Türwächter*innen der Freiheit – 10. Kapitel

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 10. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

10 Neustart

Nachdem Taher gegangen ist, erwarte ich die Auflösung der kleinen Park-Idylle, denn wahrscheinlich wollen jetzt ALLE nach Hause, und da ich Taher nicht aufgehalten habe, steht mir jetzt auch irgendwie nicht so wirklich ein überzeugendes Argument zur Verfügung, warum die anderen nun bleiben sollen. Aber zu meiner Überraschung macht keiner Anstalten zu gehen. Daher nutze ich erstaunt die Gunst der Stunde und versuche das kleine Gespräch in Gang zu halten, das sich vor Tahers Abgang entwickelt hatte und es läuft ganz gut, ich kann kaum glauben, dass sie so offen und unverblümt weiter quatschen. Meltem plappert fröhlich über die ungerechte Situation in ihrer Familie zu Hause: Ey voll unfair – ich hab fünf Brüder und eine kleine Schwester und raten Sie mal, wer immer kochen, abwaschen, aufräumen muss, dies das… IMMER meine Schwester Gülüzar und ich. Warum dürfen die Männer immer so Prinzen sein? Das ist VOLL ungerecht! Und mein jüngster Bruder Can ist 12 und darf einfach so raus. Ich nie! 

Ich: Und sagst du dann was? 

Meltem: Nee, geht gar nicht, mein Vater wird dann sauer. 

Ich: Und deine Mutter?

Meltem macht ein „ts“ Geräusch und rollt mit den Augen. Keine Antwort. 

Fatima: Bei mir is auch so: Die Männer dürfen alles – raus gehen, feiern, rauchen, dies das, aber wenn meine Tante mal ne Zigarette auf dem Balkon raucht, – Schüüüüsch….(sie zieht dramatisch die Augenbrauen hoch)

Selina: Aber trotzdem, wallah, die Frauen sind die Chefs, man… 

Die Jungs johlen spöttisch, lachen, werfen sich Blicke zu. 

Momo: STOOORY! – Alter!!! Wo lebst DU denn, du Pussy? 

Fatima reckt ihr Kinn nach vorne: Ey pass mal auf du Muschi, du weißt GAR NIX! Ohne die Frauen sind die Männer kleine Babies, die machen doch nur so Show nach außen, man, aber wer regelt denn den ganzen Alltag? 

Momo: Ey Schüüüüsch, übertreib ma nich! 

Fatima: Also mein Vater sitzt nur so mit seinen Kumpels rum und raucht Shischa! Aber meine Mutter geht aufs Amt und kümmert sich ums Geld, um Essen, Trinken, Putzen, dies das, ALLES eigentlich und sie kümmert sich um die Familie, um die ganzen Probleme von allen und so… 

Momo: Das heißt ja nicht, dass sie Chef ist… Die Männer sind die Chefs, man, egal, was die machen… 

Fatima: Ey, verPISS disch mal, du Opfer!!

Momo: Bist du jetzt so ne Emanzen-Schlampe geworden oder was? Voll hässlisch! Wallah! Pass ma auf, man, so heiratet dich keiner! 

Fatima: Wer hat gesagt, dass ich heiraten will, du Spast?

Ich fange gerade an, mir Sorgen zu machen, dass es gleich eskaliert, da lacht Momo zu meiner Überraschung los und klatscht mit Fatima ab. Beide scheinen sich bestens zu amüsieren. Sogar Kevin grinst ein bisschen, aber als er merkt, dass ich ihn anschaue, guckt er sofort nach unten. Ganz offensichtlich will er auf keinen Fall angesprochen werden, kein Wunder bei dem Stress, den er im Klassenraum mit Herrn Böhm immer aushalten muss. 

Fuad erzählt dafür jetzt von seinem Vater und seiner Firma im Libanon und einem riesigen Haus, das seine Familie mal hatte, direkt am Meer, in Beirut, voll schööön, müssen Sie mal hinfahren, Frau Plath. Aber jetzt wohnen wir Fünf-Zimmer-Wohnung Germania-Promenade, sieben Jungs, – Alter – das is echt eng, man. Meine Mutter dreht durch… Er lacht. 

