Mein neues Buch ist bestellbar – Aktuelle Blogeinträge findet ihr links in der Leiste unter „Maikes Blog“!

Ich freue mich, euch mein bisher umfangreichstes, persönlichstes und schönstes Buch zu präsentieren!

Im Buchhandel könnt ihr es unter der ISBN 978-3-7460 1449-4 bestellen.

Ich hoffe, dass es euch gefällt und ermutigt.

Passend dazu unser neustes Video auf YouTube:

Viel Spaß!

Kapitel 13: Veto!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Berlin 2005: Meine „Forschungsarbeiten” mit den Klassen in der Aula zeigten ziemlich schnell, dass es deutlich besser lief, wenn ich einfach INSGESAMT nur noch Theater machte. Mathe, Deutsch, Englisch, Musik, …lief alles nicht. Dann flogen Stühle durch die Gegend, Sachen gingen kaputt und es herrschte Tohuwabohu. Theaterunterricht, wie ich ihn in der Ausbildung in Bullerbü gegeben hatte, funktionierte zwar AUCH nicht, (das fing schon mit den Warm-ups an, die von den Schüler*innen als “schwule Spiele” bezeichnet und boykottiert wurden) – aber: Zumindest in kleineren, meist von mir ausgedachten, Übungen kehrten ihre Blicke zu mir zurück und ich schaffte es trotz häufig herrschendem Chaos Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Von außen sah es weiterhin so aus, als ginge alles „drunter und drüber“, aber auf einer darunterliegenden Ebene spielten wir gemeinsam alle Facetten der emotionalen Skala miteinander durch: Wir lachten viel, schrien uns dann wieder an, waren unfassbar wütend aufeinander, und schlossen dann wieder Frieden. Es wurde geheult, gestritten und gealbert – und ein bisschen Theater gespielt. Und so ganz nebenbei begann auf diese Weise auch die Theater AG, die ich anfangs für ein unmögliches Unterfangen gehalten hatte. Für meinen selbst beschlossenen Forschungsauftrag machte ich eine Notiz an mich selbst: Die Leute denken immer, es ginge darum, die Kinder leise zu kriegen, aber darum geht es erstmal gar nicht. Leise kriegt man sie, wenn überhaupt, nur dann, wenn wir sie erstmal aushalten, so, wie sie sind. 

Von Woche zu Woche fanden sich nach und nach immer mehr Jugendliche ein, standen um 14.30 Uhr vor der Aulatür und fragten, ob sie „bei der Theater AG noch mitmachen könnten“. Ja, klar, kein Ding, wir sind ja erst vier. Ja, klar, wir sind ja erst sechs. Ja, klar, wir sind ja erst neun, … und so weiter. Im November waren es 14, 11 davon aus der 8b. Dabei blieb es vorerst. Und ich fand: Diese 14 waren PERFEKT. Drei Mädchen: Selina, Fatima und Shirin. Der Rest Jungs, darunter Chris, Mahmout, Taher. Ganz am Schluss schlenderte auch noch Justin mit gesenktem Kopf und Kapuze durch die Tür und brummelte:  Also ich will nur Technik machen, ich spiel auf keinen Fall Theater!  – Und ich, hocherfreut:  Ja, klar, super.  Ich konnte es nicht fassen: Justin kam zur Theater AG! Das größte Problem zu Beginn war, dass alle ununterbrochen Sketche spielen wollten. Ganz egal, was ich vorschlug, immer tobten nach kürzester Zeit mindestens fünf Jungs unkoordiniert auf der Bühne herum und spielten „SEK-Einsatz“, „Einbruch beim Späti“, „Drogen verticken in der U-Bahn“, „Abzocke auf dem Schulhof“ oder „Gang-Schießerei in der Sonnenallee“, und hatten unfassbar Spaß, während die anderen eine Weile halb amüsiert, halb gelangweilt zuschauten, dann aber die Lust verloren und sich – leider ziemlich laut – mit anderen Dingen beschäftigten.  Hey!,  versuchte ich einzugreifen,  ihr habt eure Zuschauer verloren! Ihr müsst das schon irgendwie auf den Punkt bringen, was ihr da auf der Bühne erzählen wollt und nicht einfach stundenlang rumimprovisieren! Könnt ihr nicht mal versuchen, kürzer zu spielen und etwas wiederholbar zu machen?  Aber meine Einwände blieben meistens völlig vergeblich. Wenn ich versuchte, ihnen Vorschläge zu machen, wie sie eine Szene zumindest teilweise ästhetisieren und dem Ganzen eine Struktur geben könnten, kam ich mir immer vor wie die “Spaßbremse” oder die Mecker-Tante, die etwas Lustvolles auf einen Schlag in etwas Mühsames, Nerviges verwandelte. Ich erntete dann bockige Blicke, verschränkte Arme und leider keinerlei Einsicht, geschweige denn Besserung. Sie VERSTANDEN einfach nicht, was toll daran sein sollte, eine Zeitlupe oder einen Freeze einzubauen. Wie sollten sie auch?  Die Frau findet doof, was wir machen und verdirbt uns allen Spaß!  – Das war alles, was sie von meinen Einwänden mitnahmen. Tja. Wie konnte ich ihnen beweisen, dass ihre Szenen unterhaltsamer wurden, wenn sie Handwerkszeug anwendeten? Und wie konnte ich ihnen Handwerkszeug vermitteln? Reden fiel als Möglichkeit des Wissenstransfers weitestgehend aus, weil niemand mir über eine längere Strecke als drei Sätze zuhörte. Und in drei Sätzen war es ja nicht getan. Und Arbeitsbögen hatte ich abgeschafft. Weil: Es war zum Lachen, was passierte, wenn ich ein Arbeitsblatt austeilte. SOFORT war alles Lebendige aus ihren Augen verschwunden und sie fingen augenblicklich an, in ihren Schüler-Roboter-Rollen einzurasten. Ich lernte Schritt für Schritt, dieses Einrasten zu vermeiden. Alles war besser, nur nicht diese festgefahrenen Rollen. Also bloß keine Arbeitsbögen! Und niemals länger als drei Sätze am Stück reden! Und nicht meckern! Nicht belehren! Nicht die Besserwisserin raushängen lassen! All das führte – Zack! – zum Stillstand. Zum Einrasten in den Schüler-Lehrer-Rollen! Aber wie konnten wir jetzt in einen gegenseitig bereichernden Flow kommen? Wie konnte ich ihnen Informationen vermitteln und sie mir? Wir konnten wir KOMMUNIZIEREN? Ohne Opfer zu sein? Ohne Herrschaft und ohne Unterwerfung? Das war die große Forschungsaufgabe. Weil dieses Fragen viel zu groß waren, fing ich im ganz Kleinen an. Wie kann ich das Sketche-Problem lösen? Was wäre, wenn diejenigen, die gelangweilt vor der Bühne sitzen, selbst eingreifen könnten, um die Sache für SICH spannender zu machen? So, wie man beim Fernsehen ein anderes Programm wählt? Ich brachte alte Fernbedienungen mit und teilte sie an die Zuschauenden vor der Bühne aus. Zu ihren Füßen auf dem Boden legte ich vier Din A 4 Blätter, auf denen stand: „Freeze“, „Zeitlupe“ und „Zeitraffer“ und „Ideen-Joker“.  Es gibt jetzt Spielregeln,  erklärte ich.  Damit es nicht langweilig wird. Sobald euch langweilig wird, könnt ihr das Programm auf der Bühne ändern. Ihr steht auf, klickt die Fernbedienung und ruft „Freeze!“, „Zeitlupe“, „Zeitraffer“ oder irgendwas, was euch selbst einfällt – das ist der Ideen-Joker.  Mit diesen drei Sätzen kam ich so einigermaßen durch. Dann brach erstmal wieder Chaos aus, weil alle auf den Fernbedienungen rumdrückten und irgendwelche Sachen wild durcheinander schrien. Ich zwang mich zur Ruhe und wartete. Irgendwann riefen die ersten:  Wann geht denn das Spiel jetzt los? Ich lächle, zucke mit den Schultern und forme mit den Lippen den Satz:  Keine Ahnung…  Weitere fünf Minuten Chaos. Dann ruft Fatima:  Ey! Jetzt seid mal leise! –  …Danke, Fatima, denke ich und werfe ihr ein kleines Grinsen zu. Weitere fünf Minuten Chaos. Jetzt schreien schon drei Leute  Ey, seid mal leise! Lass ma anfangen!  Ich nicke, stelle mich aber auf weitere Wartezeiten ein. Ein weiteres neues Ergebnis meiner Forschungsarbeit ist: Ich trainiere das „Vergnügte Warten – egal wie lange es dauert“. „Vergnügtes Warten“ ist etwas anderes, als „Genervtes Warten“. Das „Vergnügte Warten“ beinhaltet, dass ich zunächst mal einen klaren Auftrag durchbringe, der zumindest einen Hauch von Neugier bei den Jugendlichen erzeugt. Und dann scheint diese Methode des „Vergnügten Wartens“ die Jugendlichen irgendwann auf die Palme zu bringen – denn dieses Warten kann ich im Zweifel bis zum bitteren Ende der Stunde durchziehen – und das spüren sie. Wie gesagt: Das klappt allerdings tatsächlich nur dann, wenn ich es vorher geschafft habe, sie zumindest ein ganz klein wenig gespannt zu machen auf etwas, das vielleicht, vielleicht Spaß machen könnte. Ich denke an den Unterschied zur früher gelernten Forderung: Warten, bis es leise ist. Und warum das immer nicht funktionierte. Das „Vergnügte Warten“ ist ein großer Unterschied. Und der kommt durch einen klaren Start mit einer neugierig machenden Ankündigung und einer darunterliegenden Haltung vollkommener Gelassenheit zustande, der Fähigkeit, im Moment bleiben zu können, in Ruhe alles wahrzunehmen und sich nicht aufzuregen. Das schaffe ich zunehmend länger auszuhalten, indem ich in solchen Situationen folgendes denke:  Wir haben alle Zeit der Welt. Wenn es diese Stunde nicht klappt, klappt es nächstes Mal. Und wenn es dann immer noch nicht klappt, dann eben übernächstes Mal. Aber ich verschwende hier keine unnötigen Kräfte mehr, indem ich sinnlos rumbrülle oder mich aufrege. Es kommt, wenn es kommt. Und bis dahin schaue ich mir mit guter Laune das lustige Chaos an, das hier läuft.  Das Ganze ist einfach nur Gedanken-Disziplin vom Feinsten.Am Anfang halte ich mit diesem Mindset fünf Minuten durch, bis ich dann doch sauer werde. Dann zehn Minuten. Nach einiger Zeit kann ich locker 20-25 Minuten durchhalten. Und irgendwo da muss scheinbar eine Grenze sein. Denn es dauert nie länger als 25 Minuten, bis sich etwas verändert. Entweder es kracht dann richtig (im wahrsten Sinne des Wortes „bis einer heult“) – oder es wird leise. Ich arbeite innerlich hart daran, beides gleich gut zu finden. Letztendlich ist es ja auch so. Denn wenn es kracht, gibt es in meiner bisherigen Beobachtung so eine Art kathartischen Effekt: Ich raste dann ebenfalls aus und beende die Probe distanziert und ohne Versöhnungsangebot – in einer emotionalen Verfassung in der Art von:  Na gut, dann mach ich halt Schluss – Tschüss.  Und das ist eigentlich meine größte Erkenntnis: Ich DARF sauer werden. Ich muss meine Wut nicht runterschlucken. Es funktioniert viel besser, wenn ich ihnen zeige, was ich fühle, und ihnen deutlich sage, warum ich wütend bin. Diese sogenannte professionelle Distanz, die im Lehrerberuf immer so der Maßstab ist, ist hier GAR NICHT hilfreich, denke ich. Die Jugendlichen sind extrem versierte Experten*innen darin, mir die Maske der formalen Lehrer*innen-Rolle runter zu reißen und sie lassen eh nicht locker, bis sie mich als Menschen spüren können. Denn das ist es, was sie wollen – und vielleicht auch brauchen. Und viel professioneller scheint es mir zu sein, mich gleich von vornherein authentisch zu zeigen – mit all meinen Gefühlen und auch Schwächen. Denn DAS wissen sie zu würdigen. DAS erzeugt bei ihnen Respekt. Der formal „labernde“ Sozialpädagoge ist für sie ein „Opfer“, der sich hinter institutioneller Macht versteckt und sie mit seiner Distanz als Mensch herabsetzt. Dies auch noch mit unfairen Mitteln, denn gegen die institutionelle Macht können sie nichts ausrichten. Respekt aber haben sie vor jemandem, der den Mut aufbringt, sich in all seinen menschlichen Facetten zur Verfügung zu stellen und den sie in der Folge spüren können. Vor jemandem also, der sich nicht hinter einer formalen Rolle verbirgt, die ihm einen Machtvorteil beschert, sondern der als Mensch SELBST Verantwortung übernimmt und sich einer echten menschlichen Begegnung stellt. Später lernte ich in der Fernsehserie „The Wire“ den Satz „I feel you, brother!“ und dachte: Genau. DAMIT hat es zu tun. Sie wollen mich fühlen – als Mensch. Und dann fangen sie an, zu kooperieren. Und was ich meine ist: sich zeigen, wenn wir Gefühle haben, die wir an uns NICHT mögen. Also nicht sich zeigen, wenn ich sowieso alles im Griff habe. Das ist ja einfach. Nein. Sich zeigen, wenn einem der Arsch auf Grundeis geht. DAS meine ich.  Und natürlich braucht es darunter eine innere Haltung der Sympathie und Solidarität mit den Jugendlichen : So nach dem Motto: Wer bist du wirklich, du kleiner Giftzwerg? Wie kann ich dich finden und deinen Aggro-Schutzpanzer knacken, damit wir endlich das tun können, was uns BEIDE weiterbringt?  Ich lernte also Schritt für Schritt diese Angst zu überwinden, dass alles im Arsch sein könnte, wenn ich „auf einen Gang ehrlicher, offener“ schaltete. Das Gegenteil war der Fall. Die Kinder wussten – natürlich – dass es keine perfekten Menschen gibt. Und sie konnten das sehr anerkennen, wenn ich quasi Auge in Auge mit ihnen in die menschliche Arena der Auseinandersetzung ging. Für mich war das aber erstmal unglaublich schwer, weil ich wahnsinnige Angst vor Stress hatte und davor, mich verletzlich zu zeigen. Ich lernte aber, dass es letztendlich genau darum ging: Die hierarchischen Rollen Lehrerin – Schüler*innen abzulegen und als Mensch Verantwortung zu übernehmen. Und mit jeder Stunde übte ich das weiter und stellte fest: Es kostete Mut und emotionalen Kraftaufwand. Aber alles wurde dadurch produktiver und sinnvoller als alles, was ich bisher als Lehrerin versucht hatte. 

