12. Kapitel: Irrungen und Wirrungen – oder: Opfer sein oder nicht Opfer sein?

(Neu: Alle Kapitel sind jetzt auch als Podcast Folgen bei Spotify! Zu finden unter „Türwächter*innen der Freiheit, Maike Plath“).

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Etwas veränderte sich. Es war nicht ganz klar, was eigentlich genau, aber die Gesamtlage schien um einen Millimeter verrutscht zu sein und fühlte sich nun anders an. Das betraf auch die Zusammenarbeit mit dem Sheriff. Wobei. Von “Zusammenarbeit” konnte ja kaum die Rede sein. In den Stunden, in denen ich mit ihm in der 8b doppelt gesteckt war, lief ich im Grunde einfach nur so mit – wie eine Referendarin oder Assistentin, nur ohne „offiziellen“ Auftrag. Ich sah meine Aufgabe darin, mich möglichst unsichtbar aber dafür mit sehr wachen Antennen durch den Klassenraum zu bewegen, einzelne zu unterstützen und das Schlimmste zu verhindern. Und offenbar gelang mir das zumindest teilweise. Nach Aussage der Jugendlichen war “der Sheriff netter” in den Deutsch-Stunden, in denen ich mit drin war. In den anderen Stunden, in Geschichte und Sport, wenn Sie nicht dabei sind, ist Herr Böhm viel strenger, erklärt mir Fatima. Was meinst du denn mit ‘streng’, frage ich und grusel mich schon vor der Antwort. Dass er die fertigmacht, die Scheiße bauen, also uns beleidigt und so…, sagt Fatima. Ich atme tief durch und frage: DAS heißt für dich ‘streng sein’? Die Schüler beleidigen? Fatima macht dieses wegwerfende “Ts-Schnalz-Geräusch” mit der Zunge, das so viel heißt wie: Du kapierst das nicht. Dann erklärt sie mir mit betont geduldiger Stimme, so als wäre ich ein kleines Kind, das noch viel lernen muss: Herr Böhm ist streng zu den Opfern. Damit die härter werden. Damit die später klar kommen im Leben. So kann man’s auch sehen, denke ich und schiebe meine aufkommende Wut mit einiger Anstrengung beiseite. Letztendlich muss ich das Positive sehen: Meine Anwesenheit in den Deutsch-Stunden hat also wenigstens den Sinn, dass Herr Böhm sich scheinbar zusammenreißt und die Anzahl seiner Demütigungen zurückfährt. Warum auch immer. Vielleicht, weil ich nach meinem Erleben und vor allem ÜBERLEBEN des Totaluntergangs in der Aula ein kleines Stück innere Freiheit gewonnen und Herrn Böhm umgehend mitgeteilt habe, dass ich Frau Rische bitten werde, mich in eine andere Klasse einzuteilen. Ich käme mit seinen herabsetzenden Sprüchen nicht klar und wüsste ohnehin nicht, welchen Sinn meine Doppelsteckung in seinem Unterricht hätte. Dieser kleine Anfall von gesunder Selbstbehauptung war auf die Tatsache zurück zu führen, dass ich nach der Aula-Chaos-Stunde einen stillen Entschluss gefasst hatte:  Seit dieser “Open Mike Doppel-Stunde” ging ich jetzt immer mit meinen Klassen in die Aula. Ich hatte beschlossen, einen anderen Unterricht zu versuchen. So nach dem Motto: Das Schlimmste hab ich ja auch überlebt, also was soll sein? Ich versuche jetzt einfach Schritt für Schritt im Trial & Error-Verfahren selbst heraus zu finden, was funktioniert. Denn ganz ehrlich: Alles, was ich angeblich machen soll, ergibt ja ÜBERHAUPT keinen Sinn. Und helfen tut mir auch keiner. Ich bin völlig auf mich allein gestellt. Da wird kein “reitender Bote” in letzter Sekunde kommen, um mich zu retten. Dann rette ich mich doch lieber selber. Und die überraschende Nebenwirkung dieser Entscheidung war: Mir ging es viel besser. Seit ich mir selbst die Erlaubnis gegeben hatte, alle angeblichen “Anforderungen” in den Wind zu schlagen und es selbst zu versuchen, kam ich mir vor wie eine Art eigenständige Forscherin auf unbekanntem Terrain. Ich fing als Lehrerin quasi von vorne an. Ich erlaubte mir selbst, die Frage nach dem Sinn zu stellen. Und von dort aus Schritt für Schritt auszuprobieren, was funktionierte und was nicht. Es war so, als hätte ich in meiner inneren Wohnung die Tür zu einem neuen Zimmer entdeckt. 

Dieser innerliche kleine Revolutions-Impuls sorgte dafür, dass ich Herrn Böhm mitteilte, dass ich nicht länger mehr oder weniger sinnlos in seinem Unterricht mitlaufen wolle, ich hätte von seinen blöden, verletzenden Sprüchen genug. Der Sheriff allerdings grinste daraufhin nur breit und tat so, als wisse er überhaupt nicht, was ich meinte – Mensch, Mädel, das ist doch einfach mein Humor! Die Kinder verstehen das, die finden das witzig! (ach ja?) – aber offenbar wollte er das dann doch nicht auf sich sitzen lassen. Es schien ihn zu wurmen, dass ich seine Art, mit den Schülern*innen umzugehen, alles andere als beeindruckend fand. Und –  wahrscheinlich weil ich “in sein Beuteschema passte”, wie er nicht müde wurde, lauthals raus zu blöken – fing er jetzt an, mir gegenüber den Gockel zu geben. Er wollte, dass ich ihn toll fand. Das fühlte sich scheiße an, aber ich hatte das Gefühl, dass es immerhin den positiven Nebeneffekt hatte, dass er seine Herabsetzungen den Jugendlichen gegenüber drosselte – zumindest in den Deutschstunden. Und daher ging ich nach seinem HÄ? Was meinst du? Die Schüler finden das doch lustig! und Frau Risches Überforderung, mich woanders einzuteilen (Das geht jetzt nicht mehr, frühestens im neuen Schuljahr…), NICHT in eine offene Auseinandersetzung mit ihm, sondern verhielt mich ruhig. (Feige, ich weiß. Aber ich war überzeugt, dass der Sheriff eine offene Konfrontation mit mir am ehesten an den Jugendlichen abreagieren würde. Zumindest redete ich mir das ein, um meine Harmonie-Komfortzone nicht verlassen zu müssen. 

Rückblickend glaube ich, dass ich noch nicht bereit war, meine mir so schön vertraute „Ich-bin-doch-nett- Weibchen-Rolle“ aufzugeben. Obwohl ich dieses große Unwohlsein spürte, war mir die Rolle der Gefall-Barbie ja wenigstens vertraut. So war ich ja den größten Teil meines Lebens „gut“ durchgekommen. Was passieren würde, wenn ich dieses bekannte Terrain verließ, wusste ich nicht und es machte mir Angst. Also redete ich mir ein, dass eine offene Konfrontation mit dem Sheriff gar nichts bringen und den Jugendlichen nur schaden würde.Besser stillhalten und keine Angriffsflächen bieten, dachte ich. Was ich dabei übersah, war: Das Ganze war natürlich eine Einbahnstraße, die zwangsläufig in einer Konfrontation enden würde. Aber es ist ja immer so wunderbar, wie wir uns Augen und Ohren zuhalten und gewisse Realitäten ausblenden können. Bis es dann irgendwann knallt. Damals kam ich mir besonders schlau vor, nichts „Dramatisches zu forcieren“, dabei befand ich mich in Wahrheit natürlich bereits in voller Fahrt auf dem Gleis ins nächstes Disaster. 

Meine Unklarheit – diese scheinbare Unterordnung bei gleichzeitigem inneren Grollen – schien diesen Mann nämlich zu reizen, von dem ich nach und nach erfuhr, dass er zahlreiche Frauen in diesem Kollegium “flachgelegt hatte”. Wortwörtlich war das die Formulierung seines Kumpels Kiesbauer, Fächer Mathe und Physik, und ebenfalls überzeugter Gegner der “Kuschelpädagogik”. Offenbar vertrat auch er die Auffassung, dass Frauen “wie Wild gerissen werden müssen”. Und dass sie das – natürlich! – auch wollen. In dieser Weltsicht ist es das Tollste für eine Frau, wenn Männer sie „attraktiv“ – im Sinne von „fickbar“ – finden. Umso interessanter ist es natürlich, wenn frau sich wehrt. Denn eigentlichwill sie jawollen ja alle Frauen, flachgelegt werden. Wenn also eine bockt im Hühnerstall, dann steigert das natürlich erstmal ihre Attraktivität (wie gesagt- im Sinne von Fickbarkeit. Attraktivität könnte natürlich unzählige andere Facetten haben, aber nee – ich muss es hier deutlich machen: HIER ging es ausschließlich um “gerissen werden”. Punkt. Mein Haus. Mein Pferd. Mein Segelboot. Dieser Scheiß halt). 

Dass ich kein Interesse zeigte, mich von Herrn Böhm, flach legen zu lassen, schien dieser als prickelnde Herausforderung zu betrachten. Irgendwie muss es doch zu schaffen sein!Denn mein gleichzeitiges Schweigen verschaffte ihm offenbar den nötigen Fantasie-Spielraum, sich vorzustellen, ich sei in Wahrheit nämlich DOCH schwerst beeindruckt von ihm. Und so dachte sich der Sheriff wahrscheinlich: Ich mach jetzt mal n bisschen auf gerechten Softie-Pädagogen… und damit krieg ich sie weich… Keine Ahnung. Irgendwie so ähnlich tickte offenbar dieses Patriarchen- bzw. Macho-Gehirn. Und irgendwie kam ich mir besonders schlau vor, nicht mehr „weiter Ärger zu machen“ und entgegen meines ursprünglichen Entschlusses in der Doppelsteckung mit ihm zu bleiben, weil ich auf diese Weise glaubte, einen winzig kleinen Einfluss-Hebel zu haben. Außerdem sah ich einen Vorteil darin, in der Klasse zu bleiben. Ich hatte dort ja auch noch meine eigenen Stunden, ohne Herrn Böhm, und je mehr wir uns sahen, desto besser – fand ich. 

Dementsprechend viel Zeit hatte ich nun, diesen in jeder Hinsicht Gewalt ausübenden Menschen in seinen Unterrichtsstunden und im Lehrerzimmer genau zu beobachten und es war mir immer wieder aufs Neue ein unfassbares Rätsel, wie jemand so sinnlos und ohne jegliche Grundlage von sich selbst überzeugt sein konnte. Wie jemand so unerschütterlich an die eigene Attraktivität und Überlegenheit glaubte – ohne JEDEN Selbstzweifel. Wie mir andere ältere Kolleginnen häppchenweise berichteten, war Herr Böhm ein klassischer West-Berliner Alt-Linker, ein 68-er, wie aus dem Bilderbuch. Das erschütterte mich zusätzlich, weil in meinem Weltbild damals die 68-er doch die “Guten” waren! Die Vertreter einer eben gerade NICHT autoritären Pädagogik. Männer, die emanzipierte und starke Frauen wollten, und keine Sex-Häschen. Aber weit gefehlt. Der Sheriff verkörperte offenbar den Typus männlichen Alt-68-er, der nur deswegen gegen die bürgerlich-konservativen Bastionen wie Ehe und Familie angetreten war, weil Mann dann die Frauen NOCH besser zu Objekten abstempeln konnte. „Wer einmal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Geil: Das schien der Sheriff so ausgelegt zu haben, dass Mann nun hemmungslos rum vögeln konnte, ohne jegliche menschliche Verantwortung zu übernehmen. Mit dem Sheriff vor Augen bekam die Sexuelle Revolution der 68-er für mich plötzlich noch mal ein facettenreicheres Gesicht. Mit SOLCHEN Männern quasi im EIGENEN Lager (!), muss der Weg für Frauen in die Rolle eines gleichberechtigten Gegenübers ja wirklich die Hölle gewesen sein. 

Ich hätte mir denken können, dass meine neue Strategie der Selbstbehauptung auf der einen Seite und mein Stillhalten im Sheriff-Kontext auf der anderen Seite notwendigerweise auf einen Eklat zulaufen musste. Aber ich war zu sehr mit meiner Freude über meine neuen Forschungsaufgaben beschäftigt. Meine erste Entdeckung in dieser neuen Rolle war: Alle Jugendlichen schienen die „netten Lehrer*innen für Opfer“ zu halten. 

