Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 24: Wut (Teil 1)

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Es braut sich was zusammen, denke ich, während ich die fett beschriebenen Plakate anschaue, die meine Klasse auf dem Boden der Studiobühne im Heimathafen ausgebreitet hat. Es sieht aus, wie ein „Wörter-Massaker“: Du Hurensohn!, Isch ficke deine Mutter!, Du Hund!, Halt`s Maul!, Wixer!,…

Sie haben „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin gelesen. Zumindest in Teilen. Jetzt lesen sie jeden Tag Nachrichten dazu im „Berliner Fenster „in der U-Bahn. 

Thilo weiß nicht, wie es ist, ein Araber zu sein, sagt Fuad. 

Er denkt, wir sind dumm und faul und kriegen zu viele Kinder – weil wir Muslime sind. Und er hat Angst, dass Deutschland arabisch wird. Yara lacht. Dabei ist er selber dumm. Er weiß gar nix über uns. 

Wie üblich verweigern sie die Opferhaltung. Es verletzt sie, was sie tagtäglich lesen, aber sie zucken es weg. Oder doch nicht? Der Ton ist deutlich aggressiver geworden, die Stimmung latent feindselig – gegenüber der Institution Schule aber auch insgesamt gegenüber allen erwachsenen „Kartoffeln“, die offenbar nicht verstehen wollen oder können, wie es deutschen Kindern im Alltag geht, wenn sie KEINE „Kartoffeln“ sind. Wenn mensch sie abgeschafft – äh, abgeschrieben hat. Wut liegt in der Luft. Ich beschließe die Flucht nach vorn und schlage vor, dass sie mal all ihren Ärger – gerne auch in Form von Ausdrücken – in Schönschrift auf große Plakate schreiben sollen. Einfach, damit der ganze Frust mal offiziell raus darf. Eine Form bekommt. Greifbar wird. Die Reaktion ist zum Lachen. Sie sitzen mit etwas ratlosem Gesichtsausdruck vor leeren Plakaten und schreiben – NICHTS.  Dürfen wir denn das? fragt Özlem. Die Frage bringt mich unerwartet aus der Fassung: Sie denken, dass sie sich nicht wehren dürfen. Und alle halten das für selbstverständlich. Ich bis vor kurzem ja auch. Wie absurd ist das denn eigentlich? 

Trotz meiner Aufforderung bleiben ihre Plakate erstmal leer. Also beschließe ich, einen Gang höher zu schalten. Ich frage sie, wie es ihnen mit der Thilo-Sarrazin-Debatte geht. Was für Gefühle da bei ihnen hochkommen. Und wenn ihr euch vorstellt, ihr könnt jetzt einfach mal eure Gedanken rauslassen, alles rauskotzen, was fällt euch dann ein? – und möglichst in Schönschrift, damit es auch jeder lesen kann! Einige lachen. Und langsam kommt die Sache in Gang. Wenig später liegen, sitzen und knien 26 Kinder auf dem Boden der Studiobühne und malen friedvoll und hochkonzentriert wunderschöne Wut-Plakate. Am Ende ist der gesamte Boden ein einziges großes Massaker an Worten. Die Kinder stehen etwas selbstvergessen und tiefenentspannt daneben und betrachten ihr Werk. Ihre Gesichter wirken in diesem Augenblick – man kann es nicht anders sagen – wie Engelsgesichter. Als hätte ein kleiner Exorzismus stattgefunden. In den folgenden Wochen und Monaten entsteht aus dieser Situation heraus die Theaterproduktion „Arab Queen und Thilo Sarrazin – was wir gedacht haben, als wir das gelesen haben“. Die Autorin von „Arab Queen“ kommt zu Besuch und diskutiert mit der Klasse über deren Erfahrungen im Alltag und wo sie sich in ihrem Buch wiedererkennen. Die Klasse beschließt, auch Thilo Sarrazin einzuladen, aber es kommt keine Antwort. 

