Mein neues Buch ist bestellbar – Aktuelle Blogeinträge findet ihr links in der Leiste unter „Maikes Blog“!

Ich freue mich, euch mein bisher umfangreichstes, persönlichstes und schönstes Buch zu präsentieren!

Im Buchhandel könnt ihr es unter der ISBN 978-3-7460 1449-4 bestellen.

Ich hoffe, dass es euch gefällt und ermutigt.

Passend dazu unser neustes Video auf YouTube:

Viel Spaß!

Kapitel 16: Die Bretter, die die Welt bedeuten

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Justin ist schuldistanziert. Wenn er weiterhin so viele Fehlstunden ansammelt, müssen wir uns was überlegen. Das läuft da insgesamt völlig aus dem Ruder. Der Junge ist total von der Rolle. Hat sich nicht im Griff. Provoziert. Verweigert den Unterricht – oder erscheint gar nicht erst. Wenn der nicht allerschnellstens wieder in die Spur kommt, können wir den hier nicht weiter beschulen“. 

Sagt der Sheriff. Ich sitze im Lehrerzimmer in der Runde der Kollegen*innen, die in der 8b unterrichten, es geht um die nächste Klassenkonferenz von Justin, und ich fühle mich mal wieder sagenhaft scheiße. Denn natürlich wäre jetzt der Moment, etwas zu sagen. Justin ist nämlich bei mir keineswegs schuldistanziert. Verweigert auch nicht den Unterricht. Ganz im Gegenteil ist so eine neue Wachheit in seine Augen gekommen. Außerdem ist er jetzt jeden Mittwoch zuverlässig bei der Theater-AG. Wo er inzwischen unverzichtbar ist. Nicht nur hat er sich mit Herrn Schulze angefreundet und mit ihm vier alte Strahler aus dem Keller geborgen, die wir nun als Scheinwerfer benutzen, nein – er hat mit dem Hausmeister-Trio auch noch ein Wochenende in der Aula verbracht und geholfen, die Bühne schwarz zu streichen und mit ihnen zwei zusätzliche Holzwände an den Seiten der Bühne angebaut – dann kann man hinter der Bühne sein, ohne, dass die Zuschauer einen sehen, sagt Justin – und auch insgesamt ist es in Wahrheit eher so, dass Justin sich wahlweise im Hausmeister-Kabuff oder in der Aula aufhält – und offenbar in bestimmten Unterrichtsstunden ganz bewusst fehlt – aber deswegen ganz und gar nicht schuldistanziert ist. Denn eben: In der Schule ist er ja. Leider nur nicht da, wo er laut Plan sein soll. Vor allem offenbar nicht bei Herrn Böhm. Wenn ich aber daran denke, dass er noch bis vor kurzem 90 Prozent des Unterrichts mit Kapuze auf und Kopf auf dem Tisch reglos wie eine Statue aus Stein die Zeit abgesessen hat, dann denke ich schon, dass man die Entwicklung der letzten Wochen insgesamt als positiv bezeichnen könnte. Eigentlich sogar als fulminanten Durchbruch. Aber klar, pathetisch werden nützt jetzt nix. Ich forme in Gedanken die Worte, die dieses „Gremium“ hier am Tisch eventuell überzeugen könnte und höre mich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich sagen:

Also mein Eindruck ist eher, dass Justin sich gerade total verbessert. Er ist IMMER bei der Theater AG und in meinem Unterricht fehlt er auch nicht. Ich glaube, der macht gerade eher auf und da passiert was Positives. Den jetzt abzuschulen, wäre doch eine Vollkatastrophe…

Weiter komme ich nicht, denn Herr Böhm unterbricht mich jetzt in eisigem Ton:

Danke für diese ungebetene Einschätzung, Kollegin Plath, die hier im Übrigen niemand teilt. Was in deinen Stunden los ist, wissen wir hier alle. Dass Justin bei DIR zum Unterricht kommt, erstaunt auch niemanden: Bei dir dürfen die ja machen, was sie wollen. Chaos veranstalten ist aber nicht das, was denen auf Dauer im Leben weiterhilft. Daher hoffe ich, dass noch ein paar sinnvollere Vorschläge kommen, die vor allem auf ETWAS mehr beruflicher Kompetenz beruhen. 

Er schaut in die Runde. Einige grinsen.

Mir schießt das Blut ins Gesicht und ich kriege kaum Luft. Mist. So vieles will ich sagen, aber ich habe keine entsprechenden Worte. Wo soll ich anfangen? 

Bei all den Geschichten, die die Jugendlichen jetzt beim Theater erzählen und in letzter Zeit sogar aufschreiben und in Bildern und kleinen Szenen auf die Bühne bringen? Bei meinem Besuch vor zwei Wochen bei Justins Mutter? Bei meiner Erkenntnis, dass Justins Mutter den ganzen Tag trinkt und weint und völlig überfordert ist und ich nicht eine Sekunde länger wütend darüber sein kann, dass sie sich nicht um ihr Kind kümmert, weil sie selbst noch eins ist und dringend Hilfe benötigt? Oder bei meinen vergeblichen Telefonaten mit dem Jugendamt, wo ich immer nur weitervermittelt werde und zu hören bekomme, dass derzeit aufgrund der Vielzahl der Fälle keine Unterstützung möglich ist, wenn ich Glück habe, in sechs Monaten vielleicht? Oder soll ich das Ganze gleich abkürzen mit meiner neuen Erkenntnis, dass es auf uns selber ankommt, weil von außen keine Hilfe zu erwarten ist und gar nichts besser davon wird, wenn wir die Verantwortung immer nur an andere, an eine andere Schule, eine andere Institution, eine andere Maßnahme abgeben? Während mir das alles durch den Kopf rauscht, werde ich wütend. Und das ist hilfreich, denn ich finde meine Stimme wieder:

Es ist doch Wahnsinn, Justin an eine andere Schule oder sonst irgendeine andere Institution abzuschieben – jetzt, wo er gerade anfängt, Vertrauen zu entwickeln. Wenn er offenbar ein Problem damit hat, regelmäßig zur Schule zu kommen, ist es doch absurd, ihn deswegen GANZ raus zu schmeißen! Da sollten wir doch lieber nach den Ursachen forschen, WARUM er fehlt! 

Breiiges Schweigen im Raum. Herr Böhm atmet an. Doch dann passiert das Unerwartete. Jemand sagt:  

Das sehe ich ehrlich gesagt auch so. 

Ich drehe mich um, es ist Andrea Marquart, die Sportlehrerin, ich habe sie eigentlich noch nie etwas sagen gehört. 

Herr Böhm lacht laut und höhnisch:

Da haben sich ja zwei gefunden! Bei der einen toben sie in der Aula rum, bei der anderen in der Turnhalle. Geschätzte Kolleginnen, es geht hier darum, dass Justin ein Anrecht auf FACHUNTERRICHT hat. Nichts gegen eure Spaß-Faxen und Freizeitaktivitäten, ist ja auch mal ganz schön ab und dann, aber Justin braucht ganz eindeutig ein geordnetes Umfeld, eine klare Struktur, eindeutige Ansagen und Regeln. Vor allem würde ich doch aber anraten, dass wir solche Fälle professionell behandeln und Expertenmeinungen einholen, statt hier emotionale Bauchentscheidungen zum Besten zu geben. – Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass insbesondere bei der Kollegin Plath gerade so einiges aus dem Ruder läuft. Der Junge dreht ja nicht ganz zufällig gerade frei! 

Und jetzt verengen sich die Augen des Sheriffs und er holt zur lang erwarteten Attacke aus: 

Und das liegt nicht ganz unwesentlich an dem ganzen Quatsch, den die Kollegin Plath da in ihrem angeblichen Unterricht einführt: Veto Recht und andere fragwürdige Experimente. Ich wollte es ja eigentlich hier nicht zur Sprache bringen, aber die Kollegin hetzt derzeit ganz bewusst unsere Schüler gegen uns auf. Als hätten wir hier nicht schon genug Probleme! 

Ich denke:  Ach, auf einmal sind es jetzt „unsere Schüler“. 

Andrea Marquart starrt den Sheriff an, sagt aber nichts mehr, senkt den Kopf. Und mir pocht die Wut im Hals. Aber auch die Angst, leider. Denken die jetzt alle, ich würde tatsächlich die Schüler aufstacheln? Wie ist es möglich, dass er die Tatsachen so krass verdrehen kann und niemand widerspricht? Soll ich hier kurz mal schildern, wie er mit den Jugendlichen in seinem Unterricht umgeht? Oder mit mir? Was hindert mich daran? Ich habe dieses schreckliche Gefühl, dass niemand mir glauben würde. Und er scheint das zu wissen. Es darf doch nicht wahr sein, wie sicher er sich fühlt, wie hoch er pokert! Und gleichzeitig sehe ich in den Gesichtern der Kollegen um mich herum diesen Zweifel. Dieses: 

Hetzt sie WIRKLICH die Schüler gegen uns auf? Was für ein Veto Recht?  

