Türwächter*innen der Freiheit – Sechstes Kapitel

6 Der Sheriff – Recht und Ordnung

 Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 6. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß!

Es waren nicht nur die äußeren Räume, die an dieser Schule verwahrlost waren. Es waren auch die inneren Räume IN den Menschen. Mir kam es so vor, als wäre ich in einem Western gelandet, der kurz nach dem Bürgerkrieg spielt: Eine alte Ordnung war scheinbar zusammen gebrochen, bzw. funktionierte ganz offensichtlich nicht mehr, alle Beteiligten schienen irgendwie traumatisiert und entmenschlicht wie lebende Tote durch das herrschende Chaos durchzuwurschteln und bezogen sich in ihren Köpfen noch auf eine alte Ordnung, die aber nicht mehr existierte. – Ich hatte das Gefühl in einer Art rechtsfreiem Raum zu schwanken, in dem noch nicht klar war, welche Werte und Ordnungen sich durchsetzen würden. Was aber das Schlimmste war: Ich traute meinen eigenen Überzeugungen nicht mehr zu 100 Prozent. Denn wie konnte es sein, dass ich nicht eine einzige Unterrichtsstunde so hinbekam, wie ich es gewohnt war? 

Nach den ersten zwei Wochen war der Stundenplan weitestgehend fertig und in Kraft und ich war nun mit Herrn Böhm, dem Klassenlehrer der 8b, in vier Stunden der Woche doppelt gesteckt. Wie man das nennt. Heißt: Wir unterrichteten jetzt vier Stunden in der Klasse zu zweit. 

Herr Böhm findet das großartig: Jetzt hab ich endlich mal ne hübsche Assistentin, ha ha. 

Er freut sich wie immer sichtlich über seine Knaller-Bemerkung und ich mache einen Schritt zur Seite, weil ich fürchte, dass er mir gleich im Vorbeigehen auf den Hintern haut. Er sagt so Sachen wie: Ist doch immer schön, wenn n bisschen Frischfleisch kommt… hat man was zu Schauen! 

Herrn Böhm mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Er hat seine Klasse „im Griff“, wie er nicht müde wird zu betonen. Ich bin mal gespannt, wie das geht: Die Klasse 8b „in den Griff“ zu bekommen. Mir schwant nichts Gutes. Meine unguten Erwartungen werden aber noch weit übertroffen. Als wir den Klassenraum betreten, hört das übliche Gegröle augenblicklich auf. Alle eilen an ihren Platz und – ich traue meinen Augen nicht – begrüßen ihn stehend mit einem strammen „Gu-ten Mor-gen, Herr Böhm!“. Und Herr Böhm macht ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge und schmettert zurück: „Guten Morgen, ihr Vollpfosten“. Einige Schüler lachen unangenehm begeistert und machen ein Victory Zeichen in seine Richtung. 

Herr Böhm: So. Ihr könnt euch hinsetzen, ihr Flaschen. 

Stühlegeruckel. Alle sitzen ziemlich gerade auf ihren Plätzen. 

Na, dann wolln wa mal. (Herr Böhm ist sichtlich in seinem Element). Ach, Selina, willste heute unbedingt noch gebumst werden, das ist ja ne ganze Douglas Drogerie, die de Dir ins Gesicht geschmiert hast… ich geb dir mal nen Tipp – das stört beim Küssen, wenn man das ganze Zeug vorher ablecken muss… 

Röhrendes Gelächter bei den Jungs. Selina errötet und schaut nach unten. 

Ach und Kevin, du kleiner Fettsack, komm ma nach vorne, unsere kleine Strebersau hat doch bestimmt wieder die Hausaufgaben als einziger tip top erledigt. Kannste gleich mal anschreiben, Zack Zack… 

Kevin steht unbeholfen auf und macht sich mit unglücklichem Gesicht auf den Weg nach vorne zur Tafel. 

Schneller geht’s nicht, wa? Musste mal weniger Kartoffelchips in dich rein fressen, is ungesund… 

Kevin verzieht sich hinter die eine Tafelseite und beginnt verdeckt etwas anzuschreiben. 

Ich bin so was Ähnliches wie schock-gefroren. Stehe sprachlos noch immer neben der Tür und warte darauf, dass ich aufwache. Aber es ist kein Traum. Es geht munter weiter. 

Na, Justin, hat deine Alki-Mutti heute wieder alles vollgekotzt? Scheiße man, du solltest mal duschen oder kannste nicht wenigstens deine Klamotten ma waschen, dann stinkste nicht so… is ja widerlich.

Justin legt den Kopf auf die Tischplatte, verbirgt ihn unter den Armen und bleibt bis zum geschlagenen Ende der Stunde in dieser zusammengekrümmten Embryonal-Haltung sitzen. Rührt sich nicht mehr. 

Doch Herr Böhm ist noch lange nicht fertig. Im Vorbeigehen schlägt er Mahmoud das Käppi vom Kopf.

Mütze ab! blökt Herr Böhm, wir sind hier nicht im Ghetto-Konzert!

So, und jetzt wird hier mal wat gelernt. Bücher raus! Wo warn wa stehen geblieben? 

Es folgt: Brutalster Frontalunterricht, wie ich ihn seit mindestens 100 Jahren für abgeschafft gehalten habe. Eigentlich redet nur Herr Böhm. Er kommentiert, doziert, beschämt, lobt und tadelt wie ein wahrer Meister. Er findet sich selbst unfassbar unterhaltsam, lacht schallend über seine eigenen „Witze“, die ausnahmslos auf Kosten der Jugendlichen gehen. Nach fünf Minuten ist klar, wer seine Lieblinge sind: Chris und Mahmout, die sich hier offenbar in beleidigenden Sprüchen gegenüber allen anderen mit ihrem Klassenlehrer einen lustvollen Wettbewerb liefern. Es ist ein bisschen so wie „Schiffe versenken“, nur werden hier Menschen versenkt. Und der zweite Wettbewerb, der läuft ist der, wer am coolsten auf herabsetzende Sprüche reagieren kann. 

Na, Mehmet, das ist jetzt zu hoch für dich, nehm ich an – aber mach dir nix draus – als der liebe Gott die Gehirne verteilt hat, warste halt noch pennen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, hö hö hö. 

Mehmet errötet, lacht etwas gezwungen und nickt, ha ha, sehr witzig. Toller Scherz. 

Die ganze Klasse frisst diesem Monster aus der Hand, ich kann es nicht fassen. 

Ich schaue zu, wie diese Kaserne weiter funktioniert wie am Schnürchen und bin im wahrsten Sinne des Wortes gelähmt. Warum mache ich nichts? Warum sage ich nichts? Ich stehe da an der Tür und bemerke nur meinen Magen, der sich zusammenkrampft. Aber scheinbar ist mein gesamter Organismus ausgeschaltet. Ich komme mir vor wie in einem schlechten Film. Wo kann ich mich hier einklinken? Was kann ich tun? Während mein Körper versteinert ist, rasen meine Gedanken von links nach rechts und kommen zu keinem Ergebnis. 