Nachdem ich mir erlaubt hatte, dieser neuen Theorie „der echten menschlichen Begegnung“ zu folgen, schaffte ich auch das mit dem „vergnügten Warten“ wesentlich gelassener, was den Effekt hatte, dass ich immer weniger lange warten musste.

So auch heute. Schon nach ca. 10 Minuten sitzen alle mit ihren Fernbedienungen da, rufen hin und wieder noch genervt „Psst!“ in die Gegend und fuchteln den Jungs auf der Bühne zu, dass die endlich anfangen sollen. Und diese machen ebenfalls einen – vom langen Warten – eher erschöpften als aufgedrehten Eindruck. Es kann also losgehen. Ich habe Raum für meine nächsten drei Sätze, in denen ich „Freeze“, „Zeitlupe“ und „Zeitraffer“ erkläre. „Ideen-Joker“ geht bereits im Lärm unter, aber sie kapieren es auch so.  Es regnet Blut!  brüllt Taher – und ich denke: Geiler Ideen-Joker… Das Spiel beginnt… Und ich stehe am Rand und schaue zu, wie sie – endlich – wie Kinder im Spiel versinken – sowohl oben auf der Bühne wie auch davor. Dauernd wird geschimpft und geschrien, weil irgendwas unklar ist, aber alles bezieht sich auf die Spielregeln und was zwischen Zuschauenden und Spielenden vor sich geht und ich sehe die allerersten Standbilder in diesem Schuljahr. Ich denke  Geht doch!  und klopfe mir innerlich auf die Schulter. Aber dieser kleine Anfall von Hybris wird natürlich sofort wieder bestraft. Denn das Glück hält nicht lange an. Die Probleme beginnen mit Regie-Aufforderungen wie:  Alle geben sich jetzt Nackenschläge!  Sekunden später artet das Spiel auf der Bühne in eine wilde Prügelei aus. Ich muss abbrechen.  Aber Sie haben gesagt: Alles was uns einfällt!  mault Chris und Taher grinst:  Ja genau, ist doch lustig, beste Szene man, wallah!  – Scheiße, ich bin wieder in der Mecker-Tanten-Position gelandet. Ich versuche zu erklären, warum „Nackenschläge-Verteilen“ kein adäquater Auftrag ist, merke aber selbst, wie ich ins Schlingern gerate. 

Fuad: Aber wir geben uns IMMER Nackenschläge. Sie haben gesagt, im Theater ist alles erlaubt!

Ich: Ja aber keine Gewalt!

Taher rollt abfällig mit den Augen: Dann ist Theater scheiße. Wenn man nicht zeigen darf, wie es IST! Isch FICKE Theater, man! 

Ich: Doch, doch, Gewalt zu ZEIGEN ist erlaubt, aber es darf nicht WIRKLICH… 

Weiter komme ich nicht, weil sich jetzt alle lautstark beschweren, dass Theater also scheiße ist, dass man NIX darf, dass sie dann lieber boxen wollen. 

Ich (dazwischen schreiend):  Aber was ist denn der Unterschied? Beim Boxen gibt`s doch auch Regeln!

Taher:  Ja, und was sind die Regeln beim Theater? Keine Gewalt?Tsss… (und da ist sie wieder, diese wegwerfende Geste mit dem herablassenden Schnalz-Geräusch). 

Der Rest versinkt im Chaos. Alles klar. Neues Problem. Neue Forschungsaufgabe: Wie sind die Regeln beim Theater? 

Ich lerne unerwartet eine der wichtigsten davon durch Selina. Und zwar in meinem ersten außerschulischen Theaterprojekt. 

Nach Erscheinen des Kinofilms „Rhythm is it“ gibt es in Berlin plötzlich einen Haufen Tanzprojekte. Und da ich jeden Impuls von außen annehme, um der inneren Hölle des Sheriff-Imperiums zu entkommen, habe ich die Theater AG bei einem Tanzprojekt angemeldet. Zusammen mit einer anderen AG von der benachbarten Kepler Hauptschule werden wir sechs Wochen lang einmal die Woche ganztägig mit einem professionellen Tänzer und Choreografen arbeiten. Anschließend ist eine Zusammenführung mit anderen Gruppen von anderen Schulen geplant, gemeinsame Haupt- und Generalprobe und öffentliche Präsentation im ICC am Alexanderplatz. Meine heimliche Hoffnung dabei ist natürlich, dass die Jugendlichen auch noch von anderer, professioneller Seite mitnehmen, warum es ganz cool sein könnte, SEK-Einsatz nicht ausschließlich realistisch und sketchartig auf die Bühne zu bringen. Im Lehrerzimmer ernte ich mal wieder Kopfschütteln.  Na, du bist ja mutig. Das ist ein total renommiertes Projekt. Berliner Philharmoniker. Simon Rattle. Und da willst du mit unseren Vollpfosten mitmachen? Das wird doch ne Katastrophe. Die können sich doch nicht zwei Minuten benehmen! Und dann noch zusammen mit den Keplers. Ach du Scheiße… Aber wirste ja selber sehen…   Ja, werde ich selber sehen. Sehe ich dann auch. Also. Was das Problem ist: Nämlich genau die Renommiertheit des Projektes. Diese Haltung dazu. Und die Erwartungen, die daran geknüpft sind. Und wie sich mensch in so einem renommierten Rahmen – hierarchisch – zu verhalten hat. Von Anfang an ist klar, dass „meine“ Jugendlichen und die Kepler Jungs (es waren nur Jungs) DANKBAR sein sollen, das sie als VOLLCHAOTEN an so einem TOLLEN Projekt teilnehmen dürfen und sogar von der Schule dafür beurlaubt werden, obwohl doch jeder weiß, dass Mathe, Deutsch, Englisch viel wichtiger für diese Asozialen wäre. Ganz selbstverständlich entsteht der Eindruck, dass ein großer Künstler sich hier hergibt, um mit diesen »schwierigen Jugendlichen« zu arbeiten. An einem BRENNPUNKT. Oha. Die Jugendlichen sollen gefälligst dankbar sein für diese tolle Erfahrung, die man ihnen hier unter großen persönlichen Opfern ermöglicht. Herr Böhm und Frau Rische werden nicht müde, mir diese Sichtweise jeden Tag unter die Nase zu reiben und mir einzubläuen, dass ich beim „kleinsten Verstoß“, beim „kleinsten Daneben-Benehmen“ der Kinder dieses Projekt sofort abzubrechen habe. Dasselbe wird den Jugendlichen tagtäglich von Herrn Böhm eingeschärft. Im Lehrerzimmer höre ich ihn allerdings prahlen:  Ja, mann muss ja der Kollegin Plath den Rücken freihalten. Alleine hat die ja nicht den Hauch einer Chance das durchzuziehen. Die ist halt noch „frisch“ (hö, hö) und völlig naiv und macht dann natürlich solche Sachen. Projekt mit den Berliner Philharmonikern. (lautes schein-amüsiertes Lachen). Und nee, nee, nicht dass das jetzt jemand hier falsch versteht! Ich find das ja GUT! So`n bisschen naiver Optimismuskann ja nicht schaden! Aber ist schon klar, dass ich da als Klassenlehrer nen Haufen Arbeit habe, denn dass die Kleene  (er meint mich)  die Bande nicht im Griff hat, ist ja logisch. Heißt: Ich muss meine Vollpfosten da ORDENTLICH ein-NORDEN, damit diese Schnaps-Idee ÜBERHAUPT ne Chance hat. Aber nee, mach ich ja gerne. Die Plath ist ja eigentlich ne ganz Süße, der halt ich doch gern den Rücken frei…  So in etwa verklickert er es auch in Dauerschleife seinen elf Theater-Schüler*innen der 8b. Die Startvoraussetzungen sind also „super“… 

Ich lasse mich nicht beirren. Hauptsache mal raus hier und irgendwie wird es schon klappen, ich habe eine seltsame Zuversicht und ertappe mich bei dem Gedanken, ob ich wohl TATSÄCHLICH naiv bin. Scheiß der Hund drauf. 

