Kapitel 16: Die Bretter, die die Welt bedeuten

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Justin ist schuldistanziert. Wenn er weiterhin so viele Fehlstunden ansammelt, müssen wir uns was überlegen. Das läuft da insgesamt völlig aus dem Ruder. Der Junge ist total von der Rolle. Hat sich nicht im Griff. Provoziert. Verweigert den Unterricht – oder erscheint gar nicht erst. Wenn der nicht allerschnellstens wieder in die Spur kommt, können wir den hier nicht weiter beschulen“. 

Sagt der Sheriff. Ich sitze im Lehrerzimmer in der Runde der Kollegen*innen, die in der 8b unterrichten, es geht um die nächste Klassenkonferenz von Justin, und ich fühle mich mal wieder sagenhaft scheiße. Denn natürlich wäre jetzt der Moment, etwas zu sagen. Justin ist nämlich bei mir keineswegs schuldistanziert. Verweigert auch nicht den Unterricht. Ganz im Gegenteil ist so eine neue Wachheit in seine Augen gekommen. Außerdem ist er jetzt jeden Mittwoch zuverlässig bei der Theater-AG. Wo er inzwischen unverzichtbar ist. Nicht nur hat er sich mit Herrn Schulze angefreundet und mit ihm vier alte Strahler aus dem Keller geborgen, die wir nun als Scheinwerfer benutzen, nein – er hat mit dem Hausmeister-Trio auch noch ein Wochenende in der Aula verbracht und geholfen, die Bühne schwarz zu streichen und mit ihnen zwei zusätzliche Holzwände an den Seiten der Bühne angebaut – dann kann man hinter der Bühne sein, ohne, dass die Zuschauer einen sehen, sagt Justin – und auch insgesamt ist es in Wahrheit eher so, dass Justin sich wahlweise im Hausmeister-Kabuff oder in der Aula aufhält – und offenbar in bestimmten Unterrichtsstunden ganz bewusst fehlt – aber deswegen ganz und gar nicht schuldistanziert ist. Denn eben: In der Schule ist er ja. Leider nur nicht da, wo er laut Plan sein soll. Vor allem offenbar nicht bei Herrn Böhm. Wenn ich aber daran denke, dass er noch bis vor kurzem 90 Prozent des Unterrichts mit Kapuze auf und Kopf auf dem Tisch reglos wie eine Statue aus Stein die Zeit abgesessen hat, dann denke ich schon, dass man die Entwicklung der letzten Wochen insgesamt als positiv bezeichnen könnte. Eigentlich sogar als fulminanten Durchbruch. Aber klar, pathetisch werden nützt jetzt nix. Ich forme in Gedanken die Worte, die dieses „Gremium“ hier am Tisch eventuell überzeugen könnte und höre mich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich sagen:

Also mein Eindruck ist eher, dass Justin sich gerade total verbessert. Er ist IMMER bei der Theater AG und in meinem Unterricht fehlt er auch nicht. Ich glaube, der macht gerade eher auf und da passiert was Positives. Den jetzt abzuschulen, wäre doch eine Vollkatastrophe…

Weiter komme ich nicht, denn Herr Böhm unterbricht mich jetzt in eisigem Ton:

Danke für diese ungebetene Einschätzung, Kollegin Plath, die hier im Übrigen niemand teilt. Was in deinen Stunden los ist, wissen wir hier alle. Dass Justin bei DIR zum Unterricht kommt, erstaunt auch niemanden: Bei dir dürfen die ja machen, was sie wollen. Chaos veranstalten ist aber nicht das, was denen auf Dauer im Leben weiterhilft. Daher hoffe ich, dass noch ein paar sinnvollere Vorschläge kommen, die vor allem auf ETWAS mehr beruflicher Kompetenz beruhen. 

Er schaut in die Runde. Einige grinsen.

Mir schießt das Blut ins Gesicht und ich kriege kaum Luft. Mist. So vieles will ich sagen, aber ich habe keine entsprechenden Worte. Wo soll ich anfangen? 

