Mein neues Buch ist bestellbar – Aktuelle Blogeinträge findet ihr links in der Leiste unter „Maikes Blog“!

Ich freue mich, euch mein bisher umfangreichstes, persönlichstes und schönstes Buch zu präsentieren!

Im Buchhandel könnt ihr es unter der ISBN 978-3-7460 1449-4 bestellen.

Ich hoffe, dass es euch gefällt und ermutigt.

Passend dazu unser neustes Video auf YouTube:

Viel Spaß!

Türwächter*innen der Freiheit – 9. Kapitel

9 Kontaktaufnahme

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Meine Schultage in Neukölln schleppten sich so dahin. Ich hatte ununterbrochen das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich keine Versagerin war. Und dass die Messlatte für diesen Beweis darin lag, in welchem Maße es mir gelang, die Klassen „ruhig zu bekommen“. „Ruhig“ bekam ich die Klassen dadurch, dass ich mich in die große, allumfassende Depression einfügte: Arbeitsbögen verteilen, Noten geben, „solidarisch mit den Kollegen*innen sein“, in den Pausen mit den Kollegen über die „problematischen Jugendlichen“ klagen, Förderlehrpläne schreiben, die Schüler*innen wie durchgedrehte Patienten in einer Irrenanstalt betrachten. Und reihenweise „Abschulungen“ abnicken. Sobald ich irgendetwas anderes versuchte, wurde es bei den Erwachsenen laut, gemein und hässlich, bei den Jugendlichen mitunter auch mal wild und lustig – aber dann gerieten die Dinge außer Kontrolle und ich wurde zur Schulleitung zitiert und runter geputzt. Ich fuhr dann geknickt nach Hause und dachte: Du bist einfach keine gute Lehrerin. Du schaffst es nicht. 

Jeden Morgen ging ich am Schuhladen vorbei und las das Schild: Verkäuferin gesucht. Jeden Morgen dachte ich: Vielleicht solltest du das machen und mit der Schule aufhören. Dann sitzt du da in diesem Laden und kannst Bücher lesen. Und hin und wieder mal jemanden beim Schuhe-Kauf beraten. Ist doch ein Traumjob! In der Schule hat es einfach keinen Zweck. 

Das Erschreckendste war: Es gab niemanden mehr, mit dem ich reden konnte. Mein privates Umfeld im Prenzlauer Berg hätte nicht weiter von meiner täglichen Realität entfernt sein können. Wenn ich versuchte, von meinem Alltag zu erzählen bzw. von meinen Gefühlen und Gedanken dazu, stieß ich auf freundliche, aber reservierte Ablehnung. Offenbar hatten meine Freundinnen das Gefühl, ich würde mich ständig mit völlig übertriebenen Geschichten wichtig machen wollen. Auch meine Familie reagierte mit höflichem Desinteresse, Ungläubigkeit oder auch leichter Ungeduld. Was gehst du auch an eine Hauptschule in Neukölln? Selber Schuld! Oder: Und das war fast die schlimmste Reaktion – vorzugsweise bei Familienfesten: Reißerische Neugier auf „krasse Gangster-Geschichten aus Neukölln“. „Erzähl mal, Maike, das muss ja echt krass sein. Gehst du bewaffnet in den Unterricht? Also ich würde mich nicht trauen, da ohne Messer rein zu gehen. Hast du denn gar keine Angst? Erzähl mal was richtig Krasses…“ Was mich WIRKLICH beschäftigte, konnte ich nicht teilen. Die einzigen, die es hätten verstehen können – meine Kollegen*innen – taten so, als sei meine Verzweiflung ganz allein auf meine Unfähigkeit zurückzuführen: „Du bist halt ne Provinz-Muschi. Du musst lernen, dich durchzusetzen! Aber du bist ja immer noch so naiv und denkst, dass du dich bei denen einschleimen kannst! Du wirst auch noch merken, dass das alles kleine Arschlöcher sind!“.

Aber dann bewahrheitete sich wieder etwas, das ich schon seit der Kindheit wusste: Die Rettung kommt immer von außen – vom „schlechten Einfluss“ quasi. Von Menschen, deren Perspektive sich von meiner eigenen unterscheidet. Ich lernte Carmen kennen. Carmen war Familienhelferin in unserem Bezirk und für mehrere meiner Schüler*innen zuständig. 

Carmen erweckte das bereits tot geglaubte Pflänzlein wieder zum Leben. Ich staunte nicht schlecht, als wir herausfanden, dass sie Taher betreute. Taher: Der Junge mit den schönen Augen und dem bildhübschen Gesicht, der mich an meinem ersten Tag an die Tafel geschubst hatte und auch weiterhin – ganz der Gehilfe des Sheriffs – die Klasse terrorisierte und mich tagtäglich mit eiskaltem Blick auflaufen ließ. Spooky Taher. Wie ich ihn heimlich nannte. Unser Verhältnis hatte sich kein Stück gebessert. Ich war nur inzwischen dazu übergegangen, ihn weitestgehend zu ignorieren, um nicht Zielscheibe weiterer Ausbrüche zu werden. Die Polizei und so weiter, ihr wisst schon. Jetzt saß da plötzlich eine strahlende Person in einer Kreuzberger Kneipe vor mir, blies Zigarettenrauch in die Gegend und sagte: Ach. Das ist ja SCHÖN! DU unterrichtest jetzt Taher! Na dann haben wir ja nun auch beruflich miteinander zu tun! Wie cool! Tja, Berlin ist ein Dorf! 

Da ich quasi aus einem Dorf komme, war ich anderer Meinung, widersprach ihr aber nicht. 

Carmen schien Taher ins Herz geschlossen zu haben. Es war erstaunlich, wie viel Positives sie von ihm zu berichten wusste. Offenbar redeten wir von verschiedenen Menschen. Mein Gesichtsausdruck („Pokerface“ war meine Sache nicht so sehr) schien mich allerdings irgendwie zu verraten. Wahrscheinlich hing mein Unterkiefer irgendwann auf der Tischplatte. Jedenfalls unterbrach sich Carmen irgendwann, legte den Kopf schräg und fragte: Also du magst Taher nicht so? 

Doch, doch… er ist nur nicht so… also er wirkt nicht so – glücklich in der Schule, ehrlich gesagt.

Carmen nickte begeistert. Ja, das kann ich aber auch SOWAS von verstehen. Weißt du, der ist hochintelligent, aber die Lehrer behandeln den alle, als wäre der ein Gangster. Die geben dem keine Chance. Der LANGWEILT sich zu Tode da an der Schule. Und das ist natürlich auch scheiße. Der kommt aus so ner Clanfamilie. Da stempeln die den sofort als Kriminellen ab. Das merkt der natürlich. Der kann ja machen, was er will, die Lehrer tragen dem sowieso von der Unterrichtsstunde eins an eine Sechs ins Klassenbuch ein. Dabei ist der hochbegabt. Der schreibt Gedichte und so und rappt. Also, das musst du echt mal hören. Da muss ich weinen, wenn ich das höre. Das ist echt ein kleiner Künstler! Ein super sensibler Mensch!

Ich lauschte ihr gebannt, dachte aber auch: Vielleicht ist sie ein bisschen naiv? Blendet sie nicht ein, zwei Realitäten aus?

Dennoch hatte sie – ohne es zu wissen – bei mir einen leisen Zweifel ausgelöst. Vielleicht gab es an Taher noch andere Seiten zu entdecken…

Ich begann an meiner roboterartigen Arbeitsbögen-Taktik zu zweifeln. Vielleicht sollte ich die einfach mal besser kennen lernen, dachte ich. Auf dem Weg in den verwahrlosten Klassenraum dachte ich eines Morgens: Ich kann da nicht mehr mit denen sein. Wir müssen raus da. Aber wohin? Ich fragte sie. „Oh geil, lass ma Britzer Park gehen“. Momo war aufgesprungen und in Null komma nix an der Tür, halb schon auf dem Weg nach draußen.

Ey, warte mal, Momo! rief ich leicht panisch. Ich muss das erstmal abklären!

Momo rollte mit den Augen. Aber nicht unfreundlich. Eher so nach dem Motto: Da gibt’s nichts abzuklären. Jetzt mach einfach! Sonst sagt irgendjemand, dass es verboten ist und dann machen wir es nie!

Ich wandte mich dem Rest der Klasse zu. Seltsam still war es. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass sie mich alle anschauten. Ich schaute zurück. Und dachte: Die sehen heute anders aus. Wie Kinder. Zum ersten Mal sehen die aus wie Kinder.

Wie Kinder, die für einen Augenblick bereit sind, mit mir zu kooperieren. Es war vollkommen klar: Sie wollten in den Britzer Park. Nicht, um Scheiße zu bauen und mich irgendwie vorzuführen oder zu verarschen. Einfach nur, weil sie – genauso wie ich – hier raus wollten und für einen Moment einfach hofften, dass wir genau das tun würden. Ich glaube, sie sahen in dem Moment mich selbst. Und ich sie. Es gab eine Verbindung. 

Und also entschied ich mich. Und wir gingen raus.

„Lass ma See gehen, da is schön. Ich weiß, wo“. Momo geht vor mir her und übernimmt die Führung. Was ich befürchtet hatte, nämlich, dass alle einen Riesenlärm veranstalten, tritt nicht ein. Kurz darauf sitzen wir im Britzer Park auf einer Wiese, die Vögel zwitschern und ich muss lachen. Warum ist mir das nicht schon viel früher eingefallen? Und ich denke an Carmen und fange an, diese Kinder mal zu fragen, wer sie eigentlich sind.

