Türwächter*innen der Freiheit – 8. Kapitel

8 Extrarunde in der Geisterbahn

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Das erste halbe Jahr in Neukölln ähnelt einer Fahrt in der Geisterbahn. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Unterrichten oder – im Lehrerzimmer – Pause haben. Vom Lehrerzimmer flüchte ich in die Klassenräume zu den Jugendlichen. Von den Unterrichtsstunden flüchte ich ins Lehrerzimmer. Es ist wie Hin- und Herhopsen zwischen zwei heißen Herdplatten. Ich ringe in diesem quasi irren Zustand um die winzigsten Momente aufkommender Menschlichkeit, weil ich mir fest vorgenommen habe, nicht zum Zombie zu werden, nicht bei der „Gu-ten-Mor-gen-Herr-Böhm- Kaserne“ zu landen: Ein Lächeln, eine hilfsbereite Geste, ein kleines persönliches Gespräch im Raucherzimmer – der einzige Ort übrigens, wo echtes soziales Verhalten seitens der Kollegen*innen sichtbar wird – ein vertrauensvoller Blick von einem Schüler, ein paar wärmende Momente gemeinsamer Heiterkeit im Klassenraum. Ich fange an, diese Momente zu achten, sie zu suchen und sie mir am Abend vor dem Einschlafen noch mal vor Augen zu führen. Ich habe den Verdacht, dass es eine Art Überlebenstraining ist: In einem Haufen Scheiße die Lieblingsmomente finden. Und das rettet mich tatsächlich. Denn manchmal wundere ich mich, dass ich nicht einfach hinschmeiße. Am schlimmsten ist in diesem ersten halben Jahr die Erkenntnis: Ich gebe nach außen hin die angepasste Gefall-Barbie, wehre mich NICHT gegen die verbalen Anzüglichkeiten von Herrn Böhm, ordne mich in den – für mich abstrus autoritär geführten – Lehrerkonferenzen widerspruchslos unter, äußere nie meine tatsächliche Meinung und das alles aus einer – mir selbst unverständlichen – lähmenden Angst heraus. Statt zu widersprechen, wo Widerspruch angesagt wäre, ducke ich mich weg. Aber. Im heimlichen Untergrund wirkt das kleine Pflänzlein Selbstwert, das Frau Thiele und Dieter angelegt haben. Und es sendet solche Gedanken wie: Es muss doch möglich sein, dahin zu kommen, wo die Jugendlichen in Bullerbü ganz selbstverständlich waren. Klar. Hier sitzen ganz ANDERE Jugendliche. Niemand mit engagierten Eltern und Geigenkästen, kaum ein junger Mensch, den Herr Böhm als „biodeutsch“ bezeichnet hätte. Aber kann es denn nicht möglich sein, auch bei diesen Jugendlichen auf den Zugewinn an innerem Selbstwert zu setzen, statt auf Gehorsam und Anpassung?

Bei jedem erneuten Untergang im Klassenzimmer zweifle ich allerdings wieder und denke: Oh man, Maike, wie pathetisch bist du mit diesem hohen Anspruch. Am besten gleich die Welt retten, oder was? Aber gleichzeitig fällt mir NICHTS ein, woran ich mich sonst orientieren kann in diesem „Werte-Niemandsland“ außer eben: Menschlichkeit und irgendwie ein bisschen Wertschätzung… Aber außer mir will hier scheinbar niemand Menschlichkeit und Wertschätzung. Das ist das Dumme. Und das Erschreckende. Dazu kommt dieses tägliche Versagen meinerseits auf allen Ebenen: Ich habe eingesehen, dass ich überhaupt nichts kontrollieren kann und jeder Tag wie eine Lawine anrollt und mich unter sich begräbt. Ich habe vier bis fünf „Unterrichtsstunden“ am Tag und vor jeder einzelnen graut mir, weil ich nicht weiß, was passieren wird. Anfangs habe ich noch einen Rest Naivität und versuche meine Angst mit Perfektionismus tot zu schlagen: Abends stundenlang am Schreibtisch Unterrichtsvorbereitungen planen. Mir irgendwas ausdenken, was WAHNSINNIG Spaß machen wird. Was bei den Jugendlichen ein Wunder bewirken wird. Ich werde es schaffen, denke ich. Sie werden es lieben und sie werden MICH lieben. Ich werde den Unterricht revolutionieren! Dauernd kaufe ich mir tolles, buntes Unterrichtsmaterial mit tollen Folien, Filmbeispielen, lustigen Warm-Ups und Rollenspielen. Ich lese sämtliche pädagogische Literatur, die ich finden kann. Das sind dann die ruhigen, hoffnungsvollen Momente. Maike im Studierzimmer, voller Fantasien im Kopf von TOLLEM Unterricht. Aber leider muss man sagen, dass die schönsten Momente doch die Freitag Abende sind. Am Freitag ist immer eine ganze Woche geschafft. Unendliche Erleichterung. Das muss gefeiert werden! Auch Samstag ist noch schön. Aber am Sonntag morgen schon kommt dieses drückende Gefühl im Hals und in der oberen Magengegend zurück. Die Stunden bis zum Montag Morgen laufen durch wie Sand und Gemütlich-Tatort-Gucken am Sonntag Abend trägt auch nicht mehr zur Entspannung bei. Oft ertappe ich mich dabei, dass ich auf den Fernseher starre und gar nicht richtig zuhöre, weil meine Gedanken schon wieder bei meinen perfektionistischen Unterrichtsvorbereitungen sind. Also erfasse ich oft den einfachsten Tatort-Plot nicht mehr, lasse nur die Bilder an mir vorbeilaufen. Der Tatort ist einfach nur eine beruhigende und tröstlich vertraute Konstante, ein Ritual, die kurze angenehme Auszeit vor dem nächsten ängstlich erwarteten Sturm. Wie eine Spieluhr, die ein unruhiges Kind in den Schlaf dösen lässt. 

Und dann kommt unausweichlich der Montag. Am Montag ist es am schlimmsten. Alle scheinen völlig Gaga zu sein. Bloody Monday. Bloody Hell. Was am Freitag geschafft war und vielleicht sogar Anlass zu ein wenig Hoffnung gegeben hat, ist am Montag komplett im Arsch. 

