Mein neues Buch ist bestellbar – Aktuelle Blogeinträge findet ihr links in der Leiste unter „Maikes Blog“!

Ich freue mich, euch mein bisher umfangreichstes, persönlichstes und schönstes Buch zu präsentieren!

Im Buchhandel könnt ihr es unter der ISBN 978-3-7460 1449-4 bestellen.

Ich hoffe, dass es euch gefällt und ermutigt.

Passend dazu unser neustes Video auf YouTube:

Viel Spaß!

Medizin für mehr Menschlichkeit – Fernsehserien und Filme

Eine gute Fernsehserie ist nicht nur unterhaltsam. Sie kann auch noch mehr. Sie trägt im besten Fall ein Stück weit zum Weltfrieden bei. Vielleicht.

Bei allem, was ich derzeit lese, habe ich den Eindruck, dass uns immer mehr die Menschlichkeit abhanden kommt. Der Mord an einem 15-jährigen Mädchen wird skrupellos ausgenutzt, um gegen Menschengruppen zu hetzen und den Hass zu schüren. Nur EIN Beispiel für das komplette Verschwinden von Menschlichkeit und Solidarität. Derzeit erleben wir täglich neue weitere Beispiele – oder müssen in der Zeitung davon lesen – und deswegen braucht es hier in diesem Text keine weiteren Beispiele mehr. Wir haben sie alle im Kopf.

Für die AFD und alle Menschen, die sich dieser Geisteshaltung anschließen, ist die „Flüchtlingskrise“ offenbar ein großes „Geschenk“, denn nun können sie ihre eigene Frustration endlich wieder an einer klar umrissenen Menschengruppe auslassen. Endlich hat der deutsche Frust-Mensch, egal ob „kleiner“ oder „großer“ „gebildeter“ Bürger, wieder ein Feindbild, auf das die eigene innere Hässlichkeit/Unzufriedenheit/Lebensenttäuschung drauf projiziert werden kann.

Wer sich einer Geisteshaltung wie der der AFD anschließt, kann Menschen ganz offensichtlich nicht mehr als Menschen betrachten und hat jegliches Mitgefühl verloren. Von Solidarität ganz zu schweigen.

Ich bin darüber zunehmend verstört. Trotzdem machen wir mit unserer Arbeit unbeirrt weiter, denn man darf den Mut nicht verlieren.

Neulich dachte ich: Vielleicht sollten die Leute mehr Fernsehserien schauen.

Denn wer sich nicht mehr in die Perspektive eines anderen Menschen hineindenken kann, dem kann eine gut gemachte Serie vielleicht noch den ein oder anderen Horizont eröffnen. Dort tauchen wir in die Innen- und Außenwelten anderer Menschen ein, bekommen plötzlich ein sehr klares Bild davon, wie sich das Leben von russischen Agenten in den 80-er Jahren in den USA wohl angefühlt haben könnte (The Americans), das von Kleingangstern in den 30-Jahren (Peaky Blinders) oder heute in Neukölln (4 Blocks) oder oder oder. Inzwischen gibt es zu fast jeder Lebenswelt eine entsprechende Serie und sie werden immer besser.

Ich meine das nur halb im Scherz. Die wichtigste Kompetenz, die uns derzeit scheinbar abhanden kommt, ist die Fähigkeit, uns menschlich einzufühlen in die „anderen“ und dabei zu erkennen, dass wir als Menschen alle dieselben Grundbedürfnisse, Erwartungen, Hoffnungen und Ängste haben.

Wir zeigen morgen keine Fernsehserie, aber unseren Film „Amers Geschichte“. Und da kann man sich eine Stunde lang einfühlen, wie es einem geflüchteten Jugendlichen aus Syrien hier in Deutschland geht, was er erlebt, hofft und träumt und wie ER auf seine Situation blickt. 60 Minuten Eintauchen in den Kopf eines anderen Menschen:

Das kann morgen Abend machen, wer Lust dazu hat und neugierig ist, wie sich das Leben aus anderen Perspektiven als der eigenen heraus anfühlt  –

Im Moviemento Kino am Kottbusser Damm um 20 Uhr.

Und auch insgesamt bleiben wir in diesem Sinne dran – und hoffen, dass euch das ermutigt, ebenfalls „dran zu bleiben“. Verzweifeln nützt ja nix. Wir sehen uns.