Sie müssen uns zusammenscheißen! war der allgemeine Konsens der 8b. Und: Die Frauen sind alle zu nett, deswegen können die sich nicht durchsetzen und deswegen kann man die auch nicht ernst nehmen. 

Aha. Interessant. Was die Jugendlichen hier wohl zu Dieters Schule gesagt hätten? Hier in Neukölln galt die Regel: Wer zugänglich und freundlich ist, ist schwach. Wer sich fürsorglich und empathisch verhält, ist ein Opfer und wird fertiggemacht. Wer Rücksicht auf das Gegenüber nimmt und dies auch in Worten ausdrückt (Wie geht es DIR? Was willst DU?) sinkt im Ansehen. Eine menschliche Form des Umgangs miteinander wurde hier als Schwäche ausgelegt. Wie konnte das sein, dass es in Bullerbü so ganz anders funktioniert hatte? Dass Fürsorglichkeit und Empathie dort als STÄRKE gelesen worden waren? Hier aber als Beweis für mangelnde Charakter- bzw. Führungsstärke?? Ist es eine SCHWÄCHE, sich menschlich auf das Abenteuer einer wirklichen Begegnung mit dem Gegenüber einzulassen – oder ist das eine Schwäche? Interessanter Forschungsgegenstand… Und meine erste große Frage in diesem Zusammenhang ist: Wer ist denn nun ein „Opfer“ und was steckt eigentlich dahinter?    

Im Lehrerzimmer war die Haltung dazu recht eindeutig: 

Die Frauen sind natürlich die Opfer. Weil: Zu schwach und aus Mangel an Durchsetzungskraft versuchen sie es mit „Nett-Sein“. Nett sein ist aber nur eine Hilflosigkeit, keine ernst zu nehmende pädagogische Strategie, was sich darin zeigt, dass „Nett-Sein“ eben nur von deutschen, einigermaßen gebildeten Schüler*innen gewürdigt wird. Aber von DIESEN Jugendlichen eben nicht – und zwar – und da war man sich hier sehr einig: Wegen deren muslimischer Macho-Kultur! Ist doch klar: Die Jugendlichen türkischer und arabischer Herkunft respektieren die Frauen nicht! Beweis: Da „müssen ja alle weiblichen Familienmitglieder mit Kopftuch rumlaufen“, ein klares Indiz für Unterdrückung. Wer so aufwächst, akzeptiert natürlich keine Frau als Autorität!

Ständig hörte ich den Satz: Die haben von Gleichberechtigung noch nix gehört und leben kulturell noch im Mittelalter!Und aus diesem Schluss folgte dann die These: Die brauchen ne harte, männliche Gangart! Was anderes verstehn die nicht! 

Aha? Dachte ich. Und diese „harte, männlicheGangart“ (echt?) führt bei den Jugendlichen dann genau wozu? Zu höherem Respekt vor den Frauen?? Ich denke an meine Erfahrungen an Dieters Schule und bin verwirrt. Offenbar glaubt hier keiner an die Wirkkraft der angeblich eigenenKultur, die hier gegen die muslimische Kultur ausgespielt wird: Die eigene Kultur ist angeblich fortschrittlich und umfasst Gleichberechtigung und wertschätzenden Umgang miteinander, aber so richtig überzeugt davon scheint ja in diesem durch und durch weißen, deutschen Lehrerzimmer niemand zu sein, denn warum sonst wird, sobald es ein Problem gibt, dann doch auf die autoritäre, eben NICHT gleichberechtigte, Gangart zurückgegriffen? DIESE Jugendlichen brauchen eine „starke Hand“ und eine „starke Hand“ ist männlich – oder wie jetzt?  Was denn nun? Werlebt denn nun im Mittelalter? Sind es die muslimischen Jugendlichen, die eine „harte, autoritäre und demütigende Führung“ als STARK und eine zugewandte, empathische als SCHWACH empfinden, oder ist es Herr Böhm und die Kollegen in diesem Lehrerzimmer, die so denken? Wo lebt denn kulturell dieses deutsche Lehrerkollegium?frage ich mich. Und warum gibt es ÜBERHAUPT diese wertende Zuordnung in stark und schwach, in männlich gleich autoritär und weiblich gleich empathisch, Zuordnungen, die in Bullerbü GAR KEIN Thema waren? Scheiß doch der Hund drauf, ob „zugewandt und empathisch“ weiblich oder männlich ist! Die Frage ist doch eher: Was WOLLEN wir denn überhaupt und wie können wir es erreichen? Aber was erreicht werden sollte, war hier eben allgemein unklar. 

Ich dachte an die anzüglichen Sprüche des Sheriffs und die Männlein-Weiblein-Rollenverteilung im Lehrerzimmer. Oder an die Sitzordnung wie in der Häschen-Schule, während der Lehrer-und Schulkonferenzen: Vorne sitzt die Schulleitung mit dem Sheriff und der beflissen protokollierenden Sekretärin und das Kollegium sitzt in Reih und Glied frontal ausgerichtet davor wie eine Schulklasse in den 50-er Jahren. Die Schulleitung trägt vor, was sie beschlossen hat und die Lehrer*innen spielen Kinder: Rebellische Kinder, faule Kinder, und unzuverlässige Kinder, die immer zu spät kommen und mit lautem Gerumpel hinten noch einen Platz finden müssen, um dann ihre Brotdosen auszupacken und demonstrativ zu essen anfangen, oder diejenigen, die sofort anfangen, Hefte zu korrigieren, und damit offen zu verstehen geben, dass sie die ganze Veranstaltung sinnlos finden und viel Wichtigeres zu tun haben, oder die emsigen, die strebsamen und die beflissenen, die gelangweilten und die gekränkten Kinder, die sich ständig melden und immer beleidigt sind, weil sie finden, dass sie zu kurz kommen und niemand all ihr Engagement zu würdigen weiß. Und die Kinder, die sich erhaben fühlen über all diesen Blödsinn hier, die mit blasiertem Gesichtsausdruck und verschränkten Armen am Rand sitzen, ständig mit den Augen rollen und abfällige Geräusche machen. Pffff. Ja. In verschiedensten Ausformungen waren alle Verhaltensweisen der Kinder in den Klassen hier vorbildhaft repräsentiert. Lustigerweise also genau von den Erwachsenen, die sich ununterbrochen über dasselbe Verhalten bei den Kindern beschwerten.  Und die hier eindeutig der autoritären Gangart des Sheriffs folgten. 

Und was die viel beschworene Gleichberechtigung anging, die der Sheriff so selbstverständlich in der DEUTSCHEN Kultur im Gegensatz zur arabischen oder türkischen Kultur verortete, war es schon ein bisschen zum Lachen. Denn die Schulleiterin war zwar weiblich – aber – es redete nur Herr Böhm und sein Männerclub und für jeden ihrer Sprüche gab es beifällig begeistertes Gelächter, bzw. Gekicher aus der Saloon-Damen-Ecke. Frauen, die NICHT darüber lachten, waren in diesem Kollegium unsichtbar. Und die Frauen, die sich zu Wort meldeten, taten dies in einem seltsamen Modus der Unterwerfungsgeste: Wortbeiträge wurden lächelnd und/oder leicht aufgeregt um Anerkennung buhlend vorgetragen – als liefe ein heimlicher Wettbewerb um die Gunst des Sheriffs – bei gleichzeitiger polemischer und brutaler Abwertung aller kritischen Impulse. Wer auch nur den Hauch einer abweichenden Meinung durchblicken ließ, hatte die empörten Augen und abfälligen Kommentare des gesamten Hühnerstalles auf sich. Ich stellte fest, dass mir die politischen Kategorien von „links“ und „rechts“ in diesem Kontext keine Orientierung mehr geben konnten. Der gesamte Kreis um den Sheriff gab sich als „links“, offenbarte aber sowohl im Denken als auch im Handeln ein zutiefst hierarchisches und autoritäres Weltbild, welches den offen konservativ, also eher „rechts“ tickenden Kolleg*innen an der Schule verblüffend nahe war. Offenbar waren hier „links“ oder „rechts“ keine aussagekräftigen Kategorien mehr, sondern eher „autoritär, hierarchisch“ auf der einen Seite und „gleichwürdig, demokratisch“ auf der anderen Seite. Wobei die autoritär agierende Fraktion sich natürlich für absolut demokratisch hielt. Demokratisch in welchem Sinne? Insgesamt fehlte es an Klarheit und an Durchsetzungskraft auf ein Ziel bezogen. Welches Ziel wurde hier überhaupt verfolgt? Gab es eins? Oder war alles nur ein Durchwurschteln und „Dabei-auf-die-Welt- und-die-Umstände-schimpfen“? Und vor allem: Auf die „anderen“? Ich war verwirrt. 

Am schlimmsten aber empfand ich in diesem Sheriff-dominierten Umfeld meinen seltsamen Rückfall in´s angepasste Weibchen-Schema. Ich selbst saß in diesen Häschenschule-Konferenzen und Studientagen, konnte das alles nicht so richtig fassen und sagte – trotzdem – nichts! Seltsame Dynamiken schienen hier zu wirken. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Wenn ich es kaum mehr aushielt und etwas sagen WOLLTE, dann hatte ich Herzrasen und große Beklommenheit und musste mich extrem überwinden, das Wort zu ergreifen. 

WARUM? Was war los mit mir? Ich hatte keinen Zugriff auf meine natürliche Art zu sprechen, mich zu äußern, authentisch zu sein, weil ich in dieser hierarchisch tickenden Welt die Rolle eines Menschen „mit Behinderung“ zugespielt bekam – nämlich die einer Frau. Und weil mir in diesem Umfeld als Frau Eigenschaften angedichtet wurden, zu denen ich selbst nicht Stellung nehmen durfte. Ich war eine Frau. Fertig. Das hieß: Zu nett, Opfer, Kuschelpädagogik, unqualifiziert, kann sich nicht durchsetzen. Und weiter: Auf einer Skala zwischen „fickbar“ und „frigide“ eingeordnet: Falls ich mich an die Regeln halte, kann ich bei den Saloon-Damen mitspielen, bzw. mitkichern. Ansonsten sieht es mit meinem „Rang“ ziemlich schlecht aus. Und WENN ich dagegen aufmucke, wird mir jeglicher Status, jegliche Anerkennung und Berechtigung, hier zu sein und Einfluss zu nehmen, aberkannt. Sei die Gefall-Barbie, dann darfst du bleiben und hast deinen Platz. So lautet die Regel. Und ansonsten nicht. 

(Aber nee: Wahrscheinlich hatten „die kleinen arabischen Machos“ ihre Rollenbilder auf jeden Fall ausschließlich von ihren „Kopftuch-tragenden Müttern“…) 

Damals blieb ich in meinem Herzrasen und dem beklommenen Gefühl gefangen und bemühte mich, dazu zu gehören. Egal, was das bedeutete. So lange ich die lächelnde Gefall-Barbie war, hatte ich einen Platz und einen Status. Und den wollte ich auf keinen Fall verlieren. Manchmal dachte ich: Es ist alles scheiße. Aber du hast einen Job und einen guten Ruf. Du gehörst dazu und du bist NORMAL. Keiner kennt deine Gedanken. Dir kann nichts passieren. Einfach lächeln und weitermachen.  Was für ein unfassbarer Mindfuck aber unten drunter lag! Den ich ständig mit großem Kraftaufwand wegdrücken musste“. Ich stand wie ein angeketteter Hund in seiner engen Hütte – dabei WAR ich ja gar nicht angekettet und hätte laufen können, wohin ich wollte. Warum tat ich es nicht?

Aber immerhin passierte etwas anderes: Ich empfand plötzlich ein Gefühl der Solidarität mit den Jugendlichen. So wie ich das Gefühl hatte, immer als „leicht minderbemittelt angespielt zu werden“, weil ich im Sheriff-System eine Frauwar, so mussten sich die Jugendlichen fühlen, die immer nur über ihren „Ausländer-Status“ – und damit direkt verkoppelt als kriminell und verhaltensgestört – angespielt wurden.  Wenn ich im Lehrerzimmer hörte, wie die Kollegen in der großen Sheriff-Runde über die Schüler*innen redeten, stieg in mir die Wut hoch und ich verließ fluchtartig die Patriarchen-Zone. Brennende Solidarität mit denjenigen, die hier ebenfalls als Opfer und als minderbemitteltabgestempelt und nicht ernst genommen wurden. 