Doch nee. Zunächst einmal passiert was anderes. Fuad hat einen Ball aufgetrieben und in Null komma nix spielt ein Großteil der Jungs auf der Wiese Fußball. Allerdings nicht lange. Eine „Britzer Oma“, wie Ali sie nennt, hat sich am Rand der Wiese aufgebaut und zetert: Fußball spielen ist hier verboten! Ich frage mich, wozu sonst eine große Wiese da ist, wenn nicht zum Fußballspielen. Und wie der Rest der Klasse ja überzeugend demonstriert, ist dann ja immer noch genug Platz, um in Ruhe auf einer Decke zu sitzen und leckere Sachen zu essen oder zu trinken. Picknicken wohlbemerkt. Aber das sieht die Britzer Oma offensichtlich anders. Es dauert nicht lange, dann haben wir es mit einem Polizisten zu tun, der mich freundlich aber bestimmt darauf hinweist, dass Fußballspielen hier verboten ist. Ach so. Na dann. Die Jungs rollen entnervt mit den Augen, trollen sich aber vergleichsweise klaglos vom „Spielfeld“ und lassen sich rund um meine „Decke“ (die in Wahrheit meine Regenjacke ist), ins Gras fallen. Momo hat inzwischen angefangen, mir sein letztes Treffen mit seiner Sozialpädagogin vorzuspielen. Ich staune nicht schlecht. Das wirkt ziemlich realistisch, allerdings auch rasend komisch. Ich lache mich schlapp. Momo hat sowohl Gestus, Habitus als auch den Duktus der Sprache minutiös drauf. Er kann gar nicht mehr aufhören und spielt sich immer weiter in Fahrt. Taher sitzt etwas abseits, schaut aber offensichtlich interessiert der theatralen Einlage von Momo zu. Ich will nicht zu deutlich in seine Richtung schauen, um ihn nicht zu provozieren, bemerke aber sehr wohl den Hauch eines Grinsens in seinem Gesicht. Meltem, die ebenfalls zuschaut, lacht lauthals los: Ey wallah, Schüüüüüsch! GENAU so reden die! Voll die Roboters!

Ich: Roboters?

Meltem: Ja, die sitzen da so… (Meltem macht es vor, steife Körperhaltung, lebloser Gesichtsausdruck) und dann haken die ihre Fragen ab. Aber is nur, damit die da ihr „Check“ dran machen können…

Momo: Ja, genau, das interessiert die Null, was ich sage…

Jetzt klinkt Taher sich ein: Ja, voll so Zombie-mäßig… (er verstellt seine Stimme, macht einen süßlichen Ton, legt den Kopf leicht schräg) Ja, Taher, wie geht’s DIR denn damit?

Momo und Meltem lachen.

Meltem: Ja genau, das ist so der Text: Wie geht’s DIR denn damit? (Wieder große Heiterkeit).

Taher: Die sagen nur so auswendig ihre Sätze und haken ihre Zettel ab. Das sind voll die Opfer. Die interessiert das nicht, wer ich bin. Die hören auch nicht zu. Die sehen nur: Ah! Neues Problemkind. Dann haken die ihr Programm ab. Ich sag da nie was ehrlich. Das sind Verräter. Die petzen dann nur. Die wollen nicht wirklich helfen, die wollen nur ne Maßnahme abhaken. Dass die alles richtig gemacht haben. Für ihre Akte. Wenn du denen die Wahrheit erzählst, ficken die dich, wallah!

So lange habe ich Taher noch nie sprechen gehört. Ich bete, dass ich jetzt nicht gleich wieder alles versaue und frage vorsichtig:

Und was denkst du – WARUM machen die das so?

Taher: Weil die Angst vor uns haben.

Ich: Vor euch?

Taher: Ja. Nee. Vor allen. Die haben Schiss, sich zu zeigen, wie die sind. Die reden nicht ordentlich. Die reden so KÜNSTLICH (er verzieht das Gesicht, kräuselt die Lippen) und die verstecken sich. Weil die Angst haben. Das sind voll die Opfer, ey!

Momo: Ja, so Opfer-Kartoffeln!

Momo hält kurz inne, schaut mich an: Oh sorry, du bist ja auch ne Kartoffel.

Taher: Aber nicht SO ne Kartoffel. Nicht so`n Opfer. Du redest normal mit uns. Äh, Siereden normal mit uns.

Ich mache krampfhaft Pokerface. Aber ich ahne natürlich, was gerade passiert ist. Taher hat mir soeben eine Liebeserklärung gemacht. Die Panzertür ist nur noch angelehnt. Ich schleiche auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem hinein.

Ich: Das versuch ich zumindest. Aber ist nicht so leicht, ich kenne euch ja noch nicht so gut.

Taher nickt anerkennend: Ja, aber versuchen zählt auch schon. Kann ja noch kommen!

Er grinst kurz. Dann wird sein Gesicht plötzlich wieder abweisend.

Ey, is langweilig man! Wann ist Schluss?

Ich: Es ist erst 12. Also ne Stunde müssen wir schon noch bleiben, wenn das hier als Ausflug statt Unterricht durchgehen soll.

Taher: Ist doch egal, ich geh jetzt nach Hause.

Er steht auf, nimmt seinen Rucksack und geht. Betont schlendernder Gang. Langsam entfernt er sich über die Wiese. Er weiß, dass ich nicht hinterher komme. Ich frage mich, ob dies ein Anfang war oder das Ende.   

Türwächter*innen der Freiheit – 8. Kapitel

8 Extrarunde in der Geisterbahn

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Das erste halbe Jahr in Neukölln ähnelt einer Fahrt in der Geisterbahn. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Unterrichten oder – im Lehrerzimmer – Pause haben. Vom Lehrerzimmer flüchte ich in die Klassenräume zu den Jugendlichen. Von den Unterrichtsstunden flüchte ich ins Lehrerzimmer. Es ist wie Hin- und Herhopsen zwischen zwei heißen Herdplatten. Ich ringe in diesem quasi irren Zustand um die winzigsten Momente aufkommender Menschlichkeit, weil ich mir fest vorgenommen habe, nicht zum Zombie zu werden, nicht bei der „Gu-ten-Mor-gen-Herr-Böhm- Kaserne“ zu landen: Ein Lächeln, eine hilfsbereite Geste, ein kleines persönliches Gespräch im Raucherzimmer – der einzige Ort übrigens, wo echtes soziales Verhalten seitens der Kollegen*innen sichtbar wird – ein vertrauensvoller Blick von einem Schüler, ein paar wärmende Momente gemeinsamer Heiterkeit im Klassenraum. Ich fange an, diese Momente zu achten, sie zu suchen und sie mir am Abend vor dem Einschlafen noch mal vor Augen zu führen. Ich habe den Verdacht, dass es eine Art Überlebenstraining ist: In einem Haufen Scheiße die Lieblingsmomente finden. Und das rettet mich tatsächlich. Denn manchmal wundere ich mich, dass ich nicht einfach hinschmeiße. Am schlimmsten ist in diesem ersten halben Jahr die Erkenntnis: Ich gebe nach außen hin die angepasste Gefall-Barbie, wehre mich NICHT gegen die verbalen Anzüglichkeiten von Herrn Böhm, ordne mich in den – für mich abstrus autoritär geführten – Lehrerkonferenzen widerspruchslos unter, äußere nie meine tatsächliche Meinung und das alles aus einer – mir selbst unverständlichen – lähmenden Angst heraus. Statt zu widersprechen, wo Widerspruch angesagt wäre, ducke ich mich weg. Aber. Im heimlichen Untergrund wirkt das kleine Pflänzlein Selbstwert, das Frau Thiele und Dieter angelegt haben. Und es sendet solche Gedanken wie: Es muss doch möglich sein, dahin zu kommen, wo die Jugendlichen in Bullerbü ganz selbstverständlich waren. Klar. Hier sitzen ganz ANDERE Jugendliche. Niemand mit engagierten Eltern und Geigenkästen, kaum ein junger Mensch, den Herr Böhm als „biodeutsch“ bezeichnet hätte. Aber kann es denn nicht möglich sein, auch bei diesen Jugendlichen auf den Zugewinn an innerem Selbstwert zu setzen, statt auf Gehorsam und Anpassung?

Bei jedem erneuten Untergang im Klassenzimmer zweifle ich allerdings wieder und denke: Oh man, Maike, wie pathetisch bist du mit diesem hohen Anspruch. Am besten gleich die Welt retten, oder was? Aber gleichzeitig fällt mir NICHTS ein, woran ich mich sonst orientieren kann in diesem „Werte-Niemandsland“ außer eben: Menschlichkeit und irgendwie ein bisschen Wertschätzung… Aber außer mir will hier scheinbar niemand Menschlichkeit und Wertschätzung. Das ist das Dumme. Und das Erschreckende. Dazu kommt dieses tägliche Versagen meinerseits auf allen Ebenen: Ich habe eingesehen, dass ich überhaupt nichts kontrollieren kann und jeder Tag wie eine Lawine anrollt und mich unter sich begräbt. Ich habe vier bis fünf „Unterrichtsstunden“ am Tag und vor jeder einzelnen graut mir, weil ich nicht weiß, was passieren wird. Anfangs habe ich noch einen Rest Naivität und versuche meine Angst mit Perfektionismus tot zu schlagen: Abends stundenlang am Schreibtisch Unterrichtsvorbereitungen planen. Mir irgendwas ausdenken, was WAHNSINNIG Spaß machen wird. Was bei den Jugendlichen ein Wunder bewirken wird. Ich werde es schaffen, denke ich. Sie werden es lieben und sie werden MICH lieben. Ich werde den Unterricht revolutionieren! Dauernd kaufe ich mir tolles, buntes Unterrichtsmaterial mit tollen Folien, Filmbeispielen, lustigen Warm-Ups und Rollenspielen. Ich lese sämtliche pädagogische Literatur, die ich finden kann. Das sind dann die ruhigen, hoffnungsvollen Momente. Maike im Studierzimmer, voller Fantasien im Kopf von TOLLEM Unterricht. Aber leider muss man sagen, dass die schönsten Momente doch die Freitag Abende sind. Am Freitag ist immer eine ganze Woche geschafft. Unendliche Erleichterung. Das muss gefeiert werden! Auch Samstag ist noch schön. Aber am Sonntag morgen schon kommt dieses drückende Gefühl im Hals und in der oberen Magengegend zurück. Die Stunden bis zum Montag Morgen laufen durch wie Sand und Gemütlich-Tatort-Gucken am Sonntag Abend trägt auch nicht mehr zur Entspannung bei. Oft ertappe ich mich dabei, dass ich auf den Fernseher starre und gar nicht richtig zuhöre, weil meine Gedanken schon wieder bei meinen perfektionistischen Unterrichtsvorbereitungen sind. Also erfasse ich oft den einfachsten Tatort-Plot nicht mehr, lasse nur die Bilder an mir vorbeilaufen. Der Tatort ist einfach nur eine beruhigende und tröstlich vertraute Konstante, ein Ritual, die kurze angenehme Auszeit vor dem nächsten ängstlich erwarteten Sturm. Wie eine Spieluhr, die ein unruhiges Kind in den Schlaf dösen lässt. 