Stattdessen erhalte ich eine Einladung zu einem „Berliner Salon“ in Charlottenburg. Offenbar besteht ein Interesse an meinen Erfahrungen als Lehrerin im Neuköllner Schulalltag. Die Autorin ist ebenfalls eingeladen. Es soll eine kleine Lesung geben mit anschließender Diskussion. An besagtem Abend fahre ich also „in den West-Teil der Stadt“, und während ich in frühabendlicher Idylle bei Vogelgezwitscher durch die seltsam stillen Straßen eines gediegenen Villenviertels spaziere, staune ich mal wieder über die Kontraste dieser Stadt: Jeder Kiez ist ein anderes Universum, und in diesem war ich bisher überhaupt noch nicht. Ein wuchtiges Gitter-Tor mit Gegensprechanlage und Kamera, dahinter ein parkartiges Grundstück. Ich klingel und bereite mein „Sesam-öffne-dich-Sätzlein“ vor. Eine Stimme aus der Gegensprechanlage schnarrt aus dem Lautsprecher. Ich erkläre, wer ich bin und warum ich hier stehe. Es summt, ich umfasse den runden Türknauf und schiebe das Tor auf. Eine breite, geschwungene Kiesauffahrt, gesäumt von gepflegten Blumenbeeten und Hecken.  Alter, wo bin ich gelandet?,  denke ich und habe Bilder aus „Eyes wide shut“ von Stanley Kubrick im Kopf. Dann stehe ich vor der Eingangstür der Villa. Ich muss nicht lange warten, die Tür öffnet sich, eine ältere Dame in wehendem Seidengewand und Haarknoten bittet mich freundlich herein. Hohe Decken, Holzdielen, teure Antikmöbel, Gemälde an der Wand, große Blumenvasen mit Orchideen, ein riesiger Kristall-Kronenleuchter. Im Wohnzimmer stehen in Grüppchen leise murmelnde Menschen mit Sektgläsern, vor den offenen Terrassentüren ist ein Buffet mit allen möglichen Fingerfood-Varianten aufgebaut. Die Dame mit dem Haarknoten stellt mich einem Grüppchen vor, drückt mir ein Sektglas in die Hand und überlässt mich der Smalltalk-Situation. Ich nippe erstmal an meinem Sekt und lausche den Gesprächen. Ich hasse Smalltalk. Lieber nicke ich hin und wieder, mache mmh-mmh und lächle an den richtigen Stellen. Hoffentlich geht die Lesung bald los. Was mir auffällt ist eine seltsame Erregung im Raum. Die Leute sprechen zwar gedämpft, doch scheinbar sind sie irgendwie aufgebracht. Mehrfach höre ich den Satz: Das darf man ja aber heute gar nicht mehr sagen. Oder: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Da ich bisher noch davon ausgehe, dass ich mich unter Kritiker*innen der Zustände an Neuköllner Schulen bzw. des Bildungssystems insgesamt befinde, beschließe ich, mein leichtes Unwohlsein zu unterdrücken und die Situation interessant zu finden. Bald erklingt dann auch ein Glöckchen und die Gesellschaft bewegt sich weiter murmelnd in einen noch größeren Raum nebenan, der offenbar für die Lesung vorbereitet ist. Stuhlreihen, vorne ein Tisch mit einem Fläschchen Wasser darauf, der Platz für die Autorin. Bis alle eingetrudelt und sich hingesetzt haben, dauert es noch ein wenig. Die Autorin steht am Rand und schaut angespannt. Ich atme einmal durch, checke noch mal mein Handy, packe es in meine Tasche und warte auf den Start. Dann ist es endlich soweit. Die Haarknoten-Dame begrüßt die Gäste und anschließend die Autorin und einen weiteren Menschen, der vorne in der ersten Reihe sitzt. Wie ich erfahre ein pensionierter Neuköllner Hauptschullehrer, der nach der Lesung ebenfalls noch zu Wort kommen soll. Na dann. Ich bin gespannt. Die Autorin liest eine halbe Stunde, ich höre ihr gerne zu, kenne zwar das Buch inzwischen nahezu auswendig, aber finde es trotzdem unterhaltsam und klug. Als sie fertig ist, klatscht das Publikum höflich, der Haarknoten tritt nach vorne und „freut sich, jetzt Fragen an die Autorin zulassen zu können“. In den folgenden 20 Minuten wird mir klar, was hier passiert. Nicht eine einzige Frage ist ohne Subtext. Offenbar haben alle hier im Raum das Bedürfnis, die Autorin als Kronzeugin einer Kritik am Islam zu benutzen: Wird nicht an dieser und jener Textstelle in „Arab Queen“ eindeutig die Unmenschlichkeit des muslimischen Glaubens offensichtlich? Werden da nicht die Frauen unterdrückt? Gewalt ausgeübt? Hat die Autorin als emanzipierte, erfolgreiche Frau muslimischer Prägung nicht deutlichere Worte gegen die Gefahr des sich ausbreitenden Islam in Deutschland? Die Autorin ist sichtlich gestresst, windet sich, beantwortet aber dennoch klar und selbstbewusst alle Fragen. Allerdings nicht zur Zufriedenheit ihres Publikums. Denn hier in diesem teuer und elitär anmutenden Berliner Wohnzimmer haben sich die Bewunder*innen und Fans von Thilo Sarrazin versammelt. Sie kennen offenbar schon alle Antworten auf ihre Fragen, aber sie wollen Bestätigung. Die Autorin hat in ihrem Buch teils autoritäre familiäre Strukturen beschrieben. Dass diese aber nun zum Anlass für eine Pauschal-Verurteilung des Islam herhalten sollen, bringt sie sichtlich aus der Fassung. Vergeblich weist sie auf die doch etwas umfangreichere Komplexität der Thematik hin, verweist auf autoritäre Strukturen in zahlreichen anderen Kontexten – aber niemand hört ihr zu. Als dem illustren Kreis klar wird, dass von dieser Autorin zu wenig Beweismaterial für die These vom „Untergang des Abendlandes“ kommt, wird kurzerhand der zweite Gast des Abends ins Spiel gebracht. Der pensionierte Hauptschullehrer erhebt sich umständlich und nimmt vorne neben der Autorin Platz. Er beginnt mit ein paar Sätzen zu seiner Vita – fast 40 Jahre Schuldienst in Neukölln – und braucht nicht lange, um sich in Fahrt zu reden. Es klingt 1:1 wie der Sheriff. Offenbar sind sie Brüder im Geiste. Der Kronzeuge für den „Untergang des Abendlandes“ berichtet vom rasanten Niveauverlust des Unterrichts und der Verdummung der Schülerschaft in den letzten zehn Jahren. Natürlich führt er diesen auf den hohen Anteil von Jugendlichen „nicht-deutscher-Herkunft“ zurück. 