„Ich habe zuviel Hass gesehen, als dass ich selber hassen möchte“.

(Martin Luther King)

 

 

 

Geht nicht gibt`s nicht. Abenteuer Film und andere Einsichten zur Premiere am 14. Juni 

So! Nach meinem „Durchdrehen-Text“ hier noch mal ein paar ernstere Worte zu unserem kommenden Projekt am Heimathafen:

Diesen Donnerstag (14. Juni) haben wir Premiere im Heimathafen und der Puls ist auf 180. Viele von euch werden da wahrscheinlich schmunzeln und denken: Wie immer halt… aber nee. Es ist NICHT wie immer.

Also erstens: Ich glaube, ich kann sagen, dass ihr in dieser Produktion die Jugendlichen so seht, wie ihr sie noch nie gesehen habt – persönlicher und gleichzeitig „abgefahrener“ – in der Figur, die sie jeweils für sich entwickelt haben.

Aber zweitens möchte ich eben hier AUCH vom Scheitern sprechen. An anderer Stelle. Die Jugendlichen sind NICHT gescheitert. Aber ich. Und das kam so:

Wir haben dieses Jahr etwas Neues versucht. Und zwischendurch stand so manches Mal alles auf der Kippe. Und wir wussten nicht mehr weiter. Wir wollten einen Film drehen UND Theater machen UND eine Geschichte erzählen UND natürlich ALLES partizipativ.

Tja, und das hat nicht immer geklappt – also das mit dem „IMMER alles partizipativ“: Es gab Momente, in denen mir der Arsch auf Grundeis gegangen ist und ich gemerkt habe: Film ist ein Monster – und es geht nicht ALLES partizipativ. Und das war schwer auszuhalten, denn was diesen Aspekt der Machtverhältnisse angeht, bin ich inzwischen über-sensibilisiert:

Ich sehe in meiner täglichen Arbeit, was tatsächliche Partizipation an unendlichen Möglichkeiten aufmacht und wie wichtig das ist – genau jetzt in unseren gegenwärtigen Zeiten. Und dennoch musste ich bei all dem, was wir uns vorgenommen hatten, an manchen Stellen meinen Anspruch an hundert-prozentige Partizipation aufgeben.

Denn wie gesagt: Film ist ein Monster. Ein Ungeheuer. Mit vielen (unvorhergesehenen) Tentakeln. Die einen ganz im Ernst verschlingen bzw. zerdrücken können. Haben wir jetzt erlebt. Check.

Wir haben uns diesem Monster gestellt – aber wir wären auf der Strecke geblieben, hätten wir nicht an der ein oder anderen Stelle mal gesagt: „So – und hier ist jetzt „Ende Gelände“. Hier müssen wir entscheiden und handeln, sonst gehen wir unter.“

Denn wir waren schon zu weit ins Dickicht vorgedrungen, es gab keinen Weg zurück – außer, zu sagen: „Dieses Projekt ist zu groß. Dieses Projekt geht nicht“. Wir hätten hinschmeißen müssen. Aber: „Geht nicht“ gibts ja nicht. Also sind wir weiter gegangen.

Und dass die Jugendlichen diesen Weg mit gegangen sind, das wiederum hat mit Partizipation zu tun. Denn alle Jugendlichen bei uns wissen, dass sie jederzeit Veto machen können. Sie alle sitzen inzwischen ziemlich sicher im Sattel der Selbstbestimmung, die sie ansonsten von uns kennen.

Und so harrten sie dann auch mal einen ganzen Tag auf einer Wiese in Marzahn im Regen aus – ohne mitbestimmen zu können.

Sie wussten: Scheiße, wenn Lukas und Maike jetzt nicht sagen, wo es längs geht, dann sitzen wir hier noch bis 2020 im Matsch. Aber sie haben es mit Humor genommen. Sie verzeihen uns offenbar, dass auch wir mal scheitern.

