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Online Kurse bei Maike Plath

„Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung – Das Mischpultprinzip: Ein Online-Seminar zur Einführung der zentralen Prinzipien gleichwürdiger Führung und Selbstführung“

Die derzeitige Covid 19 Pandemie können wir als einmalige gesellschaftliche Lernsituation begreifen, in der wir alle mit unseren eigenen internalisierten autoritären Mustern konfrontiert werden und diese Schritt für Schritt erkennen und überwinden lernen können. 

Basis-Kurs:

4 Zeitstunden für Gruppen bis zu 14 TN

Online-Kurs via Zoom

Inklusive begleitendes Material und Protokoll

750,- Euro

Dieses Angebot kann nur von Gruppen/Institutionen gebucht werden, nicht von Einzelpersonen. Der Preis ist nicht der Preis pro Person, sondern für die gesamte Gruppe a 14 Personen für vier Zeitstunden Mischpult-Online-Seminar. Es handelt sich hier um eine grundsätzliche Einführung in das Mischpult-Prinzip am Beispiel des oben genannten Themas. Dieses Format wurde bewusst als Online-Format entwickelt und kommt bereits sehr gut an (- es ist auch für online-skeptische Menschen geeignet!).

Anfragen an: 

kontakt@maikeplath.de

Programm:

Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung – Das Mischpultprinzip

Ein Konzept zur gleichwürdigen Führung

Einführung

Die Ausbildung von echtem Selbstwertgefühl ist die Basis für mentale und psychische Stärke – eine immer wichtiger werdende Ressource, um komplexe Situationen, mit denen wir es zunehmend zu tun haben, aushalten zu können und damit DIE Grundvoraussetzung für die Fähigkeit sich selbst und andere zu führen. 

Es besteht aber ein Zusammenhang zwischen unseren Lebensbedingungen und Bildungschancen in einem wettbewerbsorientierten System und der Möglichkeit, mentale und psychische Stärke ausbilden zu können. Wer zu lange Anpassung als Voraussetzung für Anerkennung erlebt, verlernt den Zugang zur eigenen Persönlichkeit und eigenen Fähigkeiten und kann irgendwann auch durch die best-gemeinten herkömmlichen Hilfs- und Bildungsangebote nicht mehr selbstbestimmt denken, handeln und fühlen. 

Auf Anpassung und Gehorsam setzende Führungskonzepte, wie sie in Schulen, Hochschulen und Ämtern noch immer Gang und Gebe sind, verstärken die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit bei all denjenigen, die den zugrunde gelegten Normen nicht entsprechen können und machen diejenigen, die ihnen entsprechen KÖNNEN zu fremdbestimmten Effizienzmaschinen. Beides sehr schlechte Voraussetzungen, um auf komplexe Anforderungen zuversichtlich, stark und selbstverantwortlich reagieren zu können. 

Ursprung und Einordnung des Mischpult-Prinzips

Die Zuordnung des Ansatzes zum Begriff „Theater“ ist ein Missverständnis. Dieses Missverständnis trat auf, weil auf struktureller Ebene ein Name für die Sache gefunden werden musste, um dem Mischpultprinzip in schulischen Strukturen einen Platz zu ermöglichen. In Wahrheit geht es um weitaus mehr. Es geht um ein grundsätzlich anderes Verständnis von Führung, nämlich um eines, das Selbstverantwortung, Selbstführung und persönliches Empowerment in den Fokus stellt. Es geht um den Körper im Raum, und damit um die Möglichkeit, mit allen Facetten unseres Selbst mit anderen vielschichtig und gleichwürdig kommunizieren zu können – jenseits der eigenen beengenden Konditionierungen aus Kindheit und Sozialisation und jenseits von gesellschaftlicher Beschriftung/Bewertung. Je mehr wir wertenden und zensierenden Kontexten ausgesetzt sind, desto weniger Knanäle unseres Mischpults werden wirksam. Und umgekehrt gilt auch: Je weniger Kanäle meiner selbst mitschwingen, desto mehr bewerte und zensiere ich mich selbst, desto mehr Angst entsteht und desto mehr denke ich, ich müsste mich verstecken und mich schützen. Das ist aber so tragisch, denn diese Angst, sich zu zeigen, steht im krassen Widerspruch zu der zentralen Sehnsucht des Menschen, von anderen gesehen und verstanden zu werden, sich als Mensch voll einzubringen. Wir Menschen suchen Kooperation und Nähe, lernen aber aufgrund unserer auf Angst, Wettbewerb und Abgrenzung basierenden Sozialisation, uns zu verstellen und zu verstecken. – Und damit unser gesamtes Potential NICHT einzubringen, nicht zu entwickeln.

Selbstermächtigung – Führe Regie über dein Leben!

Wir LERNEN durch familiäre Konditionierung und gesellschaftliche Sozialisation die Angst davor, ICH zu sein, uns als die Person einzubringen, die wir sind und wir verlernen, ganzheitlich zu kommunizieren. Das Mischpult-Prinzip setzt beim Theater an, weil es damals erstmal darum ging, den rein kognitiven Kanal um ein Vielfaches zu ERWEITERN, indem wir uns wieder Zugang verschaffen zu den zahlreichen Erfahrungs- und Kommunikationsmöglichkeiten unseres Körpers. Denn auf diese Weise können wir überhaupt erst mit all den uns zur Verfügung stehenden eigenen „Kanälen“ in Schwingung kommen und darüber in eine vielschichtige Kommunikation mit den jeweils anderen kommen. Aber der allein körperorientierte Fokus reicht unter gesellschaftlichem/politischen Gleichwürdigkeits-Anspruch nicht aus. Es musste von Anfang an AUCH selbstermächtigende, künstlerische/kreative Arbeit mit Output sein, im Gegensatz nämlich zu beispielsweise anderen empowernden, körperorientierten Ansätzen, weil es so wichtig ist, Menschen das Gefühl von SELBSTWIRKSAMKEIT zu ermöglichen. Es geht beim Mischpultprinzip darum, Wege aufzuzeigen, wie alle Beteiligten sich selbst als gestaltend und erfolgreich erleben können – auf der Basis des Eigenen und durch eine facettenreiche, verbindende Kommunikation mit anderen. 

Das Mischpult-Prinzip ist mehr als Theater

Leider wurde dieser Ansatz von der stark kognitiv ausgerichteten und hierarchisch geprägten Theaterpädagogik vielfach missverstanden und auf den theaterpädagogischen Aspekt reduziert. Das Mischpult-Prinzip ist allerdings nicht nur ein GEGENENTWURF zur bestehenden Theaterpädagogik, sondern auch ein künstlerisches Instrumentarium zur radikalen Demokratisierung von Prozessen und Räumen. Jetzt ist der Zeitpunkt da, um sich aus dieser Fremdbeschriftung durch das „Theater“ zu lösen, und neue Begrifflichkeiten zu finden, die besser geeignet sind, um das auf den Punkt zu bringen, wofür das Mischpult-Prinzip in Wahrheit steht. Nämlich um ein radikal demokratisierendes, struktur- und gesellschaftsveränderndes Denken und Gestalten, Fühlen und Handeln.

Darum geht es

Es geht um die tatsächliche, auch und insbesondere körperliche Begegnung im Raum und die Bereitstellung zahlreicher Ausdrucksmittel, um mit allen Facetten unseres Selbst mit anderen vielschichtig und gleichwürdig kommunizieren und gestalten zu können und auf diese Weise komplexe Probleme zu lösen und gemeinsame Ziele erreichen zu können.

Mehr Demokratie wagen

Unsere Welt wird besser, je mehr Menschen die Stärke besitzen, das Unsichere und Mehrdeutige auszuhalten und dennoch beherzt Entscheidungen zu treffen und je mehr Menschen aus dem Modus des angepassten oder des rebellischen Kindes heraus kommen und stattdessen im Erwachsenen-Modus Verantwortung übernehmen (sowohl, indem sie selbst Führung übernehmen oder aber auch selbstbestimmt kooperieren/selbstbestimmt folgen). 

Eigene autoritäre Konditionierung erkennen:

Die derzeitige Covid 19 Pandemie können wir als einmalige gesellschaftliche Lernsituation begreifen, in der wir alle mit unseren eigenen internalisierten autoritären Mustern konfrontiert werden und diese Schritt für Schritt erkennen und überwinden lernen können. 

Im Online-Seminar erproben wir mit Hilfe der Mischpult-Prinzipien ein interaktives Format, in dem wir direkt erleben, was es bedeutet, einen gleichwürdigen Raum herzustellen und auch, was uns dabei manchmal im Wege steht (Input, Arbeit in Kleingruppen, Auswertung im Plenum).

Ausführliche Programmbeschreibung:

Spätestens in einer Welt nach der Corona Krise müssen wir einsehen, dass die wichtigste Fähigkeit, die es zu vermitteln gilt, die Kompetenz ist, unsichere, mehrdeutige und komplexe Situationen auszuhalten und konstruktiv, kreativ und eigenverantwortlich darauf zu reagieren. 

Das heißt: Unsere Welt wird besser, je mehr Menschen die Fähigkeit besitzen, das Unsichere und Mehrdeutige auszuhalten und konstruktiv und selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Dafür müssen wir lernen, aus dem angepassten oder rebellischen Kind-Modus in den Erwachsenen-Modus zu wechseln und Führung zu übernehmen oder/und selbstbestimmt kooperieren zu können. 

Wir brauchen konstruktive, in die Zukunft gerichtete Ziele und möglichst viele Menschen, die stark, zuversichtlich und handlungsfähig bleiben und gezielt darauf hinleben. 

Die Demokratie lebt vom Gestaltungswillen und der Zuversicht der vielen. Und vom Vertrauen in sich selbst und andere, und darin, dass wir in Kooperation miteinander gemeinsame Ziele verfolgen können. Hin zu einer menschlicheren Gesellschaft. 

Die Entwicklung des Mischpult-Prinzips als Konzept gleichwürdiger, demokratischer Führung basiert auf der Praxiserfahrung, dass Menschen nur dann miteinander kooperieren und demokratische Kernkompetenzen erwerben, wenn entsprechende Umfelder dafür geschaffen werden, in denen demokratisches Denken und Handeln Schritt für Schritt von Grund auf vermittelt, verstärkt und im konkreten, praktischen Handeln verinnerlicht werden. 