Und dann beginnt das Projekt. Der Tänzer arbeitet mit den Jugendlichen unserer AG und den Kepler Jugendlichen in der Aula. Ich sitze, gemeinsam mit der Klassenlehrerin der anderen AG Kinder und den Kepler Kollegen, während der Proben immer am Rand und schaue zu. Herr Böhm lässt sich – zu meiner Erleichterung – nur sehr sporadisch blicken. Er hat Wichtigeres zu tun, als bei so einem Projekt auf der Bank zu sitzen, wie er sagt.  Selina, die sich nur zögerlich bereit erklärt hat, mit zu machen, hat dem Tänzer gleich zu Beginn der ersten Probe klargemacht, dass sie nur mitmachen könne, wenn »niemand sie anfasse«. Ich kriege ein schlechtes Gewissen und frage mich, ob das mit der Nackenschläge-Problematik der letzten Theaterstunde zu tun hat. Selina gibt allerdings gar keine Begründung, in ihrem Anliegen ist sie aber vollkommen klar.  Ich kann nur mitmachen, wenn mich keiner anfasst.  Der Tänzer nickt etwas unkonzentriert und sagt, das sei »kein Problem«.  Wie mutig und klar, dass sie ihre persönliche Grenze gleich zu Beginn so unmissverständlich benennt, denke ich und beobachte vom Rand aus das Geschehen. Beim Warm-up zu Beginn geht noch alles gut. Aber dann leitet der Tänzer kleine Hebefiguren an und die Jugendlichen sollen zu zweit arbeiten und sich gegenseitig kurz hochheben. Selina bleibt mit verschränkten Armen im Raum stehen und sagt, dass sie das nicht will. Daraufhin geht der Tänzer auf sie zu, legt mit freundlichem Gesicht seine Hände auf ihre Hüften und sagt:  Schau mal, das ist gar nicht schlimm. Ich mache es einfach mal vor…

Selina rastet aus. Und ich meine jetzt RICHTIG ausrasten. Volles Programm. Sie schreit und feuert eine Kanonade an Flüchen ab, dann schubst sie den Tänzer mit voller Wucht von sich. Jetzt explodiert auch der Tänzer und brüllt Selina zusammen. Aber statt, dass sie zurückweicht, wie ich es erwartet hätte, reißt sie den Kopf hoch und brüllt in voller Lautstärke zurück. Es hört gar nicht mehr auf. Der Tänzer versucht sie zu überschreien, aber rhetorisch ist sie ihm in der Vielfalt ihrer Beschimpfungen haushoch überlegen. Die gesamte Gruppe steht stumm im Raum und starrt die beiden an. Einige grinsen. Der Schlagabtausch dauert unendlich lange drei Minuten. Und es ist allen vollkommen klar, wie er endet: Mit Selinas Rausschmiss. Logisch. Der Tänzer fordert Selina in lauten, scharfen Worten auf, den Raum zu verlassen, er könne mit solchen »unerzogenen Gören« nicht arbeiten, sie brauche nicht mehr wieder zu kommen, er werde den Vorfall bei der Schulleitung melden, sie sei raus. Ende Gelände. 

Selina wirft mir einen kurzen bebend wutverzerrten Blick zu und zögert den Bruchteil einer Sekunde. Das ist meine Chance. Ich mache eine winzige beschwichtigende Geste mit meinen Händen und gebe ihr zu verstehen, dass sie einfach erstmal zu mir auf die Bank kommen soll. Selina steht noch ein paar Sekunden mit hochrotem Kopf im Raum, dann stampft sie wutentbrannt auf mich zu und lässt sich neben mich auf die Bank fallen. Ich habe Herzrasen. Ich weiß GENAU: In einer vergleichbaren Situation früher als Jugendliche in einem solchen Projekt hätte ich mich NIE im Leben getraut, einer Autoritätsperson SO entgegenzutreten. Ich stelle fest, dass ich emotional völlig durch den Wind bin. Irgendetwas hat mich zutiefst getroffen und ich versuche diesem krassen Gefühl in mir nachzugehen. Was ist das? Ich empfinde »flammende« Bewunderung und Solidarität für dieses Mädchen. Ich möchte sie am liebsten in den Arm nehmen und feiern. Aber. Alle anderen hier im Raum würden mich für VÖLLIG abartig halten. Oder? Alle – nämlich sowohl die Schüler*innen, die begleitenden Lehrkräfte als auch der Tänzer – scheinen von mir als Lehrerin dieser Klasse zu erwarten, dass ich Selinas Verhalten unmissverständlich sanktioniere. In mir aber ist der gegenteilige Impuls und pocht mir bis in den Hals. Ich DENKE nicht im Traum an eine Sanktion. Stattdessen stelle ich sie in meinen heimlichen Gedanken auf ein Siegertreppchen. Mit Schnappatmung sitze ich mental zwischen zwei Stühlen. Mir bei den Erwachsenen Respekt verschaffen, indem ich konsequent und streng durchgreife – oder meinem inneren Impuls folgen und eventuell als Weichei gelten und jeglichen Respekt – vielleicht bei ALLEN? – verlieren? 

Still sitzen wir beide nebeneinander auf der Holzbank, bis sie sich einigermaßen beruhigt hat. Irgendwann frage ich leise:  Was willst du jetzt machen, weiter mitmachen? Selina wirft mir einen trotzigen Blick zu:   Darf ich ja nicht!  Ich schüttele den Kopf.  Natürlich DARFST du weitermachen  –  die Frage ist, ob du das WILLST…? Soll ich noch mal mit ihm sprechen?   Selina zischt Nein! und starrt auf den Boden. In meinem Kopf tobt das Gedankenchaos. Versaut mir das jetzt jegliches Bisschen an Autorität, das ich in der letzten Zeit in der 8b so mühsam gewonnen habe, wenn ich in dieser Situation nicht „hart durchgreife“ und Selina „sanktioniere“, also die Entscheidung des Tänzers mittrage? Mein Bauchgefühl sagt mir:  Ich KANN einfach nicht. Ich KANN es einfach nicht. Sie hat RECHT.   Also gebe ich mir einen kleinen Ruck und sage leise zu Selina das, was ich in WAHRHEIT denke:   Ich hätte mich das in deinem Alter so NIE getraut, Selina, und du hast RECHT. Ich finde es unglaublich bewundernswert, dass du dich wehrst. Wenn du weiter mitmachen willst, finden wir eine Lösung, die für DICH ok ist.

Selina antwortet nicht und starrt weiter auf den Boden. Ich frage mich, ob sie mich überhaupt gehört hat. Es vergehen einige Minuten in absolutem Schweigen, wir beide nebeneinander auf dieser Bank, während die Probe vor uns weiterläuft. Dann plötzlich springt Selina auf und bewegt sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, mit schnellen Schritten in die Mitte des Raumes. Ich halte den Atem an. Aber sie sagt nichts, sie steht nur eine Weile einfach da, direkt vor dem Tänzer und hört ihm zu, beobachtet, was die anderen machen – und steigt dann wieder ein. Der Choreograf schaut irritiert, hält kurz inne, wirft mir einen fragenden Blick zu, ich nicke ihm zu, hebe kurz den Daumen, woraufhin ich einen Hauch von Ärger in seinem Gesicht zu sehen glaube, aber: Dann wendet er sich wieder der Gruppe zu. Und Selina bleibt. Die Probe geht weiter. Und ich sitze auf der Bank und kann mich gar nicht mehr beruhigen. Was war DAS denn? Ich kann es gar nicht fassen. Völlig unbeeindruckt von diesem ganzen Sheriff-Terror und der allgemeinen Ehrfurcht vor dem berühmten Choreografen und dem ganzen „Rhythm is it-Hype“ schubst Selina einfach mal das Alphatier beiseite und weist ihn in seine Schranken. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das hätte ich mich an ihrer Stelle damals als Schülerin NIE-MALS getraut. Dabei ist es eigentlich so selbstverständlich, so gesund: Jemand überschreitet meine Grenzen und ich wehre mich. Zack. Warum mache ICH das nicht? Warum HABE ich das nie gemacht? Ich habe plötzlich ein Gefühl von Reue über all die verpassten Situationen, in denen ich leider NICHT so mutig und widerständig reagiert habe. Der Druck, sich anzupassen und »keinen Ärger« zu machen, hatte bei mir selbst als Schülerin immer dazu geführt, dass ich im Zweifel bemüht war, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Niemals hätte ich mich in einer vergleichbaren Situation getraut, so massiv und laut zu protestieren und damit meinen Ausschluss zu riskieren. Denn wie weh das tat, schon auf einer viel kleineren Ebene Widerstand zu leisten, das hatte ich von zu Hause und als Kind ja bestens verinnerlicht: Das war, wie gegen einen elektrisch geladenen Zaun zu laufen: Dieser augenblickliche, ungeheure Schmerz, in der Folge als »schwierig«, »hysterisch« oder gar »verrückt« zu gelten – und ausgeschlossen – zu werden. Was für einen Mut braucht es also, als Jugendliche im übermächtigen System Schule und gegen eine allgemein anerkannte Autorität aufzustehen? Beschämt dachte ich auch an meine gegenwärtige Situation. Ich brauchte ja gar nicht groß von früher zu reden, auch jetzt war ich ja kein bisschen mutiger geworden. Ich befand mich die ganze Zeit in diesem ekligen Zwiespalt zwischen eigener Überzeugung und Angst, Vorteile zu verlieren: Trotz all meiner inneren Zweifel tat ich nichts gegen die hier herrschende Norm. Dabei fragte ich mich ununterbrochen, warum hier kein einziges Kind jemals nach SEINER Perspektive oder SEINEN Beweggründen gefragt wurde. NIEMAND kam in diesem ganzen Umfeld auf die Idee, zu fragen:  WARUM benehmen die sich so „unmöglich“? Wie geht es diesem Mädchen, dass es so krass reagiert? Warum war es immer diese empörte Reaktion, dieses:  Wieder mal ein UNMÖGLICHES Verhalten einer frechen Hauptschülerin! Dabei hat sie doch die Chance, an einem so tollen Projekt mit einem so renommierten Künstler teilzunehmen!  Warum lasen alle ununterbrochen die Reaktionen der Jugendlichen als verhaltensgestörtes, freches Fehlverhalten? Was wäre, wenn sie alle gute Gründe hätten? Was wäre, wenn alle ein Veto-Recht hätten? Wenn das die Regel wäre? Ich dachte an Tahers Frage: Was sind denn die Regeln beim Theater? Vielleicht das Recht, nein zu sagen? Letztendlich ist es ja so, dass wir ständig quasi auf einem 10-Meter-Turm stehen: Und wenn wir von da oben runter in die Tiefe schauen, dann möchten wir selbst entscheiden, wann wir springen – und nicht runter geschubst werden. Warum kann nicht jeder selbst entscheiden, wann, wie oder ob er-sie-es überhaupt springen möchte. Was würde sich verändern, wenn ich den Raum dafür hätte, selbst zu entscheiden, was ich will? Und was wäre dafür notwendig? Ich merke plötzlich, wie ich ganz aufgeregt werde, denn ich habe das Gefühl, dass dies vielleicht der Anfang zu einer guten Idee werden könnte. Warum nicht ein Veto Recht einführen? Und schauen, was passiert? 