Und was macht dein Vater jetzt?, frage ich. Fuad zuckt die Schultern. Nix, fernsehn gucken, dies das, der darf nicht arbeiten. Erlauben die in Deutschland nicht. 

Noch bevor ich darauf antworten kann, ergänzt Fuad mit einem Grinsen: Aber macht nix, wallah, der macht bisschen Geschäfte, der is n FUCHS, man.

Ich: Und vermisst du dein Zuhause im Libanon?

Fuad: Ja. Aber Berlin is geiler. Im Libanon war Krieg, deswegen sind meine Eltern nach Deutschland gekommen. Im Sommer fahren wir immer Libanon und besuchen unsere Tanten und Onkels. Aber meine Eltern warten auf deutschen Pass, damit mein Vater hier arbeiten kann. Meine Brüder auch. 

Ich: Sind deine Brüder jünger oder älter? 

Fuad: Alle älter.

Ich stelle mir eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Germania-Promenade vor mit sieben testosteron-pumpenden jungen Männern, einer rotierenden Mutter und einem Vater, der mitten drinsitzt und Fernsehen guckt und Fuad, der versucht Hausaufgaben zu machen. Obwohl. Wahrscheinlich ist da nicht so viel mit Hausaufgaben machen. 

Fatima hat jetzt die Fotos von der Hochzeit ihrer Cousine aus dem Libanon rausgeholt und endlich habe ich die Ehre, sie auch mal in Ruhe anzuschauen. Unglaublich kitischige Bilder mit roten Herzen und goldenen Rosen und Glitzer, einem unfassbar rosa-pink-farbenen Sonnenuntergang und einem Hochzeitskleid, das aussieht wie eine Sahnetorte. Aber Fatima strahlt, während sie mir eines nach dem anderen vorsichtig rüberreicht, als wären es Heiligenbilder. Offenbar ihr ganzer Stolz. Wie war das eben noch mal mit dem „Nicht-Heiraten“? Ich bekomme leichte Zweifel an ihrer flammenden Unabhängigkeitsrede von gerade eben, aber wer bin ich, das zu beurteilen? 

Es ist mir in diesem Augenblick auch egal, denn ich kann mein Glück gar nicht fassen, dass die Stimmung so dermaßen entspannt ist und ich ENDLICH mal irgendwas richtig zu machen scheine. Ich mache eine Notiz an mich selbst: Wir müssen irgendwie aus diesem furchtbaren Klassenraum raus. Aber wohin? Und plötzlich weiß ich es. Die Aula. Die steht das ganze Jahr über leer und wird nur für Einschulungs- und Abschlussfeiern genutzt. Warum eigentlich? 

Bei nächster Gelegenheit frage ich den Hausmeister. 

Die steht unter Denkmalschutz, brummelt Herr Schulz. 

Und das heißt? frage ich-  mal wieder schön naiv.

Dit heißt, da darf keener rin. 

Aber die Feiern finden doch auch immer da statt, wende ich ein. 

Herr Schulz macht ein Gesicht, bei dem mir das altmodische Wort „unwirsch“ einfällt. Er schüttelt genervt den Kopf. 

Dit is wat anderet. Offizielle Anlässe. Aber wenn da jeden Tag die Gören drin rum toben, denn is da bald keen Möbel mehr auf`m andern. Die machen da in Null Komma Nix totale Verwüstung. 

Bevor mir eine kluge Antwort darauf einfällt, wendet sich Herr Schulz zum Gehen und weg ist er. 

Tja, das war wohl nix. 

Ich gehe zur Schulleiterin. Sie ist nicht erfreut. 

Die Aula steht unter Denkmalschutz, sagt sie. 

Ja. Das hat Herr Schulz auch schon gesagt. 

Na, dann wissen Sie`s ja schon.  

Aber kann man da nix machen?

Frau Rische schaut über den Rand ihrer Brille, ihre Augen starren mich an, wie die einer Gottesanbeterin. 