In überfordernden Situationen, wie sie in Schulen, bei gemeinsamen Arbeitsprozessen, im Alltag mit Kindern und in der Führung in Unternehmen immer wieder auftreten, wird aus der Not heraus vielfach autoritär (re-)agiert, was die Konflikte und die empfundenen Demütigungen aller Beteiligten nur verschärft und die Ausbildung von Selbstwert verhindert. Viele Menschen haben in ihrer Kindheit nur autoritäres Verhalten ihrer Bezugspersonen als Antwort auf überfordernde Situationen erlebt und können nun als Erwachsene ebenfalls nur so reagieren. 

Um auf der Basis ihrer eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Potentiale Führung/Verantwortung für sich selbst, phasenweise auch für die anderen und grundsätzlich für ein gemeinsames Ziel übernehmen zu können und zu wollen, brauchen Menschen Alternativen zum autoritären Handeln. 

Dafür braucht es transparente Konzepte sowie einen angeleiteten, schrittweisen Prozess, in dem wir konkrete Strategien der Selbstführung lernen und in der Folge dann auch Führung für andere und für gemeinsame Ziele übernehmen können, sowie (Lehr-) Personen, die auf der Basis eigener Integrität als gleichwürdig agierende Rollenmodelle vorleben, was Demokratische Führung bedeutet. 

Das Mischpult-Prinzip kann in künstlerischen Prozessen genauso angewendet werden, wie in Schulen, Hochschulen oder in Arbeits- und Unternehmenskontexten. 

Die Teilnehmenden lernen die Elemente des Mischpult-Prinzips im praktischen Tun kennen. Sie erleben alternative Handlungsweisen und wie es sich für sie selbst anfühlt, wenn Menschen sich gleichwürdig begegnen und in Kooperation miteinander Lösungen für komplexe Herausforderungen finden. 

Das Mischpult-Prinzip setzt sowohl inhaltlich als auch strukturell auf Prozesse, die zur Autonomie und Verantwortungsübernahme des*der Einzelnen führen. Damit leistet dieser Ansatz einen nachhaltigen Beitrag zur Stabilisierung unserer Demokratie und einer menschlicheren Gesellschaft. 

Weitere Informationen:

www.maikeplath.dewww.maikesblog.de

www.act-berlin.de

Social Media Links:

https://youtube.com/redemalordentlich
https://www.facebook.com/maikeplath/

Youtube: Kanal „ACT_berlin“ 

Podcast auf Spotify: „Türwächter*innen der Freiheit“

Zur Person

Maike Plath, 

Theaterpädagogin, Autorin, ehemalige Lehrerin und Mitglied des Leitungsteams von ACT e.V. – Führe Regie über dein Leben! 

Maike Plath ist die Begründerin des Mischpult-Prinzips. Ihr umfangreiches Konzept zu gleichwürdiger (Selbst-)Führung entwickelte sie aus der 17jährigen Praxis mit Jugendlichen heraus – erst als verbeamtete Lehrerin, seit 2013 im Rahmen von ACT e.V. Neben praktischen Forschungsfeldern widmet sich diese Bildungsinitiative der Weitergabe des Konzeptes an Erwachsene mit Führungs-, Erziehungs- und Bildungsverantwortung mit dem Ziel Beziehungs- und Demokratiefähigkeit in der Gesellschaft nachhaltig zu stärken.

Zusatzinformationen: Rosa von Praunheim portraitierte ihre Arbeit 2017 im Kinofilm „Act! Wer bin ich?“ Das Konzept von Maike Plath liegt in 10 Publikationen vor.

Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 25: Wut (Teil 2)

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig. 

An einem heißen Tag nach den Sommerferien 2012 stehe ich mit Dilara, Sabrina, Yasemin und Yara auf der Studiobühne im Heimathafen und wieder geht es um: Wut.  Wir wollen am Ende alles abschlachten, ruft Dilara fröhlich. Die anderen lachen und stimmen ihr zu. Genau! sagt Yara begeistert.  Das geht ja gut los,  denke ich. Als ich frage, warum und wer abgeschlachtet werden soll, zucken sie die Schultern und kichern.  Einfach nur so, man,  lacht Yasemin. Klar. Ganz am Anfang erfahre ich nichts. Es ist wie immer. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen… bzw. die weiße Kartoffel. Bis auf Yara kenne ich diese Mädchen nicht und es dauert, bevor sie Vertrauen zu mir fassen. Egal. Ich kenne das schon. Mir ist klar, dass ich einen Haufen Arbeit vor mir habe, bevor sie mich ernst nehmen. 

Ein paar Tage später stehe ich in der großen Pause hinter dem Schulgebäude in der sogenannten Lehrerraucherecke, trinke einen Kaffee und genieße meine Zigarette, als Sabrina plötzlich um die Ecke stürzt – völlig aufgelöst. Heftig schluchzend wirft sie sich – zu meiner Überraschung – übergangslos in meine Arme. Hemmungsloser Komplettzusammenbruch. Zwischendurch brüllt sie herum und tritt gegen das Schulgebäude. Sie ist völlig außer sich. Es dauert zehn Minuten, bis ich ganz allmählich aus ihren teils geschluchzten, teils wütend geschrienen Worten schlau werde. Und es ist keine gute Geschichte. Ich spüre ein flaues Gefühl im Magen.

Wir haben dieses Projekt im Garten… also, wo wir diese Gemüsebeete anlegen, mit diesem Externen. So einem Betreuer. Einem Garten-Ingenieur. Der heißt Herr Wiehle. Der guckt mich immer so an. Voll eklig. Und es ist heiß, da habe ich ja keinen Bock, meinen Schneeanzug anzuziehen, nur damit der Typ auf keinen Fall was sehen kann. Der guckt immer in meinen Ausschnitt. Und wenn ich mich in das Beet vorbeuge, dann… jedenfalls macht der immer so Bemerkungen, ob ich einen Tanga anhabe und so… Und heute… (sie schluchzt heftig)… und heute… hat der…  Mir ist bereits leicht übel. Ich habe den Impuls, die Zeit zurück zu drehen: Das hier passiert nicht, ich bin schon nach Hause gefahren, ich sitze gemütlich an meinem Küchentisch und lese Zeitung, es ist ein schöner Tag, nachher fahre ich vielleicht noch an den See,… und danach noch was Schönes einkaufen… zum Grillen… NEE. – Ich stehe hier vor der Schule mit Sabrina. Und ich weiß, dass das hier eine Riesenscheiße ist. In der ich jetzt mittendrin stecke. Weil irgendein Arschloch von Projektbetreuer auf kleine Mädchen steht. Was für eine Scheiße. Scheiße. Scheiße… Ok. Es nützt nichts. Ich habe es gehört. Ich habe es verstanden. Sabrina hat sich mir anvertraut. Und jetzt gibt es nur eine einzige Handlungsoption. Ich will es nicht hören, aber ich muss es genau wissen. Also frage ich noch mal genau nach, und da wird die Geschichte noch schlimmer. Also wenn „noch schlimmer“ überhaupt geht. Aber das ist es ja leider: Es geht IMMER noch schlimmer. 

Der Mann hat mir zwischen die Beine gefasst. In den Schritt. Ich hab geschrien. Er hat mich festgehalten und mit seiner Hand rumgefummelt… (jetzt heult Sabrina haltlos). Ich halte sie im Arm. Leider geht die Geschichte noch weiter…

Ich bin dann eben zu Frau Marquart hoch… Ich hab erzählt, was passiert ist. Sie hat mich angeschrien. Dass ich hier kein unnötiges Drama machen soll. Irgendwelche Leute beschuldigen. Die ganze Schule bringe ich damit in Verruf. Ich soll sofort aufhören, solche Lügengeschichten zu erzählen. Sie sagt, ich hab ne psychische Störung… ich will mich immer wichtig machen… mich immer in den Mittelpunkt stellen… Sie hat gesagt, sie hat es satt, dass ich immer solche Dramen abziehe… und unschuldige Menschen verleumde…ich mache alles kaputt…

Ok. Ich hole tief Luft. Ich beruhige Sabrina. Sage ihr, dass ich selbstverständlich NICHT glaube, dass das eine Lügengeschichte ist. Dass wir alles klären. Dass dies eine sehr ernste Geschichte ist. Dass es absolut richtig und notwendig ist, dass sie das erzählt. Dass ich mich kümmern werde. Und zwar sofort. 

Ich gehe jetzt hoch zu Frau Marquart, sage ich,  willst du mitkommen?  Sabrina schüttelt heftig den Kopf und verschränkt die Arme vorm Bauch.  Ok. Willst du erstmal hierbleiben? Ich komme gleich wieder.  Sie nickt. Ich mache mich auf den Weg. Hoch ins Schulleitungszimmer. Zu Susanne. 

Die Tür ist zu. Ich klopfe. Nichts passiert. Ich formuliere in Gedanken meine Worte. Versuche, ruhig zu atmen. Wird schon alles. Susanne öffnet die Tür. Wirft mir einen fragenden Blick zu.  Kann ich reinkommen?  Sie zögert. Muss das jetzt sein?  fragt sie widerwillig. Ich nicke nur und gehe an ihr vorbei, schließe hinter mir die Tür. Als ich mich vor ihrem Schreibtisch auf den Besucherstuhl setze und hochschaue, verlässt mich dann allerdings doch kurzzeitig der Mut. Susanne schaut mega genervt. Abweisend. Ok. Aber ein Zurück gibt es ja irgendwie nicht. Ich fange an. Erzähle ihr, was passiert ist. Zu meiner Überraschung reagiert Susanne ruhig und entspannt. Sie steht auf, macht uns einen Kaffee, und erklärt mir dabei in aller Ruhe ihre Sicht der Dinge. 