Das Schlimme ist, dass ich nicht daran glaube, ausreichend Zeit oder Raum zu bekommen, um das Veto Recht so zu erklären, dass der Sinn dahinter verständlich wird. Was der Sheriff sagt, klingt viel einleuchtender, weil einfacher – und empörender. Es ist einfach die bessere Skandal-Nachricht. Er hat damit jetzt die volle Aufmerksamkeit der Runde. Was ich dagegen zu sagen habe, ist irgendwie komplizierter, es hat mit einer längeren Entwicklung zu tun, ich kann dafür noch keine kurzen, knackigen Worte finden, obwohl ich spüre, dass es richtig ist, was ich da angefangen habe. Aber „spüren“ ist leider ein nicht ganz so überzeugendes Argument und nach außen sieht es nun einmal – ja – leider – irgendwie nach Aufstacheln aus. 

Ich habe die vergangenen Wochen sowohl mit meinen Klassen als auch mit der Theater AG in einer aufreibenden emotionalen Dauerauseinandersetzung verbracht, darüber, was das Veto bedeutet und wie es konstruktiv werden kann, statt alle Anwesenden auf die Palme zu bringen. Und dieser Weg führte zunächst einmal über ihre persönlichen Geschichten und Gedanken – und dann immer weiter zu dem ganz tiefen Frust, den diese Kinder in sich angesammelt hatten. Endlich erfuhr ich, warum sie die ganze Schule „verrostet“ fanden, sie kotzten sich regelrecht aus:

Am meisten macht Spaß, bei ALLEM Veto zu machen, isch ficke diese Schule, wallah! Isch ficke diese Lehrer! Isch ficke diese deutschen Kartoffeln! Alter, isch ficke ALLES! 

Mir wurde klar, dass die Veto Karte in etwa so wirkte wie das Öffnen der Büchse der Pandora. Die ganze aufgestaute Scheiße kam jetzt raus. Ein einziges riesen-großes Veto. Es war so, als hätte ich ein Monster aufgeweckt, das seit Jahren im Keller vor sich hinvegetiert hatte, und sich jetzt plötzlich mit aller Wucht erhob. Weil so viel Frust da war, und ich das alles gar nicht in Gesprächen auffangen konnte, spielten wir stundenlang „Open Mike“ mit „All in “, was hieß, dass sie erzählen, schimpfen und auch fluchen durften, so lange sie niemanden im Raum direkt meinten. Das passierte aber auch ohnehin nicht, denn ihre Wut richtete sich nicht gegeneinander, sondern hauptsächlich gegen die Schule, gegen das Job-Center und gegen alle, die sie verlassen, aufgegeben, gedemütigt oder herabgesetzt hatten. Nach den Open Mike Phasen durften sie Wut-Texte und Wutbriefe schreiben, die ich ihnen dann zu Hause ohne Fehler abtippte und ihnen als schöne, ordentliche Texte zurückgab. Ganz allmählich konnten wir dann auf dieser Grundlage Gespräche führen, die etwas länger dauerten, als drei Sätze und die dazu führten, dass die Jugendlichen genauer zuhörten, was ich mit dem Veto-Recht meinte und wie sie es in meinen Unterrichtsstunden konstruktiv anwenden konnten. Sie nutzten es zunehmend als Schutzschild, wenn sie irgendetwas nicht machen, sagen oder präsentieren wollten und wir redeten viel über eigene Grenzen und wo diese von anderen überschritten worden waren und warum das schmerzhaft gewesen war. Manche ihrer Texte waren nur kurz, bestanden teilweise nur aus ein oder zwei Sätzen, hatten es aber in sich und auf der Bühne wurden daraus mit Hilfe des Fernbedienungs-Spiels ganze Geschichten, die immer weniger wirkten, wie alberne Sketche, eher wie bildhafte, theatrale Bruchstücke von Wut und Enttäuschung. 

Und nach einer dieser Stunden steht Justin irgendwann neben mir und murmelt: 

Ich will nicht mehr, dass Herr Böhm „Du fette Sau“ zu mir sagt. Ich mach da jetzt Veto

Und ja. Es stimmt. Ich habe ihn darin bestärkt. Nicht konkret gegen Herrn Böhm, aber insgesamt darin, sich gegen Herabsetzungen und Beleidigungen dieser Art zu wehren. Eine Grenze zu ziehen. Zu sagen: So redet keiner mit mir. Hier ist Schluss. Die Grenze ist überschritten. 

Was genau nun Justin Herrn Böhm gegenüber gesagt oder getan hat, weiß ich nicht, aber offenbar ist die Entwicklung der letzten Wochen nicht spurlos am Sheriff vorbeigegangen. Wahrscheinlich ist die Situation zwischen Justin und Herrn Böhm eskaliert. Kann ich mir gut vorstellen, so klar und irgendwie stark wie Justin jetzt immer wirkt. Mir wird plötzlich ganz schlecht, weil ich ahne, warum wir hier überhaupt sitzen. Es geht gar nicht um Justin. Es geht um einen Machtkampf. Und ich kriege Angst, wenn ich nur dran denke. Ich hätte eigentlich längst was sagen müssen. Aber es scheint in dieser beklemmenden Atmosphäre irgendwie ganz und gar unmöglich das Offensichtliche auszusprechen. 

Ich mache trotzdem noch einen Versuch. Sämtliches Blut scheint mir dabei in den Kopf zu schießen und ich kriege kaum Luft. 

Justin wehrt sich im Moment nur gegen diese ständigen Herabsetzungen. Ich halte das für sehr gesund. 

Ich bin vor lauter Stress so kurzatmig, dass ich Luft holen muss. Dann schiebe ich noch hinterher: 

Und es stimmt nicht, dass ich die Schüler aufhetze. Ich ermutige sie nur, für ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse einzustehen. 

Mehr schaffe ich nicht. Mein Kopf fühlt sich an wie Brei. Ich nehme nur noch verschwommen wahr, dass Herr Böhm sich aufrichtet, die Adern an seinem Hals und auf der Stirn hervortreten und er anfängt zu brüllen. MICH anzubrüllen. 

Ich glaube echt, es hackt! Haste jetzt die Weisheit mit Löffeln gefressen oder was? Wie kann man nur so dermaßen arrogant sein bei gleichzeitiger vollkommener Verblödung! Willst du uns jetzt erklären, wie wir unseren Job zu machen haben?? Na, vielen Dank auch! Die Kollegen hier reißen sich tagtäglich den Arsch auf, damit aus diesem Gesocks hier noch IRGENDWAS Produktives raus kommt und was machst du? Spielst hier die Heilige! Die ARMEN Kinder! Mein Gott- bist du naiv, das ist ja gar nicht auszuhalten! Deren GRENZEN UND BEDÜRFNISSE!! Ich lach mich tot! Haste mal eine Sekunde über die Grenzen und Bedürfnisse der Kollegen hier nachgedacht?? Nee- Solidarität ist bei dieser Kollegin hier ganz klein geschrieben, ach Quatsch, was red ich: Gar nicht vorhanden! Schleimt sich auf miese Art und Weise bei den Schülern ein: Bei mir dürft ihr alles, aber die BÖSEN anderen Lehrer- die verstehen euch nicht, die machen alles falsch, ach dann wehrt euch doch mal gegen die und macht denen das Leben schwer! Ich könnte kotzen! Ich werd mich beschweren, Kollegin, das lass ich mir hier nicht mehr bieten! Macht euren SCHEISS doch alleine!!! 

Und mit lautem Poltern verlässt der Sheriff die „Bühne“, WUMMS, die Lehrerzimmer-Tür fällt hinter ihm zu, die vielen Zettel mit den Namenslisten der Jugendlichen für die nächsten Klassenkonferenzen zittern noch eine Weile. 

Ich sacke innerlich zusammen. Eine Kollegin sagt in leicht bissigem Ton: 

Ich wunder‘ mich auch immer, woher diese jungen, völlig unerfahrenen Kolleginnen ihr Bomben-Selbstbewusstsein her nehmen. Unterrichten zwei, drei Wochen und wissen dann gleich alles besser… aber das nützt ja nun alles nix, ich nehme mal an, diese Besprechung hier ist zu Ende. Ich schau mal, wo der Werner hingegangen ist. 

Klar. Der arme verletzte Werner-Sheriff muss jetzt schnellstens umsorgt werden nach diesem traumatischen Ereignis: Ihm wurde widersprochen. Ich packe meine Sachen und gehe zur Damentoilette. Nachdem ich mir ein paar Ladungen kaltes Wasser ins Gesicht geklatscht und damit das Aufkommen von Tränen einigermaßen in den Griff bekommen habe, öffnet sich die Tür und drei Kolleginnen betreten das Damenklo. Kaum haben sie mich vor dem Waschbecken ausgemacht, brechen sie in aufgeregte Sympathiebekundungen aus: 

Ach Mensch, Maike! Ich fand das ganz toll, was du gesagt hast- ich bin absolut auf deiner Seite, du hast sowas von recht!

Ich tupfe mein nasses Gesicht mit Toilettenpapier ab (Handtücher gibts nicht) und weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Denn was ich sagen, nein, eigentlich schreien WILL, ist: Ja und warum habt ihr nix gesagt?? 

Wobei. Andrea hat was gesagt. Ist allerdings jetzt nicht hier auf dem Damenklo. Ich beschließe, sie suchen zu gehen. Ich murmle sowas wie   Danke, danke…das freut mich…   und mache mich schnell auf und davon. 