Und dann kommt unausweichlich der Montag. Am Montag ist es am schlimmsten. Alle scheinen völlig Gaga zu sein. Bloody Monday. Bloody Hell. Was am Freitag geschafft war und vielleicht sogar Anlass zu ein wenig Hoffnung gegeben hat, ist am Montag komplett im Arsch. 

Das kommt, weil für die Kids das Wochenende am schlimmsten ist, erklärt mir Lena bei einer Zigarette. Da geht bei denen alles drunter und drüber und die sind den Problemen in ihren Familien volle Kanne ausgeliefert. 

Ich nicke, verstehe aber gar nichts. Was für Probleme denn? Ich will eigentlich nur meine Unterrichtsvorbereitungen durchkriegen. Mal EINE Stunde geben, wo irgendwas gelernt wird. Oder ach Quatsch. Wo einfach mal alles EIN BISSCHEN entspannter ist. Ruhiger. Das wäre ja schon mal was. 

Aber es klappt nicht. Meine emsig vorbereiteten Stunden lösen sich grundsätzlich nach wenigen Minuten im üblichen Irrsinn auf. Ok, dann versuch ich also mal Stundenvorbereitung Nummer zwei. Nach ca drei Minuten – gescheitert. Ok. Stundenvorbereitung Nummer drei. Nach zehn Minuten – gescheitert. Ok. Stundenvorbereitung Nummer vier… Es ist zum Heulen. Ich finde einfach nicht heraus, was ihnen Spaß machen könnte. Wie ich ORDNUNG in dieses Chaos bringen kann. Wenn ich es nur einmal schaffen könnte, dass sie sich für IRGENDWAS interessieren. Besonders deprimierend ist meine Erkenntnis, dass sich Ruhe – als Minimalanforderung – am ehesten herstellen lässt, wenn ich todeslangweilige Arbeitsbögen verteile. Dann dämmert der Großteil der Klasse immerhin einigermaßen leise 45 Minuten vor sich hin. Von kleineren Ausfällen und den üblichen Ausrastern einzelner Jungs mal abgesehen. Richtig furchtbar aber wird es, wenn ich MOTIVIERENDEN, GUTEN Unterricht machen will. Wenn sie in Gruppen zusammen was rausfinden, selbst gestalten und präsentieren sollen. Das, was Herr Böhm an dieser Schule erfolgreich als „Kuschelpädagogik“ tagtäglich abwertet. Solche Versuche kann ich gleich vergessen. „Ey, ich will RISCHTISCH Deutschunterricht, nicht so schwule Scheiße!“. (Rischtisch Deutschunterricht ist für die Jugendlichen die „Gu-ten-Mor-gen-Herr-Böhm-Nummer“ mit anschließendem Frontalunterricht. „Jetzt schmeißen Sie doch endlich mal die raus, die laut sind!“. (Ich denke: Ha, ha, also alle?) „Sie müssen uns nur endlich mal rischtisch zusammenscheißen! Sie sind zu NETT“. „Ey, gib ma Klassenkonferenz!“

Aha. 

Klassenkonferenz. Das ist auch sowas, was ich vorher nicht kannte. Ein durch und durch autoritär gedachtes Tribunal:

Der Delinquent bzw. die Delinquentin wird zu einem bestimmten Termin in die Schule bestellt. Dort wird er oder sie von einem Gremium der unterrichtenden Lehrer*innen schön der Reihe nach zum unhaltbaren Problemfall erklärt. Jede Lehrkraft erhält ausreichend Raum, das als Fehlverhalten identifizierte Handeln des Schülers bzw. der Schülerin detailreich zu beschreiben. Dies wird auch genüsslich ausgekostet, denn es ist die einzige Möglichkeit für die geschundenen Seelen der völlig runtergerockten Lehrer*innen sich ein wenig Trost und Kompensation für die zahlreichen erlittenen Demütigungen zu verschaffen. Endlich darf sich die Lehrkraft hier mal so richtig vor allen anderen entlasten und gleichzeitig Macht demonstrieren. Aufzählen, was mir angetan wurde von diesen VOLLPFOSTEN. Um dann im Anschluss gemeinsam eine GERECHTE SANKTION gegen diese unerzogene Göre zu beschließen. Hach. Endlich ein bisschen Gerechtigkeit. Nach außen reden natürlich alle nur „vom Besten für das Kind“ und von „pädagogischen Maßnahmen“. Während die eingeschüchtert da sitzende, selten Deutsch sprechende Mutter mit erschrockenen Augen stumm dabei sitzt und nur Bahnhof versteht – und dann am Ende – nach der Urteilsverkündung – in herzzerreißendes Weinen ausbricht. Denn meistens lautet die „Sanktion“, äh pädagogische Maßnahme: Umsetzung an eine andere Schule. Rausschmiss also. Das versteht dann auch die Mutter. Für den Delinquenten – meistens waren es Jungs – eine unerträgliche Scham: Vor der Mutter so herabgewürdigt zu werden und Auslöser für diese Tränen zu sein. Und: Aus allem raus gerissen zu werden, was vielleicht gerade angefangen hatte, ein bisschen Sicherheit zu geben.

Ich hatte schon gehört vom berühmten „Hauptschulkarussell“. Viele Jugendliche kompensierten ihre Demütigung, indem sie sich auf dem Schulhof genau damit brüsteten. Quasi ein konstruktives „Reframing“ einer anders nicht zu ertragenen Herabsetzung: Das ist schon meine fünfte Schule, wallah. Echt? Fünfte erst? Ich muss nur noch Kepler. Alle anderen war ich schon… ABO!…! (Die Kepler Hauptschule galt unter den Schüler*innen als die letzte Station). 

Das Setting der sogenannten Klassenkonferenz war insofern interessant, als alle von einem „pädagogischen Format“ sprachen, in dem „alle gemeinsam im Gespräch zu einer „pädagogischen Maßnahme im Sinne des Kindes“ kommen wollten. Und tatsächlich wurde zwar sehr viel geredet, aber „der Delinquent“ selbst hatte zu keinem Zeitpunkt eine ernst gemeinte Möglichkeit, SEINE Sicht der Dinge ebenfalls darzustellen. Zu seiner Verteidigung wurde ihm offiziell der gegenwärtige Schülersprecher zur Seite gestellt. Meistens ein ängstlicher, weißer Junge mit Pickeln, Typ Streber, der ganz genau wusste, in welcher misslichen Lage er sich befand: Zum Schülersprecher nur deswegen gewählt, weil sich alle anderen Schüler*innen jeglicher Zusammenarbeit mit dem System Schule verweigerten und offen rebellierten und jetzt quasi als „Verräter-Kartoffel“ in der sehr unschönen Situation befindlich, als demokratische Strohpuppe genau diejenigen stotternd und völlig wirkungslos verteidigen zu müssen, die ihn dafür zwei Stunden später aus Rache auf dem Schulhof verprügeln oder „abziehen“ würden. Was im Klartext hieß: Turnschuhe weg, Handy weg und paar auf die Fresse. Dementsprechend wirksam fiel auch immer die „Verteidigung“ aus. 

Nachdem ich das erste Mal ein solches Tribunal besucht hatte, musste ich danach erstmal drei Stunden schlafen, um mein kleines Trauma der Schuld zu bewältigen: Nämlich das schreckliche Gefühl der Scham, dieser Veranstaltung wort-und tatenlos beigewohnt zu haben, ohne auch nur einmal das gesagt zu haben, was offensichtlich war: Das hier ist eine abgrundtief verlogene Farce! Unverantwortlich und vor allem unmenschlich bis zum Irrwitz! 

Warum sagte ich das nicht? Warum saß ich da rum, knetete meine Hände im Schoß und hoffte, nichts sagen zu müssen? Es lag an einem moralischen Dilemma, das ich empfand. Meistens kamen die entsprechenden Kollegen schon ein, zwei Tage vorher auf mich zu und schütteten mir vermeintlich ihr Herz aus. Plötzlich schlugen sie einen ganz persönlichen Tonfall an. Wie FURCHTBAR der Schüler Soundso sei und dass „man den jetzt endlich abschulen könne“, ob ich da nicht in der Klassenkonferenz auch meinen „solidarischen Beitrag dem Kollegium gegenüber leisten könne“, denn die arme Frau Soundso sei ja schon dauererkrankt und der Herr Soundso kurz vorm Burnout und da „müsse man jetzt wirklich mal Seite an Seite zusammenstehen“ und die rechtlichen Mittel der Schule nutzen, um sich gegen diese „Gangster-Mafia“ zur Wehr zu setzen. Also: Wir rechnen fest mit Ihrer Solidarität, Kollegin Plath… 

Ich war verwirrt. Mir ging es schlecht. Ich wollte solidarisch sein. Aber irgendwas schien mir an der Sache ganz und gar falsch zu sein. War es nicht meine Aufgabe, solidarisch mit den Jugendlichen zu sein? Und wieso musste ich mich überhaupt für die einen und dann zwangsläufig GEGEN die anderen entscheiden? Vor allem: Ich fühlte mich wie ein Alien. Ohne Verbündete. Irgendwie abgetrennt von allen. Was MACHTE ich hier eigentlich an dieser seltsamen Institution? Außer mit Lena wechselte ich in dieser Zeit mit kaum jemandem an der Schule ein persönliches, wärmendes Wort. Die meisten Kollegen*innen behandelten mich wie eine Auszubildende im hierarchisch schlechtesten Sinne. Sie redeten mit mir, als wäre ich 12 und wüsste nicht, wo der Kopierer angeht. Geschweige denn, wie man Schüler*innen unterrichtet. Völlig nutzlos, immer wieder zaghaft anzubringen, dass ich bereits 8 Jahre an einer anderen Schule unterrichtet hatte. Ich kam mir auch zunehmend blödsinniger vor, Sätze mit „Also an meiner alten Schule…“ anzufangen. Es interessierte (logisch!) keinen. Kann mensch natürlich auch verstehen. Jetzt war ich ja hier. Gestern war gestern. Aber in der völligen Ignoranz meiner Person und meinen bisherigen Erfahrungen lag auch etwas Feindliches, das ich mir nicht erklären konnte. Ich war doch nett! Ich war freundlich. Ich bemühte mich doch! Aber auch das interessierte keinen. Bei den Jugendlichen war es nicht anders.