Bereits am nächsten Tag führe ich in der 8b das Veto Recht ein. Und erlebe mein blaues Wunder. Meine Fahrt in den großen Eklat hat inzwischen Höchstgeschwindigkeit angenommen. Aber noch immer sehe ich das Disaster nicht kommen.

 

12. Kapitel: Irrungen und Wirrungen – oder: Opfer sein oder nicht Opfer sein?

(Neu: Alle Kapitel sind jetzt auch als Podcast Folgen bei Spotify! Zu finden unter „Türwächter*innen der Freiheit, Maike Plath“).

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Etwas veränderte sich. Es war nicht ganz klar, was eigentlich genau, aber die Gesamtlage schien um einen Millimeter verrutscht zu sein und fühlte sich nun anders an. Das betraf auch die Zusammenarbeit mit dem Sheriff. Wobei. Von “Zusammenarbeit” konnte ja kaum die Rede sein. In den Stunden, in denen ich mit ihm in der 8b doppelt gesteckt war, lief ich im Grunde einfach nur so mit – wie eine Referendarin oder Assistentin, nur ohne „offiziellen“ Auftrag. Ich sah meine Aufgabe darin, mich möglichst unsichtbar aber dafür mit sehr wachen Antennen durch den Klassenraum zu bewegen, einzelne zu unterstützen und das Schlimmste zu verhindern. Und offenbar gelang mir das zumindest teilweise. Nach Aussage der Jugendlichen war “der Sheriff netter” in den Deutsch-Stunden, in denen ich mit drin war. In den anderen Stunden, in Geschichte und Sport, wenn Sie nicht dabei sind, ist Herr Böhm viel strenger, erklärt mir Fatima. Was meinst du denn mit ‘streng’, frage ich und grusel mich schon vor der Antwort. Dass er die fertigmacht, die Scheiße bauen, also uns beleidigt und so…, sagt Fatima. Ich atme tief durch und frage: DAS heißt für dich ‘streng sein’? Die Schüler beleidigen? Fatima macht dieses wegwerfende “Ts-Schnalz-Geräusch” mit der Zunge, das so viel heißt wie: Du kapierst das nicht. Dann erklärt sie mir mit betont geduldiger Stimme, so als wäre ich ein kleines Kind, das noch viel lernen muss: Herr Böhm ist streng zu den Opfern. Damit die härter werden. Damit die später klar kommen im Leben. So kann man’s auch sehen, denke ich und schiebe meine aufkommende Wut mit einiger Anstrengung beiseite. Letztendlich muss ich das Positive sehen: Meine Anwesenheit in den Deutsch-Stunden hat also wenigstens den Sinn, dass Herr Böhm sich scheinbar zusammenreißt und die Anzahl seiner Demütigungen zurückfährt. Warum auch immer. Vielleicht, weil ich nach meinem Erleben und vor allem ÜBERLEBEN des Totaluntergangs in der Aula ein kleines Stück innere Freiheit gewonnen und Herrn Böhm umgehend mitgeteilt habe, dass ich Frau Rische bitten werde, mich in eine andere Klasse einzuteilen. Ich käme mit seinen herabsetzenden Sprüchen nicht klar und wüsste ohnehin nicht, welchen Sinn meine Doppelsteckung in seinem Unterricht hätte. Dieser kleine Anfall von gesunder Selbstbehauptung war auf die Tatsache zurück zu führen, dass ich nach der Aula-Chaos-Stunde einen stillen Entschluss gefasst hatte:  Seit dieser “Open Mike Doppel-Stunde” ging ich jetzt immer mit meinen Klassen in die Aula. Ich hatte beschlossen, einen anderen Unterricht zu versuchen. So nach dem Motto: Das Schlimmste hab ich ja auch überlebt, also was soll sein? Ich versuche jetzt einfach Schritt für Schritt im Trial & Error-Verfahren selbst heraus zu finden, was funktioniert. Denn ganz ehrlich: Alles, was ich angeblich machen soll, ergibt ja ÜBERHAUPT keinen Sinn. Und helfen tut mir auch keiner. Ich bin völlig auf mich allein gestellt. Da wird kein “reitender Bote” in letzter Sekunde kommen, um mich zu retten. Dann rette ich mich doch lieber selber. Und die überraschende Nebenwirkung dieser Entscheidung war: Mir ging es viel besser. Seit ich mir selbst die Erlaubnis gegeben hatte, alle angeblichen “Anforderungen” in den Wind zu schlagen und es selbst zu versuchen, kam ich mir vor wie eine Art eigenständige Forscherin auf unbekanntem Terrain. Ich fing als Lehrerin quasi von vorne an. Ich erlaubte mir selbst, die Frage nach dem Sinn zu stellen. Und von dort aus Schritt für Schritt auszuprobieren, was funktionierte und was nicht. Es war so, als hätte ich in meiner inneren Wohnung die Tür zu einem neuen Zimmer entdeckt. 

Dieser innerliche kleine Revolutions-Impuls sorgte dafür, dass ich Herrn Böhm mitteilte, dass ich nicht länger mehr oder weniger sinnlos in seinem Unterricht mitlaufen wolle, ich hätte von seinen blöden, verletzenden Sprüchen genug. Der Sheriff allerdings grinste daraufhin nur breit und tat so, als wisse er überhaupt nicht, was ich meinte – Mensch, Mädel, das ist doch einfach mein Humor! Die Kinder verstehen das, die finden das witzig! (ach ja?) – aber offenbar wollte er das dann doch nicht auf sich sitzen lassen. Es schien ihn zu wurmen, dass ich seine Art, mit den Schülern*innen umzugehen, alles andere als beeindruckend fand. Und –  wahrscheinlich weil ich “in sein Beuteschema passte”, wie er nicht müde wurde, lauthals raus zu blöken – fing er jetzt an, mir gegenüber den Gockel zu geben. Er wollte, dass ich ihn toll fand. Das fühlte sich scheiße an, aber ich hatte das Gefühl, dass es immerhin den positiven Nebeneffekt hatte, dass er seine Herabsetzungen den Jugendlichen gegenüber drosselte – zumindest in den Deutschstunden. Und daher ging ich nach seinem HÄ? Was meinst du? Die Schüler finden das doch lustig! und Frau Risches Überforderung, mich woanders einzuteilen (Das geht jetzt nicht mehr, frühestens im neuen Schuljahr…), NICHT in eine offene Auseinandersetzung mit ihm, sondern verhielt mich ruhig. (Feige, ich weiß. Aber ich war überzeugt, dass der Sheriff eine offene Konfrontation mit mir am ehesten an den Jugendlichen abreagieren würde. Zumindest redete ich mir das ein, um meine Harmonie-Komfortzone nicht verlassen zu müssen. 

Rückblickend glaube ich, dass ich noch nicht bereit war, meine mir so schön vertraute „Ich-bin-doch-nett- Weibchen-Rolle“ aufzugeben. Obwohl ich dieses große Unwohlsein spürte, war mir die Rolle der Gefall-Barbie ja wenigstens vertraut. So war ich ja den größten Teil meines Lebens „gut“ durchgekommen. Was passieren würde, wenn ich dieses bekannte Terrain verließ, wusste ich nicht und es machte mir Angst. Also redete ich mir ein, dass eine offene Konfrontation mit dem Sheriff gar nichts bringen und den Jugendlichen nur schaden würde.Besser stillhalten und keine Angriffsflächen bieten, dachte ich. Was ich dabei übersah, war: Das Ganze war natürlich eine Einbahnstraße, die zwangsläufig in einer Konfrontation enden würde. Aber es ist ja immer so wunderbar, wie wir uns Augen und Ohren zuhalten und gewisse Realitäten ausblenden können. Bis es dann irgendwann knallt. Damals kam ich mir besonders schlau vor, nichts „Dramatisches zu forcieren“, dabei befand ich mich in Wahrheit natürlich bereits in voller Fahrt auf dem Gleis ins nächstes Disaster. 

Meine Unklarheit – diese scheinbare Unterordnung bei gleichzeitigem inneren Grollen – schien diesen Mann nämlich zu reizen, von dem ich nach und nach erfuhr, dass er zahlreiche Frauen in diesem Kollegium “flachgelegt hatte”. Wortwörtlich war das die Formulierung seines Kumpels Kiesbauer, Fächer Mathe und Physik, und ebenfalls überzeugter Gegner der “Kuschelpädagogik”. Offenbar vertrat auch er die Auffassung, dass Frauen “wie Wild gerissen werden müssen”. Und dass sie das – natürlich! – auch wollen. In dieser Weltsicht ist es das Tollste für eine Frau, wenn Männer sie „attraktiv“ – im Sinne von „fickbar“ – finden. Umso interessanter ist es natürlich, wenn frau sich wehrt. Denn eigentlichwill sie jawollen ja alle Frauen, flachgelegt werden. Wenn also eine bockt im Hühnerstall, dann steigert das natürlich erstmal ihre Attraktivität (wie gesagt- im Sinne von Fickbarkeit. Attraktivität könnte natürlich unzählige andere Facetten haben, aber nee – ich muss es hier deutlich machen: HIER ging es ausschließlich um “gerissen werden”. Punkt. Mein Haus. Mein Pferd. Mein Segelboot. Dieser Scheiß halt). 

Dass ich kein Interesse zeigte, mich von Herrn Böhm, flach legen zu lassen, schien dieser als prickelnde Herausforderung zu betrachten. Irgendwie muss es doch zu schaffen sein!Denn mein gleichzeitiges Schweigen verschaffte ihm offenbar den nötigen Fantasie-Spielraum, sich vorzustellen, ich sei in Wahrheit nämlich DOCH schwerst beeindruckt von ihm. Und so dachte sich der Sheriff wahrscheinlich: Ich mach jetzt mal n bisschen auf gerechten Softie-Pädagogen… und damit krieg ich sie weich… Keine Ahnung. Irgendwie so ähnlich tickte offenbar dieses Patriarchen- bzw. Macho-Gehirn. Und irgendwie kam ich mir besonders schlau vor, nicht mehr „weiter Ärger zu machen“ und entgegen meines ursprünglichen Entschlusses in der Doppelsteckung mit ihm zu bleiben, weil ich auf diese Weise glaubte, einen winzig kleinen Einfluss-Hebel zu haben. Außerdem sah ich einen Vorteil darin, in der Klasse zu bleiben. Ich hatte dort ja auch noch meine eigenen Stunden, ohne Herrn Böhm, und je mehr wir uns sahen, desto besser – fand ich. 

