellieren, oder sich selbst bemitleiden und still schmollen oder aber sich brav den Erwartungen anpassen.

Wenn wir auf der anderen Seite sagen: Los jetzt. Ihr sollt selber denken, selber Entscheidungen treffen, selbst euren Arbeitsprozess steuern, dann erleben wir oft, dass der Raum im Chaos versinkt.

Die Herausforderung ist also, es zu schaffen, dass sie selbstdenkende und selbst handelnde Individuen sind – aber wir vergessen oft, dass das ein Weg mit vielen verschiedenen Stufen ist, den wir ermöglichen müssen. Ich halte das für die allergrößte Kunst überhaupt.

Ich habe schon oft die Beobachtung gemacht, dass diese hohe Kunst in unserer Gesellschaft entweder gar nicht gesehen oder nicht ernst genommen wird (erlebt ihr bestimmt ja auch tagtäglich). Beispiel: Wenn eine ganze Klasse am Ende eines Jahres selbständig eine eigene Theaterproduktion präsentiert, und dabei alles alleine hinkriegt und einen Erfolg einfährt, dann sagen alle: Da hatte die Lehrkraft aber Glück, dass sie so tolle Jugendliche hatte.

Wenn die Klasse aber scheitert, dann sagen alle: Na, da konnte sich die Lehrkraft wohl nicht durchsetzen, so ein Chaos. Also was nun? Wo liegt die Ursache für das Gelingen eines solchen Prozesses?

Ich würde sagen: IMMER bei der Lehrkraft. Das heißt: Wenn die Klasse einen Riesen-Erfolg einfährt und alles alleine macht, dann hat die Lehrkraft eine Wahnsinns-Leistung hingelegt. Denn 24-28 Kinder und Jugendliche werden nicht von alleine genial selbständig. Und es gibt auch keine ganzen Klassen, wo zufällig alle Kinder genial, kreativ und selbständig sind. Das ist erstaunlicher Unsinn. Wisst ihr selbst.

Was also ist das Geheimnis, wie wir das schaffen können? Also insbesondere dort, wo eben alles aus dem Ruder zu laufen scheint, also dort, wo wir das mit dem „Selbständig lernen“ und „selbst künstlerisch arbeiten“ eben NICHT einfach so hinkriegen? Wie schaffen wir das dann, wenn wir  NICHT alles bestimmen wollen, wenn wir den Kindern NICHT alles abnehmen bzw. sie durch unsere Bewertungen dahin schubsen wollen, wo wir denken, wo sie hin sollen (auch das verhindert nämlich, dass sie selbst denken). Was tun, wenn wir auf der anderen Seite aber eben auch nicht alles chaotisch laufen lassen wollen, und wenn der Gedanke: „Ihr sollt jetzt mal selbst entscheiden und selbst denken!“ einfach gar nicht umsetzbar ist? (Für diese Haltung: „Ihr schafft das schon alleine“ habe ich immer das Bild meines Sportlehrers früher vor Augen, der am Anfang der Stunde in die Turnhalle kam, einen Ball rein schmiss, „Brennball“ rief und dann wieder verschwand. Die Stunden waren das reinste Chaos und die starken, sportlichen und beliebten Schüler*innen dominierten alle anderen, wobei Mobbing an der Tagesordnung war).

Mit dem Satz: „Ohne die Schildkröte geht es nicht“ will ich darauf hinaus, dass die Lehrkraft Führung übernehmen muss. Das ist ihr Job. Das heißt aber eben NICHT bestimmen oder durch Notendruck und Bewertung (heimlich) lenken, sondern einen Prozess kleinschrittig aufbauen und mit großer Konsequenz begleiten, der nach vielen einzelnen Erkenntnis-Stufen die Jugendlichen irgendwann dahin bringt, dass sie selbst führen können, dass sie selbst die Augaben der Schildkröte übernehmen können.