Was davon haben Sie nicht verstanden, Frau Plath? Die Aula steht unter DENK-MAL-SCHUTZ. 

Ich habe hier jetzt zu tun. Wenn Sie so freundlich sind, machen sie bitte beim Rausgehen die Tür hinter sich zu.

Alles klar. Denke ich. Aber wie war das noch mal mit der Schulrätin Frau Behrens? Hatte die nicht gesagt, sie würde die Hand über mich halten? 

Im Lehrerzimmer krame ich mein Portemonnaie durch, sie hatte mir doch ihre Karte…? Da ist sie. Ich wähle die Nummer. Automatische Ansage. Aha, Sprechzeiten bla bla… Ich denke, ok, dann rufe ich sie halt morgen an.

Der nächste Tag beginnt dann erstmal mit einer Enttäuschung. Irgendwie noch so ein bisschen beseelt von den Gesprächen im Park, komme ich gutgelaunt in den Klassenraum der 8b – aber. Es gibt leider keinen Anschluss an die Situation von gestern. Es ist eher so, als wären wir nie im Park gewesen. Ich rufe „Hallo“ und lächle. Niemand reagiert. Einige schauen kurz hoch, nehmen mich ausdruckslos zur Kenntnis und quatschen dann ungerührt weiter. Es ist wie ein kleiner Tritt in den Bauch. Auch Taher grinst nur kurz – kalt und spöttisch – so als freue er sich ein bisschen über meine offensichtliche Enttäuschung. Ich packe mein Lächeln wieder ein, mache mich innerlich hart. Ok.Los geht’s. Satzteile, sage ich einen Tick zu kühl (komme mir dabei allerdings vollkommen bescheuert vor) und beginne betont ungerührt, meine langweiligen Arbeitsblätter auszuteilen. Wollen wir doch mal sehen, wer kälter sein kann, denke ich. Aber eben. Ich bin bei solchen „Wettbewerben“ ganz klar die Lusche.  Taher liest in meinem Gesicht wie in einem Buch. Und offenbar versteht er meine Enttäuschung als Einladung, um ein bisschen weiter zu sticheln. Na? Dachtest du, wir sind jetzt Freunde, oder was, nur weil wir bisschen im Park sitzen? Wallah, wir sind NIEMALS Freunde, verpiss disch mal! Du bist ne LEHRERIN, ne Scheiß-KARTOFFEL, man! 

Es rieselt mir eiskalt den Rücken runter und für einen Moment ist mir richtig schlecht. Bloß keine Emotionen zeigen jetzt. REISS DICH ZUSAMMEN… 

Warum sind die immer so fies, denke ich? Was SOLL das? Wo kommt diese Freude her, wenn es ihnen gelingt, mich zu verletzen? Ich verbringe die Unterrichtsstunde in einer Mischung aus Wut – und Schiss, in Tränen auszubrechen. Sehr anstrengend. Danach sitze ich im Raucherzimmer auf dem knarzenden Sofa und bin so fertig, dass ich eigentlich gleich nach Hause fahren möchte. Schlafen. Aber. Ich will ja noch Frau Behrens anrufen. Jetzt erst recht, denke ich. 

Und im allumfassenden Gefühl des Scheiterns, ist es dann ganz besonders erstaunlich, wenn MANCHMAL Dinge dann DOCH klappen. Ein kurzes freundliches Telefonat und am darauf folgenden Montag sitzt Frau Behrens mit ihren blau geschminkten Augen, tiefblauer riesiger Rüschenbluse, klirrenden Armreifen, blau lackierten Fingernägeln und einer sehr lauten rostigen Lache raumfüllend im kleinen Schulleiterzimmer. 

Ach, nun sein Se doch ma nich so kleinkariert, Fau Rische, da brechen Se sich doch keinen Zacken aus der Krone, wenn die Plath dieses schöne alte Gemäuer hier mal n bisschen mit Theater belebt.   

Frau Rische reißt die Augenbrauen hoch: THEATER?

Frau Behrens runzelt kurz irritiert die Stirn und wirft mir einen fragenden Blick zu, setzt dann aber ungerührt ihre erstaunliche kleine Performance fort.

