Kapitel 15: Never walk alone

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Wer dieses Kapitel lieber hören möchte, findet es auf dieser Seite bei „Maikes Podcast“ oder unter dem Titel „Türwächter*innen der Freiheit“ bei Spotify!

15 Never walk alone

Irgendwann in ein paar Jahren in Berlin vielleicht…:

Ein kleines Kieztheater in der Karl-Marx-Straße mitten in Neukölln. Ein Innenhof, ein paar Holz-Tische vor einem hübschen kleinen Theater-Cafe. Auf den Tischen stehen kleine Vasen mit Blumen. Es ist noch Winter, aber heute scheint die Sonne und die Vögel zwitschern und alles ist ein bisschen wie Frühling. Es weht ein leichter Wind.  Von drinnen leise Musik. A perfect day. Lou Reed. Ich muss nie mehr ins Lehrerzimmer. Ich bin in einem anderen Leben. 

Habt ihr euch schon beim neuen Technischen Leiter vorgestellt? 

Ahmad, der vor mir sitzt und raucht, schaut mich fragend an. Neuer TL? 

Birte, die wie immer auf dem Sprung zu irgendwas ist, entweder Angelegenheiten im Haus, Probe oder Büro, rattert eine Erklärung runter:

Kalle ist unser neuer TL, seit zwei Wochen jetzt am Haus. Macht n guten Eindruck, der arbeitet sich jetzt gerade ein, Klaus war natürlich auch voll ok, aber Kalle ist halt deutlich jünger und hat die Ruhe weg… mal sehen, wie lange noch…  (sie lacht kurz: klar, wie lange kann man als Technischer Leiter am Theater ruhig bleiben?)  – ja, und heute ist ja nicht viel los, da könnt ihr ja mal runtergehen und bisschen mit dem quatschen, Jugendclub vorstellen und was jede Woche so anliegt für eure Proben – was ihr braucht, wie alles so läuft und so… Ich muss los, Tschüssi, bis später…  Birte ist Leiterin des Kieztheaters und immer zwischen mindestens drei Baustellen unterwegs. Auch jetzt spricht sie die letzten Sätze im bereits Weiterlaufen und – weg ist sie. Ahmad steckt sich eine weitere Zigarette zwischen die Lippen, schaut mich kurz an: 

Oder ist dir kalt, wollen wir reingehen?  Ich schüttel den Kopf,  nee, geht noch auf eine Zigarettenlänge, aber dann lass mal rein und die Probe heute besprechen, hast du schon was im Kopf?

Ahmad nickt.  Ja, klar, ich wollte mit Warm-Up Mischpult anfangen und dann die Szene von Basak von letzter Woche weitermachen, am besten arbeiten die Mädchen und die Jungs da heute mal getrennt, und danach führen wir das zusammen. Und heute müssen wir das fertig kriegen, ich hol dich rein zur Präsentation, Maike, und vielleicht kannst du noch mal ne Viertelstunde Dramaturgie-Input geben am Schluss?

Ich nicke: Hört sich nach nem guten Plan an… willst du, dass ich bei der Gruppenarbeit unterstütze? Also, wenn die getrennt arbeiten? – 

Ja, das wäre gut, glaub ich – ihr könnt ja erstmal ins Foyer gehen, und die Jungs proben auf der Bühne und danach wechseln wir dann. 

Alles klar, Ahmad, und lass mal drinnen gleich noch mal kurz schauen, was die geschrieben haben und wie wir das bauen können heute… Haben die dir Texte auf whatsapp geschickt?

Ja, ich habe fünf Texte gekriegt. Schick ich dir gleich mal rüber.  Er nimmt sein Smartphone vom Tisch. Ahmad ist der kleine Bruder von Taher. Er sieht ihm so ähnlich, dass ich von weitem immer noch manchmal denke, es IST Taher. Ahmad kam im Sommer 2009 in die Aula geschlendert, 13 Jahre alt,  kann ich bei der Theater AG noch mitmachen? – Ja, klar.  Seitdem sehen wir uns mindestens einmal die Woche, meistens öfter, und das ist nicht ganz selbstverständlich, denn seit 2013 sind wir beide nicht mehr in der Schule. Er ist kein Schüler mehr und ich keine Lehrerin. Ahmad leitet jetzt selbst eine Theatergruppe – am einzigen kleinen Theater in Neukölln – und ich unterstütze ihn dabei. Er ist Projektleiter in unserem eigenen Verein, den ich mit zwei anderen Kolleginnen leite (schönen starken Power-Frauen übrigens), wenn ich nicht gerade rumreise und Veranstaltungen gebe oder schreibe. Ahmad leitet nicht nur dieses Projekt am Theater, sondern coacht auch Lehrkräfte in Berlin zum Thema Führungskompetenz – und: Er ist inzwischen ein bekannter Filmschauspieler. Gerade dreht er mal wieder eine Tatort Folge, diesmal Tatort Ludwigshafen mit Lena Odenthal. Die Rolle in der Neuköllner Kultserie „4 Blocks“ hat er abgelehnt, weil er nicht immer nur Kanackenrollen spielen will. Ahmad hat auch bei Frank Castorf und Rene Pollesch an der Volksbühne gespielt, liebt das Theater, nicht nur den Film, wirft sich immer wieder rein in die hitzigen Debatten – und weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn die anderen alle weiß sind und in ihm den Neuköllner Kanacken sehen. Im Moment geht’s darum, ob sein neuer Film bei der Berlinale läuft. Es ist Ende Januar und die Entscheidung fällt in den nächsten Tagen. 

Ahmad drückt seine Zigarette aus,  Lass ma reingehen.  Er hält mir die Tür auf.  Und nachher lass ma noch n bisschen privat quatschen, nach der Probe, – ist wieder viel passiert, wallah…Ich brauch ma deinen Rat…

Wir laufen nebeneinander durchs Foyer, dann rein ins Cafe Casablanca, wir setzen uns an „unseren“ Tisch. Ahmat seufzt, strahlt mich dann ganz plötzlich an und sagt:  Weißt du, was geil ist, Maike? Ich bin jetzt Chef. Chef über mein eigenes Leben. Ich musste nicht Maler und Lackierer werden, wie die Lehrer immer zu mir gesagt haben. Und ich musste auch nicht Gangster-Rapper werden, um erfolgreich zu sein. LÄUFT bei mir!   Wir lachen. Ahmad fragt     Kaffee und Cola Zero wie immer, oder?  Ich nicke und er wendet sich rum, um zu bestellen. Raid steht hinterm Tresen, lächelt und winkt uns zu.  Einmal wie immer?, ruft er und Ahmad ruft zurück: Hey Raid, wie geht’s? Alles gut? Und: Ja genau: Wie immer!  

Sag mal, SCHLÄFST du?  Ich zucke zusammen. Eine Kollegin von der Keplerschule hat sich neben mich auf die Bank gesetzt und grinst mich an. Ich bin kurz verwirrt, die Probe ist zu Ende, der Tänzer verabschiedet gerade die Gruppe, Selina und Fatima rennen auf mich zu, um ihren Schmuck und ihre Handies bei mir abzuholen,  war cool heute!  ruft Selina. Ich starre die Kollegin neben mir an, immer noch etwas neben der Spur, lache dann und sage:   Nee, nee, alles gut. Ich hab nur ein bisschen rum geträumt, wie alles sein KÖNNTE…  Die Kollegin lacht jetzt ebenfalls, sie legt ihre große Kamera neben sich auf der Bank ab, streckt mir die Hand entgegen und sagt:  Ich dachte, ich stell mich mal vor. Ich bin Mausi. Und ja – träumen, wie alles sein könnte. Das mach ich auch manchmal.  Ich frage mich, wie jemand ernsthaft Mausi heißen kann, aber so sympathisch, wie ich sie auf den ersten Blick finde, ist es mir dann eigentlich auch egal. Ich drücke ihre Hand,  ich bin Maike.  Es klingelt. Die Kollegin, die Mausi heißt, fragt:  Kommst du mit, n Kaffee trinken?  Ich nicke. Sie nimmt ihre Kamera und wir machen uns auf den Weg nach draußen.  Kennst du das Cafe Casablanca in der Karl-Marx-Straße?  fragt sie. Und ich denke: Da wollte ich immer schon mal hin. 

Es ist Mittag und das Cafe Casablanca ist ziemlich voll. Die Kellnerin ist offensichtlich muffelig, es ist schwierig ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Vielleicht ist das aber auch die Berliner Gastro-Masche: Gäste erstmal verschrecken. (Und schauen, ob sie sich würdig erweisen). Irgendwann haben Mausi und ich Getränke und Essen bestellt und es wird ziemlich schnell gemütlich. 

Herr Böhm? Ja, DEN kenn ich, sagt Mausi. Das is n Arschloch.  

Ich finde es seltsam beruhigend, dass jemand das so klar ausspricht. Wenn ich mir erlaube, Herrn Böhm als Arschloch zu betrachten, macht alles irgendwie Sinn. Ich nehme etwas erstaunt zur Kenntnis, dass mir dieser „Trick“ ansonsten nicht zur Verfügung steht. Ich KANN vor mir selbst niemanden als „Arschloch“ bezeichnen, weil ich grundsätzlich erstmal denke, dass das Problem bei mir selber liegt. Dass ICH irgendetwas hätte besser, geschickter, klüger anstellen sollen. Außerdem weiß ich einfach nicht, „ab wann“ jemand ein „Arschloch“ ist und bin eigentlich immer bemüht, die Dinge differenzierter zu betrachten. Gibt es gut und böse? Ich weiß es nicht. Ich denke: Eher nicht. Und merkwürdigerweise erinnere ich mich jetzt aus heiterem Himmel an eine Geschichte aus meiner Kindheit. Sie ploppt ganz plötzlich auf: Ich bin 5 oder 6 Jahre alt, auf jeden Fall noch nicht in der Schule, denn alles, was mit Schule zu tun hat, finde ich wahnsinnig spannend. Aber ich bin noch zu klein und muss warten. Daher ist es das Tollste, wenn ich mit meinem Vater oder meiner Mutter in die Schule fahren darf, wo sie unterrichten. Ich stehe dann ehrfürchtig und aufgeregt im Lehrerzimmer und darf Milchpulver naschen, dass die Erwachsenen sich in ihren Kaffee schütten. Löffelweise schiebe ich mir das weiße Pulver in den Mund, das auf der Zunge sofort klebrig wird und am Gaumen pappt und dann süß wird und – wie ich finde – wahnsinnig gut schmeckt. Ich beobachte die Erwachsenen, die mit Zetteln und Heftern herumlaufen und wichtige Dinge zu tun scheinen und die alle sehr nett zu mir sind und solche Sachen sagen, wie: Na, kommst du uns heute mal besuchen? Bist du denn auch schon in der Schule? Und leider muss ich dann mit meinem breiigen leckeren Milchpulver im Mund sagen:  Nee, leider noch nicht, aber bald! 

