Demokratische Führung

Das Mischpult-Prinzip ist ein Konzept der Demokratischen Führung und ermächtigt alle Beteiligten zur Selbstverantwortung in gemeinsamen Lern- und Gestaltungsprozessen.

Das Konzept Demokratischer Führung, das sogenannte Mischpult-Prinzip, basiert auf einer inklusiven Lernkultur und rückt den Begriff der FÜHRUNG – als Grundbedingung für demokratische Arbeitsweisen – explizit in den Vordergrund. Führung (zur Mündigkeit) wird hier klar vom Begriff der HERRSCHAFT und von hierarchisch gedachten Arbeitsweisen abgegrenzt.

Das Konzept geht von der real existierenden Vielfalt aus und zielt darauf ab, die Verschiedenheit der Potentiale aller Beteiligten konstruktiv zu verstärken.

Erläuterung: Eine Demokratie ist kein theoretisches Konstrukt, das von selbst da ist, eine Demokratie existiert überhaupt nur durch die Menschen, die sie leben und denkend und handelnd mit gestalten. Um demokratisches Denken und Handeln vermitteln zu können und persönlich erfahrbar zu machen, braucht es ein Hinterfragen und Umdenken der bestehenden Machtverhältnisse, einen Perspektivwechsel und die Vermittlung konkreter Strategien verantwortungsvoller DEMOKRATISCHER FÜHRUNG.

Demokratische Führung heißt: WISSEN, WIE ich Verantwortung für mich selbst und für andere übernehmen kann und ES ZU TUN.

Durch das Konzept des Mischpult-Prinzips wird konkret und erfahrungsbasiert ein Perspektivwechsel initiiert, der die Gesetzmäßigkeiten von FÜHREN und FOLGEN transparent macht, eine Reflexion über die Wirkung von ungleichen Machtverhältnissen ermöglicht und die nachhaltige Arbeit an einer inneren Haltung (Selbstwert, Autonomie) initiiert. Dies ist notwendiger und wirksamer Reflexions-Startpunkt, um die politischen Entwicklungen unserer Zeit und die eigene Rolle darin verstehen und verantwortungsvoll gestalten zu können.

Siehe auch Mischpult-Prinzip

Das Gesamtkonzept liegt in insgesamt neun Publikationen vor (Beltz Verlag) und wird zusammenhängend beschrieben in:

 „Befreit euch! Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution. Theorie und Praxis.“ 2017, ISBN-13: 9783746014494

 

Mischpult

Der Begriff Mischpult fungiert zugleich als Bild und Metapher auf der einen Seite und als konzeptionelle Beschreibung des Materials auf der anderen Seite. Das Wort Mischpult bezeichnet hier sowohl als Metapher als auch als Materialbeschreibung das von Maike Plath entwickelte Gesamt-Konzept Demokratischer Führung und ist als Begriff geschützt.

Als Metapher beschreibt der Begriff den zugrundeliegenden Gedanken, dass jeder Mensch hier als Mischpult verschiedenster individueller Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten verstanden wird. Diese individuellen Handlungs-und Gestaltungsmöglichkeiten sind als „Kanäle“ eines Mischpults zu verstehen. Entsprechend diesem Bild kann jeder Mensch seine eigenen „Kanäle“ jeweils von „Null“ (Veto), über „sehr einfach“ bis hinauf nach „sehr komplex“ selbstbestimmt steuern.

Ziel des konzeptionellen Ansatzes ist es, den Beteiligten ihre jeweils unterschiedlichen Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten (Mischpult-Kanäle) aufzuzeigen und sie schrittweise dazu zu ermächtigen, die eigenen Kanäle selbstbestimmt auf einer Skala von „einfach bis komplex“ zunehmend autonom und versiert und in Richtung zunehmender Komplexität und Qualität auf ein gemeinsames Ziel hin zu steuern.