Also ich nehme mal an, du kennst Sabrina noch nicht lange, oder?  beginnt sie ihre kleine Rede. Ich nicke.  Ja, das stimmt. Ich kenne sie erst seit diesem neuen Schuljahr. Sie ist in der Theatergruppe am Heimathafen.  Susanne nickt. Schaut mich kurz über ihre Brille hinweg an und fügt spitz hinzu:  Bei deinem Freizeitvergnügen also… Ich halte kurz die Luft an. Jetzt nicht aufregen… Wenn du das so bezeichnen willst… sage ich vorsichtig. Susanne zuckt mit den Schultern: Wie soll ich das sonst bezeichnen? Mit Schule hat das ja nix zu tun.  Ich schaue aus dem Fenster und atme tief durch. Jetzt nicht provozieren lassen…  Dass das kein Schulprojekt ist und ich keine Stunden mehr dafür kriege und diese Arbeit stattdessen jetzt nur noch eine halb-offizielle Kooperation mit der Schule ist, das liegt ja nicht an mir,  sage ich ruhig und zwinge mich, nicht weiter auf dieses Thema einzusteigen. Susanne reagiert nicht. Also bringe ich das Gespräch zurück auf Sabrina:  Ok, Susanne. Ist ja auch egal. Es geht ja jetzt um Sabrina…  Susanne unterbricht mich:  Ja genau. Und Sabrina ist nicht dein Verantwortungsbereich. Bist du Klassenlehrerin? Nein. Kennst du die Vorgeschichte des Mädchens? Nein. Das Problem ist, dass dieses Mädchen ständig solche Geschichten erzählt. Du kennst sie nicht. Mit Herrn Wiehle arbeiten wir seit Jahren vertrauensvoll zusammen, das ist ein ganz toller Projektbetreuer. Und es ist schon schwer genug in Berlin überhaupt geeignetes Personal an die Schulen zu kriegen. Da kann ich froh sein, wenn ich den Nachmittagsbereich überhaupt besetzt kriege. Und wie gesagt: Der ist hier schon seit drei Jahren. Ich kenne den. Es ist höchst unwahrscheinlich bis abstrus, dass der sowas Ungeheuerliches gemacht haben soll. Und Sabrina kenne ich auch schon lange und kann dir sagen: Die erfindet solche Geschichten. Natürlich tut sie mir leid und wir müssen uns um dieses Kind kümmern, aber es geht gar nicht, dass wir einem unschuldigen Menschen so etwas Monströses unterstellen. Zumal es dafür überhaupt keine Beweise gibt. Mit solchen Vorwürfen werden ganze Biografien zerstört. Ich würde vorschlagen, dass Sabrina erstmal mit dem Schulpsychologen spricht. Und dann schauen wir, wie der die Lage einschätzt. Ich muss jetzt auch noch mal ganz deutlich machen, dass Sabrinas Angelegenheiten wirklich nicht in deinen Verantwortungsbereich fallen. Das ist unprofessionell und falsch, wenn du dich da von subjektiven Eindrücken leiten lässt. Du bist weder ihre Klassenlehrerin, noch die Schulpsychologin. Ich möchte dich dringend bitten, dich aus dieser Sache raus zu halten. Ich hoffe, ich habe mich da jetzt klar ausgedrückt. 

Das hat sie in der Tat, denke ich. Und tatsächlich komme ich ins Zweifeln. Ich kenne Sabrina wirklich kaum. Ich habe den Vorfall gemeldet. Mehr kann ich nicht tun. Oder? Trotzdem bleibt ein unangenehmes Gefühl zurück. Ist Sabrina denn jetzt wirklich in guten Händen? Und was, wenn sie recht hat? Müssten wir dann nicht viel krasser reagieren? Den Fall sofort zur Anzeige bringen? Es ginge ja dann auch um andere Kinder… Ich versuche mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass der Schulpsychologe die Lage sicherlich professioneller einschätzen kann als ich. Und dann natürlich sofort die entsprechenden Maßnahmen ergriffen werden. 

Ok, das leuchtet mir ein,  sage ich also entsprechend zögerlich,  aber Sabrina steht jetzt völlig aufgelöst unten. Ich habe da jetzt kein gutes Gefühl. Was auch immer wirklich passiert ist, ihr geht es sehr schlecht. Sollten wir den Schulpsychologen nicht sofort einschalten? Zumal ja gar nicht klar ist, ob ihre Geschichte nicht doch stimmt…

Susanne seufzt: …  das halte ich, ehrlich gesagt, für absolut ausgeschlossen. Aber wenn es dich beruhigt, werde ich jetzt sowohl die Klassenlehrerin als auch den Schulpsychologen und die Mutter informieren. Und Sabrina kannst du jetzt gerne noch mal zu mir hochschicken. Kann wirklich sein, dass ich mich eben im Ton vergriffen habe. Das tut mir leid, mir ist da wahrscheinlich der Geduldsfaden gerissen. Das Mädchen steht ja ständig hier und erzählt irgendwelche Horror-Geschichten…  Sie hält inne, als sie meinen Blick sieht und ergänzt noch mal in beschwichtigendem Ton:  Nein, nein… alles gut. Du hast ja recht. Ich kümmere mich drum. Danke, dass du sofort reagiert hast. – Und außerhalb dieses Zimmers denk bitte an das „Sie“…  Sie trinkt ihren Kaffee aus und steht auf. Das Gespräch ist beendet. 

Etwas verwirrtverlasse ich den Raum. Gehe runter zu Sabrina. Mein Kopf ist ein bisschen breiig.  War das jetzt die richtige Reaktion? Übersehe ich etwas? Habe ich mich fälschlicherweise beschwichtigen lassen? Aber tatsächlich wäre es natürlich katastrophal, einen unschuldigen Menschen mit sexuellem Missbrauch zu belasten. Sein Ruf, ja, wahrscheinlich sein berufliches – und sogar sein privates – Leben wären unter Umständen zerstört. 

Wie immer in extrem unübersichtlichen Situationen sage ich mir: Ok, erstmal stillhalten und ne Nacht drüber schlafen… jetzt nichts Falsches machen… und wappne mich für das Gespräch mit Sabrina. Sie sitzt unten in der Sonne auf einem Mauervorsprung und scheint sich beruhigt zu haben. Ich setze mich neben sie. Erkläre ihr, dass Frau Marquart aus Stress überreagiert hat, selbstverständlich aber nicht an ihren Worten zweifelt.  Sie nimmt sich jetzt der ganzen Sache an,  höre ich mich sagen,  und du sollst noch mal zu ihr hochkommen, sie möchte sich bei dir entschuldigen und mit dir besprechen, was jetzt zu tun ist.

Während ich so rede, fühle ich mich wie eine Verräterin. „Ich kann leider nichts machen, weil ich nicht deine Klassenlehrerin bin und ohnehin schon Ärger mit der Schulleitung habe…?“…  Ist DAS der wahre Grund für mein Abgeben der Verantwortung? Trägheit? Bequemlichkeit? Was ist das für ein Scheiß? Rede ich mir das selber nur ein, damit ich raus bin aus der ganzen Problematik oder ist es tatsächlich das richtige – das professionelle – Vorgehen?  Ich komme zu keinem Ergebnis. Sabrina und ich verabschieden uns und ich sehe ihr nach, während sie den Schulhof überquert und im Gebäude verschwindet. Auf dem Weg zurück ins Schulleitungszimmer zu Susanne. 

Bei der folgenden Theaterprobe fehlt Sabrina. Die nächsten vier Wochen auch. Ich frage Susanne, was jetzt los ist, wie die Sache weiter gegangen ist. Sie weicht aus, wiegelt ab.  Alles auf dem Weg,  sagt sie,  das Mädchen hat psychische Probleme, wir kümmern uns. Ich halte dich auf dem LaufendenAlles gut!  Leider fühlt es sich überhaupt nicht so an: Gut. Ganz im Gegenteil. Ich versuche Sabrinas Mutter zu erreichen, aber sie geht nicht ran oder hat eine neue Handynummer. Ich schreibe Nachrichten an Sabrina, aber sie antwortet nicht. Vielleicht hat sie ebenfalls eine neue Handynummer? Ich frage die Mädchen am Heimathafen. Sie zucken mit den Schultern. Keine Ahnung. 

Dann plötzlich ist Sabrina wieder da. Ich bin extrem erleichtert und frage sie, wie es ihr geht, was passiert ist, aber Sabrina schaut mich nur aus seltsam kühlen Augen an.  Chill ma, Frau Plath. Alles gut. – Hä? Ich komme nicht mit. Verstehe diese Reaktion gar nicht. Bohre nach. Aber das scheint erst recht falsch zu sein. Sabrina lässt mich volle Kanne auflaufen. Als wäre ich eine hysterische Kuh, die sich in Angelegenheiten einmischt, die sie nix angehen.  Ist abgehakt.  Sagt Sabrina in kaltem Ton und damit ist das Thema vom Tisch. 

Denke ich zumindest. Aber natürlich ist es das nicht. 

Die Proben am Heimathafen gehen zunächst weiter, als wäre nichts passiert. Die Mädchen übernehmen wechselweise die Führung, entwickeln eine Vampir-Geschichte:  Tagsüber sind wir normal und unscheinbar und passen uns an, aber nachts werden wir so, wie wir wirklich sind: Stark, schön und gefährlich. Dann saugen wir denen das Blut aus den Adern, die uns immer fertig machen.

Sie schreiben Geschichten und Texte, über die Personen, denen sie nachts das Blut aussaugen wollen und erzählen sich gegenseitig, was sie wütend macht. Das ist nicht wenig. Die ersten Szenen entstehen. Es geht um Amtspersonen im Jobcenter, die Yara behandeln, als wäre sie eine Aussätzige, um das Abo-Publikum im Deutschen Theater , das schon beim Anblick der Mädchen das Gesicht verzieht und „Pst,Pst,…“ zischt, noch bevor eine von ihnen überhaupt irgendeinen Mucks gemacht hat, es geht um Lehrer*innen, die ihnen täglich sagen:  Aus dir wird sowieso nix, werd einfach Mutter, das ist doch bei euch so üblich, es geht um ältere Menschen im Bus, die plötzlich aus heiterem Himmel sagen:  Geh doch zurück in die Türkei, da, wo du herkommst, wir können nicht noch mehr von euch faulem Pack gebrauchen,  es geht um all diese Menschen, die die Welt offenbar schwarz-weiß sehen:  Männer sind so. Und Frauen sind so. Deutsche sind so. Also „richtige Deutsche“ jedenfalls. Und die Welt ist so. Basta. Und alles, was abweicht, muss gerade gebogen werden. Vielfalt ist Quatsch. Multi Kulti ist gescheitert. Spaß ist verdächtig. Das Leben ist ernst. Papa hat recht. Und: So lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, hast du zu machen, was ich dir sage. 