An einem Nachmittag im Winter darf ich nach dem Besuch im Lehrerzimmer mit meinem Vater die vielen Treppen hoch steigen zu seinem Musikraum. Das ist der schönste Raum, den ich je gesehen habe. Es hängen viele bunte Bilder an den Wänden und alles ist voller Musikinstrumente und Bücher und vorne steht ein Barhocker, denn mein Vater sitzt gerne auf Barhöckern, auch, wenn er unterrichtet. Er sagt:  Hast du Lust, ein bisschen alleine in meinem Musikraum zu bleiben, ich hab noch eine Konferenz, danach hol ich dich wieder ab.  Und klar gibt es überhaupt nichts Schöneres, als alleine im Musikraum zu bleiben und mir alles genau anzugucken, ich bin völlig aus dem Häuschen vor Glück. Mein Vater geht und schließt die Tür mit seinem großen Schlüsselbund ab, und das finde ich gut, denn jetzt fühle ich mich sicher und geborgen in diesem kleinen Paradies. Niemand Fremdes wird mich stören, bis mein Papa wiederkommt. Ich gehe andächtig den ganzen Raum ab, schaue mir die Bilder ganz genau an, dann die Cover von den vielen Platten, die im untersten Regal stehen, dann nehme ich vorsichtig ein Buch nach dem anderen aus dem Schrank und blättere sie nach Bildern durch, ich probiere ein paar Instrumente aus und setze mich ans Klavier, probiere mit dem Zeigefinger ein paar Tasten, kurz: Ich bin im Glück. Ich habe keine Uhr, aber irgendwann denke ich: Jetzt ist es aber schon sehr lange her, dass Papa weggegangen ist. Ich setze mich auf ein Kissen neben einen riesengroßen Kontrabass und schaue das Buch „Peter und der Wolf“ an. Aber meine Gedanken sind jetzt ein wenig durchlöchert von der Sorge, warum Papa nicht wiederkommt. Und tatsächlich wird es allmählich dunkel. Und dann merke ich auch noch, dass ich pinkeln muss. Mist. Nun ist es mit der inneren Ruhe vorbei. Ich kann mich nicht mehr auf Peter und der Wolf konzentrieren, außerdem ist die Stille um mich herum plötzlich unheimlich. Und: Ich weiß nicht, wie lange ich noch ohne Toilette aushalten kann. Ja. Mensch kann sich vorstellen, wie diese Geschichte weitergeht. Sie endet mit einer kleinen Pfütze in der Mitte des Raumes und einem Kind, das schamgefroren direkt danebensteht – im Dunkeln – wohlbemerkt. Denn nachdem das Malheur passiert war, hatte ich nur noch diesen einen beherrschenden Gedanken, das Licht im Raum auszuknipsen, damit mein Papa, wenn er denn wiederkam, nicht sehen würde, was ich angerichtet hatte. Was natürlich völlig sinnlos war, denn das Erste, was er machte, als er endlich irgendwann den Raum betrat, war natürlich: Das Licht anzuschalten. Was er sofort sah war diese Pfütze und ein heulendes Kind daneben. Und mein Vater konnte es nicht ab, wenn jemand heulte. Dann versteinerte er. So auch jetzt. Was dazu führte, dass sich meine Scham ins Unermessliche steigerte. Er packte mich wortlos an der Hand, ließ alles, wie es war, schloss den Musikraum hinter uns ab und fuhr schweigend und mit grimmigem Gesicht mit mir nach Hause. Dort hörte ich meine Mutter später schimpfen, was für ein Egoist er sei, dass er seine eigene Tochter einfach in der Schule vergaß. Auf diesem Wege begriff ich, dass er nach der Konferenz nach Hause gefahren war, Zeitung gelesen und zwei Geigenstunden gegeben hatte. Erst beim Abendessen war aufgefallen, dass ich fehlte. Die Episode hätte schnell vergessen sein können, aber nach diesem Malheur redete mein Vater drei Wochen nicht mit mir. Ich setzte mich an den Frühstückstisch – und war Luft. Ich setzte mich an den Mittagstisch – und war Luft. Ich fragte vorsichtig: Papa? Und war Luft. Mir war klar: Nach dieser peinlichen Sache war ich für ihn gestorben. Es war wie ein kleiner Tod. Jetzt könnte mensch argumentieren, dass mein Vater ein Arschloch ist. Aber. Es war eben komplizierter. Ich selbst dachte damals, dass ja jeder mal was vergisst. Ich ja auch. Und dass er immer versteinerte, wenn jemand weinte, erklärte ich mir – insbesondere später als Erwachsene – damit, dass er ein Kriegskind war. 1940 geboren. Er hatte als kleiner 5-jähriger Junge die Flucht erlebt. Was das bedeutete, las ich viele Jahre später in den entsprechenden Büchern zum Thema Kriegstraumata. Ich hatte also grundsätzlich eine innere Sperre, jemanden zu beurteilen. Und jemanden als Arschloch zu betiteln ging für mich schon mal gar nicht. Umso überraschenderweise war das nun, wie sehr ich mich freute, dass diese Frau, die Mausi hieß, es trotzdem tat. 

Ich sitze also so vor ihr und nehme erstaunt zur Kenntnis, was für eine unmittelbar spürbare Heilkraft der Gedanke hat, dass der Sheriff ein Arschloch ist. Ich möchte dieser Frau, die Mausi heißt, gerade sehr gerne weiter zuhören. 

Und woher kennst du den?   frage ich und hoffe auf weitere tröstende Informationen. Die werden auch umgehend geliefert.   Den kenne ich noch aus Kommune-Zeiten in den 70-ern. Damals war ich auch noch gar nicht Lehrerin. Da war ich Fotografin und konnte mir auch gar nicht vorstellen, in die Schule zu gehen. Da ging es insgesamt darum, die Gesellschaft radikal zu verändern. Der Versuch mit der Kommune und der freien Liebe hat aber nicht so gut geklappt. Das haben die Männer da einfach als Ausrede benutzt, um sich wie Arschlöcher zu benehmen. Ich bin dann irgendwann da abgehauen. Und mit dem Fotografieren hab ich zu wenig Geld verdient. Deswegen bin ich dann Lehrerin geworden. Weil: Damals gings darum, dass wir Berufe ergreifen, in denen wir die Gesellschaft radikal verändern können. –

Und da bist du LEHRERIN geworden?  frage ich ungläubig.   Ja klar!  sagt Mausi,   Stichwort Bildung! Das ist doch fast die wichtigste Baustelle, wenn man Gesellschaft verändern will!   

Das erstaunt mich jetzt, ich erinnere mich aber an den Satz von Herrn Böhm mit dem proletarischen Kind… Scheinbar hatten die eine andere und deutlich politischere Perspektive. Ich jedenfalls war nicht Lehrerin geworden, um die Gesellschaft zu verändern. Über den Gedanken musste ich fast lachen. Was konnte ich als Lehrerin schon VERÄNDERN? Aber klar – das waren halt die 68-er. Und tatsächlich hatten die ja gesellschaftlich EINIGES in Bewegung gebracht. Mausi macht jetzt allerdings gleich noch einen neuen Gedanken auf.

Deswegen war das ja auch nach der Wende so ne Katastrophe in den Berliner Lehrer-Kollegien, redet sie gutgelaunt weiter, die ganzen Linken wurden da ja gnadenlos zusammen geschmissen und das kannst du mir mal glauben, dass die Linken im Osten und im Westen nicht die gleichen Vorstellungen hatten – meine Güte, das ging da richtig ans Eingemachte! Die haben sich bis aufs Blut bekämpft, das war nicht lustig. Und da hat auch dein Herr Böhm ordentlich mit ausgeteilt, der war einer der Schlimmsten. Alter K-Gruppen-Kader. Kein Spaß. Humor hatten die sowieso alle nicht.  Sie macht eine kleine Pause.  Also ich – ich war eher so der Hippie.  Sie scheint kurz in Gedanken versunken und ich denke: Also waren die Hippies offenbar die Weiseren… 

Was war denn der Unterschied zwischen den Linken im Osten und im Westen? frage ich und komme mir vor wie ein Kind, dass Geschichten von der Oma aus dem Krieg hören will. Aber egal. Ich weiß es ja wirklich nicht. Und mache eine Notiz an mich selbst:  Häufiger mit anderen Menschen treffen! Nicht immer nur innerhalb deines Lehrerzimmers versauern!   

 Mausi rollt kurz mit den Augen.   Naja. Die Leute, die im Osten Lehrerinnen und Lehrer waren, das waren die Systemkonformen. Andere haben die ja gar nicht in die Schulen gelassen. Und das musst du dir mal vorstellen: Da sind dann nach der Wende so Menschen aufeinander getroffen, die ganz unterschiedliche Haltungen und innere Prägungen hatten: Die linken Lehrer und Lehrerinnen in West-Berlin, das waren so Leute mit rebellischer Haltung. Die waren auf Krawall gebürstet. Schon alleine wegen ihrer Nazi-Eltern. Und die Lehrer aus dem Osten, das waren halt die, die eher vorsichtig waren, eher angepasst. Das waren eher so die, die beim Klassenstreich nicht mit machen und die anderen verpetzen. Also nicht alle, natürlich. Aber tendenziell fanden wir die Ost-Kollegen viel zu autoritär geprägt und viel zu gehorsam… Für uns war deren Haltung enttäuschend konservativ! So Dienst nach Vorschrift machen und so ne Scheiße. Das war ja eigentlich voll unpolitisch! 

Ich bin jetzt etwas verwirrt und frage nach:   Naja, aber die Haltungen – also inhaltlich – müssen doch irgendwie ähnlich gewesen sein. Das war doch gelebter Sozialismus bei denen, oder nicht?  

Und Mausi:   Das würde ich so nicht unterschreiben. Eher von oben verordneter Sozialismus, der dann aber nicht persönlich verinnerlicht war! Diese Ost-Kollegen und Kolleginnen   (mir fällt auf, dass Mausi immer ganz ordentlich die männliche UND die weibliche Form benutzt, was ich in meinem Umfeld an der Schule und im Freundeskreis so nicht kenne, es ist 2005…),    also diese Ost-Kollegen und Kolleginnen, die waren so drauf, dass sie sozialistische Haltungen vertraten, weil es ihnen von oben verordnet worden war und die so ne Art Strebertypen waren. Da war jetzt gar nicht so die persönliche Haltung drunter, ganz im Gegenteil, die waren eher obrigkeitshörig. Und wir aus dem Westen wollten ja nun gerade dieses Obrigkeitsdenken abschaffen.   