Dementsprechend viel Zeit hatte ich nun, diesen in jeder Hinsicht Gewalt ausübenden Menschen in seinen Unterrichtsstunden und im Lehrerzimmer genau zu beobachten und es war mir immer wieder aufs Neue ein unfassbares Rätsel, wie jemand so sinnlos und ohne jegliche Grundlage von sich selbst überzeugt sein konnte. Wie jemand so unerschütterlich an die eigene Attraktivität und Überlegenheit glaubte – ohne JEDEN Selbstzweifel. Wie mir andere ältere Kolleginnen häppchenweise berichteten, war Herr Böhm ein klassischer West-Berliner Alt-Linker, ein 68-er, wie aus dem Bilderbuch. Das erschütterte mich zusätzlich, weil in meinem Weltbild damals die 68-er doch die “Guten” waren! Die Vertreter einer eben gerade NICHT autoritären Pädagogik. Männer, die emanzipierte und starke Frauen wollten, und keine Sex-Häschen. Aber weit gefehlt. Der Sheriff verkörperte offenbar den Typus männlichen Alt-68-er, der nur deswegen gegen die bürgerlich-konservativen Bastionen wie Ehe und Familie angetreten war, weil Mann dann die Frauen NOCH besser zu Objekten abstempeln konnte. „Wer einmal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Geil: Das schien der Sheriff so ausgelegt zu haben, dass Mann nun hemmungslos rum vögeln konnte, ohne jegliche menschliche Verantwortung zu übernehmen. Mit dem Sheriff vor Augen bekam die Sexuelle Revolution der 68-er für mich plötzlich noch mal ein facettenreicheres Gesicht. Mit SOLCHEN Männern quasi im EIGENEN Lager (!), muss der Weg für Frauen in die Rolle eines gleichberechtigten Gegenübers ja wirklich die Hölle gewesen sein. 

Ich hätte mir denken können, dass meine neue Strategie der Selbstbehauptung auf der einen Seite und mein Stillhalten im Sheriff-Kontext auf der anderen Seite notwendigerweise auf einen Eklat zulaufen musste. Aber ich war zu sehr mit meiner Freude über meine neuen Forschungsaufgaben beschäftigt. Meine erste Entdeckung in dieser neuen Rolle war: Alle Jugendlichen schienen die „netten Lehrer*innen für Opfer“ zu halten. 

Sie müssen uns zusammenscheißen! war der allgemeine Konsens der 8b. Und: Die Frauen sind alle zu nett, deswegen können die sich nicht durchsetzen und deswegen kann man die auch nicht ernst nehmen. 

Aha. Interessant. Was die Jugendlichen hier wohl zu Dieters Schule gesagt hätten? Hier in Neukölln galt die Regel: Wer zugänglich und freundlich ist, ist schwach. Wer sich fürsorglich und empathisch verhält, ist ein Opfer und wird fertiggemacht. Wer Rücksicht auf das Gegenüber nimmt und dies auch in Worten ausdrückt (Wie geht es DIR? Was willst DU?) sinkt im Ansehen. Eine menschliche Form des Umgangs miteinander wurde hier als Schwäche ausgelegt. Wie konnte das sein, dass es in Bullerbü so ganz anders funktioniert hatte? Dass Fürsorglichkeit und Empathie dort als STÄRKE gelesen worden waren? Hier aber als Beweis für mangelnde Charakter- bzw. Führungsstärke?? Ist es eine SCHWÄCHE, sich menschlich auf das Abenteuer einer wirklichen Begegnung mit dem Gegenüber einzulassen – oder ist das eine Schwäche? Interessanter Forschungsgegenstand… Und meine erste große Frage in diesem Zusammenhang ist: Wer ist denn nun ein „Opfer“ und was steckt eigentlich dahinter?    

Im Lehrerzimmer war die Haltung dazu recht eindeutig: 

Die Frauen sind natürlich die Opfer. Weil: Zu schwach und aus Mangel an Durchsetzungskraft versuchen sie es mit „Nett-Sein“. Nett sein ist aber nur eine Hilflosigkeit, keine ernst zu nehmende pädagogische Strategie, was sich darin zeigt, dass „Nett-Sein“ eben nur von deutschen, einigermaßen gebildeten Schüler*innen gewürdigt wird. Aber von DIESEN Jugendlichen eben nicht – und zwar – und da war man sich hier sehr einig: Wegen deren muslimischer Macho-Kultur! Ist doch klar: Die Jugendlichen türkischer und arabischer Herkunft respektieren die Frauen nicht! Beweis: Da „müssen ja alle weiblichen Familienmitglieder mit Kopftuch rumlaufen“, ein klares Indiz für Unterdrückung. Wer so aufwächst, akzeptiert natürlich keine Frau als Autorität!

Ständig hörte ich den Satz: Die haben von Gleichberechtigung noch nix gehört und leben kulturell noch im Mittelalter!Und aus diesem Schluss folgte dann die These: Die brauchen ne harte, männliche Gangart! Was anderes verstehn die nicht! 

Aha? Dachte ich. Und diese „harte, männlicheGangart“ (echt?) führt bei den Jugendlichen dann genau wozu? Zu höherem Respekt vor den Frauen?? Ich denke an meine Erfahrungen an Dieters Schule und bin verwirrt. Offenbar glaubt hier keiner an die Wirkkraft der angeblich eigenenKultur, die hier gegen die muslimische Kultur ausgespielt wird: Die eigene Kultur ist angeblich fortschrittlich und umfasst Gleichberechtigung und wertschätzenden Umgang miteinander, aber so richtig überzeugt davon scheint ja in diesem durch und durch weißen, deutschen Lehrerzimmer niemand zu sein, denn warum sonst wird, sobald es ein Problem gibt, dann doch auf die autoritäre, eben NICHT gleichberechtigte, Gangart zurückgegriffen? DIESE Jugendlichen brauchen eine „starke Hand“ und eine „starke Hand“ ist männlich – oder wie jetzt?  Was denn nun? Werlebt denn nun im Mittelalter? Sind es die muslimischen Jugendlichen, die eine „harte, autoritäre und demütigende Führung“ als STARK und eine zugewandte, empathische als SCHWACH empfinden, oder ist es Herr Böhm und die Kollegen in diesem Lehrerzimmer, die so denken? Wo lebt denn kulturell dieses deutsche Lehrerkollegium?frage ich mich. Und warum gibt es ÜBERHAUPT diese wertende Zuordnung in stark und schwach, in männlich gleich autoritär und weiblich gleich empathisch, Zuordnungen, die in Bullerbü GAR KEIN Thema waren? Scheiß doch der Hund drauf, ob „zugewandt und empathisch“ weiblich oder männlich ist! Die Frage ist doch eher: Was WOLLEN wir denn überhaupt und wie können wir es erreichen? Aber was erreicht werden sollte, war hier eben allgemein unklar. 

Ich dachte an die anzüglichen Sprüche des Sheriffs und die Männlein-Weiblein-Rollenverteilung im Lehrerzimmer. Oder an die Sitzordnung wie in der Häschen-Schule, während der Lehrer-und Schulkonferenzen: Vorne sitzt die Schulleitung mit dem Sheriff und der beflissen protokollierenden Sekretärin und das Kollegium sitzt in Reih und Glied frontal ausgerichtet davor wie eine Schulklasse in den 50-er Jahren. Die Schulleitung trägt vor, was sie beschlossen hat und die Lehrer*innen spielen Kinder: Rebellische Kinder, faule Kinder, und unzuverlässige Kinder, die immer zu spät kommen und mit lautem Gerumpel hinten noch einen Platz finden müssen, um dann ihre Brotdosen auszupacken und demonstrativ zu essen anfangen, oder diejenigen, die sofort anfangen, Hefte zu korrigieren, und damit offen zu verstehen geben, dass sie die ganze Veranstaltung sinnlos finden und viel Wichtigeres zu tun haben, oder die emsigen, die strebsamen und die beflissenen, die gelangweilten und die gekränkten Kinder, die sich ständig melden und immer beleidigt sind, weil sie finden, dass sie zu kurz kommen und niemand all ihr Engagement zu würdigen weiß. Und die Kinder, die sich erhaben fühlen über all diesen Blödsinn hier, die mit blasiertem Gesichtsausdruck und verschränkten Armen am Rand sitzen, ständig mit den Augen rollen und abfällige Geräusche machen. Pffff. Ja. In verschiedensten Ausformungen waren alle Verhaltensweisen der Kinder in den Klassen hier vorbildhaft repräsentiert. Lustigerweise also genau von den Erwachsenen, die sich ununterbrochen über dasselbe Verhalten bei den Kindern beschwerten.  Und die hier eindeutig der autoritären Gangart des Sheriffs folgten. 

Und was die viel beschworene Gleichberechtigung anging, die der Sheriff so selbstverständlich in der DEUTSCHEN Kultur im Gegensatz zur arabischen oder türkischen Kultur verortete, war es schon ein bisschen zum Lachen. Denn die Schulleiterin war zwar weiblich – aber – es redete nur Herr Böhm und sein Männerclub und für jeden ihrer Sprüche gab es beifällig begeistertes Gelächter, bzw. Gekicher aus der Saloon-Damen-Ecke. Frauen, die NICHT darüber lachten, waren in diesem Kollegium unsichtbar. Und die Frauen, die sich zu Wort meldeten, taten dies in einem seltsamen Modus der Unterwerfungsgeste: Wortbeiträge wurden lächelnd und/oder leicht aufgeregt um Anerkennung buhlend vorgetragen – als liefe ein heimlicher Wettbewerb um die Gunst des Sheriffs – bei gleichzeitiger polemischer und brutaler Abwertung aller kritischen Impulse. Wer auch nur den Hauch einer abweichenden Meinung durchblicken ließ, hatte die empörten Augen und abfälligen Kommentare des gesamten Hühnerstalles auf sich. Ich stellte fest, dass mir die politischen Kategorien von „links“ und „rechts“ in diesem Kontext keine Orientierung mehr geben konnten. Der gesamte Kreis um den Sheriff gab sich als „links“, offenbarte aber sowohl im Denken als auch im Handeln ein zutiefst hierarchisches und autoritäres Weltbild, welches den offen konservativ, also eher „rechts“ tickenden Kolleg*innen an der Schule verblüffend nahe war. Offenbar waren hier „links“ oder „rechts“ keine aussagekräftigen Kategorien mehr, sondern eher „autoritär, hierarchisch“ auf der einen Seite und „gleichwürdig, demokratisch“ auf der anderen Seite. Wobei die autoritär agierende Fraktion sich natürlich für absolut demokratisch hielt. Demokratisch in welchem Sinne? Insgesamt fehlte es an Klarheit und an Durchsetzungskraft auf ein Ziel bezogen. Welches Ziel wurde hier überhaupt verfolgt? Gab es eins? Oder war alles nur ein Durchwurschteln und „Dabei-auf-die-Welt- und-die-Umstände-schimpfen“? Und vor allem: Auf die „anderen“? Ich war verwirrt. 

Am schlimmsten aber empfand ich in diesem Sheriff-dominierten Umfeld meinen seltsamen Rückfall in´s angepasste Weibchen-Schema. Ich selbst saß in diesen Häschenschule-Konferenzen und Studientagen, konnte das alles nicht so richtig fassen und sagte – trotzdem – nichts! Seltsame Dynamiken schienen hier zu wirken. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Wenn ich es kaum mehr aushielt und etwas sagen WOLLTE, dann hatte ich Herzrasen und große Beklommenheit und musste mich extrem überwinden, das Wort zu ergreifen. 