Warum lassen die sich das gefallen?? 

Und nicht nur das. Sie scheinen IHM gefallen zu WOLLEN. Jeder schlechte Witz auf Kosten anderer wird sofort mit großem Gelächter goutiert. Gleichzeitig herrscht eine seltsame Angespanntheit, fast hysterische Verkrampftheit im Raum. Nach ca 20 Minuten geht mir auf, was das ist: Angst. 

Herr Böhm ist so blitzschnell im verbalen Niederstrecken von Menschen, dass alle ununterbrochen auf der Hut sind, nicht selbst zum nächsten Opfer zu werden. Ich frage mich, wo Taher ist. Und ertappe mich dabei, ihn herbei zu sehnen. Denn diese Arschkriecherei im Angesicht all dieser Demütigungen ist überhaupt nicht auszuhalten und wenn da einer gegenangehen kann, dann ist es sicherlich Taher. Denke ich. Doch so kann mensch sich täuschen. Als Taher eine halbe Stunde zu spät den Klassenraum betritt, halte ich den Atem an. Und werde bitter enttäuscht. Taher schlendert sehr langsam und selbstsicher grinsend herein. Herr Böhm schaut auf. Erwidert sein Grinsen. Die beiden geben sich vorne am Pult High Five. Taher wendet sich mit triumphierenden Lächeln der Klasse zu, macht ein Victory Zeichen, lässt sich betont lässig auf seinen Platz fallen und lehnt sich genüsslich auf seinem Stuhl nach hinten, wie in Erwartung eines schönen Schauspiels, bei dem er der Ehrengast ist. 

Er sitzt in derselben Haltung wie Herr Böhm breitbeinig fläzend auf seinem Stuhl und zwinkert mir zu. Ernsthaft? Ich starre ihn an. Merke, wie die Wut in mir aufsteigt. Taher genießt den Augenblick. Aber offenbar reicht ihm der Triumph noch nicht. Er steht auf, geht betont lässig zum Papierkorb neben der Tür, wirft sein Kaugummi hinein und wendet sich mir dann kurz zu: Guck ma, raunt er mit einem breiten Grinsen, das ist der Sheriff und HIER herrscht Recht und Ordnung. SO geht Unterricht. 

Er kehrt auf seinen Platz zurück. Vor lauter Wut bin ich kurz davor, Taher hinterher zu brüllen: Bist du VÖLLIG bescheuert?? Aber klar. So redet Mensch ja nicht mit einem Schüler. Ich schlucke die Bemerkung runter. Schade eigentlich. Vielleicht wäre das der Ton, den er versteht. Sofort erschrecke ich über diesen Gedanken. Bin ich jetzt schon infiziert von dieser ganzen Atmosphäre?

Ich verbringe die ganze Unterrichts-Stunde in Bewegungs-Starre an der Tür, werde auch offensichtlich für die Performance von Herrn Böhm nicht gebraucht. In den letzten zehn Minuten geht es dann um einen Ausflug, Herr Böhm will mit der Klasse ins Freibad. Damit wir Jungs noch n bisschen wat zu sehen kriegen, bevor der Sommer zu Ende ist. Also n paar hübsche Ärsche, ich hoffe – ach nee, ich bin mir SICHER – Frau Plath zieht sich n knackigen Tanga an, da FREU ich mich ganz besonders drauf, Frau Kollegin…hö hö… 

Taher schaut mich an und macht mit den Armen die einschlägige Bums-Bewegung, alle grinsen in meine Richtung, dann schallendes Gelächter… 

Ich drücke sanft die Türklinke hinter mir runter und verlasse rückwärts den Klassenraum, und während ich die Tür von außen leise schließe, höre ich Herrn Böhm noch sagen: Hui, da ist aber jemand empfindlich, oder die ist n bisschen frigide, kann ja auch sein, schade, … hö hö hö… 

Ich gehe langsam den stillen grauen Schulflur entlang und stelle mir vor, wie ich dem Sheriff Böhm ins Gesicht schieße und die Western-Stadt befreie. High noon. Do not forsake me, oh my darling. 

Am Wochenende darauf fahre ich nach Hamburg und treffe einige ehemalige Kolleginnen und Kollegen aus Bullerbü. Wir sitzen bei Matthias im Garten und grillen, wie so oft schon vorher, aber für mich fühlt sich die Situation seltsam fremd an. Auf der Zugfahrt hatte ich mir ausgemalt, wie ich mich mal so richtig schön ausheulen würde. Jetzt aber sitze ich da mit meinem Grill-Teller auf den Knien, picke in meinem Salat herum und versuche, zu erzählen „wie es mir an meiner neuen Schule geht“. Leider versteht mich niemand. Offenbar denken alle, ich würde maßlos übertreiben. Oder sie erhoffen sich eine stärkere Maike, die heldenhaftere Geschichten zu bieten hat. So „Michelle-Pfeiffer-mäßig“ wie in „Gangstas Paradise“: Cowboy Stiefel cool aufs Pult ballern und zack sind alle verliebt und die Sache läuft. Leider ist meine Realität ein bisschen anders. Angefangen damit, dass ich nicht Michelle Pfeiffer bin. Irgendwie kann ich mich meinen Ex-Kolleg*innen überhaupt nicht verständlich machen und schaue in seltsam verschlossene bzw. betretene Gesichter. Als ich zum Schluss vom Sheriff erzähle, sagt eine Kollegin: Also, wenn der wirklich so drauf ist, warum gehst du dann nicht zur Schulleitung und beschwerst dich? 

Ja. Warum gehe ich nicht zur Schulleitung und beschwere mich? 

Meine Schulleiterin ist 64 Jahre alt und kurz vor ihrer Pensionierung. Es ist ihr ins Gesicht geschrieben, dass sie bis dahin nur noch heile durchkommen will. Auch hier wieder die berühmte Minimalanforderung. Und wer ständig an ihrer Seite ist und offenbar ihr engster Vertrauter und Berater: Herr Böhm, mit dem sie tagtäglich tuschelnd in der Ecke steht und in den Konferenzen mit Blicken kommuniziert. Ihr öffentliches Credo lautet:Kollege Böhm hat alles im Griff – was man von den anderen Kollegen leider nicht behaupten kann. (Leicht vorwurfsvoller Blick in die Runde).

Sobald irgendeine Entscheidung getroffen werden muss, konferiert sie unter vier Augen mit Herrn Böhm in ihrem Schulleiterzimmer. Herr Böhm ist also nicht nur in der 8b der Sheriff. Er ist der Sheriff der Schule. 