Jetzt kriege ich innerlich aber doch einen kleinen Widerspruchsanfall:  

Also, der autoritärste Typ, den ich je kennen gelernt habe, ist ja nun gerade Herr Böhm! Also das kann ja nicht stimmen, was du sagst!   (wieder mache ich erstaunt eine Notiz an mich selbst: Mit Mausi rede ich nach zehn Minuten bereits so, als würden wir uns seit Jahren kennen…). 

Mausi pustet nur verächtlich Luft aus:   Ich sag ja gar nicht, dass die West-Leute mit dem rebellischen Impuls nicht auch ne autoritäre Haltung internalisiert hatten! Das merk ich ja bei mir selber! Ein ganzes Leben hab ich mit dieser Nazi-Scheiße meiner Eltern zu tun. Und wir haben Kinderläden gegründet und volles Programm antiautoritär versucht! Trotzdem ist die Scheiß-Prägung natürlich drin! Ich sag ja nur: Angepasstes Kind und rebellisches Kind! Ossis und Wessis gleichermaßen Kindergarten. Leider kein Erwachsenen-Ich. Die Ossis in den Lehrerzimmern waren im angepassten-Kind-Modus, die Wessis im rebellischen-Kind-Modus, aber leider eben ALLE im KIND-Modus. Deswegen wurde das ja auch alles nicht konstruktiv. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass diese Kollegien ein einziger großer, zänkischer Kindergarten waren.   

Ich denke an die Konferenzen, die mir vorkommen wie eine Häschen-Schule und an das kindische Verhalten der Kollegen und frage mich, ob es diese unterschiedlichen Fraktionen wohl immer noch gibt – und diese latente gegenseitige Verachtung – und ob die Zombie-Atmosphäre vielleicht tatsächlich zumindest teilweise auch daher rührt… Mausi hat angefangen, ihre Suppe zu essen und ich denke noch ein bisschen über die Historie dieser seltsamen Stadt nach. Berlin ist nicht Bullerbü. Das wird mir auf jeden Fall gerade noch mal ganz besonders klar. Und auch, dass ich sehr naiv in dieses Kollegium hineingeplumpst bin. Kein Wunder, dass die so gereizt auf mich reagieren. Mmmmh. 

Und sag mal, warum heißt du denn eigentlich Mausi?, frage ich, um jetzt mal wieder auf eine persönlichere Ebene zu wechseln. 

Ach, das ist so ne Art Verarsche aus Kommunezeiten…  lacht Mausi.   Die Männer haben mich da auf ihre Scheiß-Macho-Art immer Mausi genannt, weil das mein Spitzname aus Kindertagen war – und ich hab das dann ironisch umgedreht und zu meinem Kampfnamen gemacht. Flucht nach vorne, sozusagen. 

Ich merke es ganz deutlich: Ich fange an, Mausi sehr zu mögen. Warum habe ICH eigentlich keinen Kampfnamen, frage ich mich? 

Ja und das mit den Kinder-Rollen kann ich nachvollziehen,  greife ich den Faden noch mal auf,   aber das mit den unterschiedlichen linken Haltungen, das kapier ich immer noch nicht so ganz… 

Aber Mausi schüttelt den Kopf:   Das führt jetzt zu weit, DAS Fass machen wir dann das nächste Mal auf. Ich will jetzt viel lieber wissen, was DICH eigentlich so antreibt… Ich beobachte dich ja so n bisschen bei den Proben und denk immer: Die Frau ist ja spannend, die ist ja auch auf Krawall gebürstet… 

Was?,   ich muss lachen,   was meinst du denn? Also ich hab jetzt schon festgestellt: So große politische Ambitionen hab ich GAR NICHT! 

Mausi lehnt sich vor:   Aha? Was willst du denn mit den Jugendlichen erreichen? 

Ich seufze kurz und zucke mit den Schultern:   Also ehrlich gesagt will ich nur überleben. Und ich will, dass die endlich ernst genommen werden. Dass die sich nicht immer so falsch fühlen. Mir wurde immer eingeredet – mein Leben lang – dass Kinder an den Hauptschulen dumm sind. Aber ich sehe jetzt: Die sind Null Komma null dumm, die kommen nur mit ihren Sachen, also ihren Themen, nicht durch. Ich will, dass die sich zeigen und selbstbewusst werden und dass Leute SEHEN, was die KÖNNEN. Das würde uns allen ziemlich gut tun, ehrlich gesagt. Mir war nämlich bis jetzt gar nicht klar, wie blutleer und eindimensional vieles in meinen  Umfeldern so ist.  Außerdem fühl ich mich gerade selber so ein bisschen wie die.  

Mausi fängt schallend an zu lachen. Ich bin verunsichert. Und ein bisschen pikiert. Vielleicht ist sie doch nicht so sympathisch. Ich werfe ihr einen fragenden, latent aggressiven Blick zu und denke: Wenn du dich mit mir anlegen willst, bitteschön… 

Mausi sagt:   Und DU sagst, du bist nicht politisch! Ich LACH mich tot! Willkommen im Club. Ich wusste es gleich. Das sieht ja n Blinder mit nem Krückstock, dass da ein Feuer brennt. Ja, das ist doch mal ne Ansage, Frau Plath! 

Ich halte noch ein klein wenig an diesem latent beleidigten Gefühl fest, lasse es aber schließlich los und beschließe, dieser Frau zu trauen. Ich erzähle ihr alles von meinen Veto-Versuchen und was ich in den letzten Monaten erlebt habe. Nur die Aula-Scheiße mit Herrn Böhm lasse ich weg. Und Mausi richtet sich auf und sagt:   Ganz ehrlich, Maike: Das ist klasse, was du machst. Mach weiter. Lass dich nicht unterkriegen! Am besten treffen wir uns hin und wieder. Das Wichtigste ist nämlich, dass du merkst, dass du nicht der einzige Freak bist.  

Und damit hatte sie natürlich vollkommen recht. Sie wurde meine erste nahe Freundin in Berlin. Mit Mausi brachen bessere Zeiten an. Ich war nicht mehr allein. 

Kapitel 14: Talfahrt

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Sag mal, wer hat dir denn jetzt ins Gehirn geschissen?

Herr Böhm steht im Lehrerzimmer mit verschränkten Armen vor mir und starrt mich an. Ich suche nach einem Hauch von Humor in seinem Gesicht, aber da ist nix. Der Sheriff ist ultimativ genervt. Und weil mir so schnell keine Antwort einfällt, starre ich nur entgeistert zurück und denke: Scheiße, das ging jetzt aber schnell mit der Mund-zu-Mund-Propaganda… Irgendjemand hat ihm offenbar den Vorfall mit Selina gepetzt. Herr Böhm hat keine Lust, weiter auf eine Antwort zu warten, vielleicht war es sowieso eher eine rhetorische Frage, denn er legt gleich nach:

Selina führt sich da auf wie ne Irre, und du unterstützt das auch noch, oder wie jetzt? Fällst dem armen Künstler da in den Rücken, als ob der das mit unserem Gesocks nicht schon schwer genug hätte. Klasse, Frau Plath. Das nennt man Solidarität unter Kollegen. Toll gemacht. Und was dachtest du, was das für Konsequenzen hat? Ich glaube echt, es hackt! Wenn du dich in den Klassen nicht durchsetzen kannst, ist das ja die eine Sache. Aber offen zum Fehlverhalten aufstacheln, das ist schon ne beachtlich miese Leistung. Da kommt Freude auf. Oder wolltest du mal bisschen einen auf Mutter Theresa machen, die armen, unterdrückten Kinder, und so weiter, oder was? Ich sag dir mal was: Hier sind Kollegen, die sind schon seit den 70-ern hier, unter anderem auch meine Wenigkeit. Wir sind FREIWILLIG an die Hauptschulen gegangen – Stichwort: Das proletarische Kind. Wir haben da bereits alles versucht, das kannste mir glauben. Das ist halt nicht so einfach, wie du noch merken wirst. Aber hier jetzt die Retterin der Armen zu spielen, das ist echt völlig daneben! Du hast ja  keinen blassen SCHIMMER, Mädel! Hier ohne Hirn die Heldin zu spielen, das haben wir gerne! Ich könnte KOTZEN! Und ob Selina da weitermacht, das entscheide ICH höchstpersönlich, das ist immer noch MEINE Klasse.

Er dreht auf dem Absatz um, rauscht aus dem Lehrerzimmer und wirft knallend die Tür hinter sich zu. Ich fühle mich wie in Scheiße getaucht. Das war jetzt wie ein Tritt in den Magen. Mein Hals ist wie zugeschnürt, meine Augen brennen, mit aller Kraft schlucke ich den Impuls loszuheulen runter. Mit wackligen Knien mache ich mich auf den Weg ins Raucherzimmer. Keiner da. Gottseidank. Ich lasse mich aufs Sofa fallen, zünde mir mit zittrigen Händen eine Zigarette an und lasse ein paar Tränen laufen. Dann klingelt es. Gesicht abwischen. Tief schlucken. Tief einatmen. Aufstehen. Rücken durchstrecken und weiter geht’s. Auf in die 8b. 

Als ich die Aulatür aufschließe, merke ich, dass die Wut in mir hochkommt.  Arschloch!  denke ich. Doch ich habe nicht viel Zeit weiter in meinen Wutgefühlen zu baden, denn leider wartet bereits gleich die nächste Herausforderung. Ein Typ in Jeans und Trainingsjacke steht im Gang am Fenster und tritt auf mich zu.  Sind Sie Frau Plath? –  Ich nicke und reiche ihm die Hand.  Ich bin der Freund von Justins Mutter. Sie kann nicht kommen, aber ich muss mit Ihnen sprechen.

Ich habe jetzt Unterricht, können Sie nicht später noch mal wiederkommen, vielleicht so 14.30? frage ich. Er schüttelt den Kopf.