Ja, wissen Sie das denn gar nicht, Frau Rische? Die Plath ist doch ne Fachfrau für Theater! Deswegen hab ich die doch eingestellt! 

Frau Rische hat jetzt RICHTIG schlechte Laune, raunzt: 

Theater ham wa hier nich! 

Frau Behrens beugt sich mit ihrer wallenden Rüschenbluse und den klappernden Armreifen nach vorne und tippt mit ihrem beeindruckend knallblauen Fingernagel ihres Zeigefingers auf die Tischplatte:

Ja eben! Dann wird s doch mal Zeit! Man soll die Gelegenheiten beim Schopfe packen, sach ich immer, das ist doch TOLL für die Schule, wenns hier Theater gibt! 

Frau Rische sieht aus, als würde sie gefoltert. 

Aber Theater ist kein Fach. Das gibt’s gar nicht in der Stundentafel! Das ist hier kein Gymnasium!

Frau Behrens haut mit der flachen Hand auf den Tisch und ruft laut und fröhlich:

Na, dann machen wir eben ne Theater AG! Oder? Wie finden Sie das Frau Plath? Man kann ja erst mal klein anfangen, dann kriegen Sie den Aulaschlüssel und bieten da einmal die Woche am Nachmittag ne Theater AG an. Also ich find das GROSSARTIG!

Frau Rische schüttelt den Kopf: 

Da kommt sowieso keiner, das können Se doch gleich vergessen. 

Das wolln wir erstmal SEHN, widerspricht Frau Behrens und vermittelt insgesamt den Eindruck, dass die Theater-AG jetzt beschlossene Sache ist. Aber Frau Rische will sich offenbar nicht so schnell geschlagen geben. 

Also wenn schon ne Theater AG, dann macht die Plath das aber schön außerhalb Ihres Stundendeputats, ich brauch hier jede Stunde Deutsch und Englisch, Sie wissen ja selber, wie hier der Krankenstand ist und ich hab immer noch drei Stellen nicht besetzt, also für Experimente gibt’s hier KEINE Stunden, das sach ich Ihnen gleich. 

Es ist lustig, dass die beiden Frauen über mich reden, als wäre ich nicht anwesend bzw. ein kleines Kind, das zwischen seinen streitenden Eltern sitzt und den Mund zu halten hat. Insofern wartet Frau Behrens jetzt auch gar nicht meine Antwort ab, sondern beendet die Debatte mit einem lauten fröhlichen: Na dann ha`m wirs doch jetzt: Frau Plath kriegt ihre Theater AG und macht das in ihrer Freizeit. Dafür kann sie in die Aula, wann sie will. Ich geb dann gleich mal dem Herrn Schulz Bescheid, damit das mit der Schlüsselübergabe zügig über die Bühne geht, dann müssen Sie sich da gar nicht drum kümmern, Frau Rische, Sie haben ja hier genug zu tun. Alles Gute, und man sieht sich! Firma dankt! Nen schönen Tag noch, Frau Rische! 

Frau Behrens schiebt mit lautem Gepolter ihren Stuhl nach hinten, erhebt sich umständlich, aber vergnügt und strahlt mich an: Ja, dann komm Se gleich mal mit, Frau Plath, dann klärn wir das jetzt mit dem Schlüssel… Tschüss, Frau Rische…

Frau Rische nickt nur mit dem Kopf. Ihr Mund ist ein dünner Strich.

Wenige Minuten später stehe ich mit der riesigen blauen Rüschenbluse und einem sehr schlecht gelaunten Herrn Schulz im Hausmeister-Kabuff an einer großen alten Schlüsselwand, die so aussieht, als wäre sie noch aus dem letzten Jahrhundert übrig geblieben. 

Herr Schulz schimpft ohne Unterbrechung vor sich hin, aber gleichzeitig scheint er dabei – sehr langsam und sehr umständlich – die Schlüsselübergabe an Frau Plath vorzubereiten. Er scheint diese Katastrophe für unausweichlich zu halten – weil die blaue Rüschenbluse eine hohe Vorgesetzte ist – aber trotzdem möchte er auch deutlich kundtun, für welch unverantwortlichen FEHLER er das Ganze hält.  