Wenn ich Michelle Pfeiffer in „Gangstas Paradise“ gewesen wäre, dann hätten sich jetzt mehr und mehr Leute getraut, dem Sheriff zu widersprechen, Justin hätte Unterstützung erhalten, der Sheriff hätte beleidigt das Feld geräumt – oder wäre – von Justin’s Theater-Erfolg zutiefst berührt – ein neuer Mensch geworden. Das Schuljahr hätte geendet mit der gefeierten Aufführung der Theater AG, einem glücklichen Justin, einer strahlenden Mutter, die den Entzug geschafft hat und mit einer großen allgemeinen Versöhnung im Lehrerzimmer. Aber es war kein Film. Und Herr Böhm verließ nicht das Feld und wurde auch nicht geläutert. Ganz im Gegenteil trommelte er zur Schlacht. Er drohte mir, mich „fertig zu machen“, sollte ich mich weiterhin in SEINER Klasse einmischen. Justin nahm er in die Mangel und setzte ihn unter Druck. Was genau sich abspielte, weiß ich nicht, aber in der folgenden Konferenz gab Justin mit gesenktem Kopf zu Protokoll, Herr Böhm nenne ihn zwar immer „fette Sau“, aber das sei nur Spaß und eigentlich seien sie ja „gute Kumpels“, Herr Böhm sei eben ein strenger, aber eben auch ein guter Lehrer, der „die Lage im Griff hätte“. Andrea und ich gaben unsere Beobachtungen und unsere Sichtweise trotzdem zu Protokoll. Die Reaktion darauf war allgemeines, unangenehmes Schweigen, bei dem ich mich die ganze Zeit fühlte wie eine Verräterin. Aber: Taher, Mahmout, Chris und Selina bestätigten zu meiner großen Überraschung meine und Andrea‘s Aussagen und schrieben – ganz und gar freiwillig und ohne dazu aufgefordert worden zu sein – den längsten Text, den sie wohl je in der Schule freiwillig geschrieben hatten, nämlich eine Wörter- Liste mit folgender Überschrift: „Liste der Beleidigungen, wie Herr Böhm uns immer nennt – von der 8b“. Die Reaktion darauf im Kollegium war:  Ach. Die Jugendlichen erzählen halt viel, wenn der Tag lang ist. 

Außer, dass Herr Böhm einen weiteren Tobsuchtsanfall bekam und mir androhte, mich wegen Verleumdung anzuzeigen, bewirkte das Ganze leider so gut wie nichts, außer, dass Justin die Klasse wechselte, weil er es mit Herrn Böhm nicht mehr aushielt. Und der Sheriff selbst schwieg grimmig zu allen Vorwürfen, wurde aber auch nachhaltig von Frau Rische und dem Hühnerstall verteidigt und getröstet – und machte Andrea und mir fortan das Leben zur Hölle. Was man halt alles so machen kann, wenn Mann heimliche Schulleitung ist. Im Kollegium änderte sich NICHTS, zumindest dachte ich das damals. Aber offenbar änderte sich sehr wohl etwas, nur fand das eher im Verborgenen statt. In den Köpfen einzelner, die aber noch nicht laut werden wollten oder konnten. 

Ich selbst leckte zu Hause meine Wunden, stellte fest, dass die Welt nicht gerecht ist – mit 33 Jahren wurde das ja auch allmählich mal Zeit – und hielt mich an meine neuen Freundinnen: Andrea und Mausi. Wir saßen abends im Café Casablanca und versuchten zusammen zu begreifen, warum ein Phänomen wie der Sheriff so unangreifbar war und was das eigentlich über uns alle aussagte.  

Sag mal, Mausi: Hast du denn damals mal was gesagt, wenn sich der Sheriff wie ein Arschloch verhalten hat?   fragte ich, und hoffte auf eine Gebrauchsanweisung. Aber zu meiner Enttäuschung bekam ich nur ähnliche Variationen davon zu hören, wie es auch jetzt gelaufen war. So ein bisschen Aufruhr, mutiger Schlagabtausch, aber leider kein überzeugendes Ergebnis. Zu wenige trauten sich, ebenfalls aus der Deckung zu kommen. 

Mausi schaut traurig in ihr Weinglas:  Wir sind halt alle zum Stillhalten erzogen worden. Das hat System. Du siehst ja auch jetzt: Die Kinder werden ja nicht dazu erzogen, freie Menschen zu sein, sondern sich an alle Gegebenheiten anzupassen, egal wie unmöglich die eigentlich sind. Und wer da aus der Reihe tanzt, bekommt die volle Ladung sozialen Druck zu spüren. 

Mein erstes Schuljahr in Neukölln ging also nicht mit einem Happy End zu Ende, wohl aber mit einer fulminanten Theateraufführung, bei der 14 Jugendliche mit voller Power auf der Bühne standen und ihre Geschichten erzählten. Und auch, wenn Herr Böhm natürlich nicht kam und nur ein paar versprengte Eltern und befreundete Jugendliche im Publikum saßen, entgingen mir nicht die Tränen, die einige Zuschauer*innen in den Augen hatten, und ich dachte: Wir sind auf dem richtigen Weg. Und als Justin in einer Szene mit weit ausgebreiteten Armen auf der Bühne steht und sagt: Was ich in diesem Jahr gelernt habe? Ich habe gelernt, Veto zu sagen, muss ich mich abwenden, weil mir selbst die Tränen kommen. Also. Alles in allem ein gar nicht ganz so schlechter Anfang. 

Kapitel 15: Never walk alone

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Wer dieses Kapitel lieber hören möchte, findet es auf dieser Seite bei „Maikes Podcast“ oder unter dem Titel „Türwächter*innen der Freiheit“ bei Spotify!

15 Never walk alone

Irgendwann in ein paar Jahren in Berlin vielleicht…:

Ein kleines Kieztheater in der Karl-Marx-Straße mitten in Neukölln. Ein Innenhof, ein paar Holz-Tische vor einem hübschen kleinen Theater-Cafe. Auf den Tischen stehen kleine Vasen mit Blumen. Es ist noch Winter, aber heute scheint die Sonne und die Vögel zwitschern und alles ist ein bisschen wie Frühling. Es weht ein leichter Wind.  Von drinnen leise Musik. A perfect day. Lou Reed. Ich muss nie mehr ins Lehrerzimmer. Ich bin in einem anderen Leben. 

Habt ihr euch schon beim neuen Technischen Leiter vorgestellt? 

Ahmad, der vor mir sitzt und raucht, schaut mich fragend an. Neuer TL? 

Birte, die wie immer auf dem Sprung zu irgendwas ist, entweder Angelegenheiten im Haus, Probe oder Büro, rattert eine Erklärung runter:

Kalle ist unser neuer TL, seit zwei Wochen jetzt am Haus. Macht n guten Eindruck, der arbeitet sich jetzt gerade ein, Klaus war natürlich auch voll ok, aber Kalle ist halt deutlich jünger und hat die Ruhe weg… mal sehen, wie lange noch…  (sie lacht kurz: klar, wie lange kann man als Technischer Leiter am Theater ruhig bleiben?)  – ja, und heute ist ja nicht viel los, da könnt ihr ja mal runtergehen und bisschen mit dem quatschen, Jugendclub vorstellen und was jede Woche so anliegt für eure Proben – was ihr braucht, wie alles so läuft und so… Ich muss los, Tschüssi, bis später…  Birte ist Leiterin des Kieztheaters und immer zwischen mindestens drei Baustellen unterwegs. Auch jetzt spricht sie die letzten Sätze im bereits Weiterlaufen und – weg ist sie. Ahmad steckt sich eine weitere Zigarette zwischen die Lippen, schaut mich kurz an: 

Oder ist dir kalt, wollen wir reingehen?  Ich schüttel den Kopf,  nee, geht noch auf eine Zigarettenlänge, aber dann lass mal rein und die Probe heute besprechen, hast du schon was im Kopf?

Ahmad nickt.  Ja, klar, ich wollte mit Warm-Up Mischpult anfangen und dann die Szene von Basak von letzter Woche weitermachen, am besten arbeiten die Mädchen und die Jungs da heute mal getrennt, und danach führen wir das zusammen. Und heute müssen wir das fertig kriegen, ich hol dich rein zur Präsentation, Maike, und vielleicht kannst du noch mal ne Viertelstunde Dramaturgie-Input geben am Schluss?

Ich nicke: Hört sich nach nem guten Plan an… willst du, dass ich bei der Gruppenarbeit unterstütze? Also, wenn die getrennt arbeiten? – 

Ja, das wäre gut, glaub ich – ihr könnt ja erstmal ins Foyer gehen, und die Jungs proben auf der Bühne und danach wechseln wir dann. 

Alles klar, Ahmad, und lass mal drinnen gleich noch mal kurz schauen, was die geschrieben haben und wie wir das bauen können heute… Haben die dir Texte auf whatsapp geschickt?