Nee das geht nicht, ich hab Schicht. Dauert auch nicht lange.  Er schiebt sich an mir vorbei in die Aula. Die Klasse tobt inzwischen auf und hinter der Bühne herum. Immerhin kann kein Vorhang abreißen, denn der ist ja nicht mehr da.  Ich muss das mit dem Schwarz-Streichen der Bühne noch regeln,  denke ich, schließe die Aulatür und wende mich Justins Stiefvater zu. Und was kann ich für Sie tun?  frage ich und ahne bereits, dass jetzt nichts Erfreuliches kommt. Der Mann steht breitbeinig da und fixiert mich mit unangenehmem Gesichtsausdruck. Dann legt er los.

Justins Mutter geht`s nicht gut. Aber sie macht sich Sorgen, deswegen bin ich jetzt mal vorbei gekommen, um mir einen Eindruck zu verschaffen und leider scheint der Klassenlehrer ja recht zu haben. Wie heißt der noch mal?  Ich helfe ihm weiter: Herr Böhm.

Ja, genau, Herr Böhm. Der hat meiner Frau erzählt, dass Justin so ne junge Lehrerin hat, die sich nicht durchsetzen kann und dass da kein ordentlicher Unterricht stattfindet. Nur Chaos in der Aula. Und ich muss sagen: Sieht ganz so aus, als ob der recht hat. Sind Sie überhaupt ausgebildete Lehrerin? Justin hat ein Recht auf normalen Fachunterricht. Nicht auf sowas.  Er deutet auf die zugebenermaßen ziemlich lauten Jugendlichen auf der Bühne.

Das müssen Sie schon mir überlassen, antworte ich und bete innerlich, dass ich nicht ausraste jetzt.  Klar bin ich ausgebildete Lehrerin und es würde mich interessieren, was Sie unter normalem Fachunterricht verstehen,  höre ich mich mit übertrieben fester Stimme sagen. Ich spüre, dass ich mich bremsen muss, mich jetzt nicht um Kopf und Kragen zu reden. Ich halte also inne und lasse die Frage einfach mal so im Raum stehen.

Aber der Typ scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Er schaut mich mit verächtlichem Gesichtsausdruck an und erklärt:  Was für mich normaler Fach-Unterricht ist?Ja, das kann ich Ihnen sagen: Strenger, ordentlicher Unterricht wie bei Herrn Böhm. Da wissen die Kinder, woran sie sind. Der lässt nix durchgehen. Da lernen die noch was. Und genau das braucht Justin. Der kriegt seinen Arsch sonst nicht hoch. Und Sie verplempern hier wertvolle Zeit, das sieht man ja. Ich werde mich beschweren. Das lasse ich mir nicht gefallen, dass Ihre Unfähigkeit unserem Justin die Zukunfts-Chancen versaut. Mir fällt tatsächlich nichts mehr ein. Aber der Mann wendet sich jetzt ohnehin zum Gehen und ich mache keinen Versuch, ihn aufzuhalten. Stattdessen rufe ich ihm hinterher:  Dann schönen Tag noch!  und beiße mir auf die Lippen. Inzwischen wird es wirklich höchste Zeit, dass ich mich um das Chaos auf der Bühne kümmere.

So, Schluss jetzt. Sorry für die Verspätung, wir fangen jetzt an.

Was wollte der? – fragt Justin.

Dein Vater?, frage ich. 

Das ist nicht mein Vater. Das ist n Klugscheißer, der nervt, sagt Justin und ich muss mich zusammenreißen, um nicht zu sagen: Da hast du allerdings recht! Ein kleines Grinsen kann ich mir nicht verkneifen. Meine Laune ist um einen Millimeter gestiegen und ich fange an:

Also Leute, mir ist letztes Mal aufgefallen, dass wir noch mehr Karten, also mehr Programme brauchen, damit die Szenen oben auf der Bühne immer spannender werden. Jetzt gibt es auch noch EINSCHUB, FREEZE UND ALLE BLICK INS PUBLIKUM, CATWALK und EMOTIONSKARTEN.

Während der folgenden 20 Minuten lösen wir schreiend und diskutierend alle Probleme, die während des Spiels auftauchen, u.a. auch, was Emotionen sind und dass es mehr davon gibt als Wut und Liebe und wir vereinbaren während des Spielens ständig neue Regeln, die auch wiederum auf Karten geschrieben werden. Für jedes auftauchende Problem muss eine Lösung in Form einer Karte gefunden werden und das Ziel ist, dass es Spaß macht und keiner sich langweilt. Es ist erstaunlich, wie lange das gut geht, sogar jetzt hier mit der ganzen 8b. Taher findet, dass es „wie ein Computerspiel“ ist, was wir machen und nickt anerkennend in meine Richtung. Ach, ist das schön. Endlich funktioniert mal was. Der Zeitpunkt für meine Veto-Idee scheint gekommen. Ich stoppe das Spiel und setze mich zwischen die beiden Gruppen – zwischen Bühne und zuschauenden bzw. Fernbedienungen klickenden Schüler*innen.

Ich führe jetzt für heute die letzte Karte ein, sage ich, und zwar die Veto-Karte. Wenn von unten ein Auftrag kommt, den ihr nicht ausführen wollt, könnt ihr Veto einlegen, das heißt, ihr verweigert den Auftrag. Und zwar so lange, bis wieder ein Auftrag kommt, den ihr ausführen wollt. Ok? Das kann jeder für sich selbst entscheiden.

Einige nicken. Können wir weiter machen?,  fragt Mahmout. Ich habe irgendwie das Gefühl, ich muss das noch etwas ausführlicher erklären, aber sie fangen bereits wieder an zu spielen und ich denke:  Auch gut, vielleicht klärt es sich ja auch von allein.

Das tut es leider nicht. Innerhalb kürzester Zeit schreien alle Veto und lachen sich schlapp, unten vor der Bühne rasten einige aus, weil sie ihre Aufträge nicht mehr durchkriegen und sich von den Spieler*innen auf der Bühne verarscht fühlen – langer Rede kurzer Sinn: Wir sind wieder mal im kompletten Chaos gelandet. Nichts geht mehr. Und es kommt noch besser. Taher ruft:  Gilt das Veto auch für das, was Sie uns sagen?  Ich breche das Spiel ab und „verordne einen Stuhlkreis“. Es dauert 20 Minuten, bis der Stuhlkreis aufgebaut ist und es leise ist. Und in diesem Moment treffe ich meine Entscheidung. Ich denke:  Jetzt oder nie!  und erkläre ehrlich und offen, was ich mit dem Veto Recht eigentlich meine:

Zu Tahers Frage,  sage ich, also zu der Frage: Gilt das Veto auch für das, was ich sage? Ja klar. Es geht mir darum, dass ihr mal rausfindet, was ihr machen WOLLT, und was nicht. Eigentlich können wir nur richtig arbeiten, wenn ihr lernt, klar zu sagen, was für euch geht und was nicht. Erst dann kann ich mit euch guten Unterricht machen.  Ich erläutere das 10-Meter-Turm-Beispiel. Aber es sind bei weitem mehr als drei Sätze und ich komme nicht durch. Es wird unruhig und Taher unterbricht mich mit breitem Grinsen:  Cool. Dann mach ich jetzt Veto und geh nach Hause.  Und er nimmt seine Jacke – und geht. Und noch bevor ich die Chance habe, in irgendeiner Weise darauf zu reagieren, schreit Fatima:  Veto! Veto! Veto! und kriegt einen hysterischen Lachanfall, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringt. Alle schreien Veto!,  springen auf, kippen die Stühle um, einige rennen raus, andere bewerfen sich mit Jacken, wieder andere öffnen die Fenster, beugen sich raus, schreien  Veto! raus auf den Schulhofund scheinen fast zu ersticken vor Lachen– und in all dem Chaos sehe ich in ihren Gesichtern wieder das, was ich längst dachte besiegt zu haben: Diesen Anflug von Gehässigkeit. Mir gegenüber. Diesen Genuss daran, mich auf die Palme zu bringen, bzw. ja, den Genuss daran, mich zu verletzen. Und das killt mich tatsächlich. Ich habe das Gefühl, innerlich zu vereisen. Was soll das, was ist mit diesen Kindern los? Sind die am Ende doch bösartig? Warum genießen sie es so sehr, mich fertig zu machen? Habe ich mir diese Fortschritte der letzten Woche nur eingebildet? Ich setze mich auf einen Stuhl und denke:  Ich lasse es einfach. Ich melde mich krank und schaue, dass ich an eine andere Schule komme. Und wenn das nicht geht, dann fange ich eben im Schuhladen an. Ich kann es einfach nicht schaffen.  Herrn Böhm sehe ich gar nicht hereinkommen. Erst, als er vor mir steht, wird mir klar, dass es immer ein „Noch schlimmer“ gibt. Herr Böhm grinst und reicht mir ein Taschentuch:  Ich dachte, ich komm mal vorbei, man kann bei diesem Lärm ja nirgends im Haus mehr Unterricht machen. Am besten heulste jetzt erstmal ne Runde und dann schauen wir mal, was wir machen können. So geht das ja hier nicht mehr weiter, das ist dir ja klar, oder nicht?  Und es darf nicht wahr sein, aber tatsächlich fange ich an zu heulen. Und Herr Böhm setzt sich neben mich, reicht mir ein weiteres Taschentuch, während die letzten Schüler*innen den Raum verlassen. Die Tür fällt hinter ihnen ins Schloss. Es wird still. Ich heule unkontrolliert weiter. Dies ist mein letzter Tag, denke ich, es ist alles egal. Da spüre ich etwas auf meinem Bein. Ich erstarre. Herr Böhm hat seine Hände da, wo sie nicht sein sollten. In meinem Schritt. Und er beugt sich vor und versucht mich zu küssen. Mir wird augenblicklich so schlecht, dass ich das Gefühl habe, es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette zu schaffen. Ich springe auf, der Stuhl kippt nach hinten, wegen Tränen und Rotz sehe ich nur verschwommen, ich raffe meine Sachen zusammen und schaffe es irgendwie aus der Aula. Bloß raus hier. Ich renne, stolpere die Treppen runter. Hoffentlich sieht mich keiner. Gleich hab ich es geschafft. Da ist der Ausgang. Nur noch durch diese Tür. Ich greife nach der Klinke. Ups. Die Tür geht von selber auf. Und von draußen kommt herein – mit einem Eimer und einer Schaufel – der Hausmeister. Mist. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Er schaut mich an. Ich schaue auf den Boden. Schweigen. Dann er:  Was ham se denn mit IHNEN anjestellt? Noch immer schaut er mich direkt an. Ich versuche, einen Satz zu formen aber es kommt nur ein undefinierbares Geräusch aus meiner Kehle. Ich setze noch mal neu an, aber es kommt nichts raus und irgendwie füge ich mich meiner Sprachlosigkeit und merke: Vielleicht ist das jetzt auch einfach mal ne Situation ohne Worte. Auch Herr Schulz scheint es zu bemerken. Er stellt erstmal umständlich und scheppernd Eimer und Schaufel ab. Dann schaut er, schaut wieder weg, seufzt.  Na, denn kommse mal mit. So kann ick Se ja nich alleene nach Hause schicken, dit is jetzt Zeit für n Kaffee, wa? – Er schaut mich an. Oder fürn n Pils….?  Da ich immer noch nichts sage, schiebt er mich sanft aus der Tür und bedeutet mir, mit zu kommen. Wohin auch immer, denke ich und trotte etwas belämmert hinter ihm her. Herr Schulz schließt die Tür zum Hausmeister-Kabuff auf. Drinnen ein dunkler Flur. Zigarettenrauch. Wir biegen um die Ecke. Eine kleine Küche mit einem schweren runden Holztisch in der Mitte, an der Wand eine Art Werkbank mit allem möglichen Zeugs, Schrauben, Schlüssel, ein Werkzeugkasten, ein Bohrer, verschiedene metallische Gegenstände, ich vermute ausgebaute Schlösser oder sowas. Zwei Typen sitzen da und qualmen, Bild Zeitung liegt auf dem Tisch, ein kleiner Fernseher flimmert auf einem Schränkchen daneben, irgendein Fußballspiel, die beiden trinken Sternburg Pils aus der Flasche. Herr Schulz nuschelt irgendwas und öffnet einen brummenden, fleckigen Kühlschrank in der Ecke, der vollgeklebt ist mit irgendwelchen Stickern aus den 80-ern, so sieht es jedenfalls aus.  Ick denke, n Pils is anjebracht?  fragt er und reicht mir ein Sternburg Pils. Ich nicke und nehme die kalte Flasche entgegen. Einer der beiden rauchenden Typen reicht mir einen Öffner. Kurzer Blick auf meine Armbanduhr: 13.40 Uhr. Ich hab keinen Unterricht mehr. Aber es fühlt sich ohnehin gerade alles ein bisschen nach „egal“ an. Ich öffne die Flasche, Herr Schulz hat seine bereits mit einem Feuerzeug geknackt, die „Jungs“ am Tisch deuten mit einem Nicken eine Prost-Geste an, nuscheln ihre Namen in meine Richtung, Olli, Jens, Maike, wir nicken uns zu und dann nehme ich einen großen kalten Schluck Bier und nehme das wohltuende Wärmegefühl im Magen zur Kenntnis. Wow. Ich fühle mich plötzlich so müde, als könnte ich auf der Stelle einschlafen. Offenbar erwartet auch niemand groß irgendeine Unterhaltung von meiner Seite. Friedlich sitzen die Männer da am Tisch, schauen auf den kleinen Bildschirm und trinken ihr Sterni. Alles gut. So vergeht eine Weile in angenehmen Schweigen, bis das Bier anfängt zu wirken und ich wieder ein wenig munterer werde. Ich schaue zu Herrn Schulz rüber und sage: Ja, danke übrigens. Das ist echt nett. Er winkt ab. Keene Ursache. Wieder ein paar Minuten wohlige Stille. Dann er: Dit mit dem Vorhang in ner Aula… Dit kann so nich bleiben, dit sieht ja nich jut aus. Wenn Se den nich wieder ofjehängt haben wolln, was ham Se sich denn jedacht? 