WARUM? Was war los mit mir? Ich hatte keinen Zugriff auf meine natürliche Art zu sprechen, mich zu äußern, authentisch zu sein, weil ich in dieser hierarchisch tickenden Welt die Rolle eines Menschen „mit Behinderung“ zugespielt bekam – nämlich die einer Frau. Und weil mir in diesem Umfeld als Frau Eigenschaften angedichtet wurden, zu denen ich selbst nicht Stellung nehmen durfte. Ich war eine Frau. Fertig. Das hieß: Zu nett, Opfer, Kuschelpädagogik, unqualifiziert, kann sich nicht durchsetzen. Und weiter: Auf einer Skala zwischen „fickbar“ und „frigide“ eingeordnet: Falls ich mich an die Regeln halte, kann ich bei den Saloon-Damen mitspielen, bzw. mitkichern. Ansonsten sieht es mit meinem „Rang“ ziemlich schlecht aus. Und WENN ich dagegen aufmucke, wird mir jeglicher Status, jegliche Anerkennung und Berechtigung, hier zu sein und Einfluss zu nehmen, aberkannt. Sei die Gefall-Barbie, dann darfst du bleiben und hast deinen Platz. So lautet die Regel. Und ansonsten nicht. 

(Aber nee: Wahrscheinlich hatten „die kleinen arabischen Machos“ ihre Rollenbilder auf jeden Fall ausschließlich von ihren „Kopftuch-tragenden Müttern“…) 

Damals blieb ich in meinem Herzrasen und dem beklommenen Gefühl gefangen und bemühte mich, dazu zu gehören. Egal, was das bedeutete. So lange ich die lächelnde Gefall-Barbie war, hatte ich einen Platz und einen Status. Und den wollte ich auf keinen Fall verlieren. Manchmal dachte ich: Es ist alles scheiße. Aber du hast einen Job und einen guten Ruf. Du gehörst dazu und du bist NORMAL. Keiner kennt deine Gedanken. Dir kann nichts passieren. Einfach lächeln und weitermachen.  Was für ein unfassbarer Mindfuck aber unten drunter lag! Den ich ständig mit großem Kraftaufwand wegdrücken musste“. Ich stand wie ein angeketteter Hund in seiner engen Hütte – dabei WAR ich ja gar nicht angekettet und hätte laufen können, wohin ich wollte. Warum tat ich es nicht?

Aber immerhin passierte etwas anderes: Ich empfand plötzlich ein Gefühl der Solidarität mit den Jugendlichen. So wie ich das Gefühl hatte, immer als „leicht minderbemittelt angespielt zu werden“, weil ich im Sheriff-System eine Frauwar, so mussten sich die Jugendlichen fühlen, die immer nur über ihren „Ausländer-Status“ – und damit direkt verkoppelt als kriminell und verhaltensgestört – angespielt wurden.  Wenn ich im Lehrerzimmer hörte, wie die Kollegen in der großen Sheriff-Runde über die Schüler*innen redeten, stieg in mir die Wut hoch und ich verließ fluchtartig die Patriarchen-Zone. Brennende Solidarität mit denjenigen, die hier ebenfalls als Opfer und als minderbemitteltabgestempelt und nicht ernst genommen wurden. 

Aber trotz meiner aufkeimenden Solidarität blieb ich erstaunlicherweise weiterhin nach außen NETT und angepasst. Und es ist die Frage, wie lange das so weitergegangen wäre, wenn sich die Jugendlichen nicht so wunderbar STÖREND verhalten hätten und mir damit zum Vorbild wurden. Denn ich war angepasst. Sie aber nicht. Sie wehrten sich. Sie waren weiter als ich. 

Ich hätte noch ewig gebraucht, um aus meinen Mustern auszusteigen, wenn ich nicht einen ordentlichen Schubser von einem beeindruckenden role-model bekommen hätte: Von meiner Schülerin Selina. Nach meiner Mentorin im Referendariat und Dieter in Bullerbü überraschte sie mich als eine weitere Türwächter*in der Freiheit – und öffnete mir die Augen, was zu tun ist, wenn wir KEIN Opfer sein wollen… 

Türwächter*innen der Freiheit – 11. Kapitel

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 11. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

11 Untergang – und Wiederaufstehen 

Leider stellt sich heraus, dass sowohl der Pessimismus von Frau Rische als auch der von Herrn Schulz irgendwie begründet ist. Ich habe zu früh gegrinst. Und wer zu früh grinst, den bestraft das Leben. Obwohl ich drei Wochen lang in jeder Pause über den Schulhof laufe und allen von der großartigen Theater AG berichte, die ab sofort jeden Mittwoch Nachmittag um 14.30 beginnt, kommt genau niemand, keiner, null. Drei Mal hintereinander stehe ich am Mittwoch Nachmittag in der leeren Aula und warte, schaue aus dem Fenster, gehe auf und ab, schaue wieder aus dem Fenster, sehe nach, ob vielleicht jemand draußen vor der Tür wartet, nein, Fehlanzeige, alles still und tot im Gebäude, also weiter sinnlos in der Aula auf und ab gehen und – warten. Drei Mal hintereinander packe ich gegen 16 Uhr meine Sachen und fahre niedergeschlagen nach Hause. Auf den Info-Plakaten zur Theater AG, die ich vor dem Lehrerzimmer und dem Sekretariat in Schönschrift aufgehängt habe, hat jemand in großen Buchstaben drüber geschmiert: Theater ist schwul. 

Das ist auch in etwa die Reaktion auf dem Schulhof, wenn ich von der Theater AG erzähle. Die Jungs prusten los: Denkst du, ich bin schwul, oder was? Mach doch Boxen! Dann komm isch vielleicht. Die Mädchen hören meistens etwas höflicher und teilweise sogar interessiert zu, aber alle haben irgendwas anderes vor: Ich muss zu Hause helfen. Ich darf nicht. Theater ist nix für mich. Ich bin schüchtern. Ich kann nicht schauspielern. Ich muss arbeiten. Meine Mutter erlaubt nicht. Ich muss auf meine kleinen Geschwister aufpassen. Usw. Usw. 

Langer Rede kurzer Sinn: Es kommt einfach mal keiner. Scheiße. 

Und meine Idee, dass die 8b sich freuen würde, wenn wir den Unterricht in die Aula verlegen, erweist sich ebenfalls – wie Herr Schulz prophezeit hatte – als Schnapsidee. 

Weil niemand zur Theater AG kommt und ich das Gefühl habe, dass meine anfängliche Begeisterung und Freude allmählich leer läuft, denke ich: Dann geh doch wenigstens mit der 8b in die Aula und fang mit denen an. Vielleicht kannst du sie begeistern und dann kommen auch welche zur Theater AG, wer weiß. Toller Plan. Die Realität sieht anders aus. 

Die Klasse steht rempelnd und grölend in einem chaotischen, leider mega-lautem Pulk vor der Aulatür. Es ist so laut, dass ich mich beeile, ihnen aufzuschließen, damit der Lärm nicht weiter durchs ganze Schulgebäude hallt. Aber kaum ist die Aulatür offen, wird es NOCH viel schlimmer: Die Klasse stürmt in den großen Raum, alle schreien, lachen, toben, werfen mit Stühlen, wickeln sich in die Vorhänge, schubsen sich, rennen wie die Bekloppten durch die Gegend, prügeln sich, reißen an der großen Schnur, durch die der Theatervorhang auf und zu bewegt werden kann, kippen Eistee auf dem Parkettfußboden um, reißen die Fenster auf und steigen auf die Fensterbänke, kreischen, … es ist ein Alptraum. Chris und Mahmoud haben in Windeseile den Technikschrank aufgeknackt, das Tonmischpult entdeckt und in Windeseile so ungefähr alle Knöpfe und Schalter betätigt, die das Mischpult hergibt. Nach einer ohrenbetäubenden Übersteuerung, nach der ich kurzzeitig überzeugt bin, meine Trommelfelle seien geplatzt – ich höre noch minutenlang einen fiesen Piepton im Ohr – gibt es einen lauten Knall und die gesamte Technik ist – tot. Gleich darauf kracht jemand – eingewickelt in besagtem Theatervorhang – mit dem gesamten Stoff zu Boden, Vorhang abgerissen, vier, fünf andere Jungs springen johlend auf den entstandenen Stoffhaufen, alle schreien rum, dann fliegen plötzlich bunte Tücher und Bälle von hinter der Bühne nach vorne – irgendjemand hat offenbar zwei Kisten mit Zeugs entdeckt, vier Jungs werfen mit voller Wucht die Bälle an die Decke, während die anderen in halsbrecherischem Tempo auf den Tüchern über den Parkettfußboden rutschen. Quasi Tücher-Skating. Ich renne anfangs noch panisch von links nach rechts, brülle herum, versuche die Lage in den Griff zu bekommen – aber zwecklos. Irgendwann gebe ich auf, werde plötzlich ganz ruhig, schaue mir diesen ganzen Irrsinn an und denke: Kein Mensch wird mir glauben, was ich hier erlebe. Ich setze mich auf einen Stuhl in die Mitte der Aula, mache gar nichts mehr und richte mich innerlich auf den totalen Untergang ein. Dann geht jetzt eben alles zu Bruch. Ich kanns nicht ändern. 

Die nächste halbe Stunde erscheint mir wie die schlimmste meines Lebens. Ich sitze da und sehe zu, wie die Jugendlichen die Aula zerlegen, wie dieser schöne, große Raum, in dem ich einen Neustart machen wollte, einfach mal komplett untergeht. Ich sehe, wie diesen Kindern absolut nichts etwas bedeutet, wie sie einfach nur Spaß daran haben, alles kaputt zu machen, einschließlich mich. Und ich bleibe einfach sitzen und lasse meine allerschlimmsten Gedanken zu. Und darin bin ich gut: Mich selbst vollkommen nieder zu machen: 

