Prinzipien der Stückentwicklung beim Partizipativen Theater

Da nun gerade wieder ein gesamter Arbeitsprozess hinter mir liegt („Kafka im Kopf“ am Heimathafen, morgen und übermorgen letzte Vorstellungen), habe ich für mich selbst mal eine Aufstellung der wichtigsten Komponenten gemacht, die einen solchen Prozess ausmachen. Hinter allen einzelnen Aspekten stehen natürlich wiederum riesige Felder an Inhalten – aber wenn man es einmal „so auf einen Blick“ haben möchte – und das mag ich manchmal ja ganz gerne – dann hat man hier jetzt mal eine Art „Leitfaden“. Zu allen einzelnen Punkten kann sich ja jeder weiter vertiefen.

Also hier nun meine
Prinzipien der Stückentwicklung beim Partizipativen Theater
(von denen ich glaube, dass sie auf viele andere Felder übertragbar sind)

Gruppenbildung: Warm-ups, Konzentrationsübungen und gruppendynamische Spiele

Übungen: Körper, Zeit, Raum

Erschaffen einer Kultur der Wertschätzung durch bewusste Kommunikation, Vorleben, Ermutigen, Anleiten einer stärkeorientierten Feedback- und Umgangskultur

Einführung und Erprobung des Theatralen Mischpults

Erarbeitung zahlreicher ästhetischer Ausdrucksmöglichkeiten durch Kreativgefäße (= Übungen, die spielerischen Charakter haben und in mehreren aufeinander aufbauenden Phasen Erkenntnisse und Erfahrungen generieren) und Theatrales Mischpult

Generierung von biografischem Material durch zahlreiche Spiele und Schreib-Impulse (entweder rein biografisch oder auf eine Textvorlage bezogen)

Schreibwerkstätten und Dramaturgie-Runden in mehreren Phasen

Gruppenarbeit mit verteilten Verantwortlichkeiten: Texte werden mithilfe zahlreicher verschiedener Mittel des Theatralen Mischpults umgesetzt und immer vor den anderen Gruppen präsentiert und ausgewertet. Es gibt – besonders zu Beginn – immer Feedback auf der ästhetischen UND auf der sozialen Ebene. Fortschritte werden immer deutlich benannt und beschrieben. Fehler gibt es nicht. Was nicht benannt wird, wird einfach vergessen.

Jede Kleingruppe erarbeitet sowohl Szenen für die Anzahl ihrer Spieler_innen in der Klein-Gruppe als auch „Skizzen“ für die Umsetzung mit der gesamten Gruppe.

Spielleitung beobachtet fortlaufend die Ergebnisse der Gruppen und „destilliert“ übergeordnete Themen heraus (Dramaturgie).

Spielleitung steuert den Prozess dramaturgisch durch die Schreib-Impulse und Materialien von außen.

Der Prozess ordnet sich dramaturgisch zusätzlich – quasi automatisch – durch die Einhaltung folgender Regel: Auswahl und Entscheidungen werden nach dem „Lustprinzip“ gefällt. Es finden keine Bewertungen statt. Auf diese Weise folgen die Spieler_innen ureigenen, inneren „roten Fäden“. Diese roten Fäden können später von der Spielleitung zusammen geführt werden zu einem sinnhaften Ganzen.

Spielleitung führt konsequent nach dem Prinzip: „Konzept statt Betroffenheit“. Das heißt: Die Spielleitung verantwortet den gesamten Prozess – von Anfang an – auf das Ziel bezogen. Deswegen wird die Spielleitung nicht mit persönlichen Erwartungen und Befindlichkeiten sichtbar, sondern agiert grundsätzlich auf das übergeordnete Ziel bezogen.

Das übergeordnete Ziel ist NICHT die öffentliche Produktion am Schluss – sondern der unbedingte Wille, jede_n einzelne_n Jugendliche_n zu finden, zu entdecken und ihm oder ihr einen individuellen Ausdruck zu ermöglichen.

Das Grundgefühl der Spielleitung lässt sich am ehesten mit Neugier auf die Spieler_innen beschreiben. Die Produktion entsteht dadurch, dass die Spielleitung den Gedanken, Ansichten und Gefühlen ihrer Spieler_innen nachgeht und ihnen Gefäße aufzeigt, durch die diese Gedanken, Ansichten und Gefühle „eingefangen“ und sichtbar gemacht werden können.