Und ich: Ich dachte, wir könnten vielleicht die ganze Bühne schwarz streichen? Herr Schulz zieht die Augenbrauen hoch,  wer is denn „wir“? 

Ach so, ich dachte vielleicht ein paar aus der 8b und ich. 

Herr Schulz stellt sein Bier auf dem Tisch ab und beugt sich vor: Also dit kommt jar nich in Frage. Meinen Se, ich lass die Chaoten da ran? Da könn wa anschließend alles noch mal neu streichen und ham zusätzlich noch ne Sauerei. Nee, dit mach ich lieber selbst mit meenen Jungs, wa?  Er schaut zu den beiden anderen, die weiterhin auf den Bildschirm schauen, aber ihre Daumen heben und nicken. Ja, dit is ja keene schlechte Idee – und dit wolln Se fürs Theater? Und keenen Vorhang? – Ich: Nee. Ich finds ohne Vorhang besser. Herr Schulz zuckt mit den Schultern. Mir soll`s recht sein. Könn wa nächste Woche machen, würd ick sagen, wa? Wieder ein Nicken der beiden Kollegen am Tisch. Ich staune. Jetzt streicht Herr Schulz die Bühne für mich, oder wie? Ich merke aber, dass es jetzt unangebracht wäre, meine Überraschung und Freude zu extrem raus zu lassen. Stattdessen wende ich mich jetzt noch mal mit all meiner Aufmerksamkeit Herrn Schulz zu, lasse zumindest ein kleines Lächeln raus und sage: Das ist wirklich wahnsinnig nett! Das freut mich total. Vielen Dank, Herr Schulz. Er brummelt irgendwas wie Keen Ding, dit muss ja ohnehin jemacht werden, steht auf und beginnt an einem der Schlösser auf der Werkbank rumzuhantieren. Ich habe das Gefühl, dass es Zeit ist zu gehen und verabschiede mich bei den drei Herren, die mich irgendwie gerettet haben heute und mache eine Notiz an mich selbst, nämlich: Es ist alles doch immer wieder anders, als man denkt. Kurze Zeit später sitze ich in der U8 auf dem Weg nach Hause. Von dem Vorfall in der Aula spreche ich nie mehr ein Wort. Schon der Gedanke daran ist so unangenehm, dass ich beschließe, dass es nicht passiert ist. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie, also in welchen Worten ich DAS überhaupt erzählen könnte. Es kommt mir zu ungeheuerlich, zu absurd vor. Und was würde es in der Konsequenz bedeuten? Es macht mir Angst. Also richte ich meine Gedanken auf andere Dinge. Ich kriege jetzt eine schwarze Bühne und mein Leben hier geht weiter und also schaue ich nach vorn. Am nächsten Tag mache ich einen großen Bogen um Herrn Böhm, doch das ist gar nicht so schwer, denn auch er scheint kein Interesse daran zu haben, mit mir zu sprechen. Den Vorfall mit Selina erwähnt er auch nie mehr. Und Selina bleibt im Projekt. Mit wem ich allerdings noch mal über Selina spreche, ist der Tänzer. Wir treffen uns auf einen Kaffee in Kreuzberg und ich versuche ihm zu erklären, warum ich ihm quasi in den Rücken gefallen bin, dass mir das leid tut und wie ich die Sache aber grundsätzlich sehe. Zu meiner Überraschung ist er ganz und gar auf meiner Seite, erzählt von Royston Maldoom, mit dem er im letzten Projekt zusammengearbeitet hat und dass er nur aus Überforderung so krass reagiert habe. Weißt du, erklärt er mir, ich finde mich selber ganz schrecklich, wenn ich da so die Nerven verliere. Ich will das eigentlich gar nicht. Aber manchmal werden halt auch meine inneren Muster getriggert. Ich rede noch mal mit Selina. Ich glaube, wir kommen jetzt sehr gut klar. Und zum Veto-Gedanken: Ich finde es genau richtig, wie du das siehst, und ganz ehrlich: Ich würde dran bleiben an deiner Idee mit dem Veto. Das ist logisch, dass die erstmal Rabbatz machen. Aber das hat ja nichts mit dir oder der Idee zu tun. Die müssen doch erstmal alles abreagieren, was die ansonsten an Demütigungen in diesem Schulsystem schlucken müssen. Deswegen drehen die doch auch immer erstmal so am Rad in unseren Projekten. Kaum ist ein bisschen Freiheit da, müssen die erstmal ordentlich Dampf ablassen. Aber nach einiger Zeit wird das besser. Die müssen erstmal Vertrauen gewinnen. 

Diese Worte wirken auf mich wie reine Medizin. Ich kann es gar nicht fassen, dass im Ganzen die Dinge gar nicht SO schrecklich sind, wie ich dachte. Und also richte ich mich wieder auf und gehe erneut in die Arena mit der 8b – um es noch einmal mit dem Veto-Recht zu probieren. 

Kapitel 13: Veto!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Berlin 2005: Meine „Forschungsarbeiten” mit den Klassen in der Aula zeigten ziemlich schnell, dass es deutlich besser lief, wenn ich einfach INSGESAMT nur noch Theater machte. Mathe, Deutsch, Englisch, Musik, …lief alles nicht. Dann flogen Stühle durch die Gegend, Sachen gingen kaputt und es herrschte Tohuwabohu. Theaterunterricht, wie ich ihn in der Ausbildung in Bullerbü gegeben hatte, funktionierte zwar AUCH nicht, (das fing schon mit den Warm-ups an, die von den Schüler*innen als “schwule Spiele” bezeichnet und boykottiert wurden) – aber: Zumindest in kleineren, meist von mir ausgedachten, Übungen kehrten ihre Blicke zu mir zurück und ich schaffte es trotz häufig herrschendem Chaos Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Von außen sah es weiterhin so aus, als ginge alles „drunter und drüber“, aber auf einer darunterliegenden Ebene spielten wir gemeinsam alle Facetten der emotionalen Skala miteinander durch: Wir lachten viel, schrien uns dann wieder an, waren unfassbar wütend aufeinander, und schlossen dann wieder Frieden. Es wurde geheult, gestritten und gealbert – und ein bisschen Theater gespielt. Und so ganz nebenbei begann auf diese Weise auch die Theater AG, die ich anfangs für ein unmögliches Unterfangen gehalten hatte. Für meinen selbst beschlossenen Forschungsauftrag machte ich eine Notiz an mich selbst: Die Leute denken immer, es ginge darum, die Kinder leise zu kriegen, aber darum geht es erstmal gar nicht. Leise kriegt man sie, wenn überhaupt, nur dann, wenn wir sie erstmal aushalten, so, wie sie sind. 