Das Drama eines hohlen Selbstwerts, der sich unablässig an äußerer Bestätigung nährt, beginnt in der Kindheit, wenn wir lernen, Liebe mit Anerkennung zu verwechseln. Eigentlich wissen wir das ja alles: Menschen, die als Kind lernen, dass sie unabhängig von ihren Leistungen – einfach um ihrer selbst willen – geliebt werden, haben es später einfacher, sich selbst zu lieben, also Integrität zu entwickeln, und sie sind deshalb unabhängiger von äußerer Anerkennung und Lob – und deshalb auch weniger anfällig für autoritäre Systeme. Sie stehen quasi auf sicheren Füßen und laufen nicht so sehr Gefahr, sich entgegen der eigenen Bedürfnisse zu verbiegen. Und wer die eigenen Bedürfnisse kennt und ernst nimmt und sich in der Folge weniger verbiegt, muss weniger brüchigen Selbstwert kompensieren, braucht also weniger Bestätigung von außen. 

Leider ist so eine bedingungslose Liebe als Basis für den Selbstwert alles andere als der Standard und viele von uns sind daher leider nicht frei vom Bedürfnis nach äußerer Anerkennung. Deshalb wäre es allerdings umso wichtiger, einen möglichen Mangel an Liebe bei sich selbst als das zu erkennen, was es ist und diese Tatsache anzunehmen, statt diesen Mangel fälschlicherweise ständig mit äußerer Bestätigung auffüllen zu wollen. Denn das ist logischerweise ein Fass ohne Boden: Keine äußere Anerkennung der Welt wird einen Mangel an Liebe ersetzen. Aber es gibt eine andere Medizin: Lernen, sich selbst zu lieben. Seine Bedürfnisse, Grenzen, Schwächen, aber auch die eigenen Fähigkeiten sehen und anerkennen lernen und anfangen, sich damit zu mögen. Harte Arbeit – aber dafür ist es nie zu spät.

Und dass das wirklich stimmt, bemerkte ich daran, wie überraschend wirksam bei mir bereits allein die wenigen Eindrücke und Erfahrungen im Referendariat und in Bullerbü waren: Zwar kippte ich aufgrund meiner langjährigen sozialen Prägung erstmal quasi automatisch in den ängstlichen Anpassungsmodus zurück, als ich mit dem Regime des Sheriffs in Berührung kam. Aber darunter hatte sich in den wenigen vorangegangenen Jahren durch Frau Thiele und Dieter ein kleines Selbstwert-Pflänzlein gebildet. Und dieses Pflänzlein wirkte im Untergrund – auch wenn ich nach außen noch den widerspruchslosen Anpassungsroboter gab. Im Gegensatz zu früher war da jetzt so ein kleiner, zarter Wille zum Widerstand bzw. zur Rebellion. Ich traute mich das zu dem Zeitpunkt gar nicht zu denken, geschweige denn, auszusprechen, aber gefühlt brannte da etwas wie auf sehr kleiner Flamme, still und beharrlich vor sich hin. Bevor diese kleine Kraft im Untergrund jedoch eine Chance bekam, wirkte zunächst einmal mit aller Macht meine tief verinnerlichte soziale Prägung und manövrierte mich nahezu in die Selbstaufgabe.

Nach vier, fünf Monaten war es soweit: Ich fing an, aufzugeben. Ich hatte mich in der einschläfernden „Arbeitsbögen-Taktik“ eingerichtet und einen Zustand erreicht, in dem ich die Stunden mit den Jugendlichen einigermaßen überleben konnte. Reinkommen. Auftrag an die Tafel schreiben – denn Sprechen war sinnlos, es hörte sowieso keiner zu – dann Arbeitsbögen verteilen, dann ans Pult setzen und warten, bis die Stunde um war. Hin und wieder aufstehen, wenn ein Mädchen sich gelangweilt meldete (Jungs meldeten sich nie), hingehen, eine Frage beantworten, wieder nach vorne gehen, wieder ans Pult setzen, warten. Sobald ich irgendeinen Versuch unternahm, diese bleiernde Langeweile zu durchbrechen, rasteten einzelne Schüler*innen aus oder – im besten Fall – blökten mich an: Oh man, erzähls doch der Wand, Frau Plath. Auch der klägliche Hinweis auf ihre Noten, (welch peinliches Druckmittel!, dachte ich beschämt), prallte voll an ihnen ab. Am besten tragen Sie bei mir gleich ne Sechs ein, wird sowieso nicht besser, und dann hat jeder seine Ruhe, war die Reaktion. Meine anfänglichen Argumentationsversuche wurden dann mit „Ey, jetzt nerv ma nicht!“ gekontert. Und das war die warmherzige Variante. Es ging bedeutend schlimmer. Meine Versuche, „ganz tollen Unterricht mit Medieneinsatz, Gruppenarbeit, Rollenspielen und anderem Gedöns“ zu machen, waren also nach wenigen Wochen bereits so dermaßen kläglich gescheitert, dass ich mir davon noch immer meine Wunden leckte und keine Kraft hatte, neue aktionistische Versuche zu machen, die Welt zu verändern. Im Kollegium schien man das beruhigt zur Kenntnis zu nehmen. Nicht, dass jemand das Wort an mich gerichtet hätte, aber offenbar sah ich aus wie Jack Nicholson nach der Elektroschock-Behandlung in „Einer flog über das Kuckucksnest“… Von mir ging jedenfalls keine Gefahr mehr aus, irgendjemandem mit nervig-hoffnungsvollen Ideen auf den Sack zu gehen. Gottseidank. Sie nervt nicht mehr. Und die Jugendlichen schienen dasselbe zu denken. Gottseidank. Sie nervt nicht mehr. Also business as usual. Es war der Punkt erreicht, den ich wenige Jahre später so unfassbar treffend in der Fernsehserie „The Wire“ (vierte Staffel) dargestellt fand: Dem Lehrer Presbelucci wird als „Tipp, um die Klasse ruhig zu halten“ geraten, die Heizungen im Klassenraum voll aufzudrehen, „denn dann

werden die Kids müde, und Sie haben Ihre Ruhe“. Angetäuschter Frontalunterricht (etwas an die Tafel schreiben) und Arbeitsbögen austeilen hatte einen ähnlichen Effekt. Es gab Momente, in denen ich dachte: Was willst du denn, Frau Plath? Ist doch ein easy Job: Du bekommst ordentlich Gehalt, musst nix mehr vorbereiten, nur so am Pult rumsitzen und warten, bis die Stunde vorbei ist. Und bloß keine Aufregung erzeugen, denn dann eskaliert alles, und die Polizei muss gerufen werden, und du bist die Deppin, die vor allen anderen so dasteht, als „hätte sie ihre Klasse nicht im Griff“. Jetzt allmählich dämmerte mir, dass das kein Scherz gewesen war: Diese „Minimalanforderung“, die es zu erfüllen galt, dass „die Polizei nicht kommt“. DAS war also gemeint gewesen… Es galt, die Klasse still zu kriegen. Alles andere: Egal.

Ok. Dann heul jetzt mal nicht rum, dachte ich. Konzentrier dich doch einfach auf dein Privatleben. Andere würden dich beneiden! Bisschen rumsitzen und Geld einstreichen. Gesagt getan. Ich konzentrierte mich also auf mein Privatleben. Berlin ist dafür ja nicht die schlechteste Adresse. Ich ging ständig aus, ins Kino, ins Theater, Essen und in nette Kneipen im Prenzlauer Berg und überall dorthin, wo sowieso scheinbar niemand ernsthaft an Arbeit dachte. Mir kam es insgesamt in der Zeit so vor, als wäre ich die einzige, die arbeiten ging. Alle anderen machten Kunst oder irgendwelche interessanten „Projekte“, die es nicht erforderten, dass mensch vor 14 Uhr aus dem Bett kam. Das war bei mir natürlich anders, ich musste um 8 in der Institution sein, aber weil ich immer schon um 14 Uhr fertig war (Kopierer AUS, und wer länger bleibt, „verdirbt die Preise“), also dann, wenn die anderen mit frühstücken fertig waren, konnte ich noch ausreichend Schlaf nachholen, bevor es abends mit dem angenehmen Teil des Tages losgehen konnte. Zwischendurch dachte ich immer wieder daran, vielleicht doch unten im Schuhladen als Verkäuferin anzufangen. Ja, man kann es nicht anders sagen: Ich war gestrandet. Das Pflänzlein schien eingegangen zu sein. Die Glut ging aus. Fast. 

Türwächter*innen der Freiheit – Siebtes Kapitel

7 Rückblende – Der internalisierte Gehorsam

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Ausgelöst durch mein tägliches Scheitern als Lehrerin und die Sheriff-Atmosphäre kippte ich in einen ängstlichen, inneren Anpassungs-Modus. Ich kam NICHT auf die Idee, dass in meiner Anpassung bzw. Unterwerfung unter die Maxime „Hauptsache Disziplin“ und in der daraus folgenden Anstrengung, auch die Jugendlichen zur Unterwerfung zu zwingen, vielleicht genau der fatale FEHLER lag. Aber. Logisch:

Ich war selbst zeitlebens zum Folgen erzogen und sozialisiert worden. Es kam mir nicht in den Sinn, gegen mein inneres Unbehagen aufzustehen und andere Lösungen zu suchen. 

Skeptisch hätte ich natürlich werden können, im Angesicht dieser flächendeckenden menschlichen Verwahrlosung an diesem Ort. Hier waren nur Menschen unterwegs, die ALLE kein Gefühl mehr für sich selber hatten. Und in der Folge auch für niemand anderen mehr. Bewusstsein für die eigenen Integritätsräume gleich Null. Die Grenzen und Bedürfnisse aller Beteiligten – und zwar sowohl der jungen als auch der Erwachsenen – waren so oft und so existentiell überfahren und geschreddert worden, dass jegliche gesunde Ich-Stärke eingegangen war. Stattdessen eine fette Mauer aus Wut und Zynismus, um die kümmerlichen Reste des verbliebenen Selbstwerts vor der endgültigen Auflösung zu bewahren. Hier wusste NIEMAND, was Integritätsräume waren und wie mensch in gegenseitigem Respekt kommunizieren könnte. Vielleicht war es auch gar nicht gewollt. Der Mechanismus, die (angeblich) eigenen Überzeugungen, (die in Wahrheit allerdings nur den unhinterfragten Rollen entsprachen), für die einzig richtigen zu halten und über alle anderen schlecht zu reden und alle anderen runter zu machen, war hier „State oft the art“. Wenn jemand es wagte, von Gleichwürdigkeit und gegenseitiger Achtung zu reden, wurde das mit Zynismus, mitleidigem Augenrollen oder Verachtung abgewatscht. 