Inzwischen wird mir auch die Sitzordnung im Lehrerzimmer klar: Da sitzt am ersten großen Tisch direkt vor dem Schulleiterzimmer Herr Böhm in der Männerrunde. Das ist quasi der Saloon, wo John Wayne mit seinen männlichen Gefolgsleuten sitzt und ununterbrochen gegen die blöden Frauen mit ihrer Kuschel-Pädagogik hetzt. Die Frauen sitzen an den anderen Tischen, aber einige vom Sheriff auserwählte Kolleginnen tüddeln ständig um die Western-Machos herum, bringen selbstgebackenen Kuchen, „Naschis“, Obst und andere Aufmerksamkeiten mit, kichern begeistert über die Sprüche und Scherze vom Sheriff und machen einen auf Frauchen. Klar. In einem Western spielen Frauen keine großen Rollen. Und die Rollen, die es im Western für Frauen gibt, sind ja recht klar abgesteckt… 

Wer sich in diese groteske Unterwerfung nicht fügt, ist nach Ansicht des Sheriffs humorlos, langweilig – „unterfickt“, so seine Wortwahl – oder eben frigide. 

Das alles kann ich meinen ehemaligen Bullerbü Kollegen nicht erklären, sie halten es offenbar für eine befremdliche Übertreibung, nicht möglich im Jahre 2004. Dieser autoritäre Machotypus ist doch längst ausgestorben, das ist ihre Meinung. 

Wenn ich mir meine ehemaligen männlichen Kollegen aus Bullerbü in DIESEM Kollegium hier vorstelle, dann ist mir klar, dass sie von Herrn Böhm als Schluffi-Männer betrachtet und verachtet werden. So wie er ja überhaupt für alle eine passende Schublade mit Beschriftung parat hatte – wie festgelegte Rollen in einem Skript: 

Da gibt es die harten, ehrlichen Kerle, die mit strenger Hand für Recht und Ordnung sorgen und die sich in diesem Sauhaufendurchsetzen können, weil sie diesen reformpädagogischen Quatschals dummes Geschwätz und Träumerei hinter sich gelassen haben. Dann gibt es die hübschen, minderbemittelten Kolleginnen, die immer noch versuchen, mit ihrer wertschätzenden Kuschel-Pädagogikdurchzukommen und damit jeden Tag jämmerlich scheitern, aber immerhin sind die attraktiv und lachen über seine Witze, deswegen dürfen die auch am Wochenende mit zum Sauna-Ausflug mit den harten Kerls. Und dann gibt es noch die nervigen frigiden Schlampen, die Emanzen, die alles besser wissen und sich in den Klassen aber auch nicht durchsetzen können. Mit denen ist dann einfach mal gar nix anzufangen.Zu dumm und zu hässlich, um irgendeinen Unterhaltungswert zu habenUnd ihren Job können sie auch nicht. Und in der allerletzten Rollen-Kategorie sind eben diese Schluffi-Männer, die sich den frigiden Schlampen unterwerfenund in den Konferenzen auch so einen Feminismus-Quatsch von sich geben. Und was die Jugendlichen angeht: Das sind für Herrn Böhm die Affen. Von denen ist ja keiner deutsch, blökt er in die Runde, und genau das ist ja das Problem. Also mit vernünftigen deutschen Kindern könnte man ja auch meinetwegen bisschen Traumtänzer-Pädagogik machen, aber mit den Affen hier geht das eben nicht. Sieht man ja, was hier los ist! Da sitzt dann ein Herr Meier (der im übrigens während dieser Worte direkt neben ihm sitzt) die ganze Stunde vorne am Pult und lässt sich mit Papierkügelchen bewerfen! – Ein Skandal ist sowas! Nee nee nee Leute, bei diesem Gesocks braucht es ne andere Gangart!  

Ja, das war so in etwa die Weltsicht des Sheriffs. Und was für mich das Schockierendste war: Niemand widersprach. Ich auch nicht. Noch schlimmer: Ich versuchte, jeglichen Attacken zu entgehen, indem ich mich lieb und nett verhielt. Ich wollte bloß keine Emanzesein. Ich hatte Angst, meine wahren Empfindungen und Eindrücke zu äußern und ausgegrenzt zu werden. Ich dachte: Halt einfach den Mund und verhalte dich unauffällig. Versuche, in dieser neuen Situation zu überleben. Und überleben hieß für mich: Herausfinden, welche Maßstäbe gelten und dann die Erwartungen des Umfeldes bestmöglich erfüllen. Am besten sogar übertreffen. Die Beste sein. Die 1 kriegen. Anerkennung erhalten. Dieses Muster in mir drin sprang jetzt offenbar an. Im Wesentlichen wohl deshalb, weil ich mich völlig isoliert fühlte. Es gab niemanden, der meine Sicht auf die Dinge teilte. Selbst die offeneren Kolleginnen, die dem autoritären Stil des Sheriffs kritisch gegenüberstanden, (oder das zumindest mit traurigem Gesicht behaupteten), schienen sich irgendwie „gefügt“ zu haben und verstanden nicht, was mich so wahnsinnig verstörte. Ich war mit meiner Perspektive ganz offenbar allein.  