Dieser Prozess passiert auf keinen Fall von ganz allein. Dieser Prozess ist harte Arbeit. Und er gilt überall. Auch bei erwachsenen Menschen. Das ist das Thema Führung. Bin ich ein Chef, der seine Mitarbeiter zu eigenständigem kreativen Denken und Handeln bringt oder führe ich ein hierarchisches System, in dem alle sich an meiner Erwartung ausrichten? Wir wissen heute, dass selbständig denkende und handelnde Teams wesentlich mehr Qualität erzeugen, als Mitarbeiter, die sich in allem nach den Erwartungen ihres Chefs ausrichten. Denn solche Mitarbeiter können keine eigenen Entscheidungen treffen und ihr ganzes eigenes Potential, das sie einbringen könnten, bleibt ungenutzt. Dennoch braucht es auch da jemanden, der diesen Prozess verantwortet! Ohne eine Schildkröte klappt es nicht. (Das sehen wir auch bei schein-demokratischen Gruppen, wo alle „alles gemeinsam entscheiden wollen“, aber in Wahrheit jeder einzelne nur an sich selber denkt und eigene Ziele verfolgt, die nichts mit dem GEMEINSAMEN Anliegen zu tun haben). Es braucht immer mindestens einen Menschen, der nicht an sich selber denkt, sondern an das gemeinsame Ziel, und der sich nicht zu schade ist, Verantwortung zu übernehmen. Und je mehr davon, desto besser.

Aber bleiben wir vorerst beim Thema Bildung, wo das alles ja seinen Anfang nimmt. Der Anfang besteht darin, dass ungleiche Machtverhältnisse gesehen und ausgehebelt werden, damit eine gleichwertige und produktive fließende Kommunikation entsteht und alle Selbstwert entwickeln und dann schrittweise auf dieser Basis auch Verantwortung und Führung übernehmen können.

Das Bild der Schildkröte habe ich deshalb gewählt, weil damit bestimmte Assoziationen verbunden sind, die für dieses Ziel, also Aspekte einer guten Führung, stehen:

Die Schildkröte setzt auf Zeit und denkt und handelt auf ein übergeordnetes gemeinsames Ziel bezogen und im Sinne aller Mitglieder der Gruppe. Sie erwartet keine kurzfristigen Erfolge. Die Schildkröte bleibt äußerlich meistens im Hintergrund, sie scheint „nichts zu tun“, bewirkt aber langfristig sehr viel mehr als andere Führungstypen. Sich zunächst einmal an diesem Bild zu orientieren, weist in die richtige Richtung, und hilft dabei, sich zu disziplinieren, wenn wir mal wieder aus dem Anzug hüpfen wollen oder beleidigt sind, weil wir nicht genug Anerkennung bekommen (das wäre nämlich innen tief, Eine Kläffer-Haltung).

Das ist der erste Schritt. Die Schildkröte ist ein Bild für den sogenannten vierten Statustyp in der Statuslehre, der innen hoch ist und außen meistens tief agiert. Innen hoch heißt: Zu wissen, ich bin verantwortlich für diese Menschen und dafür, dass sie erfolgreich sein können. Niemand sonst. Wenn was schief geht, ist es MEINE Verantwortung. Ich muss den Prozess so planen, bauen und halten, dass „sie alle Glückskinder werden“.

Ich begegne auf der Reise dahin vielen vielen Hindernissen und Ungerechtigkeiten aber das halte ich aus und verliere nicht meine grundsätzlich Haltung zum Ganzen: Ich jammere nicht und rechtfertige mich nicht nach außen. (Da wäre dieser Satz der Queen hilfreich: Never complain, never explain).

Ob ich erfolgreich mit meiner Aufgabe bin, lässt sich alleine daran ablesen, wie selbständig und frei die Gruppe miteinander wird und wie sehr die einzelnen zu ihrer jeweiligen Hochform auflaufen.

Ich erlaube mir Fehler und Rückschläge, denn die gehören dazu. Und das lebe ich auch den Jugendlichen vor. Kurz: Ich lebe ihnen vor, wie es ist, Verantwortung zu tragen und bin darin vollkommen transparent. So dass sie das eines Tages auch selbst können.

Ich stelle mich zur Verfügung und bin stark genug, wirklich in ihre Bedürfnisse und Voraussetzungen einzusteigen, mich auf sie einzulassen und Risiken einzugehen. Risiken, selbst auch mal zu scheitern und nicht zu wissen, wo es jetzt hingeht, denn es ist wichtig, dass mein eigenes Wissen und meine eigene Perspektive auch übertroffen, überschritten werden kann:

Nicht ich allein besitze das Wissen der Welt, sondern nur eine winzige kleine Wissensecke davon. Wenn ich gut führe, erfahre ich eine Menge und kann die Grundlage dafür schaffen, dass im Raum sehr viel mehr entsteht, als was ich mir nur alleine ausdenken könnte.