Dies geschieht durch die kontinuierliche Arbeit nach konkret ausformulierten Prinzipien und mit dem Mischpult, das als Bezeichnung auch das Material selbst meint: die verschiedenen Karten (Methodenrepertoires: Materialkästen, erschienen im Beltz Verlag, auch Theatrales Mischpult), die in ihrer Gesamtheit – in immer wieder neuen Zusammenstellungen und Anordnungen – das gemeinsame Referenzsystem bilden, auf das sich eine Gruppe in ihrem Gestaltungsprozess bezieht und das als gemeinsamer Wissens-Pool durch die Weiterentwicklung der Gruppenmitglieder ständig wächst.

Die Karten (das Material) werden auf dem Boden ausgebreitet, ständig durch weitere neue Karten ergänzt, und repräsentieren das Bild des „Mischpults“:

Alle Gruppenmitglieder haben zu jeder Zeit individuellen Zugriff auf das gemeinsame Wissen (Open-knowledge-Prinzip) und können nach dem Prinzip der individuellen „Kanal-Steuerung“ zu immer neuen, individuellen Erkenntnissen und Gestaltungsmöglichkeiten gelangen. Diese werden wiederum in einem ritualisierten Verfahren ständig reflektiert – sowohl in Form der Selbstreflexion (angeleitetes Achtsamkeitstraining), als auch im ständigen Austausch mit den anderen („Format: Gespräch unter Freunden“ von „sehr einfach“ bis „komplex“).

Auf diese Weise wird das Fach- und Erfahrungswissen der Gruppe über größere Zeiträume hinweg zunehmend komplexer und „in einen Raum der unendlichen Möglichkeiten potenziert“.

Das gesamte Konzept folgt dem konzeptionellen Drei-Schritt:

1 Gemeinsames Ziel formulieren

2 Erfahrungsspielraum eröffnen mit Zugangsmöglichkeiten auf einer Skala von „einfach bis komplex“

3 Konkrete Regeln und Rituale für eine ständige eigene und gegenseitige Reflexion des Erlebten und Erfahrenen (Orientierungsmarken sowohl für die Selbstreflexion als auch die ständige Reflexion mit den anderen).

Darüber hinaus basiert das Konzept auf folgenden Prinzipien:

A Gemeinsames, flexibles Referenzsystem, Open Knowledge Prinzip

B LOW FLOOR, WIDE WALLS, HIGH CEILING

C Ritualisiertes Regelsystem zur Etablierung einer einschließenden Kommunikation und Wertekultur

D Schrittweise Vermittlung (von „einfach bis komlex“) der Koordinaten Demokratischer Führung und wechselnde Übernahme von Verantwortung (Führung)

Erläuterung des Dreischritts und der Arbeits-Prinzipien: 

Es wird ein gemeinsames Ziel formuliert, das es gemeinsam zu erreichen gilt.

Es muss selbstverständlich sein, dass dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn alle in ihren verschiedenen Potentialen bestärkt und auf das Ziel hin konstruktiv und frei agieren können.

(Das würde bedeuten, dass „schnell laufen“ nicht besser ist als „langsam laufen“ – oder als „fahren“, dass rechnen nicht besser ist als malen, usw.)

Wie aber können verschiedenste Facetten und Potentiale aller Beteiligten sichtbar werden? – Indem wir nach der Ausformulierung eines gemeinsamen Ziels ein breites Erfahrungs- und Experimentierfeld eröffnen. Damit ist folgendes gemeint:

Die Gruppe muss ermächtigt werden, auf das Ziel hin eigene Strategien zu entwickeln, wie sich jeder einzelne sinnhaft und konstruktiv in das Gemeinsame einbringen kann. Und zwar von den Bedingungen ausgehend, die jede*r individuell mitbringt.

Dafür braucht es folgende konzeptionelle Grundvoraussetzungen:

Dies ist erstens ein flexibles und damit immer weiter ausbaufähiges gemeinsames, für alle transparentes Referenzsystem, auf das sich alle Gruppenmitglieder beziehen, das sie selbstständig weiter entwickeln und über das sie miteinander kommunizieren können.

Zweitens braucht es ein ritualisiertes Regelsystem auf der Basis einer einschließenden Werte-Kultur, das jeglicher Kommunikation und jeglichem Handeln aller Beteiligten eine Form, einen Sinn und eine Richtung gibt.