Er liefert damit diesem Publikum genau die Argumente, die es hören will: Die alte Leier von der Verrohung und Verdummung der Schüler*innen durch zu viel Rücksichtnahme auf die „migrantischen“ Jugendlichen. Diese seien „kriminell“ und „faul“, hätten aber in den Klassenzimmern und auf den Schulhöfen „die Macht übernommen“, terrorisierten ihre Mitschüler*innen und ihre Lehrer*innen und „kämen mit allem durch“, weil „eine naive linke Kuschelpädagogik herrsche“, die ein sinnvolles Durchgreifen gegen diese Sozialschmarotzer immer gleich an den Pranger stelle.  Wer sich hier durchsetzt und auch mal ne klare Ansage macht, bzw. diese Kinder zur Selbstverantwortung erzieht, der wird gleich als Nazi bezeichnet…  Ich kann mir einen kleinen Seufzer nicht verkneifen. Sofort reißt er den Kopf zu mir herum und blökt mich an:   Ja – IST doch so! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! 

Jetzt ist der Moment gekommen, wo ich was sagen muss, auch wenn mir klar ist, dass es wahrscheinlich gar nichts bringen wird. Ich bezwinge mein aufkommendes Herzrasen und sage laut:  Es ist ja ehrlich gesagt genau umgekehrt. Ich bin absolut der Meinung, dass wir zur Selbstverantwortung erziehen sollten, aber es ist doch genau DIESE Perspektive, die SIE einnehmen, die gerade verhindert, dass Jugendliche Verantwortung übernehmen und sich konstruktiv einbringen können! Sie schauen – bildlich gesprochen – aus einer behaglichen Wohnzimmer-Perspektive auf die anderen Zimmer im Haus – aber ohne jemals in den anderen Zimmern gewesen zu sein. Sie müssten auch mal in den Keller gehen oder auf den Dachboden, um beurteilen zu können, wie die Welt von dort aussieht. Sie haben keinen Einblick in irgendwelche anderen Räume, sondern beurteilen alles vom Wohnzimmer-Sofa aus. Sie wollen anderen erklären, wie sie den Keller, den Dachboden oder die Küche einrichten sollen. Aber Sie haben keine Ahnung, weil Sie davon ausgehen, dass die Wohnzimmer-Perspektive die Normale ist. Das ist aber eine ignorante und überhebliche Perspektive. Wenn die Kinder dagegen rebellieren, ist das nur ein Zeichen für ihre psychische Gesundheit. 

Ablehnende Geräusche und höhnisches Gelächter aus dem Publikum. Ich fühle mich sofort dumm und peinlich, obwohl ich zu 100 Prozent glaube, etwas Richtiges gesagt zu haben. Woher kommt dieses unangenehme, schamhafte Gefühl? Ich merke, wie in mir die Wut aufsteigt. Gleichzeitig fühle ich mich komplett ausgebremst, irgendwie lahm, zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Ich denke, dass ich ganz woanders anfangen müsste – aber schon bei der Vorstellung, was mir dann alles an „Argumenten“ von der Gegenseite in meine Richtung geschmettert werden wird, verliere ich den Mut. Gefühlt tausend Geschichten überlagern sich jetzt in meinem Kopf, die ich erzählen könnte und die die Worte des Hauptschullehrers entkräften könnten. Aber ich weiß, dass ich soweit gar nicht kommen werde, weil ich zuvor gefühlt eine Million angeblicher „Sachargumente“ kühl und messerscharf zerlegen müsste. Schon beim Gedanken daran verlässt mich allerdings