Ich wundere mich, wo das alles herkommt. In meiner Welt glaubte ich mal, dass all das doch längst vorbei ist. Überwunden. Wir sind doch alle gleich. Haben keine Vorurteile. Jede*r hat eine Chance. In Bullerbü schien das so gewesen zu sein. Aber wahrscheinlich hatte ich einfach nur zu lange „im Wohnzimmer gesessen“. 

Und dann inszeniert Sabrina eine Szene. Ich höre das, was sie mir vor der Schule erzählt hat, ein zweites Mal. Haargenau in allen Details noch mal. Nur ist es dieses Mal die Vampirin, die es erlebt. Es ist auch nicht in der Schule, sondern an einer erfundenen Arbeitsstelle. Aber da ist die Chefin. Die die Vampirin nicht ernst nimmt. Sie für verrückt erklärt. Sie demütigt. Und die Vampirin rächt sich auf brutale Weise… So wie alle Personen, die im Stück „abgeschlachtet werden sollen“, ist auch diese Chefin im Stück eine Kasperpuppe. Ein Gartenzwerg. Und auch dieser Kasper endet in einer riesigen Blutlache. Ich spreche Sabrina nach der Probe darauf an. Sie grinst:  Ist ja nur ne erfundene Geschichte!  Sie lacht. Aber ihr Blick sagt: Sprich mich nicht noch mal darauf an. Sie macht dicht. Und ich lasse es also. Sabrinas Szene allerdings wird größer und schillernder mit jeder weiteren Probe. Es ist eine starke Szene. Schockierend, dicht, aufwühlend. Sabrina leuchtet. Die anderen Spielerinnen auch. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Denke ich. Aber mein Unbehagen wächst. Denn es sind nur noch wenige Wochen bis zur Premiere und selbstverständlich wird Susanne da sein. Wenn auch ansonsten niemand verstehen wird, was Sabrina hier verhandelt: Susanne wird es SOFORT wissen. Und so sicher wie das Amen in der Kirche wird sie sich angegriffen, ja: verraten fühlen. Schlimmer noch: Sie wird denken, ICH hätte Sabrina dazu angestachelt. Eine leise fiese Panik steigt in mir auf. Diese Aktion wird sie mir nicht verzeihen. Es ist völlig egal, wie ich es drehe, sie wird mir nicht zuhören. Dass die künstlerische Verarbeitung biografischer Themen zentraler politischer Bestandteil meines Ansatzes ist, dass es hier um einen emanzipatorischen Prozess geht, der unbedingt zu Ende geführt werden muss, wenn er nicht in ein erneutes Trauma münden soll, all das wird Susanne in dieser speziellen Situation nicht interessieren. Zumal sie inhaltlich ohnehin nie ein Interesse an der Arbeit hatte. Nur an der Wirkung nach außen. Genau das ist jetzt das Problem. Denn ich weiß, dass ich mit ihr darüber nicht sprechen kann. Sie wird diese Szene verbieten. bzw. mich auffordern, sie abzuschwächen, Sabrina reinzureden, sie zu „belabern“. Aber diese Szene kann nicht zensiert werden. Völlig undenkbar. Nach allem, was in dieser Sache sowieso schon falsch gelaufen ist, muss von mir nun wenigstens die künstlerische Rückeroberung ihrer eigenen Geschichte gewährleistet werden. Aber es ist klar, was das auslösen wird: Susanne wird es als persönlichen Rachefeldzug gegen sich selbst interpretieren – zumal sie in dieser Angelegenheit sehr wahrscheinlich ein schlechtes Gewissen hat. Brandgefährlich also. Ich säge mir damit quasi den (letzten) Ast ab, auf dem ich noch sitze. Andererseits. Sabrina in irgendeiner Form zu bremsen oder zu manipulieren, um meinen eigenen Arsch zu retten, geht erst recht nicht. Wie könnte ich hinterher DAMIT leben? Stehe ich nun zum Sinn meiner Arbeit oder unterwerfe ich mich dann doch, sobald es mir selbst an den Kragen geht? – Scheiße. Es ist vollkommen klar, worauf dieses Dilemma hinausläuft…

Trotzdem. Es geht nicht anders: Ich beschließe die Flucht nach vorn. Lasse Sabrina ungehindert ihre Geschichte inszenieren. Und kann endlich wieder schlafen. 

Auf die anderen Mädchen hat die Szene von Sabrina einen geradezu kathartischen Effekt. Ich muss fast lachen – vor Freude: Sie werden zu Amazonen. Hauen all ihre erlittenen Demütigungen raus – aber keineswegs im Opfermodus. Auf einmal sind sie stark. Und schön. Sie brennen ihr ganz persönliches Feuerwerk ab. Ich ertappe mich dabei zu denken: ENDLICH. Wird auch Zeit. Und eine seltsame Freude bricht sich Bahn am Heimathafen. 

Der Tag der Premiere kommt. Auf der Bühne vier junge Frauen, die sich während der Vorstellung Schritt für Schritt in schöne Vampirinnen verwandeln. Es ist fast so, wie ihnen bei der Entpuppung zuzuschauen – nur werden sie nicht zum Schmetterling, sondern zur Furie. In den letzten 60 Sekunden des Stücks wird es dunkel und es sind nur noch schmatzende, schlitzende Geräusche zu hören… Wir schlachten alle ab,  hatten sie gesagt. Und genau das ist jetzt zu sehen. Ich habe sie nicht ausgebremst. Bin nicht auf Nummer sicher gegangen. Und ich bin froh. Es ist „doll“. Aber um das Publikum mache ich mir keine Sorgen. Die müssen das jetzt aushalten. Es ist etwas anderes, was mir den Hals zuschnürt: Wie wird Susanne reagieren? 

Ununterbrochen spreche ich mir innerlich beruhigende Worte zu: Vielleicht ist Susanne klug und sitzt es einfach aus. Niemand wird wissen, dass sie in besagter Szene gemeint ist. Wenn sie sich jetzt einfach ganz normal als Ermöglicherin dieses Kooperationsprojektes feiern lässt und mit großem Blumenstrauß auf der Bühne steht, kann es ja nur positiv auf sie zurückfallen. 

Aber. Sie hält es nicht aus. Als am Ende der Applaus losbricht, springt sie auf. Da sie in der ersten Reihe gesessen hat, wird der Abgang unweigerlich zum spannenden Auftritt. Umut aus meiner Klasse, der den Auftrag hat, ihr beim Schluss-Applaus den großen Blumenstrauß zu überreichen, stolpert etwas verwirrt hinter ihr her. Alle gucken. Bei der Tür zum Ausgang holt er sie ein. Streckt ihr nervös die Blumen hin. Sie schlägt sie ihm aus der Hand. Es sieht aus, als wolle sie ihm eine Ohrfeige verpassen. Umut wendet sich mit ratlosem Blick zu mir um. Susanne steht an der Tür, schaut mich quer durch den Raum kurz an. Für einen Moment sieht es so aus, als würde sie in Tränen ausbrechen. Dann aber wird ihr Blick eiskalt.  Dich werde ich fertig machen,  scheint sie zu senden. Während ich einfach nur hoffe, dass dieser furchtbare Moment schnell vorbei geht, wendet sich Susanne mit einer abrupten Bewegung zur Tür und verlässt die Studiobühne. Die Tür fällt hinter ihr zu. Ihre hohen Schuhe klackern noch eine Zeitlang deutlich hörbar draußen auf dem Parkett. Stille. Dann beschließt das irritierte Publikum: Egal. Und nimmt den Applaus wieder auf. Ich bleibe einfach nur ganz still stehen. Vor der Tür auf dem Boden liegen verstreut die Blumen, vorne auf der Bühne ein Sarg und davor eine riesige Blutlache voller abgeschlachteter Kasperpuppen. Es ist das Schlussbild. Nicht nur für das Theaterstück. – Ich stehe da, schaue auf die Bühne und weiß: Mein Leben als Lehrerin ist in diesem Moment unzweifelhaft zu Ende. 

Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 24: Wut (Teil 1)

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Es braut sich was zusammen, denke ich, während ich die fett beschriebenen Plakate anschaue, die meine Klasse auf dem Boden der Studiobühne im Heimathafen ausgebreitet hat. Es sieht aus, wie ein „Wörter-Massaker“: Du Hurensohn!, Isch ficke deine Mutter!, Du Hund!, Halt`s Maul!, Wixer!,…

Sie haben „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin gelesen. Zumindest in Teilen. Jetzt lesen sie jeden Tag Nachrichten dazu im „Berliner Fenster „in der U-Bahn. 

Thilo weiß nicht, wie es ist, ein Araber zu sein, sagt Fuad. 

Er denkt, wir sind dumm und faul und kriegen zu viele Kinder – weil wir Muslime sind. Und er hat Angst, dass Deutschland arabisch wird. Yara lacht. Dabei ist er selber dumm. Er weiß gar nix über uns. 

Wie üblich verweigern sie die Opferhaltung. Es verletzt sie, was sie tagtäglich lesen, aber sie zucken es weg. Oder doch nicht? Der Ton ist deutlich aggressiver geworden, die Stimmung latent feindselig – gegenüber der Institution Schule aber auch insgesamt gegenüber allen erwachsenen „Kartoffeln“, die offenbar nicht verstehen wollen oder können, wie es deutschen Kindern im Alltag geht, wenn sie KEINE „Kartoffeln“ sind. Wenn mensch sie abgeschafft – äh, abgeschrieben hat. Wut liegt in der Luft. Ich beschließe die Flucht nach vorn und schlage vor, dass sie mal all ihren Ärger – gerne auch in Form von Ausdrücken – in Schönschrift auf große Plakate schreiben sollen. Einfach, damit der ganze Frust mal offiziell raus darf. Eine Form bekommt. Greifbar wird. Die Reaktion ist zum Lachen. Sie sitzen mit etwas ratlosem Gesichtsausdruck vor leeren Plakaten und schreiben – NICHTS.  Dürfen wir denn das? fragt Özlem. Die Frage bringt mich unerwartet aus der Fassung: Sie denken, dass sie sich nicht wehren dürfen. Und alle halten das für selbstverständlich. Ich bis vor kurzem ja auch. Wie absurd ist das denn eigentlich? 