Das kommt, weil für die Kids das Wochenende am schlimmsten ist, erklärt mir Lena bei einer Zigarette. Da geht bei denen alles drunter und drüber und die sind den Problemen in ihren Familien volle Kanne ausgeliefert. 

Ich nicke, verstehe aber gar nichts. Was für Probleme denn? Ich will eigentlich nur meine Unterrichtsvorbereitungen durchkriegen. Mal EINE Stunde geben, wo irgendwas gelernt wird. Oder ach Quatsch. Wo einfach mal alles EIN BISSCHEN entspannter ist. Ruhiger. Das wäre ja schon mal was. 

Aber es klappt nicht. Meine emsig vorbereiteten Stunden lösen sich grundsätzlich nach wenigen Minuten im üblichen Irrsinn auf. Ok, dann versuch ich also mal Stundenvorbereitung Nummer zwei. Nach ca drei Minuten – gescheitert. Ok. Stundenvorbereitung Nummer drei. Nach zehn Minuten – gescheitert. Ok. Stundenvorbereitung Nummer vier… Es ist zum Heulen. Ich finde einfach nicht heraus, was ihnen Spaß machen könnte. Wie ich ORDNUNG in dieses Chaos bringen kann. Wenn ich es nur einmal schaffen könnte, dass sie sich für IRGENDWAS interessieren. Besonders deprimierend ist meine Erkenntnis, dass sich Ruhe – als Minimalanforderung – am ehesten herstellen lässt, wenn ich todeslangweilige Arbeitsbögen verteile. Dann dämmert der Großteil der Klasse immerhin einigermaßen leise 45 Minuten vor sich hin. Von kleineren Ausfällen und den üblichen Ausrastern einzelner Jungs mal abgesehen. Richtig furchtbar aber wird es, wenn ich MOTIVIERENDEN, GUTEN Unterricht machen will. Wenn sie in Gruppen zusammen was rausfinden, selbst gestalten und präsentieren sollen. Das, was Herr Böhm an dieser Schule erfolgreich als „Kuschelpädagogik“ tagtäglich abwertet. Solche Versuche kann ich gleich vergessen. „Ey, ich will RISCHTISCH Deutschunterricht, nicht so schwule Scheiße!“. (Rischtisch Deutschunterricht ist für die Jugendlichen die „Gu-ten-Mor-gen-Herr-Böhm-Nummer“ mit anschließendem Frontalunterricht. „Jetzt schmeißen Sie doch endlich mal die raus, die laut sind!“. (Ich denke: Ha, ha, also alle?) „Sie müssen uns nur endlich mal rischtisch zusammenscheißen! Sie sind zu NETT“. „Ey, gib ma Klassenkonferenz!“

Aha. 

Klassenkonferenz. Das ist auch sowas, was ich vorher nicht kannte. Ein durch und durch autoritär gedachtes Tribunal:

Der Delinquent bzw. die Delinquentin wird zu einem bestimmten Termin in die Schule bestellt. Dort wird er oder sie von einem Gremium der unterrichtenden Lehrer*innen schön der Reihe nach zum unhaltbaren Problemfall erklärt. Jede Lehrkraft erhält ausreichend Raum, das als Fehlverhalten identifizierte Handeln des Schülers bzw. der Schülerin detailreich zu beschreiben. Dies wird auch genüsslich ausgekostet, denn es ist die einzige Möglichkeit für die geschundenen Seelen der völlig runtergerockten Lehrer*innen sich ein wenig Trost und Kompensation für die zahlreichen erlittenen Demütigungen zu verschaffen. Endlich darf sich die Lehrkraft hier mal so richtig vor allen anderen entlasten und gleichzeitig Macht demonstrieren. Aufzählen, was mir angetan wurde von diesen VOLLPFOSTEN. Um dann im Anschluss gemeinsam eine GERECHTE SANKTION gegen diese unerzogene Göre zu beschließen. Hach. Endlich ein bisschen Gerechtigkeit. Nach außen reden natürlich alle nur „vom Besten für das Kind“ und von „pädagogischen Maßnahmen“. Während die eingeschüchtert da sitzende, selten Deutsch sprechende Mutter mit erschrockenen Augen stumm dabei sitzt und nur Bahnhof versteht – und dann am Ende – nach der Urteilsverkündung – in herzzerreißendes Weinen ausbricht. Denn meistens lautet die „Sanktion“, äh pädagogische Maßnahme: Umsetzung an eine andere Schule. Rausschmiss also. Das versteht dann auch die Mutter. Für den Delinquenten – meistens waren es Jungs – eine unerträgliche Scham: Vor der Mutter so herabgewürdigt zu werden und Auslöser für diese Tränen zu sein. Und: Aus allem raus gerissen zu werden, was vielleicht gerade angefangen hatte, ein bisschen Sicherheit zu geben.

Ich hatte schon gehört vom berühmten „Hauptschulkarussell“. Viele Jugendliche kompensierten ihre Demütigung, indem sie sich auf dem Schulhof genau damit brüsteten. Quasi ein konstruktives „Reframing“ einer anders nicht zu ertragenen Herabsetzung: Das ist schon meine fünfte Schule, wallah. Echt? Fünfte erst? Ich muss nur noch Kepler. Alle anderen war ich schon… ABO!…! (Die Kepler Hauptschule galt unter den Schüler*innen als die letzte Station). 

Das Setting der sogenannten Klassenkonferenz war insofern interessant, als alle von einem „pädagogischen Format“ sprachen, in dem „alle gemeinsam im Gespräch zu einer „pädagogischen Maßnahme im Sinne des Kindes“ kommen wollten. Und tatsächlich wurde zwar sehr viel geredet, aber „der Delinquent“ selbst hatte zu keinem Zeitpunkt eine ernst gemeinte Möglichkeit, SEINE Sicht der Dinge ebenfalls darzustellen. Zu seiner Verteidigung wurde ihm offiziell der gegenwärtige Schülersprecher zur Seite gestellt. Meistens ein ängstlicher, weißer Junge mit Pickeln, Typ Streber, der ganz genau wusste, in welcher misslichen Lage er sich befand: Zum Schülersprecher nur deswegen gewählt, weil sich alle anderen Schüler*innen jeglicher Zusammenarbeit mit dem System Schule verweigerten und offen rebellierten und jetzt quasi als „Verräter-Kartoffel“ in der sehr unschönen Situation befindlich, als demokratische Strohpuppe genau diejenigen stotternd und völlig wirkungslos verteidigen zu müssen, die ihn dafür zwei Stunden später aus Rache auf dem Schulhof verprügeln oder „abziehen“ würden. Was im Klartext hieß: Turnschuhe weg, Handy weg und paar auf die Fresse. Dementsprechend wirksam fiel auch immer die „Verteidigung“ aus. 