In der letzten Phase (letzte zwei bis drei Monate) arbeitet die Gruppe nach dem „Großen Regie-Nummernprinzip“: Jede_r Spieler_in verantwortet einen Text, einen Baustein, den sie als Regisseurin mit der Gruppe umsetzen darf. Dadurch, dass immer alles präsentiert und ausgewertet wird, entstehen inhaltliche Überschneidungen und die Spieler_innen beziehen sich in ihren Umsetzungen aufeinander.

Die Spielleitung „baut zum Schluss das Haus“, das heißt: Sie führt die entstandenen Szenen zu einem sinnhaften Ganzen zusammen und arbeitet mit der Gruppe an der Dynamik und am Timing. Oft fehlt hier und da nur noch ein Satz oder eine Geste und „das Haus steht“.

Dieser Moment ist für die gesamte Gruppe immer verblüffend, denn die Spieler_innen sehen, dass die gesamte Produktion ausschließlich aus IHREN Texten, aus IHREN Vorschlägen und Ideen besteht – und dass nun alles zusammen plötzlich einen Sinn ergibt.

Die Verblüffung rührt daher, dass wir (alle) glauben, dass ein in sich logisches Konstrukt eigentlich nur von EINER Person erdacht werden kann und dass also irgendjemand von Anfang an inhaltlich alles so gesteuert hat, dass die Einzelteile passen.

Aber das ist ein Denkfehler. Die größte Logik und Allgemeingültigkeit entsteht dann, wenn eine Gruppe von verschiedenen Menschen in „flow-artigen“ Arbeitsprozessen alles einbringen kann, was sie im einzelnen ausmacht und sich dabei immer wieder neu miteinander vernetzt und weiterbringt.

Die Kunst der Spielleitung liegt also nicht darin, sich ein inhaltliches und ästhetisches Konstrukt auszudenken und die Spieler_innen da hinein zu pressen oder dorthin zu schieben, sondern darin, diese „flow-artigen“ Arbeitsprozesse zu ermöglichen und „abzusammeln“ und zu ordnen, was an vielfältigem Reichtum entsteht.

Der ästhetische Anspruch der Ergebnisse entsteht durch die zunehmend komplexer werdende Arbeit mit dem Theatralen Mischpult, das als „Feld offenen Wissens“ (Open Knowledge) immer präsent ist und allen als Referenzsystem dient.

Die Kunst der Spielleitung basiert auf den zwei Säulen: Gelingende Beziehungsgestaltung und Partizipation. Beide Säulen stellen hochkomplexe Felder dar, die ein hohes Maß an Know How und Erfahrung erfordern.

Gelingende Beziehungsgestaltung basiert auf einer professionellen Kommunikation der Begegnung und einer inneren Haltung des Gastgebers. Dieses Feld erfordert lebenslange Arbeit an sich selbst.

Partizipation wird durch Felder offenen Wissens ermöglicht (Beispiel „Theatrales Mischpult“), kann aber nur fruchtbar werden, wenn die Spielleitung die gesamte Verantwortung für den Prozess übernimmt und den höchsten natürlichen Status innerhalb der Gruppe hat. Das heißt: Die Spielleitung MUSS das Alphatier sein und sie MUSS den Prozess führen. Nur dann kann sie den Spieler_innen wirklich dienen. (Innere Haltung: Innen hoch, außen tief – die charismatische Haltung, siehe Statuslehre).

Dies scheint ein Widerspruch zu sein. Meiner Erfahrung nach gelingen partizipatorische Prozesse mit Jugendlichen aber nur in einer Atmosphäre gegenseitiger höchster Wertschätzung aller Beteiligten. Eine solche Kultur kann aber nur jemand durchsetzen und langfristig zur Selbstverständlichkeit werden lassen, der von allen als „Ranghöchste_r“ anerkannt ist. Daher kommen wir um diese Verantwortung – und die damit einhergehende Anstrengung – einfach nicht herum:

Lead fearlessly and love hard.
(Linda Cliatt-Wayman, „How to fix a broken school? Lead fearlessly and love hard.“ www.ted.com)