Trotz meiner Aufforderung bleiben ihre Plakate erstmal leer. Also beschließe ich, einen Gang höher zu schalten. Ich frage sie, wie es ihnen mit der Thilo-Sarrazin-Debatte geht. Was für Gefühle da bei ihnen hochkommen. Und wenn ihr euch vorstellt, ihr könnt jetzt einfach mal eure Gedanken rauslassen, alles rauskotzen, was fällt euch dann ein? – und möglichst in Schönschrift, damit es auch jeder lesen kann! Einige lachen. Und langsam kommt die Sache in Gang. Wenig später liegen, sitzen und knien 26 Kinder auf dem Boden der Studiobühne und malen friedvoll und hochkonzentriert wunderschöne Wut-Plakate. Am Ende ist der gesamte Boden ein einziges großes Massaker an Worten. Die Kinder stehen etwas selbstvergessen und tiefenentspannt daneben und betrachten ihr Werk. Ihre Gesichter wirken in diesem Augenblick – man kann es nicht anders sagen – wie Engelsgesichter. Als hätte ein kleiner Exorzismus stattgefunden. In den folgenden Wochen und Monaten entsteht aus dieser Situation heraus die Theaterproduktion „Arab Queen und Thilo Sarrazin – was wir gedacht haben, als wir das gelesen haben“. Die Autorin von „Arab Queen“ kommt zu Besuch und diskutiert mit der Klasse über deren Erfahrungen im Alltag und wo sie sich in ihrem Buch wiedererkennen. Die Klasse beschließt, auch Thilo Sarrazin einzuladen, aber es kommt keine Antwort. 

Stattdessen erhalte ich eine Einladung zu einem „Berliner Salon“ in Charlottenburg. Offenbar besteht ein Interesse an meinen Erfahrungen als Lehrerin im Neuköllner Schulalltag. Die Autorin ist ebenfalls eingeladen. Es soll eine kleine Lesung geben mit anschließender Diskussion. An besagtem Abend fahre ich also „in den West-Teil der Stadt“, und während ich in frühabendlicher Idylle bei Vogelgezwitscher durch die seltsam stillen Straßen eines gediegenen Villenviertels spaziere, staune ich mal wieder über die Kontraste dieser Stadt: Jeder Kiez ist ein anderes Universum, und in diesem war ich bisher überhaupt noch nicht. Ein wuchtiges Gitter-Tor mit Gegensprechanlage und Kamera, dahinter ein parkartiges Grundstück. Ich klingel und bereite mein „Sesam-öffne-dich-Sätzlein“ vor. Eine Stimme aus der Gegensprechanlage schnarrt aus dem Lautsprecher. Ich erkläre, wer ich bin und warum ich hier stehe. Es summt, ich umfasse den runden Türknauf und schiebe das Tor auf. Eine breite, geschwungene Kiesauffahrt, gesäumt von gepflegten Blumenbeeten und Hecken.  Alter, wo bin ich gelandet?,  denke ich und habe Bilder aus „Eyes wide shut“ von Stanley Kubrick im Kopf. Dann stehe ich vor der Eingangstür der Villa. Ich muss nicht lange warten, die Tür öffnet sich, eine ältere Dame in wehendem Seidengewand und Haarknoten bittet mich freundlich herein. Hohe Decken, Holzdielen, teure Antikmöbel, Gemälde an der Wand, große Blumenvasen mit Orchideen, ein riesiger Kristall-Kronenleuchter. Im Wohnzimmer stehen in Grüppchen leise murmelnde Menschen mit Sektgläsern, vor den offenen Terrassentüren ist ein Buffet mit allen möglichen Fingerfood-Varianten aufgebaut. Die Dame mit dem Haarknoten stellt mich einem Grüppchen vor, drückt mir ein Sektglas in die Hand und überlässt mich der Smalltalk-Situation. Ich nippe erstmal an meinem Sekt und lausche den Gesprächen. Ich hasse Smalltalk. Lieber nicke ich hin und wieder, mache mmh-mmh und lächle an den richtigen Stellen. Hoffentlich geht die Lesung bald los. Was mir auffällt ist eine seltsame Erregung im Raum. Die Leute sprechen zwar gedämpft, doch scheinbar sind sie irgendwie aufgebracht. Mehrfach höre ich den Satz: Das darf man ja aber heute gar nicht mehr sagen. Oder: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Da ich bisher noch davon ausgehe, dass ich mich unter Kritiker*innen der Zustände an Neuköllner Schulen bzw. des Bildungssystems insgesamt befinde, beschließe ich, mein leichtes Unwohlsein zu unterdrücken und die Situation interessant zu finden. Bald erklingt dann auch ein Glöckchen und die Gesellschaft bewegt sich weiter murmelnd in einen noch größeren Raum nebenan, der offenbar für die Lesung vorbereitet ist. Stuhlreihen, vorne ein Tisch mit einem Fläschchen Wasser darauf, der Platz für die Autorin. Bis alle eingetrudelt und sich hingesetzt haben, dauert es noch ein wenig. Die Autorin steht am Rand und schaut angespannt. Ich atme einmal durch, checke noch mal mein Handy, packe es in meine Tasche und warte auf den Start. Dann ist es endlich soweit. Die Haarknoten-Dame begrüßt die Gäste und anschließend die Autorin und einen weiteren Menschen, der vorne in der ersten Reihe sitzt. Wie ich erfahre ein pensionierter Neuköllner Hauptschullehrer, der nach der Lesung ebenfalls noch zu Wort kommen soll. Na dann. Ich bin gespannt. Die Autorin liest eine halbe Stunde, ich höre ihr gerne zu, kenne zwar das Buch inzwischen nahezu auswendig, aber finde es trotzdem unterhaltsam und klug. Als sie fertig ist, klatscht das Publikum höflich, der Haarknoten tritt nach vorne und „freut sich, jetzt Fragen an die Autorin zulassen zu können“. In den folgenden 20 Minuten wird mir klar, was hier passiert. Nicht eine einzige Frage ist ohne Subtext. Offenbar haben alle hier im Raum das Bedürfnis, die Autorin als Kronzeugin einer Kritik am Islam zu benutzen: Wird nicht an dieser und jener Textstelle in „Arab Queen“ eindeutig die Unmenschlichkeit des muslimischen Glaubens offensichtlich? Werden da nicht die Frauen unterdrückt? Gewalt ausgeübt? Hat die Autorin als emanzipierte, erfolgreiche Frau muslimischer Prägung nicht deutlichere Worte gegen die Gefahr des sich ausbreitenden Islam in Deutschland? Die Autorin ist sichtlich gestresst, windet sich, beantwortet aber dennoch klar und selbstbewusst alle Fragen. Allerdings nicht zur Zufriedenheit ihres Publikums. Denn hier in diesem teuer und elitär anmutenden Berliner Wohnzimmer haben sich die Bewunder*innen und Fans von Thilo Sarrazin versammelt. Sie kennen offenbar schon alle Antworten auf ihre Fragen, aber sie wollen Bestätigung. Die Autorin hat in ihrem Buch teils autoritäre familiäre Strukturen beschrieben. Dass diese aber nun zum Anlass für eine Pauschal-Verurteilung des Islam herhalten sollen, bringt sie sichtlich aus der Fassung. Vergeblich weist sie auf die doch etwas umfangreichere Komplexität der Thematik hin, verweist auf autoritäre Strukturen in zahlreichen anderen Kontexten – aber niemand hört ihr zu. Als dem illustren Kreis klar wird, dass von dieser Autorin zu wenig Beweismaterial für die These vom „Untergang des Abendlandes“ kommt, wird kurzerhand der zweite Gast des Abends ins Spiel gebracht. Der pensionierte Hauptschullehrer erhebt sich umständlich und nimmt vorne neben der Autorin Platz. Er beginnt mit ein paar Sätzen zu seiner Vita – fast 40 Jahre Schuldienst in Neukölln – und braucht nicht lange, um sich in Fahrt zu reden. Es klingt 1:1 wie der Sheriff. Offenbar sind sie Brüder im Geiste. Der Kronzeuge für den „Untergang des Abendlandes“ berichtet vom rasanten Niveauverlust des Unterrichts und der Verdummung der Schülerschaft in den letzten zehn Jahren. Natürlich führt er diesen auf den hohen Anteil von Jugendlichen „nicht-deutscher-Herkunft“ zurück. 

Er liefert damit diesem Publikum genau die Argumente, die es hören will: Die alte Leier von der Verrohung und Verdummung der Schüler*innen durch zu viel Rücksichtnahme auf die „migrantischen“ Jugendlichen. Diese seien „kriminell“ und „faul“, hätten aber in den Klassenzimmern und auf den Schulhöfen „die Macht übernommen“, terrorisierten ihre Mitschüler*innen und ihre Lehrer*innen und „kämen mit allem durch“, weil „eine naive linke Kuschelpädagogik herrsche“, die ein sinnvolles Durchgreifen gegen diese Sozialschmarotzer immer gleich an den Pranger stelle.  Wer sich hier durchsetzt und auch mal ne klare Ansage macht, bzw. diese Kinder zur Selbstverantwortung erzieht, der wird gleich als Nazi bezeichnet…  Ich kann mir einen kleinen Seufzer nicht verkneifen. Sofort reißt er den Kopf zu mir herum und blökt mich an:   Ja – IST doch so! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! 

Jetzt ist der Moment gekommen, wo ich was sagen muss, auch wenn mir klar ist, dass es wahrscheinlich gar nichts bringen wird. Ich bezwinge mein aufkommendes Herzrasen und sage laut:  Es ist ja ehrlich gesagt genau umgekehrt. Ich bin absolut der Meinung, dass wir zur Selbstverantwortung erziehen sollten, aber es ist doch genau DIESE Perspektive, die SIE einnehmen, die gerade verhindert, dass Jugendliche Verantwortung übernehmen und sich konstruktiv einbringen können! Sie schauen – bildlich gesprochen – aus einer behaglichen Wohnzimmer-Perspektive auf die anderen Zimmer im Haus – aber ohne jemals in den anderen Zimmern gewesen zu sein. Sie müssten auch mal in den Keller gehen oder auf den Dachboden, um beurteilen zu können, wie die Welt von dort aussieht. Sie haben keinen Einblick in irgendwelche anderen Räume, sondern beurteilen alles vom Wohnzimmer-Sofa aus. Sie wollen anderen erklären, wie sie den Keller, den Dachboden oder die Küche einrichten sollen. Aber Sie haben keine Ahnung, weil Sie davon ausgehen, dass die Wohnzimmer-Perspektive die Normale ist. Das ist aber eine ignorante und überhebliche Perspektive. Wenn die Kinder dagegen rebellieren, ist das nur ein Zeichen für ihre psychische Gesundheit. 