Bei all den Geschichten, die die Jugendlichen jetzt beim Theater erzählen und in letzter Zeit sogar aufschreiben und in Bildern und kleinen Szenen auf die Bühne bringen? Bei meinem Besuch vor zwei Wochen bei Justins Mutter? Bei meiner Erkenntnis, dass Justins Mutter den ganzen Tag trinkt und weint und völlig überfordert ist und ich nicht eine Sekunde länger wütend darüber sein kann, dass sie sich nicht um ihr Kind kümmert, weil sie selbst noch eins ist und dringend Hilfe benötigt? Oder bei meinen vergeblichen Telefonaten mit dem Jugendamt, wo ich immer nur weitervermittelt werde und zu hören bekomme, dass derzeit aufgrund der Vielzahl der Fälle keine Unterstützung möglich ist, wenn ich Glück habe, in sechs Monaten vielleicht? Oder soll ich das Ganze gleich abkürzen mit meiner neuen Erkenntnis, dass es auf uns selber ankommt, weil von außen keine Hilfe zu erwarten ist und gar nichts besser davon wird, wenn wir die Verantwortung immer nur an andere, an eine andere Schule, eine andere Institution, eine andere Maßnahme abgeben? Während mir das alles durch den Kopf rauscht, werde ich wütend. Und das ist hilfreich, denn ich finde meine Stimme wieder:

Es ist doch Wahnsinn, Justin an eine andere Schule oder sonst irgendeine andere Institution abzuschieben – jetzt, wo er gerade anfängt, Vertrauen zu entwickeln. Wenn er offenbar ein Problem damit hat, regelmäßig zur Schule zu kommen, ist es doch absurd, ihn deswegen GANZ raus zu schmeißen! Da sollten wir doch lieber nach den Ursachen forschen, WARUM er fehlt! 

Breiiges Schweigen im Raum. Herr Böhm atmet an. Doch dann passiert das Unerwartete. Jemand sagt:  

Das sehe ich ehrlich gesagt auch so. 

Ich drehe mich um, es ist Andrea Marquart, die Sportlehrerin, ich habe sie eigentlich noch nie etwas sagen gehört. 

Herr Böhm lacht laut und höhnisch:

Da haben sich ja zwei gefunden! Bei der einen toben sie in der Aula rum, bei der anderen in der Turnhalle. Geschätzte Kolleginnen, es geht hier darum, dass Justin ein Anrecht auf FACHUNTERRICHT hat. Nichts gegen eure Spaß-Faxen und Freizeitaktivitäten, ist ja auch mal ganz schön ab und dann, aber Justin braucht ganz eindeutig ein geordnetes Umfeld, eine klare Struktur, eindeutige Ansagen und Regeln. Vor allem würde ich doch aber anraten, dass wir solche Fälle professionell behandeln und Expertenmeinungen einholen, statt hier emotionale Bauchentscheidungen zum Besten zu geben. – Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass insbesondere bei der Kollegin Plath gerade so einiges aus dem Ruder läuft. Der Junge dreht ja nicht ganz zufällig gerade frei! 

Und jetzt verengen sich die Augen des Sheriffs und er holt zur lang erwarteten Attacke aus: 

Und das liegt nicht ganz unwesentlich an dem ganzen Quatsch, den die Kollegin Plath da in ihrem angeblichen Unterricht einführt: Veto Recht und andere fragwürdige Experimente. Ich wollte es ja eigentlich hier nicht zur Sprache bringen, aber die Kollegin hetzt derzeit ganz bewusst unsere Schüler gegen uns auf. Als hätten wir hier nicht schon genug Probleme! 

Ich denke:  Ach, auf einmal sind es jetzt „unsere Schüler“. 