Ja, ich habe fünf Texte gekriegt. Schick ich dir gleich mal rüber.  Er nimmt sein Smartphone vom Tisch. Ahmad ist der kleine Bruder von Taher. Er sieht ihm so ähnlich, dass ich von weitem immer noch manchmal denke, es IST Taher. Ahmad kam im Sommer 2009 in die Aula geschlendert, 13 Jahre alt,  kann ich bei der Theater AG noch mitmachen? – Ja, klar.  Seitdem sehen wir uns mindestens einmal die Woche, meistens öfter, und das ist nicht ganz selbstverständlich, denn seit 2013 sind wir beide nicht mehr in der Schule. Er ist kein Schüler mehr und ich keine Lehrerin. Ahmad leitet jetzt selbst eine Theatergruppe – am einzigen kleinen Theater in Neukölln – und ich unterstütze ihn dabei. Er ist Projektleiter in unserem eigenen Verein, den ich mit zwei anderen Kolleginnen leite (schönen starken Power-Frauen übrigens), wenn ich nicht gerade rumreise und Veranstaltungen gebe oder schreibe. Ahmad leitet nicht nur dieses Projekt am Theater, sondern coacht auch Lehrkräfte in Berlin zum Thema Führungskompetenz – und: Er ist inzwischen ein bekannter Filmschauspieler. Gerade dreht er mal wieder eine Tatort Folge, diesmal Tatort Ludwigshafen mit Lena Odenthal. Die Rolle in der Neuköllner Kultserie „4 Blocks“ hat er abgelehnt, weil er nicht immer nur Kanackenrollen spielen will. Ahmad hat auch bei Frank Castorf und Rene Pollesch an der Volksbühne gespielt, liebt das Theater, nicht nur den Film, wirft sich immer wieder rein in die hitzigen Debatten – und weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn die anderen alle weiß sind und in ihm den Neuköllner Kanacken sehen. Im Moment geht’s darum, ob sein neuer Film bei der Berlinale läuft. Es ist Ende Januar und die Entscheidung fällt in den nächsten Tagen. 

Ahmad drückt seine Zigarette aus,  Lass ma reingehen.  Er hält mir die Tür auf.  Und nachher lass ma noch n bisschen privat quatschen, nach der Probe, – ist wieder viel passiert, wallah…Ich brauch ma deinen Rat…

Wir laufen nebeneinander durchs Foyer, dann rein ins Cafe Casablanca, wir setzen uns an „unseren“ Tisch. Ahmat seufzt, strahlt mich dann ganz plötzlich an und sagt:  Weißt du, was geil ist, Maike? Ich bin jetzt Chef. Chef über mein eigenes Leben. Ich musste nicht Maler und Lackierer werden, wie die Lehrer immer zu mir gesagt haben. Und ich musste auch nicht Gangster-Rapper werden, um erfolgreich zu sein. LÄUFT bei mir!   Wir lachen. Ahmad fragt     Kaffee und Cola Zero wie immer, oder?  Ich nicke und er wendet sich rum, um zu bestellen. Raid steht hinterm Tresen, lächelt und winkt uns zu.  Einmal wie immer?, ruft er und Ahmad ruft zurück: Hey Raid, wie geht’s? Alles gut? Und: Ja genau: Wie immer!  

Sag mal, SCHLÄFST du?  Ich zucke zusammen. Eine Kollegin von der Keplerschule hat sich neben mich auf die Bank gesetzt und grinst mich an. Ich bin kurz verwirrt, die Probe ist zu Ende, der Tänzer verabschiedet gerade die Gruppe, Selina und Fatima rennen auf mich zu, um ihren Schmuck und ihre Handies bei mir abzuholen,  war cool heute!  ruft Selina. Ich starre die Kollegin neben mir an, immer noch etwas neben der Spur, lache dann und sage:   Nee, nee, alles gut. Ich hab nur ein bisschen rum geträumt, wie alles sein KÖNNTE…  Die Kollegin lacht jetzt ebenfalls, sie legt ihre große Kamera neben sich auf der Bank ab, streckt mir die Hand entgegen und sagt:  Ich dachte, ich stell mich mal vor. Ich bin Mausi. Und ja – träumen, wie alles sein könnte. Das mach ich auch manchmal.  Ich frage mich, wie jemand ernsthaft Mausi heißen kann, aber so sympathisch, wie ich sie auf den ersten Blick finde, ist es mir dann eigentlich auch egal. Ich drücke ihre Hand,  ich bin Maike.  Es klingelt. Die Kollegin, die Mausi heißt, fragt:  Kommst du mit, n Kaffee trinken?  Ich nicke. Sie nimmt ihre Kamera und wir machen uns auf den Weg nach draußen.  Kennst du das Cafe Casablanca in der Karl-Marx-Straße?  fragt sie. Und ich denke: Da wollte ich immer schon mal hin. 

Es ist Mittag und das Cafe Casablanca ist ziemlich voll. Die Kellnerin ist offensichtlich muffelig, es ist schwierig ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Vielleicht ist das aber auch die Berliner Gastro-Masche: Gäste erstmal verschrecken. (Und schauen, ob sie sich würdig erweisen). Irgendwann haben Mausi und ich Getränke und Essen bestellt und es wird ziemlich schnell gemütlich. 

Herr Böhm? Ja, DEN kenn ich, sagt Mausi. Das is n Arschloch.  

Ich finde es seltsam beruhigend, dass jemand das so klar ausspricht. Wenn ich mir erlaube, Herrn Böhm als Arschloch zu betrachten, macht alles irgendwie Sinn. Ich nehme etwas erstaunt zur Kenntnis, dass mir dieser „Trick“ ansonsten nicht zur Verfügung steht. Ich KANN vor mir selbst niemanden als „Arschloch“ bezeichnen, weil ich grundsätzlich erstmal denke, dass das Problem bei mir selber liegt. Dass ICH irgendetwas hätte besser, geschickter, klüger anstellen sollen. Außerdem weiß ich einfach nicht, „ab wann“ jemand ein „Arschloch“ ist und bin eigentlich immer bemüht, die Dinge differenzierter zu betrachten. Gibt es gut und böse? Ich weiß es nicht. Ich denke: Eher nicht. Und merkwürdigerweise erinnere ich mich jetzt aus heiterem Himmel an eine Geschichte aus meiner Kindheit. Sie ploppt ganz plötzlich auf: Ich bin 5 oder 6 Jahre alt, auf jeden Fall noch nicht in der Schule, denn alles, was mit Schule zu tun hat, finde ich wahnsinnig spannend. Aber ich bin noch zu klein und muss warten. Daher ist es das Tollste, wenn ich mit meinem Vater oder meiner Mutter in die Schule fahren darf, wo sie unterrichten. Ich stehe dann ehrfürchtig und aufgeregt im Lehrerzimmer und darf Milchpulver naschen, dass die Erwachsenen sich in ihren Kaffee schütten. Löffelweise schiebe ich mir das weiße Pulver in den Mund, das auf der Zunge sofort klebrig wird und am Gaumen pappt und dann süß wird und – wie ich finde – wahnsinnig gut schmeckt. Ich beobachte die Erwachsenen, die mit Zetteln und Heftern herumlaufen und wichtige Dinge zu tun scheinen und die alle sehr nett zu mir sind und solche Sachen sagen, wie: Na, kommst du uns heute mal besuchen? Bist du denn auch schon in der Schule? Und leider muss ich dann mit meinem breiigen leckeren Milchpulver im Mund sagen:  Nee, leider noch nicht, aber bald! 