Nachdem ich das erste Mal ein solches Tribunal besucht hatte, musste ich danach erstmal drei Stunden schlafen, um mein kleines Trauma der Schuld zu bewältigen: Nämlich das schreckliche Gefühl der Scham, dieser Veranstaltung wort-und tatenlos beigewohnt zu haben, ohne auch nur einmal das gesagt zu haben, was offensichtlich war: Das hier ist eine abgrundtief verlogene Farce! Unverantwortlich und vor allem unmenschlich bis zum Irrwitz! 

Warum sagte ich das nicht? Warum saß ich da rum, knetete meine Hände im Schoß und hoffte, nichts sagen zu müssen? Es lag an einem moralischen Dilemma, das ich empfand. Meistens kamen die entsprechenden Kollegen schon ein, zwei Tage vorher auf mich zu und schütteten mir vermeintlich ihr Herz aus. Plötzlich schlugen sie einen ganz persönlichen Tonfall an. Wie FURCHTBAR der Schüler Soundso sei und dass „man den jetzt endlich abschulen könne“, ob ich da nicht in der Klassenkonferenz auch meinen „solidarischen Beitrag dem Kollegium gegenüber leisten könne“, denn die arme Frau Soundso sei ja schon dauererkrankt und der Herr Soundso kurz vorm Burnout und da „müsse man jetzt wirklich mal Seite an Seite zusammenstehen“ und die rechtlichen Mittel der Schule nutzen, um sich gegen diese „Gangster-Mafia“ zur Wehr zu setzen. Also: Wir rechnen fest mit Ihrer Solidarität, Kollegin Plath… 

Ich war verwirrt. Mir ging es schlecht. Ich wollte solidarisch sein. Aber irgendwas schien mir an der Sache ganz und gar falsch zu sein. War es nicht meine Aufgabe, solidarisch mit den Jugendlichen zu sein? Und wieso musste ich mich überhaupt für die einen und dann zwangsläufig GEGEN die anderen entscheiden? Vor allem: Ich fühlte mich wie ein Alien. Ohne Verbündete. Irgendwie abgetrennt von allen. Was MACHTE ich hier eigentlich an dieser seltsamen Institution? Außer mit Lena wechselte ich in dieser Zeit mit kaum jemandem an der Schule ein persönliches, wärmendes Wort. Die meisten Kollegen*innen behandelten mich wie eine Auszubildende im hierarchisch schlechtesten Sinne. Sie redeten mit mir, als wäre ich 12 und wüsste nicht, wo der Kopierer angeht. Geschweige denn, wie man Schüler*innen unterrichtet. Völlig nutzlos, immer wieder zaghaft anzubringen, dass ich bereits 8 Jahre an einer anderen Schule unterrichtet hatte. Ich kam mir auch zunehmend blödsinniger vor, Sätze mit „Also an meiner alten Schule…“ anzufangen. Es interessierte (logisch!) keinen. Kann mensch natürlich auch verstehen. Jetzt war ich ja hier. Gestern war gestern. Aber in der völligen Ignoranz meiner Person und meinen bisherigen Erfahrungen lag auch etwas Feindliches, das ich mir nicht erklären konnte. Ich war doch nett! Ich war freundlich. Ich bemühte mich doch! Aber auch das interessierte keinen. Bei den Jugendlichen war es nicht anders.

Das Drama eines hohlen Selbstwerts, der sich unablässig an äußerer Bestätigung nährt, beginnt in der Kindheit, wenn wir lernen, Liebe mit Anerkennung zu verwechseln. Eigentlich wissen wir das ja alles: Menschen, die als Kind lernen, dass sie unabhängig von ihren Leistungen – einfach um ihrer selbst willen – geliebt werden, haben es später einfacher, sich selbst zu lieben, also Integrität zu entwickeln, und sie sind deshalb unabhängiger von äußerer Anerkennung und Lob – und deshalb auch weniger anfällig für autoritäre Systeme. Sie stehen quasi auf sicheren Füßen und laufen nicht so sehr Gefahr, sich entgegen der eigenen Bedürfnisse zu verbiegen. Und wer die eigenen Bedürfnisse kennt und ernst nimmt und sich in der Folge weniger verbiegt, muss weniger brüchigen Selbstwert kompensieren, braucht also weniger Bestätigung von außen. 

Leider ist so eine bedingungslose Liebe als Basis für den Selbstwert alles andere als der Standard und viele von uns sind daher leider nicht frei vom Bedürfnis nach äußerer Anerkennung. Deshalb wäre es allerdings umso wichtiger, einen möglichen Mangel an Liebe bei sich selbst als das zu erkennen, was es ist und diese Tatsache anzunehmen, statt diesen Mangel fälschlicherweise ständig mit äußerer Bestätigung auffüllen zu wollen. Denn das ist logischerweise ein Fass ohne Boden: Keine äußere Anerkennung der Welt wird einen Mangel an Liebe ersetzen. Aber es gibt eine andere Medizin: Lernen, sich selbst zu lieben. Seine Bedürfnisse, Grenzen, Schwächen, aber auch die eigenen Fähigkeiten sehen und anerkennen lernen und anfangen, sich damit zu mögen. Harte Arbeit – aber dafür ist es nie zu spät.

Und dass das wirklich stimmt, bemerkte ich daran, wie überraschend wirksam bei mir bereits allein die wenigen Eindrücke und Erfahrungen im Referendariat und in Bullerbü waren: Zwar kippte ich aufgrund meiner langjährigen sozialen Prägung erstmal quasi automatisch in den ängstlichen Anpassungsmodus zurück, als ich mit dem Regime des Sheriffs in Berührung kam. Aber darunter hatte sich in den wenigen vorangegangenen Jahren durch Frau Thiele und Dieter ein kleines Selbstwert-Pflänzlein gebildet. Und dieses Pflänzlein wirkte im Untergrund – auch wenn ich nach außen noch den widerspruchslosen Anpassungsroboter gab. Im Gegensatz zu früher war da jetzt so ein kleiner, zarter Wille zum Widerstand bzw. zur Rebellion. Ich traute mich das zu dem Zeitpunkt gar nicht zu denken, geschweige denn, auszusprechen, aber gefühlt brannte da etwas wie auf sehr kleiner Flamme, still und beharrlich vor sich hin. Bevor diese kleine Kraft im Untergrund jedoch eine Chance bekam, wirkte zunächst einmal mit aller Macht meine tief verinnerlichte soziale Prägung und manövrierte mich nahezu in die Selbstaufgabe.

