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Ich hoffe, dass es euch gefällt und ermutigt.

Passend dazu unser neustes Video auf YouTube:

Viel Spaß!

Medizin für die Demokratie Part 4

Das Grundgesetz und Julie Zeh

Heute möchte ich konkret werden, was ich damit meine: „In den Erwachsenen-Modus wechseln“. Wenn wir den Schock und die Trauer ein bisschen hinter uns lassen können, und wieder ein bisschen Raum da ist, dann vielleicht irgendwie so – für den Anfang:

1 Abstand nehmen von dramatisierenden Nachrichten im Netz. Nur noch dosiert lesen und nur so lange, wie es dabei möglich ist, gelassen (im Erwachsenen-Modus) zu bleiben. Ich persönlich stelle fest, dass ich durch die Negativ-Ballung an Nachrichten immer wieder in den „Kinder-Modus“ zurückfalle, nämlich ANGST bekomme. Aber Angst ist in JEDEM Falle die schlechteste Option. Angst macht krank und handlungsunfähig und vergiftet unsere Gedanken. Ängstliche Kinder machen ein ungutes Zukunfst-Szenario am wahrscheinlichsten –  sie führen es quasi selbst herbei. 

2 Sich klar machen: Dies ist ein temporärer Zustand, in dem unsere demokratischen Politiker*innen um eine Lösung ringen. Es mögen Fehler und Umwege passieren im Umgang mit der derzeitigen Pandemie-Herausforderung, aber es gibt derzeit keinen Grund zu glauben, dass die demokratische und freiheitliche Grundordnung in diesem Land NICHT wiederhergestellt wird, sobald die Pandemie einigermaßen im Griff ist. Deutschland ist ein gewachsenes demokratisches Land. So schnell geht das nicht, dass wir hier wie in „Handmaids Tale“ in einer Diktatur aufwachen. Ich denke, dass alle Menschen, die derzeit in Deutschland an der Lösung des Problems arbeiten, unsere demokratischen Grundwerte im Blick haben, es aber eben mit einer sehr komplexen Gesamtsituation zu tun haben, in der es noch keine „echt gute Lösung“ gibt. Damit will ich aber auch keineswegs die Sorgen um die demokratischen Grundwerte beiseite wischen, ganz im Gegenteil – siehe Punkte 3-6.

3 Sich konkret mit dem Grundgesetz beschäftigen, vielleicht auch mit der wirklich beeindruckenden Geschichte, wie es entstand und warum. Das Grundgesetz, das nach dem zweiten Weltkrieg im Angesicht der unvorstellbaren Menschenrechtsverletzungen der Jahre davor verfasst wurde, in der Absicht nie wieder in ein solches Elend zu geraten, ist ziemlich schlaues beeindruckendes Zeug und eine wirklich gute Anregung, um sich mit all diesen Fragen auseinanderzusetzen, die diese Krise aufwirft. Die Basis des Grundgesetzes bilden die Fragen nach Sicherheit und Freiheit und der Würde des Menschen – und letztlich die Frage: Was macht denn ein menschenwürdiges Leben aus?  (Eine Auswahl der gerade im Fokus stehenden Artikel des Grundgesetzes in einfachen Worten findet ihr unten, ebenso ein kluges Interview mit Julie Zeh zum Thema). 

4 Sich mit vielen verschiedenen anderen darüber austauschen und das Bewusstsein dafür schärfen, wo Wachsamkeit in Bezug auf demokratische Grundwerte derzeit tatsächlich angebracht ist und wo es eventuell noch zu früh für Panik ist. Trainieren, hier eine sinnvolle Unterscheidung vorzunehmen. 

5 Überlegen, was mir in einer Gesellschaft NACH Corona eigentlich wichtig ist und wie und an welchen Stellen ich selbst schon jetzt dazu beitragen kann, dass es vielleicht tatsächlich so wird. 

6 Darüber nachdenken, was wir eigentlich brauchen, um glücklich zu sein. Ich persönlich finde die Skala zwischen Freiheit und Sicherheit sehr spannend in Bezug auf persönliches Glück. Meiner Erfahrung nach ist das Glück größer, je größer die persönliche, individuelle Freiheit ist. Weil: Ist risikoloses – also total sicheres – Glück überhaupt möglich? (Frage ich jetzt einfach mal so). Trotzdem brauchen wir AUCH ein gewisses Maß an Sicherheit. Wieviel? Und wieviel soll der Staat da eingreifen? Wenn ich an die glücklichsten Momente meines Lebens denke, dann kann ich diese Fragen für mich konkret beantworten. Ihr könnt ja auch mal bei euren glücklichsten Momenten anfangen… Und von da weiter… Dieses Thema werde ich in Part 5 noch mal vertiefen. 

7 Anderen guttun, wo immer es geht. Fängt mit Anlächeln im Supermarkt an. Wärme erzeugen. Und auch Fernwärme (im Netz). Funktioniert. 

8 Langsam machen, für sich sorgen, bewusst schöne Momente in den Tag einbauen. Genießen, was gut ist.  

Und jetzt kommt wie versprochen ein bisschen Futter zum Nachdenken: Interview mit Julie Zeh und dann die  Auswahl der Artikel aus dem Grundgesetz. Es gibt eine Zeit NACH Corona. Und an der bauen wir selbst mit. Und das KANN  ja auch schön werden… 

May the (democratic) force be with you! 

Bis bald in Part 5!

Interview in der Süddeutschen Zeitung mit Julie Zeh am 05. April 2020:

SZ: Vor gut zehn Jahren haben Sie den Roman „Corpus Delicti“ geschrieben, es geht darin um einen Staat, in dem im Namen der Gesundheit wesentliche bürgerliche Freiheiten beschnitten werden. Erleben wir gerade eine temporäre Hygienedikatur?

Juli Zeh: Was wir auf alle Fälle festhalten können, ist, dass zurzeit tief in die Grundrechte von Bürgern eingegriffen wird, ohne dass die Rechtsgrundlage geklärt wäre. Man muss deshalb nicht gleich von einer Diktatur sprechen. Es ist ja auch logisch, dass es bei hohem Zeitdruck und dringendem Handlungsbedarf nicht ganz einfach ist, die Regeln der Demokratie einzuhalten.

SZ: Rechtfertigt denn der Zeitdruck, die Regeln der Demokratie außer Kraft zu setzen?

JZ: Nein. Demokratische Politik darf auch in Krisenzeiten nicht nur den Vorgaben von einzelnen Beratern folgen und sagen, jetzt läuft hier alles aus dem Ruder, und deshalb müssen wir drakonisch in die Bürgerrechte eingreifen. Da werden wir, wenn die Krise abflaut, eine Menge aufzuarbeiten haben.

SZ: In Ihrem Roman ist die Gesundheit Staatsprinzip. Jeder muss das Bestmögliche für seinen Körper tun, Verstöße dagegen werden bestraft. Das klingt sehr nach dem, was gerade geschieht.

JZ: Vor allem die Bestrafungstaktik ist bedenklich. Im Grunde schüchtert man die Bevölkerung ein, in der Hoffnung, sie auf diese Weise zum Einhalten der Notstandsregeln zu bringen. Die Ansage lautet sinngemäß: Wenn ihr nicht tut, was wir von euch verlangen, seid ihr schuld an einer weiteren Ausbreitung des Virus und an vielen Toten in den Risikogruppen! Bei einigen Menschen führt das zu Trotz und Widerstand, bei anderen zu Verängstigung und regressivem Verhalten. Beides vergiftet die gesellschaftliche Stimmung. Aus meiner Sicht stellt es immer eine Form von Politikversagen dar, wenn versucht wird, die Bürger mit Schuldgefühlen unter Druck zu setzen.

SZ: Die Voraussetzungen unter Corona sind klar andere als in Ihrem Roman, es geht jetzt um Menschenleben, und es gibt die klare Perspektive, dass es nur Einschränkungen auf Zeit sind. Aber es sind derzeit eine Handvoll Mediziner, die die Politik bestimmen, eine wesentliche Grundlage des politischen Handelns ist das Infektionsschutzgesetz. Ist das Ihrer Meinung nach legitim?

JZ: Unsere Verfassung verlangt, dass bei Grundrechtseingriffen immer das mildest mögliche Mittel gewählt wird. Auch bei der Abwendung von Gefahren gilt nicht „viel hilft viel“, sondern: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Ansonsten fehlt es an der Verhältnismäßigkeit, und eine Maßnahme ist dann unter Umständen verfassungswidrig. Das erfordert also, dass man ernsthaft diskutiert, welche Vorgehen tatsächlich sinnvoll sind und welches davon am mildesten wäre. Dabei hätte ein wissenschaftlich fundierter Diskurs aller medizinischer Fachrichtungen zum Beispiel mittels einer Ad-hoc-Kommission helfen können. Stattdessen hat man einzelne prominente Experten zu Beratern gemacht und zugelassen, dass eine eskalierende Medienberichterstattung die Öffentlichkeit und die Politik vor sich her treibt. Ein ernsthafter Diskurs kann auch unter Zeitdruck stattfinden, das muss nicht Monate dauern. In einer Demokratie darf man sich die Möglichkeit dazu nicht nehmen lassen. Erst einmal die Faktenlage so weit wie möglich zu klären und öffentlich zu machen, trägt zu sachlicher Klarheit und besseren Entscheidungen bei, es erhöht aber auch die Transparenz und damit die demokratische Legitimität.

SZ: Die Politik stellt ihr Agieren als alternativlos dar, Zweifel werden mit dem Verweis auf die Toten in Italien, Spanien und auch hierzulande abgebügelt. Ein echtes, valides Risikoszenario aber fehlt. Sollte so Politik gemacht werden?

JZ: „Alternativlos“ ist ein anderer Begriff für „Keine Widerrede!“ und damit ein absolut undemokratisches Konzept. Es gibt immer eine Alternative, und unsere Verfassung verlangt, dass wir die verschiedenen Möglichkeiten abwägen. Im Fall von Covid-19 sind sich große Teile der Fachwelt einig, dass eine sogenannte Herdenimmunisierung stattfinden muss, dass sich also mindestens 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren müssen, bis die Pandemie abflaut. Das heißt, eine möglicherweise sinnvolle Alternative wäre gewesen, über sogenannte risikostratifizierte Maßnahmen nachzudenken. Man schützt dann hochgradig und gezielt die Risikogruppen, während man dem Rest der Bevölkerung erlaubt, sich zu immunisieren. Ich will jetzt nicht sagen, welche Alternative besser ist, denn ich bin keine Expertin. Aber das Frappierende ist doch, dass eine multidisziplinäre und für die Bürger verständliche Diskussion von Alternativen gar nicht stattgefunden hat.

Einige Politiker überbieten sich geradezu in Restriktionen – fast so, als gelte das Motto des Verfassungsrechtlers Carl Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“

Mich macht es betroffen, dass in so schwierigen Zeiten viele Politiker wenig Rückgrat beweisen. Ich glaube noch nicht einmal, dass das Motiv der deutschen Politiker Machthunger ist. Mir scheint, es herrscht eher die Angst, man könnte ihnen später vorwerfen, dass sie zu wenig getan haben. Also überbietet man sich lieber gegenseitig beim Vorschlagen immer neuer drakonischer Verordnungen und versucht zu punkten, indem man sich als starker Anführer aufspielt. Dabei entsteht aber in meinen Augen kein Eindruck von Stärke, sondern von ziemlicher Kopflosigkeit. Als müsste und könnte man jetzt alles, was sonst gilt, schnell mal über Bord werfen, weil man irgendwie nicht weiß, wie man es richtig machen soll. Wir haben es in Deutschland meines Erachtens nicht mit gezielten Angriffen auf die Gültigkeit unseres Grundgesetzes unter dem Deckmantel der Krisenbewältigung zu tun. Aber wir erleben eine Form von orientierungsloser Geringschätzung gegenüber unserer Verfassung, was ich fast genauso schlimm finde.

SZ: Die Terminologie mancher Politiker klingt, als würden wir uns in einem „Krieg“ befinden. Damit wird dann eine Einschränkung bürgerlicher Freiheiten gerechtfertigt, die vor einem Monat noch vollkommen undenkbar erschien. Können Sie Menschen verstehen, die dagegen aufbegehren?

JZ: Wir werden als Bürger durch die Rhetorik und das Vorgehen in eine wirklich schwierige Lage gebracht. Die allermeisten von uns verstehen, dass es notwendig ist, etwas gegen das Virus zu unternehmen. Man will vernünftig sein, man will auch Solidarität zeigen gegenüber Risikogruppen, man will nicht das gemeinschaftliche Vorgehen torpedieren. Aber vieles von dem, was passiert, erscheint einem unlogisch, überstürzt, undemokratisch. Dagegen würde man gern aufbegehren. Aber dann wird einem gesagt, dass man sich schuldig macht an möglichen Opfern, wenn man nicht mitspielt. Das ist ein unnötiges Dilemma, das die Menschen quält: ein künstlich entfachter Antagonismus zwischen Menschenrechten und Menschenleben. Wenn man nicht mit Bestrafungsszenarien gearbeitet hätte, sondern lieber darauf gesetzt hätte, durch eine verständliche und nachvollziehbare Strategie Einsicht zu erreichen, hätte man ein viel höheres und wirklich empfundenes Einverständnis der Bürger ermöglicht.

SZ: Die Corona-Krise ist die Stunde der Exekutive, die parlamentarische Kontrolle ist in Teilen lahmgelegt, die Opposition dringt derzeit kaum durch, das Versammlungsrecht ist vorübergehend abgeschafft. Wie lang kann ein politisches System das durchhalten, ohne Schaden zu nehmen?

JZ: Das weiß niemand. Ich glaube ja, dass unsere Demokratie viel stabiler ist, als wir manchmal meinen. Dass sie viel aushalten und sich auch nach heftigen Erschütterungen wieder erholen kann. Deshalb will ich die Hoffnung nicht verlieren, dass wir nach Abflauen der Epidemie zum demokratischen Alltag zurückkehren können. Aber was mir Angst macht, ist die Erkenntnis, wie wenig wir als demokratische Gesellschaft mit Krisensituationen umgehen können. Wie schnell wir zu angstgetriebenen Entscheidungen bereit sind, wie kopflos auch unsere gewählten Politiker agieren, wenn sie gleich die Verantwortung an „Berater“ abgeben, statt besonnen im Sinne der Demokratie zu agieren. Mit Verlaub, Covid-19 ist nicht harmlos. Aber es sind viel schlimmere Pandemien oder andere Katastrophen denkbar. Wie sollte es denn dann erst zugehen?

Gerade wird über die Verfolgung von Handydaten debattiert, die soll zwar freiwillig sein, aber dennoch: Es wäre ein massiver Eingriff in den Datenschutz, für den jahrzehntelang gekämpft worden ist.

Mit der Freiwilligkeit ist es ja so eine Sache. Wenn den Leuten suggeriert wird, dass sie ihre Handydaten abgeben müssen, weil sie sonst das Leben von unzähligen Risikopatienten auf dem Gewissen haben, werden sie das vielleicht tun, obwohl sie es eigentlich gar nicht wollen.

SZ: Ist das Handy-Tracking der Testfall dafür, wie weit Politik in Corona-Zeiten gehen kann?

JZ: Immerhin kann man positiv bemerken: In Bezug auf das „Tracking“ gibt es jetzt erstmals seit Beginn der Krise eine richtige öffentliche Debatte, die eine geplante Maßnahme kritisch von allen Seiten beleuchtet. Der Einwand von Datenschützern hat dazu geführt, dass das Handy-Tracking keinen Platz im erneuerten Infektionsschutzgesetz gefunden hat. Erstaunlich eigentlich, dass den Menschen ihr Handy wichtiger ist als ihre Bewegungsfreiheit oder die Schulpflicht der Kinder. Aber trotzdem gut, dass es jetzt etwas gibt, über das wir kontrovers reden.

SZ: Deutschland ist nicht Ungarn, wo Premierminister Victor Orbán die Corona-Krise ausnutzt, um sich diktatorische Vollmachten zu sichern. Hierzulande geht es klar um die Bekämpfung des Coronavirus. Dennoch leistet die Bevölkerung der Politik derzeit einen enormen Vertrauensvorschuss. Wie lange darf der währen?

JZ: Ich fürchte, dass die Politiker den nun einmal gewählten Weg nicht abbrechen können, bevor das Virus erkennbar abflaut. Der Glaubwürdigkeitsverlust wäre zu groß, und ein solches Verhalten würde ja auch alle bisherigen Opfer und Einschränkungen ad absurdum führen. Das heißt, unsere Demokratie befindet sich bis auf Weiteres in der Hand der Kurve, welche die Ausbreitungsgeschwindigkeit anzeigt. Je flacher die Kurve wird, desto mehr Demokratie und ruhiges Nachdenken können wir uns dann wahrscheinlich wieder erlauben.

SZ: Erstaunlich ist, wie die Bevölkerung die Einschränkungen mitträgt: Ein Politiker wie Markus Söder, der besonders restriktiv vorgeht, gewinnt an Zustimmung. Was sagt das über Teile der Gesellschaft?

JZ: Es sagt etwas über das Funktionieren von Angst, vor allem, wenn sie massenhaft auftritt. Im Grunde sind das keine neuen Erkenntnisse. Wir wissen aus Erfahrung, wie gefährlich Angstmechanismen sind. Deshalb würde ich von verantwortlicher Politik und auch von verantwortlichen Medien verlangen, dass sie niemals Angst zu ihrem Werkzeug machen. Leider passiert seit Jahrzehnten das Gegenteil, nicht erst seit Corona. Anstatt uns hoffnungsfroh Ziele für die Zukunft zu setzen, ist es seit der Jahrtausendwende quasi zur Tradition geworden, ein apokalyptisches Szenario nach dem anderen auszurufen und damit die Aufmerksamkeitsökonomie zu bedienen oder sich machtpolitische Vorteile zu sichern. Jede politische Richtung hat ihr eigenes Untergangsszenario, mit dem sie Werbung macht. Die Massenerregbarkeit der Gesellschaft ist immer größer geworden, gleichzeitig wachsen auch Depressionen und Neurosen. Es wäre absolut wichtig, zur Sachlichkeit zurückzukehren und die Bevölkerung als mündige Bürger zu behandeln statt wie verstörte Kinder. Angst schlägt irgendwann in Aggression um, und es ist völlig unklar, gegen wen oder was sich das dann richten wird.

Manche Bürger überbieten sich bereits geradezu darin, Verstöße gegen die Corona-Bestimmungen zu melden.

Das ist im Grunde ganz normal. Eine hoch moralisierte Grundstimmung in Verbindung mit Regieren per Verordnung ergibt den perfekten Nährboden für Denunziantentum. Gesellschaftlicher Frieden wird auf diese Weise nicht gerade gefördert. Gott sei Dank gibt es aber auch eine große Menge Menschen, ich würde sagen: die Mehrheit, die sehr pragmatisch und ruhig und vernünftig mit der Lage umgehen.

SZ: In Ihrem Roman „Corpus Delicti“ geht es auch darum, wie die Gesellschaft unmerklich von „diktatorischen Elementen“ unterminiert wird. Wird die Corona-Krise in diesem Sinne Spuren in der Gesellschaft hinterlassen?

JZ: Anders als die meisten Menschen gehe ich nicht davon aus, dass Covid-19 unsere Welt komplett verändert und hinterher nichts mehr ist wie zuvor. Ich glaube eher, dass eine solche Krise Trends verstärkt, die vorher schon existierten. Die Sehnsucht nach autoritären Regierungsformen hat sich schon vor Jahren entwickelt. Es herrscht Demokratiemüdigkeit und Politikverdrossenheit, auch in unserem Land. Pessimistisch betrachtet, könnten wir fürchten, dass Corona diese Strömungen zum Eskalieren bringt. Optimistisch dürfen wir hoffen, dass die Krise uns daran erinnert, wie wichtig eine mit ruhiger Hand geführte demokratische Politik ist und dass wir alles daransetzen müssen, die Spaltung zwischen politischer Klasse und Bevölkerung zu heilen.

Ausgewählte Artikel aus dem Grundgesetz 

(das gesamte Grundgesetz findet ihr natürlich bei Wikipedia, aber das ist sehr viel auf einmal, daher habe ich hier jetzt erstmal kurz ein paar der wichtigsten Grundrechte – die jetzige Situation betreffend – zusammengefasst):

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Artikel 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Das heißt:

Artikel 1 sagt: Jeder Mensch ist wertvoll.

Artikel 1 schützt den Menschen in seiner Würde. 

Würde bedeutet: Alle Menschen haben einen Wert.

Das Recht auf Freiheit

Artikel 2

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Jeder Mensch hat das Recht, sich frei zu entfalten.

Das heißt: Jeder Mensch darf sein Leben so leben, wie er möchte. Jeder Mensch hat die Freiheit zu machen, was er sie es möchte.

Zum Beispiel hat jeder Mensch das Recht, zu bestimmen,

wo wir leben, wohin wir reisen, mit welchen Menschen wir uns treffen, welche Kleidung wir anziehen, welche Musik wir hören oder ob wir nachts auf die Straße gehen.

Niemand hat das Recht, über das Leben eines anderen zu bestimmen.

Jede*r darf so leben, wie er sie es das möchte. Das bedeutet freie Entfaltung der Persönlichkeit. Dabei müssen sich alle Menschen an die Gesetze halten.

Niemand hat zum Beispiel das Recht jemanden zu belästigen, zu schlagen oder einem anderen Menschen etwas wegzunehmen.

Das wäre eine Missachtung der Rechte der anderen.

Niemand darf die Rechte anderer Menschen verletzen.

Artikel 2 schützt die körperliche Unversehrtheit eines Menschen. 

Das bedeutet:

Jeder Mensch hat das Recht zu leben.

Der Staat darf niemanden foltern.

Der Staat darf niemanden durch Folter verletzen oder töten.

Der Staat muss Sorge tragen, dass niemand anderes einen Menschen verletzt oder tötet. Der Staat muss die Gesundheit eines Menschen schützen. 

Auch ein Arzt darf keinen Menschen an seinem Körper verletzen, wenn er sie es das nicht will. Jeder Mensch entscheidet selbst, wie er sie es mit dem eigenen Körper umgeht.

Zum Beispiel ob wir mit einer Untersuchung einverstanden sind. Auch dafür gibt es Vorschriften: Wir müssen zum Beispiel einer ärztlichen Behandlung, z. B. Operation, schriftlich zustimmen.

Die Freiheit hat im Grundgesetz einen hohen Wert. Deshalb gibt es noch andere Grundrechte, die die Freiheit eines Menschen schützen.

Diese Rechte werden als Freiheitsrechte bezeichnet.

Beispiel : Die Freiheit, einen Beruf zu wählen

oder sich eine Wohnung dort zu suchen, wo wir wohnen möchten.

Alle Menschen sind gleich

Artikel 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Das bedeutet:

Alle Menschen haben die gleichen Rechte. 

Der Staat muss alle Menschen gleich behandeln. 

Der Staat darf niemanden besser oder schlechter behandeln. 

Es gilt Meinungsfreiheit und Pressefreiheit

Artikel 5

(1) Jede*r hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Das heißt: Jeder Mensch hat das Recht, seine Meinung öffentlich zu sagen.

Zum Beispiel kann jede*r offen sagen, was er sie es über Politik denkt. 

Das heißt auch: 

Ich darf auch die Bundeskanzlerin kritisieren. 

Oder einen Minister. 

Oder vorschlagen, was sie besser machen sollen. 

Die eigene Meinung zu sagen ist wichtig für die Demokratie.

Wir können unsere Meinung auch singen, malen, schreiben, usw.

Jede*r kann ihre/seine Meinung haben und äußern. Das bedeutet Meinungsfreiheit.

Aber es gibt auch Grenzen der Meinungsfreiheit. Grenzen sind dort,

wo die Grundrechte anderer Personen verletzt werden:

Es ist nicht erlaubt,

zum Hass auf andere Menschen aufzurufen

oder anderen Menschen mit Gewalt zu drohen.

Das verbreitet Angst und dann fühlen sich Menschen nicht mehr sicher. Hass und Gewalt verletzen die Rechte anderer Menschen.

Auch Beleidigungen sind verboten.

Es ist wichtig, verantwortlich zu unterscheiden:

Was ist eine erlaubte Meinung? 

Was ist eine Beleidigung? 

Informations- und Pressefreiheit

Es gibt nicht eine richtige Meinung.

Es gibt viele verschiedene Meinungen.

Wir können über ein Thema diskutieren.

Das heißt: Jede*r kann ihre/seine Meinung sagen. Dabei lernen wir andere Sichtweisen kennen.

Will ich mir eine Meinung bilden, brauche ich Informationen. Jeder Mensch darf sich informieren. Dafür kann ich  unterschiedliche Medien nutzen:

Im Netz surfen, Nachrichten oder Berichte im Netz/Fernsehen sehen, Radio/Podcasts hören, Zeitungen lesen, usw.

Welche Medien wir nutzen, entscheiden wir Menschen selbst. Das bedeutet Informationsfreiheit.

Nach dem Grundgesetz haben auch alle Medien Freiheit. Diejenigen, die Medien machen, entscheiden selbst:

Über welche Themen sie berichten

Wie sie etwas aufschreiben, sagen oder filmen. 

Medien dürfen über alles berichten.

Mit Pressefreiheit ist die Freiheit aller Medien gemeint.

Niemand anderes darf darüber bestimmen. Das bedeutet: Eine Zensur findet nicht statt.

Zensur würde bedeuten: Der Staat kontrolliert,

was die Medien berichten,

welche Worte die Medien benutzen und/oder

welche Bilder die Medien zeigen.

In Deutschland gibt es keine Zensur.

Das bedeutet zum Beispiel:

Niemand, der Bücher, Zeitungen, Videos, Radio- oder Fernsehsendungen macht oder etwas im Internet postet/schreibt/veröffentlicht, muss den Staat vorher um Erlaubnis fragen. 

Er sie es darf auch nicht bestraft werden, wenn die Regierung eine andere Meinung hat.

Allerdings: Auch Medien müssen sich an Gesetze halten. Medien dürfen zum Beispiel keine Unwahrheiten verbreiten. 

Das Grundgesetz schützt Ehe und Familie

Kapitel 7: Das Grundgesetz schützt Ehe und Familie

Artikel 6:

(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der

staatlichen Ordnung.

(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft. (…)

Ehe heißt: zwei Menschen sind verheiratet.

Bis 2017 konnte in Deutschland die Ehe nur zwischen einer Frau und einem Mann geschlossen werden. 2017 hat der Bundestag beschlossen: Eine Frau darf auch eine Frau heiraten und ein Mann einen Mann.

Für alle Ehepaare gilt: Jede*r darf sich ihre/seinen Ehepartner*in aussuchen. 

Ein Ehepaar kann sich selbst überlegen, wie es in der Ehe die Aufgaben aufteilt.

Familie sind Eltern und Kinder. Oft leben sie zusammen. Kinder können auch Pflegekinder oder Stiefkinder sein. Die Erwachsenen müssen nicht verheiratet sein.

Es gibt unterschiedliche Familien: In einer Familie können ein oder mehrere Kinder sein. 

In einer Familie kann es zwei Elternteile geben. Manchmal gibt es auch nur einen Vater oder eine Mutter. Der andere Elternteil lebt oft woanders. In manchen Familien gibt es auch zwei Mütter oder zwei Väter. 

Ehe und Familien sind besonders geschützt.

Sie dürfen vom Staat nicht schlechter behandelt werden, als andere Arten zu leben.

Sie zahlen zum Beispiel etwas weniger Steuern. Eltern haben Rechte und Pflichten.

Sie haben das Recht, ihre Kinder so zu erziehen, wie sie es für richtig halten. 

Sie haben die Pflicht, für ihre Kinder zu sorgen.

Sie dürfen sie nicht schlagen oder ihnen auf andere Art wehtun.

Der Staat unterstützt die Eltern. Zum Beispiel durch Kindergeld und durch Kindergärten.

Der Staat achtet auf das Wohl der Kinder. Zum Beispiel durch das Jugendamt. Der Staat trägt Sorge dafür, dass die Eltern 

ihren Kindern genug zu essen geben und 

ihren Kindern keine (psychische und/oder körperliche) Gewalt antun. 

Das Jugendamt unterstützt Eltern, wenn sie Hilfe brauchen.

Versammlungsfreiheit

Artikel 8

Kapitel 8: Versammlungsfreiheit

Artikel 8

(1) Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder

Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.

(2) Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.

Erklärung: Menschen können sich aus verschiedenen Gründen treffen. Zum Beispiel in einem Verein oder mit ihren Freunden. Ein Treffen heißt dann Versammlung, wenn die Menschen zusammen ihre Meinung äußern wollen. Oder, wenn sich die Menschen gemeinsam eine Meinung bilden wollen.

Ein Konzert oder ein Fußballspiel ist keine Versammlung. Dort sind die Menschen nur Zuschauer.

Auch ein Volksfest ist keine Versammlung.

Eine Versammlung, auf der eine Gruppe von Menschen ihre Meinung öffentlich äußern will, heißt Demonstration.

Demonstrationen sind in einer Demokratie wichtig:

Es gibt verschiedene Meinungen im Volk. Manche Meinungen werden von der Mehrheit vertreten. Andere Meinungen werden von der Minderheit vertreten.

In einer Demokratie dürfen auch die Menschen ihre Meinung äußern, die nicht zu einer Mehrheit gehören. Zum Beispiel auf einer Demonstration. Dadurch wird ihre Meinung bekannt und andere Menschen erfahren davon. Sie können von dieser Meinung überzeugt werden und das führt eventuell auch dazu, dass diese Meinung irgendwann zu einer Mehrheitsmeinung im Volk wird.

Der Staat kann die Versammlungsfreiheit einschränken, wenn das Wohl der Bürger*innen in Gefahr ist.

Abschließend:

Das Grundgesetz kann die Grundlage sein für ein Leben in Freiheit und Sicherheit. Das Grundgesetz schützt die

Freiheit,

Gleichheit und

die Menschenwürde der Menschen in Deutschland.

Damit das Grundgesetz in Deutschland Wirklichkeit werden kann, braucht es Unterstützung von jedem Menschen in Deutschland. 

Jeder Mensch muss sich an das Grundgesetz halten:

Nur wenn ich dem anderen die Freiheit lasse, zu sein wie er sie es will, kann auch ich so sein wie ich will.

Nur wenn ich niemanden benachteilige, kann auch ich erwarten, nicht benachteiligt zu werden.

Nur wenn ich die Würde der anderen achte, kann auch meine Würde geachtet werden.

Nur so gelingt das Zusammenleben in einem demokratischen Staat.

Grundlage für das Zusammenleben ist das deutsche Grundgesetz.

Diese Rechte sind dann Wirklichkeit, wenn jede*r diese Rechte unterstützt.

Wenn die Menschen in Deutschland das Grundgesetz unterstützen, sichern sie so Demokratie und Freiheit.

Medizin für die Demokratie Part 3

(Auf Wunsch kommt der Part 3 der „Medication for democracy“ jetzt auf Deutsch. Mit dem Englischen wollte ich so ein bisschen Barrierefreiheit erreichen. Aber offenbar entstehen dann wieder an anderen Stellen Barrieren. Also jetzt erstmal auf Deutsch. Und die englische Version wird nachgeliefert und an dieser Stelle danke ich meiner Freundin Tara Hawk, die wunderbare Übersetzungen macht und mir mit dem Englischen hilft, wo es für mich schwierig wird. Ich danke dir, Tara!) 

Medizin für die Demokratie und dein Herz – in Zeiten der Krise

Was ist los mit uns und warum hängen wir manchmal noch innerlich im „demokratischen Kindergarten“ fest – wie ich das jetzt mal so nenne. Es wäre so nützlich und auch tröstlich, wenn wir den Sprung in eine etwas selbstbestimmtere Haltung finden würden… so ein bisschen mehr Erwachsenen-Ich vielleicht… 

Wie könnte das gehen? 

Anhand einer Krise lässt sich sehr gut beobachten, was es mit der inneren Haltung im „Kind- oder im Erwachsenen-Modus“ auf sich hat. 

Es gibt derzeit Menschen, die 24/7 im Einsatz sind und ununterbrochen selbstverantwortlich Entscheidungen treffen müssen. Diese Menschen sind zwangsläufig in den Erwachsenen-Modus gegangen, weil sie sich in der Zuspitzung der Lage den Kind-Modus nicht mehr leisten konnten. Diese Leute sagen: 
Für eine Opferhaltung habe ich keine Zeit. 

Da mag jetzt jemand einwenden: Na toll – aber davon kriegen wir ja noch lange keine Demokratie. Nee. Wobei…

Aber wie auch immer: Diese Haltung ist jedenfalls die Grundvoraussetzung, um eine Demokratie lebendig und funktionsfähig zu machen und zu halten. Und dazu gibt es jetzt gerade ne Menge zu erleben und zu lernen, was wir nach der Krise nutzen könnten. 

Was an diesem Beispiel des „Zwangsläufig-ins-Erwachsenen-Ich-Wechseln“ so ein bisschen bedeutsam ist: Ohne äußeren Druck – also freiwillig – gehen wir offenbar nicht so gerne in den Erwachsenen-Modus.

Erstens, weil wir ein Leben lang gelernt haben, im Kind-Modus zu bleiben – wahlweise im angepassten oder im rebellischen Kind – und auch, weil viele gesellschaftliche Institutionen und Strukturen (vor der Krise) immer unser inneres Kind anspiel(t)en. Das ist gar keine böse Absicht, da sitzt kein James-Bond-Bösewicht im Hintergrund und hat das alles fiese so geplant, dass wir alle Kinder bleiben und somit schön steuerbar. Das ist einfach eine notwendige Entwicklungsphase der Demokratie (gewesen). Wir waren einfach noch nicht weiter.

Und jetzt könnte man sagen: Hey Kinners! Jetzt mal raus an die frische Luft und plant jetzt mal selber eure Ausflüge – ins Leben! Und das ist so ein bisschen lustig, weil ein Hauch davon ja gerade passiert: Angela Merkel sagt: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“. Sie möchte gerne, dass wir jetzt mal einen Schritt weiter kommen mit der Demokratie. Aber sie weiß: Verdammich viele Kinners am Start! 

Die angepassten Kinder schreien: „Wir brauchen unbedingt Ausgangssperre! Wenn ICH nicht raus darf, DANN auch kein anderer! Da musst du jetzt WIRKLICH mal hart durchgreifen, Angela!! ALLE müssen zu Hause bleiben!!! Aber auch wirklich ALLE jetzt!! Und bitte bitte harte Strafen für diejenigen, die sich nicht dran halten!! Denn ICH bin brav. Und ich kann mich dann so gut fühlen, dass ich alles RICHTIG mache!!“

Die rebellischen Kinder schreien: „Merkt ihr was? MERKT ihr was??? Angela will die Demokratie abschaffen!!! Sie sagt nicht Ausgangssperre aber sie VERBIETET uns raus zu gehen und hebelt über Nacht alle demokratischen Grundrechte aus! Und WESWEGEN??? Wegen einem Virus, der nicht schlimmer ist als ne Grippe! Das ist doch der Wahnsinn! Die Wirtschaft bricht zusammen! Das gesamte soziale Leben bricht zusammen! Die Welt geht unter! Es wird Diktaturen und Kriege geben!! ALLES geht den BACH runter!!! ICH sehe es kommen! Aber die Politiker sind alle zu blöd!! (ICH bin genial, denn ich sehe es alles, aber MIR hört ja keiner zu! Und wenn ich was sage, kriege ich gleich einen Shitstorm! Schluchz!)“. 

Ja. Das sind so die rebellischen Kinder. Und das ist jetzt im Prinzip so der „demokratische Kindergarten“ in Deutschland. Und Angela ist echt geduldig mit ihren Kindern und auch zuversichtlich, denke ich. Denn eben: In einer Krise wird es wahrscheinlicher, dass Menschen in den Erwachsenen-Modus kommen. Und einige – insbesondere die „systemrelevanten“ Leute sind da ja auch größtenteils schon angekommen. 

Ja und wie geht das denn jetzt, wenn ich noch nicht so systemrelevant bin und also zu Hause sitze und immer diese schlimmen Sachen bei Spiegel Online lese und mich dann frage: „Scheiße- muss ich jetzt WIRKLICH mal was sagen wegen der demokratischen Grundrechte? Aber nee eigentlich vertrau ich da schon auf unsere Demokratie und unsere Politiker*innen… die werden diese Sachen bei Spiegel Online ja auch lesen… Mmmh. Ja, aber vielleicht sollte ich mal gegen diese Verschwörungstheoretiker (ja, es sind nur Männer…) im Netz was sagen… aber ich weiß gar nicht was, denn ich hab ja auch keine Ahnung… mmmh. Ja was soll ich jetzt MACHEN?“

Ok. Ich mach mal nen kleinen Vorschlag: Als erstes vielleicht ruhig mal gepflegt zusammen brechen. Und zulassen, dass das jetzt ne Krise ist. Und keine Angst vor Gefühlen haben. Bisschen heulen. Bisschen wackeln. Und dann irgendwann das innere Kind liebevoll los lassen. Denn ich glaube, wir haben schöne, erfüllende Aufgaben vor uns. 

Vielleicht in etwa so: 

Die Welt, ist aus den Fugen

Und guter Rat teuer von Klugen.

Doch die wissen‘s auch nicht besser

Denn eine Krise ist wie ein Gewässer

Das sowieso seinen eigenen Weg geht. 

Ich sehe also: Es ist zu spät.

Und lasse die Sache laufen.

Nur fühlt es sich an wie abzusaufen.

Es gibt keinen Halt und kein Gesetz.

Es gibt keinen Boden und kein doppeltes Netz.

Es ist wie ein langes tiefes Fallen.

Oder wie Rutschen über ein Meer von Quallen.

Es gibt keinen Anker und keine Kontrolle.

Es ist wie ein Haufen verknoteter Wolle.

In meinem Kopf. 

Wo ist der Knopf

Die Sache ganz schnell zu beenden?

Und dies ins Gewohnte zu wenden?

Doch leider: Es gibt kein Zurück.
Aber vielleicht ist genau DAS ja das Glück. 

Ich muss mir ganz ehrlich sagen:

Vielleicht war es Zeit, das Unmögliche zu wagen. 

Denn so wie es war – war‘s irgendwie schal. 

Das Funktionieren – ein bisschen auch Qual.

Jetzt bin ich ins Nichts gesprungen.

Und habe mit alten Gespenstern gerungen

und finde mich wieder in einer Welt,

die scheinbar NICHTS mehr zusammenhält.

Und plötzlich kommt der Verdacht: 

Vielleicht hat das Virus was richtig gemacht.

Denn wenn es was gibt, das uns hält,

ist es weder Erfolg und auch nicht MEHR Geld:

Was als einziges zählt in der Welt

Ist: Und jetzt wird’s interessant:

Viele sagen: Erzähls doch der Wand!

Egal! Ich mach’s trotzdem:

Ich hab‘s jetzt erkannt:

Es ist – ganz einfach – der Mut!

Zu sagen: Es wird alles gut! 

Zu wissen: Ich weiß ja auch nix genau.

Und auch mal zu merken: Ich bin nicht so schlau.

Nicht schlau genug für Corona. Vielleicht. 

Aber ein WEITER zu wagen, das reicht.

Denn inzwischen ist ALLES verrutscht.

Und jede Gewissheit ist futsch.

Und das einzige, was jetzt vielleicht zählt,

Ist,

dass jeder Mensch das Vertrauen in SICH und in ANDERE wählt.

Dann können wir endlich den Anfang machen

In ganz kleinen Schritten und ganz kleinen Sachen…

Verlassen wir den demokratischen Kindergarten!

Es gibt keinen Grund noch länger zu warten. 

Und vielleicht macht’s auch Spaß

zusammen was Neues zu bauen

Wer weiß?

Ich habe Vertrauen. 

In diesem Sinne für heute Tschüss! 
Mehr in Part 4! May the (democratic) force be with you! 

Medication for democracy – and for your heart – in times of crisis

Part 1:

(„Türwächter*innen der Freiheit“ will be continued soon!)

The title of this new Blog post is: „Medication for democracy and for your heart“, because I believe that there’s no better time to think about democracy and why doing so might help you to feel better in times of crisis. I want to talk about human connection, solidarity, compassion and the strengthening of our hearts and what all of this has to do with strengthening democracy.  I have decided to do this in English because we have a situation here that not only concerns people here in Berlin or in Germany but all over the world. 

Just a few weeks ago, who would have ever thought that we could possibly experience something like this?

It’s a bit like waking up in a Roland Emmerich film: like a kind of Independence Day or The Day After Tomorrow. Only that we do not have to fight against aliens or fear the end of planet earth as we know it. At least not yet. The scenario that we are currently living through is more hopeful. More hopeful concerning the chances we have to change things for the better once this crisis is finally over. And for that we should think about democratic values right now. I think its time that we start talking about trust and truth in times of crisis. 

Now that so many people all over the world are experiencing a so-called “shutdown of public life” and the effects of so-called “social distancing” (I would prefer to call it “physical distancing”), we have time to think about what we really need – in general – in order to overcome shock, depression, fear and loneliness. Or more concretely: What we really need to be happy. As human beings.

And surprisingly, this is not what we were led to believe or what we focused our attention on in our daily lives before this crisis. Now that we have been stripped of our daily routines and find ourselves in this state of shock, we realize that what we TRULY need to effectively fight depression and fear are not antidepressants, shopping or external gratification through success at work.

It’s something much more basic: What really helps now is connection with other people. A walk with a friend, a conversation with a loved-one, kindness, compassion and solidarity. In times of necessary physical distancing we recognize the healing effect of social bonding.

When I think about the time BEFORE the crisis, there was a very different development on the rise. There was a tendency to cuddle up in groups of people who shared the same opinions, while behaving and speaking aggressively against “other groups”. While there were no borders yet between European countries, invisible borders grew among people.

Now that there are REAL borders between countries and between people through physical distancing, separating us from one another, we are all experiencing a kind of trauma that is caused by our sudden loss of freedom on the one hand, and our loss of safety on the other.

Usually you would think that you can only lose one thing OR the other, either freedom or safety, because usually this is directly connected: You choose safety OVER freedom or vice versa. These days we seem to have lost both: Most of our freedom in everyday life and at the same time our feeling of safety- because we do not know what will become of all this, what the world will be like when this is over or what we will then do and who we will be?

This historical situation is all about the questions concerning freedom and safety – the central topics we have to think about if we want go on living in a democracy. It is obvious now that our world is changing – this very minute. And that if we want to be free and at the same time safe – then it’s time to think of a new treatment plan for our democracy. While other people are now busy finding medication to treat the virus, let us try to think of another medication here: Medication to heal, improve and empower democratic values which will, in turn, heal ourselves.

I would like to encourage us to CONNECT with each other and think about questions like these: How much safety do we need and how much freedom can or should be sacrificed, and what does all this have to do with US – as thinking human beings in a free and democratic society? How do we want to live after this?

And what can we do NOW to make it a reality? 

I believe in the opportunities that crisis brings. And perhaps this could also be a kind of comfort and inspiration for you to think about the world you want to find yourself in when we one day awaken from this long, deep sleep.

Today, this first part is about trying to find out what kinds of things can give us hope and inner strength right now. If you listen to different opinions and theories concerning the present situation – whether online in the Internet or while talking with other people – try to FEEL what effect this has on you: Do you feel helpless, angry, frightened? Or do you think: This crisis can be a chance for us to change our society for the better, and I can actually DO something – however small – to help making that happen? If it’s the former, then you are in a “child mode” (either the rebellious, angry child or the frightened, obedient child). This is a state of mind that’s not at all useful for strengthening democracy. Because you feel like a victim. This is exactly the kind of inner attitude that gives power to the wrong people: To people who want to dominate and who seek having power over others. If you feel the latter, then you are in an “adult mode”. You know that we have a serious situation here but you feel motivated to DO something productive. You feel that you are able to take responsibility and, however big the problem should be, you can find solutions and ways to survive – working together with others. This inner attitude is central for creating a better democratic and free society. The more people train themselves NOT to switch into a “child mode” the better for all of us. So be sensitive when you hear people talking and in recognizing what effect it has on you. Try to listen to those who give you hope and inspiration. Stop listening to those who make you feel helpless, aggressive and fearful! Block those voices from poisoning your heart. You have all the (adult and positive) strength inside yourself to make a change for the better – and you can give hope and strength to others. It’s the small things in interacting with other people now that make all the difference.

“May the force be with you.” – Star Wars

Part 2

Today I want to talk about crisis in general and what it does to us, but also what it reveals about ourselves. Only a few short weeks ago, our current situation was something impossible for us to imagine. But as time goes on, it gradually sinks in that we are in the midst of a crisis of historical dimensions. In Germany most of us never thought that something like this could happen because we were lucky enough to have never before faced real crisis from the inside. So of course our first reaction to this is shock and fear. That’s normal. But if we look at this from above we have to acknowledge that people all over the world and at various points in time have had to face historical changes and phases of crisis time and again. If we can adjust to the fact that this is a crisis of historical dimensions we can compare this to other moments of crisis in the past and look at how people dealt with them. What we know is that situations like this bring out the worst and the best in human beings, and we can decide which role we want to play in this.

At the moment, main fact of the situation is that NO ONE can say for sure whether or not the measures being taken are the RIGHT ones or how to best deal with the crisis. NO ONE knows what it all really means or what outcomes there will be. That’s what a complex crisis is all about. Not knowing what’s best. The only thing we can do now is to look at former situations of crisis and how people reacted back then – as human beings in difficult times. To see which human behaviors were helpful and productive and which weren’t.

Actually, people have ALWAYS reacted to crisis in very similar ways:

There is the indignation about those who don’t want to face or take the situation seriously. There is the amusement about those who were alarmed too early on. There are the politicians and officials trying to appease the public. There are the scientists who do not know enough. There is debauchery by those who feel immortal. There are the little people who suddenly become heroes. The supposedly noble ones who only think about themselves. There are the stories of conspiracy. And the search for the guilty. It is always the same.

And so we have it here again: The scientists do not know enough. However, their advice and their voices dominate the situation right now. This is because we are in a kind of societal “child mode” and are DESPERATELY hoping for answers. And we live in a time in which we are counting on science to provide these answers. And this is not all wrong. However, science is just ONE channel upon an enormous mixing board which has numerous and varied channels. There are also the social, psychological, economical, spiritual, cultural “Mixing Board Channels”.  And the list goes on. At the moment, almost all of the mixing board control knobs have been turned down to zero while the scientific channel is on full blast. Despite the fact that science alone can not currently deliver any answers that satisfy us we all continue to sit in child mode, paralyzed by fear, and somehow hope that Daddy will come, pat us on the head and say: Everything is going to be okay. You can go play and I will take care of everything.

But this is a bit dangerous. Because if what we want is to retain our freedom – if we want to someday sit outside in cafés again and to live autonomous lives – then now is the time to finally leave our child self behind and to grow up. Since this is the only way we can responsibly participate and turn the other mixing board controls up again. In a situation as complex as this, there are countless influencing factors. So it would be helpful if as many factors as possible were made visible, meaning that as many individuals as possible would responsibly contribute their own “mixing board channels” while cooperating with one another.

Because it is very possible that “Daddy” doesn’t have the solution, or worse, comes up with one we are not at all that happy about. One in which we are forced to give up many things we have only just secured for ourselves and which have made our lives more beautiful and meaningful. Freedoms that have made it possible for us to live beyond our actual needs.

As concerns our true needs, funny enough, it turns out that being able to recognize these, to take them seriously, and to be able to express them clearly is the first step toward a solution as it is the first step toward reaching our own “adult mode”. The more people who shift into the adult mode, overcoming this feeling of helplessness, the better for a further developed, humane democracy. Because this is the precondition necessary so that several different mixing board channels can work together in a positive way – and so no single controller can silence all the others.

Let me illustrate this with an example: When ten people are sitting in a room and only one of them decides what will be done and how, and even determines which rules are to be followed, the others are somehow relieved that “Daddy takes all the responsibility” and now everyone can just go into their role of being a child. Some now try to create self-worth for themselves; to make themselves feel more valuable by doing everything the RIGHT way so as to please Daddy. These are the conformist children. And the others derive their self-worth from constantly questioning every single thing that Daddy says or does. This makes them feel so very clever because they are CONTRADICTING Daddy. The problem is that these rebellious children are indeed able to criticize everything, but unfortunately are unable to see any perspective other than their own and have no overall objective in sight. In short: The rebellious children also refuse to take any responsibility. They just complain. This sort of kindergarten is damaging to a democracy.

So what could we do now? The funny thing is that it would be enough for Daddy just to say: Come on people, take some responsibility now! Taking responsibility is not something that can be morally demanded though, because that actually does turn people into children. If we want to become our adult selves, we must TAKE responsibility. In order to even notice what this means and how it could be productive we FIRST need a phase in which we recognize when we’re in child mode and why – and then how we get out of it.

And this is the point of this little extra Blog Post: How do we come out of this childlike fear or this childlike anger and move into a balanced and reasonable adult self? This of course sounds so boring because who really wants to become more reasonable? But the good news is:

It feels a thousand times better to be your adult self. Fear and anger disappear. We feel better. And the best part is: We get to contribute to ending this crisis faster and making sure that when it is all over, things will be the way we hope them to be and truly suit who we are and how we want to live. It is necessary now to become our adult self. And I know from personal experience, (seriously now): This truly does bring happiness. Because it generates a sense of purpose. And honestly, this is something that is actually helpful at the moment. So stay curious and stay tuned. Our journey continues in Part 3.