Von Woche zu Woche fanden sich nach und nach immer mehr Jugendliche ein, standen um 14.30 Uhr vor der Aulatür und fragten, ob sie „bei der Theater AG noch mitmachen könnten“. Ja, klar, kein Ding, wir sind ja erst vier. Ja, klar, wir sind ja erst sechs. Ja, klar, wir sind ja erst neun, … und so weiter. Im November waren es 14, 11 davon aus der 8b. Dabei blieb es vorerst. Und ich fand: Diese 14 waren PERFEKT. Drei Mädchen: Selina, Fatima und Shirin. Der Rest Jungs, darunter Chris, Mahmout, Taher. Ganz am Schluss schlenderte auch noch Justin mit gesenktem Kopf und Kapuze durch die Tür und brummelte:  Also ich will nur Technik machen, ich spiel auf keinen Fall Theater!  – Und ich, hocherfreut:  Ja, klar, super.  Ich konnte es nicht fassen: Justin kam zur Theater AG! Das größte Problem zu Beginn war, dass alle ununterbrochen Sketche spielen wollten. Ganz egal, was ich vorschlug, immer tobten nach kürzester Zeit mindestens fünf Jungs unkoordiniert auf der Bühne herum und spielten „SEK-Einsatz“, „Einbruch beim Späti“, „Drogen verticken in der U-Bahn“, „Abzocke auf dem Schulhof“ oder „Gang-Schießerei in der Sonnenallee“, und hatten unfassbar Spaß, während die anderen eine Weile halb amüsiert, halb gelangweilt zuschauten, dann aber die Lust verloren und sich – leider ziemlich laut – mit anderen Dingen beschäftigten.  Hey!,  versuchte ich einzugreifen,  ihr habt eure Zuschauer verloren! Ihr müsst das schon irgendwie auf den Punkt bringen, was ihr da auf der Bühne erzählen wollt und nicht einfach stundenlang rumimprovisieren! Könnt ihr nicht mal versuchen, kürzer zu spielen und etwas wiederholbar zu machen?  Aber meine Einwände blieben meistens völlig vergeblich. Wenn ich versuchte, ihnen Vorschläge zu machen, wie sie eine Szene zumindest teilweise ästhetisieren und dem Ganzen eine Struktur geben könnten, kam ich mir immer vor wie die “Spaßbremse” oder die Mecker-Tante, die etwas Lustvolles auf einen Schlag in etwas Mühsames, Nerviges verwandelte. Ich erntete dann bockige Blicke, verschränkte Arme und leider keinerlei Einsicht, geschweige denn Besserung. Sie VERSTANDEN einfach nicht, was toll daran sein sollte, eine Zeitlupe oder einen Freeze einzubauen. Wie sollten sie auch?  Die Frau findet doof, was wir machen und verdirbt uns allen Spaß!  – Das war alles, was sie von meinen Einwänden mitnahmen. Tja. Wie konnte ich ihnen beweisen, dass ihre Szenen unterhaltsamer wurden, wenn sie Handwerkszeug anwendeten? Und wie konnte ich ihnen Handwerkszeug vermitteln? Reden fiel als Möglichkeit des Wissenstransfers weitestgehend aus, weil niemand mir über eine längere Strecke als drei Sätze zuhörte. Und in drei Sätzen war es ja nicht getan. Und Arbeitsbögen hatte ich abgeschafft. Weil: Es war zum Lachen, was passierte, wenn ich ein Arbeitsblatt austeilte. SOFORT war alles Lebendige aus ihren Augen verschwunden und sie fingen augenblicklich an, in ihren Schüler-Roboter-Rollen einzurasten. Ich lernte Schritt für Schritt, dieses Einrasten zu vermeiden. Alles war besser, nur nicht diese festgefahrenen Rollen. Also bloß keine Arbeitsbögen! Und niemals länger als drei Sätze am Stück reden! Und nicht meckern! Nicht belehren! Nicht die Besserwisserin raushängen lassen! All das führte – Zack! – zum Stillstand. Zum Einrasten in den Schüler-Lehrer-Rollen! Aber wie konnten wir jetzt in einen gegenseitig bereichernden Flow kommen? Wie konnte ich ihnen Informationen vermitteln und sie mir? Wir konnten wir KOMMUNIZIEREN? Ohne Opfer zu sein? Ohne Herrschaft und ohne Unterwerfung? Das war die große Forschungsaufgabe. Weil dieses Fragen viel zu groß waren, fing ich im ganz Kleinen an. Wie kann ich das Sketche-Problem lösen? Was wäre, wenn diejenigen, die gelangweilt vor der Bühne sitzen, selbst eingreifen könnten, um die Sache für SICH spannender zu machen? So, wie man beim Fernsehen ein anderes Programm wählt? Ich brachte alte Fernbedienungen mit und teilte sie an die Zuschauenden vor der Bühne aus. Zu ihren Füßen auf dem Boden legte ich vier Din A 4 Blätter, auf denen stand: „Freeze“, „Zeitlupe“ und „Zeitraffer“ und „Ideen-Joker“.  Es gibt jetzt Spielregeln,  erklärte ich.  Damit es nicht langweilig wird. Sobald euch langweilig wird, könnt ihr das Programm auf der Bühne ändern. Ihr steht auf, klickt die Fernbedienung und ruft „Freeze!“, „Zeitlupe“, „Zeitraffer“ oder irgendwas, was euch selbst einfällt – das ist der Ideen-Joker.  Mit diesen drei Sätzen kam ich so einigermaßen durch. Dann brach erstmal wieder Chaos aus, weil alle auf den Fernbedienungen rumdrückten und irgendwelche Sachen wild durcheinander schrien. Ich zwang mich zur Ruhe und wartete. Irgendwann riefen die ersten:  Wann geht denn das Spiel jetzt los? Ich lächle, zucke mit den Schultern und forme mit den Lippen den Satz:  Keine Ahnung…  Weitere fünf Minuten Chaos. Dann ruft Fatima:  Ey! Jetzt seid mal leise! –  …Danke, Fatima, denke ich und werfe ihr ein kleines Grinsen zu. Weitere fünf Minuten Chaos. Jetzt schreien schon drei Leute  Ey, seid mal leise! Lass ma anfangen!  Ich nicke, stelle mich aber auf weitere Wartezeiten ein. Ein weiteres neues Ergebnis meiner Forschungsarbeit ist: Ich trainiere das „Vergnügte Warten – egal wie lange es dauert“. „Vergnügtes Warten“ ist etwas anderes, als „Genervtes Warten“. Das „Vergnügte Warten“ beinhaltet, dass ich zunächst mal einen klaren Auftrag durchbringe, der zumindest einen Hauch von Neugier bei den Jugendlichen erzeugt. Und dann scheint diese Methode des „Vergnügten Wartens“ die Jugendlichen irgendwann auf die Palme zu bringen – denn dieses Warten kann ich im Zweifel bis zum bitteren Ende der Stunde durchziehen – und das spüren sie. Wie gesagt: Das klappt allerdings tatsächlich nur dann, wenn ich es vorher geschafft habe, sie zumindest ein ganz klein wenig gespannt zu machen auf etwas, das vielleicht, vielleicht Spaß machen könnte. Ich denke an den Unterschied zur früher gelernten Forderung: Warten, bis es leise ist. Und warum das immer nicht funktionierte. Das „Vergnügte Warten“ ist ein großer Unterschied. Und der kommt durch einen klaren Start mit einer neugierig machenden Ankündigung und einer darunterliegenden Haltung vollkommener Gelassenheit zustande, der Fähigkeit, im Moment bleiben zu können, in Ruhe alles wahrzunehmen und sich nicht aufzuregen. Das schaffe ich zunehmend länger auszuhalten, indem ich in solchen Situationen folgendes denke:  Wir haben alle Zeit der Welt. Wenn es diese Stunde nicht klappt, klappt es nächstes Mal. Und wenn es dann immer noch nicht klappt, dann eben übernächstes Mal. Aber ich verschwende hier keine unnötigen Kräfte mehr, indem ich sinnlos rumbrülle oder mich aufrege. Es kommt, wenn es kommt. Und bis dahin schaue ich mir mit guter Laune das lustige Chaos an, das hier läuft.  Das Ganze ist einfach nur Gedanken-Disziplin vom Feinsten.Am Anfang halte ich mit diesem Mindset fünf Minuten durch, bis ich dann doch sauer werde. Dann zehn Minuten. Nach einiger Zeit kann ich locker 20-25 Minuten durchhalten. Und irgendwo da muss scheinbar eine Grenze sein. Denn es dauert nie länger als 25 Minuten, bis sich etwas verändert. Entweder es kracht dann richtig (im wahrsten Sinne des Wortes „bis einer heult“) – oder es wird leise. Ich arbeite innerlich hart daran, beides gleich gut zu finden. Letztendlich ist es ja auch so. Denn wenn es kracht, gibt es in meiner bisherigen Beobachtung so eine Art kathartischen Effekt: Ich raste dann ebenfalls aus und beende die Probe distanziert und ohne Versöhnungsangebot – in einer emotionalen Verfassung in der Art von:  Na gut, dann mach ich halt Schluss – Tschüss.  Und das ist eigentlich meine größte Erkenntnis: Ich DARF sauer werden. Ich muss meine Wut nicht runterschlucken. Es funktioniert viel besser, wenn ich ihnen zeige, was ich fühle, und ihnen deutlich sage, warum ich wütend bin. Diese sogenannte professionelle Distanz, die im Lehrerberuf immer so der Maßstab ist, ist hier GAR NICHT hilfreich, denke ich. Die Jugendlichen sind extrem versierte Experten*innen darin, mir die Maske der formalen Lehrer*innen-Rolle runter zu reißen und sie lassen eh nicht locker, bis sie mich als Menschen spüren können. Denn das ist es, was sie wollen – und vielleicht auch brauchen. Und viel professioneller scheint es mir zu sein, mich gleich von vornherein authentisch zu zeigen – mit all meinen Gefühlen und auch Schwächen. Denn DAS wissen sie zu würdigen. DAS erzeugt bei ihnen Respekt. Der formal „labernde“ Sozialpädagoge ist für sie ein „Opfer“, der sich hinter institutioneller Macht versteckt und sie mit seiner Distanz als Mensch herabsetzt. Dies auch noch mit unfairen Mitteln, denn gegen die institutionelle Macht können sie nichts ausrichten. Respekt aber haben sie vor jemandem, der den Mut aufbringt, sich in all seinen menschlichen Facetten zur Verfügung zu stellen und den sie in der Folge spüren können. Vor jemandem also, der sich nicht hinter einer formalen Rolle verbirgt, die ihm einen Machtvorteil beschert, sondern der als Mensch SELBST Verantwortung übernimmt und sich einer echten menschlichen Begegnung stellt. Später lernte ich in der Fernsehserie „The Wire“ den Satz „I feel you, brother!“ und dachte: Genau. DAMIT hat es zu tun. Sie wollen mich fühlen – als Mensch. Und dann fangen sie an, zu kooperieren. Und was ich meine ist: sich zeigen, wenn wir Gefühle haben, die wir an uns NICHT mögen. Also nicht sich zeigen, wenn ich sowieso alles im Griff habe. Das ist ja einfach. Nein. Sich zeigen, wenn einem der Arsch auf Grundeis geht. DAS meine ich.  Und natürlich braucht es darunter eine innere Haltung der Sympathie und Solidarität mit den Jugendlichen : So nach dem Motto: Wer bist du wirklich, du kleiner Giftzwerg? Wie kann ich dich finden und deinen Aggro-Schutzpanzer knacken, damit wir endlich das tun können, was uns BEIDE weiterbringt?  Ich lernte also Schritt für Schritt diese Angst zu überwinden, dass alles im Arsch sein könnte, wenn ich „auf einen Gang ehrlicher, offener“ schaltete. Das Gegenteil war der Fall. Die Kinder wussten – natürlich – dass es keine perfekten Menschen gibt. Und sie konnten das sehr anerkennen, wenn ich quasi Auge in Auge mit ihnen in die menschliche Arena der Auseinandersetzung ging. Für mich war das aber erstmal unglaublich schwer, weil ich wahnsinnige Angst vor Stress hatte und davor, mich verletzlich zu zeigen. Ich lernte aber, dass es letztendlich genau darum ging: Die hierarchischen Rollen Lehrerin – Schüler*innen abzulegen und als Mensch Verantwortung zu übernehmen. Und mit jeder Stunde übte ich das weiter und stellte fest: Es kostete Mut und emotionalen Kraftaufwand. Aber alles wurde dadurch produktiver und sinnvoller als alles, was ich bisher als Lehrerin versucht hatte. 