Nach vier, fünf Monaten war es soweit: Ich fing an, aufzugeben. Ich hatte mich in der einschläfernden „Arbeitsbögen-Taktik“ eingerichtet und einen Zustand erreicht, in dem ich die Stunden mit den Jugendlichen einigermaßen überleben konnte. Reinkommen. Auftrag an die Tafel schreiben – denn Sprechen war sinnlos, es hörte sowieso keiner zu – dann Arbeitsbögen verteilen, dann ans Pult setzen und warten, bis die Stunde um war. Hin und wieder aufstehen, wenn ein Mädchen sich gelangweilt meldete (Jungs meldeten sich nie), hingehen, eine Frage beantworten, wieder nach vorne gehen, wieder ans Pult setzen, warten. Sobald ich irgendeinen Versuch unternahm, diese bleiernde Langeweile zu durchbrechen, rasteten einzelne Schüler*innen aus oder – im besten Fall – blökten mich an: Oh man, erzähls doch der Wand, Frau Plath. Auch der klägliche Hinweis auf ihre Noten, (welch peinliches Druckmittel!, dachte ich beschämt), prallte voll an ihnen ab. Am besten tragen Sie bei mir gleich ne Sechs ein, wird sowieso nicht besser, und dann hat jeder seine Ruhe, war die Reaktion. Meine anfänglichen Argumentationsversuche wurden dann mit „Ey, jetzt nerv ma nicht!“ gekontert. Und das war die warmherzige Variante. Es ging bedeutend schlimmer. Meine Versuche, „ganz tollen Unterricht mit Medieneinsatz, Gruppenarbeit, Rollenspielen und anderem Gedöns“ zu machen, waren also nach wenigen Wochen bereits so dermaßen kläglich gescheitert, dass ich mir davon noch immer meine Wunden leckte und keine Kraft hatte, neue aktionistische Versuche zu machen, die Welt zu verändern. Im Kollegium schien man das beruhigt zur Kenntnis zu nehmen. Nicht, dass jemand das Wort an mich gerichtet hätte, aber offenbar sah ich aus wie Jack Nicholson nach der Elektroschock-Behandlung in „Einer flog über das Kuckucksnest“… Von mir ging jedenfalls keine Gefahr mehr aus, irgendjemandem mit nervig-hoffnungsvollen Ideen auf den Sack zu gehen. Gottseidank. Sie nervt nicht mehr. Und die Jugendlichen schienen dasselbe zu denken. Gottseidank. Sie nervt nicht mehr. Also business as usual. Es war der Punkt erreicht, den ich wenige Jahre später so unfassbar treffend in der Fernsehserie „The Wire“ (vierte Staffel) dargestellt fand: Dem Lehrer Presbelucci wird als „Tipp, um die Klasse ruhig zu halten“ geraten, die Heizungen im Klassenraum voll aufzudrehen, „denn dann

werden die Kids müde, und Sie haben Ihre Ruhe“. Angetäuschter Frontalunterricht (etwas an die Tafel schreiben) und Arbeitsbögen austeilen hatte einen ähnlichen Effekt. Es gab Momente, in denen ich dachte: Was willst du denn, Frau Plath? Ist doch ein easy Job: Du bekommst ordentlich Gehalt, musst nix mehr vorbereiten, nur so am Pult rumsitzen und warten, bis die Stunde vorbei ist. Und bloß keine Aufregung erzeugen, denn dann eskaliert alles, und die Polizei muss gerufen werden, und du bist die Deppin, die vor allen anderen so dasteht, als „hätte sie ihre Klasse nicht im Griff“. Jetzt allmählich dämmerte mir, dass das kein Scherz gewesen war: Diese „Minimalanforderung“, die es zu erfüllen galt, dass „die Polizei nicht kommt“. DAS war also gemeint gewesen… Es galt, die Klasse still zu kriegen. Alles andere: Egal.

Ok. Dann heul jetzt mal nicht rum, dachte ich. Konzentrier dich doch einfach auf dein Privatleben. Andere würden dich beneiden! Bisschen rumsitzen und Geld einstreichen. Gesagt getan. Ich konzentrierte mich also auf mein Privatleben. Berlin ist dafür ja nicht die schlechteste Adresse. Ich ging ständig aus, ins Kino, ins Theater, Essen und in nette Kneipen im Prenzlauer Berg und überall dorthin, wo sowieso scheinbar niemand ernsthaft an Arbeit dachte. Mir kam es insgesamt in der Zeit so vor, als wäre ich die einzige, die arbeiten ging. Alle anderen machten Kunst oder irgendwelche interessanten „Projekte“, die es nicht erforderten, dass mensch vor 14 Uhr aus dem Bett kam. Das war bei mir natürlich anders, ich musste um 8 in der Institution sein, aber weil ich immer schon um 14 Uhr fertig war (Kopierer AUS, und wer länger bleibt, „verdirbt die Preise“), also dann, wenn die anderen mit frühstücken fertig waren, konnte ich noch ausreichend Schlaf nachholen, bevor es abends mit dem angenehmen Teil des Tages losgehen konnte. Zwischendurch dachte ich immer wieder daran, vielleicht doch unten im Schuhladen als Verkäuferin anzufangen. Ja, man kann es nicht anders sagen: Ich war gestrandet. Das Pflänzlein schien eingegangen zu sein. Die Glut ging aus. Fast. 

Türwächter*innen der Freiheit – Drittes Kapitel

Realitätsschock

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig. (Alle Kapitel gibt es auch in der Hörfassung auf meinem Podcast: Auf meiner Seite bei „Maikes Podcast“).