Leider hatte ich dem nichts entgegen zu setzen. Das Wort Integrität kannte ich nicht. Ein Gefühl dazu hatte ich schon gar nicht. Was sollte das sein? – Unglaublich eigentlich. Und erschreckend im Rückblick. Denn wenn es um Führungskompetenz geht – und das ist ja DIE Schlüsselqualifikation für den Lehrberuf – dann ist Integrität die Grundbedingung bzw. der Boden, auf dem wir stehen. Und dieser Boden war nicht da. Bei niemandem. Null. Bei den Lehrkräften nicht, weil die sich seit Ausbildungszeiten in einer Anpassungsmaschinerie befanden, in der es gerade NICHT um ihre eigene Bedürfnisse und Grenzen ging und bei den Jugendlichen dementsprechend auch nicht, weil dort jeglicher gesunde Ich-Impuls als Störung betrachtet und im Keim erstickt wurde. Abweichendes Verhalten war komisch. Nicht vorgesehen. Unmöglich! Unverschämt! 

Das hatte lange Tradition. Auch bei mir war das Monster des internalisierten Gehorsams lange Zeit systematisch genährt worden. 

Kleiner Rückblick: Aufgewachsen bin ich in Glücksburg, einer beschaulichen Kleinstadt im Norden Deutschlands an der Ostsee. Papa Musiklehrer, Mama Englisch- und Sportlehrerin. Oberstudienräte am örtlichen Gymnasium. Konservatives Elternhaus. Autoritäre Erziehung. Drei Brüder. Zu Hause quietschte immer mindestens eine Geige. Regelmäßige Mahlzeiten am Familientisch. Papa macht jeden Tag Mittagspause und während der Zeit müssen alle todes-leise sein. Wehe dem, der stört. Kinder, die in der Mittagspause anrufen oder gar vor der Haustür stehen und klingeln, bekommen einen eindrucksvollen Tobsuchtsanfall meines Vaters geboten, der sich gewaschen hat. Wer das einmal erlebt hatte, klingelte auf jeden Fall NICHT mehr in der Mittagspause. 

Regelmäßig Hausmusik, vor Weihnachten Advents-Singen mit und ohne Gäste. Uns Kindern wird der christliche Glaube vermittelt, aber eher so als Sache, die sein muss, warum wird nicht erklärt und Sonntag geht’s ab in die Kirche. Vorm Einschlafen sage ich immer ein Gebet auf – wie ein Gedicht. Einmal gehe ich als etwa Fünfjährige ans Telefon und sage aus Versehen mein Gebet auf – direkt in den Hörer. „Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir, hast auch uns doch nicht vergessen, lieber Gott, wir danken dir“. Hatte die auswendig gelernte höfliche Ansage „Hallo, hier ist Maike Plath, mit wem ich spreche ich?“ mit dem anderen Text verwechselt. Auch bei den Weihnachtsliedern sind mir die Texte teilweise unklar, ich singe sie dennoch – stolz darauf, dass ich sie auswendig kann – mit viel Inbrunst zu Papas Klavierbegleitung mit. 

Vom Glauben ist mir heute nicht mehr so viel geblieben. Was mich aber immer noch überzeugt, ist der Grundgedanke der Nächstenliebe. Erstaunlich war für mich nur immer die Beobachtung, dass ausgerechnet die Leute, die eifrig von Nächstenliebe redeten, ihre Nächsten eigentlich nicht so sehr liebten.

Schon als Kind lernte ich, dass genau diejenigen die ganz besonders beflissen für die Nächstenliebe eintraten, andere Menschen tüchtig ausgrenzten und verurteilten. Von der Nächstenliebe ausgeschlossen wurden all diejenigen, die beispielsweise NICHT in die Kirche gehen wollten, oder NICHT heiraten und Kinder kriegen oder NICHT einer geregelten Arbeit nachgehen oder in irgendeiner anderen Weise ihr eigenes, abweichendes Ding leben wollten.

Aha. Dachte ich. Besser nix falsch machen. Denn dann gilt die (Nächsten-) Liebe leider nicht für dich. 

Glücksburg an der Ostsee, 1975-1990: 

Wie alle Kinder wollte ich unbedingt geliebt werden und ich merkte schon sehr früh, dass ich deutlich MEHR geliebt wurde, wenn ich die Erwartungen anderer grundsätzlich über meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche stellte. Erwartungen der anderen in meiner Kindheit waren: Nicht widersprechen. Viel lächeln, höflich sein, lieb sein. Mit angemessener Tonlage sprechen. Sich über Geschenke freuen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Dafür dann trotzdem übertrieben dankbar sein. Briefe in Schönschrift schreiben: Liebe Tante Olga, vielen, vielen Dank für den tollen Serviettenring, den ich SEHR gut gebrauchen kann. (Nach diesem ersten gelogenen Satz, der schnell von der Hand ging, musste man dann noch die ganze Seite vollkriegen. Schwierig, denn wer war Tante Olga?). Gute Noten schreiben. Pünktlich sein. Zuverlässig sein. Den Sonntags-Spaziergang mitmachen, obwohl ich lieber in meinem Zimmer auf dem Bett liegen und lesen wollte. Sonntag Nachmittaggemeinsam mit der Familie Kuchen essen, obwohl ich keinen Kuchen mag. Klassische Musik hören (keine U-Musik. Schlechter Einfluss. Macht dumm. Ach so). Mit den richtigen Kindern befreundet sein. Zum Beispiel nicht mit den Kindern, deren Eltern geschieden sind. Schlechter Einfluss. Ach so. Sich bei Tisch benehmen, also mit Messer und Gabel essen und Serviette in den Schoß legen. (Hier kam der Servietten-Ring zum Einsatz! Wo der heute geblieben ist, keine Ahnung). Anschließend dann Mund abtupfen und Serviette ordentlich mit Messer und Gabel (parallel!) auf den Teller zurücklegen. Parallel heißt: Fertig. Ansonsten muss weiter gegessen werden. Kartoffeln nicht schneiden, sondern mit der Gabel zerdrücken. Auf keinen Fall – nie niemals IRGENDWAS mit den Händen essen oder gar die Finger ablecken! Nicht diskutieren. Besser zustimmend nicken und anderen das Gefühl geben, dass sie entzückend und klug sind. Grundsätzlich höflich zu Erwachsenen sein. Ungerechtigkeiten runterschlucken (kein Fass aufmachen, nicht „hysterisch sein“). Ich wusste als Kind nicht, was „hysterisch“ ist, aber wenn ich anfing zu heulen oder wütend wurde oder widersprach, dann kam der Satz: Sei nicht hysterisch. Ach so. Emotional werden war also „hysterisch“. Besser vermeiden. Und: NIE! – NIEMALS über die eigenen Gefühle reden. GOTT- wie peinlich! 

Ok. Ließe sich jetzt weiter auflisten. Punkt ist aber verstanden, glaube ich. 

Was mir auf jeden Fall gründlich ausgetrieben wurde, war: Mir selbst treu zu sein. Oder überhaupt zu WISSEN, was das überhaupt bedeutete: Mir selbst treu sein. Was ich stattdessen irgendwann perfekt konnte: Die Erwartungen meines Umfeldes in Windeseile „riechen“ können und dann eine bravouröse Anpassungsleistung hinlegen. Ich wollte immer die Eins: Was für ein entzückendes Mädchen! Was für ein KLUGES Kind! (Ich wollte unbedingt klug sein! Die beste sein!). Drunter machte ich es nicht. Bisschen Wut runterschlucken. Kein Ding. Meinen Gefühlen zu irgendwas grundsätzlich misstrauen und wegdrücken. Ich lernte: Die sind IMMER peinlich und machen dich lächerlich und wertlos. Also besser: Ohne Jammern Zustände aushalten, die sich unangenehm anfühlen. Kein Problem. Reiß dich zusammen! Merkte ich irgendwann gar nicht mehr so. Gab ja dann immer die Eins und das Lob – also Zuwendung. Und von dieser Zuwendung nährte sich mein Selbstwert. 

Seltsamerweise hatte ich dabei aber immer eine diffuse Grund-Angst, „irgendwie aussortiert zu werden“, raus zu fliegen, weg geschickt zu werden, bzw. VIELLEICHT DOCH DUMM, also UNBEGABT zu sein. Das war nur so gefühlt und ziemlich unkonkret, aber deswegen nicht weniger bedrohlich. Ich verwendete also viel Gedanken und Energie darauf, mich so zu benehmen, dass ich nicht als DUMM oder UNHÖFLICH oder SCHWIERIG gelten konnte, mein wahres, also vielleicht dummes (?) Ich zu verbergen.

Während der Grundschulzeit spielte ich immer gerne Schule. Meine Freundinnen bekamen von mir liebevoll gestaltete „Arbeitsbögen“, die sie „ausfüllen“ mussten und die ich hinterher „benotete“. Das Spiel machte aber nur Spaß, wenn alle eine 1 bekamen. Ansonsten gab es Tränen und Streit. Also lernte ich meine „Arbeitsbögen“ so zu entwerfen, dass alle eine 1 bekamen oder ich gab während des Ausfüllens viele „gute Tipps“. 

Meine damaligen Grundschullehrerinnen machten das aber nicht so. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir unsere ersten Noten bekommen haben, aber es war trotzdem immer vollkommen klar, wer gut war und wer nicht. Schon im ersten Jahr verschwanden die zwei MICHAELS aus unserer Klasse, weil sie ganz eindeutig NICHT GUT waren. Der eine Michael war klein und dünn und hibbelig und kriegte immer Wutanfälle. (Hysterisch, dachte ich). Dann musste er raus vor die Tür und von außen die Türklinke runter drücken. Das machte er aber nicht, sondern stattdessen trat er von außen laut bollernd gegen die Tür. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Der andere Michael war sehr dick und machte gar nichts – oder aß Paprika Chips aus einer großen raschelnden Tüte. Er war auch nach einem Jahr weg. Wir wussten alle in der Klasse, dass die Michaels „nicht mitkamen“ und deswegen woanders hinmussten. Da, wo die „bösen“ und die „dummen“ Kinder hinkamen: Zur Sonderschule – oder noch schlimmer: Zur Hauptschule.

Die befand sich neben dem Grundschulgebäude und die Schüler*innen beider Schulen nutzten den Schulhof gemeinsam. Die Hauptschüler*innen hielten sich in den Pausen bevorzugt am Rande des Hofs an den Fahrradständern auf. Dort standen sie und rauchten und waren – aus unserer Sicht – irgendwie älter, ein bisschen gefährlich und – cool.