An einem Nachmittag im Winter darf ich nach dem Besuch im Lehrerzimmer mit meinem Vater die vielen Treppen hoch steigen zu seinem Musikraum. Das ist der schönste Raum, den ich je gesehen habe. Es hängen viele bunte Bilder an den Wänden und alles ist voller Musikinstrumente und Bücher und vorne steht ein Barhocker, denn mein Vater sitzt gerne auf Barhöckern, auch, wenn er unterrichtet. Er sagt:  Hast du Lust, ein bisschen alleine in meinem Musikraum zu bleiben, ich hab noch eine Konferenz, danach hol ich dich wieder ab.  Und klar gibt es überhaupt nichts Schöneres, als alleine im Musikraum zu bleiben und mir alles genau anzugucken, ich bin völlig aus dem Häuschen vor Glück. Mein Vater geht und schließt die Tür mit seinem großen Schlüsselbund ab, und das finde ich gut, denn jetzt fühle ich mich sicher und geborgen in diesem kleinen Paradies. Niemand Fremdes wird mich stören, bis mein Papa wiederkommt. Ich gehe andächtig den ganzen Raum ab, schaue mir die Bilder ganz genau an, dann die Cover von den vielen Platten, die im untersten Regal stehen, dann nehme ich vorsichtig ein Buch nach dem anderen aus dem Schrank und blättere sie nach Bildern durch, ich probiere ein paar Instrumente aus und setze mich ans Klavier, probiere mit dem Zeigefinger ein paar Tasten, kurz: Ich bin im Glück. Ich habe keine Uhr, aber irgendwann denke ich: Jetzt ist es aber schon sehr lange her, dass Papa weggegangen ist. Ich setze mich auf ein Kissen neben einen riesengroßen Kontrabass und schaue das Buch „Peter und der Wolf“ an. Aber meine Gedanken sind jetzt ein wenig durchlöchert von der Sorge, warum Papa nicht wiederkommt. Und tatsächlich wird es allmählich dunkel. Und dann merke ich auch noch, dass ich pinkeln muss. Mist. Nun ist es mit der inneren Ruhe vorbei. Ich kann mich nicht mehr auf Peter und der Wolf konzentrieren, außerdem ist die Stille um mich herum plötzlich unheimlich. Und: Ich weiß nicht, wie lange ich noch ohne Toilette aushalten kann. Ja. Mensch kann sich vorstellen, wie diese Geschichte weitergeht. Sie endet mit einer kleinen Pfütze in der Mitte des Raumes und einem Kind, das schamgefroren direkt danebensteht – im Dunkeln – wohlbemerkt. Denn nachdem das Malheur passiert war, hatte ich nur noch diesen einen beherrschenden Gedanken, das Licht im Raum auszuknipsen, damit mein Papa, wenn er denn wiederkam, nicht sehen würde, was ich angerichtet hatte. Was natürlich völlig sinnlos war, denn das Erste, was er machte, als er endlich irgendwann den Raum betrat, war natürlich: Das Licht anzuschalten. Was er sofort sah war diese Pfütze und ein heulendes Kind daneben. Und mein Vater konnte es nicht ab, wenn jemand heulte. Dann versteinerte er. So auch jetzt. Was dazu führte, dass sich meine Scham ins Unermessliche steigerte. Er packte mich wortlos an der Hand, ließ alles, wie es war, schloss den Musikraum hinter uns ab und fuhr schweigend und mit grimmigem Gesicht mit mir nach Hause. Dort hörte ich meine Mutter später schimpfen, was für ein Egoist er sei, dass er seine eigene Tochter einfach in der Schule vergaß. Auf diesem Wege begriff ich, dass er nach der Konferenz nach Hause gefahren war, Zeitung gelesen und zwei Geigenstunden gegeben hatte. Erst beim Abendessen war aufgefallen, dass ich fehlte. Die Episode hätte schnell vergessen sein können, aber nach diesem Malheur redete mein Vater drei Wochen nicht mit mir. Ich setzte mich an den Frühstückstisch – und war Luft. Ich setzte mich an den Mittagstisch – und war Luft. Ich fragte vorsichtig: Papa? Und war Luft. Mir war klar: Nach dieser peinlichen Sache war ich für ihn gestorben. Es war wie ein kleiner Tod. Jetzt könnte mensch argumentieren, dass mein Vater ein Arschloch ist. Aber. Es war eben komplizierter. Ich selbst dachte damals, dass ja jeder mal was vergisst. Ich ja auch. Und dass er immer versteinerte, wenn jemand weinte, erklärte ich mir – insbesondere später als Erwachsene – damit, dass er ein Kriegskind war. 1940 geboren. Er hatte als kleiner 5-jähriger Junge die Flucht erlebt. Was das bedeutete, las ich viele Jahre später in den entsprechenden Büchern zum Thema Kriegstraumata. Ich hatte also grundsätzlich eine innere Sperre, jemanden zu beurteilen. Und jemanden als Arschloch zu betiteln ging für mich schon mal gar nicht. Umso überraschenderweise war das nun, wie sehr ich mich freute, dass diese Frau, die Mausi hieß, es trotzdem tat. 

Ich sitze also so vor ihr und nehme erstaunt zur Kenntnis, was für eine unmittelbar spürbare Heilkraft der Gedanke hat, dass der Sheriff ein Arschloch ist. Ich möchte dieser Frau, die Mausi heißt, gerade sehr gerne weiter zuhören. 

Und woher kennst du den?   frage ich und hoffe auf weitere tröstende Informationen. Die werden auch umgehend geliefert.   Den kenne ich noch aus Kommune-Zeiten in den 70-ern. Damals war ich auch noch gar nicht Lehrerin. Da war ich Fotografin und konnte mir auch gar nicht vorstellen, in die Schule zu gehen. Da ging es insgesamt darum, die Gesellschaft radikal zu verändern. Der Versuch mit der Kommune und der freien Liebe hat aber nicht so gut geklappt. Das haben die Männer da einfach als Ausrede benutzt, um sich wie Arschlöcher zu benehmen. Ich bin dann irgendwann da abgehauen. Und mit dem Fotografieren hab ich zu wenig Geld verdient. Deswegen bin ich dann Lehrerin geworden. Weil: Damals gings darum, dass wir Berufe ergreifen, in denen wir die Gesellschaft radikal verändern können. –

Und da bist du LEHRERIN geworden?  frage ich ungläubig.   Ja klar!  sagt Mausi,   Stichwort Bildung! Das ist doch fast die wichtigste Baustelle, wenn man Gesellschaft verändern will!   

Das erstaunt mich jetzt, ich erinnere mich aber an den Satz von Herrn Böhm mit dem proletarischen Kind… Scheinbar hatten die eine andere und deutlich politischere Perspektive. Ich jedenfalls war nicht Lehrerin geworden, um die Gesellschaft zu verändern. Über den Gedanken musste ich fast lachen. Was konnte ich als Lehrerin schon VERÄNDERN? Aber klar – das waren halt die 68-er. Und tatsächlich hatten die ja gesellschaftlich EINIGES in Bewegung gebracht. Mausi macht jetzt allerdings gleich noch einen neuen Gedanken auf.

Deswegen war das ja auch nach der Wende so ne Katastrophe in den Berliner Lehrer-Kollegien, redet sie gutgelaunt weiter, die ganzen Linken wurden da ja gnadenlos zusammen geschmissen und das kannst du mir mal glauben, dass die Linken im Osten und im Westen nicht die gleichen Vorstellungen hatten – meine Güte, das ging da richtig ans Eingemachte! Die haben sich bis aufs Blut bekämpft, das war nicht lustig. Und da hat auch dein Herr Böhm ordentlich mit ausgeteilt, der war einer der Schlimmsten. Alter K-Gruppen-Kader. Kein Spaß. Humor hatten die sowieso alle nicht.  Sie macht eine kleine Pause.  Also ich – ich war eher so der Hippie.  Sie scheint kurz in Gedanken versunken und ich denke: Also waren die Hippies offenbar die Weiseren… 

Was war denn der Unterschied zwischen den Linken im Osten und im Westen? frage ich und komme mir vor wie ein Kind, dass Geschichten von der Oma aus dem Krieg hören will. Aber egal. Ich weiß es ja wirklich nicht. Und mache eine Notiz an mich selbst:  Häufiger mit anderen Menschen treffen! Nicht immer nur innerhalb deines Lehrerzimmers versauern!   

 Mausi rollt kurz mit den Augen.   Naja. Die Leute, die im Osten Lehrerinnen und Lehrer waren, das waren die Systemkonformen. Andere haben die ja gar nicht in die Schulen gelassen. Und das musst du dir mal vorstellen: Da sind dann nach der Wende so Menschen aufeinander getroffen, die ganz unterschiedliche Haltungen und innere Prägungen hatten: Die linken Lehrer und Lehrerinnen in West-Berlin, das waren so Leute mit rebellischer Haltung. Die waren auf Krawall gebürstet. Schon alleine wegen ihrer Nazi-Eltern. Und die Lehrer aus dem Osten, das waren halt die, die eher vorsichtig waren, eher angepasst. Das waren eher so die, die beim Klassenstreich nicht mit machen und die anderen verpetzen. Also nicht alle, natürlich. Aber tendenziell fanden wir die Ost-Kollegen viel zu autoritär geprägt und viel zu gehorsam… Für uns war deren Haltung enttäuschend konservativ! So Dienst nach Vorschrift machen und so ne Scheiße. Das war ja eigentlich voll unpolitisch! 

Ich bin jetzt etwas verwirrt und frage nach:   Naja, aber die Haltungen – also inhaltlich – müssen doch irgendwie ähnlich gewesen sein. Das war doch gelebter Sozialismus bei denen, oder nicht?  

Und Mausi:   Das würde ich so nicht unterschreiben. Eher von oben verordneter Sozialismus, der dann aber nicht persönlich verinnerlicht war! Diese Ost-Kollegen und Kolleginnen   (mir fällt auf, dass Mausi immer ganz ordentlich die männliche UND die weibliche Form benutzt, was ich in meinem Umfeld an der Schule und im Freundeskreis so nicht kenne, es ist 2005…),    also diese Ost-Kollegen und Kolleginnen, die waren so drauf, dass sie sozialistische Haltungen vertraten, weil es ihnen von oben verordnet worden war und die so ne Art Strebertypen waren. Da war jetzt gar nicht so die persönliche Haltung drunter, ganz im Gegenteil, die waren eher obrigkeitshörig. Und wir aus dem Westen wollten ja nun gerade dieses Obrigkeitsdenken abschaffen.   

Jetzt kriege ich innerlich aber doch einen kleinen Widerspruchsanfall:  

Also, der autoritärste Typ, den ich je kennen gelernt habe, ist ja nun gerade Herr Böhm! Also das kann ja nicht stimmen, was du sagst!   (wieder mache ich erstaunt eine Notiz an mich selbst: Mit Mausi rede ich nach zehn Minuten bereits so, als würden wir uns seit Jahren kennen…). 

Mausi pustet nur verächtlich Luft aus:   Ich sag ja gar nicht, dass die West-Leute mit dem rebellischen Impuls nicht auch ne autoritäre Haltung internalisiert hatten! Das merk ich ja bei mir selber! Ein ganzes Leben hab ich mit dieser Nazi-Scheiße meiner Eltern zu tun. Und wir haben Kinderläden gegründet und volles Programm antiautoritär versucht! Trotzdem ist die Scheiß-Prägung natürlich drin! Ich sag ja nur: Angepasstes Kind und rebellisches Kind! Ossis und Wessis gleichermaßen Kindergarten. Leider kein Erwachsenen-Ich. Die Ossis in den Lehrerzimmern waren im angepassten-Kind-Modus, die Wessis im rebellischen-Kind-Modus, aber leider eben ALLE im KIND-Modus. Deswegen wurde das ja auch alles nicht konstruktiv. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass diese Kollegien ein einziger großer, zänkischer Kindergarten waren.   