jegliche Energie. Denn diese angeblichen „Sachargumente“ erscheinen mir absurd und vor allem menschenfeindlich. Ich versuche es trotzdem, beginne von Taher und von Lenny zu erzählen, aber schon während ich spreche, fühle ich mich blöd. Wie kann das sein, dass authentisches Sprechen in diesem Raum zerschellt wie an einer Betonmauer? Dauernd werde ich unterbrochen und soll zu irgendwelchen „Statistiken“ aus „Deutschland schafft sich ab“ Stellung nehmen, die in keinem Zusammenhang zum Gesagtem stehen, aber angeblich beweisen, dass alle Muslime kriminell und faul sind und dass das genetisch bedingt sei. Die Theorie von der genetischen Minderwertigkeit muslimischer Menschen und von der drohenden Gefahr durch den Islam wird im Duktus und Habitus „des Professors“ vorgetragen, ich dagegen „bin“ die naive, emotionale Frau mit den „Multi-Kulti-Fantasien“. Es gibt hier scheinbar nur Schwarz-Weiß-Denken und das Absurdeste dabei ist, dass diese Leute dabei eine wissenschaftliche Objektivität behaupten und mich durch die kühle und überhebliche Art ihres Sprechens gefühlsmäßig zum kleinen Mädchen reduzieren – statt auf das einzugehen, WAS ich sage. Es fühlt sich so an, als würde ich gedanklich und körperlich leise knirschend zermalmt. Die Kraftanstrengung zu sprechen empfinde ich als nahezu übermenschlich. Ich habe kaum ausreichend Luft zu atmen, geschweige denn so zu formulieren, dass ich hier durchdringe. Irgendwann gehen mir die Worte aus. Wie ein Motor, der ins Stocken gerät und dann noch so ein bisschen rumstottert, um schließlich vollständig den Geist aufzugeben. Mein Gehirn fühlt sich an wie Pudding. Ich stehe auf und suche die Toilette. Auf einem schmucken Marmorklo sitze ich dann ein paar Minuten so rum, betrachte den silbernen Klorollen-Halter und frage mich, wo ich hier gelandet bin. Offenbar treffen sich diese Leute regelmäßig. Der Salon findet einmal im Monat statt. Durch das eindrückliche Gitter-Tor kommt nur, wer eine Einladung hat. Für mich wird es wohl das einzige Mal gewesen sein, dass ich hier bin. Selbst wenn ich beschließen sollte, hier weiterhin zu erscheinen – das nächste Mal hoffentlich besser vorbereitet – bezweifle ich, dass ich noch einmal durch dieses Tor gelassen werde. Vielleicht auch besser so. Was soll es bringen? Ich mache mich auf den Weg zur Garderobe, im Vorbeigehen ein letzter kurzer Blick durch die geöffnete Tür in das herrschaftliche Wohnzimmer, wo sich jetzt alle sekt-trinkend weiter aufregen, die Autorin steht allein am Fenster, unsere Blicke treffen sich kurz, ich deute auf den Ausgang, sie nickt mit dem Hauch eines Lächelns,  ja, verstehe, soll das wohl heißen,  aber ich bleibe noch,  ich nicke zurück und forme mit meinen Lippen ein „Viel Glück…!“, dann nehme ich meine Jacke und schleiche mich hinaus. Meine Schritte knirschen auf der Kiesauffahrt, ich denke: Hoffentlich komme ich hier überhaupt alleine raus. Doch das Gittertor öffnet sich problemlos mit einem kleinen Klicken, als ich gegen den Türknauf drücke, und erleichtert schlüpfe ich hindurch und trete auf die Straße. 