Ablehnende Geräusche und höhnisches Gelächter aus dem Publikum. Ich fühle mich sofort dumm und peinlich, obwohl ich zu 100 Prozent glaube, etwas Richtiges gesagt zu haben. Woher kommt dieses unangenehme, schamhafte Gefühl? Ich merke, wie in mir die Wut aufsteigt. Gleichzeitig fühle ich mich komplett ausgebremst, irgendwie lahm, zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Ich denke, dass ich ganz woanders anfangen müsste – aber schon bei der Vorstellung, was mir dann alles an „Argumenten“ von der Gegenseite in meine Richtung geschmettert werden wird, verliere ich den Mut. Gefühlt tausend Geschichten überlagern sich jetzt in meinem Kopf, die ich erzählen könnte und die die Worte des Hauptschullehrers entkräften könnten. Aber ich weiß, dass ich soweit gar nicht kommen werde, weil ich zuvor gefühlt eine Million angeblicher „Sachargumente“ kühl und messerscharf zerlegen müsste. Schon beim Gedanken daran verlässt mich allerdings jegliche Energie. Denn diese angeblichen „Sachargumente“ erscheinen mir absurd und vor allem menschenfeindlich. Ich versuche es trotzdem, beginne von Taher und von Lenny zu erzählen, aber schon während ich spreche, fühle ich mich blöd. Wie kann das sein, dass authentisches Sprechen in diesem Raum zerschellt wie an einer Betonmauer? Dauernd werde ich unterbrochen und soll zu irgendwelchen „Statistiken“ aus „Deutschland schafft sich ab“ Stellung nehmen, die in keinem Zusammenhang zum Gesagtem stehen, aber angeblich beweisen, dass alle Muslime kriminell und faul sind und dass das genetisch bedingt sei. Die Theorie von der genetischen Minderwertigkeit muslimischer Menschen und von der drohenden Gefahr durch den Islam wird im Duktus und Habitus „des Professors“ vorgetragen, ich dagegen „bin“ die naive, emotionale Frau mit den „Multi-Kulti-Fantasien“. Es gibt hier scheinbar nur Schwarz-Weiß-Denken und das Absurdeste dabei ist, dass diese Leute dabei eine wissenschaftliche Objektivität behaupten und mich durch die kühle und überhebliche Art ihres Sprechens gefühlsmäßig zum kleinen Mädchen reduzieren – statt auf das einzugehen, WAS ich sage. Es fühlt sich so an, als würde ich gedanklich und körperlich leise knirschend zermalmt. Die Kraftanstrengung zu sprechen empfinde ich als nahezu übermenschlich. Ich habe kaum ausreichend Luft zu atmen, geschweige denn so zu formulieren, dass ich hier durchdringe. Irgendwann gehen mir die Worte aus. Wie ein Motor, der ins Stocken gerät und dann noch so ein bisschen rumstottert, um schließlich vollständig den Geist aufzugeben. Mein Gehirn fühlt sich an wie Pudding. Ich stehe auf und suche die Toilette. Auf einem schmucken Marmorklo sitze ich dann ein paar Minuten so rum, betrachte den silbernen Klorollen-Halter und frage mich, wo ich hier gelandet bin. Offenbar treffen sich diese Leute regelmäßig. Der Salon findet einmal im Monat statt. Durch das eindrückliche Gitter-Tor kommt nur, wer eine Einladung hat. Für mich wird es wohl das einzige Mal gewesen sein, dass ich hier bin. Selbst wenn ich beschließen sollte, hier weiterhin zu erscheinen – das nächste Mal hoffentlich besser vorbereitet – bezweifle ich, dass ich noch einmal durch dieses Tor gelassen werde. Vielleicht auch besser so. Was soll es bringen? Ich mache mich auf den Weg zur Garderobe, im Vorbeigehen ein letzter kurzer Blick durch die geöffnete Tür in das herrschaftliche Wohnzimmer, wo sich jetzt alle sekt-trinkend weiter aufregen, die Autorin steht allein am Fenster, unsere Blicke treffen sich kurz, ich deute auf den Ausgang, sie nickt mit dem Hauch eines Lächelns,  ja, verstehe, soll das wohl heißen,  aber ich bleibe noch,  ich nicke zurück und forme mit meinen Lippen ein „Viel Glück…!“, dann nehme ich meine Jacke und schleiche mich hinaus. Meine Schritte knirschen auf der Kiesauffahrt, ich denke: Hoffentlich komme ich hier überhaupt alleine raus. Doch das Gittertor öffnet sich problemlos mit einem kleinen Klicken, als ich gegen den Türknauf drücke, und erleichtert schlüpfe ich hindurch und trete auf die Straße. 

Was war das denn? Ich bedauere ein wenig, dass ich mich jetzt nicht mehr mit der Autorin über dieses sehr merkwürdige Erlebnis austauschen kann. Was mag sie gedacht und gefühlt haben? Was war das dort für ein seltsamer, gruseliger Geruch von brauner Scheiße? Sowas habe ich bisher noch nicht erlebt. An meiner Schule in Bullerbü und auch in meinem Freundeskreis würde mir noch nicht mal jemand glauben, dass das so überhaupt wirklich stattgefunden hat: Dass Leute so sprechen. Sich damit so sehr im Recht fühlen. Ist das jetzt der Vorbote zu etwas Schlimmerem? Ich wundere mich über diese seltsame Beklommenheit, die mich gerade niederdrückt. Es fühlt sich an wie eine düstere Ahnung von Dingen, die vielleicht kommen werden. Was wäre, wenn dies nur der Anfang von etwas Größerem ist?  Ach, so ein Blödsinn,  denke ich sofort.   Jetzt fang nicht gleich an, alles zu dramatisieren. Das ist eine kleine, absonderliche Runde gewesen an diesem Abend. Mehr nicht. Kennst du IRGENDJEMANDEN, der so denkt und spricht? – Na, eben! Kein Grund zur Panikmache.  Ich atme tief durch und beruhige mich wieder etwas. Nein. Selbstverständlich ist das NICHT der Anfang von etwas Größerem. Das war einmal. Vor langer Zeit. Aber die Mehrheit in Deutschland ist offen und demokratisch, der freie Diskurs eine gewachsene Selbstverständlichkeit. So schnell kann eine Stimmung nicht kippen, nur weil ein paar Spinner den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören. Ich muss jetzt fast lachen. Völlig absurd,  denke ich,  völlig undenkbar! und mit einem Gefühl der Erleichterung, dass dieser Abend überstanden ist, mache ich mich auf den Weg nach Hause. 

Die Proben zu „Arab Queen und Sarrazin“ gehen in ihre letzte Phase. Die Wut der Kinder auf „Thilo, der nicht weiß, wie es ist, ein Araber zu sein“, bleibt ein Grundrauschen während der gesamten Zeit und da ich mir durch meine Berliner-Salon-Erfahrung zumindest im Ansatz vorstellen kann, wie sprachlos sie sich wahrscheinlich fühlen, ermutige ich sie nach Kräften, ihre Wut nicht zu unterdrücken, sondern eigene Worte dafür zu finden und ein Theaterstück daraus zu formen. Wir schicken eine weitere Einladung an Herrn Sarrazin – zur Premiere. Aber der für ihn reservierte Platz bleibt leer. Dafür kommt die Autorin und „Nachtkritik“ veröffentlicht eine positive Rezension zum Stück. In die vier Vorstellungen kommen viele interessierte Menschen (auch viele „Kartoffeln“), feiern die Kinder und sprechen anschließend lange mit ihnen im Foyer über das, was sie erleben und denken. Zum ersten Mal hört jemand zu, sagt Yara zufrieden,  auch wenn viele sagen, dass es ein bisschen aggressiv gewirkt hat. Das wäre nicht nötig gewesen. 

Und?,  frage ich, wie siehst DU das? Yara lacht: Ich finde, das war noch gar nicht aggressiv GENUG! Wir haben einfach mal ein bisschen was rausgelassen. Die sollen nicht gleich heulen! 

Die Frage ist, ob sie verstehen, was Yara meint, denke ich. Denn auch bei mir hat es etwas gedauert. Es ist dieser Umgang mit der Wut. Mit der Aggression, die uns da entgegenschlägt. Da kann ich drüber erschreckt sein. Und das wäre gut. Denn es wäre ein Anfang. Aber meistens ist es eher so mit der Publikums-Reaktion: 

Wenn auch bei all unseren Vorstellungen weit und breit kein „Berliner-Salon-Anhänger“ zu finden ist, sitzen doch die meisten von diesen netten Menschen im sinnbildlichen Wohnzimmer, von wo aus die Wut logischerweise verstörend auf sie wirkt. Alle sind sehr freundlich gestimmt und halten sich für tolerant, merken aber gar nicht, dass es natürlich einfacher ist, vom Wohnzimmer-Sofa aus freundlich und charmant zu sein. Von dort aus erscheint ihnen die Wut „ein bisschen krass“. Und dann kommt immer so diese irritierte Sorgenfalte auf der Stirn: Ja, also ich versteh das natürlich, aber muss das alles immer so DOLL sein? – Ja. Muss es. Glaube ich. Es muss sich auch mal nicht so gut anfühlen dürfen: Das wäre ja das Mindeste, was mensch erwarten kann, wenn schon niemand leibhaftig mit in den Keller kommen will: Dass wenigstens hin und wieder ein Eindruck davon vermittelt werden darf, wie es sich in anderen Räumen – außerhalb des Wohnzimmers – anfühlt. Mir kommt plötzlich dieser blöde Macho-Witz in den Sinn, wo der Mann im Wohnzimmer sitzt, die Frau in der Küche arbeitet und der Mann ihr zuruft: Ich kann gar nicht mit ansehen, wie du in der Küche schuftest! – Und dann hinzufügt: Kannst du mal die Tür zu machen?  So ähnlich kommt es mir vor mit dieser freundlich-toleranten Beschwichtigungshaltung:  Ach, ihr seid sauer, dass es im Keller feucht und schimmelig ist, und auf dem Dachboden zieht und die Küche einen Wasserschaden hat – aber warum könnt ihr euch nicht ein bisschen anstrengen und mit GUTER Laune und Souveränität mit uns darüber reden, ob im Wohnzimmer ein Perserteppich oder ein Parkettfußboden schöner wäre? Dieser gereizte Ton, der stresst mich etwas. Das ist mir echt ein bisschen zu doll jetzt.  