Nachdem ich mir erlaubt hatte, dieser neuen Theorie „der echten menschlichen Begegnung“ zu folgen, schaffte ich auch das mit dem „vergnügten Warten“ wesentlich gelassener, was den Effekt hatte, dass ich immer weniger lange warten musste.

So auch heute. Schon nach ca. 10 Minuten sitzen alle mit ihren Fernbedienungen da, rufen hin und wieder noch genervt „Psst!“ in die Gegend und fuchteln den Jungs auf der Bühne zu, dass die endlich anfangen sollen. Und diese machen ebenfalls einen – vom langen Warten – eher erschöpften als aufgedrehten Eindruck. Es kann also losgehen. Ich habe Raum für meine nächsten drei Sätze, in denen ich „Freeze“, „Zeitlupe“ und „Zeitraffer“ erkläre. „Ideen-Joker“ geht bereits im Lärm unter, aber sie kapieren es auch so.  Es regnet Blut!  brüllt Taher – und ich denke: Geiler Ideen-Joker… Das Spiel beginnt… Und ich stehe am Rand und schaue zu, wie sie – endlich – wie Kinder im Spiel versinken – sowohl oben auf der Bühne wie auch davor. Dauernd wird geschimpft und geschrien, weil irgendwas unklar ist, aber alles bezieht sich auf die Spielregeln und was zwischen Zuschauenden und Spielenden vor sich geht und ich sehe die allerersten Standbilder in diesem Schuljahr. Ich denke  Geht doch!  und klopfe mir innerlich auf die Schulter. Aber dieser kleine Anfall von Hybris wird natürlich sofort wieder bestraft. Denn das Glück hält nicht lange an. Die Probleme beginnen mit Regie-Aufforderungen wie:  Alle geben sich jetzt Nackenschläge!  Sekunden später artet das Spiel auf der Bühne in eine wilde Prügelei aus. Ich muss abbrechen.  Aber Sie haben gesagt: Alles was uns einfällt!  mault Chris und Taher grinst:  Ja genau, ist doch lustig, beste Szene man, wallah!  – Scheiße, ich bin wieder in der Mecker-Tanten-Position gelandet. Ich versuche zu erklären, warum „Nackenschläge-Verteilen“ kein adäquater Auftrag ist, merke aber selbst, wie ich ins Schlingern gerate. 

Fuad: Aber wir geben uns IMMER Nackenschläge. Sie haben gesagt, im Theater ist alles erlaubt!

Ich: Ja aber keine Gewalt!

Taher rollt abfällig mit den Augen: Dann ist Theater scheiße. Wenn man nicht zeigen darf, wie es IST! Isch FICKE Theater, man! 

Ich: Doch, doch, Gewalt zu ZEIGEN ist erlaubt, aber es darf nicht WIRKLICH… 

Weiter komme ich nicht, weil sich jetzt alle lautstark beschweren, dass Theater also scheiße ist, dass man NIX darf, dass sie dann lieber boxen wollen. 

Ich (dazwischen schreiend):  Aber was ist denn der Unterschied? Beim Boxen gibt`s doch auch Regeln!

Taher:  Ja, und was sind die Regeln beim Theater? Keine Gewalt?Tsss… (und da ist sie wieder, diese wegwerfende Geste mit dem herablassenden Schnalz-Geräusch). 

Der Rest versinkt im Chaos. Alles klar. Neues Problem. Neue Forschungsaufgabe: Wie sind die Regeln beim Theater? 

Ich lerne unerwartet eine der wichtigsten davon durch Selina. Und zwar in meinem ersten außerschulischen Theaterprojekt. 

Nach Erscheinen des Kinofilms „Rhythm is it“ gibt es in Berlin plötzlich einen Haufen Tanzprojekte. Und da ich jeden Impuls von außen annehme, um der inneren Hölle des Sheriff-Imperiums zu entkommen, habe ich die Theater AG bei einem Tanzprojekt angemeldet. Zusammen mit einer anderen AG von der benachbarten Kepler Hauptschule werden wir sechs Wochen lang einmal die Woche ganztägig mit einem professionellen Tänzer und Choreografen arbeiten. Anschließend ist eine Zusammenführung mit anderen Gruppen von anderen Schulen geplant, gemeinsame Haupt- und Generalprobe und öffentliche Präsentation im ICC am Alexanderplatz. Meine heimliche Hoffnung dabei ist natürlich, dass die Jugendlichen auch noch von anderer, professioneller Seite mitnehmen, warum es ganz cool sein könnte, SEK-Einsatz nicht ausschließlich realistisch und sketchartig auf die Bühne zu bringen. Im Lehrerzimmer ernte ich mal wieder Kopfschütteln.  Na, du bist ja mutig. Das ist ein total renommiertes Projekt. Berliner Philharmoniker. Simon Rattle. Und da willst du mit unseren Vollpfosten mitmachen? Das wird doch ne Katastrophe. Die können sich doch nicht zwei Minuten benehmen! Und dann noch zusammen mit den Keplers. Ach du Scheiße… Aber wirste ja selber sehen…   Ja, werde ich selber sehen. Sehe ich dann auch. Also. Was das Problem ist: Nämlich genau die Renommiertheit des Projektes. Diese Haltung dazu. Und die Erwartungen, die daran geknüpft sind. Und wie sich mensch in so einem renommierten Rahmen – hierarchisch – zu verhalten hat. Von Anfang an ist klar, dass „meine“ Jugendlichen und die Kepler Jungs (es waren nur Jungs) DANKBAR sein sollen, das sie als VOLLCHAOTEN an so einem TOLLEN Projekt teilnehmen dürfen und sogar von der Schule dafür beurlaubt werden, obwohl doch jeder weiß, dass Mathe, Deutsch, Englisch viel wichtiger für diese Asozialen wäre. Ganz selbstverständlich entsteht der Eindruck, dass ein großer Künstler sich hier hergibt, um mit diesen »schwierigen Jugendlichen« zu arbeiten. An einem BRENNPUNKT. Oha. Die Jugendlichen sollen gefälligst dankbar sein für diese tolle Erfahrung, die man ihnen hier unter großen persönlichen Opfern ermöglicht. Herr Böhm und Frau Rische werden nicht müde, mir diese Sichtweise jeden Tag unter die Nase zu reiben und mir einzubläuen, dass ich beim „kleinsten Verstoß“, beim „kleinsten Daneben-Benehmen“ der Kinder dieses Projekt sofort abzubrechen habe. Dasselbe wird den Jugendlichen tagtäglich von Herrn Böhm eingeschärft. Im Lehrerzimmer höre ich ihn allerdings prahlen:  Ja, mann muss ja der Kollegin Plath den Rücken freihalten. Alleine hat die ja nicht den Hauch einer Chance das durchzuziehen. Die ist halt noch „frisch“ (hö, hö) und völlig naiv und macht dann natürlich solche Sachen. Projekt mit den Berliner Philharmonikern. (lautes schein-amüsiertes Lachen). Und nee, nee, nicht dass das jetzt jemand hier falsch versteht! Ich find das ja GUT! So`n bisschen naiver Optimismuskann ja nicht schaden! Aber ist schon klar, dass ich da als Klassenlehrer nen Haufen Arbeit habe, denn dass die Kleene  (er meint mich)  die Bande nicht im Griff hat, ist ja logisch. Heißt: Ich muss meine Vollpfosten da ORDENTLICH ein-NORDEN, damit diese Schnaps-Idee ÜBERHAUPT ne Chance hat. Aber nee, mach ich ja gerne. Die Plath ist ja eigentlich ne ganz Süße, der halt ich doch gern den Rücken frei…  So in etwa verklickert er es auch in Dauerschleife seinen elf Theater-Schüler*innen der 8b. Die Startvoraussetzungen sind also „super“… 

Ich lasse mich nicht beirren. Hauptsache mal raus hier und irgendwie wird es schon klappen, ich habe eine seltsame Zuversicht und ertappe mich bei dem Gedanken, ob ich wohl TATSÄCHLICH naiv bin. Scheiß der Hund drauf. 