Was war das denn? Ich bedauere ein wenig, dass ich mich jetzt nicht mehr mit der Autorin über dieses sehr merkwürdige Erlebnis austauschen kann. Was mag sie gedacht und gefühlt haben? Was war das dort für ein seltsamer, gruseliger Geruch von brauner Scheiße? Sowas habe ich bisher noch nicht erlebt. An meiner Schule in Bullerbü und auch in meinem Freundeskreis würde mir noch nicht mal jemand glauben, dass das so überhaupt wirklich stattgefunden hat: Dass Leute so sprechen. Sich damit so sehr im Recht fühlen. Ist das jetzt der Vorbote zu etwas Schlimmerem? Ich wundere mich über diese seltsame Beklommenheit, die mich gerade niederdrückt. Es fühlt sich an wie eine düstere Ahnung von Dingen, die vielleicht kommen werden. Was wäre, wenn dies nur der Anfang von etwas Größerem ist?  Ach, so ein Blödsinn,  denke ich sofort.   Jetzt fang nicht gleich an, alles zu dramatisieren. Das ist eine kleine, absonderliche Runde gewesen an diesem Abend. Mehr nicht. Kennst du IRGENDJEMANDEN, der so denkt und spricht? – Na, eben! Kein Grund zur Panikmache.  Ich atme tief durch und beruhige mich wieder etwas. Nein. Selbstverständlich ist das NICHT der Anfang von etwas Größerem. Das war einmal. Vor langer Zeit. Aber die Mehrheit in Deutschland ist offen und demokratisch, der freie Diskurs eine gewachsene Selbstverständlichkeit. So schnell kann eine Stimmung nicht kippen, nur weil ein paar Spinner den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören. Ich muss jetzt fast lachen. Völlig absurd,  denke ich,  völlig undenkbar! und mit einem Gefühl der Erleichterung, dass dieser Abend überstanden ist, mache ich mich auf den Weg nach Hause. 

Die Proben zu „Arab Queen und Sarrazin“ gehen in ihre letzte Phase. Die Wut der Kinder auf „Thilo, der nicht weiß, wie es ist, ein Araber zu sein“, bleibt ein Grundrauschen während der gesamten Zeit und da ich mir durch meine Berliner-Salon-Erfahrung zumindest im Ansatz vorstellen kann, wie sprachlos sie sich wahrscheinlich fühlen, ermutige ich sie nach Kräften, ihre Wut nicht zu unterdrücken, sondern eigene Worte dafür zu finden und ein Theaterstück daraus zu formen. Wir schicken eine weitere Einladung an Herrn Sarrazin – zur Premiere. Aber der für ihn reservierte Platz bleibt leer. Dafür kommt die Autorin und „Nachtkritik“ veröffentlicht eine positive Rezension zum Stück. In die vier Vorstellungen kommen viele interessierte Menschen (auch viele „Kartoffeln“), feiern die Kinder und sprechen anschließend lange mit ihnen im Foyer über das, was sie erleben und denken. Zum ersten Mal hört jemand zu, sagt Yara zufrieden,  auch wenn viele sagen, dass es ein bisschen aggressiv gewirkt hat. Das wäre nicht nötig gewesen. 