Und auch der Schnitt. Da habe ich noch keine Lösung, wie 20 Leute schneiden können. Oder anders gesagt: Ob das überhaupt sinnvoll ist. In unserem Fall haben das Lukas und Sinan gemacht. Und ich habe versucht, das Ganze konzeptionell so zu bauen, dass alle mit ihren Geschichten sinnvoll und selbstbestimmt darin repräsentiert sind. Aber ich sehe eben auch, dass ich in diesem Jahr so etwas wie die Quadratur des Kreises wollte. Und dass mit Sicherheit mehr Partizipation möglich gewesen wäre. Aber dann hätten wir anders und viel einfacher anfangen müssen. Mein Fehler.

Und dafür, dass wir uns einem so hierarchisch angelegten Konstrukt wie dem Filme-Machen dann doch auf so partizipative Weise genähert haben und – mit Abstrichen – dann doch so viele (!) „Das-geht-nicht-partizipativ! – Behauptungen“ in diesem Feld widerlegt bzw. als Lüge entlarvt haben – darauf sind wir stolz. Denn von da aus geht noch so EINIGES. Das macht mir gute Laune.

Und – last but not least- wisst ihr ja, dass ich das Scheitern immer als Startpunkt für ein noch „knackigeres Nachdenken und Neuerfinden“ sehe – insofern: Nächsten Herbst geht’s weiter. Und ich freue mich sehr darauf. Wir haben halt nie ausgelernt. Ihr glaubt mir das ja immer nicht – aber ich meine das wirklich ernst: Es ist nie zu Ende – Raus gehen. Scheitern. Neu versuchen. Besser Scheitern. (Macht SO viel klüger, als „alles-immer-schon-zu-wissen“. Skala statt Tabelle…!).

Und jetzt gehen wir in die Theater-Endproben und bis Donnerstag geht’s rund. Und dann sehen wir uns vielleicht dort: Bei etwas Neuem. Bei der Premiere zu „Ich 2“ am Heimathafen Neukölln. Ihr seid herzlich eingeladen.

P.S. Das Film-Projekt „Amers Geschichte“ hat ähnliche Fragen aufgeworfen. Aber da habe ich aus verschiedenen Gründen sehr viel radikaler auf Partizipation gesetzt – weil es möglich war. Doch dazu später mehr. Schaut euch gerne auch „Amers Geschichte“ am 18. Juni im Moviemento Kino am Kottbusser Damm an.

Ich bin gespannt. Gerade durch die zeitgleiche Arbeit an BEIDEN Projekten bin ich im ständigen Ringen um Partizipation doch noch um ein paar interessante Erkenntnisse reicher geworden…

Aber diese Geschichte geht natürlich immer weiter… – Wir sehen uns.

 

 

Hochachtung für den Lehrberuf

Oder: Die Kunst, eigenständige Prozesse zu ermöglichen – und warum wir diese Kunst nicht vernebeln sollten und die “Schildkröte” grundsätzlich beim Namen nennen sollten.

(c) Friederike Faber

Zum ZEIT Artikel „Plötzlich ist der Wurm drin – Deutschlands Grundschulen sind in Gefahr: Es fehlen Tausende Lehrer und die Leistungen brechen ein. Wie konnte es soweit kommen?“ (DIE ZEIT, 30. Mai 2018, Chancen, Seite 61,62)

In der letzten ZEIT Ausgabe erfahren wir im oben genannten Artikel von Martin Spiewak: „Die Personalnot erwischt die Grundschulen zum ungünstigsten Zeitpunkt. Kein anderer Lernort in Deutschland steht stärker unter Druck. Die Grundschule ist die einzige Schule für alle Kinder; ihre Lehrerinnen und Lehrer nehmen viele Entwicklungen zuerst wahr: Dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Dass zu den einheimischen Migranten Hunderttausende Flüchtlinge hinzukommen. Dass sich in einem Teil der Elternschaft pädagogisches Analphabetentum breitmacht. Dass Inklusion viel schwieriger ist, als gedacht. Die Grundschulen sind ein Frühwarnsystem für Erfolg oder Misserfolg der Schule insgesamt“.