Andrea Marquart starrt den Sheriff an, sagt aber nichts mehr, senkt den Kopf. Und mir pocht die Wut im Hals. Aber auch die Angst, leider. Denken die jetzt alle, ich würde tatsächlich die Schüler aufstacheln? Wie ist es möglich, dass er die Tatsachen so krass verdrehen kann und niemand widerspricht? Soll ich hier kurz mal schildern, wie er mit den Jugendlichen in seinem Unterricht umgeht? Oder mit mir? Was hindert mich daran? Ich habe dieses schreckliche Gefühl, dass niemand mir glauben würde. Und er scheint das zu wissen. Es darf doch nicht wahr sein, wie sicher er sich fühlt, wie hoch er pokert! Und gleichzeitig sehe ich in den Gesichtern der Kollegen um mich herum diesen Zweifel. Dieses: 

Hetzt sie WIRKLICH die Schüler gegen uns auf? Was für ein Veto Recht?  

Das Schlimme ist, dass ich nicht daran glaube, ausreichend Zeit oder Raum zu bekommen, um das Veto Recht so zu erklären, dass der Sinn dahinter verständlich wird. Was der Sheriff sagt, klingt viel einleuchtender, weil einfacher – und empörender. Es ist einfach die bessere Skandal-Nachricht. Er hat damit jetzt die volle Aufmerksamkeit der Runde. Was ich dagegen zu sagen habe, ist irgendwie komplizierter, es hat mit einer längeren Entwicklung zu tun, ich kann dafür noch keine kurzen, knackigen Worte finden, obwohl ich spüre, dass es richtig ist, was ich da angefangen habe. Aber „spüren“ ist leider ein nicht ganz so überzeugendes Argument und nach außen sieht es nun einmal – ja – leider – irgendwie nach Aufstacheln aus. 

Ich habe die vergangenen Wochen sowohl mit meinen Klassen als auch mit der Theater AG in einer aufreibenden emotionalen Dauerauseinandersetzung verbracht, darüber, was das Veto bedeutet und wie es konstruktiv werden kann, statt alle Anwesenden auf die Palme zu bringen. Und dieser Weg führte zunächst einmal über ihre persönlichen Geschichten und Gedanken – und dann immer weiter zu dem ganz tiefen Frust, den diese Kinder in sich angesammelt hatten. Endlich erfuhr ich, warum sie die ganze Schule „verrostet“ fanden, sie kotzten sich regelrecht aus:

Am meisten macht Spaß, bei ALLEM Veto zu machen, isch ficke diese Schule, wallah! Isch ficke diese Lehrer! Isch ficke diese deutschen Kartoffeln! Alter, isch ficke ALLES! 

Mir wurde klar, dass die Veto Karte in etwa so wirkte wie das Öffnen der Büchse der Pandora. Die ganze aufgestaute Scheiße kam jetzt raus. Ein einziges riesen-großes Veto. Es war so, als hätte ich ein Monster aufgeweckt, das seit Jahren im Keller vor sich hinvegetiert hatte, und sich jetzt plötzlich mit aller Wucht erhob. Weil so viel Frust da war, und ich das alles gar nicht in Gesprächen auffangen konnte, spielten wir stundenlang „Open Mike“ mit „All in “, was hieß, dass sie erzählen, schimpfen und auch fluchen durften, so lange sie niemanden im Raum direkt meinten. Das passierte aber auch ohnehin nicht, denn ihre Wut richtete sich nicht gegeneinander, sondern hauptsächlich gegen die Schule, gegen das Job-Center und gegen alle, die sie verlassen, aufgegeben, gedemütigt oder herabgesetzt hatten. Nach den Open Mike Phasen durften sie Wut-Texte und Wutbriefe schreiben, die ich ihnen dann zu Hause ohne Fehler abtippte und ihnen als schöne, ordentliche Texte zurückgab. Ganz allmählich konnten wir dann auf dieser Grundlage Gespräche führen, die etwas länger dauerten, als drei Sätze und die dazu führten, dass die Jugendlichen genauer zuhörten, was ich mit dem Veto-Recht meinte und wie sie es in meinen Unterrichtsstunden konstruktiv anwenden konnten. Sie nutzten es zunehmend als Schutzschild, wenn sie irgendetwas nicht machen, sagen oder präsentieren wollten und wir redeten viel über eigene Grenzen und wo diese von anderen überschritten worden waren und warum das schmerzhaft gewesen war. Manche ihrer Texte waren nur kurz, bestanden teilweise nur aus ein oder zwei Sätzen, hatten es aber in sich und auf der Bühne wurden daraus mit Hilfe des Fernbedienungs-Spiels ganze Geschichten, die immer weniger wirkten, wie alberne Sketche, eher wie bildhafte, theatrale Bruchstücke von Wut und Enttäuschung. 