Ich denke an die Konferenzen, die mir vorkommen wie eine Häschen-Schule und an das kindische Verhalten der Kollegen und frage mich, ob es diese unterschiedlichen Fraktionen wohl immer noch gibt – und diese latente gegenseitige Verachtung – und ob die Zombie-Atmosphäre vielleicht tatsächlich zumindest teilweise auch daher rührt… Mausi hat angefangen, ihre Suppe zu essen und ich denke noch ein bisschen über die Historie dieser seltsamen Stadt nach. Berlin ist nicht Bullerbü. Das wird mir auf jeden Fall gerade noch mal ganz besonders klar. Und auch, dass ich sehr naiv in dieses Kollegium hineingeplumpst bin. Kein Wunder, dass die so gereizt auf mich reagieren. Mmmmh. 

Und sag mal, warum heißt du denn eigentlich Mausi?, frage ich, um jetzt mal wieder auf eine persönlichere Ebene zu wechseln. 

Ach, das ist so ne Art Verarsche aus Kommunezeiten…  lacht Mausi.   Die Männer haben mich da auf ihre Scheiß-Macho-Art immer Mausi genannt, weil das mein Spitzname aus Kindertagen war – und ich hab das dann ironisch umgedreht und zu meinem Kampfnamen gemacht. Flucht nach vorne, sozusagen. 

Ich merke es ganz deutlich: Ich fange an, Mausi sehr zu mögen. Warum habe ICH eigentlich keinen Kampfnamen, frage ich mich? 

Ja und das mit den Kinder-Rollen kann ich nachvollziehen,  greife ich den Faden noch mal auf,   aber das mit den unterschiedlichen linken Haltungen, das kapier ich immer noch nicht so ganz… 

Aber Mausi schüttelt den Kopf:   Das führt jetzt zu weit, DAS Fass machen wir dann das nächste Mal auf. Ich will jetzt viel lieber wissen, was DICH eigentlich so antreibt… Ich beobachte dich ja so n bisschen bei den Proben und denk immer: Die Frau ist ja spannend, die ist ja auch auf Krawall gebürstet… 

Was?,   ich muss lachen,   was meinst du denn? Also ich hab jetzt schon festgestellt: So große politische Ambitionen hab ich GAR NICHT! 

Mausi lehnt sich vor:   Aha? Was willst du denn mit den Jugendlichen erreichen? 

Ich seufze kurz und zucke mit den Schultern:   Also ehrlich gesagt will ich nur überleben. Und ich will, dass die endlich ernst genommen werden. Dass die sich nicht immer so falsch fühlen. Mir wurde immer eingeredet – mein Leben lang – dass Kinder an den Hauptschulen dumm sind. Aber ich sehe jetzt: Die sind Null Komma null dumm, die kommen nur mit ihren Sachen, also ihren Themen, nicht durch. Ich will, dass die sich zeigen und selbstbewusst werden und dass Leute SEHEN, was die KÖNNEN. Das würde uns allen ziemlich gut tun, ehrlich gesagt. Mir war nämlich bis jetzt gar nicht klar, wie blutleer und eindimensional vieles in meinen  Umfeldern so ist.  Außerdem fühl ich mich gerade selber so ein bisschen wie die.  

Mausi fängt schallend an zu lachen. Ich bin verunsichert. Und ein bisschen pikiert. Vielleicht ist sie doch nicht so sympathisch. Ich werfe ihr einen fragenden, latent aggressiven Blick zu und denke: Wenn du dich mit mir anlegen willst, bitteschön… 

Mausi sagt:   Und DU sagst, du bist nicht politisch! Ich LACH mich tot! Willkommen im Club. Ich wusste es gleich. Das sieht ja n Blinder mit nem Krückstock, dass da ein Feuer brennt. Ja, das ist doch mal ne Ansage, Frau Plath! 

Ich halte noch ein klein wenig an diesem latent beleidigten Gefühl fest, lasse es aber schließlich los und beschließe, dieser Frau zu trauen. Ich erzähle ihr alles von meinen Veto-Versuchen und was ich in den letzten Monaten erlebt habe. Nur die Aula-Scheiße mit Herrn Böhm lasse ich weg. Und Mausi richtet sich auf und sagt:   Ganz ehrlich, Maike: Das ist klasse, was du machst. Mach weiter. Lass dich nicht unterkriegen! Am besten treffen wir uns hin und wieder. Das Wichtigste ist nämlich, dass du merkst, dass du nicht der einzige Freak bist.  

Und damit hatte sie natürlich vollkommen recht. Sie wurde meine erste nahe Freundin in Berlin. Mit Mausi brachen bessere Zeiten an. Ich war nicht mehr allein. 

Kapitel 14: Talfahrt

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Sag mal, wer hat dir denn jetzt ins Gehirn geschissen?

Herr Böhm steht im Lehrerzimmer mit verschränkten Armen vor mir und starrt mich an. Ich suche nach einem Hauch von Humor in seinem Gesicht, aber da ist nix. Der Sheriff ist ultimativ genervt. Und weil mir so schnell keine Antwort einfällt, starre ich nur entgeistert zurück und denke: Scheiße, das ging jetzt aber schnell mit der Mund-zu-Mund-Propaganda… Irgendjemand hat ihm offenbar den Vorfall mit Selina gepetzt. Herr Böhm hat keine Lust, weiter auf eine Antwort zu warten, vielleicht war es sowieso eher eine rhetorische Frage, denn er legt gleich nach:

Selina führt sich da auf wie ne Irre, und du unterstützt das auch noch, oder wie jetzt? Fällst dem armen Künstler da in den Rücken, als ob der das mit unserem Gesocks nicht schon schwer genug hätte. Klasse, Frau Plath. Das nennt man Solidarität unter Kollegen. Toll gemacht. Und was dachtest du, was das für Konsequenzen hat? Ich glaube echt, es hackt! Wenn du dich in den Klassen nicht durchsetzen kannst, ist das ja die eine Sache. Aber offen zum Fehlverhalten aufstacheln, das ist schon ne beachtlich miese Leistung. Da kommt Freude auf. Oder wolltest du mal bisschen einen auf Mutter Theresa machen, die armen, unterdrückten Kinder, und so weiter, oder was? Ich sag dir mal was: Hier sind Kollegen, die sind schon seit den 70-ern hier, unter anderem auch meine Wenigkeit. Wir sind FREIWILLIG an die Hauptschulen gegangen – Stichwort: Das proletarische Kind. Wir haben da bereits alles versucht, das kannste mir glauben. Das ist halt nicht so einfach, wie du noch merken wirst. Aber hier jetzt die Retterin der Armen zu spielen, das ist echt völlig daneben! Du hast ja  keinen blassen SCHIMMER, Mädel! Hier ohne Hirn die Heldin zu spielen, das haben wir gerne! Ich könnte KOTZEN! Und ob Selina da weitermacht, das entscheide ICH höchstpersönlich, das ist immer noch MEINE Klasse.

Er dreht auf dem Absatz um, rauscht aus dem Lehrerzimmer und wirft knallend die Tür hinter sich zu. Ich fühle mich wie in Scheiße getaucht. Das war jetzt wie ein Tritt in den Magen. Mein Hals ist wie zugeschnürt, meine Augen brennen, mit aller Kraft schlucke ich den Impuls loszuheulen runter. Mit wackligen Knien mache ich mich auf den Weg ins Raucherzimmer. Keiner da. Gottseidank. Ich lasse mich aufs Sofa fallen, zünde mir mit zittrigen Händen eine Zigarette an und lasse ein paar Tränen laufen. Dann klingelt es. Gesicht abwischen. Tief schlucken. Tief einatmen. Aufstehen. Rücken durchstrecken und weiter geht’s. Auf in die 8b. 

Als ich die Aulatür aufschließe, merke ich, dass die Wut in mir hochkommt.  Arschloch!  denke ich. Doch ich habe nicht viel Zeit weiter in meinen Wutgefühlen zu baden, denn leider wartet bereits gleich die nächste Herausforderung. Ein Typ in Jeans und Trainingsjacke steht im Gang am Fenster und tritt auf mich zu.  Sind Sie Frau Plath? –  Ich nicke und reiche ihm die Hand.  Ich bin der Freund von Justins Mutter. Sie kann nicht kommen, aber ich muss mit Ihnen sprechen.

Ich habe jetzt Unterricht, können Sie nicht später noch mal wiederkommen, vielleicht so 14.30? frage ich. Er schüttelt den Kopf.

Nee das geht nicht, ich hab Schicht. Dauert auch nicht lange.  Er schiebt sich an mir vorbei in die Aula. Die Klasse tobt inzwischen auf und hinter der Bühne herum. Immerhin kann kein Vorhang abreißen, denn der ist ja nicht mehr da.  Ich muss das mit dem Schwarz-Streichen der Bühne noch regeln,  denke ich, schließe die Aulatür und wende mich Justins Stiefvater zu. Und was kann ich für Sie tun?  frage ich und ahne bereits, dass jetzt nichts Erfreuliches kommt. Der Mann steht breitbeinig da und fixiert mich mit unangenehmem Gesichtsausdruck. Dann legt er los.