Ich stelle erstaunt fest, dass ich mit der Zeit so eine leicht gereizte Ungeduld mit diesen leise und tolerant sprechenden „Kartoffeln“ entwickelt habe, die den Jugendlichen immer so GUTGEMEINT raten, doch nicht immer „so böse“ zu sein und „die Gewalt nicht immer so zu feiern“. 

Warum können wir das stattdessen nicht einfach mal aushalten, uns ein bisschen ungemütlich fühlen und versuchen zu verstehen, wo diese Wut denn wohl herkommt? Vom Wohnzimmer-Sofa aus muss doch wenigstens DAS möglich sein? Dafür allerdings müssten wir wohl überhaupt erstmal SEHEN, wo wir sitzen. 

Ich denke: Yara hat absolut recht. Da geht auf jeden Fall noch was. Und es stellt sich bald heraus: In der Tat.  

Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 23: Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Eine Demütigung ist eine Demütigung ist eine Demütigung. Die Frage ist, wie mensch, damit umgeht. Übliche Phasen sind, glaub ich, und so ging es mir auch: Erstmal Schock. Dann Verleugnung (das wird schon alles wieder). Dann Wut. Dann sehr erstaunlich krasser Schmerz. 

Ich wollte das zuerst nicht wahrhaben, wollte diesen Schmerz nicht fühlen. Aber er kam mit aller Wucht. Es haute mich um. Immer wieder fing ich wie aus dem Nichts an, zu weinen. Ich heulte in der Badewanne, ich heulte am Küchentisch, ich heulte nachts im Bett, ich heulte morgens unter der Dusche. Werde ich jetzt Psycho?, dachte ich. In meinem Bauch wütete ein großer, dumpfer Schmerz und es gelang mir nur phasenweise, mich davon abzulenken. Anfangs verstand ich gar nicht, was überhaupt mit mir los war. Gib doch dieser einen Frau nicht so viel Macht, sagten meine Freundinnen. Das klang logisch, aber mein Körper sagte etwas anderes. Mir war dauernd schlecht, als müsste ich mich übergeben. Mir wurde klar, dass ich mit dem, was ich die letzten Jahre getan hatte, etwas sehr Persönliches von mir freigeschält und in die Welt gestellt hatte. Und dass ich damit nicht nur die Kinder ein Stück weit befreit hatte, sondern vor allem mich selbst. Die Jugendlichen hatten einen verschütteten Teil meiner Persönlichkeit lebendig werden lassen. Sie hatten mich ermutigt, zu mir selbst zu stehen, so, wie ich sie umgekehrt dazu ermutigt hatte. Wir hatten uns irgendwie gemeinsam und gegenseitig befreit. Es war ein Raum entstanden, der vorher nicht da war und der irgendwie etwas Zukünftiges, Zuversichtliches aufmachte. Eine Ahnung davon, wer wir sein könnten. Die Situation in der Boddinstraße hatte diesen Raum explodieren lassen und mich in den Keller meiner Kindheitsängste verfrachtet. In dieses: Ich bin nichts wert, ich kann nichts, es hat alles keinen Sinn, es war alles umsonst, spring einfach vom Balkon. Es fühlte sich unerträglich an. Ich erlebte Tage, ja wahrscheinlich Wochen wie durch einen Schleier. 

Wie nun weiter? Ich hatte das Gefühl, dass ich eine Entscheidung treffen musste: Unterwerfung und in der Folge wachsender, sich verfestigender Groll oder Flucht nach vorne – in die Eigenverantwortung?  Dafür gibts ja auch diesen blöden Spruch, der mir aber zumindest die Richtung anzeigte: Aufstehen. Krönchen richten und Weiter gehts. 

Das war aber erstmal deswegen so schwierig, weil es viel einfacher war, mich selbst zu bemitleiden, meine Wunden zu lecken und in Gedanken die SCHULDIGEN zu suchen, zu finden und sie gedanklich immer wieder aufs Neue zu verfluchen. Das tut ja vermeintlich – bzw gefühlt – erstmal gut. Mensch kann sich so schön im Recht fühlen und sich im Elend suhlen – bringt aber leider nix. Denn ich musste ziemlich schnell feststellen, dass ich mich dadurch langfristig keineswegs besser fühlte. Eher immer schlimmer, eher RICHTIG scheiße. Nämlich wie ein Opfer. Sich wie ein Opfer zu fühlen ist langfristig, glaube ich, das Gefährlichste und Ungesündeste, was es so gibt. 

Auch was dieses Thema anging, hatte ich von den Jugendlichen einiges gelernt. Ey du OPFER! Das hätte Taher gesagt. Und natürlich hätte er dummerweise recht gehabt. ALLE Jugendlichen, die ich in Neukölln kennen gelernt hatte, hatten zehntausend bessere Gründe, sich zu bemitleiden, als ich. Und von ihnen kam die Formulierung Ey, du Opfer! Als ultimative Beleidigung. Nicht etwa: Du Arme, das ist ja gemein von der Welt, dass sie dich gefickt hat. Nee. Die Jugendlichen, die ich in Neukölln kennen gelernt hatte, WUSSTEN, dass die Welt ungerecht ist. Dass Erschütterungen und Verletzungen durch Demütigung an der Tagesordnung sind. Denn im Gegensatz zu mir erlebten sie die Auswirkungen gesellschaftlicher Ungerechtigkeit ja tagtäglich, während ich im Vergleich dazu eher so die Prinzessin auf der Erbse war. Ich begann, die Sache von außen zu betrachten. Aus der Perspektive der Neuköllner Jugendlichen. Und aus DIESER Perspektive konnte man die Sache auch ganz anders betrachten, nämlich so: 

Ich heulte also schon rum, nur weil ich jetzt mal etwas unsanft aus meiner privilegierten Erwartungshaltung herausgeflogen war („Ich bin gut, also wird alles gut“. NOT!). Wer konnte sich eine solche Erwartungshaltung überhaupt leisten? Wieso war ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass man meine Leistung anerkennen und wertschätzen würde? Ich landete etwas unsanft auf dem Boden der Tatsachen und stellte fest: Wenn niemand zu dir sagt: Du armes, armes Hascherl und dir aufhilft, nachdem du gestürzt bist und dir die Knie aufgeschlagen hast, dann nützt es irgendwie nicht so viel, weinend auf der Straße sitzen zu bleiben, dann musst du wohl oder übel alleine wieder aufstehen. Wenn keiner deinen Sturz beachtenswert findet, dann kannst nur du selbst die Entscheidung treffen: Opfer sein oder nicht Opfer sein? Wenn du kein Opfer sein willst: Sei keins! 

Das war so ein bisschen die Weisheit, die ich von Taher & Co mitgenommen hatte. Bei ihnen war das allerdings dann teilweise nicht immer konstruktiv gewesen. Ich hatte zum Beispiel Taher irgendwann davon überzeugen können, dass es nicht unbedingt zielführend ist, die Opfer-Rolle zu verweigern, indem man “Arschlöchern den Fuckfinger zeigt und türenknallend den Raum verlässt”. So gut sich das im ersten Moment anfühlen mag: Was ist das ZIEL der Aktion? Taher war über diese Frage einigermaßen überrascht gewesen. Das Ziel? Ey wallah- das Ziel ist, denen zu zeigen, dass die Wixxer sind! 

Ja. Und DANN? Wenn du beispielsweise die MSA Prüfung bestehen willst, und da sitzen halt ein, zwei Arschlöcher in der Prüfungskommission, und du zeigst denen den Fuckfinger und rennst raus, was bringt dir das dann? Du hast dann einfach mal deinen Abschluss vergeigt. Die Prüfungskommission interessiert das wenig. Aber DU bist dann derjenige, der keinen Abschluss hat. 

Taher macht darauf dieses Gesicht, das soviel heißt wie: Ist mir doch egal, ich krieche niemandem in den Arsch. 

Aber er sagt es nicht, ich sehe, er kämpft mit sich, weil sein brillianter Verstand zwangsläufig zur Kenntnis nimmt, wenn ein Argument einfach mal ein Argument ist. Taher kann sowas anerkennen. Deswegen grinst er dann auch und sagt: Ja, man scheiße. Aber ich bin kein Opfer! Und so rum schleimen, das mach ich auch nicht, das können Sie vergessen! 

Es gibt noch was ZWISCHEN Opfer sein und Schleimen, Taher, und das wäre: Die Situation auf DEIN Ziel hin zu steuern. OHNE Unterwerfung. 

Und na klar ist er jetzt gespannt. Wir verbringen daraufhin ein paar Wochen jeden Dienstag Nachmittag mit zielgerichtetem Statustraining und tatsächlich besteht Taher seine mündliche MSA Prüfung mit einer zwei. (In Wahrheit wäre ein “Sehr gut” angemessener gewesen. Was er ablieferte, war weit über dem sogenannten Erwartungshorizont, aber einige Kollegen konnten sich zu einer “1” nicht durchringen, weil “ich NIE eine 1 gebe”. Ach so). 

Ich weiß also eigentlich, was es zum Thema Kompensation von Demütigungen so an Möglichkeiten gibt. Dass es darum geht, sich ein eigenes Ziel zu setzen und dann mit allen Kräften die Opferrolle zu vermeiden, wenn was schief geht – stattdessen: Immer konstruktiv auf das eigene Ziel bezogen agieren – und eben NICHT reagieren. Theoretisch weiß ich ganz genau, dass du es irgendwie schaffen musst, die Verantwortung für dein Ziel SELBST zu übernehmen, statt unter dem Erwartungsdruck der anderen einzuknicken, dich zu unterwerfen und dann rumzuheulen. Trotzdem bin ich – wie immer in meinem Leben – auch jetzt wieder überrascht, wie schwer es ist, wenn diese tollen Erkenntnisse einem Realitätscheck unterzogen werden – wenn es also mal tatsächlich akut wird. 