Berlin Neukölln 2004. An meinem ersten Schultag in Neukölln sind noch keine Schüler*innen da. Nur das Kollegium. Es ist der Freitag vor Schulbeginn nach den Sommerferien 2004. Ich stehe in einem Lehrerzimmer, das mich sprachlos macht. Alles ist wahnsinnig eng und voll gerümpelt. Auf den Schränken stapelt sich verstaubtes, offensichtlich längst vergessenes Zeugs: Schulbücher, zusammengerollte Plakate, Kisten, Aktenordner… Alles zugedeckt unter einer feinen, grauen Staubschicht – diese Sachen hat seit Jahren niemand mehr angefasst. Auf den Fensterbänken vertrocknete Pflanzen, die schon bessere Tage gesehen haben, kleine Töpfchen mit grauem Gestrüpp. In der Ecke röchelt eine alte Kaffeemaschine, daneben eine Spüle voller dreckiger Kaffeetassen, mindestens 20 verschiedene Becher und Tassen mit braunen Flecken und Rändern, zu kippelnden Türmen gestapelt. An der Lehrerzimmertür – innen – eine gelbliche Liste mit Schülernamen und Terminen für Klassenkonferenzen – aus dem letzten Schuljahr. Der kleine Raum ist vollgestellt mit grauen Tischen und grauen Stühlen, die Tische sind ebenfalls komplett vollgerümpelt und jeder Stuhl besetzt. Ich stehe neben der Tür und überlege, wo ich mich hinsetzen soll. Als ich endlich einen freien Platz ausmache und zögernd darauf zusteuere, um meine Tasche dort abzulegen, vertritt mir ein älterer Kollege den Weg. 

Da sitzt Frau Schmidt.

Oh, ach so. 

Ich ziehe mich zur Tür zurück. Stehe da so rum. Schaue in die Runde. Alle scheinen sehr beschäftigt zu sein – und angespannt. Allgemeines hektisches Gemurmel. Ich frage mich, wo man eine rauchen kann und verlasse langsam und möglichst unsichtbar diesen Ort des Grauens. Draußen vor der Lehrerzimmertür studiere ich den Schaukasten. Da hängen Listen von den Bundesjugendspielen 2003 und ein paar Urkunden für die Fußballmannschaft. Ich mache mich auf die Suche nach dem Raucherzimmer. Unterwegs ein Toilettensymbol an der Tür. Vielleicht gehe ich erstmal kurz aufs Klo. Geht nicht. Die Tür ist abgeschlossen. Ich stehe ratlos auf dem Schulflur. 

Bist du neu hier? 

Eine jüngere Kollegin steht vor mir.

Ja, ich…

Hallo. Ich bin „die Sozialpädagogin“, sie grinst, als wäre das ein Witz. 

Und du fängst hier jetzt zum Sommer an? fragt sie.

Ja. Ich bin Maike. 

Aus Berlin?

Nee, aus Schleswig-Holstein. 

Oh. Und ist das deine erste Stelle hier?

Nein, ich bin schon 8 Jahre im Schuldienst.

Echt? Na, dann wird dich hier ja so schnell nichts erschüttern. Sie lacht und ich spüre eine kleine Anwandlung von Wärme. Ich bin froh, dass ich offenbar einen normalen Menschen in diesem Gebäude entdeckt habe. Einen Menschen, der mich anguckt und normal mit mir spricht. 

Sie: Wollen wir eine rauchen? 

Ich frage mich, ob sie Gedanken lesen kann und sage erleichtert: Ja, super.

Wir gehen schweigend nebeneinander den dunklen Schulflur entlang. Die Tusche-Bilder an den Wänden sehen so aus wie in meiner damaligen Grundschule in den 70-er Jahren in Glücksburg am Kegelberg. 

Die Toiletten sind noch abgeschlossen, höre ich mich zu meiner eigenen Überraschung sagen.

Die sind IMMER abgeschlossen, ich heiße übrigens Lena, sagt meine Begleiterin und schließt mit einem unverhältnismäßig großen, klirrenden Schlüsselbund eine Tür auf. 

Wie im Knast, denke ich. 

Wir betreten einen Raum, der so aussieht, als wäre er in einem hundertjährigen Dornröschen-Schlaf. Schrankwände voller alter Aktenordner und Schulbücher, Sprachbücher, Mathebücher, Englischbücher, abgewetzte Stapel von „Rokal, der Steinzeitjäger“, einer Lektüre, die ich noch aus meiner eigenen Schulzeit kenne. Ein paar – im Kontrast dazu – seltsam modern wirkende schneeweiße Whiteboards, gestapelt an der Wand und irgendwie unberührt, eingeschweißt in Plastikfolie. Hinten eine Sofaecke, die mich an unseren damaligen SV Raum erinnert, noch zu meinen Schulzeiten – wo die Oberstufen-Ökos immer saßen, heiße Milch mit Honig tranken und über Afghanistan diskutierten – in den 80-ern. 

Lena lässt sich auf das grüne, abgeranzte Sofa fallen. 

So. Sagt sie mit einem zufriedenem Lächeln und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen. 

Sie schaut auf. Auch eine?

Nee, ich hab selber, danke. Ich setze mich auf einen alten Sessel, der bei jeder kleinen Bewegung knarzende Geräusche macht.

Und? Warum bist du jetzt in Berlin? 

Private Gründe. 

Ich mache eine Pause und habe das Gefühl, das klingt irgendwie abweisend. Also füge ich hinzu: Ich wollte noch mal einen anderen Eindruck von Schule kriegen… und Berlin ist ja schon ne spannende Stadt… (Ich komme mir vor wie eine Landpomeranze. – Bin ich ja auch.)

Lena lacht schallend. Ok, mutig, Alter! – Also bist du freiwillig hier? Also ich meine – an dieser Schule?

Ich zünde meine Zigarette an, nehme einen Zug und sehe sie zum ersten Mal direkt an. 

Freiwillig? Ja, klar. Oder was meinst du…?

Naja, hier geht ja keiner freiwillig hin. Hauptschule Neukölln halt. Ist sozusagen der Vorhof zur Hölle. 

Ich atme etwas zu laut aus. 

Boah. Das ist doch voll das Klischee. Böses Neukölln, Kriminalität, Räuberpistolen… Also ich denke, das wird in den Medien auch immer übertrieben dargestellt, oder?

Lena wirft mir einen seltsam ironischen Blick zu. Ich finde, ein bisschen überheblich. Ich fühle mich blöd. Was will sie überhaupt? Sich wichtigmachen? Mir Angst machen? Ich lächle sie an, puste Rauch in die Luft und hoffe, dass ich nicht ganz so provinziell wirke. 