Und nach einer dieser Stunden steht Justin irgendwann neben mir und murmelt: 

Ich will nicht mehr, dass Herr Böhm „Du fette Sau“ zu mir sagt. Ich mach da jetzt Veto

Und ja. Es stimmt. Ich habe ihn darin bestärkt. Nicht konkret gegen Herrn Böhm, aber insgesamt darin, sich gegen Herabsetzungen und Beleidigungen dieser Art zu wehren. Eine Grenze zu ziehen. Zu sagen: So redet keiner mit mir. Hier ist Schluss. Die Grenze ist überschritten. 

Was genau nun Justin Herrn Böhm gegenüber gesagt oder getan hat, weiß ich nicht, aber offenbar ist die Entwicklung der letzten Wochen nicht spurlos am Sheriff vorbeigegangen. Wahrscheinlich ist die Situation zwischen Justin und Herrn Böhm eskaliert. Kann ich mir gut vorstellen, so klar und irgendwie stark wie Justin jetzt immer wirkt. Mir wird plötzlich ganz schlecht, weil ich ahne, warum wir hier überhaupt sitzen. Es geht gar nicht um Justin. Es geht um einen Machtkampf. Und ich kriege Angst, wenn ich nur dran denke. Ich hätte eigentlich längst was sagen müssen. Aber es scheint in dieser beklemmenden Atmosphäre irgendwie ganz und gar unmöglich das Offensichtliche auszusprechen. 

Ich mache trotzdem noch einen Versuch. Sämtliches Blut scheint mir dabei in den Kopf zu schießen und ich kriege kaum Luft. 

Justin wehrt sich im Moment nur gegen diese ständigen Herabsetzungen. Ich halte das für sehr gesund. 

Ich bin vor lauter Stress so kurzatmig, dass ich Luft holen muss. Dann schiebe ich noch hinterher: 

Und es stimmt nicht, dass ich die Schüler aufhetze. Ich ermutige sie nur, für ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse einzustehen. 

Mehr schaffe ich nicht. Mein Kopf fühlt sich an wie Brei. Ich nehme nur noch verschwommen wahr, dass Herr Böhm sich aufrichtet, die Adern an seinem Hals und auf der Stirn hervortreten und er anfängt zu brüllen. MICH anzubrüllen. 

Ich glaube echt, es hackt! Haste jetzt die Weisheit mit Löffeln gefressen oder was? Wie kann man nur so dermaßen arrogant sein bei gleichzeitiger vollkommener Verblödung! Willst du uns jetzt erklären, wie wir unseren Job zu machen haben?? Na, vielen Dank auch! Die Kollegen hier reißen sich tagtäglich den Arsch auf, damit aus diesem Gesocks hier noch IRGENDWAS Produktives raus kommt und was machst du? Spielst hier die Heilige! Die ARMEN Kinder! Mein Gott- bist du naiv, das ist ja gar nicht auszuhalten! Deren GRENZEN UND BEDÜRFNISSE!! Ich lach mich tot! Haste mal eine Sekunde über die Grenzen und Bedürfnisse der Kollegen hier nachgedacht?? Nee- Solidarität ist bei dieser Kollegin hier ganz klein geschrieben, ach Quatsch, was red ich: Gar nicht vorhanden! Schleimt sich auf miese Art und Weise bei den Schülern ein: Bei mir dürft ihr alles, aber die BÖSEN anderen Lehrer- die verstehen euch nicht, die machen alles falsch, ach dann wehrt euch doch mal gegen die und macht denen das Leben schwer! Ich könnte kotzen! Ich werd mich beschweren, Kollegin, das lass ich mir hier nicht mehr bieten! Macht euren SCHEISS doch alleine!!! 