Frau Behrens hat mir vertraut und etwas in mir gesehen, was ich ganz offensichtlich nicht bin. Sie dachte, ich hätte die Kraft und das Charisma, diesem Chaos etwas entgegen zu setzen. Aber da ist nichts. Sie hat sich getäuscht. Ich bin eine totale Versagerin. Ich dachte, ich wäre besser als diese Zombie-Lehrer hier. Aber in Wahrheit bin ich nur naiv und ignorant. Und jetzt weiß ich, warum man hier zum Zombie wird. Ich bin kein Stück besser. Ich bin einfach nur eine jämmerliche, überforderte Provinz-Lehrerin, die sich eingebildet hat, sie könnte mal eben so an einer Brennpunktschule die Heldin spielen. Wie absolut lächerlich und peinlich. Ich kann ja GAR NICHTS. Von wegen „Berufung Lehrerin“. Das konnte ich mir nur deshalb einreden, weil ich bisher einfach mal IMMER auf die Schokoladenseite geplumpst bin. Aber kaum verlasse ich mein Bullerbü-Naturschutzgebiet, bin ich völlig hilflos. Ich KANN meinen Beruf ja gar nicht. Ich kann mich ja offenbar überhaupt nicht durchsetzen. Und mögen tut mich hier auch keiner. Was soll ich jetzt machen? Was für eine Lösung fällt mir ein? Tja. NICHTS! Ich sitze hier rum, während sich die Kinder prügeln und gegenseitig fertigmachen und alles den Bach runtergeht. Wenn diese Stunde vorbei ist, und Frau Rische und Frau Behrens das gesamte Ausmaß dieser Katastrophe sehen, dann ist die Stelle hier sowieso für mich gelaufen. Aber nee ist klar: Die Plath denkt sich, sie ist besonders schlau: Verlegt den Unterricht in die Aula. Damit es den Kindern BESSER geht. Wie komme ich darauf? Was MACHE ich hier eigentlich?  Was für eine Hybris, die tolle Schule von Dieter zu verlassen und nach Berlin zu gehen? Wie bin ich überhaupt darauf gekommen? Ich hätte schön da bleiben sollen. Schuster bleib bei deinen Leisten! Denn scheinbar bin ich für diesen Beruf absolut ungeeignet. Ich kann nur guten Unterricht geben, wenn der pädagogische Rahmen, also die Wertekultur, schon durchgesetzt ist und ich mich einfach nur ins gemachte Bettchen legen muss. Alleine kriege ich aber offenbar gar nix hin. Ich weiß null, wie ich diese Kinder erreichen kann. Jetzt unterrichte ich hier schon seit Monaten und kriege nicht eine einzige Stunde gebacken. Und REDEN kann ich auch nicht mit denen. Die Situation im Park haben die ja offenbar nur gefaked. Die HASSEN mich. Die sehen ganz genau, dass ich eine überhebliche deutsche Scheiß-Kartoffel bin. Und recht haben sie! Ich dachte ja WIRKLICH, ich wüsste irgendwas besser. Einen Scheiß-Dreck weiß ich! 

Während ich mich selbst bemitleide und meinen eigenen Untergang beschwöre, höre ich in diesem ganzen Chaos immer wieder dieses Wort: Opfer! Und ich beziehe es plötzlich auf mich selbst. Genau. ICH bin ein OPFER. Ich MACHE ja nichts. Warum MACHE ich nichts? Weder im Lehrerzimmer noch hier. Was bin ich bloß für eine blöde Heulsuse. Was für ein Opfer!!

Ey, verpiss disch mal, du Opfer! ruft gerade wieder jemand. Es ist gar nicht an mich gerichtet, aber ich denke: Ja genau. Verpiss dich mal, Frau Plath. Du Opfer. Oder MACH was! Beweg deinen Arsch! Das darf doch nicht wahr sein, dass du hier wie gelähmt rumsitzt und aufgibst! MACH endlich was!! Und ganz langsam und mit riesiger Kraftanstrengung zwinge ich mich in den Raum zurück, versuche, mich der Situation zu stellen, stoppe mit aller Gewalt meinen inneren Monolog der Selbstdemontage und versuche einen konstruktiven Gedanken zu fassen. WAS kann ich tun? Das Gute ist ja quasi, dass bereits alles, was schiefgehen konnte, schon schief gegangen IST, also könnte ich ja jetzt einfach mal IRGENDWAS  versuchen. Ich sehe diesen Kindern beim Durchdrehen zu und frage mich: Wie kann ich ihre Aufmerksamkeit gewinnen? Und weil in meiner Wahrnehmung sowieso schon alles zu spät ist, gebe ich mir innerlich irgendwie Narrenfreiheit – und Zeit. Mir MUSS letztendlich auch nichts einfallen, denke ich, es ist eigentlich schon egal. Neben mir auf dem Stuhl liegt der Stapel Arbeitsblätter, den ich für den „Notfall“ mitgenommen hatte. Wie genau hatte ich mir das vorgestellt, mit dem Ausfüllen – ohne Tische? Egal. Ich greife mir den Stapel, drehe die Blätter um, denke an die Situation vor ein paar Wochen im Park und schreibe mit einem Filzstift in großer Schönschrift „Libanon“ auf die Rückseite eines Arbeits-Bogens. Es ist so ein bisschen wie „Nebenbei-etwas-auf-einen-Notizblock-Kritzeln-während-man-telefoniert“. Ich versuche mir die Situation im Britzer Park wieder vor Augen zu führen und was sie da erzählt haben und schreibe gedankenverloren entsprechende Wörter auf die Din A 4 Rückseiten der Blätter, ein Wort pro Zettel: LIBANON. HOCHZEIT. KRIEG. FAMILIE. AMT/JOBCENTER. ARBEITSERLAUBNIS. SOZIALPÄDAGOGE. Ohne genau zu wissen, warum, lege ich die Blätter auf dem Boden der Aula aus. Um mich herum ohrenbetäubender Lärm. Egal. Ich konzentriere mich auf meine Wörter. HEIMAT. BEIRUT. BERLIN. LIEBLINGSORT. LIEBLINGSMENSCH. Mir fallen immer mehr Wörter ein. Ich liebe es, schön zu schreiben, das habe ich schon immer geliebt und ich versinke ein wenig in meiner kleinen, albernen Tätigkeit. LIEBLINGSESSEN. FAMILIENFEST. REISE. KINDHEITSERINNERUNG. Immer mehr Wort-Schilder liegen auf dem Boden. Und sie sehen irgendwie schön aus. Ich halte inne und erlaube mir einen kleinen Augenblick der Freude. Selina, die gerade noch auf einem bunten Tuch an mir vorbei geschliddert ist, bleibt jetzt neben mir stehen und betrachtet die Papiere auf dem Boden. Sie haben eine schöne Schrift, wallah. Sieht voll schön aus. Sie schaut mich an.  Wozu sind die?  Es ist noch immer so laut im Raum, dass ich fast schreien muss, damit sie mich versteht: Ich weiß nicht, vielleicht wollt ihr dazu was erzählen? Selina schaut sich erneut die Blätter auf dem Boden an, scheint zu überlegen, nickt. – Aber es ist zu laut, sagt sie. Ich glaube, es gibt ein Mikro, sage ich und mache mich auf den Weg zum Technik-Schrank. Dort liegt die Kiste mit den zwei Mikros, die ich bereits an den einsamen Theater-AG-Nachmittagen während des vergeblichen Wartens entdeckt hatte. Selina nimmt die beiden Mikros aus der schwarzen Schaumstoff-Hülle, hält sich eines an den Mund, spricht hinein. Aber es geht nicht, sagt sie.Ja, die sind noch nicht angeschlossen, erkläre ich, und das Problem ist auch, dass die Anlage jetzt wahrscheinlich kaputt ist, du hast ja den lauten Knall gehört, oder? Jetzt stehen auch Momo und Mehmet plötzlich neben uns vor der Anlage und Selina sagt: Wir dürfen in die Mikros sprechen, aber die Anlage ist kaputt. Momo und Mehmet beugen sich sofort interessiert über das Mischpult. Es dauert keine weiteren zehn Sekunden, da stehen insgesamt fünf Jungs vor dem Technikschrank und debattieren. Es werden Schalter gedrückt, Kabel gesteckt, Knöpfe gedreht. Sag mal was ins Mikro, Selina, ruft Momo. Selina windet sich kichernd, wirft den Kopf nach hinten, schüttelt den Kopf. Doch, mach ma jetzt! beharrt Momo. Was soll ich denn sagen? Momo rollt die Augen. Sag doch einfach Test, Test. Eins zwei drei. Selina macht mehrere Anläufe, die in wildem Gekicher enden. Als Momo ihr genervt das Mikro aus der Hand reißen will, hält sie es hinter ihren Rücken, hört auf zu lachen. Ok, ok. Ich mach jetzt ordentlich, verspricht sie. Momo seufzt und wendet sich wieder dem Mischpult zu. Dort wird weiter heftig debattiert und gebastelt. Selina spricht ins Mikro. Test. Test. Nichts. Die Jungs sind jetzt offenbar angefixt, das Mikro, und damit die gesamte Anlage zum Laufen zu bringen. Sind da Batterien drinne? fragt Mehmet und nimmt Selina das Mikro aus der Hand. Check, sagt Mehmet mit fachmännischem Tonfall. Müsste eigentlich laufen. Sag noch mal was, Selina. Selina lächelt, wirft sich jetzt in Pose und sagt mit schnurrender Stimme: Hallo hallo hallo? Ist da jemand. I love you…! Und da – kommt der Ton. Ihre Stimme hallt durch die ganze Aula. Selina lässt fast das Mikro fallen. Iiiiiih, wie hässlisch klingt das, ABBO!!Ali greift jetzt das Mikro: Oh man, wallah! Jetzt übertreib ma nich! Er wiederholt Hallo hallo hallo! Er grinst. Ey funktioniert, Alter, mach ma Beat! Inzwischen sind fast alle im Umkreis des Technikschranks gelandet. Ali macht wild ausladende rhythmische Armbewegungen und legt spontan einen kleinen Rap hin. Es klingt ziemlich professionell. Taher springt ihn von der Seite an, reißt ihm das Mikro weg, rappt weiter. Ey schüüüüsch! sagt Ali, scheint sich aber bestens zu unterhalten. Alle klatschen. Ich nutze den Moment, greife mir das andere Mikro, fahre die entsprechende Spur hoch und bete, dass es funktioniert. Das tut es. Ok, dann können wir jetzt starten, sage ich, so als hätte es schon immer diesen Plan gegeben. Ihr seht ja die Wörter da auf dem Boden. Ihr geht gleich alle zur Musik durch den Raum. Wer etwas Persönliches zu einem Wort erzählen oder rappen möchte, klatscht laut in die Hände und ruft STOPP. Dann frieren alle in der Bewegung ein und die Person erzählt ihre Sache ins Mikro – oder rappt. Wenn ihr mit eurem Text fertig seid, legt das Mikro wieder zurück auf den Stuhl und geht weiter durch den Raum. Das Spiel heißt „Open Mike“. Verstanden? Alles klar. Geht los. 

Ich merke, dass ich vor Aufregung ganz heiße Ohren habe, hier scheint endlich was zu klappen! Ich lege eine CD ein, meinen Forrest-Gump-Soundtrack, wähle den Track „Forrest Gump Suite“, was anderes habe ich gerade nicht, schiebe die Musikspur hoch und gebeTaher, der noch das Mikro in der Hand hält ein Zeichen. Er zieht fragend die Augenbrauen hoch, kommt näher. Das Spiel heißt „Open Mike“, wiederhole ich und deswegen muss das Mikro an einer Station sein, also an einem Platz, wo man hingehen und es sich nehmen kann. Open Mike eben! Klar? Ich zeige auf den Stuhl. Kannst du das Mikro da hinlegen? Taher nickt und legt das Mikro ab. (Ich fasse es nicht). Während die Musik durch die völlig ramponierte Aula mit dem abgerissenen Vorhang, den klebrigen Eistee-Pfützen, den umgekippten Stühlen und den wahllos verstreuten Requisiten aus längst vergangenen Zeiten wabert, verwandelt sich die gesamte Situation plötzlich in eine romantische Filmszene, als sollte alles genauso sein – und auf wirklich fast magische Weise fangen alle nach und nach an, durch den Raum zu schlurfen, nicht gerade energetisch und auch nicht wirklich leise, hin und wieder werden Nackenschläge verteilt und jemand brüllt: Ey du Hurensohn! – aber immerhin. Alle halten sich mehr oder weniger an die Regeln des Spiels, weil ihnen „Open Mike“ offenbar gefällt. Klar: Die Forrest Gump Suite wird arg kritisiert: Hast du nur so schwule Musik?Aber alle sind dabei und ständig klatscht jemand und geht ans Mikro. LIBANON! Sagt Fuad mit lauter Stimme ins Mikro. LIBANON IST MEINE HEIMAT. Er schaut mich an, dann die anderen, und fängt an, zu erzählen – von seinen letzten Sommerferien in Beirut. Anschließend legt er behutsam das Mikrofon zurück auf den Stuhl, ich schiebe die Musikspur wieder ein wenig hoch, während er zurück in den Raum geht. Sofort klatscht wieder jemand. Manche sagen nur einzelne Sätze, die wie Statements klingen:

Die Lehrer wissen nicht, wie es ist, ein Araber zu sein.