Und drittens braucht es ein Konzept der Demokratischen Führung. Dieses muss schrittweise an alle Teilnehmenden vermittelt werden und macht es möglich, dass alle Phasen des Prozesses klar geführt ablaufen – aber durch jeweils unterschiedliche Menschen, die nach klaren und transparenten Regeln zeitweise Verantwortung für alle übernehmen.

Nach Ziel und Erfahrungsspielraum ist die Reflexion die dritte große konzeptionelle Koordinate dieses Konzepts: Von Beginn an lernen alle Beteiligten anhand klarer Regeln, wie sie den Prozess in einem ständigen Austausch miteinander reflektieren können. Durch die Reflexion werden Wissen und Erfahrungen ständig gemeinsam weiterentwickelt.

Für alle konzeptionellen Instrumente gelten die Prinzipien LOW FLOOR, WIDE WALLS und HIGH CEILING. Das bedeutet, dass grundsätzlich beim Einfachen individuell begonnen werden kann (LOW FLOOR), dass grundsätzlich unendlich viele Kombinations- und Gestaltungsmöglichkeiten bereitstehen (WIDE WALLS) und dass zu jeder Zeit bestehendes Wissen übertroffen werden und neue Entdeckungen gemacht werden können.

Durch das Konzept der Demokratischen Führung, das die Gruppenmitglieder schrittweise auf einer Skala von „einfach bis komplex“ ermächtigt, selbst die Führung und somit Verantwortung zu übernehmen, wird es möglich, dass die Gruppen ihre Lern- und Gestaltungsprozesse auf der Basis aller vorhandenen Potentiale eigenständig führen und somit von jeglichem normorientierten Denken und von äußerer Bewertung unabhängig sind.

Die Gruppenmitglieder finden situations- und kontextabhängig individuell heraus, was sie zur Bewältigung der nächst anstehenden Herausforderung brauchen und wie sie Probleme lösen können. Diese Lösungen können weitaus kreativer sein und weit über das hinausgehen, was in Schule bisher denkbar ist.

Publikation zum Gesamtkonzept: „Befreit euch! Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution. Theorie und Praxis.“ 2017, ISBN-13: 9783746014494

Schultheater der Länder 2018 in Kiel – oder: Wetter und Politik

(Warnung: Dies ist ein sehr persönlicher Text. Er gibt meine subjektive Sicht, meine Eindrücke vom Festival wieder. Das mögen bei anderen ganz andere gewesen sein. Für mich war dieses Festival besonders. Und deswegen schreibe ich hier darüber).

Die Festival-Woche des “Schultheater der Länder 2018″ in Kiel hatte die Besonderheit von ununterbrochener, geradezu aufdringlicher Herbst-Sonne. Alles schien in goldenes Licht getaucht, man konnte es nicht fassen und musste immer den Impuls unterdrücken, übers Wetter zu reden – und das konnte ja nicht sein: Man war ja aus anderen Gründen gekommen, als übers Wetter zu reden.

Ich muss trotzdem mit dem Wetter beginnen, denn es wurde zum Mitspieler und zum Subtext dieses gesamten Festivals zum Thema „Theater und Politik“:

Von der an eine große Sommerparty erinnernden Atmosphäre vor dem Festival-Zentrum im RBZ, über die ausgelassen fröhliche Dampferfahrt nach Laboe mit allen Festival-Teilnehmer*innen bis hin zum gemeinsamen lauschigen Draußen-Sitzen bis tief in die Nacht – überall spielte das Wetter mit. Und das alles wirkte geradezu magisch.

Aber über diesen letzten Tagen eines unglaublichen, scheinbar ewigen Sommers hing bereits die melancholische Ahnung, dass er jetzt zu Ende ging.