Und dann beginnt das Projekt. Der Tänzer arbeitet mit den Jugendlichen unserer AG und den Kepler Jugendlichen in der Aula. Ich sitze, gemeinsam mit der Klassenlehrerin der anderen AG Kinder und den Kepler Kollegen, während der Proben immer am Rand und schaue zu. Herr Böhm lässt sich – zu meiner Erleichterung – nur sehr sporadisch blicken. Er hat Wichtigeres zu tun, als bei so einem Projekt auf der Bank zu sitzen, wie er sagt.  Selina, die sich nur zögerlich bereit erklärt hat, mit zu machen, hat dem Tänzer gleich zu Beginn der ersten Probe klargemacht, dass sie nur mitmachen könne, wenn »niemand sie anfasse«. Ich kriege ein schlechtes Gewissen und frage mich, ob das mit der Nackenschläge-Problematik der letzten Theaterstunde zu tun hat. Selina gibt allerdings gar keine Begründung, in ihrem Anliegen ist sie aber vollkommen klar.  Ich kann nur mitmachen, wenn mich keiner anfasst.  Der Tänzer nickt etwas unkonzentriert und sagt, das sei »kein Problem«.  Wie mutig und klar, dass sie ihre persönliche Grenze gleich zu Beginn so unmissverständlich benennt, denke ich und beobachte vom Rand aus das Geschehen. Beim Warm-up zu Beginn geht noch alles gut. Aber dann leitet der Tänzer kleine Hebefiguren an und die Jugendlichen sollen zu zweit arbeiten und sich gegenseitig kurz hochheben. Selina bleibt mit verschränkten Armen im Raum stehen und sagt, dass sie das nicht will. Daraufhin geht der Tänzer auf sie zu, legt mit freundlichem Gesicht seine Hände auf ihre Hüften und sagt:  Schau mal, das ist gar nicht schlimm. Ich mache es einfach mal vor…

Selina rastet aus. Und ich meine jetzt RICHTIG ausrasten. Volles Programm. Sie schreit und feuert eine Kanonade an Flüchen ab, dann schubst sie den Tänzer mit voller Wucht von sich. Jetzt explodiert auch der Tänzer und brüllt Selina zusammen. Aber statt, dass sie zurückweicht, wie ich es erwartet hätte, reißt sie den Kopf hoch und brüllt in voller Lautstärke zurück. Es hört gar nicht mehr auf. Der Tänzer versucht sie zu überschreien, aber rhetorisch ist sie ihm in der Vielfalt ihrer Beschimpfungen haushoch überlegen. Die gesamte Gruppe steht stumm im Raum und starrt die beiden an. Einige grinsen. Der Schlagabtausch dauert unendlich lange drei Minuten. Und es ist allen vollkommen klar, wie er endet: Mit Selinas Rausschmiss. Logisch. Der Tänzer fordert Selina in lauten, scharfen Worten auf, den Raum zu verlassen, er könne mit solchen »unerzogenen Gören« nicht arbeiten, sie brauche nicht mehr wieder zu kommen, er werde den Vorfall bei der Schulleitung melden, sie sei raus. Ende Gelände. 

Selina wirft mir einen kurzen bebend wutverzerrten Blick zu und zögert den Bruchteil einer Sekunde. Das ist meine Chance. Ich mache eine winzige beschwichtigende Geste mit meinen Händen und gebe ihr zu verstehen, dass sie einfach erstmal zu mir auf die Bank kommen soll. Selina steht noch ein paar Sekunden mit hochrotem Kopf im Raum, dann stampft sie wutentbrannt auf mich zu und lässt sich neben mich auf die Bank fallen. Ich habe Herzrasen. Ich weiß GENAU: In einer vergleichbaren Situation früher als Jugendliche in einem solchen Projekt hätte ich mich NIE im Leben getraut, einer Autoritätsperson SO entgegenzutreten. Ich stelle fest, dass ich emotional völlig durch den Wind bin. Irgendetwas hat mich zutiefst getroffen und ich versuche diesem krassen Gefühl in mir nachzugehen. Was ist das? Ich empfinde »flammende« Bewunderung und Solidarität für dieses Mädchen. Ich möchte sie am liebsten in den Arm nehmen und feiern. Aber. Alle anderen hier im Raum würden mich für VÖLLIG abartig halten. Oder? Alle – nämlich sowohl die Schüler*innen, die begleitenden Lehrkräfte als auch der Tänzer – scheinen von mir als Lehrerin dieser Klasse zu erwarten, dass ich Selinas Verhalten unmissverständlich sanktioniere. In mir aber ist der gegenteilige Impuls und pocht mir bis in den Hals. Ich DENKE nicht im Traum an eine Sanktion. Stattdessen stelle ich sie in meinen heimlichen Gedanken auf ein Siegertreppchen. Mit Schnappatmung sitze ich mental zwischen zwei Stühlen. Mir bei den Erwachsenen Respekt verschaffen, indem ich konsequent und streng durchgreife – oder meinem inneren Impuls folgen und eventuell als Weichei gelten und jeglichen Respekt – vielleicht bei ALLEN? – verlieren? 

Still sitzen wir beide nebeneinander auf der Holzbank, bis sie sich einigermaßen beruhigt hat. Irgendwann frage ich leise:  Was willst du jetzt machen, weiter mitmachen? Selina wirft mir einen trotzigen Blick zu:   Darf ich ja nicht!  Ich schüttele den Kopf.  Natürlich DARFST du weitermachen  –  die Frage ist, ob du das WILLST…? Soll ich noch mal mit ihm sprechen?   Selina zischt Nein! und starrt auf den Boden. In meinem Kopf tobt das Gedankenchaos. Versaut mir das jetzt jegliches Bisschen an Autorität, das ich in der letzten Zeit in der 8b so mühsam gewonnen habe, wenn ich in dieser Situation nicht „hart durchgreife“ und Selina „sanktioniere“, also die Entscheidung des Tänzers mittrage? Mein Bauchgefühl sagt mir:  Ich KANN einfach nicht. Ich KANN es einfach nicht. Sie hat RECHT.   Also gebe ich mir einen kleinen Ruck und sage leise zu Selina das, was ich in WAHRHEIT denke:   Ich hätte mich das in deinem Alter so NIE getraut, Selina, und du hast RECHT. Ich finde es unglaublich bewundernswert, dass du dich wehrst. Wenn du weiter mitmachen willst, finden wir eine Lösung, die für DICH ok ist.

Selina antwortet nicht und starrt weiter auf den Boden. Ich frage mich, ob sie mich überhaupt gehört hat. Es vergehen einige Minuten in absolutem Schweigen, wir beide nebeneinander auf dieser Bank, während die Probe vor uns weiterläuft. Dann plötzlich springt Selina auf und bewegt sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, mit schnellen Schritten in die Mitte des Raumes. Ich halte den Atem an. Aber sie sagt nichts, sie steht nur eine Weile einfach da, direkt vor dem Tänzer und hört ihm zu, beobachtet, was die anderen machen – und steigt dann wieder ein. Der Choreograf schaut irritiert, hält kurz inne, wirft mir einen fragenden Blick zu, ich nicke ihm zu, hebe kurz den Daumen, woraufhin ich einen Hauch von Ärger in seinem Gesicht zu sehen glaube, aber: Dann wendet er sich wieder der Gruppe zu. Und Selina bleibt. Die Probe geht weiter. Und ich sitze auf der Bank und kann mich gar nicht mehr beruhigen. Was war DAS denn? Ich kann es gar nicht fassen. Völlig unbeeindruckt von diesem ganzen Sheriff-Terror und der allgemeinen Ehrfurcht vor dem berühmten Choreografen und dem ganzen „Rhythm is it-Hype“ schubst Selina einfach mal das Alphatier beiseite und weist ihn in seine Schranken. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das hätte ich mich an ihrer Stelle damals als Schülerin NIE-MALS getraut. Dabei ist es eigentlich so selbstverständlich, so gesund: Jemand überschreitet meine Grenzen und ich wehre mich. Zack. Warum mache ICH das nicht? Warum HABE ich das nie gemacht? Ich habe plötzlich ein Gefühl von Reue über all die verpassten Situationen, in denen ich leider NICHT so mutig und widerständig reagiert habe. Der Druck, sich anzupassen und »keinen Ärger« zu machen, hatte bei mir selbst als Schülerin immer dazu geführt, dass ich im Zweifel bemüht war, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Niemals hätte ich mich in einer vergleichbaren Situation getraut, so massiv und laut zu protestieren und damit meinen Ausschluss zu riskieren. Denn wie weh das tat, schon auf einer viel kleineren Ebene Widerstand zu leisten, das hatte ich von zu Hause und als Kind ja bestens verinnerlicht: Das war, wie gegen einen elektrisch geladenen Zaun zu laufen: Dieser augenblickliche, ungeheure Schmerz, in der Folge als »schwierig«, »hysterisch« oder gar »verrückt« zu gelten – und ausgeschlossen – zu werden. Was für einen Mut braucht es also, als Jugendliche im übermächtigen System Schule und gegen eine allgemein anerkannte Autorität aufzustehen? Beschämt dachte ich auch an meine gegenwärtige Situation. Ich brauchte ja gar nicht groß von früher zu reden, auch jetzt war ich ja kein bisschen mutiger geworden. Ich befand mich die ganze Zeit in diesem ekligen Zwiespalt zwischen eigener Überzeugung und Angst, Vorteile zu verlieren: Trotz all meiner inneren Zweifel tat ich nichts gegen die hier herrschende Norm. Dabei fragte ich mich ununterbrochen, warum hier kein einziges Kind jemals nach SEINER Perspektive oder SEINEN Beweggründen gefragt wurde. NIEMAND kam in diesem ganzen Umfeld auf die Idee, zu fragen:  WARUM benehmen die sich so „unmöglich“? Wie geht es diesem Mädchen, dass es so krass reagiert? Warum war es immer diese empörte Reaktion, dieses:  Wieder mal ein UNMÖGLICHES Verhalten einer frechen Hauptschülerin! Dabei hat sie doch die Chance, an einem so tollen Projekt mit einem so renommierten Künstler teilzunehmen!  Warum lasen alle ununterbrochen die Reaktionen der Jugendlichen als verhaltensgestörtes, freches Fehlverhalten? Was wäre, wenn sie alle gute Gründe hätten? Was wäre, wenn alle ein Veto-Recht hätten? Wenn das die Regel wäre? Ich dachte an Tahers Frage: Was sind denn die Regeln beim Theater? Vielleicht das Recht, nein zu sagen? Letztendlich ist es ja so, dass wir ständig quasi auf einem 10-Meter-Turm stehen: Und wenn wir von da oben runter in die Tiefe schauen, dann möchten wir selbst entscheiden, wann wir springen – und nicht runter geschubst werden. Warum kann nicht jeder selbst entscheiden, wann, wie oder ob er-sie-es überhaupt springen möchte. Was würde sich verändern, wenn ich den Raum dafür hätte, selbst zu entscheiden, was ich will? Und was wäre dafür notwendig? Ich merke plötzlich, wie ich ganz aufgeregt werde, denn ich habe das Gefühl, dass dies vielleicht der Anfang zu einer guten Idee werden könnte. Warum nicht ein Veto Recht einführen? Und schauen, was passiert? 

Bereits am nächsten Tag führe ich in der 8b das Veto Recht ein. Und erlebe mein blaues Wunder. Meine Fahrt in den großen Eklat hat inzwischen Höchstgeschwindigkeit angenommen. Aber noch immer sehe ich das Disaster nicht kommen.