Meine Freundin Kerstin und ich spielten meistens mit ein paar anderen Mädchen aus unserer Klasse Gummi-Twist. Wir gingen nie zu den Fahrradständern, weil wir ein bisschen Schiss vor den Hauptschülern hatten. Besonders die Jungs mit ihren Lederjacken und „bösen Gesichtern“ jagten uns Respekt ein. Gleichzeitig wussten wir, dass die Hauptschule die Schule für die dummen Kinder ist und wir fühlten uns ein bisschen wichtig, weil klar war, dass wir natürlich nach der vierten Klasse aufs Gymnasium kamen.

Kerstin kam irgendwann auf die Idee, dass wir eine Mutprobe machen könnten: Marcel ärgern. Marcel war bei den Hauptschülern derjenige, der am gefährlichsten aussah. Er war in der 8. Klasse, rauchte Kette, sagte immer „Scheiße“ und „Fuck“ und hatte manchmal ein blaues Auge. Wir stellten uns vor, wie er nach der Schule wahrscheinlich immer Leute verprügelte. Marcel schien uns der perfekte Kandidat für eine Mutprobe zu sein.

Eines Mittags nach der Schule steigen Kerstin und ich also in den Schulbus, mit dem Marcel immer nach Hause fährt. Wir setzen uns direkt hinter Marcel und als der Bus losfährt, fangen wir an, laut Witze über ihn zu machen. Am Anfang haben wir noch Herzrasen und sagen immer nur solche Sachen, wie: „Puh ha, der Marcel ist schon ein wahnsinns-wichtiger Typ“. Aber weil nix passiert, werden wir mutiger und lauter und trauen uns, immer frechere Sachen zu sagen.

Wir machen uns darüber lustig, dass er so oft ein blaues Auge hat und dass er sich wahrscheinlich wie ein toller Gangster fühlt, aber sein IQ ja wahrscheinlich nicht so dolle ist, usw. Dazwischen lachen wir uns vor Aufregung halbtot und uns fallen immer bessere Sachen ein. Wir kommen uns sehr sehr lustig und sehr sehr mutig vor. Diesem arroganten Marcel, dem haben wir es jetzt aber mal richtig gegeben…

Dann kommt die Haltestelle, wo ich aussteigen muss. Ich gehe durch den Bus nach vorne und steige vorne beim Busfahrer aus. Als der Bus weiterfährt und ich alleine auf der Straße stehe, sehe ich, dass Marcel hinten leider auch ausgestiegen ist.

Er kommt in seiner schwarzen Lederjacke auf mich zu und sieht so aus, als wolle er mich töten. Er ist zwei Köpfe größer als ich und ich denke „Der bringt mich jetzt um“. Dann steht er vor mir und zischt: „Du miese kleine Ratte“.

Er packt mich mit beiden Händen am Jacken-Kragen und schüttelt mich durch, dann schubst er mich weg, ich versuche, weg zu laufen, doch er hält mich fest und gibt mir dann einen solchen Tritt, dass ich auf die Straße knalle.

„Du mieses Stück Scheiße, du hochnäsige Prinzessin, du bist der letzte Dreck, nächstes Mal brech ich dir die Nase!“

Ich liege auf dem Asphalt und warte auf den nächsten Tritt. Aber Marcel geht an mir vorbei. Kurze Zeit später ist er weg.

Ich rappel mich auf und schüttel den Dreck von der Jacke. Meine Kniee bluten und meine Hände sind dreckig und blutig verschrammt. Ich heule ein bisschen und gehe dann nach Hause. Meinen Eltern erzähle ich nichts. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dies keine ruhmreiche Geschichte für mich ist.

Später habe ich mich immer gefragt, wie Marcel diese Geschichte erzählen würde. Marcel mit dem blau geschlagenen Auge, der mit 14 schon Kette rauchte und nach der 8. Klasse die Schule verließ. Seine Version dieser Geschichte fehlt. (Erst viele Jahre später hatte ich es wieder mit Jugendlichen wie Marcel zu tun – als Lehrerin in Neukölln. Und natürlich hielt ich sie entsprechend meiner Sozialisation anfangs für „kleine Gangster“. Bis ich eines Tages –IHRE Versionen dieser Geschichten hörte. 

In der dritten Klasse hatte ich erwartungsgemäß nur Einsen und meine Hefte sahen aus wie Poesiealben in gestochener Schönschrift (Pelikan Füller! Alles voll geklebt mit Glitzer-Tauschbildern, überall rieselte so silberner Sand aus den Seiten). Zur Belohnung für meine perfekte Schönschrift „durfte“ ich einmal eine ganze Stunde lang vorne am Lehrerpult sitzen und vor allen anderen Bonbons lutschen, die in einem riesigen Glas vor mir standen. Hatte Frau Meier extra von zu Hause mitgebracht. Sie erklärte strahlend vor der ganzen Klasse, dass ich jetzt die ganze Unterrichts-Stunde vorne am Pult sitzen und Bonbons lutschen durfte, weil ich immer so schön meine Hausaufgaben machte und meine Hefte aussahen wie Kunstwerke. Ich hatte es „verdient“, meinte sie. Ich selber war fassungslos über diese Grausamkeit und überlegte noch wochenlang, was ich Frau Meier getan hatte oder ob sie vielleicht wirklich so dämlich war. Natürlich war diese Stunde mein sozialer Suizid. Die ganze Klasse HASSTE mich – logisch – fortan.

Nach diesem Bonbon-Stunden-Trauma passte ich auf, dass ich keine Einsen mehr schrieb. Ich vergaß mit Absicht meine Hausaufgaben, schrieb Wörter absichtlich falsch und malte mit Spucke auf meinem Tisch herum. Einmal musste ich deswegen nach vorne kommen. Frau Meier, die zu dem Zeitpunkt SEHR ENTTÄUSCHT von mir war, zitierte mich nach vorne ans Pult und fragte übertrieben laut: Welche Hand war das? Ich wunderte mich, dass sie schon wieder so dumm war – denn mit welcher Hand hatte ich wohl geschrieben, wenn ich Rechtshänderin war? Ich sagte: Die da und hielt meine linke Hand hin. Denn die rechte brauchte ich für zu viele Sachen, wie ich fand. Sie patschte mir drei Mal hart auf die Hand und sagte dabei mit empörter Stimme: Eins! Zwei! Drei!

Ungefähr zu der Zeit habe ich aufgehört, Schule zu spielen. 

Der Gedanke, dass man sehr schnell „raus fliegen“ kann, kam mir schon sehr früh. Lange, bevor ich mit der Schule Bekanntschaft machte. Als Kind beobachtete ich bei meinen Eltern, dass es nur sehr wenige Menschen gab, über die sie positiv redeten. Die meisten waren irgendwie „SCHLECHTER EINFLUSS“ für mich und meine Geschwister, da sollten wir uns fernhalten. Beim gemeinsamen Mittagessen ging es sehr oft um Kollegen, Bekannte oder sogar Familienmitglieder, die irgendwas falsch machten bzw. falsche Ansichten hatten, „faul“ waren – oder ordinär. Ordinär sein war ganz schlimm. Ich wusste lange Zeit nicht genau, was mit „ordinär“ gemeint war. Aber es hatte etwas mit Sprache und mit Verhalten zu tun – und mit „den Verhältnissen“, aus denen man kam. Die „Verhältnisse“ waren wichtig. Kinder von geschiedenen Eltern beispielsweise waren „kein guter Einfluss“ für mich, denn das waren Leute, deren Familienverhältnisse „unübersichtlich“ waren. Hieß: Geschieden, womöglich alleinerziehende Mütter mit neuen Partnern, oder Männer mit neuen Frauen, alles gar nicht gut. Das leuchtete mir als Kind auch irgendwie ein. In jedem Märchen konnte ich erfahren, dass eine Stiefmutter keine gute Sache war. Aber darüber hinaus wurde es schwierig für mich, die Regeln zu durchschauen, nach denen meine Eltern andere Menschen beurteilten bzw. abwerteten. Ich verstand nur: Man konnte offenbar sehr viel falsch machen. 

Meine Eltern benutzten damals noch das Wort „Gammler“. „Gammler“ waren Jugendliche mit langen Haaren und irgendwie ungepflegten Klamotten, die rauchten und „LAUTE POPMUSIK“ hörten, gar nicht gut. Meine Mutter sagte „Popmusik“ oder „Klopfmusik“ und fand, das „sei etwas für die Affen“. Sie hatte diese Ansicht 1:1 von ihrem Vater übernommen, der offenbar als Vorbild galt – obwohl ich immer Angst vor ihm hatte und bei jedem Besuch froh war, wenn wir wieder ins Auto steigen und wegfahren durften.

Mit sechs Jahren beschloss ich, dass es vielleicht lustiger wäre, bei Beate zu wohnen, als bei meinen Eltern. Seit mein kleinerer Bruder geboren war, kam Beate zu uns, um auf ihn aufzupassen: Sie war 19, trug immer enge Jeans und Lederjacke und war in meinen Augen eine Lichtgestalt. Ein Kindermädchen wie Mary Poppins. Ich dachte, dass es viel schöner sein würde, wenn ich bei Beate wohnte. Dann hätte mein kleiner Bruder Beate am Vormittag für sich allein und ich am Nachmittag und nachts. Diese Vorstellung machte mich zufrieden, es erschien mir gerecht. Ich stellte mir meinen „Umzug“ in allen Einzelheiten vor und wartete, bis sich eine gute Gelegenheit ergab. 

An einem Herbstnachmittag, ich war seit zwei Monaten in der ersten Klasse, war ich bei einer Freundin in der Nachbarschaft zum Spielen. Vorher packte ich sehr sorgfältig einen kleinen roten Plastikkoffer: Zwei Bifis, eine Tafel Schokolade und meine beiden Puppen, die hießen Petersen und Christiansen (ich hatte beobachtet, dass das in Schleswig Holstein die Namen waren, mit denen man DRIN BLIEB im Spiel, das waren die Leute, die schon sehr LANGE hier wohnten und die man deswegen niemals aussortieren würde. Und für meine Puppen wollte ich natürlich nur das Beste. Die sollten auf jeden Fall ohne Zweifel DAZU GEHÖREN und deswegen mussten sie Petersen und Christiansen heißen). 