Also machte ich das, was ich von klein auf gelernt hatte. Ich fragte mich, wie finde ich Anerkennung? Was muss ich machen, um geliebt zu werden? Und meine tief verwurzelte Prägung lieferte da eine klare Antwort: Wenn du geliebt werden willst, lächle, nicke, ordne dich unter – behalte deine Gefühle und Gedanken für dich. Versteht hier sowieso keiner. Und in diesem unangenehmen Western galt offenbar das Gesetz: Wer die Klassen nicht in die Spur kriegt, ist eine Verliererin, bzw. ein Verlierer. Eine unfähige Lehrerin, ein Opfer. Sozialer Wert gleich null. „In die Spur kriegen“ hieß: Autoritär herrschen, im Zweifel mit allen Mitteln. Grenzüberschreitungen und verbale Gewalt waren offenbar völlig ok. Wenns denn der Sache dienlich ist…? In den alten Western blieb es ja auch ziemlich unhinterfragt, diese Haltung, dass die weißen Helden sich gegen die ursprüngliche Bevölkerung „durchsetzen“ mussten, wenn die unverschämterweise den Eisenbahnbau behinderte. Und der Eisenbahnbau war ja nun definitiv das Richtige, weil: ZIVILISATION! Und klar wurde dann eben auch „geschossen“, wenn die Situation nicht anders in den „Griff zu kriegen war“. Und an dieser Schule war man (n) quasi im Wilden Westen und glaubte unerschütterlich an die eigene Überlegenheit gegenüber diesen „Neuköllner Gangstern“, „Affen“, dem „Gesocks“ halt. Jegliche anspruchsvolle und gleichwürdige Pädagogik war hier offenbar aufgegeben worden. Die Sicht auf die Jugendlichen war grundsätzlich defizitär und herabsetzend, aber niemand nahm das wahr. Es war einfach gar nicht Thema. Niemand hätte zugegeben: Ja, stimmt, ich habe offenbar krasse Vorurteile – sondern es herrschte die Haltung: Die Jugendlichen SIND leistungsschwach, kriminell und minderbemittelt und WIR armen Pädagogen müssen uns mit diesem Sauhaufen abgeben. Wenn beispielsweise eine Schülerin den Berufswunsch Ärztin äußerte, wurde sie von ihren Lehrer*innen im besten Fall einfach nicht ernst genommen, im schlechtesten Fall mit zynischen Sprüchen und höhnischem Gelächter offen bloßgestellt. Na, das ist ja völlig unrealistisch, Fatima, du kannst froh sein, wenn du den Hauptschulabschluss schaffst…Dann kannst du ja vielleicht ein Nagelstudio eröffnen… Ach nee, dafür brauchst du ja ein bisschen Mathe… hö hö…  Niemand fand das unkorrekt. Und ich rieb mir zwar die Augen, wo ich gelandet war, zweifelte aber an meinen eigenen bisherigen Überzeugungen. Denn wenn ich mich hier auf der Grundlage MEINER pädagogischen Werte bewegte, entstand im besten Falle ein Einzel-Gespräch mit einer Schülerin, aber noch lange kein Unterricht. Ich scheiterte ununterbrochen an den einfachsten Dingen, ich kriegte ja noch nicht einmal einen Stuhlkreis hin. Ganz plötzlich war ich nicht mehr die beliebte, tolle Lehrerin. Die beliebte, tolle Kollegin. Das fühlte sich scheiße an. Ich war mit diesem peinlichen Gefühl konfrontiert, dass ich gefallen wollte. Oder zumindest, dass ich verstanden werden wollte. In meinem inneren Zwang zu gefallen oder wenigstens akzeptiert zu werden, EGAL in welchem wie auch immer absurden Umfeld, fiel mir gar nicht auf, das die ganz entscheidenden Fragen hier nie gestellt wurden: Nämlich was genau der Sinn und Zweck von Unterricht sein sollte, um welche Zieleund Wertees gehen sollte. Dass darüber überhaupt kein Austausch stattfand, geriet mir in dieser Anfangszeit völlig aus dem Blick. Darüber wurde GAR NICHT geredet. 

Aus heutiger Sicht erscheint es mir unvorstellbar, dass ich in DIESEM Umfeld in den Anpassungsmodus geriet und teilweise sogar selbst autoritäre Haltungen übernahm. Ohne überhaupt zu MERKEN, dass es sich um autoritäre Haltungen und Verhaltensweisen handelte. So kam es zu den absurdesten Situationen: Einmal folgte ich beispielsweise dem gut gemeinten Rat einer Kollegin und fing an, Striche für Fehlverhalten einzutragen. Tolle Idee. Damit das auch gleich ganz direkt Wirkung erzielte, wurden diese Striche von mir auch – für alle gut sichtbar – vorne an der Tafel angeschrieben. Bei drei Strichen gab es dann eine Sanktion. Damit gingen die Probleme los. Was für eine Sanktion? Eine sechs eintragen? Interessierte keinen. Eine Strafarbeit (tolles Wort) aufgeben? Wurde dann sowieso nicht gemacht und dann musste ich wieder einen Strich (?), eine Sechs (?) eintragen, was ja –eben! – niemanden interessierte. Die Eltern informieren? GANZ schlechte Idee. Da konnte es passieren, dass Samira am nächsten Tag ein blaues Auge hatte. Und klar, war sie dann die Treppe runtergefallen. Logisch. In solchen Situationen lernte ich, dass auch die Eltern dringend Unterstützung gebraucht hätten. Stattdessen wurden sie aber in Elterngesprächen und Klassenkonferenzen in überheblichem Tonfall zurechtgewiesen, ermahnt und gedemütigt. Hinter jedem Problem standen tausend weitere. Mit Strichen konnte man der Komplexität der Gesamtsituation in der Tat nicht wirklich beikommen. Aber das merkte ich leider erst schrittweise. Und beschäftigte mich anfangs in einem absurd hohen Maße mit so Fragen wie: 

Für welches Verhalten gibt es einen Strich, also was ist ein Fehlverhalten? Und welches Fehlverhalten ist noch ok – also kein Strich –  und was ist ein schlimmes Fehlverhalten? Also wenn jemand laut ist, gibt es einen Strich? Aber dann haben nach zehn Minuten spätestens sowieso ALLE einen Strich – bzw. tausende… Und ab wie vielen Strichen soll es welche Sanktion geben und wie lässt sich diese Sanktion dann durchsetzen, was passiert ab einer bestimmten Anzahl von Strichen? Als wäre das nicht alles schon absurd genug, hatte ich dann noch die tolle Idee, die Striche durch Brownie-Points zu ergänzen, also positive Punkte, die man sammeln konnte für gutesVerhalten. Aber ab wann und für was gab es einen Brownie-Point? Und dann brauchte es ja auch eine Belohnung ab einer bestimmten Punktzahl. Irgendwann war ich nur noch mit Strichen und Punkten, Sanktionen und Belohnungen und Streitereien darüber beschäftigt. Ständig rastete jemand aus, weil irgendwas voll unfair war und dann mussten wir entweder ewig über Striche und Sanktionen diskutieren oder die Situation eskalierte komplett. Und dafür gab es dann wieder einen Strich? Oder hundert? Und während ich mich in hilflosen Belohnungs- und Strafsystemen verhedderte, wuchs in mir ein unangenehmes Gefühl der Scham darüber, dass ich so ins Schlingern geraten war und keinen guten Unterricht mehr machte. Ich hörte mich Sätze sagen und Dinge tun, die ich noch bis vor kurzem für undenkbar gehalten hatte. Wenn du dich jetzt nicht sofort hinsetzt, muss ich die Schulleitung einschalten. Jetzt ist Schluss. So wird das nie was. Dann schreiben wir jetzt eben einen Test. So macht das keinen Spaß mit euch. Dann müsst ihr die Scheiße eben selbst auslöffeln. Da kann ich jetzt auch nichts machen. Ach, das ist doch alles Perlen vor die Säue hier! Ruhe jetzt.  