Aber trotz meiner aufkeimenden Solidarität blieb ich erstaunlicherweise weiterhin nach außen NETT und angepasst. Und es ist die Frage, wie lange das so weitergegangen wäre, wenn sich die Jugendlichen nicht so wunderbar STÖREND verhalten hätten und mir damit zum Vorbild wurden. Denn ich war angepasst. Sie aber nicht. Sie wehrten sich. Sie waren weiter als ich. 

Ich hätte noch ewig gebraucht, um aus meinen Mustern auszusteigen, wenn ich nicht einen ordentlichen Schubser von einem beeindruckenden role-model bekommen hätte: Von meiner Schülerin Selina. Nach meiner Mentorin im Referendariat und Dieter in Bullerbü überraschte sie mich als eine weitere Türwächter*in der Freiheit – und öffnete mir die Augen, was zu tun ist, wenn wir KEIN Opfer sein wollen… 

Türwächter*innen der Freiheit – 11. Kapitel

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 11. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

11 Untergang – und Wiederaufstehen 

Leider stellt sich heraus, dass sowohl der Pessimismus von Frau Rische als auch der von Herrn Schulz irgendwie begründet ist. Ich habe zu früh gegrinst. Und wer zu früh grinst, den bestraft das Leben. Obwohl ich drei Wochen lang in jeder Pause über den Schulhof laufe und allen von der großartigen Theater AG berichte, die ab sofort jeden Mittwoch Nachmittag um 14.30 beginnt, kommt genau niemand, keiner, null. Drei Mal hintereinander stehe ich am Mittwoch Nachmittag in der leeren Aula und warte, schaue aus dem Fenster, gehe auf und ab, schaue wieder aus dem Fenster, sehe nach, ob vielleicht jemand draußen vor der Tür wartet, nein, Fehlanzeige, alles still und tot im Gebäude, also weiter sinnlos in der Aula auf und ab gehen und – warten. Drei Mal hintereinander packe ich gegen 16 Uhr meine Sachen und fahre niedergeschlagen nach Hause. Auf den Info-Plakaten zur Theater AG, die ich vor dem Lehrerzimmer und dem Sekretariat in Schönschrift aufgehängt habe, hat jemand in großen Buchstaben drüber geschmiert: Theater ist schwul. 

Das ist auch in etwa die Reaktion auf dem Schulhof, wenn ich von der Theater AG erzähle. Die Jungs prusten los: Denkst du, ich bin schwul, oder was? Mach doch Boxen! Dann komm isch vielleicht. Die Mädchen hören meistens etwas höflicher und teilweise sogar interessiert zu, aber alle haben irgendwas anderes vor: Ich muss zu Hause helfen. Ich darf nicht. Theater ist nix für mich. Ich bin schüchtern. Ich kann nicht schauspielern. Ich muss arbeiten. Meine Mutter erlaubt nicht. Ich muss auf meine kleinen Geschwister aufpassen. Usw. Usw. 

Langer Rede kurzer Sinn: Es kommt einfach mal keiner. Scheiße. 

Und meine Idee, dass die 8b sich freuen würde, wenn wir den Unterricht in die Aula verlegen, erweist sich ebenfalls – wie Herr Schulz prophezeit hatte – als Schnapsidee. 

Weil niemand zur Theater AG kommt und ich das Gefühl habe, dass meine anfängliche Begeisterung und Freude allmählich leer läuft, denke ich: Dann geh doch wenigstens mit der 8b in die Aula und fang mit denen an. Vielleicht kannst du sie begeistern und dann kommen auch welche zur Theater AG, wer weiß. Toller Plan. Die Realität sieht anders aus. 

Die Klasse steht rempelnd und grölend in einem chaotischen, leider mega-lautem Pulk vor der Aulatür. Es ist so laut, dass ich mich beeile, ihnen aufzuschließen, damit der Lärm nicht weiter durchs ganze Schulgebäude hallt. Aber kaum ist die Aulatür offen, wird es NOCH viel schlimmer: Die Klasse stürmt in den großen Raum, alle schreien, lachen, toben, werfen mit Stühlen, wickeln sich in die Vorhänge, schubsen sich, rennen wie die Bekloppten durch die Gegend, prügeln sich, reißen an der großen Schnur, durch die der Theatervorhang auf und zu bewegt werden kann, kippen Eistee auf dem Parkettfußboden um, reißen die Fenster auf und steigen auf die Fensterbänke, kreischen, … es ist ein Alptraum. Chris und Mahmoud haben in Windeseile den Technikschrank aufgeknackt, das Tonmischpult entdeckt und in Windeseile so ungefähr alle Knöpfe und Schalter betätigt, die das Mischpult hergibt. Nach einer ohrenbetäubenden Übersteuerung, nach der ich kurzzeitig überzeugt bin, meine Trommelfelle seien geplatzt – ich höre noch minutenlang einen fiesen Piepton im Ohr – gibt es einen lauten Knall und die gesamte Technik ist – tot. Gleich darauf kracht jemand – eingewickelt in besagtem Theatervorhang – mit dem gesamten Stoff zu Boden, Vorhang abgerissen, vier, fünf andere Jungs springen johlend auf den entstandenen Stoffhaufen, alle schreien rum, dann fliegen plötzlich bunte Tücher und Bälle von hinter der Bühne nach vorne – irgendjemand hat offenbar zwei Kisten mit Zeugs entdeckt, vier Jungs werfen mit voller Wucht die Bälle an die Decke, während die anderen in halsbrecherischem Tempo auf den Tüchern über den Parkettfußboden rutschen. Quasi Tücher-Skating. Ich renne anfangs noch panisch von links nach rechts, brülle herum, versuche die Lage in den Griff zu bekommen – aber zwecklos. Irgendwann gebe ich auf, werde plötzlich ganz ruhig, schaue mir diesen ganzen Irrsinn an und denke: Kein Mensch wird mir glauben, was ich hier erlebe. Ich setze mich auf einen Stuhl in die Mitte der Aula, mache gar nichts mehr und richte mich innerlich auf den totalen Untergang ein. Dann geht jetzt eben alles zu Bruch. Ich kanns nicht ändern. 

Die nächste halbe Stunde erscheint mir wie die schlimmste meines Lebens. Ich sitze da und sehe zu, wie die Jugendlichen die Aula zerlegen, wie dieser schöne, große Raum, in dem ich einen Neustart machen wollte, einfach mal komplett untergeht. Ich sehe, wie diesen Kindern absolut nichts etwas bedeutet, wie sie einfach nur Spaß daran haben, alles kaputt zu machen, einschließlich mich. Und ich bleibe einfach sitzen und lasse meine allerschlimmsten Gedanken zu. Und darin bin ich gut: Mich selbst vollkommen nieder zu machen: 

Frau Behrens hat mir vertraut und etwas in mir gesehen, was ich ganz offensichtlich nicht bin. Sie dachte, ich hätte die Kraft und das Charisma, diesem Chaos etwas entgegen zu setzen. Aber da ist nichts. Sie hat sich getäuscht. Ich bin eine totale Versagerin. Ich dachte, ich wäre besser als diese Zombie-Lehrer hier. Aber in Wahrheit bin ich nur naiv und ignorant. Und jetzt weiß ich, warum man hier zum Zombie wird. Ich bin kein Stück besser. Ich bin einfach nur eine jämmerliche, überforderte Provinz-Lehrerin, die sich eingebildet hat, sie könnte mal eben so an einer Brennpunktschule die Heldin spielen. Wie absolut lächerlich und peinlich. Ich kann ja GAR NICHTS. Von wegen „Berufung Lehrerin“. Das konnte ich mir nur deshalb einreden, weil ich bisher einfach mal IMMER auf die Schokoladenseite geplumpst bin. Aber kaum verlasse ich mein Bullerbü-Naturschutzgebiet, bin ich völlig hilflos. Ich KANN meinen Beruf ja gar nicht. Ich kann mich ja offenbar überhaupt nicht durchsetzen. Und mögen tut mich hier auch keiner. Was soll ich jetzt machen? Was für eine Lösung fällt mir ein? Tja. NICHTS! Ich sitze hier rum, während sich die Kinder prügeln und gegenseitig fertigmachen und alles den Bach runtergeht. Wenn diese Stunde vorbei ist, und Frau Rische und Frau Behrens das gesamte Ausmaß dieser Katastrophe sehen, dann ist die Stelle hier sowieso für mich gelaufen. Aber nee ist klar: Die Plath denkt sich, sie ist besonders schlau: Verlegt den Unterricht in die Aula. Damit es den Kindern BESSER geht. Wie komme ich darauf? Was MACHE ich hier eigentlich?  Was für eine Hybris, die tolle Schule von Dieter zu verlassen und nach Berlin zu gehen? Wie bin ich überhaupt darauf gekommen? Ich hätte schön da bleiben sollen. Schuster bleib bei deinen Leisten! Denn scheinbar bin ich für diesen Beruf absolut ungeeignet. Ich kann nur guten Unterricht geben, wenn der pädagogische Rahmen, also die Wertekultur, schon durchgesetzt ist und ich mich einfach nur ins gemachte Bettchen legen muss. Alleine kriege ich aber offenbar gar nix hin. Ich weiß null, wie ich diese Kinder erreichen kann. Jetzt unterrichte ich hier schon seit Monaten und kriege nicht eine einzige Stunde gebacken. Und REDEN kann ich auch nicht mit denen. Die Situation im Park haben die ja offenbar nur gefaked. Die HASSEN mich. Die sehen ganz genau, dass ich eine überhebliche deutsche Scheiß-Kartoffel bin. Und recht haben sie! Ich dachte ja WIRKLICH, ich wüsste irgendwas besser. Einen Scheiß-Dreck weiß ich! 

Während ich mich selbst bemitleide und meinen eigenen Untergang beschwöre, höre ich in diesem ganzen Chaos immer wieder dieses Wort: Opfer! Und ich beziehe es plötzlich auf mich selbst. Genau. ICH bin ein OPFER. Ich MACHE ja nichts. Warum MACHE ich nichts? Weder im Lehrerzimmer noch hier. Was bin ich bloß für eine blöde Heulsuse. Was für ein Opfer!!