Wichtig aber ist, dass ich eine menschliche Kultur gegenseitiger Wertschätzung etabliere und gegen alle Widerstände halten kann. Und dafür muss ich auch Grenzen setzen und streng sein. Dafür muss ich auch den Mut haben, mich unbeliebt zu machen und Widerstände auszuhalten. Aber niemals im Sinne von Dominanz oder Protektionismus. (Das habe ich jetzt alles mit „ich“ formuliert, aber ich meine nicht, dass ICH das jetzt alles so toll hinkriege, sondern das ist sprachlich die Vermeidung der „man-Sätze“. Ich glaube, dass dies die Anforderungen sind und bin selbst tagtäglich nur immer wieder auf dem Weg dahin!)

Innen hoch heißt:

Die schwerste und gleichzeitig bescheidenste Aufgabe zu übernehmen, die es gibt: ANDERE dabei zu unterstützen, groß zu werden und mich irgendwann nicht mehr zu brauchen.

Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass ich im Referendariat nicht gelernt habe, WIE ich einen solchen Prozess plane, baue und halte. Ich habe nur gelernt, wie man Inhalte vermittelt und eine Horde von Kindern zur Anpassung bringt (zwingt). Und daran glaube ich nicht mehr.

Deswegen habe ich Strategien entwickelt, die sehr konkret dazu führen können, dass das Wunder von selbständigem Denken und verantwortungsvollem Handeln gelingen kann. Nicht immer, aber immer öfter. Diese Strategien möchte ich vermitteln und transparent machen. Ich habe sie in Publikationen beschrieben, weiß aber, dass das nicht reicht und alles Wissen beweglich ist:

Jeder muss diese Strategien selbst für sich erfahren, individuell anwenden und eigene Vorgehensweisen damit entwickeln. Dafür ist dieses Tutorial (Konzept-Staffel „Rede mal ordentlich, Frau Plath“) gedacht – meine Bücher und die Karten und die Workshops, usw. Alles Angebote, um einen eigenen Weg damit zu finden.

Das Bild der Schildkröte ist eine Abkürzung ins Gehirn, um die Haltung, die hinter diesem Ansatz steht, zu veranschaulichen. Wir haben schon genügend Löwen im Bildungssystem – oder Löwenbändiger*innen – ich bin aber ziemlich sicher: Wir brauchen viel mehr Schildkröten. Die auf Zeit setzen, nicht aufgeben, vieles erleben und ertragen, von außen drauf schauen können, liebevoll auf den Menschen blicken und trotz aller Schwierigkeiten vergnügt und gelassen bleiben. Denn die Welt ist so, wie sie ist, und was wir nicht ändern können, können wir eben nicht ändern. Aber langfristig wird die Welt besser – und zwar nicht unwesentlich durch mehr Schildkröten….

Und hier die ersten beiden Folgen zur neuen Konzept-Staffel „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“:

Folge 1 

https://youtu.be/UeBBH0Nbce4

VIEW ON YOUTUBE

Folge 2 

https://youtu.be/5Uj-4zviqj8

VIEW ON YOUTUBE

 

 

Rede mal ordentlich, Frau Plath – Dritte Staffel

Ja, ich weiß: Ich habe den Start der dritten Staffel für Ende November angekündigt – und nun ist immer noch nichts da! Entschuldigt! Es ist nicht so, dass wir auf der faulen Haut liegen, aber dies Mal ist einiges anders und sowohl der Arbeitsaufwand als auch die Komplexität der Umsetzung haben sich etwas erhöht. Zudem produzieren wir vor, damit ihr dann, wenn es endlich los gegangen ist, wöchentlich eine Folge sehen könnt.

Ich freue mich sehr, euch den Start der dritten Staffel nun für Mitte Januar anzukündigen. Dann habt ihr auch mehr Muße, euch das anzuschauen, denn jetzt seid ihr ja sicherlich schon mit dem üblichen Vorweihnachtszeit-Stress ausgelastet… Immerhin hier ein paar weitere Fotos von den Dreharbeiten…

Also: Ich freue mich schon sehr auf den Start der dritten Staffel im Neuen Jahr und halte euch auf dem Laufenden! Bleibt gesund und munter! Wir sehen uns!