Und nur, dass dit hinterher nich wieder heißt, der Herr Schulz hat dit erloobt und da den Schlüssel raus jegeben, wenn der Schaden erstmal da is, dit is ja allet ne totale Schnaps-Idee, dit sieht ja jeder Blinde mit nem Krückstock, aber dit stelln sich die Leute an ihren gemütlichen Schreibtischen da im Amt ja immer ganz anders vor, aber dit meen ick eben, dit is halt weit weg von ne Realität, und wer hat dit am Ende auszubaden? Die da oben sicher nich, die sitzen dann schön im Warmen, wenn bei uns dann wieder die ganze Kacke am Dampfen is, und das sach ich nämlich gleich: Dit sind allet Gangster und Idioten, diese Ausländergören, dit wissen wa ja alle, dit seh ick allet schon kommen, die ganzen Schäden, dit dauert doch keene drei Tage, dann is dit allet im Arsch, und dann ist dit Geheule groß, denn darf ick da wieder Überstunden machen und dit Janze uffräumen und reparieren, und wer bezahlt dit Janze am Schluss, dit is ja ooch nich raus, wer dit allet zahlt! Aber mich fragen Se ja nich, dit kenn ick schon, von oben heeßt dit immer: Lass di ma machen, diese Troomtänzer da mit ihrer Multi-Kulti-Fantasy, dabei klappt dit doch nich, dit sehn die aber nich, weil die da in ihren Elfenbeintürmen sitzen, und die müssen ja die Suppe ooch nich auslöffeln, aber eben: Mich hat ja keener jefracht. Mich fragt ja nie eener…

So in etwa geht es in unfassbarer Länge und Ausdauer ohne Pause weiter, während er missmutig mal diesen, mal jenen alten Schlüssel anfasst, irgendwelche Papiere und kleinen Zettel studiert, seine Brille auf und absetzt, seufzt, nach hinten läuft, hinten irgendwas rumpeln lässt, dann wieder nach vorne kommt, weitere Schlüssel in Augenschein nimmt, und das Ganze begleitet von diesem ewigen, resignierten Schimpf-Monolog, der ganz und gar ohne Antwort auskommt, es ist noch nicht mal klar, ob er überhaupt davon ausgeht, dass wir zuhören. Frau Behrens nickt zu alldem mit geduldigem Lächeln und weicht nicht von der Stelle. Irgendwann ist es dann so weit. Nachdem ich vier Zettel unterschrieben habe, halte ich den Schlüssel in der Hand. Nicht zu fassen. Ich begleite Frau Behrens noch raus zu ihrem Auto, in das sie sich keuchend und lachend hineinwuchtet, um mir dann noch mal durch die beschlagene Fensterscheibe verschwörerisch zuzuzwinkern und zu winken, bevor sich ihr kleines Auto dann über das Kopfsteinpflaster der Schulauffahrt rumpelnd entfernt. Ich atme tief durch – und gehe rauf zur Aula. Es ist bereits still im Schulgebäude, die meisten sind nach Hause gefahren, es ist 14.30, Kopierer aus, und als ich die Aulatür öffne, empfinde ich es fast als heiligen Moment. Der große Raum mit den hohen Decken, den riesigen, hellen Fenstern und dem alten Parkettfußboden wirkt wie eine alte, schöne Film-Kulisse, die still und geduldig darauf wartet, mit Leben gefüllt zu werden. Ich halte den Atem an und habe für einen kleinen Moment so ein lächerliches pathetisches Gefühl, dass sich hier noch „Großes“ ereignen wird. Langsam gehe ich über die knarzenden Holzdielen zur Tür zurück, drehe mich noch einmal um und schaue auf die Bühne, die stumm zurück zu schauen scheint. Frau Behrens ist ganz schön schlau, denke ich, und während ich meinen Schlüssel im Schloss herumdrehe, erlaube ich mir ein ganz kleines Grinsen.