Ey, verpiss disch mal, du Opfer! ruft gerade wieder jemand. Es ist gar nicht an mich gerichtet, aber ich denke: Ja genau. Verpiss dich mal, Frau Plath. Du Opfer. Oder MACH was! Beweg deinen Arsch! Das darf doch nicht wahr sein, dass du hier wie gelähmt rumsitzt und aufgibst! MACH endlich was!! Und ganz langsam und mit riesiger Kraftanstrengung zwinge ich mich in den Raum zurück, versuche, mich der Situation zu stellen, stoppe mit aller Gewalt meinen inneren Monolog der Selbstdemontage und versuche einen konstruktiven Gedanken zu fassen. WAS kann ich tun? Das Gute ist ja quasi, dass bereits alles, was schiefgehen konnte, schon schief gegangen IST, also könnte ich ja jetzt einfach mal IRGENDWAS  versuchen. Ich sehe diesen Kindern beim Durchdrehen zu und frage mich: Wie kann ich ihre Aufmerksamkeit gewinnen? Und weil in meiner Wahrnehmung sowieso schon alles zu spät ist, gebe ich mir innerlich irgendwie Narrenfreiheit – und Zeit. Mir MUSS letztendlich auch nichts einfallen, denke ich, es ist eigentlich schon egal. Neben mir auf dem Stuhl liegt der Stapel Arbeitsblätter, den ich für den „Notfall“ mitgenommen hatte. Wie genau hatte ich mir das vorgestellt, mit dem Ausfüllen – ohne Tische? Egal. Ich greife mir den Stapel, drehe die Blätter um, denke an die Situation vor ein paar Wochen im Park und schreibe mit einem Filzstift in großer Schönschrift „Libanon“ auf die Rückseite eines Arbeits-Bogens. Es ist so ein bisschen wie „Nebenbei-etwas-auf-einen-Notizblock-Kritzeln-während-man-telefoniert“. Ich versuche mir die Situation im Britzer Park wieder vor Augen zu führen und was sie da erzählt haben und schreibe gedankenverloren entsprechende Wörter auf die Din A 4 Rückseiten der Blätter, ein Wort pro Zettel: LIBANON. HOCHZEIT. KRIEG. FAMILIE. AMT/JOBCENTER. ARBEITSERLAUBNIS. SOZIALPÄDAGOGE. Ohne genau zu wissen, warum, lege ich die Blätter auf dem Boden der Aula aus. Um mich herum ohrenbetäubender Lärm. Egal. Ich konzentriere mich auf meine Wörter. HEIMAT. BEIRUT. BERLIN. LIEBLINGSORT. LIEBLINGSMENSCH. Mir fallen immer mehr Wörter ein. Ich liebe es, schön zu schreiben, das habe ich schon immer geliebt und ich versinke ein wenig in meiner kleinen, albernen Tätigkeit. LIEBLINGSESSEN. FAMILIENFEST. REISE. KINDHEITSERINNERUNG. Immer mehr Wort-Schilder liegen auf dem Boden. Und sie sehen irgendwie schön aus. Ich halte inne und erlaube mir einen kleinen Augenblick der Freude. Selina, die gerade noch auf einem bunten Tuch an mir vorbei geschliddert ist, bleibt jetzt neben mir stehen und betrachtet die Papiere auf dem Boden. Sie haben eine schöne Schrift, wallah. Sieht voll schön aus. Sie schaut mich an.  Wozu sind die?  Es ist noch immer so laut im Raum, dass ich fast schreien muss, damit sie mich versteht: Ich weiß nicht, vielleicht wollt ihr dazu was erzählen? Selina schaut sich erneut die Blätter auf dem Boden an, scheint zu überlegen, nickt. – Aber es ist zu laut, sagt sie. Ich glaube, es gibt ein Mikro, sage ich und mache mich auf den Weg zum Technik-Schrank. Dort liegt die Kiste mit den zwei Mikros, die ich bereits an den einsamen Theater-AG-Nachmittagen während des vergeblichen Wartens entdeckt hatte. Selina nimmt die beiden Mikros aus der schwarzen Schaumstoff-Hülle, hält sich eines an den Mund, spricht hinein. Aber es geht nicht, sagt sie.Ja, die sind noch nicht angeschlossen, erkläre ich, und das Problem ist auch, dass die Anlage jetzt wahrscheinlich kaputt ist, du hast ja den lauten Knall gehört, oder? Jetzt stehen auch Momo und Mehmet plötzlich neben uns vor der Anlage und Selina sagt: Wir dürfen in die Mikros sprechen, aber die Anlage ist kaputt. Momo und Mehmet beugen sich sofort interessiert über das Mischpult. Es dauert keine weiteren zehn Sekunden, da stehen insgesamt fünf Jungs vor dem Technikschrank und debattieren. Es werden Schalter gedrückt, Kabel gesteckt, Knöpfe gedreht. Sag mal was ins Mikro, Selina, ruft Momo. Selina windet sich kichernd, wirft den Kopf nach hinten, schüttelt den Kopf. Doch, mach ma jetzt! beharrt Momo. Was soll ich denn sagen? Momo rollt die Augen. Sag doch einfach Test, Test. Eins zwei drei. Selina macht mehrere Anläufe, die in wildem Gekicher enden. Als Momo ihr genervt das Mikro aus der Hand reißen will, hält sie es hinter ihren Rücken, hört auf zu lachen. Ok, ok. Ich mach jetzt ordentlich, verspricht sie. Momo seufzt und wendet sich wieder dem Mischpult zu. Dort wird weiter heftig debattiert und gebastelt. Selina spricht ins Mikro. Test. Test. Nichts. Die Jungs sind jetzt offenbar angefixt, das Mikro, und damit die gesamte Anlage zum Laufen zu bringen. Sind da Batterien drinne? fragt Mehmet und nimmt Selina das Mikro aus der Hand. Check, sagt Mehmet mit fachmännischem Tonfall. Müsste eigentlich laufen. Sag noch mal was, Selina. Selina lächelt, wirft sich jetzt in Pose und sagt mit schnurrender Stimme: Hallo hallo hallo? Ist da jemand. I love you…! Und da – kommt der Ton. Ihre Stimme hallt durch die ganze Aula. Selina lässt fast das Mikro fallen. Iiiiiih, wie hässlisch klingt das, ABBO!!Ali greift jetzt das Mikro: Oh man, wallah! Jetzt übertreib ma nich! Er wiederholt Hallo hallo hallo! Er grinst. Ey funktioniert, Alter, mach ma Beat! Inzwischen sind fast alle im Umkreis des Technikschranks gelandet. Ali macht wild ausladende rhythmische Armbewegungen und legt spontan einen kleinen Rap hin. Es klingt ziemlich professionell. Taher springt ihn von der Seite an, reißt ihm das Mikro weg, rappt weiter. Ey schüüüüsch! sagt Ali, scheint sich aber bestens zu unterhalten. Alle klatschen. Ich nutze den Moment, greife mir das andere Mikro, fahre die entsprechende Spur hoch und bete, dass es funktioniert. Das tut es. Ok, dann können wir jetzt starten, sage ich, so als hätte es schon immer diesen Plan gegeben. Ihr seht ja die Wörter da auf dem Boden. Ihr geht gleich alle zur Musik durch den Raum. Wer etwas Persönliches zu einem Wort erzählen oder rappen möchte, klatscht laut in die Hände und ruft STOPP. Dann frieren alle in der Bewegung ein und die Person erzählt ihre Sache ins Mikro – oder rappt. Wenn ihr mit eurem Text fertig seid, legt das Mikro wieder zurück auf den Stuhl und geht weiter durch den Raum. Das Spiel heißt „Open Mike“. Verstanden? Alles klar. Geht los. 

Ich merke, dass ich vor Aufregung ganz heiße Ohren habe, hier scheint endlich was zu klappen! Ich lege eine CD ein, meinen Forrest-Gump-Soundtrack, wähle den Track „Forrest Gump Suite“, was anderes habe ich gerade nicht, schiebe die Musikspur hoch und gebeTaher, der noch das Mikro in der Hand hält ein Zeichen. Er zieht fragend die Augenbrauen hoch, kommt näher. Das Spiel heißt „Open Mike“, wiederhole ich und deswegen muss das Mikro an einer Station sein, also an einem Platz, wo man hingehen und es sich nehmen kann. Open Mike eben! Klar? Ich zeige auf den Stuhl. Kannst du das Mikro da hinlegen? Taher nickt und legt das Mikro ab. (Ich fasse es nicht). Während die Musik durch die völlig ramponierte Aula mit dem abgerissenen Vorhang, den klebrigen Eistee-Pfützen, den umgekippten Stühlen und den wahllos verstreuten Requisiten aus längst vergangenen Zeiten wabert, verwandelt sich die gesamte Situation plötzlich in eine romantische Filmszene, als sollte alles genauso sein – und auf wirklich fast magische Weise fangen alle nach und nach an, durch den Raum zu schlurfen, nicht gerade energetisch und auch nicht wirklich leise, hin und wieder werden Nackenschläge verteilt und jemand brüllt: Ey du Hurensohn! – aber immerhin. Alle halten sich mehr oder weniger an die Regeln des Spiels, weil ihnen „Open Mike“ offenbar gefällt. Klar: Die Forrest Gump Suite wird arg kritisiert: Hast du nur so schwule Musik?Aber alle sind dabei und ständig klatscht jemand und geht ans Mikro. LIBANON! Sagt Fuad mit lauter Stimme ins Mikro. LIBANON IST MEINE HEIMAT. Er schaut mich an, dann die anderen, und fängt an, zu erzählen – von seinen letzten Sommerferien in Beirut. Anschließend legt er behutsam das Mikrofon zurück auf den Stuhl, ich schiebe die Musikspur wieder ein wenig hoch, während er zurück in den Raum geht. Sofort klatscht wieder jemand. Manche sagen nur einzelne Sätze, die wie Statements klingen:

Die Lehrer wissen nicht, wie es ist, ein Araber zu sein.

Wenn die Lehrer Ausländer wären, hätten sie mehr Erfahrung über Hartz IV Empfänger. 

Oder

Türken und Araber lernen schnell die deutsche Sprache, aber die Deutschen können unsere Sprache in tausend Jahren noch nicht!

Können wir noch andere Wörter aufschreiben?fragt Basak. Ich reiche ihr den Papierstapel und den Edding Stift. Sie kniet sich kurz auf den Boden und schreibt sehr ordentlich in Schönschrift AUSLÄNDER auf das Blatt. Ich denke: Warum immer dieses Wort „Ausländer“? 

Die Forrest-Gump-Suite hat kaum eine Chance, gehört zu werden, denn alle drei Sekunden klatscht jemand, ruft „Stopp!“  und geht ans Mikro, um etwas zu erzählen. Und in Windeseile entstehen neue Karten, die alle in Schönschrift (!) zu meinen  dazu gelegt werden. Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Aber. Die Themen irritieren mich teilweise. Warum geht s immer um „Ausländer“ im Gegensatz zu „Deutschen“? Viele erzählen, dass sie in Berlin geboren sind und bezeichnen sich trotzdem als „Ausländerkinder“. Überhaupt bekommt Basaks Karte mit dem Wort AUSLÄNDER die meiste Aufmerksamkeit. Fast alle haben offensichtlich was dazu zu sagen, WOLLEN etwas dazu sagen:

Ich hasse nicht die Deutschen, es kommt darauf an, wie sie sich verhalten!! Aber die Ausländerkinder halten immer zusammen.

Ohne Ausländer wäre Deutschland NIX.

Die Deutschen werden nicht so oft von Türken und Arabern gemocht. Und die Juden waren immer so Feinde für Türken und Arabers (Araber). Aber manche Araber und Türken können sich auch untereinander nicht verstehen.

Araber haben was gegen Juden. Die meisten Araber haben auch was gegen Türken und die Türken gegen die Araber, aber alle haben was gegen die Deutschen. Die schlagen auch die Deutschen, obwohl sie hier leben. Ich glaube, weil wir alle eine andere Religion haben. Aber wir müssen uns hier alle verstehen. Wir verstehen uns aber einfach nicht. Es gibt Streit auf den Straßen. Überall gibt es Schlägereien. 

Können sich arabische und türkische Menschen gegenseitig leiden? Wie ich weiß, können sich arabische und türkische Kinder gut leiden. Aber ich habe auch sehr viele Freunde, die allgemein die Araber nicht leiden können. Und es ist auch anders herum. Fühlen sich Deutsche auf dem Schulhof gemobbt? So wie ich es weiß, eigentlich gar nicht. Nur ich hatte mal eine Auseinandersetzung mit einem Deutschen. Ich habe aber auch deutsche Freunde. Ob wir Muslime Juden leiden können? Wir können die Juden nicht leiden, weil die Juden unser muslimisches Palästina umgebracht haben.

Es geht gar nicht um Muslime oder Deutsche. Es geht darum, Opfer zu sein oder nicht Opfer zu sein.

Wenn wir hier nicht leben würden, würden die Deutschen kein Falafel, kein Schawarma, kein Döner, usw. kennen.

Im Koran steht es: Wer lügt, wird bestraft und geht in die Hölle. Lügen ist Haram. Ich z. B. lüge auch, und ich weiß, dass ich bestraft werde, aber was soll ich machen, ich muss, weil ohne Lügen wäre das Leben schwer. Wenn ich zu spät komme, muss ich meine Mutter anlügen.

Ich finde, man sollte nicht so oft lügen. Letztendlich kommt das Wahre doch ans Licht. Aber eine Notlüge ist in Ordnung. Zum Beispiel wenn wir raus wollen, wir dürfen nicht raus gehen, wir dürfen nicht mal feiern gehen, nichts. In so einem Fall ist es erlaubt, zu lügen, finde ich. Jeder Mensch hat sein gutes Recht, dahin zu gehen, wo er will. Aber wir sind muslimisch, wir dürfen das nicht. Wenn es um die Freiheit geht, in dem Fall bin ich der Meinung, man muss lügen, denn man hat keine andere Wahl. 