Gegen diese Not sollen Seiteneinsteiger die Lösung sein:

„Was in anderen Professionen undenkbar ist, wird an immer mehr Grundschulen Praxis: Seiteneinsteiger ohne pädagogischen Abschluss ziehen in die Schulen ein…“

Im Gegensatz zu Herrn Spiewak ziehe ich die Qualität unserer pädagogischen Abschlüsse , insbesondere des Referendariats, in Zweifel. Aber grundsätzlich sehe auch ich eine zunehmend naive Haltung auf das, was Lehrkräfte in Wahrheit KÖNNEN müssen. Ob da unsere derzeitige pädagogische Ausbildung so viel weiter hilft, sei mal dahin gestellt. Fakt bleibt aber, dass immer mehr Leute offenbar erstaunt sind, dass Jugendliche eben nicht so ohne weiteres selbständig lernen, denken und handeln und unsere hehren Bildungsziele sich nicht „einfach so“ erreichen lassen.

Dazu mein folgender kleiner Essay:

Stellen wir uns drei Schulklassen vor. In allen drei Klassen lautet das Ziel, dass die Schüler*innen selbständig denken und handeln lernen sollen. Am besten auch noch kreativ. Und vergleichen wir mal spaßeshalber, was in diesen drei Klassen im Verlaufe eines Schuljahres an Fortschritt passiert ist. Auf der Basis meiner Erfahrungen mache ich hier mal folgende drei Möglichkeiten auf:

In der ersten Schulklasse ist nach einem Jahr genau gar nichts passiert. Alle haben irgendwie und mit großem Aufwand und vielen Gesprächs-Stuhlkreisen alles mögliche ausdiskutiert, viele bunte Karten an der Wand befestigt und versucht, alles richtig und ganz toll kreativ zu machen – aber raus gekommen ist – NICHTS.

In der zweiten Schulklasse ist im Verlaufe des Jahres Chaos ausgebrochen. Alle sind miteinander verstritten und frustriert. Die Jugendlichen „machen, was sie wollen“, aber in Wahrheit offenbar nicht, denn dann müssten sie ja bessere Laune haben. (…!) Die haben sie aber ganz offensichtlich nicht. Ganz im Gegenteil sind alle frustriert und latent aggressiv. Die Lehrkraft hat den Eindruck, dass ein solcher „Sauhaufen“ eben auch nicht selbständig arbeiten KANN und es das nächste Mal wieder „klare Ansagen“ braucht.

In der dritten Schulklasse sieht es im Verlaufe des Jahres nach außen manchmal etwas chaotisch und ungeordnet aus. Aber überraschenderweise hat diese Klasse am Ende eines Jahres einen Naturwissenschafts-Wettbewerb gewonnen, einen Film gedreht, ein Theaterstück entwickelt und aufgeführt und ist zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen gewachsen, die bestens im Team zusammen arbeitet.

Am Ende ist die allgemeine Meinung: Alle Jugendlichen in allen drei Klassen haben in diesem Jahr ganz selbstbestimmt und eigenmächtig gearbeitet. Aber die Jugendlichen in der dritten Klasse waren einfach die „tolleren Jugendlichen“. Da hat die Lehrkraft Glück gehabt.

 

Genau diese allseits verbreitete Ansicht ist der Grund dafür, warum der Lehrerberuf kein Ansehen genießt und das Wort Pädagogik bei den meisten Würge-Reflexe auslöst.

Denn drunter liegt folgendes:

In der ersten Schulklasse war die Lehrkraft menschlich in der Lage, Beziehungen aufzubauen. Deswegen blieb die Stimmung im ganzen gut. Aber es wurde nichts oder wenig gelernt und schon gar nichts entwickelt oder produziert, weil die Lehrkraft dachte, dass es ausreicht, die Jugendlichen „selbständig arbeiten zu lassen“ – ohne Ideen zu haben, welche Impulse und Strukturen es braucht, damit Menschen LERNEN, selbständig zu arbeiten, ihren eigenen Ideen zu vertrauen und diesen eine entsprechende Form zu geben.

In der zweiten Schulklasse glaubte die Lehrkraft selbst nicht daran, dass Jugendliche „selbständig arbeiten“ können. Sie hielt das Projekt von vornherein für gescheitert. „Wenn man denen nicht sagt, wo es längs geht, passiert doch nix!“ dachte die Lehrkraft. Obwohl sie dies nicht sagte, strahlte sie diese Haltung ein Jahr lang aus.

Dadurch konnte keine vertrauensvolle Beziehung zwischen Lehrkraft und Jugendlichen entstehen. Diese Klasse war also doppelt allein gelassen: Ohne funktionierende Beziehungs- und Kommunikationskultur und ohne konkrete Impulse, Strukturen und Ideen seitens der Lehrkraft, wie selbständige Denk- und Arbeitsprozesse denn überhaupt fruchtbar werden KÖNNEN. Den Frust darüber ließen sie also zunehmend aneinander und an der Lehrkraft aus. Am Ende des Jahres war nichts entstanden außer Erleichterung bei allen Beteiligten, dass es jetzt endlich vorbei war und sich alle in die Ferien verabschieden konnten.

 

In der dritten Schulklasse war die Lehrkraft GANZ OHNE ZWEIFEL ein*e „Zauber*in“, bzw. eine „Schildkröte“ – also eine sehr erfahrene Expert*in demokratischer Führung. Gerade WEIL die Jugendlichen TATSÄCHLICH alles „alleine“ und selbstbestimmt entwickelt und das Ganze zu einem sichtbaren ERFOLG gebracht hatten, muss es eine sehr versierte und kluge Führung seitens der Lehrkraft gegeben haben. (Denn anders ist es gar nicht möglich).

 

Diese Kunst (der klugen Führung) ist eine der wichtigsten, die wir derzeit in unserer Welt brauchen. Aber wir können nie wirklich anfangen, diese hochkomplexe Fähigkeit in der Tiefe zu vermitteln, weil wir sie scheinbar gar nicht BENENNEN wollen.

Denn der Weg dahin, auf diese Weise – nämlich zur Mündigkeit hin – zu führen, ist sehr anstrengend, mühevoll und hochkomplex. Wer diese Kunst lernen will, muss einen langen Atem haben und den Willen, auch sich selbst immer wieder in Frage zu stellen, an sich zu arbeiten und niemals aufzuhören, immer besser werden zu wollen. Und dies anhand von ausformulierten Qualitäts-Maßstäben, bzw. wie ich es nenne: Anhand von Koordinaten, die unserem Denken, Handeln und Weiterdenken eine professionelle Richtung geben.

Mir fallen in Bezug auf diese Kunst (etwas albern, aber ihr wisst schon, wie ich es meine) berühmte Filme ein wie Starwars, in denen es um die Ausbildung zum Jedi-Ritter geht, oder Bücher wie Siddartha von Hermann Hesse. „Ein Meister werden zu wollen“ geht eben nicht in zwei, drei Abendkursen und „einfach irgendwie mal so“…

Das Schlimmste aber an unserer heutigen Situation ist, dass diejenigen, die diese hohe Kunst beherrschen, am Ende zu hören kriegen, dass sie nur „Glück“ – nämlich „tolle Jugendliche“ – hatten.

Zweifellos sehen solche Lehrkräfte ihre Schüler*innen genauso: Sie sehen das „Tolle“ in ihnen. Das ist aber etwas anderes, als das, was mit dieser hingeworfenen Bemerkung gemeint ist. Wer sagt: Ach, da hattest du ja Glück, dass du so „tolle Jugendliche“ hattest, entwertet damit die Leistung der Lehrkraft. Und tut so, als bräuchte es gar keine professionelle Führung, bzw. als sei diese ein Kinderspiel – nicht der Rede wert – die Kinder können es ja alles allein. Aber das können sie – zunächst – eben nicht.

Ich habe immer wieder gezögert, diese Tatsache so klar zu benennen, weil ich immer befürchtete, dass es dann so wirken könnte, als wolle ich mal wieder „nur Werbung für mein Konzept“ machen. Das will ich natürlich auch, weil ich daran glaube, dass es – natürlich neben vielen anderen guten Ideen – tatsächlich eine Lösung bietet. Aber darum geht es hier gar nicht in erster Linie.

Im Angesicht der immer weiter stattfindenden Abwertung dieser hohen Kunst, die ich gegenwärtig für gesellschaftlich ziemlich relevant halte, finde ich es viel interessanter, warum wir so verdruckst überhaupt mit dem ganzen Thema umgehen, warum wir das Thema FÜHRUNG scheinbar nicht sehen wollen.

Wahrscheinlich, weil wir FÜHRUNG (zur Mündigkeit) noch immer verwechseln mit HERRSCHAFT (patriarchalischen, protektionistischen, autoritären Führungsstilen, die zur Unmündigkeit führen). Aber aus Angst vor Herrschaft nicht mehr führen zu wollen, ist im Bildungsbereich fatal. Denn dann rutschen wir erst recht – aus Hilflosigkeit – in genau die autoritären Verhaltens- Muster hinein, die wir so sehr bestrebt sind, zu vermeiden!

Das Ziel all unserer Bemühungen muss also sein, im besten Sinne „Zauberer des demokratischen Menschlichen“ zu werden – und zwar in DEM Sinne, dass die uns anvertrauten Menschen selbständig denken und gemeinsam kreativ handeln lernen – und das passiert bei höchstens einem Prozent der Menschen einfach so von selbst!

Dafür braucht es die hochkomplexe (und langfristig übrigens erfüllende!) Kunst der (demokratischen) Führung. Und der Erfolg einer in diesem Sinne gelungenen Führung misst sich im ERGEBNIS.

Das heißt: WENN Jugendliche selbständig gearbeitet und selbst etwas Produktives geschaffen haben, das als Erfolg nach außen sichtbar ist – dann steht dahinter eine „Zauber*in“! Beziehungsweise meiner neuen Wortschöpfung folgend: Eine Schildkröte (Siehe Folge 16 bei Rede mal ordentlich, Frau Plath: „Herrschaft und Führung“). Und jedes Mal, wenn ein solch hochkomplexer Prozess wirklich geglückt – und eben nach außen wirksam ist ! – dann verdient die Lehrkraft die allerhöchste Anerkennung!

Wenn wir DAS nicht einsehen wollen, sind wir völlig naiv. Denn dann verlassen wir uns darauf, dass Lehrkräfte grundsätzlich Persönlichkeiten wie Nelson Mandela oder Mutter Theresa sind, die vollkommen uneigennützig und altruistisch bis zur Selbstaufgabe in stiller Bescheidenheit ihr Leben lang selbstausbeuterisch ihr Licht unter den Scheffel stellen. Und so funktioniert diese Welt nicht.

Das heißt:

Erstens: Der Erfolg einer Lehrkraft bemisst sich im Ergebnis: Wenn die Jugendlichen selbständig denkend und handelnd etwas Neues, Produktives in die Welt stellen, ist die Arbeit erfolgreich. Ansonsten nicht. (Es reicht nicht, Stuhlkreise zu organisieren und bunte Zettel an die Wand zu kleben).

Zweitens: Wenn die Arbeit nach außen sichtbar erfolgreich ist, dann gilt neben aller berechtigten Anerkennung für die Jugendlichen der größte Respekt der Lehrkraft, die dahinter steht. Punkt.

Alles weitere kann erst von hier aus diskutiert und weiter differenziert werden.

Im Moment aber gibt es zum Thema Bildung nur entweder Katastrophenmeldungen oder euphorische Berichte über Jugendliche, die partizipativ, demokratisch und kooperativ alles „ganz alleine gemacht haben“.

Das ist grober Unfug. Und es ist gefährlich. Weil dann ständig Lehrkräfte verzweifeln und sich fragen: Warum sind die „tollen Jugendlichen“ nie bei MIR? Und natürlich auch, weil wir die Verantwortung dafür tragen, dass Jugendliche in der Schule bestmöglich auf die Zukunft vorbereitet werden und wir einsehen müssen, dass das UNSERE Aufgabe ist.

Wie genau das gemacht werden kann, wie schwer das ist, was das erfordert und wie wir das lernen können, das muss offen thematisiert und auch ANERKANNT werden. Dann wird nämlich auch klar, dass überhaupt nicht „jeder Lehrer werden kann“. Wir müssen endlich den Wert einer pädagogisch hochwertigen (demokratischen) Führung sehen, benennen und wertschätzen lernen. Ansonsten gibt es sie irgendwann nicht mehr.

Ich zolle daher hiermit meinen tiefsten Respekt all jenen Lehrkräften und Anleitenden, die immer wieder das Wunder eigenständigen Denkens, Handelns und Neu-Erschaffens in die Welt gebracht haben und es täglich weiter tun –  und dafür noch keinen Friedensnobelpreis erhalten haben. Sie hätten ihn alle verdient.

Maike Plath, 04. Juni 2018