Als ich ungefähr eine Stunde mit meiner Freundin Yvonne im Garten gespielt hatte, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg zu Beate. Der kleine Ort, in dem ich aufgewachsen bin, ist nicht groß und ich hatte mir gemerkt, wo Beate wohnte. Ich dachte, dass sie sich bestimmt freuen würde, wenn wir zusammenwohnen würden, denn sie war ja auch alleine. Und vormittags, während ich in der Schule war, würde sie ja sowieso immer bei uns zu Hause sein und auf meinen kleinen Bruder aufpassen. Dann konnte sie immer berichten, wie es mir geht und niemand musste traurig sein. Das war mir wichtig, denn ich wollte auf keinen Fall, dass meine Eltern wegen mir traurig waren. 

Nach höchstens 10 Minuten Fußweg stand ich vor Beates Wohnungs-Tür und klingelte. Es dauerte sehr lange, bis sie die Tür öffnete und ich war erstaunt, wie sie aussah: Sie hatte nur so eine Art Nachthemd, also ein sehr großes Mickey Maus T-Shirt, an und ich dachte, komisch, ist sie mitten am Tag schlafen gegangen? Überhaupt war alles sehr seltsam, weil sie sich auch nicht so sehr freute, wie ich gedacht hatte. Trotzdem sagte sie irgendwann doch: Na gut, dann komm mal rein. Wir gingen durch einen engen dunklen Flur und ich hatte nicht so ein gutes Gefühl. Beate rief: Teddy, Maike ist hier! Und bevor ich mich fragen konnte, wer „Teddy“ war, sah ich ihn schon: Wir standen im Türrahmen zu ihrem Schlafzimmer und da lag ein Mann im Bett. Er hatte nur eine Unterhose an und rauchte eine Zigarette. Mir war irgendwie sofort klar, dass mein Plan nicht aufgehen würde. Ich bekam zwar ein Glas Orangensaft und Beate lächelte und sagte: Na, was machst du denn hier? Aber ich wusste, dass sie dachte, ich wäre nur zu Besuch gekommen. Ich trank meinen Saft aus, nahm meinen Plastikkoffer und machte mich wieder auf den Weg. Nach Hause wollte ich aber auch nicht. Deswegen setzte ich mich auf eine Bank auf den Parkplatz vor dem Glücksburger Schloss, Petersen und Christiansen links und rechts neben mir, und aß meine Bifis. Erstmal überlegen. Wo könnte man sonst noch hin? Mir fiel nichts ein. Irgendwann wurde es dunkel und ich stand auf und ging langsam nach Hause. Meine Mutter war nicht weiter überrascht über mein Erscheinen, was mich ein bisschen enttäuschte, was aber auch nicht verwunderlich war, denn sie dachte ja, ich wäre bei Yvonne gewesen. 

Im Postgebäude in Glücksburg hing an der Wand ein großes Plakat mit „Gammlern“. Jedenfalls stellte ich mir so die „Gammler“ vor. Es waren düster dreinblickende Menschen mit wirren Haaren, die schreckliche Verbrechen begangen hatten, wurde mir mit bedeutungsvollem Blick zugeraunt, und die deshalb von der Polizei gesucht wurden. Ich stand oft vor diesem Plakat, betrachtete die Gesichter der gesuchten „Touristen“ (wie ich das Wort verstanden hatte), und gruselte mich auf angenehme Weise, denn mir war klar, dass solche schlimmen Verbrecher niemals nach Glücksburg kommen würden. Hier war ich in Sicherheit. Aber irgendwo da draußen rannten also diese „Touristen“ rum und knallten Leute ab. Ich gruselte mich wohlig und war froh, dass ich immerhin nie so eine schlimme Außenseiterin sein würde wie diese „Touristen“. Im Verhältnis zu denen gehörte ich noch ordentlich dazu und machte alles richtig. 

Ich lernte, dass die „Touristen“ auf dem Plakat im Postamt „Linke“ waren. Aber auch insgesamt waren bei meinen Eltern Leute nicht gerne gesehen, die „LINKS waren“, oder Leute, die irgendwie „anders „ lebten“ –  und über Schwule wurde gar nicht erst geredet, das war völlig undenkbar. Schlechter Einfluss waren auch die SCHWER ERZIEHBAREN JUGENDLICHEN aus dem Heim nebenan. Die waren „KRIMINELL“. Dann gab es als Vorstufe zum schlechtem Einfluss noch die Leute, die man zumindest höchst skeptisch betrachten musste, z.B. die Leute von der Waldorfschule. Als Kind glaubte ich, dass da nur verrückte Spinner sind. Meine Mutter sagte immer: „Nett aber verrückt. Im wahren Leben kommen die nicht klar“. 

Was auch interessant war: Der Lehrerberuf stand zwar hoch im Ansehen, immerhin waren ja sowohl meine Mutter als auch mein Vater Lehrer – aber es galt ausschließlich der Gymnasiallehrer. Realschullehrer, Hauptschullehrer, oder gar Grundschullehrer galten bedeutend weniger und als Kind kam mir das auch ganz logisch vor: Zum Gymnasium gingen ja auch die klugen Kinder, die weniger klugen kamen an eine Realschule und die ganz Dummen mussten zur Hauptschule. Diese Logik übertrug ich 1 zu 1 auch auf die entsprechenden Lehrer und zu Hause am Mittagstisch wurde das bestätigt. 

Der einzige Schultyp, der von meinen Eltern geachtet wurde, war das Gymnasium. Auf der Realschule und der Hauptschule waren die „Nicht-so-Begabten“. Es war völlig undenkbar, dass ich nicht aufs Gymnasium gehen würde. Als ich endlich dort war langweilte ich mich meistens und hatte regelmäßig Bauchschmerzen wegen der Klassenarbeiten. Besonders Mathearbeiten konnten auf Wochen meine Stimmung versauen. Auf dem Weg zum Gymnasium, an dem auch meine Eltern unterrichteten, fuhr ich – im Familienauto auf der Rückbank – immer an Feldern mit Kühen vorbei. Jeden Morgen wünschte ich mir, ich wäre eine von diesen Kühen und könnte einfach auf der Weide stehen und kauen. Den ganzen Tag lang. Kein Stress. Keine Erwartungen. Einfach nur grüne Wiese und fressen. Außerdem fand ich Kühe sehr schön. Besonders ihre Augen. Die wissen was, von der Welt, dachte ich. Auf dem Rückweg nach Hause hatte sich die Lage dann aber komplett verändert. Auf dem Rückweg hätte ich niemals im ganzen Leben mit einer dieser Kühe tauschen wollen. Denn dann kamen die schönen Sachen. Mit Freundinnen im Garten sämtliche Bücher von Erich Kästner nachspielen. Das doppelte Lottchen. Das fliegende Klassenzimmer. Emil und die Detektive. Die Rollen wurden verteilt und dann spielten wir Kapitel für Kapitel durch. Mit Kostümen und Musik-Einspielungen vom Kassettenrekorder. Also quasi mit Soundtrack. Manchmal spielten wir auch Winnetou und Old Shatterhand. Aber da gab es oft Streit, weil jede von uns Winnetou sein wollte.

Zu Hause ging es in den Gesprächen beim gemeinsamen Mittagsessen häufig um Noten. Eine 3 war ein Disaster. Undenkbar. Eine Enttäuschung. In den Herkunfts-Familien meiner Eltern war die akademische Bildungsbiografie der unausgesprochene Standard. Wehe dem, der „dahinter“ zurückblieb: Gleich „gestorben“. Als Kind lernte ich schnell, dass alle Menschen, die kein Abitur und kein Studium hatten, „irgendwie gescheitert“ waren. Man blickte in unserer Familie auf sie herab. Mir war im Alter von fünf, sechs Jahren bereits klar, dass sich der Wert eines Menschen an seinem gesellschaftlichen Status bemisst. Künstler*in beispielsweise durfte man in unserer Familie nur werden, wenn man „dann auch sichtbar, also öffentlichkeitswirksam, Erfolg hatte“ – sich also der gesellschaftlich hohe Status durch „öffentliche Anerkennung“ einstellte. Da niemand in meiner Herkunftsfamilie als Künstler berühmt geworden ist, obwohl es viele versuchten, endeten die künstlerischen Ausbruchversuche immer irgendwie auf halber Strecke und wurden dann durch Kompromisse („dann werde ich halt doch Lehrer, Tierarzt, Rechtsanwalt,…“) an die Norm der akademischen Bildungsbiografie angepasst. 

Mit 14 war ich bereits davon überzeugt, dass ich zu den „Nicht-so-Begabten“ gehörte, quasi eine Hochstaplerin war, die sich nur deswegen am Gymnasium hielt, weil ich die heimlichen Codes kannte, um in diesem Feld zu überleben. Selbstwert also gen Null. Denn außer dem Deutsch- und Musikunterricht, der Big Band und der Theater- und Ballett-AG fand ich alles ziemlich uninteressant und konnte mir nichts länger als zwei Wochen merken. Glücklicherweise war mir aber von kleinauf der Katalog der Ausschluss-Kriterien gut bekannt, so dass ich diverse Tricks anwenden lernte, um meiner Umwelt vorzutäuschen, dass ich zu den „Begabten“ gehörte und somit im Kreis der Anerkannten bleiben durfte. Für Klassenarbeiten schrieb ich stundenlang Spickzettel in Mini-Schrift, die ich mir mit Tesafilm in die Innenseiten eines langen Ober-Hemds (Achtung 80-er!) klebte und Zeile für Zeile abschrieb. An den ganz und gar nicht in Frage kommenden FETEN, auf denen GENESIS gehört und Joints geraucht wurden, nahm ich teil, in dem ich nachts mit dem Fahrrad nach Flensburg fuhr und morgens früh wieder zurück, um dann am Sonntag Morgenam Frühstückstisch betont hellwach und ausgeschlafen zu performen. 