Und mit lautem Poltern verlässt der Sheriff die „Bühne“, WUMMS, die Lehrerzimmer-Tür fällt hinter ihm zu, die vielen Zettel mit den Namenslisten der Jugendlichen für die nächsten Klassenkonferenzen zittern noch eine Weile. 

Ich sacke innerlich zusammen. Eine Kollegin sagt in leicht bissigem Ton: 

Ich wunder‘ mich auch immer, woher diese jungen, völlig unerfahrenen Kolleginnen ihr Bomben-Selbstbewusstsein her nehmen. Unterrichten zwei, drei Wochen und wissen dann gleich alles besser… aber das nützt ja nun alles nix, ich nehme mal an, diese Besprechung hier ist zu Ende. Ich schau mal, wo der Werner hingegangen ist. 

Klar. Der arme verletzte Werner-Sheriff muss jetzt schnellstens umsorgt werden nach diesem traumatischen Ereignis: Ihm wurde widersprochen. Ich packe meine Sachen und gehe zur Damentoilette. Nachdem ich mir ein paar Ladungen kaltes Wasser ins Gesicht geklatscht und damit das Aufkommen von Tränen einigermaßen in den Griff bekommen habe, öffnet sich die Tür und drei Kolleginnen betreten das Damenklo. Kaum haben sie mich vor dem Waschbecken ausgemacht, brechen sie in aufgeregte Sympathiebekundungen aus: 

Ach Mensch, Maike! Ich fand das ganz toll, was du gesagt hast- ich bin absolut auf deiner Seite, du hast sowas von recht!

Ich tupfe mein nasses Gesicht mit Toilettenpapier ab (Handtücher gibts nicht) und weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Denn was ich sagen, nein, eigentlich schreien WILL, ist: Ja und warum habt ihr nix gesagt?? 

Wobei. Andrea hat was gesagt. Ist allerdings jetzt nicht hier auf dem Damenklo. Ich beschließe, sie suchen zu gehen. Ich murmle sowas wie   Danke, danke…das freut mich…   und mache mich schnell auf und davon. 

Wenn ich Michelle Pfeiffer in „Gangstas Paradise“ gewesen wäre, dann hätten sich jetzt mehr und mehr Leute getraut, dem Sheriff zu widersprechen, Justin hätte Unterstützung erhalten, der Sheriff hätte beleidigt das Feld geräumt – oder wäre – von Justin’s Theater-Erfolg zutiefst berührt – ein neuer Mensch geworden. Das Schuljahr hätte geendet mit der gefeierten Aufführung der Theater AG, einem glücklichen Justin, einer strahlenden Mutter, die den Entzug geschafft hat und mit einer großen allgemeinen Versöhnung im Lehrerzimmer. Aber es war kein Film. Und Herr Böhm verließ nicht das Feld und wurde auch nicht geläutert. Ganz im Gegenteil trommelte er zur Schlacht. Er drohte mir, mich „fertig zu machen“, sollte ich mich weiterhin in SEINER Klasse einmischen. Justin nahm er in die Mangel und setzte ihn unter Druck. Was genau sich abspielte, weiß ich nicht, aber in der folgenden Konferenz gab Justin mit gesenktem Kopf zu Protokoll, Herr Böhm nenne ihn zwar immer „fette Sau“, aber das sei nur Spaß und eigentlich seien sie ja „gute Kumpels“, Herr Böhm sei eben ein strenger, aber eben auch ein guter Lehrer, der „die Lage im Griff hätte“. Andrea und ich gaben unsere Beobachtungen und unsere Sichtweise trotzdem zu Protokoll. Die Reaktion darauf war allgemeines, unangenehmes Schweigen, bei dem ich mich die ganze Zeit fühlte wie eine Verräterin. Aber: Taher, Mahmout, Chris und Selina bestätigten zu meiner großen Überraschung meine und Andrea‘s Aussagen und schrieben – ganz und gar freiwillig und ohne dazu aufgefordert worden zu sein – den längsten Text, den sie wohl je in der Schule freiwillig geschrieben hatten, nämlich eine Wörter- Liste mit folgender Überschrift: „Liste der Beleidigungen, wie Herr Böhm uns immer nennt – von der 8b“. Die Reaktion darauf im Kollegium war:  Ach. Die Jugendlichen erzählen halt viel, wenn der Tag lang ist. 