Justins Mutter geht`s nicht gut. Aber sie macht sich Sorgen, deswegen bin ich jetzt mal vorbei gekommen, um mir einen Eindruck zu verschaffen und leider scheint der Klassenlehrer ja recht zu haben. Wie heißt der noch mal?  Ich helfe ihm weiter: Herr Böhm.

Ja, genau, Herr Böhm. Der hat meiner Frau erzählt, dass Justin so ne junge Lehrerin hat, die sich nicht durchsetzen kann und dass da kein ordentlicher Unterricht stattfindet. Nur Chaos in der Aula. Und ich muss sagen: Sieht ganz so aus, als ob der recht hat. Sind Sie überhaupt ausgebildete Lehrerin? Justin hat ein Recht auf normalen Fachunterricht. Nicht auf sowas.  Er deutet auf die zugebenermaßen ziemlich lauten Jugendlichen auf der Bühne.

Das müssen Sie schon mir überlassen, antworte ich und bete innerlich, dass ich nicht ausraste jetzt.  Klar bin ich ausgebildete Lehrerin und es würde mich interessieren, was Sie unter normalem Fachunterricht verstehen,  höre ich mich mit übertrieben fester Stimme sagen. Ich spüre, dass ich mich bremsen muss, mich jetzt nicht um Kopf und Kragen zu reden. Ich halte also inne und lasse die Frage einfach mal so im Raum stehen.

Aber der Typ scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Er schaut mich mit verächtlichem Gesichtsausdruck an und erklärt:  Was für mich normaler Fach-Unterricht ist?Ja, das kann ich Ihnen sagen: Strenger, ordentlicher Unterricht wie bei Herrn Böhm. Da wissen die Kinder, woran sie sind. Der lässt nix durchgehen. Da lernen die noch was. Und genau das braucht Justin. Der kriegt seinen Arsch sonst nicht hoch. Und Sie verplempern hier wertvolle Zeit, das sieht man ja. Ich werde mich beschweren. Das lasse ich mir nicht gefallen, dass Ihre Unfähigkeit unserem Justin die Zukunfts-Chancen versaut. Mir fällt tatsächlich nichts mehr ein. Aber der Mann wendet sich jetzt ohnehin zum Gehen und ich mache keinen Versuch, ihn aufzuhalten. Stattdessen rufe ich ihm hinterher:  Dann schönen Tag noch!  und beiße mir auf die Lippen. Inzwischen wird es wirklich höchste Zeit, dass ich mich um das Chaos auf der Bühne kümmere.

So, Schluss jetzt. Sorry für die Verspätung, wir fangen jetzt an.

Was wollte der? – fragt Justin.

Dein Vater?, frage ich. 

Das ist nicht mein Vater. Das ist n Klugscheißer, der nervt, sagt Justin und ich muss mich zusammenreißen, um nicht zu sagen: Da hast du allerdings recht! Ein kleines Grinsen kann ich mir nicht verkneifen. Meine Laune ist um einen Millimeter gestiegen und ich fange an:

Also Leute, mir ist letztes Mal aufgefallen, dass wir noch mehr Karten, also mehr Programme brauchen, damit die Szenen oben auf der Bühne immer spannender werden. Jetzt gibt es auch noch EINSCHUB, FREEZE UND ALLE BLICK INS PUBLIKUM, CATWALK und EMOTIONSKARTEN.

Während der folgenden 20 Minuten lösen wir schreiend und diskutierend alle Probleme, die während des Spiels auftauchen, u.a. auch, was Emotionen sind und dass es mehr davon gibt als Wut und Liebe und wir vereinbaren während des Spielens ständig neue Regeln, die auch wiederum auf Karten geschrieben werden. Für jedes auftauchende Problem muss eine Lösung in Form einer Karte gefunden werden und das Ziel ist, dass es Spaß macht und keiner sich langweilt. Es ist erstaunlich, wie lange das gut geht, sogar jetzt hier mit der ganzen 8b. Taher findet, dass es „wie ein Computerspiel“ ist, was wir machen und nickt anerkennend in meine Richtung. Ach, ist das schön. Endlich funktioniert mal was. Der Zeitpunkt für meine Veto-Idee scheint gekommen. Ich stoppe das Spiel und setze mich zwischen die beiden Gruppen – zwischen Bühne und zuschauenden bzw. Fernbedienungen klickenden Schüler*innen.

Ich führe jetzt für heute die letzte Karte ein, sage ich, und zwar die Veto-Karte. Wenn von unten ein Auftrag kommt, den ihr nicht ausführen wollt, könnt ihr Veto einlegen, das heißt, ihr verweigert den Auftrag. Und zwar so lange, bis wieder ein Auftrag kommt, den ihr ausführen wollt. Ok? Das kann jeder für sich selbst entscheiden.

Einige nicken. Können wir weiter machen?,  fragt Mahmout. Ich habe irgendwie das Gefühl, ich muss das noch etwas ausführlicher erklären, aber sie fangen bereits wieder an zu spielen und ich denke:  Auch gut, vielleicht klärt es sich ja auch von allein.

Das tut es leider nicht. Innerhalb kürzester Zeit schreien alle Veto und lachen sich schlapp, unten vor der Bühne rasten einige aus, weil sie ihre Aufträge nicht mehr durchkriegen und sich von den Spieler*innen auf der Bühne verarscht fühlen – langer Rede kurzer Sinn: Wir sind wieder mal im kompletten Chaos gelandet. Nichts geht mehr. Und es kommt noch besser. Taher ruft:  Gilt das Veto auch für das, was Sie uns sagen?  Ich breche das Spiel ab und „verordne einen Stuhlkreis“. Es dauert 20 Minuten, bis der Stuhlkreis aufgebaut ist und es leise ist. Und in diesem Moment treffe ich meine Entscheidung. Ich denke:  Jetzt oder nie!  und erkläre ehrlich und offen, was ich mit dem Veto Recht eigentlich meine:

Zu Tahers Frage,  sage ich, also zu der Frage: Gilt das Veto auch für das, was ich sage? Ja klar. Es geht mir darum, dass ihr mal rausfindet, was ihr machen WOLLT, und was nicht. Eigentlich können wir nur richtig arbeiten, wenn ihr lernt, klar zu sagen, was für euch geht und was nicht. Erst dann kann ich mit euch guten Unterricht machen.  Ich erläutere das 10-Meter-Turm-Beispiel. Aber es sind bei weitem mehr als drei Sätze und ich komme nicht durch. Es wird unruhig und Taher unterbricht mich mit breitem Grinsen:  Cool. Dann mach ich jetzt Veto und geh nach Hause.  Und er nimmt seine Jacke – und geht. Und noch bevor ich die Chance habe, in irgendeiner Weise darauf zu reagieren, schreit Fatima:  Veto! Veto! Veto! und kriegt einen hysterischen Lachanfall, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringt. Alle schreien Veto!,  springen auf, kippen die Stühle um, einige rennen raus, andere bewerfen sich mit Jacken, wieder andere öffnen die Fenster, beugen sich raus, schreien  Veto! raus auf den Schulhofund scheinen fast zu ersticken vor Lachen– und in all dem Chaos sehe ich in ihren Gesichtern wieder das, was ich längst dachte besiegt zu haben: Diesen Anflug von Gehässigkeit. Mir gegenüber. Diesen Genuss daran, mich auf die Palme zu bringen, bzw. ja, den Genuss daran, mich zu verletzen. Und das killt mich tatsächlich. Ich habe das Gefühl, innerlich zu vereisen. Was soll das, was ist mit diesen Kindern los? Sind die am Ende doch bösartig? Warum genießen sie es so sehr, mich fertig zu machen? Habe ich mir diese Fortschritte der letzten Woche nur eingebildet? Ich setze mich auf einen Stuhl und denke:  Ich lasse es einfach. Ich melde mich krank und schaue, dass ich an eine andere Schule komme. Und wenn das nicht geht, dann fange ich eben im Schuhladen an. Ich kann es einfach nicht schaffen.  Herrn Böhm sehe ich gar nicht hereinkommen. Erst, als er vor mir steht, wird mir klar, dass es immer ein „Noch schlimmer“ gibt. Herr Böhm grinst und reicht mir ein Taschentuch:  Ich dachte, ich komm mal vorbei, man kann bei diesem Lärm ja nirgends im Haus mehr Unterricht machen. Am besten heulste jetzt erstmal ne Runde und dann schauen wir mal, was wir machen können. So geht das ja hier nicht mehr weiter, das ist dir ja klar, oder nicht?  Und es darf nicht wahr sein, aber tatsächlich fange ich an zu heulen. Und Herr Böhm setzt sich neben mich, reicht mir ein weiteres Taschentuch, während die letzten Schüler*innen den Raum verlassen. Die Tür fällt hinter ihnen ins Schloss. Es wird still. Ich heule unkontrolliert weiter. Dies ist mein letzter Tag, denke ich, es ist alles egal. Da spüre ich etwas auf meinem Bein. Ich erstarre. Herr Böhm hat seine Hände da, wo sie nicht sein sollten. In meinem Schritt. Und er beugt sich vor und versucht mich zu küssen. Mir wird augenblicklich so schlecht, dass ich das Gefühl habe, es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette zu schaffen. Ich springe auf, der Stuhl kippt nach hinten, wegen Tränen und Rotz sehe ich nur verschwommen, ich raffe meine Sachen zusammen und schaffe es irgendwie aus der Aula. Bloß raus hier. Ich renne, stolpere die Treppen runter. Hoffentlich sieht mich keiner. Gleich hab ich es geschafft. Da ist der Ausgang. Nur noch durch diese Tür. Ich greife nach der Klinke. Ups. Die Tür geht von selber auf. Und von draußen kommt herein – mit einem Eimer und einer Schaufel – der Hausmeister. Mist. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Er schaut mich an. Ich schaue auf den Boden. Schweigen. Dann er:  Was ham se denn mit IHNEN anjestellt? Noch immer schaut er mich direkt an. Ich versuche, einen Satz zu formen aber es kommt nur ein undefinierbares Geräusch aus meiner Kehle. Ich setze noch mal neu an, aber es kommt nichts raus und irgendwie füge ich mich meiner Sprachlosigkeit und merke: Vielleicht ist das jetzt auch einfach mal ne Situation ohne Worte. Auch Herr Schulz scheint es zu bemerken. Er stellt erstmal umständlich und scheppernd Eimer und Schaufel ab. Dann schaut er, schaut wieder weg, seufzt.  Na, denn kommse mal mit. So kann ick Se ja nich alleene nach Hause schicken, dit is jetzt Zeit für n Kaffee, wa? – Er schaut mich an. Oder fürn n Pils….?  Da ich immer noch nichts sage, schiebt er mich sanft aus der Tür und bedeutet mir, mit zu kommen. Wohin auch immer, denke ich und trotte etwas belämmert hinter ihm her. Herr Schulz schließt die Tür zum Hausmeister-Kabuff auf. Drinnen ein dunkler Flur. Zigarettenrauch. Wir biegen um die Ecke. Eine kleine Küche mit einem schweren runden Holztisch in der Mitte, an der Wand eine Art Werkbank mit allem möglichen Zeugs, Schrauben, Schlüssel, ein Werkzeugkasten, ein Bohrer, verschiedene metallische Gegenstände, ich vermute ausgebaute Schlösser oder sowas. Zwei Typen sitzen da und qualmen, Bild Zeitung liegt auf dem Tisch, ein kleiner Fernseher flimmert auf einem Schränkchen daneben, irgendein Fußballspiel, die beiden trinken Sternburg Pils aus der Flasche. Herr Schulz nuschelt irgendwas und öffnet einen brummenden, fleckigen Kühlschrank in der Ecke, der vollgeklebt ist mit irgendwelchen Stickern aus den 80-ern, so sieht es jedenfalls aus.  Ick denke, n Pils is anjebracht?  fragt er und reicht mir ein Sternburg Pils. Ich nicke und nehme die kalte Flasche entgegen. Einer der beiden rauchenden Typen reicht mir einen Öffner. Kurzer Blick auf meine Armbanduhr: 13.40 Uhr. Ich hab keinen Unterricht mehr. Aber es fühlt sich ohnehin gerade alles ein bisschen nach „egal“ an. Ich öffne die Flasche, Herr Schulz hat seine bereits mit einem Feuerzeug geknackt, die „Jungs“ am Tisch deuten mit einem Nicken eine Prost-Geste an, nuscheln ihre Namen in meine Richtung, Olli, Jens, Maike, wir nicken uns zu und dann nehme ich einen großen kalten Schluck Bier und nehme das wohltuende Wärmegefühl im Magen zur Kenntnis. Wow. Ich fühle mich plötzlich so müde, als könnte ich auf der Stelle einschlafen. Offenbar erwartet auch niemand groß irgendeine Unterhaltung von meiner Seite. Friedlich sitzen die Männer da am Tisch, schauen auf den kleinen Bildschirm und trinken ihr Sterni. Alles gut. So vergeht eine Weile in angenehmen Schweigen, bis das Bier anfängt zu wirken und ich wieder ein wenig munterer werde. Ich schaue zu Herrn Schulz rüber und sage: Ja, danke übrigens. Das ist echt nett. Er winkt ab. Keene Ursache. Wieder ein paar Minuten wohlige Stille. Dann er: Dit mit dem Vorhang in ner Aula… Dit kann so nich bleiben, dit sieht ja nich jut aus. Wenn Se den nich wieder ofjehängt haben wolln, was ham Se sich denn jedacht? 

Und ich: Ich dachte, wir könnten vielleicht die ganze Bühne schwarz streichen? Herr Schulz zieht die Augenbrauen hoch,  wer is denn „wir“? 

Ach so, ich dachte vielleicht ein paar aus der 8b und ich. 

Herr Schulz stellt sein Bier auf dem Tisch ab und beugt sich vor: Also dit kommt jar nich in Frage. Meinen Se, ich lass die Chaoten da ran? Da könn wa anschließend alles noch mal neu streichen und ham zusätzlich noch ne Sauerei. Nee, dit mach ich lieber selbst mit meenen Jungs, wa?  Er schaut zu den beiden anderen, die weiterhin auf den Bildschirm schauen, aber ihre Daumen heben und nicken. Ja, dit is ja keene schlechte Idee – und dit wolln Se fürs Theater? Und keenen Vorhang? – Ich: Nee. Ich finds ohne Vorhang besser. Herr Schulz zuckt mit den Schultern. Mir soll`s recht sein. Könn wa nächste Woche machen, würd ick sagen, wa? Wieder ein Nicken der beiden Kollegen am Tisch. Ich staune. Jetzt streicht Herr Schulz die Bühne für mich, oder wie? Ich merke aber, dass es jetzt unangebracht wäre, meine Überraschung und Freude zu extrem raus zu lassen. Stattdessen wende ich mich jetzt noch mal mit all meiner Aufmerksamkeit Herrn Schulz zu, lasse zumindest ein kleines Lächeln raus und sage: Das ist wirklich wahnsinnig nett! Das freut mich total. Vielen Dank, Herr Schulz. Er brummelt irgendwas wie Keen Ding, dit muss ja ohnehin jemacht werden, steht auf und beginnt an einem der Schlösser auf der Werkbank rumzuhantieren. Ich habe das Gefühl, dass es Zeit ist zu gehen und verabschiede mich bei den drei Herren, die mich irgendwie gerettet haben heute und mache eine Notiz an mich selbst, nämlich: Es ist alles doch immer wieder anders, als man denkt. Kurze Zeit später sitze ich in der U8 auf dem Weg nach Hause. Von dem Vorfall in der Aula spreche ich nie mehr ein Wort. Schon der Gedanke daran ist so unangenehm, dass ich beschließe, dass es nicht passiert ist. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie, also in welchen Worten ich DAS überhaupt erzählen könnte. Es kommt mir zu ungeheuerlich, zu absurd vor. Und was würde es in der Konsequenz bedeuten? Es macht mir Angst. Also richte ich meine Gedanken auf andere Dinge. Ich kriege jetzt eine schwarze Bühne und mein Leben hier geht weiter und also schaue ich nach vorn. Am nächsten Tag mache ich einen großen Bogen um Herrn Böhm, doch das ist gar nicht so schwer, denn auch er scheint kein Interesse daran zu haben, mit mir zu sprechen. Den Vorfall mit Selina erwähnt er auch nie mehr. Und Selina bleibt im Projekt. Mit wem ich allerdings noch mal über Selina spreche, ist der Tänzer. Wir treffen uns auf einen Kaffee in Kreuzberg und ich versuche ihm zu erklären, warum ich ihm quasi in den Rücken gefallen bin, dass mir das leid tut und wie ich die Sache aber grundsätzlich sehe. Zu meiner Überraschung ist er ganz und gar auf meiner Seite, erzählt von Royston Maldoom, mit dem er im letzten Projekt zusammengearbeitet hat und dass er nur aus Überforderung so krass reagiert habe. Weißt du, erklärt er mir, ich finde mich selber ganz schrecklich, wenn ich da so die Nerven verliere. Ich will das eigentlich gar nicht. Aber manchmal werden halt auch meine inneren Muster getriggert. Ich rede noch mal mit Selina. Ich glaube, wir kommen jetzt sehr gut klar. Und zum Veto-Gedanken: Ich finde es genau richtig, wie du das siehst, und ganz ehrlich: Ich würde dran bleiben an deiner Idee mit dem Veto. Das ist logisch, dass die erstmal Rabbatz machen. Aber das hat ja nichts mit dir oder der Idee zu tun. Die müssen doch erstmal alles abreagieren, was die ansonsten an Demütigungen in diesem Schulsystem schlucken müssen. Deswegen drehen die doch auch immer erstmal so am Rad in unseren Projekten. Kaum ist ein bisschen Freiheit da, müssen die erstmal ordentlich Dampf ablassen. Aber nach einiger Zeit wird das besser. Die müssen erstmal Vertrauen gewinnen. 

Diese Worte wirken auf mich wie reine Medizin. Ich kann es gar nicht fassen, dass im Ganzen die Dinge gar nicht SO schrecklich sind, wie ich dachte. Und also richte ich mich wieder auf und gehe erneut in die Arena mit der 8b – um es noch einmal mit dem Veto-Recht zu probieren.