Die herunter plumpsenden Kastanien und raschelnden Blätter auf den Fahrradwegen erzählten davon – aber eben auch die Vorträge der Fachtagung, die 16 Theaterproduktionen, die teils rasend komisch, teils zutiefst bewegend, insgesamt aber alle auf ihre Weise politisch aufschlussreich waren, und nicht zuletzt die zahlreichen Gespräche zum Thema dieses Festivals:

Man wusste nach Chemnitz, Maaßen-Affäre und dahin bröckelnder Regierungs-Krise in Berlin, nach Trump, Brexit und Flüchtlingskrise, dass sich in diesen langen Sommer – nach außen noch unmerklich – eine dunkle, ja, eine braune Farbe eingeschlichen hatte. Winter is coming.

So beendete denn auch Uta Plate ihren fulminanten Vortrag bei der Fachtagung mit einem Aufruf an alle Theaterlehrer*innen, „den kommenden Zeiten mit Mut und Kraft entgegen zu treten“.

Und so mischte sich während des gesamten Festivals die Ausgelassenheit und Freude mit der darunter liegenden Erkenntnis, dass „ein sehr langer Sommer, den wir für selbstverständlich gehalten hatten“ mitsamt seiner Unbeschwertheit nun unwiederbringlich zu Ende ging.

Tatsächlich schien diese Theaterwoche es der Sonne gleich zu tun: Sie bot noch einmal alles auf und machte alles sichtbar, was im Schultheater an Vielfalt, Qualität und Entwicklung in den letzten Jahrzehnten möglich geworden ist. Es schien so, als habe noch kein SdL zuvor mehr Vielfalt, mehr Humor und mehr Menschlichkeit gewagt, als in diesem Jahr in Kiel.

Vielleicht war es auch der Bedrückung um die allgemeine politische Lage geschuldet, dass man den Wert und den Sinn dieser ganzen Arbeit noch einmal deutlicher sehen konnte:

Denn was ist das „Schultheater der Länder“ weniger als ein bundesweites Zusammentreffen von Menschen, die sich gemeinsam eine Woche lang die Zeit nehmen, sich auszutauschen – über das wirkmächtigste und zukunftsfähigste Bildungsmittel unserer Zeit: Über Theater im Sinne von kreieren, spielerisch erforschen, reflektieren und Welt gestalten.

Klingt pathetisch, aber derzeit gibt es nicht mehr so wahnsinnig viel, was tröstlicher und ermutigender sein könnte, als zu sehen, dass sich dieses wirkmächtige Bildungsmittel trotz aller systemischen Beschränkungen und Einhegungs-Versuche offenbar nicht klein kriegen lässt. – Dank einiger Menschen, die ihre Zeit und Energie statt aufs „Garten-Hecken-Schneiden“ auf gemeinsame gesellschaftliche Visionen verwenden und dafür sorgen, dass diese sich Schritt für Schritt realisieren lassen.

Und das ist es, was ich hoffe: Dass wir uns nicht klein kriegen lassen in den Zeiten, die kommen werden. Dass die Arbeit einer ganzen Generation an Theaterlehrer*innen nicht umsonst gewesen sein wird: Theaterlehrer*innen, die seit den 70-er Jahren unbeirrt auf der Relevanz des Schultheaters beharren und dafür – unter In-Kaufnahme der zahlreichen berühmten Mühen der Ebene – eine wirkmächtige Struktur geschaffen haben. Ich hoffe, dass dieses Haus, das sie gebaut haben, nicht bald leer stehen wird. Es ist ein Sommerhaus. Wir müssen es winterfest machen. Und uns wärmer anziehen.

So, wie es war, wird es nicht mehr sein. Aber wenn wir wollen, wird etwas Neues kommen und was das Neue sein wird und was es kann – das liegt in unserer Hand.

Es gibt nichts Gutes. Außer – man tut es.

(Erich Kästner)

Und in diesem Sinne möchte ich Tilmann Ziemke und Klaus und Christiane Mangold für diese unglaublich schöne Woche aber auch für alles andere danken:

Ihr habt mich in jeder Hinsicht auf den Weg gebracht. Und was ihr vor sehr langer Zeit und dann über all die Jahre bei mir angestoßen habt, das versuche ich weiterhin auch bei anderen anzustoßen. Ihr seid für mich ein Vorbild.

Der Herbst kann kommen. Ich hol schon mal die warmen Sachen aus dem Keller…