Teilweise stockt mir der Atem. Soll ich da jetzt unterbrechen? Aber ich habe ein ganz starkes Gefühl, dass ich jetzt erstmal zuhören und zulassen muss. Außerdem bin ich mir in diesem Augenblick gar nicht so sicher, was ich jetzt Sinnvolles tun könnte. Verbote aussprechen? Ein Problemgespräch im Kreis beginnen? Mir würde ALLES um die Ohren fliegen und es wäre mit Sicherheit NICHTS erreicht. Sie würden ihre Sätze trotzdem sagen – oder DENKEN. Und was dahinter steckt, ob sie das WIRKLICH denken und vor allem, warum, das würde ich dann mit Sicherheit NIE erfahren. Außerdem hindert mich noch etwas anderes daran, einzugreifen: Es herrscht eine merkwürdige Ernsthaftigkeit im Raum und ein vorsichtiges Zutrauen, das wie eine Frage an mich im Raum hängt. Können wir dir vertrauen? scheinen sie indirekt zu fragen. Sie WISSEN ganz genau, dass ich ihre Sätze höre. Und scheinbar wollen sie, dass ich sie höre. Gleichzeitig sind sie dabei aber vollkommen kooperativ. Es liegt überhaupt keine Provokationsabsicht im Raum, obwohl manche Sätze genau danach klingen. In ihren Gesichtern ist aber etwas anderes. Da ist ein großer Ernst und auch Aufregung. Ein unausgesprochenes: Können wir dir vertrauen? Und innerlich antworte ich JA. Ich merke, dass ich herausfinden will, wer diese Kinder sind. Nachfragen und klären kann ich später. Aber diesen Moment kann und will ich nicht unterbrechen. Zum ersten Mal erfahre ich etwas. Und tatsächlich will ich auch vertrauen. Mir fällt ein, dass man ja auch von Vertrauen SCHENKEN spricht. Genau. Wir müssen es uns gegenseitig SCHENKEN. Absichern ist nicht. 

Diese erstaunliche Doppelstunde in der Aula nimmt dann auch ein ebenso erstaunliches Ende. Ich muss das „Open Mike“-Spiel gegen große Widerstände abbrechen. Immer schreit noch jemand: Nur noch eins, Frau Plath! Eins noch! und grabscht sich das Mikro. Ok, aber JETZT müssen wir wirklich Schluss machen, es klingelt gleich…

EINS noch! Ich will nur noch EINE Sache sagen…!

Eins noch, Frau Plath! 

Irgendwann muss ich lachen und rufe laut dazwischen: Ihr habt gleich PAUSE!Jetzt ist Schluss! und schalte die Anlage und damit das Mikro aus. 

Aber können wir das wieder machen mit „Open Mike?“ fragen mehrere gleichzeitig, während andere schon zur Tür rennen. Ich rufe STOPP und bin verwundert, dass sich der Trupp an der Tür tatsächlich umdreht. Taher ist dabei. Sonst lässt er sich von einem Stopp ja eher nicht beirren. Erwartungsvoll schauen mich nun alle an. Kurze Stille. Als hätte jemand die Pause-Taste gedrückt. Ich hole Luft und sage: 

Ganz ehrlich: Guckt euch kurz die Aula an. So können wir die nicht lassen. Und das geht auch gar nicht, dass ihr mich das alleine aufräumen lasst. 

Stille. Keiner bewegt sich. Dann. Setzt sich der Jungs-Trupp an der Tür in Bewegung Richtung Bühne. Der Vorhang. Bzw. der Stoffberg. Die Jungs steuern darauf zu. Und da sehe ich es. Ich starre auf die Bühne: Die Bühne sieht jetzt viel BESSER aus. Ohne den Vorhang. Der Vorhang erinnert mich an meine Abitur-Abschlussfeier. Vor so einem Vorhang gabs den Handschlag und das Abschlusszeugnis. Dieser Vorhang atmet hundert Jahre Förmlichkeit und steife Zeugnis-Ausgabe. Ohne den Vorhang ist das jetzt eine Theaterbühne. Man könnte sie schwarz streichen. Sie wäre schön. Ich sehe es schon vor mir. 

Wartet mal. Sage ich. Den Vorhang müsst ihr nicht wieder aufhängen. Der ist doch eigentlich – hässlich. Die Bühne sieht viel besser aus ohne den Vorhang. 

Die Jungs schauen überrascht. Ich nutze den Moment: 

Den Vorhang könnt ihr liegen lassen. Da kümmere ich mich drum. Aber die Stühle… und das Zeug auf dem Boden… Und den Eistee müssen wir weg wischen, das klebt. Mahmout, Chris, Taher: Könnt ihr mal die Stühle wieder ordentlich hinstellen und Fatima: Holst du mal Klopapier für die Pfützen? Und Fuad, Momo, Ali: Könntet ihr mal diese ganzen Tücher und Requisiten aufsammeln und wieder in die Kisten zurück packen? Und Kevin: Kannst du mal den Besen da nehmen und fegen? … Und Basak und Selina: Könnt ihr die Wort-Schilder einsammeln…?

Und das Erstaunliche ist jetzt: Sie machen es wirklich. Sie räumen auf. Ich stelle mit den Jungs die Stühle in einen ordentlichen Stuhlkreis und das Ganze dauert nicht mehr als drei Minuten. Innerhalb kürzester Zeit sieht der Raum einigermaßen passabel aus. Der Müll quillt zwar jetzt über mit klebrigem Klopapier, leeren Eistee-Tetra-Packs und Yum Yum Nudeltüten, aber ansonsten könnte man meinen, hier hätte gar nichts statt gefunden. Nur ein Vorhang wurde entfernt, weil er das Gesamtbild störte. 

Und während sich die Klasse auf den Weg in die Pause macht, packe ich mein Zeug zusammen, schließe den Musikschrank ab und nehme den Stapel mit den Wörter-Schildern vom Stuhl. Es ist keine einzige Arbeitsbogen-Rückseite leer geblieben. Auf jedem Papier steht hinten ein Wort. Ich blättere sie kurz durch und bleibe hängen: Auf eines hat jemand das Wort LIEBE geschrieben und daneben ein etwas wackeliges Herz gemalt. Zu diesem Wort hat heute keiner was gesagt, denke ich. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen.  

Türwächter*innen der Freiheit – Siebtes Kapitel

7 Rückblende – Der internalisierte Gehorsam

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Ausgelöst durch mein tägliches Scheitern als Lehrerin und die Sheriff-Atmosphäre kippte ich in einen ängstlichen, inneren Anpassungs-Modus. Ich kam NICHT auf die Idee, dass in meiner Anpassung bzw. Unterwerfung unter die Maxime „Hauptsache Disziplin“ und in der daraus folgenden Anstrengung, auch die Jugendlichen zur Unterwerfung zu zwingen, vielleicht genau der fatale FEHLER lag. Aber. Logisch:

Ich war selbst zeitlebens zum Folgen erzogen und sozialisiert worden. Es kam mir nicht in den Sinn, gegen mein inneres Unbehagen aufzustehen und andere Lösungen zu suchen. 

Skeptisch hätte ich natürlich werden können, im Angesicht dieser flächendeckenden menschlichen Verwahrlosung an diesem Ort. Hier waren nur Menschen unterwegs, die ALLE kein Gefühl mehr für sich selber hatten. Und in der Folge auch für niemand anderen mehr. Bewusstsein für die eigenen Integritätsräume gleich Null. Die Grenzen und Bedürfnisse aller Beteiligten – und zwar sowohl der jungen als auch der Erwachsenen – waren so oft und so existentiell überfahren und geschreddert worden, dass jegliche gesunde Ich-Stärke eingegangen war. Stattdessen eine fette Mauer aus Wut und Zynismus, um die kümmerlichen Reste des verbliebenen Selbstwerts vor der endgültigen Auflösung zu bewahren. Hier wusste NIEMAND, was Integritätsräume waren und wie mensch in gegenseitigem Respekt kommunizieren könnte. Vielleicht war es auch gar nicht gewollt. Der Mechanismus, die (angeblich) eigenen Überzeugungen, (die in Wahrheit allerdings nur den unhinterfragten Rollen entsprachen), für die einzig richtigen zu halten und über alle anderen schlecht zu reden und alle anderen runter zu machen, war hier „State oft the art“. Wenn jemand es wagte, von Gleichwürdigkeit und gegenseitiger Achtung zu reden, wurde das mit Zynismus, mitleidigem Augenrollen oder Verachtung abgewatscht. 

Leider hatte ich dem nichts entgegen zu setzen. Das Wort Integrität kannte ich nicht. Ein Gefühl dazu hatte ich schon gar nicht. Was sollte das sein? – Unglaublich eigentlich. Und erschreckend im Rückblick. Denn wenn es um Führungskompetenz geht – und das ist ja DIE Schlüsselqualifikation für den Lehrberuf – dann ist Integrität die Grundbedingung bzw. der Boden, auf dem wir stehen. Und dieser Boden war nicht da. Bei niemandem. Null. Bei den Lehrkräften nicht, weil die sich seit Ausbildungszeiten in einer Anpassungsmaschinerie befanden, in der es gerade NICHT um ihre eigene Bedürfnisse und Grenzen ging und bei den Jugendlichen dementsprechend auch nicht, weil dort jeglicher gesunde Ich-Impuls als Störung betrachtet und im Keim erstickt wurde. Abweichendes Verhalten war komisch. Nicht vorgesehen. Unmöglich! Unverschämt! 

Das hatte lange Tradition. Auch bei mir war das Monster des internalisierten Gehorsams lange Zeit systematisch genährt worden. 

Kleiner Rückblick: Aufgewachsen bin ich in Glücksburg, einer beschaulichen Kleinstadt im Norden Deutschlands an der Ostsee. Papa Musiklehrer, Mama Englisch- und Sportlehrerin. Oberstudienräte am örtlichen Gymnasium. Konservatives Elternhaus. Autoritäre Erziehung. Drei Brüder. Zu Hause quietschte immer mindestens eine Geige. Regelmäßige Mahlzeiten am Familientisch. Papa macht jeden Tag Mittagspause und während der Zeit müssen alle todes-leise sein. Wehe dem, der stört. Kinder, die in der Mittagspause anrufen oder gar vor der Haustür stehen und klingeln, bekommen einen eindrucksvollen Tobsuchtsanfall meines Vaters geboten, der sich gewaschen hat. Wer das einmal erlebt hatte, klingelte auf jeden Fall NICHT mehr in der Mittagspause. 

Regelmäßig Hausmusik, vor Weihnachten Advents-Singen mit und ohne Gäste. Uns Kindern wird der christliche Glaube vermittelt, aber eher so als Sache, die sein muss, warum wird nicht erklärt und Sonntag geht’s ab in die Kirche. Vorm Einschlafen sage ich immer ein Gebet auf – wie ein Gedicht. Einmal gehe ich als etwa Fünfjährige ans Telefon und sage aus Versehen mein Gebet auf – direkt in den Hörer. „Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir, hast auch uns doch nicht vergessen, lieber Gott, wir danken dir“. Hatte die auswendig gelernte höfliche Ansage „Hallo, hier ist Maike Plath, mit wem ich spreche ich?“ mit dem anderen Text verwechselt. Auch bei den Weihnachtsliedern sind mir die Texte teilweise unklar, ich singe sie dennoch – stolz darauf, dass ich sie auswendig kann – mit viel Inbrunst zu Papas Klavierbegleitung mit. 

Vom Glauben ist mir heute nicht mehr so viel geblieben. Was mich aber immer noch überzeugt, ist der Grundgedanke der Nächstenliebe. Erstaunlich war für mich nur immer die Beobachtung, dass ausgerechnet die Leute, die eifrig von Nächstenliebe redeten, ihre Nächsten eigentlich nicht so sehr liebten.

Schon als Kind lernte ich, dass genau diejenigen die ganz besonders beflissen für die Nächstenliebe eintraten, andere Menschen tüchtig ausgrenzten und verurteilten. Von der Nächstenliebe ausgeschlossen wurden all diejenigen, die beispielsweise NICHT in die Kirche gehen wollten, oder NICHT heiraten und Kinder kriegen oder NICHT einer geregelten Arbeit nachgehen oder in irgendeiner anderen Weise ihr eigenes, abweichendes Ding leben wollten.

Aha. Dachte ich. Besser nix falsch machen. Denn dann gilt die (Nächsten-) Liebe leider nicht für dich. 