Naja. Sagt sie. Ehrlich gesagt… Ehrlich gesagt ist es schon krass, also… schwierig… Ich will dir jetzt nicht die Motivation nehmen – aber es ist schon…. heftig.

Ich merke, wie ich innerlich trotzig werde. 

Was meinst du denn? Sage ich etwas zu laut.

Sie zögert. Dann wirft sie mir einen kurzen Blick zu, zuckt mit den Schultern. Egal, sagt sie, vielleicht findest du es ja wirklich nicht so schlimm. Es hat auch alles Vorteile hier. Man kann machen, was man will. Hauptsache, es dringt nix nach draußen…

Das finde ich interessant. Diese Aussage habe ich fast wortwörtlich von der Neuköllner Schulrätin beim Einstellungs-Gespräch gehört. An einem der letzten Sommerferientage sitze ich in der Boddinstraße in Neukölln bei der zuständigen Schulrätin. Sie erzählt fröhlich von ihrer anstehenden Pensionierung und dass „sie noch einiges auf den Weg bringen möchte“. Offenbar möchte sie auch mich auf den Weg bringen, denn ich habe noch keine Stelle. 

In Schleswig-Holstein hatte ich gekündigt und meine Verbeamtung aufgegeben, weil ich keine Lust hatte auf das offizielle Verfahren, bei dem mein Wechsel in ein anderes Bundesland eventuell Jahre gedauert hätte. Ich hatte mich entschieden nach Berlin zu gehen – und zwar jetzt. Nicht in ein paar Jahren. Ich war mit meinem ganzen Krempel nach Berlin gezogen, hatte mich vorher persönlich an einer Reihe von Schulen beworben und gehofft, dass es irgendwie klappen würde. Im Verlaufe der Sommerferien musste ich feststellen, dass es offenbar nicht „irgendwie klappen“ würde. In Berlin war 2004 von einem Einstellungsstopp die Rede und ich fing an zu zweifeln, ob meine spontane Entscheidung richtig gewesen war. Neben der Wohnung in der Rosenthaler Straße, in die ich mit meinem Freund gezogen war, hing ein Schild im Laden eines Schuhgeschäfts: Verkäuferin gesucht. Ich ertappte mich hin und wieder bei dem Gedanken, dass ich mich vielleicht dort mal melden sollte…

Jetzt aber saß ich also im Büro der Schulrätin und hoffte, dass sich noch etwas ergeben würde. 

Frau Behrens wirkte auf mich wie eine typisch schnoddrige Berlinerin, die die Dinge beim Namen nennt. 

Sie: Ja, Frau Plath, ich hätte hier ne Stelle für Sie. Sie können gleich nächsten Montag anfangen, wenn Sie wollen.

Ich: Das ist ja toll.

Sie: Naja, das müssen Sie entscheiden. Ich hab hier nur was an ner Hauptschule, und da wollen ja viele nicht hin. Aber ich sehe hier in Ihren Akten, dass Sie ja in Schleswig-Holstein ne Menge bewegt haben und eine engagierte Lehrerin sind. Dann werden Sie es auch an einer Hauptschule schaffen, da bin ich mir sicher. Vor allem haben Sie ja die Fachqualifikation für Darstellendes Spiel und offenbar viel Erfahrung mit dem Theater. Das ist doch großartig. 

Ich: Gibt es an der Hauptschule denn überhaupt offiziellen Theaterunterricht? Ich dachte, das gibt es nur in der gymnasialen Oberstufe.

Sie: Da haben Sie recht. Das gibt es an der Hauptschule nicht. Aber ich bin jetzt mal ganz offen mit Ihnen: Das interessiert hier sowieso niemanden. An den Hauptschulen ist Untergang. Ende Gelände. Da können Sie machen, was Sie wollen. Da redet Ihnen keiner rein. Hauptsache, der Deckel bleibt drauf. 

Ich: Und was heißt das genau?

Sie: Das heißt, dass an den Hauptschulen hier sowieso kein normaler Unterricht mehr möglich ist. Wenn Sie da mit dem Theater kommen – und das irgendwie hinkriegen – dann sind alle froh. Was offiziell unterrichtet wird, ist völlig egal – Hauptsache, das läuft irgendwie ohne Drama ab. Minimalanforderung ist, dass die Polizei nicht kommt. 

Aha. Ich muss lachen. 

Sie: Ja, da lachen Sie jetzt. Aber ich verrate Ihnen mal was: Ich kriege hier reihenweise Suiziddrohungen von Lehrkräften, die da unterrichten sollen. Ich kann meine Stellen hier nicht besetzen, weil die dann mit dem Anwalt kommen. Da freu ich mich doch über eine Person wie Sie. Sie haben Ihre Verbeamtung aufgegeben, um herzukommen. Da steckt ja ordentlich Wums dahinter, das brauchen diese Kinder an der Hauptschule. Und ich bin mir sicher, Sie sind da richtig. Wenn Sie schlau sind, können Sie da richtig was draus machen. 

Sie zwinkert mir aus ihren tiefblau geschminkten Augen verschwörerisch zu. 

Ich: Ja, ich weiß nicht… Mit Hauptschülern habe ich keine Erfahrung. Und ich komme ziemlich aus der Provinz, also vielleicht…

Sie: Ach, das ist doch alles Quatsch. Sie sind ne patente Person. Sowas kann ich riechen. Ich sitz hier schon ne Weile, glauben Sie mir, ich habe Erfahrung. Sie werden mir noch danken, dass ich Sie dahin geschickt habe. Und wenn Sie Probleme kriegen: Sie können sich jederzeit bei mir melden. Ich werde die Hand über Sie halten, da können Sie sich drauf verlassen….

Frau Behrens hielt ihr Versprechen. Sie „hielt ihre Hand über mich“ – allerdings nur drei Jahre. Dann wurde sie pensioniert. Und nach dem „das alte Schlachtschiff mit den blau geschminkten Augen“ nicht mehr in der Boddinstraße saß, brachen andere Zeiten an. Ganz andere Zeiten.

Lena drückt ihre Zigarette aus und seufzt. 

Na, dann wolln wir mal, sagt sie, lächelt halb aufmunternd, halb mitfühlend und wir machen uns auf den Weg zurück ins Lehrerzimmer. 