Es war erbärmlich. Ich war erbärmlich. Und der Sheriff hatte beste Laune und bedachte mich tagtäglich mit seiner anzüglichen Freundlichkeit. Keine Bemerkung ohne irgendeinen Bezug zu meinem Aussehen. Herr Böhm selbst nannte das Komplimente machen. Und natürlich musste ich ständig erklären, warum ich nicht mit in die Sauna komme. Unbegreiflich, aber: Ich wehrte mich nicht. Das autoritäre Setting, in dem ich mich plötzlich wiederfand, aktivierte bei mir ein eigenes, längst überwunden geglaubtes autoritäres Muster – die auf Anpassung sozialisierte, liebe Gefall-Barbie. Und so verstummte in mir das innere Wesen, das sich im Referendariat noch so schön aufgebäumt hatte – und ein anderes Monster in mir wurde wieder wirksam: Mein internalisierter Gehorsam. 

Liebeserklärung an die älteren, weißen Männer

Neulich bei einer Stiftungsveranstaltung, bei der ich meine Gedanken zum Thema „Zukunft Schule“ vortragen sollte, haben mich mal wieder ein paar weiße, ältere, gebildete Männer in gereiztem Ton in Grund und Boden geredet und ich habe mich gefragt: Warum sind die denn jetzt schon wieder so aggressiv? Warum können wir nicht einfach in Ruhe reden? Warum komme ich mit einem Gedankengang gar nicht mehr durch, ohne dass jemand sich angegriffen oder beleidigt fühlt?

Was ist denn da eigentlich los?

Ich habe deswegen beschlossen, dass ich jetzt eine Liebeserklärung an alle älteren, weißen Männer schreibe.

Aber weil sie mich immer unterbrechen, bevor ich fertig bin, habe ich beschlossen, dass diese Liebeserklärung nur diejenigen bekommen, die diesen Text ZU ENDE lesen. Denn es kann ja nicht sein, dass wir im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram, Mails und Sprachnachrichten offenbar nur noch die Aufmerksamkeitsspanne eines Kaninchens haben und dann nicht abwarten können, bis ein Gedankengang zu Ende formuliert ist.

Der folgende Text ist also eine Art Training für all diejenigen, deren Konzentration ins Flackern geraten ist und die mal schauen wollen, ob es noch möglich ist, an EINEM Text von Anfang bis Ende dran zu bleiben.

Dieser Text ist für euch alle. Aber insbesondere für die älteren, weißen, gebildeten Männer, die eine Belohnung bekommen, wenn sie ihren eventuellen Ärger im ersten Teil dieses Textes in den Griff bekommen und trotz ihrer möglichen Irritationen konzentriert weiter lesen bis zum Schluss.

Worum geht’s? Es geht darum, dass ich erklären möchte, was der Zusammenhang ist zwischen Unisex-Toiletten, Greta Thunberg, Herrschaftsfreiheit, normiertem Denken und unserem Schulsystem.

Und wer sich jetzt zusammenreißt und dranbleibt, wird belohnt. Versprochen.

Meine These: Ich glaube, dass es Zeit wird, bestehende Normen zu hinterfragen und sie durch gemeinsame Werte zu ersetzen. 

Das möchte ich erklären:

Wann immer eine Norm herrscht (etwas als „normal“ gilt), ergibt sich eine Hierarchie. Eine Hierarchie ist gleichbedeutend mit ungleich verteilten Machtverhältnissen:

Dazu folgende Beobachtung:

In Kontexten, die stark normativ geprägt sind (wie zum Beispiel an Schulen aber auch in zahlreichen anderen gesellschaftlichen Kontexten), fühlen sich diejenigen am sichersten und haben am meisten Vorteile, die der herrschenden Norm entsprechen. Das sind quasi die Gold-Marie-Menschen. 

Eine herrschende Norm ist das, was die meisten Menschen für „normal“ halten. Zum Beispiel eine Beziehung zwischen Mann und Frau.

Oder: In Schulen halten Lehrkräfte es für normal, dass die Leistungen von Schüler*innen in Form von Noten gemessen werden. Um eine Note geben zu können, braucht es einen sogenannten „Erwartungshorizont“. Ein Erwartungshorizont ist eine Norm: Was entspricht einer Note 1, was einer 2? usw. Kinder, die dem Erwartungshorizont ohne größere Mühe entsprechen, erfüllen die Norm und sind somit „Gold-Marie-Schüler*innen“. (Ich glaube niemand wird heutzutage noch behaupten, dass die Noten ein objektives Mittel sind um tatsächliche Leistung zu messen).

Dann gibt es diejenigen, die von der Norm abweichen, sich aber ganz doll anstrengen, dass es möglichst niemand merkt. Das sind die „I can pass!“-Menschen. Diese Leute unterdrücken ihre eigenen Potenziale zugunsten der normierten Erwartungen in der Hoffnung, dass sie dann doch noch als „Gold-Marie-Menschen“ durchgehen, bezahlen dafür aber einen hohen Preis an Selbstwertgefühl. Sie machen die Erfahrung, dass etwas, das sie mitbringen oder können, nicht zählt. Dafür aber etwas anderes, das sie entweder nicht mit bringen oder nicht so gut können. Die „I-can-pass-Menschen“ halten ihre eigene Abweichung von der Norm für einen Makel, den sie verstecken müssen. Stattdessen strengen sie sich an, die Norm zu erfüllen, was aber nur möglich ist, wenn sie einen Teil ihrer Persönlichkeit verleugnen.

Dann gibt es diejenigen, die von der Norm abweichen, das normative Konstrukt aber durchschauen (entweder intuitiv wie „meine“ Schüler*innen damals an der Neuköllner Hauptschule oder aber auch intellektuell wie zahlreiche Aktivisten*innen und Künstler*innen). Das sind die Rebell*innen. Sie wissen oder spüren intuitiv, dass ein Teil ihrer Potentiale und ihrer Persönlichkeit innerhalb der herrschenden Norm nicht die entsprechende Anerkennung erhält, weil dafür gar kein Raum geboten wird.

Diese dritte Gruppe entlarvt und hinterfragt das Konstrukt der Normativität und die daraus resultierenden ungleichen Machtverhältnisse und wird mit den eigenen Anliegen und Fähigkeiten laut und sichtbar. Aber auch diese Menschen zahlen einen hohen Preis, denn ihr Widerspruch wird erstmal immer (!) als störend, „egomanisch“, „befindlich“ und „nervig“ empfunden. Dabei erfordert jedes Stückchen hart erkämpfter Sichtbarkeit großen Mut und verursacht jedes Mal den Schmerz, von den „Gold-Marie“- und den „I can pass-Personen“ krass abgewertet zu werden. Denn wer die herrschende Norm in Frage stellt, wird immer zunächst einmal als Störung oder als Bedrohung wahrgenommen. Die übliche Reaktion auf eine solche Bedrohung ist Abwertung.

Das wissen auch die „I-can-pass-Menschen“ und sie haben Angst davor, weil sie „innen tief sind“ (innere Tiefstatushaltung) und die Harmonie suchen – auch auf Kosten des eigenen Selbstwerts. Sie haben bereits Opfer gebracht, um im bestehenden System Anerkennung zu erhalten und sind daher RICHTIG sauer auf die Rebellen, weil die Rebellen ihre mühsam erkämpften normativen Erfolge natürlich in Frage stellen.