Wenn die Lehrer Ausländer wären, hätten sie mehr Erfahrung über Hartz IV Empfänger. 

Oder

Türken und Araber lernen schnell die deutsche Sprache, aber die Deutschen können unsere Sprache in tausend Jahren noch nicht!

Können wir noch andere Wörter aufschreiben?fragt Basak. Ich reiche ihr den Papierstapel und den Edding Stift. Sie kniet sich kurz auf den Boden und schreibt sehr ordentlich in Schönschrift AUSLÄNDER auf das Blatt. Ich denke: Warum immer dieses Wort „Ausländer“? 

Die Forrest-Gump-Suite hat kaum eine Chance, gehört zu werden, denn alle drei Sekunden klatscht jemand, ruft „Stopp!“  und geht ans Mikro, um etwas zu erzählen. Und in Windeseile entstehen neue Karten, die alle in Schönschrift (!) zu meinen  dazu gelegt werden. Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Aber. Die Themen irritieren mich teilweise. Warum geht s immer um „Ausländer“ im Gegensatz zu „Deutschen“? Viele erzählen, dass sie in Berlin geboren sind und bezeichnen sich trotzdem als „Ausländerkinder“. Überhaupt bekommt Basaks Karte mit dem Wort AUSLÄNDER die meiste Aufmerksamkeit. Fast alle haben offensichtlich was dazu zu sagen, WOLLEN etwas dazu sagen:

Ich hasse nicht die Deutschen, es kommt darauf an, wie sie sich verhalten!! Aber die Ausländerkinder halten immer zusammen.

Ohne Ausländer wäre Deutschland NIX.

Die Deutschen werden nicht so oft von Türken und Arabern gemocht. Und die Juden waren immer so Feinde für Türken und Arabers (Araber). Aber manche Araber und Türken können sich auch untereinander nicht verstehen.

Araber haben was gegen Juden. Die meisten Araber haben auch was gegen Türken und die Türken gegen die Araber, aber alle haben was gegen die Deutschen. Die schlagen auch die Deutschen, obwohl sie hier leben. Ich glaube, weil wir alle eine andere Religion haben. Aber wir müssen uns hier alle verstehen. Wir verstehen uns aber einfach nicht. Es gibt Streit auf den Straßen. Überall gibt es Schlägereien. 

Können sich arabische und türkische Menschen gegenseitig leiden? Wie ich weiß, können sich arabische und türkische Kinder gut leiden. Aber ich habe auch sehr viele Freunde, die allgemein die Araber nicht leiden können. Und es ist auch anders herum. Fühlen sich Deutsche auf dem Schulhof gemobbt? So wie ich es weiß, eigentlich gar nicht. Nur ich hatte mal eine Auseinandersetzung mit einem Deutschen. Ich habe aber auch deutsche Freunde. Ob wir Muslime Juden leiden können? Wir können die Juden nicht leiden, weil die Juden unser muslimisches Palästina umgebracht haben.

Es geht gar nicht um Muslime oder Deutsche. Es geht darum, Opfer zu sein oder nicht Opfer zu sein.

Wenn wir hier nicht leben würden, würden die Deutschen kein Falafel, kein Schawarma, kein Döner, usw. kennen.

Im Koran steht es: Wer lügt, wird bestraft und geht in die Hölle. Lügen ist Haram. Ich z. B. lüge auch, und ich weiß, dass ich bestraft werde, aber was soll ich machen, ich muss, weil ohne Lügen wäre das Leben schwer. Wenn ich zu spät komme, muss ich meine Mutter anlügen.

Ich finde, man sollte nicht so oft lügen. Letztendlich kommt das Wahre doch ans Licht. Aber eine Notlüge ist in Ordnung. Zum Beispiel wenn wir raus wollen, wir dürfen nicht raus gehen, wir dürfen nicht mal feiern gehen, nichts. In so einem Fall ist es erlaubt, zu lügen, finde ich. Jeder Mensch hat sein gutes Recht, dahin zu gehen, wo er will. Aber wir sind muslimisch, wir dürfen das nicht. Wenn es um die Freiheit geht, in dem Fall bin ich der Meinung, man muss lügen, denn man hat keine andere Wahl. 

Teilweise stockt mir der Atem. Soll ich da jetzt unterbrechen? Aber ich habe ein ganz starkes Gefühl, dass ich jetzt erstmal zuhören und zulassen muss. Außerdem bin ich mir in diesem Augenblick gar nicht so sicher, was ich jetzt Sinnvolles tun könnte. Verbote aussprechen? Ein Problemgespräch im Kreis beginnen? Mir würde ALLES um die Ohren fliegen und es wäre mit Sicherheit NICHTS erreicht. Sie würden ihre Sätze trotzdem sagen – oder DENKEN. Und was dahinter steckt, ob sie das WIRKLICH denken und vor allem, warum, das würde ich dann mit Sicherheit NIE erfahren. Außerdem hindert mich noch etwas anderes daran, einzugreifen: Es herrscht eine merkwürdige Ernsthaftigkeit im Raum und ein vorsichtiges Zutrauen, das wie eine Frage an mich im Raum hängt. Können wir dir vertrauen? scheinen sie indirekt zu fragen. Sie WISSEN ganz genau, dass ich ihre Sätze höre. Und scheinbar wollen sie, dass ich sie höre. Gleichzeitig sind sie dabei aber vollkommen kooperativ. Es liegt überhaupt keine Provokationsabsicht im Raum, obwohl manche Sätze genau danach klingen. In ihren Gesichtern ist aber etwas anderes. Da ist ein großer Ernst und auch Aufregung. Ein unausgesprochenes: Können wir dir vertrauen? Und innerlich antworte ich JA. Ich merke, dass ich herausfinden will, wer diese Kinder sind. Nachfragen und klären kann ich später. Aber diesen Moment kann und will ich nicht unterbrechen. Zum ersten Mal erfahre ich etwas. Und tatsächlich will ich auch vertrauen. Mir fällt ein, dass man ja auch von Vertrauen SCHENKEN spricht. Genau. Wir müssen es uns gegenseitig SCHENKEN. Absichern ist nicht. 

Diese erstaunliche Doppelstunde in der Aula nimmt dann auch ein ebenso erstaunliches Ende. Ich muss das „Open Mike“-Spiel gegen große Widerstände abbrechen. Immer schreit noch jemand: Nur noch eins, Frau Plath! Eins noch! und grabscht sich das Mikro. Ok, aber JETZT müssen wir wirklich Schluss machen, es klingelt gleich…

EINS noch! Ich will nur noch EINE Sache sagen…!

Eins noch, Frau Plath! 

Irgendwann muss ich lachen und rufe laut dazwischen: Ihr habt gleich PAUSE!Jetzt ist Schluss! und schalte die Anlage und damit das Mikro aus. 

Aber können wir das wieder machen mit „Open Mike?“ fragen mehrere gleichzeitig, während andere schon zur Tür rennen. Ich rufe STOPP und bin verwundert, dass sich der Trupp an der Tür tatsächlich umdreht. Taher ist dabei. Sonst lässt er sich von einem Stopp ja eher nicht beirren. Erwartungsvoll schauen mich nun alle an. Kurze Stille. Als hätte jemand die Pause-Taste gedrückt. Ich hole Luft und sage: 

Ganz ehrlich: Guckt euch kurz die Aula an. So können wir die nicht lassen. Und das geht auch gar nicht, dass ihr mich das alleine aufräumen lasst. 

Stille. Keiner bewegt sich. Dann. Setzt sich der Jungs-Trupp an der Tür in Bewegung Richtung Bühne. Der Vorhang. Bzw. der Stoffberg. Die Jungs steuern darauf zu. Und da sehe ich es. Ich starre auf die Bühne: Die Bühne sieht jetzt viel BESSER aus. Ohne den Vorhang. Der Vorhang erinnert mich an meine Abitur-Abschlussfeier. Vor so einem Vorhang gabs den Handschlag und das Abschlusszeugnis. Dieser Vorhang atmet hundert Jahre Förmlichkeit und steife Zeugnis-Ausgabe. Ohne den Vorhang ist das jetzt eine Theaterbühne. Man könnte sie schwarz streichen. Sie wäre schön. Ich sehe es schon vor mir. 

Wartet mal. Sage ich. Den Vorhang müsst ihr nicht wieder aufhängen. Der ist doch eigentlich – hässlich. Die Bühne sieht viel besser aus ohne den Vorhang. 

Die Jungs schauen überrascht. Ich nutze den Moment: 

Den Vorhang könnt ihr liegen lassen. Da kümmere ich mich drum. Aber die Stühle… und das Zeug auf dem Boden… Und den Eistee müssen wir weg wischen, das klebt. Mahmout, Chris, Taher: Könnt ihr mal die Stühle wieder ordentlich hinstellen und Fatima: Holst du mal Klopapier für die Pfützen? Und Fuad, Momo, Ali: Könntet ihr mal diese ganzen Tücher und Requisiten aufsammeln und wieder in die Kisten zurück packen? Und Kevin: Kannst du mal den Besen da nehmen und fegen? … Und Basak und Selina: Könnt ihr die Wort-Schilder einsammeln…?

Und das Erstaunliche ist jetzt: Sie machen es wirklich. Sie räumen auf. Ich stelle mit den Jungs die Stühle in einen ordentlichen Stuhlkreis und das Ganze dauert nicht mehr als drei Minuten. Innerhalb kürzester Zeit sieht der Raum einigermaßen passabel aus. Der Müll quillt zwar jetzt über mit klebrigem Klopapier, leeren Eistee-Tetra-Packs und Yum Yum Nudeltüten, aber ansonsten könnte man meinen, hier hätte gar nichts statt gefunden. Nur ein Vorhang wurde entfernt, weil er das Gesamtbild störte. 

Und während sich die Klasse auf den Weg in die Pause macht, packe ich mein Zeug zusammen, schließe den Musikschrank ab und nehme den Stapel mit den Wörter-Schildern vom Stuhl. Es ist keine einzige Arbeitsbogen-Rückseite leer geblieben. Auf jedem Papier steht hinten ein Wort. Ich blättere sie kurz durch und bleibe hängen: Auf eines hat jemand das Wort LIEBE geschrieben und daneben ein etwas wackeliges Herz gemalt. Zu diesem Wort hat heute keiner was gesagt, denke ich. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen.