Mein neues Buch ist bestellbar – Aktuelle Blogeinträge findet ihr links in der Leiste unter „Maikes Blog“!

Ich freue mich, euch mein bisher umfangreichstes, persönlichstes und schönstes Buch zu präsentieren!

Im Buchhandel könnt ihr es unter der ISBN 978-3-7460 1449-4 bestellen.

Ich hoffe, dass es euch gefällt und ermutigt.

Passend dazu unser neustes Video auf YouTube:

Viel Spaß!

Türwächter*innen der Freiheit – 10. Kapitel

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 10. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

10 Neustart

Nachdem Taher gegangen ist, erwarte ich die Auflösung der kleinen Park-Idylle, denn wahrscheinlich wollen jetzt ALLE nach Hause, und da ich Taher nicht aufgehalten habe, steht mir jetzt auch irgendwie nicht so wirklich ein überzeugendes Argument zur Verfügung, warum die anderen nun bleiben sollen. Aber zu meiner Überraschung macht keiner Anstalten zu gehen. Daher nutze ich erstaunt die Gunst der Stunde und versuche das kleine Gespräch in Gang zu halten, das sich vor Tahers Abgang entwickelt hatte und es läuft ganz gut, ich kann kaum glauben, dass sie so offen und unverblümt weiter quatschen. Meltem plappert fröhlich über die ungerechte Situation in ihrer Familie zu Hause: Ey voll unfair – ich hab fünf Brüder und eine kleine Schwester und raten Sie mal, wer immer kochen, abwaschen, aufräumen muss, dies das… IMMER meine Schwester Gülüzar und ich. Warum dürfen die Männer immer so Prinzen sein? Das ist VOLL ungerecht! Und mein jüngster Bruder Can ist 12 und darf einfach so raus. Ich nie! 

Ich: Und sagst du dann was? 

Meltem: Nee, geht gar nicht, mein Vater wird dann sauer. 

Ich: Und deine Mutter?

Meltem macht ein „ts“ Geräusch und rollt mit den Augen. Keine Antwort. 

Fatima: Bei mir is auch so: Die Männer dürfen alles – raus gehen, feiern, rauchen, dies das, aber wenn meine Tante mal ne Zigarette auf dem Balkon raucht, – Schüüüüsch….(sie zieht dramatisch die Augenbrauen hoch)

Selina: Aber trotzdem, wallah, die Frauen sind die Chefs, man… 

Die Jungs johlen spöttisch, lachen, werfen sich Blicke zu. 

Momo: STOOORY! – Alter!!! Wo lebst DU denn, du Pussy? 

Fatima reckt ihr Kinn nach vorne: Ey pass mal auf du Muschi, du weißt GAR NIX! Ohne die Frauen sind die Männer kleine Babies, die machen doch nur so Show nach außen, man, aber wer regelt denn den ganzen Alltag? 

Momo: Ey Schüüüüsch, übertreib ma nich! 

Fatima: Also mein Vater sitzt nur so mit seinen Kumpels rum und raucht Shischa! Aber meine Mutter geht aufs Amt und kümmert sich ums Geld, um Essen, Trinken, Putzen, dies das, ALLES eigentlich und sie kümmert sich um die Familie, um die ganzen Probleme von allen und so… 

Momo: Das heißt ja nicht, dass sie Chef ist… Die Männer sind die Chefs, man, egal, was die machen… 

Fatima: Ey, verPISS disch mal, du Opfer!!

Momo: Bist du jetzt so ne Emanzen-Schlampe geworden oder was? Voll hässlisch! Wallah! Pass ma auf, man, so heiratet dich keiner! 

Fatima: Wer hat gesagt, dass ich heiraten will, du Spast?

Ich fange gerade an, mir Sorgen zu machen, dass es gleich eskaliert, da lacht Momo zu meiner Überraschung los und klatscht mit Fatima ab. Beide scheinen sich bestens zu amüsieren. Sogar Kevin grinst ein bisschen, aber als er merkt, dass ich ihn anschaue, guckt er sofort nach unten. Ganz offensichtlich will er auf keinen Fall angesprochen werden, kein Wunder bei dem Stress, den er im Klassenraum mit Herrn Böhm immer aushalten muss. 

Fuad erzählt dafür jetzt von seinem Vater und seiner Firma im Libanon und einem riesigen Haus, das seine Familie mal hatte, direkt am Meer, in Beirut, voll schööön, müssen Sie mal hinfahren, Frau Plath. Aber jetzt wohnen wir Fünf-Zimmer-Wohnung Germania-Promenade, sieben Jungs, – Alter – das is echt eng, man. Meine Mutter dreht durch… Er lacht. 

Und was macht dein Vater jetzt?, frage ich. Fuad zuckt die Schultern. Nix, fernsehn gucken, dies das, der darf nicht arbeiten. Erlauben die in Deutschland nicht. 

Noch bevor ich darauf antworten kann, ergänzt Fuad mit einem Grinsen: Aber macht nix, wallah, der macht bisschen Geschäfte, der is n FUCHS, man.

Ich: Und vermisst du dein Zuhause im Libanon?

Fuad: Ja. Aber Berlin is geiler. Im Libanon war Krieg, deswegen sind meine Eltern nach Deutschland gekommen. Im Sommer fahren wir immer Libanon und besuchen unsere Tanten und Onkels. Aber meine Eltern warten auf deutschen Pass, damit mein Vater hier arbeiten kann. Meine Brüder auch. 

Ich: Sind deine Brüder jünger oder älter? 

Fuad: Alle älter.

Ich stelle mir eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Germania-Promenade vor mit sieben testosteron-pumpenden jungen Männern, einer rotierenden Mutter und einem Vater, der mitten drinsitzt und Fernsehen guckt und Fuad, der versucht Hausaufgaben zu machen. Obwohl. Wahrscheinlich ist da nicht so viel mit Hausaufgaben machen. 

Fatima hat jetzt die Fotos von der Hochzeit ihrer Cousine aus dem Libanon rausgeholt und endlich habe ich die Ehre, sie auch mal in Ruhe anzuschauen. Unglaublich kitischige Bilder mit roten Herzen und goldenen Rosen und Glitzer, einem unfassbar rosa-pink-farbenen Sonnenuntergang und einem Hochzeitskleid, das aussieht wie eine Sahnetorte. Aber Fatima strahlt, während sie mir eines nach dem anderen vorsichtig rüberreicht, als wären es Heiligenbilder. Offenbar ihr ganzer Stolz. Wie war das eben noch mal mit dem „Nicht-Heiraten“? Ich bekomme leichte Zweifel an ihrer flammenden Unabhängigkeitsrede von gerade eben, aber wer bin ich, das zu beurteilen? 

Es ist mir in diesem Augenblick auch egal, denn ich kann mein Glück gar nicht fassen, dass die Stimmung so dermaßen entspannt ist und ich ENDLICH mal irgendwas richtig zu machen scheine. Ich mache eine Notiz an mich selbst: Wir müssen irgendwie aus diesem furchtbaren Klassenraum raus. Aber wohin? Und plötzlich weiß ich es. Die Aula. Die steht das ganze Jahr über leer und wird nur für Einschulungs- und Abschlussfeiern genutzt. Warum eigentlich? 

Bei nächster Gelegenheit frage ich den Hausmeister. 

Die steht unter Denkmalschutz, brummelt Herr Schulz. 

Und das heißt? frage ich-  mal wieder schön naiv.

Dit heißt, da darf keener rin. 

Aber die Feiern finden doch auch immer da statt, wende ich ein. 

Herr Schulz macht ein Gesicht, bei dem mir das altmodische Wort „unwirsch“ einfällt. Er schüttelt genervt den Kopf. 

Dit is wat anderet. Offizielle Anlässe. Aber wenn da jeden Tag die Gören drin rum toben, denn is da bald keen Möbel mehr auf`m andern. Die machen da in Null Komma Nix totale Verwüstung. 

Bevor mir eine kluge Antwort darauf einfällt, wendet sich Herr Schulz zum Gehen und weg ist er. 

Tja, das war wohl nix. 

Ich gehe zur Schulleiterin. Sie ist nicht erfreut. 

Die Aula steht unter Denkmalschutz, sagt sie. 

Ja. Das hat Herr Schulz auch schon gesagt. 

Na, dann wissen Sie`s ja schon.  

Aber kann man da nix machen?

Frau Rische schaut über den Rand ihrer Brille, ihre Augen starren mich an, wie die einer Gottesanbeterin. 

Was davon haben Sie nicht verstanden, Frau Plath? Die Aula steht unter DENK-MAL-SCHUTZ. 

Ich habe hier jetzt zu tun. Wenn Sie so freundlich sind, machen sie bitte beim Rausgehen die Tür hinter sich zu.

Alles klar. Denke ich. Aber wie war das noch mal mit der Schulrätin Frau Behrens? Hatte die nicht gesagt, sie würde die Hand über mich halten? 

Im Lehrerzimmer krame ich mein Portemonnaie durch, sie hatte mir doch ihre Karte…? Da ist sie. Ich wähle die Nummer. Automatische Ansage. Aha, Sprechzeiten bla bla… Ich denke, ok, dann rufe ich sie halt morgen an.

Der nächste Tag beginnt dann erstmal mit einer Enttäuschung. Irgendwie noch so ein bisschen beseelt von den Gesprächen im Park, komme ich gutgelaunt in den Klassenraum der 8b – aber. Es gibt leider keinen Anschluss an die Situation von gestern. Es ist eher so, als wären wir nie im Park gewesen. Ich rufe „Hallo“ und lächle. Niemand reagiert. Einige schauen kurz hoch, nehmen mich ausdruckslos zur Kenntnis und quatschen dann ungerührt weiter. Es ist wie ein kleiner Tritt in den Bauch. Auch Taher grinst nur kurz – kalt und spöttisch – so als freue er sich ein bisschen über meine offensichtliche Enttäuschung. Ich packe mein Lächeln wieder ein, mache mich innerlich hart. Ok.Los geht’s. Satzteile, sage ich einen Tick zu kühl (komme mir dabei allerdings vollkommen bescheuert vor) und beginne betont ungerührt, meine langweiligen Arbeitsblätter auszuteilen. Wollen wir doch mal sehen, wer kälter sein kann, denke ich. Aber eben. Ich bin bei solchen „Wettbewerben“ ganz klar die Lusche.  Taher liest in meinem Gesicht wie in einem Buch. Und offenbar versteht er meine Enttäuschung als Einladung, um ein bisschen weiter zu sticheln. Na? Dachtest du, wir sind jetzt Freunde, oder was, nur weil wir bisschen im Park sitzen? Wallah, wir sind NIEMALS Freunde, verpiss disch mal! Du bist ne LEHRERIN, ne Scheiß-KARTOFFEL, man! 

Es rieselt mir eiskalt den Rücken runter und für einen Moment ist mir richtig schlecht. Bloß keine Emotionen zeigen jetzt. REISS DICH ZUSAMMEN… 

Warum sind die immer so fies, denke ich? Was SOLL das? Wo kommt diese Freude her, wenn es ihnen gelingt, mich zu verletzen? Ich verbringe die Unterrichtsstunde in einer Mischung aus Wut – und Schiss, in Tränen auszubrechen. Sehr anstrengend. Danach sitze ich im Raucherzimmer auf dem knarzenden Sofa und bin so fertig, dass ich eigentlich gleich nach Hause fahren möchte. Schlafen. Aber. Ich will ja noch Frau Behrens anrufen. Jetzt erst recht, denke ich. 

Und im allumfassenden Gefühl des Scheiterns, ist es dann ganz besonders erstaunlich, wenn MANCHMAL Dinge dann DOCH klappen. Ein kurzes freundliches Telefonat und am darauf folgenden Montag sitzt Frau Behrens mit ihren blau geschminkten Augen, tiefblauer riesiger Rüschenbluse, klirrenden Armreifen, blau lackierten Fingernägeln und einer sehr lauten rostigen Lache raumfüllend im kleinen Schulleiterzimmer. 

Ach, nun sein Se doch ma nich so kleinkariert, Fau Rische, da brechen Se sich doch keinen Zacken aus der Krone, wenn die Plath dieses schöne alte Gemäuer hier mal n bisschen mit Theater belebt.   

Frau Rische reißt die Augenbrauen hoch: THEATER?

Frau Behrens runzelt kurz irritiert die Stirn und wirft mir einen fragenden Blick zu, setzt dann aber ungerührt ihre erstaunliche kleine Performance fort.

Ja, wissen Sie das denn gar nicht, Frau Rische? Die Plath ist doch ne Fachfrau für Theater! Deswegen hab ich die doch eingestellt! 

Frau Rische hat jetzt RICHTIG schlechte Laune, raunzt: 

Theater ham wa hier nich! 

Frau Behrens beugt sich mit ihrer wallenden Rüschenbluse und den klappernden Armreifen nach vorne und tippt mit ihrem beeindruckend knallblauen Fingernagel ihres Zeigefingers auf die Tischplatte:

Ja eben! Dann wird s doch mal Zeit! Man soll die Gelegenheiten beim Schopfe packen, sach ich immer, das ist doch TOLL für die Schule, wenns hier Theater gibt! 

Frau Rische sieht aus, als würde sie gefoltert. 

Aber Theater ist kein Fach. Das gibt’s gar nicht in der Stundentafel! Das ist hier kein Gymnasium!

Frau Behrens haut mit der flachen Hand auf den Tisch und ruft laut und fröhlich:

Na, dann machen wir eben ne Theater AG! Oder? Wie finden Sie das Frau Plath? Man kann ja erst mal klein anfangen, dann kriegen Sie den Aulaschlüssel und bieten da einmal die Woche am Nachmittag ne Theater AG an. Also ich find das GROSSARTIG!

Frau Rische schüttelt den Kopf: 

Da kommt sowieso keiner, das können Se doch gleich vergessen. 

Das wolln wir erstmal SEHN, widerspricht Frau Behrens und vermittelt insgesamt den Eindruck, dass die Theater-AG jetzt beschlossene Sache ist. Aber Frau Rische will sich offenbar nicht so schnell geschlagen geben. 

Also wenn schon ne Theater AG, dann macht die Plath das aber schön außerhalb Ihres Stundendeputats, ich brauch hier jede Stunde Deutsch und Englisch, Sie wissen ja selber, wie hier der Krankenstand ist und ich hab immer noch drei Stellen nicht besetzt, also für Experimente gibt’s hier KEINE Stunden, das sach ich Ihnen gleich. 

Es ist lustig, dass die beiden Frauen über mich reden, als wäre ich nicht anwesend bzw. ein kleines Kind, das zwischen seinen streitenden Eltern sitzt und den Mund zu halten hat. Insofern wartet Frau Behrens jetzt auch gar nicht meine Antwort ab, sondern beendet die Debatte mit einem lauten fröhlichen: Na dann ha`m wirs doch jetzt: Frau Plath kriegt ihre Theater AG und macht das in ihrer Freizeit. Dafür kann sie in die Aula, wann sie will. Ich geb dann gleich mal dem Herrn Schulz Bescheid, damit das mit der Schlüsselübergabe zügig über die Bühne geht, dann müssen Sie sich da gar nicht drum kümmern, Frau Rische, Sie haben ja hier genug zu tun. Alles Gute, und man sieht sich! Firma dankt! Nen schönen Tag noch, Frau Rische! 

Frau Behrens schiebt mit lautem Gepolter ihren Stuhl nach hinten, erhebt sich umständlich, aber vergnügt und strahlt mich an: Ja, dann komm Se gleich mal mit, Frau Plath, dann klärn wir das jetzt mit dem Schlüssel… Tschüss, Frau Rische…

Frau Rische nickt nur mit dem Kopf. Ihr Mund ist ein dünner Strich.

Wenige Minuten später stehe ich mit der riesigen blauen Rüschenbluse und einem sehr schlecht gelaunten Herrn Schulz im Hausmeister-Kabuff an einer großen alten Schlüsselwand, die so aussieht, als wäre sie noch aus dem letzten Jahrhundert übrig geblieben. 

Herr Schulz schimpft ohne Unterbrechung vor sich hin, aber gleichzeitig scheint er dabei – sehr langsam und sehr umständlich – die Schlüsselübergabe an Frau Plath vorzubereiten. Er scheint diese Katastrophe für unausweichlich zu halten – weil die blaue Rüschenbluse eine hohe Vorgesetzte ist – aber trotzdem möchte er auch deutlich kundtun, für welch unverantwortlichen FEHLER er das Ganze hält.  

Und nur, dass dit hinterher nich wieder heißt, der Herr Schulz hat dit erloobt und da den Schlüssel raus jegeben, wenn der Schaden erstmal da is, dit is ja allet ne totale Schnaps-Idee, dit sieht ja jeder Blinde mit nem Krückstock, aber dit stelln sich die Leute an ihren gemütlichen Schreibtischen da im Amt ja immer ganz anders vor, aber dit meen ick eben, dit is halt weit weg von ne Realität, und wer hat dit am Ende auszubaden? Die da oben sicher nich, die sitzen dann schön im Warmen, wenn bei uns dann wieder die ganze Kacke am Dampfen is, und das sach ich nämlich gleich: Dit sind allet Gangster und Idioten, diese Ausländergören, dit wissen wa ja alle, dit seh ick allet schon kommen, die ganzen Schäden, dit dauert doch keene drei Tage, dann is dit allet im Arsch, und dann ist dit Geheule groß, denn darf ick da wieder Überstunden machen und dit Janze uffräumen und reparieren, und wer bezahlt dit Janze am Schluss, dit is ja ooch nich raus, wer dit allet zahlt! Aber mich fragen Se ja nich, dit kenn ick schon, von oben heeßt dit immer: Lass di ma machen, diese Troomtänzer da mit ihrer Multi-Kulti-Fantasy, dabei klappt dit doch nich, dit sehn die aber nich, weil die da in ihren Elfenbeintürmen sitzen, und die müssen ja die Suppe ooch nich auslöffeln, aber eben: Mich hat ja keener jefracht. Mich fragt ja nie eener…

So in etwa geht es in unfassbarer Länge und Ausdauer ohne Pause weiter, während er missmutig mal diesen, mal jenen alten Schlüssel anfasst, irgendwelche Papiere und kleinen Zettel studiert, seine Brille auf und absetzt, seufzt, nach hinten läuft, hinten irgendwas rumpeln lässt, dann wieder nach vorne kommt, weitere Schlüssel in Augenschein nimmt, und das Ganze begleitet von diesem ewigen, resignierten Schimpf-Monolog, der ganz und gar ohne Antwort auskommt, es ist noch nicht mal klar, ob er überhaupt davon ausgeht, dass wir zuhören. Frau Behrens nickt zu alldem mit geduldigem Lächeln und weicht nicht von der Stelle. Irgendwann ist es dann so weit. Nachdem ich vier Zettel unterschrieben habe, halte ich den Schlüssel in der Hand. Nicht zu fassen. Ich begleite Frau Behrens noch raus zu ihrem Auto, in das sie sich keuchend und lachend hineinwuchtet, um mir dann noch mal durch die beschlagene Fensterscheibe verschwörerisch zuzuzwinkern und zu winken, bevor sich ihr kleines Auto dann über das Kopfsteinpflaster der Schulauffahrt rumpelnd entfernt. Ich atme tief durch – und gehe rauf zur Aula. Es ist bereits still im Schulgebäude, die meisten sind nach Hause gefahren, es ist 14.30, Kopierer aus, und als ich die Aulatür öffne, empfinde ich es fast als heiligen Moment. Der große Raum mit den hohen Decken, den riesigen, hellen Fenstern und dem alten Parkettfußboden wirkt wie eine alte, schöne Film-Kulisse, die still und geduldig darauf wartet, mit Leben gefüllt zu werden. Ich halte den Atem an und habe für einen kleinen Moment so ein lächerliches pathetisches Gefühl, dass sich hier noch „Großes“ ereignen wird. Langsam gehe ich über die knarzenden Holzdielen zur Tür zurück, drehe mich noch einmal um und schaue auf die Bühne, die stumm zurück zu schauen scheint. Frau Behrens ist ganz schön schlau, denke ich, und während ich meinen Schlüssel im Schloss herumdrehe, erlaube ich mir ein ganz kleines Grinsen. 

Türwächter*innen der Freiheit – 9. Kapitel

9 Kontaktaufnahme

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Meine Schultage in Neukölln schleppten sich so dahin. Ich hatte ununterbrochen das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich keine Versagerin war. Und dass die Messlatte für diesen Beweis darin lag, in welchem Maße es mir gelang, die Klassen „ruhig zu bekommen“. „Ruhig“ bekam ich die Klassen dadurch, dass ich mich in die große, allumfassende Depression einfügte: Arbeitsbögen verteilen, Noten geben, „solidarisch mit den Kollegen*innen sein“, in den Pausen mit den Kollegen über die „problematischen Jugendlichen“ klagen, Förderlehrpläne schreiben, die Schüler*innen wie durchgedrehte Patienten in einer Irrenanstalt betrachten. Und reihenweise „Abschulungen“ abnicken. Sobald ich irgendetwas anderes versuchte, wurde es bei den Erwachsenen laut, gemein und hässlich, bei den Jugendlichen mitunter auch mal wild und lustig – aber dann gerieten die Dinge außer Kontrolle und ich wurde zur Schulleitung zitiert und runter geputzt. Ich fuhr dann geknickt nach Hause und dachte: Du bist einfach keine gute Lehrerin. Du schaffst es nicht. 

Jeden Morgen ging ich am Schuhladen vorbei und las das Schild: Verkäuferin gesucht. Jeden Morgen dachte ich: Vielleicht solltest du das machen und mit der Schule aufhören. Dann sitzt du da in diesem Laden und kannst Bücher lesen. Und hin und wieder mal jemanden beim Schuhe-Kauf beraten. Ist doch ein Traumjob! In der Schule hat es einfach keinen Zweck. 

Das Erschreckendste war: Es gab niemanden mehr, mit dem ich reden konnte. Mein privates Umfeld im Prenzlauer Berg hätte nicht weiter von meiner täglichen Realität entfernt sein können. Wenn ich versuchte, von meinem Alltag zu erzählen bzw. von meinen Gefühlen und Gedanken dazu, stieß ich auf freundliche, aber reservierte Ablehnung. Offenbar hatten meine Freundinnen das Gefühl, ich würde mich ständig mit völlig übertriebenen Geschichten wichtig machen wollen. Auch meine Familie reagierte mit höflichem Desinteresse, Ungläubigkeit oder auch leichter Ungeduld. Was gehst du auch an eine Hauptschule in Neukölln? Selber Schuld! Oder: Und das war fast die schlimmste Reaktion – vorzugsweise bei Familienfesten: Reißerische Neugier auf „krasse Gangster-Geschichten aus Neukölln“. „Erzähl mal, Maike, das muss ja echt krass sein. Gehst du bewaffnet in den Unterricht? Also ich würde mich nicht trauen, da ohne Messer rein zu gehen. Hast du denn gar keine Angst? Erzähl mal was richtig Krasses…“ Was mich WIRKLICH beschäftigte, konnte ich nicht teilen. Die einzigen, die es hätten verstehen können – meine Kollegen*innen – taten so, als sei meine Verzweiflung ganz allein auf meine Unfähigkeit zurückzuführen: „Du bist halt ne Provinz-Muschi. Du musst lernen, dich durchzusetzen! Aber du bist ja immer noch so naiv und denkst, dass du dich bei denen einschleimen kannst! Du wirst auch noch merken, dass das alles kleine Arschlöcher sind!“.

Aber dann bewahrheitete sich wieder etwas, das ich schon seit der Kindheit wusste: Die Rettung kommt immer von außen – vom „schlechten Einfluss“ quasi. Von Menschen, deren Perspektive sich von meiner eigenen unterscheidet. Ich lernte Carmen kennen. Carmen war Familienhelferin in unserem Bezirk und für mehrere meiner Schüler*innen zuständig. 

Carmen erweckte das bereits tot geglaubte Pflänzlein wieder zum Leben. Ich staunte nicht schlecht, als wir herausfanden, dass sie Taher betreute. Taher: Der Junge mit den schönen Augen und dem bildhübschen Gesicht, der mich an meinem ersten Tag an die Tafel geschubst hatte und auch weiterhin – ganz der Gehilfe des Sheriffs – die Klasse terrorisierte und mich tagtäglich mit eiskaltem Blick auflaufen ließ. Spooky Taher. Wie ich ihn heimlich nannte. Unser Verhältnis hatte sich kein Stück gebessert. Ich war nur inzwischen dazu übergegangen, ihn weitestgehend zu ignorieren, um nicht Zielscheibe weiterer Ausbrüche zu werden. Die Polizei und so weiter, ihr wisst schon. Jetzt saß da plötzlich eine strahlende Person in einer Kreuzberger Kneipe vor mir, blies Zigarettenrauch in die Gegend und sagte: Ach. Das ist ja SCHÖN! DU unterrichtest jetzt Taher! Na dann haben wir ja nun auch beruflich miteinander zu tun! Wie cool! Tja, Berlin ist ein Dorf! 

Da ich quasi aus einem Dorf komme, war ich anderer Meinung, widersprach ihr aber nicht. 

Carmen schien Taher ins Herz geschlossen zu haben. Es war erstaunlich, wie viel Positives sie von ihm zu berichten wusste. Offenbar redeten wir von verschiedenen Menschen. Mein Gesichtsausdruck („Pokerface“ war meine Sache nicht so sehr) schien mich allerdings irgendwie zu verraten. Wahrscheinlich hing mein Unterkiefer irgendwann auf der Tischplatte. Jedenfalls unterbrach sich Carmen irgendwann, legte den Kopf schräg und fragte: Also du magst Taher nicht so? 

Doch, doch… er ist nur nicht so… also er wirkt nicht so – glücklich in der Schule, ehrlich gesagt.

Carmen nickte begeistert. Ja, das kann ich aber auch SOWAS von verstehen. Weißt du, der ist hochintelligent, aber die Lehrer behandeln den alle, als wäre der ein Gangster. Die geben dem keine Chance. Der LANGWEILT sich zu Tode da an der Schule. Und das ist natürlich auch scheiße. Der kommt aus so ner Clanfamilie. Da stempeln die den sofort als Kriminellen ab. Das merkt der natürlich. Der kann ja machen, was er will, die Lehrer tragen dem sowieso von der Unterrichtsstunde eins an eine Sechs ins Klassenbuch ein. Dabei ist der hochbegabt. Der schreibt Gedichte und so und rappt. Also, das musst du echt mal hören. Da muss ich weinen, wenn ich das höre. Das ist echt ein kleiner Künstler! Ein super sensibler Mensch!

Ich lauschte ihr gebannt, dachte aber auch: Vielleicht ist sie ein bisschen naiv? Blendet sie nicht ein, zwei Realitäten aus?

Dennoch hatte sie – ohne es zu wissen – bei mir einen leisen Zweifel ausgelöst. Vielleicht gab es an Taher noch andere Seiten zu entdecken…

Ich begann an meiner roboterartigen Arbeitsbögen-Taktik zu zweifeln. Vielleicht sollte ich die einfach mal besser kennen lernen, dachte ich. Auf dem Weg in den verwahrlosten Klassenraum dachte ich eines Morgens: Ich kann da nicht mehr mit denen sein. Wir müssen raus da. Aber wohin? Ich fragte sie. „Oh geil, lass ma Britzer Park gehen“. Momo war aufgesprungen und in Null komma nix an der Tür, halb schon auf dem Weg nach draußen.

Ey, warte mal, Momo! rief ich leicht panisch. Ich muss das erstmal abklären!

Momo rollte mit den Augen. Aber nicht unfreundlich. Eher so nach dem Motto: Da gibt’s nichts abzuklären. Jetzt mach einfach! Sonst sagt irgendjemand, dass es verboten ist und dann machen wir es nie!

Ich wandte mich dem Rest der Klasse zu. Seltsam still war es. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass sie mich alle anschauten. Ich schaute zurück. Und dachte: Die sehen heute anders aus. Wie Kinder. Zum ersten Mal sehen die aus wie Kinder.

Wie Kinder, die für einen Augenblick bereit sind, mit mir zu kooperieren. Es war vollkommen klar: Sie wollten in den Britzer Park. Nicht, um Scheiße zu bauen und mich irgendwie vorzuführen oder zu verarschen. Einfach nur, weil sie – genauso wie ich – hier raus wollten und für einen Moment einfach hofften, dass wir genau das tun würden. Ich glaube, sie sahen in dem Moment mich selbst. Und ich sie. Es gab eine Verbindung. 

Und also entschied ich mich. Und wir gingen raus.

„Lass ma See gehen, da is schön. Ich weiß, wo“. Momo geht vor mir her und übernimmt die Führung. Was ich befürchtet hatte, nämlich, dass alle einen Riesenlärm veranstalten, tritt nicht ein. Kurz darauf sitzen wir im Britzer Park auf einer Wiese, die Vögel zwitschern und ich muss lachen. Warum ist mir das nicht schon viel früher eingefallen? Und ich denke an Carmen und fange an, diese Kinder mal zu fragen, wer sie eigentlich sind.

Doch nee. Zunächst einmal passiert was anderes. Fuad hat einen Ball aufgetrieben und in Null komma nix spielt ein Großteil der Jungs auf der Wiese Fußball. Allerdings nicht lange. Eine „Britzer Oma“, wie Ali sie nennt, hat sich am Rand der Wiese aufgebaut und zetert: Fußball spielen ist hier verboten! Ich frage mich, wozu sonst eine große Wiese da ist, wenn nicht zum Fußballspielen. Und wie der Rest der Klasse ja überzeugend demonstriert, ist dann ja immer noch genug Platz, um in Ruhe auf einer Decke zu sitzen und leckere Sachen zu essen oder zu trinken. Picknicken wohlbemerkt. Aber das sieht die Britzer Oma offensichtlich anders. Es dauert nicht lange, dann haben wir es mit einem Polizisten zu tun, der mich freundlich aber bestimmt darauf hinweist, dass Fußballspielen hier verboten ist. Ach so. Na dann. Die Jungs rollen entnervt mit den Augen, trollen sich aber vergleichsweise klaglos vom „Spielfeld“ und lassen sich rund um meine „Decke“ (die in Wahrheit meine Regenjacke ist), ins Gras fallen. Momo hat inzwischen angefangen, mir sein letztes Treffen mit seiner Sozialpädagogin vorzuspielen. Ich staune nicht schlecht. Das wirkt ziemlich realistisch, allerdings auch rasend komisch. Ich lache mich schlapp. Momo hat sowohl Gestus, Habitus als auch den Duktus der Sprache minutiös drauf. Er kann gar nicht mehr aufhören und spielt sich immer weiter in Fahrt. Taher sitzt etwas abseits, schaut aber offensichtlich interessiert der theatralen Einlage von Momo zu. Ich will nicht zu deutlich in seine Richtung schauen, um ihn nicht zu provozieren, bemerke aber sehr wohl den Hauch eines Grinsens in seinem Gesicht. Meltem, die ebenfalls zuschaut, lacht lauthals los: Ey wallah, Schüüüüüsch! GENAU so reden die! Voll die Roboters!

Ich: Roboters?

Meltem: Ja, die sitzen da so… (Meltem macht es vor, steife Körperhaltung, lebloser Gesichtsausdruck) und dann haken die ihre Fragen ab. Aber is nur, damit die da ihr „Check“ dran machen können…

Momo: Ja, genau, das interessiert die Null, was ich sage…

Jetzt klinkt Taher sich ein: Ja, voll so Zombie-mäßig… (er verstellt seine Stimme, macht einen süßlichen Ton, legt den Kopf leicht schräg) Ja, Taher, wie geht’s DIR denn damit?

Momo und Meltem lachen.

Meltem: Ja genau, das ist so der Text: Wie geht’s DIR denn damit? (Wieder große Heiterkeit).

Taher: Die sagen nur so auswendig ihre Sätze und haken ihre Zettel ab. Das sind voll die Opfer. Die interessiert das nicht, wer ich bin. Die hören auch nicht zu. Die sehen nur: Ah! Neues Problemkind. Dann haken die ihr Programm ab. Ich sag da nie was ehrlich. Das sind Verräter. Die petzen dann nur. Die wollen nicht wirklich helfen, die wollen nur ne Maßnahme abhaken. Dass die alles richtig gemacht haben. Für ihre Akte. Wenn du denen die Wahrheit erzählst, ficken die dich, wallah!

So lange habe ich Taher noch nie sprechen gehört. Ich bete, dass ich jetzt nicht gleich wieder alles versaue und frage vorsichtig:

Und was denkst du – WARUM machen die das so?

Taher: Weil die Angst vor uns haben.

Ich: Vor euch?

Taher: Ja. Nee. Vor allen. Die haben Schiss, sich zu zeigen, wie die sind. Die reden nicht ordentlich. Die reden so KÜNSTLICH (er verzieht das Gesicht, kräuselt die Lippen) und die verstecken sich. Weil die Angst haben. Das sind voll die Opfer, ey!

Momo: Ja, so Opfer-Kartoffeln!

Momo hält kurz inne, schaut mich an: Oh sorry, du bist ja auch ne Kartoffel.

Taher: Aber nicht SO ne Kartoffel. Nicht so`n Opfer. Du redest normal mit uns. Äh, Siereden normal mit uns.

Ich mache krampfhaft Pokerface. Aber ich ahne natürlich, was gerade passiert ist. Taher hat mir soeben eine Liebeserklärung gemacht. Die Panzertür ist nur noch angelehnt. Ich schleiche auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem hinein.

Ich: Das versuch ich zumindest. Aber ist nicht so leicht, ich kenne euch ja noch nicht so gut.

Taher nickt anerkennend: Ja, aber versuchen zählt auch schon. Kann ja noch kommen!

Er grinst kurz. Dann wird sein Gesicht plötzlich wieder abweisend.

Ey, is langweilig man! Wann ist Schluss?

Ich: Es ist erst 12. Also ne Stunde müssen wir schon noch bleiben, wenn das hier als Ausflug statt Unterricht durchgehen soll.

Taher: Ist doch egal, ich geh jetzt nach Hause.

Er steht auf, nimmt seinen Rucksack und geht. Betont schlendernder Gang. Langsam entfernt er sich über die Wiese. Er weiß, dass ich nicht hinterher komme. Ich frage mich, ob dies ein Anfang war oder das Ende.   

Türwächter*innen der Freiheit – 8. Kapitel

8 Extrarunde in der Geisterbahn

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Das erste halbe Jahr in Neukölln ähnelt einer Fahrt in der Geisterbahn. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Unterrichten oder – im Lehrerzimmer – Pause haben. Vom Lehrerzimmer flüchte ich in die Klassenräume zu den Jugendlichen. Von den Unterrichtsstunden flüchte ich ins Lehrerzimmer. Es ist wie Hin- und Herhopsen zwischen zwei heißen Herdplatten. Ich ringe in diesem quasi irren Zustand um die winzigsten Momente aufkommender Menschlichkeit, weil ich mir fest vorgenommen habe, nicht zum Zombie zu werden, nicht bei der „Gu-ten-Mor-gen-Herr-Böhm- Kaserne“ zu landen: Ein Lächeln, eine hilfsbereite Geste, ein kleines persönliches Gespräch im Raucherzimmer – der einzige Ort übrigens, wo echtes soziales Verhalten seitens der Kollegen*innen sichtbar wird – ein vertrauensvoller Blick von einem Schüler, ein paar wärmende Momente gemeinsamer Heiterkeit im Klassenraum. Ich fange an, diese Momente zu achten, sie zu suchen und sie mir am Abend vor dem Einschlafen noch mal vor Augen zu führen. Ich habe den Verdacht, dass es eine Art Überlebenstraining ist: In einem Haufen Scheiße die Lieblingsmomente finden. Und das rettet mich tatsächlich. Denn manchmal wundere ich mich, dass ich nicht einfach hinschmeiße. Am schlimmsten ist in diesem ersten halben Jahr die Erkenntnis: Ich gebe nach außen hin die angepasste Gefall-Barbie, wehre mich NICHT gegen die verbalen Anzüglichkeiten von Herrn Böhm, ordne mich in den – für mich abstrus autoritär geführten – Lehrerkonferenzen widerspruchslos unter, äußere nie meine tatsächliche Meinung und das alles aus einer – mir selbst unverständlichen – lähmenden Angst heraus. Statt zu widersprechen, wo Widerspruch angesagt wäre, ducke ich mich weg. Aber. Im heimlichen Untergrund wirkt das kleine Pflänzlein Selbstwert, das Frau Thiele und Dieter angelegt haben. Und es sendet solche Gedanken wie: Es muss doch möglich sein, dahin zu kommen, wo die Jugendlichen in Bullerbü ganz selbstverständlich waren. Klar. Hier sitzen ganz ANDERE Jugendliche. Niemand mit engagierten Eltern und Geigenkästen, kaum ein junger Mensch, den Herr Böhm als „biodeutsch“ bezeichnet hätte. Aber kann es denn nicht möglich sein, auch bei diesen Jugendlichen auf den Zugewinn an innerem Selbstwert zu setzen, statt auf Gehorsam und Anpassung?

Bei jedem erneuten Untergang im Klassenzimmer zweifle ich allerdings wieder und denke: Oh man, Maike, wie pathetisch bist du mit diesem hohen Anspruch. Am besten gleich die Welt retten, oder was? Aber gleichzeitig fällt mir NICHTS ein, woran ich mich sonst orientieren kann in diesem „Werte-Niemandsland“ außer eben: Menschlichkeit und irgendwie ein bisschen Wertschätzung… Aber außer mir will hier scheinbar niemand Menschlichkeit und Wertschätzung. Das ist das Dumme. Und das Erschreckende. Dazu kommt dieses tägliche Versagen meinerseits auf allen Ebenen: Ich habe eingesehen, dass ich überhaupt nichts kontrollieren kann und jeder Tag wie eine Lawine anrollt und mich unter sich begräbt. Ich habe vier bis fünf „Unterrichtsstunden“ am Tag und vor jeder einzelnen graut mir, weil ich nicht weiß, was passieren wird. Anfangs habe ich noch einen Rest Naivität und versuche meine Angst mit Perfektionismus tot zu schlagen: Abends stundenlang am Schreibtisch Unterrichtsvorbereitungen planen. Mir irgendwas ausdenken, was WAHNSINNIG Spaß machen wird. Was bei den Jugendlichen ein Wunder bewirken wird. Ich werde es schaffen, denke ich. Sie werden es lieben und sie werden MICH lieben. Ich werde den Unterricht revolutionieren! Dauernd kaufe ich mir tolles, buntes Unterrichtsmaterial mit tollen Folien, Filmbeispielen, lustigen Warm-Ups und Rollenspielen. Ich lese sämtliche pädagogische Literatur, die ich finden kann. Das sind dann die ruhigen, hoffnungsvollen Momente. Maike im Studierzimmer, voller Fantasien im Kopf von TOLLEM Unterricht. Aber leider muss man sagen, dass die schönsten Momente doch die Freitag Abende sind. Am Freitag ist immer eine ganze Woche geschafft. Unendliche Erleichterung. Das muss gefeiert werden! Auch Samstag ist noch schön. Aber am Sonntag morgen schon kommt dieses drückende Gefühl im Hals und in der oberen Magengegend zurück. Die Stunden bis zum Montag Morgen laufen durch wie Sand und Gemütlich-Tatort-Gucken am Sonntag Abend trägt auch nicht mehr zur Entspannung bei. Oft ertappe ich mich dabei, dass ich auf den Fernseher starre und gar nicht richtig zuhöre, weil meine Gedanken schon wieder bei meinen perfektionistischen Unterrichtsvorbereitungen sind. Also erfasse ich oft den einfachsten Tatort-Plot nicht mehr, lasse nur die Bilder an mir vorbeilaufen. Der Tatort ist einfach nur eine beruhigende und tröstlich vertraute Konstante, ein Ritual, die kurze angenehme Auszeit vor dem nächsten ängstlich erwarteten Sturm. Wie eine Spieluhr, die ein unruhiges Kind in den Schlaf dösen lässt. 

Und dann kommt unausweichlich der Montag. Am Montag ist es am schlimmsten. Alle scheinen völlig Gaga zu sein. Bloody Monday. Bloody Hell. Was am Freitag geschafft war und vielleicht sogar Anlass zu ein wenig Hoffnung gegeben hat, ist am Montag komplett im Arsch. 

Das kommt, weil für die Kids das Wochenende am schlimmsten ist, erklärt mir Lena bei einer Zigarette. Da geht bei denen alles drunter und drüber und die sind den Problemen in ihren Familien volle Kanne ausgeliefert. 

Ich nicke, verstehe aber gar nichts. Was für Probleme denn? Ich will eigentlich nur meine Unterrichtsvorbereitungen durchkriegen. Mal EINE Stunde geben, wo irgendwas gelernt wird. Oder ach Quatsch. Wo einfach mal alles EIN BISSCHEN entspannter ist. Ruhiger. Das wäre ja schon mal was. 

Aber es klappt nicht. Meine emsig vorbereiteten Stunden lösen sich grundsätzlich nach wenigen Minuten im üblichen Irrsinn auf. Ok, dann versuch ich also mal Stundenvorbereitung Nummer zwei. Nach ca drei Minuten – gescheitert. Ok. Stundenvorbereitung Nummer drei. Nach zehn Minuten – gescheitert. Ok. Stundenvorbereitung Nummer vier… Es ist zum Heulen. Ich finde einfach nicht heraus, was ihnen Spaß machen könnte. Wie ich ORDNUNG in dieses Chaos bringen kann. Wenn ich es nur einmal schaffen könnte, dass sie sich für IRGENDWAS interessieren. Besonders deprimierend ist meine Erkenntnis, dass sich Ruhe – als Minimalanforderung – am ehesten herstellen lässt, wenn ich todeslangweilige Arbeitsbögen verteile. Dann dämmert der Großteil der Klasse immerhin einigermaßen leise 45 Minuten vor sich hin. Von kleineren Ausfällen und den üblichen Ausrastern einzelner Jungs mal abgesehen. Richtig furchtbar aber wird es, wenn ich MOTIVIERENDEN, GUTEN Unterricht machen will. Wenn sie in Gruppen zusammen was rausfinden, selbst gestalten und präsentieren sollen. Das, was Herr Böhm an dieser Schule erfolgreich als „Kuschelpädagogik“ tagtäglich abwertet. Solche Versuche kann ich gleich vergessen. „Ey, ich will RISCHTISCH Deutschunterricht, nicht so schwule Scheiße!“. (Rischtisch Deutschunterricht ist für die Jugendlichen die „Gu-ten-Mor-gen-Herr-Böhm-Nummer“ mit anschließendem Frontalunterricht. „Jetzt schmeißen Sie doch endlich mal die raus, die laut sind!“. (Ich denke: Ha, ha, also alle?) „Sie müssen uns nur endlich mal rischtisch zusammenscheißen! Sie sind zu NETT“. „Ey, gib ma Klassenkonferenz!“

Aha. 

Klassenkonferenz. Das ist auch sowas, was ich vorher nicht kannte. Ein durch und durch autoritär gedachtes Tribunal:

Der Delinquent bzw. die Delinquentin wird zu einem bestimmten Termin in die Schule bestellt. Dort wird er oder sie von einem Gremium der unterrichtenden Lehrer*innen schön der Reihe nach zum unhaltbaren Problemfall erklärt. Jede Lehrkraft erhält ausreichend Raum, das als Fehlverhalten identifizierte Handeln des Schülers bzw. der Schülerin detailreich zu beschreiben. Dies wird auch genüsslich ausgekostet, denn es ist die einzige Möglichkeit für die geschundenen Seelen der völlig runtergerockten Lehrer*innen sich ein wenig Trost und Kompensation für die zahlreichen erlittenen Demütigungen zu verschaffen. Endlich darf sich die Lehrkraft hier mal so richtig vor allen anderen entlasten und gleichzeitig Macht demonstrieren. Aufzählen, was mir angetan wurde von diesen VOLLPFOSTEN. Um dann im Anschluss gemeinsam eine GERECHTE SANKTION gegen diese unerzogene Göre zu beschließen. Hach. Endlich ein bisschen Gerechtigkeit. Nach außen reden natürlich alle nur „vom Besten für das Kind“ und von „pädagogischen Maßnahmen“. Während die eingeschüchtert da sitzende, selten Deutsch sprechende Mutter mit erschrockenen Augen stumm dabei sitzt und nur Bahnhof versteht – und dann am Ende – nach der Urteilsverkündung – in herzzerreißendes Weinen ausbricht. Denn meistens lautet die „Sanktion“, äh pädagogische Maßnahme: Umsetzung an eine andere Schule. Rausschmiss also. Das versteht dann auch die Mutter. Für den Delinquenten – meistens waren es Jungs – eine unerträgliche Scham: Vor der Mutter so herabgewürdigt zu werden und Auslöser für diese Tränen zu sein. Und: Aus allem raus gerissen zu werden, was vielleicht gerade angefangen hatte, ein bisschen Sicherheit zu geben.

Ich hatte schon gehört vom berühmten „Hauptschulkarussell“. Viele Jugendliche kompensierten ihre Demütigung, indem sie sich auf dem Schulhof genau damit brüsteten. Quasi ein konstruktives „Reframing“ einer anders nicht zu ertragenen Herabsetzung: Das ist schon meine fünfte Schule, wallah. Echt? Fünfte erst? Ich muss nur noch Kepler. Alle anderen war ich schon… ABO!…! (Die Kepler Hauptschule galt unter den Schüler*innen als die letzte Station). 

Das Setting der sogenannten Klassenkonferenz war insofern interessant, als alle von einem „pädagogischen Format“ sprachen, in dem „alle gemeinsam im Gespräch zu einer „pädagogischen Maßnahme im Sinne des Kindes“ kommen wollten. Und tatsächlich wurde zwar sehr viel geredet, aber „der Delinquent“ selbst hatte zu keinem Zeitpunkt eine ernst gemeinte Möglichkeit, SEINE Sicht der Dinge ebenfalls darzustellen. Zu seiner Verteidigung wurde ihm offiziell der gegenwärtige Schülersprecher zur Seite gestellt. Meistens ein ängstlicher, weißer Junge mit Pickeln, Typ Streber, der ganz genau wusste, in welcher misslichen Lage er sich befand: Zum Schülersprecher nur deswegen gewählt, weil sich alle anderen Schüler*innen jeglicher Zusammenarbeit mit dem System Schule verweigerten und offen rebellierten und jetzt quasi als „Verräter-Kartoffel“ in der sehr unschönen Situation befindlich, als demokratische Strohpuppe genau diejenigen stotternd und völlig wirkungslos verteidigen zu müssen, die ihn dafür zwei Stunden später aus Rache auf dem Schulhof verprügeln oder „abziehen“ würden. Was im Klartext hieß: Turnschuhe weg, Handy weg und paar auf die Fresse. Dementsprechend wirksam fiel auch immer die „Verteidigung“ aus. 

Nachdem ich das erste Mal ein solches Tribunal besucht hatte, musste ich danach erstmal drei Stunden schlafen, um mein kleines Trauma der Schuld zu bewältigen: Nämlich das schreckliche Gefühl der Scham, dieser Veranstaltung wort-und tatenlos beigewohnt zu haben, ohne auch nur einmal das gesagt zu haben, was offensichtlich war: Das hier ist eine abgrundtief verlogene Farce! Unverantwortlich und vor allem unmenschlich bis zum Irrwitz! 

Warum sagte ich das nicht? Warum saß ich da rum, knetete meine Hände im Schoß und hoffte, nichts sagen zu müssen? Es lag an einem moralischen Dilemma, das ich empfand. Meistens kamen die entsprechenden Kollegen schon ein, zwei Tage vorher auf mich zu und schütteten mir vermeintlich ihr Herz aus. Plötzlich schlugen sie einen ganz persönlichen Tonfall an. Wie FURCHTBAR der Schüler Soundso sei und dass „man den jetzt endlich abschulen könne“, ob ich da nicht in der Klassenkonferenz auch meinen „solidarischen Beitrag dem Kollegium gegenüber leisten könne“, denn die arme Frau Soundso sei ja schon dauererkrankt und der Herr Soundso kurz vorm Burnout und da „müsse man jetzt wirklich mal Seite an Seite zusammenstehen“ und die rechtlichen Mittel der Schule nutzen, um sich gegen diese „Gangster-Mafia“ zur Wehr zu setzen. Also: Wir rechnen fest mit Ihrer Solidarität, Kollegin Plath… 

Ich war verwirrt. Mir ging es schlecht. Ich wollte solidarisch sein. Aber irgendwas schien mir an der Sache ganz und gar falsch zu sein. War es nicht meine Aufgabe, solidarisch mit den Jugendlichen zu sein? Und wieso musste ich mich überhaupt für die einen und dann zwangsläufig GEGEN die anderen entscheiden? Vor allem: Ich fühlte mich wie ein Alien. Ohne Verbündete. Irgendwie abgetrennt von allen. Was MACHTE ich hier eigentlich an dieser seltsamen Institution? Außer mit Lena wechselte ich in dieser Zeit mit kaum jemandem an der Schule ein persönliches, wärmendes Wort. Die meisten Kollegen*innen behandelten mich wie eine Auszubildende im hierarchisch schlechtesten Sinne. Sie redeten mit mir, als wäre ich 12 und wüsste nicht, wo der Kopierer angeht. Geschweige denn, wie man Schüler*innen unterrichtet. Völlig nutzlos, immer wieder zaghaft anzubringen, dass ich bereits 8 Jahre an einer anderen Schule unterrichtet hatte. Ich kam mir auch zunehmend blödsinniger vor, Sätze mit „Also an meiner alten Schule…“ anzufangen. Es interessierte (logisch!) keinen. Kann mensch natürlich auch verstehen. Jetzt war ich ja hier. Gestern war gestern. Aber in der völligen Ignoranz meiner Person und meinen bisherigen Erfahrungen lag auch etwas Feindliches, das ich mir nicht erklären konnte. Ich war doch nett! Ich war freundlich. Ich bemühte mich doch! Aber auch das interessierte keinen. Bei den Jugendlichen war es nicht anders.

Das Drama eines hohlen Selbstwerts, der sich unablässig an äußerer Bestätigung nährt, beginnt in der Kindheit, wenn wir lernen, Liebe mit Anerkennung zu verwechseln. Eigentlich wissen wir das ja alles: Menschen, die als Kind lernen, dass sie unabhängig von ihren Leistungen – einfach um ihrer selbst willen – geliebt werden, haben es später einfacher, sich selbst zu lieben, also Integrität zu entwickeln, und sie sind deshalb unabhängiger von äußerer Anerkennung und Lob – und deshalb auch weniger anfällig für autoritäre Systeme. Sie stehen quasi auf sicheren Füßen und laufen nicht so sehr Gefahr, sich entgegen der eigenen Bedürfnisse zu verbiegen. Und wer die eigenen Bedürfnisse kennt und ernst nimmt und sich in der Folge weniger verbiegt, muss weniger brüchigen Selbstwert kompensieren, braucht also weniger Bestätigung von außen. 

Leider ist so eine bedingungslose Liebe als Basis für den Selbstwert alles andere als der Standard und viele von uns sind daher leider nicht frei vom Bedürfnis nach äußerer Anerkennung. Deshalb wäre es allerdings umso wichtiger, einen möglichen Mangel an Liebe bei sich selbst als das zu erkennen, was es ist und diese Tatsache anzunehmen, statt diesen Mangel fälschlicherweise ständig mit äußerer Bestätigung auffüllen zu wollen. Denn das ist logischerweise ein Fass ohne Boden: Keine äußere Anerkennung der Welt wird einen Mangel an Liebe ersetzen. Aber es gibt eine andere Medizin: Lernen, sich selbst zu lieben. Seine Bedürfnisse, Grenzen, Schwächen, aber auch die eigenen Fähigkeiten sehen und anerkennen lernen und anfangen, sich damit zu mögen. Harte Arbeit – aber dafür ist es nie zu spät.

Und dass das wirklich stimmt, bemerkte ich daran, wie überraschend wirksam bei mir bereits allein die wenigen Eindrücke und Erfahrungen im Referendariat und in Bullerbü waren: Zwar kippte ich aufgrund meiner langjährigen sozialen Prägung erstmal quasi automatisch in den ängstlichen Anpassungsmodus zurück, als ich mit dem Regime des Sheriffs in Berührung kam. Aber darunter hatte sich in den wenigen vorangegangenen Jahren durch Frau Thiele und Dieter ein kleines Selbstwert-Pflänzlein gebildet. Und dieses Pflänzlein wirkte im Untergrund – auch wenn ich nach außen noch den widerspruchslosen Anpassungsroboter gab. Im Gegensatz zu früher war da jetzt so ein kleiner, zarter Wille zum Widerstand bzw. zur Rebellion. Ich traute mich das zu dem Zeitpunkt gar nicht zu denken, geschweige denn, auszusprechen, aber gefühlt brannte da etwas wie auf sehr kleiner Flamme, still und beharrlich vor sich hin. Bevor diese kleine Kraft im Untergrund jedoch eine Chance bekam, wirkte zunächst einmal mit aller Macht meine tief verinnerlichte soziale Prägung und manövrierte mich nahezu in die Selbstaufgabe.

Nach vier, fünf Monaten war es soweit: Ich fing an, aufzugeben. Ich hatte mich in der einschläfernden „Arbeitsbögen-Taktik“ eingerichtet und einen Zustand erreicht, in dem ich die Stunden mit den Jugendlichen einigermaßen überleben konnte. Reinkommen. Auftrag an die Tafel schreiben – denn Sprechen war sinnlos, es hörte sowieso keiner zu – dann Arbeitsbögen verteilen, dann ans Pult setzen und warten, bis die Stunde um war. Hin und wieder aufstehen, wenn ein Mädchen sich gelangweilt meldete (Jungs meldeten sich nie), hingehen, eine Frage beantworten, wieder nach vorne gehen, wieder ans Pult setzen, warten. Sobald ich irgendeinen Versuch unternahm, diese bleiernde Langeweile zu durchbrechen, rasteten einzelne Schüler*innen aus oder – im besten Fall – blökten mich an: Oh man, erzähls doch der Wand, Frau Plath. Auch der klägliche Hinweis auf ihre Noten, (welch peinliches Druckmittel!, dachte ich beschämt), prallte voll an ihnen ab. Am besten tragen Sie bei mir gleich ne Sechs ein, wird sowieso nicht besser, und dann hat jeder seine Ruhe, war die Reaktion. Meine anfänglichen Argumentationsversuche wurden dann mit „Ey, jetzt nerv ma nicht!“ gekontert. Und das war die warmherzige Variante. Es ging bedeutend schlimmer. Meine Versuche, „ganz tollen Unterricht mit Medieneinsatz, Gruppenarbeit, Rollenspielen und anderem Gedöns“ zu machen, waren also nach wenigen Wochen bereits so dermaßen kläglich gescheitert, dass ich mir davon noch immer meine Wunden leckte und keine Kraft hatte, neue aktionistische Versuche zu machen, die Welt zu verändern. Im Kollegium schien man das beruhigt zur Kenntnis zu nehmen. Nicht, dass jemand das Wort an mich gerichtet hätte, aber offenbar sah ich aus wie Jack Nicholson nach der Elektroschock-Behandlung in „Einer flog über das Kuckucksnest“… Von mir ging jedenfalls keine Gefahr mehr aus, irgendjemandem mit nervig-hoffnungsvollen Ideen auf den Sack zu gehen. Gottseidank. Sie nervt nicht mehr. Und die Jugendlichen schienen dasselbe zu denken. Gottseidank. Sie nervt nicht mehr. Also business as usual. Es war der Punkt erreicht, den ich wenige Jahre später so unfassbar treffend in der Fernsehserie „The Wire“ (vierte Staffel) dargestellt fand: Dem Lehrer Presbelucci wird als „Tipp, um die Klasse ruhig zu halten“ geraten, die Heizungen im Klassenraum voll aufzudrehen, „denn dann

werden die Kids müde, und Sie haben Ihre Ruhe“. Angetäuschter Frontalunterricht (etwas an die Tafel schreiben) und Arbeitsbögen austeilen hatte einen ähnlichen Effekt. Es gab Momente, in denen ich dachte: Was willst du denn, Frau Plath? Ist doch ein easy Job: Du bekommst ordentlich Gehalt, musst nix mehr vorbereiten, nur so am Pult rumsitzen und warten, bis die Stunde vorbei ist. Und bloß keine Aufregung erzeugen, denn dann eskaliert alles, und die Polizei muss gerufen werden, und du bist die Deppin, die vor allen anderen so dasteht, als „hätte sie ihre Klasse nicht im Griff“. Jetzt allmählich dämmerte mir, dass das kein Scherz gewesen war: Diese „Minimalanforderung“, die es zu erfüllen galt, dass „die Polizei nicht kommt“. DAS war also gemeint gewesen… Es galt, die Klasse still zu kriegen. Alles andere: Egal.

Ok. Dann heul jetzt mal nicht rum, dachte ich. Konzentrier dich doch einfach auf dein Privatleben. Andere würden dich beneiden! Bisschen rumsitzen und Geld einstreichen. Gesagt getan. Ich konzentrierte mich also auf mein Privatleben. Berlin ist dafür ja nicht die schlechteste Adresse. Ich ging ständig aus, ins Kino, ins Theater, Essen und in nette Kneipen im Prenzlauer Berg und überall dorthin, wo sowieso scheinbar niemand ernsthaft an Arbeit dachte. Mir kam es insgesamt in der Zeit so vor, als wäre ich die einzige, die arbeiten ging. Alle anderen machten Kunst oder irgendwelche interessanten „Projekte“, die es nicht erforderten, dass mensch vor 14 Uhr aus dem Bett kam. Das war bei mir natürlich anders, ich musste um 8 in der Institution sein, aber weil ich immer schon um 14 Uhr fertig war (Kopierer AUS, und wer länger bleibt, „verdirbt die Preise“), also dann, wenn die anderen mit frühstücken fertig waren, konnte ich noch ausreichend Schlaf nachholen, bevor es abends mit dem angenehmen Teil des Tages losgehen konnte. Zwischendurch dachte ich immer wieder daran, vielleicht doch unten im Schuhladen als Verkäuferin anzufangen. Ja, man kann es nicht anders sagen: Ich war gestrandet. Das Pflänzlein schien eingegangen zu sein. Die Glut ging aus. Fast.