Glücksburg an der Ostsee, 1975-1990: 

Wie alle Kinder wollte ich unbedingt geliebt werden und ich merkte schon sehr früh, dass ich deutlich MEHR geliebt wurde, wenn ich die Erwartungen anderer grundsätzlich über meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche stellte. Erwartungen der anderen in meiner Kindheit waren: Nicht widersprechen. Viel lächeln, höflich sein, lieb sein. Mit angemessener Tonlage sprechen. Sich über Geschenke freuen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Dafür dann trotzdem übertrieben dankbar sein. Briefe in Schönschrift schreiben: Liebe Tante Olga, vielen, vielen Dank für den tollen Serviettenring, den ich SEHR gut gebrauchen kann. (Nach diesem ersten gelogenen Satz, der schnell von der Hand ging, musste man dann noch die ganze Seite vollkriegen. Schwierig, denn wer war Tante Olga?). Gute Noten schreiben. Pünktlich sein. Zuverlässig sein. Den Sonntags-Spaziergang mitmachen, obwohl ich lieber in meinem Zimmer auf dem Bett liegen und lesen wollte. Sonntag Nachmittaggemeinsam mit der Familie Kuchen essen, obwohl ich keinen Kuchen mag. Klassische Musik hören (keine U-Musik. Schlechter Einfluss. Macht dumm. Ach so). Mit den richtigen Kindern befreundet sein. Zum Beispiel nicht mit den Kindern, deren Eltern geschieden sind. Schlechter Einfluss. Ach so. Sich bei Tisch benehmen, also mit Messer und Gabel essen und Serviette in den Schoß legen. (Hier kam der Servietten-Ring zum Einsatz! Wo der heute geblieben ist, keine Ahnung). Anschließend dann Mund abtupfen und Serviette ordentlich mit Messer und Gabel (parallel!) auf den Teller zurücklegen. Parallel heißt: Fertig. Ansonsten muss weiter gegessen werden. Kartoffeln nicht schneiden, sondern mit der Gabel zerdrücken. Auf keinen Fall – nie niemals IRGENDWAS mit den Händen essen oder gar die Finger ablecken! Nicht diskutieren. Besser zustimmend nicken und anderen das Gefühl geben, dass sie entzückend und klug sind. Grundsätzlich höflich zu Erwachsenen sein. Ungerechtigkeiten runterschlucken (kein Fass aufmachen, nicht „hysterisch sein“). Ich wusste als Kind nicht, was „hysterisch“ ist, aber wenn ich anfing zu heulen oder wütend wurde oder widersprach, dann kam der Satz: Sei nicht hysterisch. Ach so. Emotional werden war also „hysterisch“. Besser vermeiden. Und: NIE! – NIEMALS über die eigenen Gefühle reden. GOTT- wie peinlich! 

Ok. Ließe sich jetzt weiter auflisten. Punkt ist aber verstanden, glaube ich. 

Was mir auf jeden Fall gründlich ausgetrieben wurde, war: Mir selbst treu zu sein. Oder überhaupt zu WISSEN, was das überhaupt bedeutete: Mir selbst treu sein. Was ich stattdessen irgendwann perfekt konnte: Die Erwartungen meines Umfeldes in Windeseile „riechen“ können und dann eine bravouröse Anpassungsleistung hinlegen. Ich wollte immer die Eins: Was für ein entzückendes Mädchen! Was für ein KLUGES Kind! (Ich wollte unbedingt klug sein! Die beste sein!). Drunter machte ich es nicht. Bisschen Wut runterschlucken. Kein Ding. Meinen Gefühlen zu irgendwas grundsätzlich misstrauen und wegdrücken. Ich lernte: Die sind IMMER peinlich und machen dich lächerlich und wertlos. Also besser: Ohne Jammern Zustände aushalten, die sich unangenehm anfühlen. Kein Problem. Reiß dich zusammen! Merkte ich irgendwann gar nicht mehr so. Gab ja dann immer die Eins und das Lob – also Zuwendung. Und von dieser Zuwendung nährte sich mein Selbstwert. 

Seltsamerweise hatte ich dabei aber immer eine diffuse Grund-Angst, „irgendwie aussortiert zu werden“, raus zu fliegen, weg geschickt zu werden, bzw. VIELLEICHT DOCH DUMM, also UNBEGABT zu sein. Das war nur so gefühlt und ziemlich unkonkret, aber deswegen nicht weniger bedrohlich. Ich verwendete also viel Gedanken und Energie darauf, mich so zu benehmen, dass ich nicht als DUMM oder UNHÖFLICH oder SCHWIERIG gelten konnte, mein wahres, also vielleicht dummes (?) Ich zu verbergen.

Während der Grundschulzeit spielte ich immer gerne Schule. Meine Freundinnen bekamen von mir liebevoll gestaltete „Arbeitsbögen“, die sie „ausfüllen“ mussten und die ich hinterher „benotete“. Das Spiel machte aber nur Spaß, wenn alle eine 1 bekamen. Ansonsten gab es Tränen und Streit. Also lernte ich meine „Arbeitsbögen“ so zu entwerfen, dass alle eine 1 bekamen oder ich gab während des Ausfüllens viele „gute Tipps“. 

Meine damaligen Grundschullehrerinnen machten das aber nicht so. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir unsere ersten Noten bekommen haben, aber es war trotzdem immer vollkommen klar, wer gut war und wer nicht. Schon im ersten Jahr verschwanden die zwei MICHAELS aus unserer Klasse, weil sie ganz eindeutig NICHT GUT waren. Der eine Michael war klein und dünn und hibbelig und kriegte immer Wutanfälle. (Hysterisch, dachte ich). Dann musste er raus vor die Tür und von außen die Türklinke runter drücken. Das machte er aber nicht, sondern stattdessen trat er von außen laut bollernd gegen die Tür. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Der andere Michael war sehr dick und machte gar nichts – oder aß Paprika Chips aus einer großen raschelnden Tüte. Er war auch nach einem Jahr weg. Wir wussten alle in der Klasse, dass die Michaels „nicht mitkamen“ und deswegen woanders hinmussten. Da, wo die „bösen“ und die „dummen“ Kinder hinkamen: Zur Sonderschule – oder noch schlimmer: Zur Hauptschule.

Die befand sich neben dem Grundschulgebäude und die Schüler*innen beider Schulen nutzten den Schulhof gemeinsam. Die Hauptschüler*innen hielten sich in den Pausen bevorzugt am Rande des Hofs an den Fahrradständern auf. Dort standen sie und rauchten und waren – aus unserer Sicht – irgendwie älter, ein bisschen gefährlich und – cool.

Meine Freundin Kerstin und ich spielten meistens mit ein paar anderen Mädchen aus unserer Klasse Gummi-Twist. Wir gingen nie zu den Fahrradständern, weil wir ein bisschen Schiss vor den Hauptschülern hatten. Besonders die Jungs mit ihren Lederjacken und „bösen Gesichtern“ jagten uns Respekt ein. Gleichzeitig wussten wir, dass die Hauptschule die Schule für die dummen Kinder ist und wir fühlten uns ein bisschen wichtig, weil klar war, dass wir natürlich nach der vierten Klasse aufs Gymnasium kamen.

Kerstin kam irgendwann auf die Idee, dass wir eine Mutprobe machen könnten: Marcel ärgern. Marcel war bei den Hauptschülern derjenige, der am gefährlichsten aussah. Er war in der 8. Klasse, rauchte Kette, sagte immer „Scheiße“ und „Fuck“ und hatte manchmal ein blaues Auge. Wir stellten uns vor, wie er nach der Schule wahrscheinlich immer Leute verprügelte. Marcel schien uns der perfekte Kandidat für eine Mutprobe zu sein.

Eines Mittags nach der Schule steigen Kerstin und ich also in den Schulbus, mit dem Marcel immer nach Hause fährt. Wir setzen uns direkt hinter Marcel und als der Bus losfährt, fangen wir an, laut Witze über ihn zu machen. Am Anfang haben wir noch Herzrasen und sagen immer nur solche Sachen, wie: „Puh ha, der Marcel ist schon ein wahnsinns-wichtiger Typ“. Aber weil nix passiert, werden wir mutiger und lauter und trauen uns, immer frechere Sachen zu sagen.

Wir machen uns darüber lustig, dass er so oft ein blaues Auge hat und dass er sich wahrscheinlich wie ein toller Gangster fühlt, aber sein IQ ja wahrscheinlich nicht so dolle ist, usw. Dazwischen lachen wir uns vor Aufregung halbtot und uns fallen immer bessere Sachen ein. Wir kommen uns sehr sehr lustig und sehr sehr mutig vor. Diesem arroganten Marcel, dem haben wir es jetzt aber mal richtig gegeben…

Dann kommt die Haltestelle, wo ich aussteigen muss. Ich gehe durch den Bus nach vorne und steige vorne beim Busfahrer aus. Als der Bus weiterfährt und ich alleine auf der Straße stehe, sehe ich, dass Marcel hinten leider auch ausgestiegen ist.

Er kommt in seiner schwarzen Lederjacke auf mich zu und sieht so aus, als wolle er mich töten. Er ist zwei Köpfe größer als ich und ich denke „Der bringt mich jetzt um“. Dann steht er vor mir und zischt: „Du miese kleine Ratte“.

Er packt mich mit beiden Händen am Jacken-Kragen und schüttelt mich durch, dann schubst er mich weg, ich versuche, weg zu laufen, doch er hält mich fest und gibt mir dann einen solchen Tritt, dass ich auf die Straße knalle.

„Du mieses Stück Scheiße, du hochnäsige Prinzessin, du bist der letzte Dreck, nächstes Mal brech ich dir die Nase!“

Ich liege auf dem Asphalt und warte auf den nächsten Tritt. Aber Marcel geht an mir vorbei. Kurze Zeit später ist er weg.

Ich rappel mich auf und schüttel den Dreck von der Jacke. Meine Kniee bluten und meine Hände sind dreckig und blutig verschrammt. Ich heule ein bisschen und gehe dann nach Hause. Meinen Eltern erzähle ich nichts. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dies keine ruhmreiche Geschichte für mich ist.

Später habe ich mich immer gefragt, wie Marcel diese Geschichte erzählen würde. Marcel mit dem blau geschlagenen Auge, der mit 14 schon Kette rauchte und nach der 8. Klasse die Schule verließ. Seine Version dieser Geschichte fehlt. (Erst viele Jahre später hatte ich es wieder mit Jugendlichen wie Marcel zu tun – als Lehrerin in Neukölln. Und natürlich hielt ich sie entsprechend meiner Sozialisation anfangs für „kleine Gangster“. Bis ich eines Tages –IHRE Versionen dieser Geschichten hörte. 

In der dritten Klasse hatte ich erwartungsgemäß nur Einsen und meine Hefte sahen aus wie Poesiealben in gestochener Schönschrift (Pelikan Füller! Alles voll geklebt mit Glitzer-Tauschbildern, überall rieselte so silberner Sand aus den Seiten). Zur Belohnung für meine perfekte Schönschrift „durfte“ ich einmal eine ganze Stunde lang vorne am Lehrerpult sitzen und vor allen anderen Bonbons lutschen, die in einem riesigen Glas vor mir standen. Hatte Frau Meier extra von zu Hause mitgebracht. Sie erklärte strahlend vor der ganzen Klasse, dass ich jetzt die ganze Unterrichts-Stunde vorne am Pult sitzen und Bonbons lutschen durfte, weil ich immer so schön meine Hausaufgaben machte und meine Hefte aussahen wie Kunstwerke. Ich hatte es „verdient“, meinte sie. Ich selber war fassungslos über diese Grausamkeit und überlegte noch wochenlang, was ich Frau Meier getan hatte oder ob sie vielleicht wirklich so dämlich war. Natürlich war diese Stunde mein sozialer Suizid. Die ganze Klasse HASSTE mich – logisch – fortan.

Nach diesem Bonbon-Stunden-Trauma passte ich auf, dass ich keine Einsen mehr schrieb. Ich vergaß mit Absicht meine Hausaufgaben, schrieb Wörter absichtlich falsch und malte mit Spucke auf meinem Tisch herum. Einmal musste ich deswegen nach vorne kommen. Frau Meier, die zu dem Zeitpunkt SEHR ENTTÄUSCHT von mir war, zitierte mich nach vorne ans Pult und fragte übertrieben laut: Welche Hand war das? Ich wunderte mich, dass sie schon wieder so dumm war – denn mit welcher Hand hatte ich wohl geschrieben, wenn ich Rechtshänderin war? Ich sagte: Die da und hielt meine linke Hand hin. Denn die rechte brauchte ich für zu viele Sachen, wie ich fand. Sie patschte mir drei Mal hart auf die Hand und sagte dabei mit empörter Stimme: Eins! Zwei! Drei!

Ungefähr zu der Zeit habe ich aufgehört, Schule zu spielen. 