Mit ihr an der Seite ist es etwas einfacher und ich stehe nicht mehr ganz so verlassen im Türrahmen – wie bestellt und nicht abgeholt. Aber an der Tür stehe ich trotzdem noch eine ganze Weile, bis Lena einige Kolleginnen überredet hat, mir einen Platz zu frei zu machen. Etwas umständlich und begleitet von leicht genervtem Gemurmel werden einige Stühle gerückt und Taschen und Ordner beiseitegeschoben. Ich bekomme einen Platz, obwohl „der nur vorläufig ist“, erklärt mir ein älterer Kollege in grimmigem Ton: Da sitzt eigentlich Frau Wehmeier – aber die ist langzeit-krankgemeldet. Wer weiß, ob die überhaupt wiederkommt. Aber wenn, dann müssen Sie da wieder weg.

Aha. Ich frage mich, ob sich hier alle siezen – oder ob das Ironie ist. So eine Art Theaterstück, dass die hier für mich aufführen. So wirkt es jedenfalls. 

In den ersten Tagen fahre ich von Berlin Mitte aus mit dem Fahrrad zur Schule. Es ist ein weiter Weg, aber ich habe den Ehrgeiz, die Stadt kennen zu lernen und freue mich tatsächlich darüber, dass es sich anfühlt, als würde man durch einen Spielfilm fahren. Alexanderplatz, Fernsehturm, Haus des Lehrers, Moritzplatz, Kreuzberg, Kottbusser Tor, Hermannplatz – alles Orte, die ich gefühlt schon kenne. Aus „Film und Fernsehen“, sagt man ja so schön. Super. Und hier wohne ich jetzt also. Mitten in einer Touri-Postkarte. 

Am vierten Tag regnet es in Strömen und ich trage mein Fahrrad runter in die U-Bahn. Ich ziehe ein Ticket und sitze mit meinem Fahrrad in der U8. Fahrscheinkontrolle. Ein Typ steht vor mir. Ausdrucksloses Gesicht. Ich fingere meinen Fahrschein aus dem Portemonnaie. Er starrt ungerührt darauf. Wartet. 

Ja, dit Fahrrad?

Wie bitte? Mein Fahrrad?

Ja, dit is Ihr Fahrrad, nehm ick ma an.

Ja…

Ja, und wo is der Fahrschein?

Sie haben den doch in der Hand.

Nee, dit is für Sie. Ick brooch den Fahrschein für dit Fahrrad.

Oh, das wusste ich nicht, ich habe gedacht….

Er unterbricht mit Automatenstimme: 40 Euro. Und fängt an, etwas in sein Gerät zu tippen. 

Ich bin fassungslos.

Aber woher soll ich wissen, dass ich auch noch…

40 Euro.

Entschuldigen Sie mal, ich bin erst seit ein paar Wochen hier, woher soll ich wissen…

40 Euro. Er scheint sprachlich bei diesen 40 Euro eingerastet zu sein in einer Art Dauer-Loop.

Er tippt mit ausdrucksloser Miene in sein Gerät. 

Dann endlich ein neuer Satz:

Dann komm Se mal mit raus hier. 

Wir sind am Kottbusser Tor. Ich stehe auf und schiebe mein Fahrrad hinter ihm aus der Bahn. Die Türen schließen. Ich stehe vor diesem bewegungslosen Kontrolleursgesicht, die U8 rattert ohne mich weiter nach Neukölln und ich versuche erneut, zu erklären, wie ich das Ganze sehe. Aber der Automaten-Typ bleibt ungerührt. 40 Euro. Mehr kann er offenbar nicht an Kommunikation. Da ich nur 10 Euro dabeihabe, braucht er jetzt meinen Personalausweis. Ich übe mich in einer buddistischen Grundhaltung und denke: Dit is Berlin, wa? 

Wenig später sitze ich in der nächsten U8 und studiere den Wisch, den ich bekommen habe. Innerhalb von 7 Tagen kann ich bei der BVG Dienststelle am Kleistpark Widerspruch einlegen bzw. nachweisen, dass ich doch ein Ticket hatte. Da ich – fürs Fahrrad – keins hatte, wird es wohl bei den 40 Euro bleiben. Scheiße. Egal. Lehrgeld.

Außerdem sind meine Gedanken ohnehin woanders. Ich habe heute meinen ersten eigenen Unterricht. Da der Stundenplan noch nicht fertig ist, hatten die Schüler*innen die ersten Tage Klassenlehrer-Unterricht. Ich habe keine Klasse. Daher saß ich bisher erstmal nur so rum, auf „meinem“ Platz im Lehrerzimmer neben der röchelnden Kaffeemaschine, und versuchte zu begreifen, wo ich gelandet war. Heute aber ist es soweit. Eine 8. Klasse. Musik. Laut vorläufigem Stundenplan habe ich alle vier 8. Klassen in Musik. Naiv wie ich bin, freue ich mich anfangs noch darüber und denke: Wie nett, dass sie mich gleich da einsetzen, wo meine Stärken sind. Theater gibt’s ja nicht, aber in Musik darf ich bestimmt Theater machen… so, wie an meiner Vorgänger-Schule… 

Als ich mit meiner Tasche die Stufen zum ersten Stock hochsteige, höre ich das Gegröle schon von weitem. Ich frage mich auch in einer Anwandlung von Geistesblitz, wie ich Musikunterricht in einem Klassenraum geben soll – ohne Instrumente, ohne Musikanlage, ohne irgendwas. 

Wir haben keinen Musikraum mehr, hier will sowieso seit Jahren keiner mehr Musik unterrichten. Aber Ihnen wird schon was einfallen, hieß es. 

Na dann.

Ich betrete den Klassenraum. Ohrenbetäubender Lärm. Ich gehe zum Pult. Stelle meine Tasche auf den Tisch. Warte erstmal ab. Das hat „man“ ja so gelernt. Warten, bis es von selbst leise wird. Aber: Nichts wird von selbst leise. Im Gegenteil. Es wird immer lauter. Ob ich jetzt hier stehe, oder in China fällt der sagenhafte Sack Reis um… schon klar… Ich probiere, streng und selbstbewusst geradeaus zu gucken. 