Und als vierte Gruppe gibt es noch die „Pech-Marie-Menschen“, die Unsichtbaren. Das sind diejenigen, die für sich keine Chance mehr sehen, innerhalb der bestehenden Norm Anerkennung zu finden und nicht die Kraft oder das Selbstbewusstsein haben, dagegen zu protestieren. Sie internalisieren die Demütigung, immer als „abweichend“ und nicht „gut genug“ zu gelten, halten sich selbst für „Loser“ oder „Freaks“ und fragen sich ihr Leben lang, was mit ihnen „nicht stimmt“.

Die Goldmarie-Menschen sind beispielsweise im Bereich

Race“ die weißen Menschen,

im Bereich „Gender“ die hetero-normativen Männer,

im Bereich „Class“ die akademisch gebildeten Menschen und

im Bereich „Education“ die weißen, hetero-normativen Jugendlichen mit akademischem Bildungs-Hintergrund.

Die „I-can-pass!“-Menschen sind diejenigen, die beispielsweise am Arbeitsplatz ihre Homosexualität verheimlichen und in der Kantine mit hetero-normativen Männern gemeinsam über Schwulen-Witze lachen, oder Menschen, die ein Leben lang ihre soziale Herkunft als Makel empfinden und stolz darauf sind, wenn sie in Hochburgen des Bildungsbürgertums als „ihresgleichen“ angesehen werden. „I-can-pass-Menschen sind stets darum bemüht, sich der vorherrschenden Norm anzupassen und darüber Anerkennung zu erhalten.

Die „Rebell*innen“ sind im Bereich

Race“ die politisch und/oder künstlerisch aktiven und sichtbaren POCs (person of color)

Im Bereich „Gender“ die politisch und/oder künstlerisch aktiven und sichtbaren Frauen und LGBTI-Menschen (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender: lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, queere, intersexuelle und asexuelle Menschen)

Im Bereich „Class“ derzeit kaum jemand, (was interessant ist, da denke ich an Didier Eribon und „Rückkehr nach Reims“, und frage mich, ob das an Schamgefühlen liegt, denn WENN mir an dieser Stelle überhaupt jemand einfällt, dann höchstens Teile der ostdeutschen Pegida-Anhänger*innen, der „Gelbwesten“ oder auch der Trump-Wähler*innen aus den „Fly-over-countries“, die leider noch nicht bemerkt haben, dass rechte Positionen niemals zu mehr Gleichberechtigung führen können) – und

im Bereich „Education“ sind es die rebellierenden Jugendlichen – hauptsächlich an sogenannten „Brennpunktschulen“, aber zunehmend auch anderswo. Und Greta Thunberg und die derzeit gegen die Versäumnisse der älteren Generation beim Klimawandel protestierenden Jugendlichen seien hier auch als aktuelles und sehr interessantes Beispiel genannt…

Die „Pech-Marie-Menschen“ sind in allen vier Bereichen die Unsichtbaren, nämlich diejenigen, deren Geschichten wir nicht kennen.

Grob vereinfacht lasse ich das jetzt mal so stehen, auch wenn es natürlich zahlreiche weitere Facetten gibt: Wie immer denke ich in Skalen, nicht in schematischen Tabellen. Aber um die grundsätzlichen Schnittmengen in diesen emanzipatorischen Prozessen zu veranschaulichen, ist diese Aufteilung in Race, Gender, Class und Education und mit den vier Gruppen vielleicht hilfreich.

Und von „unsichtbar sein“, bzw. „sich für Anerkennung verbiegen“ bis hin zu „sichtbar werden“ und sich emanzipieren – sind es überall ähnliche Stufen und ähnliche schmerzhafte Erfahrungen. Grundsätzlich aber gilt, dass ein Mensch, der sein gesamtes Potential leben kann, ein freier Mensch ist. Und deswegen lohnt sich diese ganze Anstrengung.

Wegen dieser Parallelen bei allen emanzipatorischen Prozessen ist für mich der vierte Bereich, nämlich Bildung (education), der Schlüssel, um in allen anderen Bereichen eine Entwicklung hin zu mehr Selbstermächtigung und Vielfalt zu initiieren.

Vielfalt oder auch Diversität wird nur dann produktiv, wenn sich alle Menschen gleichwertig mit ihren verschiedenen Potentialen einbringen können. So lange aber eine Norm herrscht, entsteht eine Hierarchie, die genau DAS verhindert.

Ich frage mich, warum dieser offensichtliche „Fehler“ im System nicht längst behoben worden ist. Denn nach außen hin, sind sich alle einig, dass Diversität Innovation hervorbringt und daher Ziel aller Anstrengungen sein muss. Warum aber hält unsere Gesellschaft oder auch unser Bildungssystem am normierten Denken fest?

Es liegt meiner Ansicht nach an den Goldmarie-Menschen. Denn diese behindern die innovative Kraft von Diversität dadurch, dass sie nicht sehen, dass es eine Norm GIBT. Und dass es aber diese (für sie unsichtbare) Norm ist, die zu Hierarchien und zu Ungleichheit führt und den Reichtum von Diversität blockiert.

Warum SEHEN die Goldmarie-Menschen nicht die Norm?

Die Goldmarie-Menschen sind grundsätzlich diejenigen mit dem blinden Fleck. Und das liegt daran, dass sie selbst mitten drin in der Norm sitzen und ihnen der Außenblick fehlt. Sie verstehen die Aufregung der anderen nicht. Denn SIE erfahren ja keine Ungleichheit. (Das heißt NICHT, dass sie keine Probleme und Ungerechtigkeiten erfahren. Es heißt nur, dass sie in dem Feld, in dem sie der Norm entsprechen keine Ungleichheit erfahren).

Das Problem mit den Goldmarie-Menschen ist, dass sie sich selbst nicht von außen betrachten, sondern davon ausgehen, dass ALLE die Welt so wahrnehmen, wie sie selbst. Aus dieser Perspektive halten beispielsweise weiße, hetero-normative Männer Unisex-Toiletten für eine total überspannte und unnötige Verrücktheit oder selbstbewusste Frauen (die Rebellinnen unter ihnen) für „emotional“, „aufgeregt“ oder „nervig“.

Weißen Menschen erscheinen aus dieser Perspektive alle Personen anderer Hautfarbe (die Rebell*innen unter ihnen) „so unentspannt“ und „schlechter Laune“ (was WOLLEN die denn noch???).

Akademisch gebildeten weißen Menschen erscheinen arabische Jugendliche aus Neukölln wie „kleine Gangster“ und weiße, hetero-normative Jugendliche mit akademischem Bildungshintergrund denken sich: Na, die Chantal und der Kevin sind eben dümmer als ich und deswegen sind die nicht auf dem Gymnasium.