Der Gedanke, dass man sehr schnell „raus fliegen“ kann, kam mir schon sehr früh. Lange, bevor ich mit der Schule Bekanntschaft machte. Als Kind beobachtete ich bei meinen Eltern, dass es nur sehr wenige Menschen gab, über die sie positiv redeten. Die meisten waren irgendwie „SCHLECHTER EINFLUSS“ für mich und meine Geschwister, da sollten wir uns fernhalten. Beim gemeinsamen Mittagessen ging es sehr oft um Kollegen, Bekannte oder sogar Familienmitglieder, die irgendwas falsch machten bzw. falsche Ansichten hatten, „faul“ waren – oder ordinär. Ordinär sein war ganz schlimm. Ich wusste lange Zeit nicht genau, was mit „ordinär“ gemeint war. Aber es hatte etwas mit Sprache und mit Verhalten zu tun – und mit „den Verhältnissen“, aus denen man kam. Die „Verhältnisse“ waren wichtig. Kinder von geschiedenen Eltern beispielsweise waren „kein guter Einfluss“ für mich, denn das waren Leute, deren Familienverhältnisse „unübersichtlich“ waren. Hieß: Geschieden, womöglich alleinerziehende Mütter mit neuen Partnern, oder Männer mit neuen Frauen, alles gar nicht gut. Das leuchtete mir als Kind auch irgendwie ein. In jedem Märchen konnte ich erfahren, dass eine Stiefmutter keine gute Sache war. Aber darüber hinaus wurde es schwierig für mich, die Regeln zu durchschauen, nach denen meine Eltern andere Menschen beurteilten bzw. abwerteten. Ich verstand nur: Man konnte offenbar sehr viel falsch machen. 

Meine Eltern benutzten damals noch das Wort „Gammler“. „Gammler“ waren Jugendliche mit langen Haaren und irgendwie ungepflegten Klamotten, die rauchten und „LAUTE POPMUSIK“ hörten, gar nicht gut. Meine Mutter sagte „Popmusik“ oder „Klopfmusik“ und fand, das „sei etwas für die Affen“. Sie hatte diese Ansicht 1:1 von ihrem Vater übernommen, der offenbar als Vorbild galt – obwohl ich immer Angst vor ihm hatte und bei jedem Besuch froh war, wenn wir wieder ins Auto steigen und wegfahren durften.

Mit sechs Jahren beschloss ich, dass es vielleicht lustiger wäre, bei Beate zu wohnen, als bei meinen Eltern. Seit mein kleinerer Bruder geboren war, kam Beate zu uns, um auf ihn aufzupassen: Sie war 19, trug immer enge Jeans und Lederjacke und war in meinen Augen eine Lichtgestalt. Ein Kindermädchen wie Mary Poppins. Ich dachte, dass es viel schöner sein würde, wenn ich bei Beate wohnte. Dann hätte mein kleiner Bruder Beate am Vormittag für sich allein und ich am Nachmittag und nachts. Diese Vorstellung machte mich zufrieden, es erschien mir gerecht. Ich stellte mir meinen „Umzug“ in allen Einzelheiten vor und wartete, bis sich eine gute Gelegenheit ergab. 

An einem Herbstnachmittag, ich war seit zwei Monaten in der ersten Klasse, war ich bei einer Freundin in der Nachbarschaft zum Spielen. Vorher packte ich sehr sorgfältig einen kleinen roten Plastikkoffer: Zwei Bifis, eine Tafel Schokolade und meine beiden Puppen, die hießen Petersen und Christiansen (ich hatte beobachtet, dass das in Schleswig Holstein die Namen waren, mit denen man DRIN BLIEB im Spiel, das waren die Leute, die schon sehr LANGE hier wohnten und die man deswegen niemals aussortieren würde. Und für meine Puppen wollte ich natürlich nur das Beste. Die sollten auf jeden Fall ohne Zweifel DAZU GEHÖREN und deswegen mussten sie Petersen und Christiansen heißen). 

Als ich ungefähr eine Stunde mit meiner Freundin Yvonne im Garten gespielt hatte, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg zu Beate. Der kleine Ort, in dem ich aufgewachsen bin, ist nicht groß und ich hatte mir gemerkt, wo Beate wohnte. Ich dachte, dass sie sich bestimmt freuen würde, wenn wir zusammenwohnen würden, denn sie war ja auch alleine. Und vormittags, während ich in der Schule war, würde sie ja sowieso immer bei uns zu Hause sein und auf meinen kleinen Bruder aufpassen. Dann konnte sie immer berichten, wie es mir geht und niemand musste traurig sein. Das war mir wichtig, denn ich wollte auf keinen Fall, dass meine Eltern wegen mir traurig waren. 

Nach höchstens 10 Minuten Fußweg stand ich vor Beates Wohnungs-Tür und klingelte. Es dauerte sehr lange, bis sie die Tür öffnete und ich war erstaunt, wie sie aussah: Sie hatte nur so eine Art Nachthemd, also ein sehr großes Mickey Maus T-Shirt, an und ich dachte, komisch, ist sie mitten am Tag schlafen gegangen? Überhaupt war alles sehr seltsam, weil sie sich auch nicht so sehr freute, wie ich gedacht hatte. Trotzdem sagte sie irgendwann doch: Na gut, dann komm mal rein. Wir gingen durch einen engen dunklen Flur und ich hatte nicht so ein gutes Gefühl. Beate rief: Teddy, Maike ist hier! Und bevor ich mich fragen konnte, wer „Teddy“ war, sah ich ihn schon: Wir standen im Türrahmen zu ihrem Schlafzimmer und da lag ein Mann im Bett. Er hatte nur eine Unterhose an und rauchte eine Zigarette. Mir war irgendwie sofort klar, dass mein Plan nicht aufgehen würde. Ich bekam zwar ein Glas Orangensaft und Beate lächelte und sagte: Na, was machst du denn hier? Aber ich wusste, dass sie dachte, ich wäre nur zu Besuch gekommen. Ich trank meinen Saft aus, nahm meinen Plastikkoffer und machte mich wieder auf den Weg. Nach Hause wollte ich aber auch nicht. Deswegen setzte ich mich auf eine Bank auf den Parkplatz vor dem Glücksburger Schloss, Petersen und Christiansen links und rechts neben mir, und aß meine Bifis. Erstmal überlegen. Wo könnte man sonst noch hin? Mir fiel nichts ein. Irgendwann wurde es dunkel und ich stand auf und ging langsam nach Hause. Meine Mutter war nicht weiter überrascht über mein Erscheinen, was mich ein bisschen enttäuschte, was aber auch nicht verwunderlich war, denn sie dachte ja, ich wäre bei Yvonne gewesen. 

Im Postgebäude in Glücksburg hing an der Wand ein großes Plakat mit „Gammlern“. Jedenfalls stellte ich mir so die „Gammler“ vor. Es waren düster dreinblickende Menschen mit wirren Haaren, die schreckliche Verbrechen begangen hatten, wurde mir mit bedeutungsvollem Blick zugeraunt, und die deshalb von der Polizei gesucht wurden. Ich stand oft vor diesem Plakat, betrachtete die Gesichter der gesuchten „Touristen“ (wie ich das Wort verstanden hatte), und gruselte mich auf angenehme Weise, denn mir war klar, dass solche schlimmen Verbrecher niemals nach Glücksburg kommen würden. Hier war ich in Sicherheit. Aber irgendwo da draußen rannten also diese „Touristen“ rum und knallten Leute ab. Ich gruselte mich wohlig und war froh, dass ich immerhin nie so eine schlimme Außenseiterin sein würde wie diese „Touristen“. Im Verhältnis zu denen gehörte ich noch ordentlich dazu und machte alles richtig. 

Ich lernte, dass die „Touristen“ auf dem Plakat im Postamt „Linke“ waren. Aber auch insgesamt waren bei meinen Eltern Leute nicht gerne gesehen, die „LINKS waren“, oder Leute, die irgendwie „anders „ lebten“ –  und über Schwule wurde gar nicht erst geredet, das war völlig undenkbar. Schlechter Einfluss waren auch die SCHWER ERZIEHBAREN JUGENDLICHEN aus dem Heim nebenan. Die waren „KRIMINELL“. Dann gab es als Vorstufe zum schlechtem Einfluss noch die Leute, die man zumindest höchst skeptisch betrachten musste, z.B. die Leute von der Waldorfschule. Als Kind glaubte ich, dass da nur verrückte Spinner sind. Meine Mutter sagte immer: „Nett aber verrückt. Im wahren Leben kommen die nicht klar“. 

Was auch interessant war: Der Lehrerberuf stand zwar hoch im Ansehen, immerhin waren ja sowohl meine Mutter als auch mein Vater Lehrer – aber es galt ausschließlich der Gymnasiallehrer. Realschullehrer, Hauptschullehrer, oder gar Grundschullehrer galten bedeutend weniger und als Kind kam mir das auch ganz logisch vor: Zum Gymnasium gingen ja auch die klugen Kinder, die weniger klugen kamen an eine Realschule und die ganz Dummen mussten zur Hauptschule. Diese Logik übertrug ich 1 zu 1 auch auf die entsprechenden Lehrer und zu Hause am Mittagstisch wurde das bestätigt. 

Der einzige Schultyp, der von meinen Eltern geachtet wurde, war das Gymnasium. Auf der Realschule und der Hauptschule waren die „Nicht-so-Begabten“. Es war völlig undenkbar, dass ich nicht aufs Gymnasium gehen würde. Als ich endlich dort war langweilte ich mich meistens und hatte regelmäßig Bauchschmerzen wegen der Klassenarbeiten. Besonders Mathearbeiten konnten auf Wochen meine Stimmung versauen. Auf dem Weg zum Gymnasium, an dem auch meine Eltern unterrichteten, fuhr ich – im Familienauto auf der Rückbank – immer an Feldern mit Kühen vorbei. Jeden Morgen wünschte ich mir, ich wäre eine von diesen Kühen und könnte einfach auf der Weide stehen und kauen. Den ganzen Tag lang. Kein Stress. Keine Erwartungen. Einfach nur grüne Wiese und fressen. Außerdem fand ich Kühe sehr schön. Besonders ihre Augen. Die wissen was, von der Welt, dachte ich. Auf dem Rückweg nach Hause hatte sich die Lage dann aber komplett verändert. Auf dem Rückweg hätte ich niemals im ganzen Leben mit einer dieser Kühe tauschen wollen. Denn dann kamen die schönen Sachen. Mit Freundinnen im Garten sämtliche Bücher von Erich Kästner nachspielen. Das doppelte Lottchen. Das fliegende Klassenzimmer. Emil und die Detektive. Die Rollen wurden verteilt und dann spielten wir Kapitel für Kapitel durch. Mit Kostümen und Musik-Einspielungen vom Kassettenrekorder. Also quasi mit Soundtrack. Manchmal spielten wir auch Winnetou und Old Shatterhand. Aber da gab es oft Streit, weil jede von uns Winnetou sein wollte.

Zu Hause ging es in den Gesprächen beim gemeinsamen Mittagsessen häufig um Noten. Eine 3 war ein Disaster. Undenkbar. Eine Enttäuschung. In den Herkunfts-Familien meiner Eltern war die akademische Bildungsbiografie der unausgesprochene Standard. Wehe dem, der „dahinter“ zurückblieb: Gleich „gestorben“. Als Kind lernte ich schnell, dass alle Menschen, die kein Abitur und kein Studium hatten, „irgendwie gescheitert“ waren. Man blickte in unserer Familie auf sie herab. Mir war im Alter von fünf, sechs Jahren bereits klar, dass sich der Wert eines Menschen an seinem gesellschaftlichen Status bemisst. Künstler*in beispielsweise durfte man in unserer Familie nur werden, wenn man „dann auch sichtbar, also öffentlichkeitswirksam, Erfolg hatte“ – sich also der gesellschaftlich hohe Status durch „öffentliche Anerkennung“ einstellte. Da niemand in meiner Herkunftsfamilie als Künstler berühmt geworden ist, obwohl es viele versuchten, endeten die künstlerischen Ausbruchversuche immer irgendwie auf halber Strecke und wurden dann durch Kompromisse („dann werde ich halt doch Lehrer, Tierarzt, Rechtsanwalt,…“) an die Norm der akademischen Bildungsbiografie angepasst. 