Und?,  frage ich, wie siehst DU das? Yara lacht: Ich finde, das war noch gar nicht aggressiv GENUG! Wir haben einfach mal ein bisschen was rausgelassen. Die sollen nicht gleich heulen! 

Die Frage ist, ob sie verstehen, was Yara meint, denke ich. Denn auch bei mir hat es etwas gedauert. Es ist dieser Umgang mit der Wut. Mit der Aggression, die uns da entgegenschlägt. Da kann ich drüber erschreckt sein. Und das wäre gut. Denn es wäre ein Anfang. Aber meistens ist es eher so mit der Publikums-Reaktion: 

Wenn auch bei all unseren Vorstellungen weit und breit kein „Berliner-Salon-Anhänger“ zu finden ist, sitzen doch die meisten von diesen netten Menschen im sinnbildlichen Wohnzimmer, von wo aus die Wut logischerweise verstörend auf sie wirkt. Alle sind sehr freundlich gestimmt und halten sich für tolerant, merken aber gar nicht, dass es natürlich einfacher ist, vom Wohnzimmer-Sofa aus freundlich und charmant zu sein. Von dort aus erscheint ihnen die Wut „ein bisschen krass“. Und dann kommt immer so diese irritierte Sorgenfalte auf der Stirn: Ja, also ich versteh das natürlich, aber muss das alles immer so DOLL sein? – Ja. Muss es. Glaube ich. Es muss sich auch mal nicht so gut anfühlen dürfen: Das wäre ja das Mindeste, was mensch erwarten kann, wenn schon niemand leibhaftig mit in den Keller kommen will: Dass wenigstens hin und wieder ein Eindruck davon vermittelt werden darf, wie es sich in anderen Räumen – außerhalb des Wohnzimmers – anfühlt. Mir kommt plötzlich dieser blöde Macho-Witz in den Sinn, wo der Mann im Wohnzimmer sitzt, die Frau in der Küche arbeitet und der Mann ihr zuruft: Ich kann gar nicht mit ansehen, wie du in der Küche schuftest! – Und dann hinzufügt: Kannst du mal die Tür zu machen?  So ähnlich kommt es mir vor mit dieser freundlich-toleranten Beschwichtigungshaltung:  Ach, ihr seid sauer, dass es im Keller feucht und schimmelig ist, und auf dem Dachboden zieht und die Küche einen Wasserschaden hat – aber warum könnt ihr euch nicht ein bisschen anstrengen und mit GUTER Laune und Souveränität mit uns darüber reden, ob im Wohnzimmer ein Perserteppich oder ein Parkettfußboden schöner wäre? Dieser gereizte Ton, der stresst mich etwas. Das ist mir echt ein bisschen zu doll jetzt.  

Ich stelle erstaunt fest, dass ich mit der Zeit so eine leicht gereizte Ungeduld mit diesen leise und tolerant sprechenden „Kartoffeln“ entwickelt habe, die den Jugendlichen immer so GUTGEMEINT raten, doch nicht immer „so böse“ zu sein und „die Gewalt nicht immer so zu feiern“. 

Warum können wir das stattdessen nicht einfach mal aushalten, uns ein bisschen ungemütlich fühlen und versuchen zu verstehen, wo diese Wut denn wohl herkommt? Vom Wohnzimmer-Sofa aus muss doch wenigstens DAS möglich sein? Dafür allerdings müssten wir wohl überhaupt erstmal SEHEN, wo wir sitzen. 

Ich denke: Yara hat absolut recht. Da geht auf jeden Fall noch was. Und es stellt sich bald heraus: In der Tat.