Auch die Frage „Woher kommst du?“ ist unter dem Aspekt der Perspektive interessant, aus der heraus sie gestellt wird: Wenn sie vom Hochsitz aus gestellt wird, fühlt sich das für das Gegenüber weniger nach ehrlichem Interesse an, sondern eher wie eine Zuschreibung mit dem Subtext: Du bist ja sicherlich nicht „richtig deutsch“, also eben nicht „normal deutsch“. Und das macht einen Statusabstand auf statt einer Einladung zur menschlichen Begegnung.

So ließen sich beliebig viele weitere Beispiele finden, aber was sie alle eint ist: Das alles sind Perspektiven vom „normativen Hochsitz“ aus, wo sich die versammeln, die der Norm entsprechen und deswegen nicht checken, wie es sich lebt, wenn mensch eben NICHT der Norm entspricht.

Wer aber plötzlich bemerkt, dass diese Perspektive nur vom Hochsitz aus möglich ist und alles ganz anders aussieht, wenn mensch stattdessen unten auf dem Boden steht und zum Hochsitz hinaufschaut, der reibt sich erstaunt die Augen…

Und dann gibt es eben jetzt diese letzte entscheidende Frage, durch welche normative Perspektive unsere Gesellschaft derzeit noch immer durch und durch geprägt ist. Und dazu müssen wir uns anschauen, welcher Typus bei uns 2019 in Deutschland auf keinem einzigen der vier Felder jemals Ungleichheit erlebt hat (wie gesagt: Probleme und Ungerechtigkeiten sicherlich, aber eben keine Ungleichheit), und deswegen noch nie vom Hochsitz runter klettern musste.

Und das ist der weiße, akademisch gebildete, hetero-normative (ältere) Mann mit bildungsbürgerlichem Hintergrund. Sowohl unser Bildungssystem als auch unsere gesamte Gesellschaft ist durch diesen normierten Blick geprägt. Diese Männer haben maßgeblich die Strukturen des gesellschaftlichen Handelns, Gestaltens und Denkens unserer Gesellschaft geprägt.

Und das haben sie gut gemacht. Dass ich diesen Text schreiben kann und mir diese Zusammenhänge bewusstwerden, hat viel damit zu tun, was diese Männer den nachfolgenden Generationen ermöglicht haben. Uns.

Aber JETZT steht dieser weiße, hetero-normative, gebildete Mann, der unsere Gesellschaft geprägt hat, bildlich gesprochen in der Aula einer Brennpunktschule und blickt auf die Verschiedenheit und Ansprüche der anderen, wie ich damals auf meine rebellierende Hauptschulklasse. Und er denkt sich: Oha, da rollt eine Tsunami-Welle auf mich zu. Da muss ich jetzt hart durchgreifen und die mal alle in die Spur bringen.

Aber ganz ehrlich: Das ist nicht die Lösung. Die Lösung ist das Gegenteil. Ich habe damals in Neukölln gedacht: „Dann muss diese Welle jetzt kommen. Ich regiere NICHT mehr gegenan, sondern gebe ganz im Gegenteil allen das Veto-Recht als Grundlage dafür, dass alle ihre Integritätsräume schützen können und von dort aus bauen wir dann Schritt für Schritt ein neues Haus aus gemeinsamen Werten und Zielen“.

Und das ist das Beste, was ich je erlebt habe. Denn wenn ich freie Menschen vor mir habe, dann KÖNNEN sie gemeinsame Werte entwickeln und dafür Verantwortung übernehmen. Dann werden sie stark und entwickeln den Willen zur Verantwortung. Weil sie selbst Teil dieser Werte und Ziele sind.

Und genau das ist das Verdienst des weißen, hetero-normativen, gebildeten Mannes, dass er diese demokratischen Strukturen geschaffen hat, durch die jetzt viele Menschen gelernt haben, Rebell*innen zu werden, ihre Integritätsräume zu schützen und nicht mehr alles Eigene zu verdrängen um Bestätigung zu erhalten. Es gibt heute MEHR freie Menschen, MEHR Perspektiven auf die Welt, MEHR Möglichkeiten, die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.

Deswegen geht es NICHT darum, „irgendwas in die Spur zu kriegen“, sondern im Gegenteil. Es geht darum, den eingeschlagenen, richtigen Weg WEITER zu gehen:

In unserer globalisierten Welt heute machen normative Konstrukte, über die Dominanz und Gewalt gegenüber abweichenden Menschen ausgeübt wird, keinen Sinn mehr. Denn wir können für die JETZIGEN größeren gesellschaftlichen Probleme nur ZUSAMMEN menschliche Lösungen finden. Und logisch: je mehr verschiedenes Potential dafür zur Verfügung steht, desto besser.

Ich könnte aber auch einfach sagen: Ich lebe lieber in einer Welt, in der möglichst viele freie, starke und glückliche Menschen leben und möglichst wenig Gedemütigte. Denn die freien, starken und glücklichen Leute haben wahrscheinlich mehr Bock darauf, Zukunft konstruktiv gemeinsam zu gestalten.

In der Neuköllner Schule damals – und seitdem immer wieder – habe ich gesehen, was passiert, wenn Menschen auf der Basis ihrer Verschiedenheit gemeinsam produktiv werden. Und ich habe gesehen, was es dazu braucht:

Einen herrschaftsfreien Raum mit einer klaren menschlichen Führung auf der Basis gleichwertiger Beziehungen – klare konzeptionelle Regeln und schrittweise Vermittlung von Werten und Führungskompetenz.

Wenn dann mit der Zeit alle diese Form der menschlichen Führung können und wollen – im Sinne von Verantwortung übernehmen – dann haben wir eine Chance, die gegenwärtigen Probleme zu lösen.

Deswegen wünsche ich mir, dass alle Leute, die sich noch auf den Hochsitzen befinden, runter kommen und sich anschauen, was in Wahrheit alles möglich ist. Denn wer noch oben sitzt, wird es mir nicht glauben: Aber ich weiß, dass es eine ENTLASTUNG ist, die Brille der normativen Überheblichkeit abzusetzen und die anderen zu SEHEN, wie sie wirklich sind.

Dafür müssen wir Herrschaft (über das Mittel einer bestehenden Norm) ersetzen durch menschliche Führung.

Und ich stehe mit Respekt und Dankbarkeit vor allen älteren, weißen, hetero-normativen, gebildeten Männern, die die gesellschaftliche Grundlage für all diese emanzipatorischen Entwicklungen geschaffen haben, in der diese Gedanken überhaupt erst wachsen konnten:

Liebe weiße Männer,

Jetzt ist es Zeit in gegenseitiger Anerkennung zu bleiben und den folgerichtigen nächsten Schritt zu wagen, den ihr erst ermöglicht habt: 

Herrschaft durch MENSCHLICHE FÜHRUNG ersetzen und die jeweils herrschende Norm durch gemeinsame Werte. 