Wenn ich heute sagen soll, was ich in der Schule gelernt habe, dann ist das ziemlich wenig: Die englische Sprache (durch ständiges Romanlesen ab 14 ganz ok), ein bisschen Latein (die paar Sätze könnte man auch in 10 Minuten aus einem Sprüchebuch auswendig lernen), ein bisschen Französisch (Je ne parle pas Francais… ). Fertig. Für diesen Output am Ende von 13 Schuljahren erscheint mir das Ergebnis im Verhältnis zum Zeitaufwand recht kümmerlich. Erstaunlich, welche Bildungswunder sich heutzutage so viele vom Gymnasium erhoffen. Ich würde gerne mal testen, was heutige Abiturienten 5 Jahre nach ihrem Abschluss noch abrufen können – und wie zentral wichtig sie diese Wissens-Restbestände in Bezug auf ihr zukünftiges Leben einschätzen… 

Sehr leer ist mein Gehirn, was die Erinnerung an all diese vielen Jahren Fachunterricht angeht: Im Fach Erdkunde erinnere ich mich beispielsweise noch an das „Klimadiagramm von Timbuktu“, nicht aber, was es eigentlich aussagte. Ich kann mich auch an einige ratternde Filme mit herumfliegenden Kritzeln auf der Leinwand erinnern: Beispiel: Das Paarungsverhalten der Stichlinge. Wie sie sich nun paaren, kann ich allerdings nicht sagen und weiß auch nicht, ob ich das jemals wusste. 

Aus der Schulzeit ist ein großes Nichts zurück geblieben.. Ich habe demnach Stunden um Stunden, Tage um Tage, Jahre um Jahre die Zeit totgeschlagen.

Ich erinnere mich an die Menschen, an die Orte, an die Theateraufführungen, an die Proben, an unsere Texte, unsere Stücke und Gespräche, an die Reisen mit der Theatergruppe und der Big Band und die Auftritte – und das Hochgefühl, das ich dabei hatte. Den Rest habe ich offenbar erfolgreich ausgemistet. 

Es war damals aber immer klar, dass genau diese Anteile des Schullebens eben NICHT „zählten“. Das war nicht der „richtige Unterricht“. Das war „nur Spaß“, nur AG, nur Freizeit. Wenn ich nun aber 30 Jahre später feststelle, dass ich vom „richtigen Unterricht“ nahezu alles vergessen habe, mich aber andererseits bis auf den heutigen Tag auf zahlreiche Erfahrungen beziehe, die ich in den „Spaß-Projekten“ gemacht habe, frage ich mich, wieviel Sinn diese „Das ist die ernste Arbeit“- und „Das ist nur Spaß“- Gewichtung macht. 

Das Gleiche gilt für den Beziehungsaspekt. 

Interessiert habe ich mich in der Schule eigentlich immer nur für die ANDEREN – meine Mitschüler*innen und was ich mit ihnen erlebte. Was die machten, was die sagten, welche Gefühle das bei mir auslöste, was in der Gruppe passierte, wer cool war, wer nicht, wer mit wem „ging“ – und meine eigene Position innerhalb der Gruppe. Alles andere war uninteressant und wurde in meinem Gedächtnis erfolgreich geschreddert. All das aber galt in den Augen meiner Eltern als oberflächlich. Ach so. 

Genau wie in der Schule lernte ich auch zu Hause, dass ich auf der einen Seite Ablehnung erfuhr, wenn ich „schwierig“ oder „oberflächlich“ wurde und auf der anderen Seite Anerkennung und Nähe, wenn ich erfolgreich war. Ich sollte mich „benehmen“, freundlich, höflich und hilfsbereit sein, regelmäßig Klavier üben, meine Hausaufgaben machen und „funktionieren“. Mir war vollkommen klar, dass ich nicht „diskutieren“ und nicht „emotional“ werden sollte. Ich wusste immer, was „man macht“ und was „man nicht macht“. 

Sobald ich auch nur anfing zu rebellieren, wurde mir sofort vorgeworfen, dass ich „unter dem Einfluss“ von irgendeinem furchtbaren Menschen stünde. Auf keinen Fall konnte so ein Gedanke in mir selbst entstanden sein, denn „so bist du ja gar nicht“. 

Was ich als Erziehung erlebt habe, bestand also im Wesentlichen darin, das, was ich selbst dachte oder tun wollte, als vollkommen abstruse Verhaltensweisen zu unterdrücken und „schlechte Einflüsse“ (von denen ich geradezu umzingelt zu sein schien) von mir fernzuhalten. Was ich tun und sagen musste, damit ich Nähe und Zuneigung erhielt, wurde für mich zu einem sehr eindeutigen Verhaltens-Kanon, den ich meistens schauspielerisch zufriedenstellend absolvierte – ohne dabei zu zeigen, was ich wirklich dachte oder wollte. So erspielte ich mir Lob und Zuspruch, wusste aber immer, dass ich das nicht wirklich verdient hatte – denn ich tat ja nur so „als ob“. 

Meine „Werte“ mit 20 ließen sich dann irgendwann wie folgt zusammenfassen: Sei zu allen Leuten nett (Interpretation von Nächstenliebe) und passe dich bestmöglich an. Sei eine entzückende, BESCHEIDENDE (!), Person, die sich in allem selbst zurückstellt, mit einem glockenhellen Lachen, die allen Menschen immer alles recht macht. 

Genau. Deswegen war das Wort Integrität für mich ein Fremdwort. 

Unmerklich hatte sich bei mir eine Grundhaltung ausgebildet, die jeglichem Gefühl für meine eigene Integrität komplett entgegenlief und die Grundlage dafür war folgendes:

Lange Zeit fühlte ich mich ganz toll moralisch überlegen, dass ich „mein eigenes Wollen so in den Hintergrund stellte“. Denn da lag der vermeintliche Wert des Altruismus drunter: Ich bin ein besserer Mensch, weil ich mich selbst nicht so wichtig nehme. Immer schön bescheiden sein, ne? Und das war dann auch so schön, wenn alle mich deswegen MOCHTEN. So kommt mensch ja gut durchs Leben: Immer freundlich, immer leicht devot, immer hilfsbereit, immer schön lächeln. Immer bei den Erwartungen der anderen sein. Nee, mach du mal, ich nehm mich selbst ja nicht so wichtig. Geh du mal vor. Nee, ich schlaf auf jeden Fall auf der Couch. Ich brauch nicht so viel. Ach, nimm einfach, nee, ist kein Problem. Ich mach das einfach umsonst. Es geht mir ja um die INNEREN Werte.Ach. Es ist so toll, ein guter Mensch zu sein. 

Nein. Eigentlich nicht. Denn. In Wahrheit wird man dadurch. Ein. Schlechter. Mensch.

Weil: Unmerklich war ich auf der moralischen Autobahn gelandet, die direkt zu den lästernden und ausgrenzenden Menschen führte, die von Nächstenliebe reden, aber ihrem Vordermenschen im Supermarkt in der Schlange mal ganz kurz „aus Versehen“ den Einkaufswagen in die Hacken rammen müssen. Diese leichte passiv-aggressive Art. Der schon wieder! Kann der nicht mal seinen Müll weg bringen? Nicht so viel trinken? Nicht so laut sein? Nicht rauchen? Mehr arbeiten? Fleißiger sein? Sportlicher sein? Hilfsbereiter sein? ANDERS sein? BESSER sein….??? So wie ICH…??? Ja genau: Warum können die anderen nicht so PERFEKT sein, wie ich immer bin (…äh… sein MUSS)…?? 

Naja. Und jetzt sind wir ein bisschen beim Kern angelangt. Bei der Erschütterung in Neukölln. Das „Lieb-Sein“ ging bei mir nämlich nur so lange gut, wie darauf auch auf dem Fuße die „Belohnung“ folgte. Eigener Selbstwert nämlich: Gleich Null. Deswegen war es wichtig, dass andere (ununterbrochen) wahrnahmen, was für ein GUTER Mensch ich war und mich  entsprechend auch lobten: Toll gemacht, Maike! Super! So lange ich alles „richtig“ machte und dafür Bestätigung von außen erhielt, war alles gut. Selbstwert safe. Zwar ertappte ich mich dann trotzdem des öfteren bei so passiv-aggressiven Gedanken („Die immer – ich nie!!), wenn sich jemand meiner Ansicht nach „zuviel raus nahm“, aber ich hätte noch sehr lange so weitergemacht – wenn nicht in Neukölln in gewisser Weise ein kleiner Infarkt stattgefunden hätte. Alles, was ich bis dahin gelernt hatte, funktionierte nämlich leider nur in „Happyland“*, also dort, wo alle weitestgehend dieselbe Sozialisation und dieselben Vorteile hatten, wie ich. Da, wo die Mehrheit weiß und akademisch gebildet war. In SOLCHEN Umfeldern wusste ich den Code der Anpassung. Wusste, wie ich mich verhalten musste, um Anerkennung zu bekommen. Natürlich nicht für das, was mich SELBST ausmachte. Aber immerhin für das, was allseits als Qualität abgenickt und verstanden wurde. Und so sah ich auf die Welt. 

Folgerichtig bemitleidete ich mich bei meinem allumfassenden Scheitern in Neukölln selbst. Ich hatte doch immer alles RICHTIG gemacht! Warum fanden die Jugendlichen meinen Unterricht doof? Warum lehnten die mich ab? Es konnte nur eine Erklärung geben: Weil sie zu dumm und zu minderwertig waren, um meine tolle Leistung zu SEHEN und anzuerkennen! Ich dachte „Perlen vor die Säue!“. Was ich nicht sehen konnte, war: Mein gesamter Selbstwert beruhte NICHT auf einer eigenständigen Leistung oder einer eigenen Idee, die ich gegen Widerstände in der Welt durchgesetzt hatte, sondern in der beständigen Anpassung an Fremderwartungen. Ich konnte nur Anpassungsleistungen honorieren, nicht aber selbständiges Denken oder eigenständiges Handeln, denn das machte mir Angst, weil es mir mein größtes Defizit schmerzhaft bewusstmachte: Dass ich selbst nicht wusste, wer ich war, wenn ich selbständig denken und handeln sollte. Dass mein Selbstwert von äußeren Bewertungen abhing. Vom Lob und der Zuwendung der anderen. Wenn das wegfiel, merkte ich, dass ich mich selbst für nicht besonders wertvoll hielt. Dass beim Thema Selbstwert Tabula Rasa war. Wer war ich, wenn mich NIEMAND toll fand? 

Und hätte ich solche Gedanken jemals in meinem bildungsbürgerlichen Umfeld geäußert oder sogar versucht, irgendeinen eigenen, abweichenden Weg einzuschlagen, die Rolle der Gefall-Barbie zu verlassen, dann wäre die Reaktion im besten Fall abfällig-amüsiert gewesen, es hätte geheißen: „Ach, jetzt braucht sie was eigenes. Jetzt braucht sie ihr Jodel-Diplom!“ (Zitat Loriot… Nicht umsonst ist Loriot erwiesenermaßen ein großer Kenner der (Voll-)Psychosen des weißen Bildungsbürgertums).