Außer, dass Herr Böhm einen weiteren Tobsuchtsanfall bekam und mir androhte, mich wegen Verleumdung anzuzeigen, bewirkte das Ganze leider so gut wie nichts, außer, dass Justin die Klasse wechselte, weil er es mit Herrn Böhm nicht mehr aushielt. Und der Sheriff selbst schwieg grimmig zu allen Vorwürfen, wurde aber auch nachhaltig von Frau Rische und dem Hühnerstall verteidigt und getröstet – und machte Andrea und mir fortan das Leben zur Hölle. Was man halt alles so machen kann, wenn Mann heimliche Schulleitung ist. Im Kollegium änderte sich NICHTS, zumindest dachte ich das damals. Aber offenbar änderte sich sehr wohl etwas, nur fand das eher im Verborgenen statt. In den Köpfen einzelner, die aber noch nicht laut werden wollten oder konnten. 

Ich selbst leckte zu Hause meine Wunden, stellte fest, dass die Welt nicht gerecht ist – mit 33 Jahren wurde das ja auch allmählich mal Zeit – und hielt mich an meine neuen Freundinnen: Andrea und Mausi. Wir saßen abends im Café Casablanca und versuchten zusammen zu begreifen, warum ein Phänomen wie der Sheriff so unangreifbar war und was das eigentlich über uns alle aussagte.  

Sag mal, Mausi: Hast du denn damals mal was gesagt, wenn sich der Sheriff wie ein Arschloch verhalten hat?   fragte ich, und hoffte auf eine Gebrauchsanweisung. Aber zu meiner Enttäuschung bekam ich nur ähnliche Variationen davon zu hören, wie es auch jetzt gelaufen war. So ein bisschen Aufruhr, mutiger Schlagabtausch, aber leider kein überzeugendes Ergebnis. Zu wenige trauten sich, ebenfalls aus der Deckung zu kommen. 

Mausi schaut traurig in ihr Weinglas:  Wir sind halt alle zum Stillhalten erzogen worden. Das hat System. Du siehst ja auch jetzt: Die Kinder werden ja nicht dazu erzogen, freie Menschen zu sein, sondern sich an alle Gegebenheiten anzupassen, egal wie unmöglich die eigentlich sind. Und wer da aus der Reihe tanzt, bekommt die volle Ladung sozialen Druck zu spüren. 

Mein erstes Schuljahr in Neukölln ging also nicht mit einem Happy End zu Ende, wohl aber mit einer fulminanten Theateraufführung, bei der 14 Jugendliche mit voller Power auf der Bühne standen und ihre Geschichten erzählten. Und auch, wenn Herr Böhm natürlich nicht kam und nur ein paar versprengte Eltern und befreundete Jugendliche im Publikum saßen, entgingen mir nicht die Tränen, die einige Zuschauer*innen in den Augen hatten, und ich dachte: Wir sind auf dem richtigen Weg. Und als Justin in einer Szene mit weit ausgebreiteten Armen auf der Bühne steht und sagt: Was ich in diesem Jahr gelernt habe? Ich habe gelernt, Veto zu sagen, muss ich mich abwenden, weil mir selbst die Tränen kommen. Also. Alles in allem ein gar nicht ganz so schlechter Anfang.