Ey du Hurensohn, isch ficke diese Schule, wallah! Jemand kracht mit seinem Stuhl zu Boden, Gelächter, Stifte fliegen durch den Raum, mehrere Jungs springen wortwörtlich über Tisch und Bänke, kleine Verfolgungsjagd. Die Mädchen sitzen hinten in einer Traube auf den Tischen, eine lackiert ihre Fingernägel, zwei andere tippen in ihre Handys, zeigen sich kitschige, knallbunte Hochzeits-Fotos in großen Briefumschlägen, ey, voll schööön, schüüüüsch… Ey zeig mal – hast du Fotos von Libanon, sieht voll schön aus, wallah.

Es ist völlig uninteressant, dass ich hier bin. Ich könnte genauso gut wieder gehen. Ich stehe da vorne und warte. Auf was eigentlich? Nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wahrheit wahrscheinlich 10 Minuten sind, beschließe ich die Kontaktaufnahme. 

Da meine Kommunikationsmöglichkeiten vom Pult aus offenbar begrenzt sind, bewege ich mich hinein in das Gewusel, gehe langsam von Tisch zu Tisch, nehme Blickkontakt zu einzelnen auf. Einige schauen sofort weg, andere starren mich herausfordernd an, als müsste irgendwas ausgefochten werden, wieder andere lächeln vorsichtig und wenden sich dann schnell ab. Plötzlich ruft jemand von ganz hinten: Wie heißen Sie? Ich rufe zurück: Frau Plath. Daraufhin wenden sich einige Jungs, die hinten mit einer Rangelei beschäftigt waren, mir zu und grinsen. „Können Sie mal kommen, Frau Plath?“ Ich nicke lächelnd und gehe auf die kleine Gruppe zu. Kaum dort angekommen, bombadieren mich die Jungs mit Fragen: Wie alt sind Sie? Sind Sie jetzt unsere neue Musiklehrerin? Haben Sie einen Freund? Wo wohnen Sie? Dürfen wir Musik hören? … Ich versuche, so gut es geht, dem Ansturm an Fragen gerecht zu werden. Als ich gerade ansetze, um sie nach ihrer Musik zu befragen, schreit vorne am Pult jemand „Frau Plath!“ Ich drehe mich um. Irgendetwas ist anders. Nicht gut. Ich gehe zögernd ein paar Schritte in Richtung Pult. Dann sehe ich es: Meine Tasche liegt – offenbar ausgeräumt – am Boden. Mir wird heiß im Gesicht und mein Puls geht schneller. Ich hebe die Tasche auf – sie ist tatsächlich leer. Fragend schaue ich in den Raum, niemand schaut mich an, alle sind wieder mit ihren Privatangelegenheiten beschäftigt. Als wäre ich nie hier gewesen. Ein extrem hübscher Junge mit riesigen dunklen Augen starrt mich eiskalt und völlig ungerührt an. Mir fällt das Wort grausam ein. Da er der einzige ist, der mich anschaut, frage ich mit einer Stimme, die mir selbst schon zu piepsig vorkommt: Weißt du, wo meine Sachen sind…? Da springt der Junge unvermittelt auf, so dass sein Stuhl nach hinten kracht, ich stoße mich vor Schreck hinter mir an der Tafel, irgendwas fällt mit Riesen-Geschepper hinter mir auf den Boden, (später sehe ich: Ein riesiges Plastik-Geodreieck), der Junge steht mit hochgerecktem Kopf und ausgestrecktem Arm Millimeter vor meinem Gesicht und brüllt mich an: Ey WOSSSSSS?!?! Was hab isch mit deiner VERFICKTEN Tasche zu tun, du Opferlehrerin, du! Krieg isch jetzt Klassenkonferenz oder was, EY DU HUUURE, verpiss disch ma, ey wallah, Alter, wie sie aussieht!! – Ja, guck ma nisch so hässlisch!! 

Ich merke, dass meine Arme plötzlich vorne sind und den Jungen abzuwehren versuchen, der mich ununterbrochen weiter anschreit. Meine Hand kommt irgendwie mit seinem Arm in Berührung, ich weiß gar nicht wie, da schubst er mich mit voller Wucht nach hinten. 

Ey FASS misch nisch an, du Opfer!! 

Ich knalle an die Tafel, der Junge wendet sich abrupt ab, schmeißt einen Stuhl, der ihm im Weg steht, gegen die Wand und stürmt aus dem Raum. Ich rappel mich hoch, versuche irgendwie gefasst auszusehen, schaue in die Gesichter vor mir – und merke, wie alle Energie aus meinen Gliedern weicht. Ich blicke in seltsam kalte, zufriedene Augen… Stille. Plötzlich schauen mich alle an. Und es ist so, als hätte jemand auf „Pause“ gedrückt. Aber keine gute Pause. Still und zufrieden und kalt starren sie mich an. Sie genießen es, denke ich. Da ist kein Lächeln mehr, kein Mitleid, nein – sie GENIEßEN diesen Moment, sie FREUEN sich, dass ich hilflos bin. Mir wird flau im Magen, ich friere, mein Herz rast. Ich muss hier raus, denke ich, nehme meine Tasche und finde irgendwie den Weg zur Tür. Als ich draußen auf dem Schulflur stehe, höre ich ihr brüllendes Gelächter… Irgendwie finde ich den Weg zum Klo. Abgeschlossen. Ach ja. Unter Tränen versuche ich meinen Schlüssel zu finden, aber den haben sie mir wahrscheinlich auch geklaut, ach nee, er ist in meiner Hosentasche, Gottseidank, ich fummel mit zitternden Händen am Schlüsselbund herum, endlich geht die Tür auf, ich stürze in eine Kabine, lasse mich auf den Klodeckel fallen – und heule. 

Erster Tag…denke ich. 

Führungsstärke entwickeln als Grundbedingung für Demokratie

Neue Folge 15 „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“ (zweiter Teil des Tutorials zum Thema „Führungsstärke entwickeln“):

In unseren Schulen werden Menschen nach wie vor zu Untertanen sozialisiert, weil noch immer eine Bewertung und Ausrichtung nach Noten erfolgt. Was in Wahrheit an Innovation und ECHTER Demokratie im Bereich Bildung möglich ist, möchte ich im zweiten Teil dieses Tutorials aufmachen: Auf dem Weg zu natürlicher Autorität und demokratischer Führung. Oder:

Hör auf, ein Erdmännchen zu sein! (Auch wenn sie so süß sind…) Hier gehts zur Folge „Führungsstärke entwickeln“: https://youtu.be/S-Y2k9eDGjo