Wenn nämlich plötzlich eine Situation eintritt, in der es sehr sehr SCHWIERIG wird, NICHT in die Opfer-Rolle zu fallen, weil etwas WIRKLICH ungerecht ist. DANN zeigt sich nämlich überhaupt erst, ob wir die schöne Theorie in die Praxis umgesetzt kriegen. Und so blonde große Kartoffeln wie ich haben da ja relativ wenig Trainingsmöglichkeiten: Im Vergleich zu meinen Schüler*innen erlebte ich nämlich nur einmal alle Jubeljahre eine WIRKLICHE Ungerechtigkeit und Demütigung so wie jetzt – während sie das täglich erlebten. 

Es war dieser Gedanke, der mich letztendlich aus der Schmerzstarre herausholte. Jedes Mal, wenn sich mein Magen in Erinnerung an die Situation zusammenzog und die Tränen in meine Augen zu schießen drohten, dachte ich: Sei kein blödes Opfer, Frau Plath. MACH was! Da kommt jetzt keiner und pustet und tröstet und klebt ein Mickey Maus Pflaster auf dein Knie. Also steh einfach auf und lauf weiter. MACH was. 

Und also machte ich was. Ich setzte mir ein Ziel: In spätestens drei Jahren raus hier aus diesem institutionalisiertem Irrsinn. 

Ziel also geklärt. Wie genau das Ziel zu erreichen war? Geschenkt. Spielte vorerst keine Rolle. Es ging erstmal darum, all meine Gedanken und Handlungen auf das Ziel hin auszurichten – ganz im Kleinen. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute. Ist dies oder jenes auf mein Ziel bezogen hin sinnvoll? Nein? Dann lass es. Oder ja? Dann mach es. 

Es fühlte sich in dieser Zeit so an, als würde ich meine Gedanken wie ein Zirkus-Dompteur seine Tiger in einer Manege mit einer Peitsche durch den brennenden Reifen zwingen. Meine Tiger, äh Gedanken, wollten immer nur gemütlich im Opfer-Kreis in der Runde laufen – Motto: Du arme arme Maike, das hat jetzt aber doll “aua “ gemacht, statt die Anstrengung zu vollbringen durch den brennenden Reifen der Selbstverantwortung zu springen. Ich musste ständig meine Tiger zur Räson bringen. Nein… ! Nicht in Richtung Selbstmitleid laufen… Nein…! Nicht noch mal die gemütliche Runde im Kreis…! Nicht in Richtung Wut auf Frau Reimann! Nicht in Richtung Selbstmitleid und „Ich kann ja sowieso nix machen“! Stattdessen HIER längs, ja genau, unangenehm, aber ja: Zack! – durch den brennenden Reifen: Und der brennende Reifen lautete: WAS kannst du konkret TUN? Und: MACH das, fang an, beweg deinen Arsch! 

Auch wenn all meine versiertesten Ängste IMMER für die gemütliche Runde und gegen den brennenden Reifen plädierten. Die Ängste gingen in etwa so: 

Was willst du denn MACHEN, Maike? Du hast doch gar nix anderes gelernt? – Wie kannst du deine Schüler*innen im Stich lassen? – Wie willst du ausreichend Geld verdienen?  Du wirst auf der STRASsE landen! – Das wird jetzt der biografische Absturz, DER Fehler, durch den du dir dein Leben versaust… Und – auch schön: Schuster, bleib bei deinen Leisten! – Besser der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach! – Und (raffinierteste Angst-Argumentation): Das ist doch Hybris, Maike! So schlimm war das doch gar nicht, was die Reimann gesagt hat. Vielleicht hat sie sogar ein bisschen recht und du hast dich zu wichtig genommen? Warum kannst du nicht einfach mal klein beigeben und Dienst nach Vorschrift machen? Ist doch alles gar nicht so schlimm… stirbt ja keiner von! Und du kriegst Beamtengehalt. Safe! Warum musst du immer gleich die Welt verändern wollen, denk mal nicht, dass DU der Nabel der Welt bist…! Vielleicht wären ja alle viel GLÜCKLICHER, wenn sie nur gehorchen und Arbeitsbögen ausfüllen und Dienst nach Vorschrift machen müssen! Lass doch die armen Leute in Ruhe! 

Ja, Die Angst hat sehr sehr scharfsinnige Argumente. 

Während in meinem Kopf also dieses kleine Schmerz-Theater abläuft, versuche ich mich mit dem neuen Buch von Güner Balci abzulenken: Arabqueen. Ich schlage vor, dass wir das als Lektüre für den Deutschunterricht anschaffen, denn ich mache ja jetzt “Dienst nach Vorschrift” und nach 30 Jahren “Rokal, der Steinzeitjäger” kann man ja vielleicht mal was Neues wagen. 

Kurz darauf sitzt meine Klasse brav im Klassenraum und alle haben das gleiche Buch vor der Nase. Arabqueen. Was für ein schönes Bild!! Sieht aus wie Theater. Ist es auch. Meine Klasse erfindet jetzt ein Theaterstück, das ihre Gedanken zu Güner Balci’s Buch zum Ausdruck bringen soll. Es darf aber nicht so aussehen wie Theater, sondern tendenziell eher wie Deutschunterricht und Stationenlernen – na klar mit Bewertung nach Noten. In die Aula können wir auch nur noch selten und mit Voranmeldung. Alles wird SEHR misstrauisch beäugt. Und die Situation wird nicht besser. 

Also versuche ich außerhalb der Schule Sicherheitsnetze für unsere Arbeit zu spannen. Wir brauchen einen sicheren Raum, am besten ein kleines Theater, wo niemand es verdächtig oder anstößig findet, wenn wir stundenlang am Stück “komische Sachen, also Faxen, machen”. Komische Sachen sind alles, was NICHT “normal”, also nicht nach Deutschunterricht aussieht. 

Einige Kneipengespräche, Berliner Theaterbesuche und sogenannte “Netzwerken-Aktionen” später lande ich an einem Ort, dessen Namen schon nach Sicherheit klingt: Heimathafen Neukölln. Ein Heimathafen. Doch wie kommen wir da rein? 

An einem heißen Nachmittag im August sitze ich in einem stickigen kleinen Büro und versuche die Heimathafen-Betreiberinnen (eine Theaterregisseurin und eine Schauspielerin) davon zu überzeugen, dass ich ihr Haus brauche, um “Faxen zu machen”. Es ist eine Art Bewerbungsgespräch und es läuft eher schleppend:

Schauspielerin: Wir haben das schon versucht mit einer Jugendtheater-Abteilung am Haus, aber da kommt keiner. 

Ich: Naja, die Jugendlichen hätte ich ja schon… 

Regisseurin (mit ausdruckslosem Gesicht): Und wieso glaubst du, dass du hier eine Jugendtheaterabteilung aufbauen kannst-du bist doch LEHRERIN. 

Ich: Das ist richtig. Aber ja, ich glaube, das kann ich. 

Regisseurin: Aber du bist LEHRERIN. 

Sie spricht es aus wie eine Krankheit. Ein bisschen so wie: Aber du hast eitrigen Hautausschlag.  

Ich: Ich habe eine Fachqualifikation für Darstellendes Spiel in der Oberstufe und mache seit Jahren mit den Jugendlichen Theater. 

Regisseurin: Ach so? Aber an Hauptschulen gibts doch gar kein Theater. 

Ich: Offenbar ja schon, wenn ich es seit Jahren mache. 

Schweigen. Humor kommt hier nicht so gut. Ok. Ich rudere etwas zurück. 

Ich: Nee, aber stimmt natürlich. Offiziell ist Theater an Hauptschulen noch nicht etabliert als Fach. Es hat sich nur gezeigt, dass es Sinn macht und erfolgreich ist. Und genau: Weil es noch keinen offiziellen Platz hat, bin ich ja jetzt hier. Ihr seid doch ein Theater für den Kiez hier. Ich bring euch die Jugendlichen aus dem Kiez. 

Schauspielerin: Ja. Aber du bist LEHRERIN.

Ok. Denke ich. Das wird jetzt monothematisch. Offenbar ist mein Beruf an dieser Stelle ein Makel. Wenn ich an Leute wie den Sheriff denke, kann ich das natürlich verstehen. Aber wahrscheinlich gehts hier eher um das symbolische Kapital. Im Programmheft sähe es hier wahrscheinlich besser aus, wenn ich Regisseurin oder wenigstens Schauspielerin wäre. Irgendwie künstlerischer halt, als was mensch landläufig so mit “Lehrerin” assoziiert. Ich kann das ein bisschen verstehen. Also setze ich ein ermutigendes Lächeln auf und sage:

Ja. Doof. Dass ich Lehrerin bin. Aber vielleicht versuchen wir es einfach mal. Ihr habt ja nichts zu verlieren. Wir bringen euch eine Jugendtheater-Produktion zum Thema “Arab Queen” als Antwort von Neuköllner Jugendlichen auf eure Haus-Inszenierung des Romans und dann schauen wir weiter. Kostet euch ja erstmal nix, ich hab ja mein Beamtengehalt (Noch. Füge ich in Gedanken hinzu). Und dann schauen wir weiter. 

Schweigen.

Regisseurin: Und wie heißt eure Produktion zum Roman “Arab Queen”? 

Ich: Arabqueen und Thilo Sarazzin. 

Schweigen. 

Regisseurin: Ok. Ihr macht zwei Vorstellungen bei uns am Haus und könnt für die Proben bis dahin die Studiobühne nutzen. Und dann sehen wir ja, wie es läuft. 

Ich denke: Yes. Mit einem Bein drin. Das reicht fürs erste, und sage:

Wunderbar. Wann können wir anfangen? 

Wir sind durch die Tür. Es gibt jetzt einen sicheren Raum. Als ich auf die Karl-Marx-Straße trete, muss ich kurz schlucken. Einen Teil meiner Schäfchen habe ich ins Trockene gebracht. Und erste Schritte aus der lähmenden Opferhaltung gewagt. Es ist ein Anfang. Und eine erste behutsame Rückeroberung von Zuversicht.