…Und an dieser Stelle klettere auch ich selbst vom Hochsitz wieder runter, den ich für das Schreiben dieses Textes absichtlich eingenommen habe, um ein bisschen spiegeln zu können, wie es sich anfühlt, wenn wir mit Begriffen und Zuschreibungen beschriftet werden. Denn wer hier eine schmerzhafte Irritation empfunden hat, der kann vielleicht einen Hauch davon erahnen, wie es sich für viele Menschen die ganze Zeit anfühlt. Ich hoffe, dass wir uns dann am Boden (der Tatsachen) wieder treffen und ein spannendes Gespräch auf Augenhöhe beginnen können… nämlich darüber, wer wir wirklich sind.

 

 

 

 

Schultheater der Länder 2018 in Kiel – oder: Wetter und Politik

(Warnung: Dies ist ein sehr persönlicher Text. Er gibt meine subjektive Sicht, meine Eindrücke vom Festival wieder. Das mögen bei anderen ganz andere gewesen sein. Für mich war dieses Festival besonders. Und deswegen schreibe ich hier darüber).

Die Festival-Woche des “Schultheater der Länder 2018″ in Kiel hatte die Besonderheit von ununterbrochener, geradezu aufdringlicher Herbst-Sonne. Alles schien in goldenes Licht getaucht, man konnte es nicht fassen und musste immer den Impuls unterdrücken, übers Wetter zu reden – und das konnte ja nicht sein: Man war ja aus anderen Gründen gekommen, als übers Wetter zu reden.

Ich muss trotzdem mit dem Wetter beginnen, denn es wurde zum Mitspieler und zum Subtext dieses gesamten Festivals zum Thema „Theater und Politik“:

Von der an eine große Sommerparty erinnernden Atmosphäre vor dem Festival-Zentrum im RBZ, über die ausgelassen fröhliche Dampferfahrt nach Laboe mit allen Festival-Teilnehmer*innen bis hin zum gemeinsamen lauschigen Draußen-Sitzen bis tief in die Nacht – überall spielte das Wetter mit. Und das alles wirkte geradezu magisch.

Aber über diesen letzten Tagen eines unglaublichen, scheinbar ewigen Sommers hing bereits die melancholische Ahnung, dass er jetzt zu Ende ging.

Die herunter plumpsenden Kastanien und raschelnden Blätter auf den Fahrradwegen erzählten davon – aber eben auch die Vorträge der Fachtagung, die 16 Theaterproduktionen, die teils rasend komisch, teils zutiefst bewegend, insgesamt aber alle auf ihre Weise politisch aufschlussreich waren, und nicht zuletzt die zahlreichen Gespräche zum Thema dieses Festivals:

Man wusste nach Chemnitz, Maaßen-Affäre und dahin bröckelnder Regierungs-Krise in Berlin, nach Trump, Brexit und Flüchtlingskrise, dass sich in diesen langen Sommer – nach außen noch unmerklich – eine dunkle, ja, eine braune Farbe eingeschlichen hatte. Winter is coming.

So beendete denn auch Uta Plate ihren fulminanten Vortrag bei der Fachtagung mit einem Aufruf an alle Theaterlehrer*innen, „den kommenden Zeiten mit Mut und Kraft entgegen zu treten“.

Und so mischte sich während des gesamten Festivals die Ausgelassenheit und Freude mit der darunter liegenden Erkenntnis, dass „ein sehr langer Sommer, den wir für selbstverständlich gehalten hatten“ mitsamt seiner Unbeschwertheit nun unwiederbringlich zu Ende ging.

Tatsächlich schien diese Theaterwoche es der Sonne gleich zu tun: Sie bot noch einmal alles auf und machte alles sichtbar, was im Schultheater an Vielfalt, Qualität und Entwicklung in den letzten Jahrzehnten möglich geworden ist. Es schien so, als habe noch kein SdL zuvor mehr Vielfalt, mehr Humor und mehr Menschlichkeit gewagt, als in diesem Jahr in Kiel.

Vielleicht war es auch der Bedrückung um die allgemeine politische Lage geschuldet, dass man den Wert und den Sinn dieser ganzen Arbeit noch einmal deutlicher sehen konnte:

Denn was ist das „Schultheater der Länder“ weniger als ein bundesweites Zusammentreffen von Menschen, die sich gemeinsam eine Woche lang die Zeit nehmen, sich auszutauschen – über das wirkmächtigste und zukunftsfähigste Bildungsmittel unserer Zeit: Über Theater im Sinne von kreieren, spielerisch erforschen, reflektieren und Welt gestalten.

Klingt pathetisch, aber derzeit gibt es nicht mehr so wahnsinnig viel, was tröstlicher und ermutigender sein könnte, als zu sehen, dass sich dieses wirkmächtige Bildungsmittel trotz aller systemischen Beschränkungen und Einhegungs-Versuche offenbar nicht klein kriegen lässt. – Dank einiger Menschen, die ihre Zeit und Energie statt aufs „Garten-Hecken-Schneiden“ auf gemeinsame gesellschaftliche Visionen verwenden und dafür sorgen, dass diese sich Schritt für Schritt realisieren lassen.

Und das ist es, was ich hoffe: Dass wir uns nicht klein kriegen lassen in den Zeiten, die kommen werden. Dass die Arbeit einer ganzen Generation an Theaterlehrer*innen nicht umsonst gewesen sein wird: Theaterlehrer*innen, die seit den 70-er Jahren unbeirrt auf der Relevanz des Schultheaters beharren und dafür – unter In-Kaufnahme der zahlreichen berühmten Mühen der Ebene – eine wirkmächtige Struktur geschaffen haben. Ich hoffe, dass dieses Haus, das sie gebaut haben, nicht bald leer stehen wird. Es ist ein Sommerhaus. Wir müssen es winterfest machen. Und uns wärmer anziehen.

So, wie es war, wird es nicht mehr sein. Aber wenn wir wollen, wird etwas Neues kommen und was das Neue sein wird und was es kann – das liegt in unserer Hand.

Es gibt nichts Gutes. Außer – man tut es.

(Erich Kästner)

Und in diesem Sinne möchte ich Tilmann Ziemke und Klaus und Christiane Mangold für diese unglaublich schöne Woche aber auch für alles andere danken:

Ihr habt mich in jeder Hinsicht auf den Weg gebracht. Und was ihr vor sehr langer Zeit und dann über all die Jahre bei mir angestoßen habt, das versuche ich weiterhin auch bei anderen anzustoßen. Ihr seid für mich ein Vorbild.

Der Herbst kann kommen. Ich hol schon mal die warmen Sachen aus dem Keller…