Mit 14 war ich bereits davon überzeugt, dass ich zu den „Nicht-so-Begabten“ gehörte, quasi eine Hochstaplerin war, die sich nur deswegen am Gymnasium hielt, weil ich die heimlichen Codes kannte, um in diesem Feld zu überleben. Selbstwert also gen Null. Denn außer dem Deutsch- und Musikunterricht, der Big Band und der Theater- und Ballett-AG fand ich alles ziemlich uninteressant und konnte mir nichts länger als zwei Wochen merken. Glücklicherweise war mir aber von kleinauf der Katalog der Ausschluss-Kriterien gut bekannt, so dass ich diverse Tricks anwenden lernte, um meiner Umwelt vorzutäuschen, dass ich zu den „Begabten“ gehörte und somit im Kreis der Anerkannten bleiben durfte. Für Klassenarbeiten schrieb ich stundenlang Spickzettel in Mini-Schrift, die ich mir mit Tesafilm in die Innenseiten eines langen Ober-Hemds (Achtung 80-er!) klebte und Zeile für Zeile abschrieb. An den ganz und gar nicht in Frage kommenden FETEN, auf denen GENESIS gehört und Joints geraucht wurden, nahm ich teil, in dem ich nachts mit dem Fahrrad nach Flensburg fuhr und morgens früh wieder zurück, um dann am Sonntag Morgenam Frühstückstisch betont hellwach und ausgeschlafen zu performen. 

Wenn ich heute sagen soll, was ich in der Schule gelernt habe, dann ist das ziemlich wenig: Die englische Sprache (durch ständiges Romanlesen ab 14 ganz ok), ein bisschen Latein (die paar Sätze könnte man auch in 10 Minuten aus einem Sprüchebuch auswendig lernen), ein bisschen Französisch (Je ne parle pas Francais… ). Fertig. Für diesen Output am Ende von 13 Schuljahren erscheint mir das Ergebnis im Verhältnis zum Zeitaufwand recht kümmerlich. Erstaunlich, welche Bildungswunder sich heutzutage so viele vom Gymnasium erhoffen. Ich würde gerne mal testen, was heutige Abiturienten 5 Jahre nach ihrem Abschluss noch abrufen können – und wie zentral wichtig sie diese Wissens-Restbestände in Bezug auf ihr zukünftiges Leben einschätzen… 

Sehr leer ist mein Gehirn, was die Erinnerung an all diese vielen Jahren Fachunterricht angeht: Im Fach Erdkunde erinnere ich mich beispielsweise noch an das „Klimadiagramm von Timbuktu“, nicht aber, was es eigentlich aussagte. Ich kann mich auch an einige ratternde Filme mit herumfliegenden Kritzeln auf der Leinwand erinnern: Beispiel: Das Paarungsverhalten der Stichlinge. Wie sie sich nun paaren, kann ich allerdings nicht sagen und weiß auch nicht, ob ich das jemals wusste. 

Aus der Schulzeit ist ein großes Nichts zurück geblieben.. Ich habe demnach Stunden um Stunden, Tage um Tage, Jahre um Jahre die Zeit totgeschlagen.

Ich erinnere mich an die Menschen, an die Orte, an die Theateraufführungen, an die Proben, an unsere Texte, unsere Stücke und Gespräche, an die Reisen mit der Theatergruppe und der Big Band und die Auftritte – und das Hochgefühl, das ich dabei hatte. Den Rest habe ich offenbar erfolgreich ausgemistet. 

Es war damals aber immer klar, dass genau diese Anteile des Schullebens eben NICHT „zählten“. Das war nicht der „richtige Unterricht“. Das war „nur Spaß“, nur AG, nur Freizeit. Wenn ich nun aber 30 Jahre später feststelle, dass ich vom „richtigen Unterricht“ nahezu alles vergessen habe, mich aber andererseits bis auf den heutigen Tag auf zahlreiche Erfahrungen beziehe, die ich in den „Spaß-Projekten“ gemacht habe, frage ich mich, wieviel Sinn diese „Das ist die ernste Arbeit“- und „Das ist nur Spaß“- Gewichtung macht. 

Das Gleiche gilt für den Beziehungsaspekt. 

Interessiert habe ich mich in der Schule eigentlich immer nur für die ANDEREN – meine Mitschüler*innen und was ich mit ihnen erlebte. Was die machten, was die sagten, welche Gefühle das bei mir auslöste, was in der Gruppe passierte, wer cool war, wer nicht, wer mit wem „ging“ – und meine eigene Position innerhalb der Gruppe. Alles andere war uninteressant und wurde in meinem Gedächtnis erfolgreich geschreddert. All das aber galt in den Augen meiner Eltern als oberflächlich. Ach so. 

Genau wie in der Schule lernte ich auch zu Hause, dass ich auf der einen Seite Ablehnung erfuhr, wenn ich „schwierig“ oder „oberflächlich“ wurde und auf der anderen Seite Anerkennung und Nähe, wenn ich erfolgreich war. Ich sollte mich „benehmen“, freundlich, höflich und hilfsbereit sein, regelmäßig Klavier üben, meine Hausaufgaben machen und „funktionieren“. Mir war vollkommen klar, dass ich nicht „diskutieren“ und nicht „emotional“ werden sollte. Ich wusste immer, was „man macht“ und was „man nicht macht“. 

Sobald ich auch nur anfing zu rebellieren, wurde mir sofort vorgeworfen, dass ich „unter dem Einfluss“ von irgendeinem furchtbaren Menschen stünde. Auf keinen Fall konnte so ein Gedanke in mir selbst entstanden sein, denn „so bist du ja gar nicht“. 

Was ich als Erziehung erlebt habe, bestand also im Wesentlichen darin, das, was ich selbst dachte oder tun wollte, als vollkommen abstruse Verhaltensweisen zu unterdrücken und „schlechte Einflüsse“ (von denen ich geradezu umzingelt zu sein schien) von mir fernzuhalten. Was ich tun und sagen musste, damit ich Nähe und Zuneigung erhielt, wurde für mich zu einem sehr eindeutigen Verhaltens-Kanon, den ich meistens schauspielerisch zufriedenstellend absolvierte – ohne dabei zu zeigen, was ich wirklich dachte oder wollte. So erspielte ich mir Lob und Zuspruch, wusste aber immer, dass ich das nicht wirklich verdient hatte – denn ich tat ja nur so „als ob“. 

Meine „Werte“ mit 20 ließen sich dann irgendwann wie folgt zusammenfassen: Sei zu allen Leuten nett (Interpretation von Nächstenliebe) und passe dich bestmöglich an. Sei eine entzückende, BESCHEIDENDE (!), Person, die sich in allem selbst zurückstellt, mit einem glockenhellen Lachen, die allen Menschen immer alles recht macht. 

Genau. Deswegen war das Wort Integrität für mich ein Fremdwort. 

Unmerklich hatte sich bei mir eine Grundhaltung ausgebildet, die jeglichem Gefühl für meine eigene Integrität komplett entgegenlief und die Grundlage dafür war folgendes:

Lange Zeit fühlte ich mich ganz toll moralisch überlegen, dass ich „mein eigenes Wollen so in den Hintergrund stellte“. Denn da lag der vermeintliche Wert des Altruismus drunter: Ich bin ein besserer Mensch, weil ich mich selbst nicht so wichtig nehme. Immer schön bescheiden sein, ne? Und das war dann auch so schön, wenn alle mich deswegen MOCHTEN. So kommt mensch ja gut durchs Leben: Immer freundlich, immer leicht devot, immer hilfsbereit, immer schön lächeln. Immer bei den Erwartungen der anderen sein. Nee, mach du mal, ich nehm mich selbst ja nicht so wichtig. Geh du mal vor. Nee, ich schlaf auf jeden Fall auf der Couch. Ich brauch nicht so viel. Ach, nimm einfach, nee, ist kein Problem. Ich mach das einfach umsonst. Es geht mir ja um die INNEREN Werte.Ach. Es ist so toll, ein guter Mensch zu sein. 

Nein. Eigentlich nicht. Denn. In Wahrheit wird man dadurch. Ein. Schlechter. Mensch.

Weil: Unmerklich war ich auf der moralischen Autobahn gelandet, die direkt zu den lästernden und ausgrenzenden Menschen führte, die von Nächstenliebe reden, aber ihrem Vordermenschen im Supermarkt in der Schlange mal ganz kurz „aus Versehen“ den Einkaufswagen in die Hacken rammen müssen. Diese leichte passiv-aggressive Art. Der schon wieder! Kann der nicht mal seinen Müll weg bringen? Nicht so viel trinken? Nicht so laut sein? Nicht rauchen? Mehr arbeiten? Fleißiger sein? Sportlicher sein? Hilfsbereiter sein? ANDERS sein? BESSER sein….??? So wie ICH…??? Ja genau: Warum können die anderen nicht so PERFEKT sein, wie ich immer bin (…äh… sein MUSS)…?? 

Naja. Und jetzt sind wir ein bisschen beim Kern angelangt. Bei der Erschütterung in Neukölln. Das „Lieb-Sein“ ging bei mir nämlich nur so lange gut, wie darauf auch auf dem Fuße die „Belohnung“ folgte. Eigener Selbstwert nämlich: Gleich Null. Deswegen war es wichtig, dass andere (ununterbrochen) wahrnahmen, was für ein GUTER Mensch ich war und mich  entsprechend auch lobten: Toll gemacht, Maike! Super! So lange ich alles „richtig“ machte und dafür Bestätigung von außen erhielt, war alles gut. Selbstwert safe. Zwar ertappte ich mich dann trotzdem des öfteren bei so passiv-aggressiven Gedanken („Die immer – ich nie!!), wenn sich jemand meiner Ansicht nach „zuviel raus nahm“, aber ich hätte noch sehr lange so weitergemacht – wenn nicht in Neukölln in gewisser Weise ein kleiner Infarkt stattgefunden hätte. Alles, was ich bis dahin gelernt hatte, funktionierte nämlich leider nur in „Happyland“*, also dort, wo alle weitestgehend dieselbe Sozialisation und dieselben Vorteile hatten, wie ich. Da, wo die Mehrheit weiß und akademisch gebildet war. In SOLCHEN Umfeldern wusste ich den Code der Anpassung. Wusste, wie ich mich verhalten musste, um Anerkennung zu bekommen. Natürlich nicht für das, was mich SELBST ausmachte. Aber immerhin für das, was allseits als Qualität abgenickt und verstanden wurde. Und so sah ich auf die Welt. 

Folgerichtig bemitleidete ich mich bei meinem allumfassenden Scheitern in Neukölln selbst. Ich hatte doch immer alles RICHTIG gemacht! Warum fanden die Jugendlichen meinen Unterricht doof? Warum lehnten die mich ab? Es konnte nur eine Erklärung geben: Weil sie zu dumm und zu minderwertig waren, um meine tolle Leistung zu SEHEN und anzuerkennen! Ich dachte „Perlen vor die Säue!“. Was ich nicht sehen konnte, war: Mein gesamter Selbstwert beruhte NICHT auf einer eigenständigen Leistung oder einer eigenen Idee, die ich gegen Widerstände in der Welt durchgesetzt hatte, sondern in der beständigen Anpassung an Fremderwartungen. Ich konnte nur Anpassungsleistungen honorieren, nicht aber selbständiges Denken oder eigenständiges Handeln, denn das machte mir Angst, weil es mir mein größtes Defizit schmerzhaft bewusstmachte: Dass ich selbst nicht wusste, wer ich war, wenn ich selbständig denken und handeln sollte. Dass mein Selbstwert von äußeren Bewertungen abhing. Vom Lob und der Zuwendung der anderen. Wenn das wegfiel, merkte ich, dass ich mich selbst für nicht besonders wertvoll hielt. Dass beim Thema Selbstwert Tabula Rasa war. Wer war ich, wenn mich NIEMAND toll fand? 

Und hätte ich solche Gedanken jemals in meinem bildungsbürgerlichen Umfeld geäußert oder sogar versucht, irgendeinen eigenen, abweichenden Weg einzuschlagen, die Rolle der Gefall-Barbie zu verlassen, dann wäre die Reaktion im besten Fall abfällig-amüsiert gewesen, es hätte geheißen: „Ach, jetzt braucht sie was eigenes. Jetzt braucht sie ihr Jodel-Diplom!“ (Zitat Loriot… Nicht umsonst ist Loriot erwiesenermaßen ein großer Kenner der (Voll-)Psychosen des weißen Bildungsbürgertums).