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Online Kurse bei Maike Plath

„Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung – Das Mischpultprinzip: Ein Online-Seminar zur Einführung der zentralen Prinzipien gleichwürdiger Führung und Selbstführung“

Die derzeitige Covid 19 Pandemie können wir als einmalige gesellschaftliche Lernsituation begreifen, in der wir alle mit unseren eigenen internalisierten autoritären Mustern konfrontiert werden und diese Schritt für Schritt erkennen und überwinden lernen können. 

Basis-Kurs:

4 Zeitstunden für Gruppen bis zu 14 TN

Online-Kurs via Zoom

Inklusive begleitendes Material und Protokoll

750,- Euro

Dieses Angebot kann nur von Gruppen/Institutionen gebucht werden, nicht von Einzelpersonen. Der Preis ist nicht der Preis pro Person, sondern für die gesamte Gruppe a 14 Personen für vier Zeitstunden Mischpult-Online-Seminar. Es handelt sich hier um eine grundsätzliche Einführung in das Mischpult-Prinzip am Beispiel des oben genannten Themas. Dieses Format wurde bewusst als Online-Format entwickelt und kommt bereits sehr gut an (- es ist auch für online-skeptische Menschen geeignet!).

Anfragen an: 

kontakt@maikeplath.de

Programm:

Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung – Das Mischpultprinzip

Ein Konzept zur gleichwürdigen Führung

Einführung

Die Ausbildung von echtem Selbstwertgefühl ist die Basis für mentale und psychische Stärke – eine immer wichtiger werdende Ressource, um komplexe Situationen, mit denen wir es zunehmend zu tun haben, aushalten zu können und damit DIE Grundvoraussetzung für die Fähigkeit sich selbst und andere zu führen. 

Es besteht aber ein Zusammenhang zwischen unseren Lebensbedingungen und Bildungschancen in einem wettbewerbsorientierten System und der Möglichkeit, mentale und psychische Stärke ausbilden zu können. Wer zu lange Anpassung als Voraussetzung für Anerkennung erlebt, verlernt den Zugang zur eigenen Persönlichkeit und eigenen Fähigkeiten und kann irgendwann auch durch die best-gemeinten herkömmlichen Hilfs- und Bildungsangebote nicht mehr selbstbestimmt denken, handeln und fühlen. 

Auf Anpassung und Gehorsam setzende Führungskonzepte, wie sie in Schulen, Hochschulen und Ämtern noch immer Gang und Gebe sind, verstärken die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit bei all denjenigen, die den zugrunde gelegten Normen nicht entsprechen können und machen diejenigen, die ihnen entsprechen KÖNNEN zu fremdbestimmten Effizienzmaschinen. Beides sehr schlechte Voraussetzungen, um auf komplexe Anforderungen zuversichtlich, stark und selbstverantwortlich reagieren zu können. 

Ursprung und Einordnung des Mischpult-Prinzips

Die Zuordnung des Ansatzes zum Begriff „Theater“ ist ein Missverständnis. Dieses Missverständnis trat auf, weil auf struktureller Ebene ein Name für die Sache gefunden werden musste, um dem Mischpultprinzip in schulischen Strukturen einen Platz zu ermöglichen. In Wahrheit geht es um weitaus mehr. Es geht um ein grundsätzlich anderes Verständnis von Führung, nämlich um eines, das Selbstverantwortung, Selbstführung und persönliches Empowerment in den Fokus stellt. Es geht um den Körper im Raum, und damit um die Möglichkeit, mit allen Facetten unseres Selbst mit anderen vielschichtig und gleichwürdig kommunizieren zu können – jenseits der eigenen beengenden Konditionierungen aus Kindheit und Sozialisation und jenseits von gesellschaftlicher Beschriftung/Bewertung. Je mehr wir wertenden und zensierenden Kontexten ausgesetzt sind, desto weniger Knanäle unseres Mischpults werden wirksam. Und umgekehrt gilt auch: Je weniger Kanäle meiner selbst mitschwingen, desto mehr bewerte und zensiere ich mich selbst, desto mehr Angst entsteht und desto mehr denke ich, ich müsste mich verstecken und mich schützen. Das ist aber so tragisch, denn diese Angst, sich zu zeigen, steht im krassen Widerspruch zu der zentralen Sehnsucht des Menschen, von anderen gesehen und verstanden zu werden, sich als Mensch voll einzubringen. Wir Menschen suchen Kooperation und Nähe, lernen aber aufgrund unserer auf Angst, Wettbewerb und Abgrenzung basierenden Sozialisation, uns zu verstellen und zu verstecken. – Und damit unser gesamtes Potential NICHT einzubringen, nicht zu entwickeln.

Selbstermächtigung – Führe Regie über dein Leben!

Wir LERNEN durch familiäre Konditionierung und gesellschaftliche Sozialisation die Angst davor, ICH zu sein, uns als die Person einzubringen, die wir sind und wir verlernen, ganzheitlich zu kommunizieren. Das Mischpult-Prinzip setzt beim Theater an, weil es damals erstmal darum ging, den rein kognitiven Kanal um ein Vielfaches zu ERWEITERN, indem wir uns wieder Zugang verschaffen zu den zahlreichen Erfahrungs- und Kommunikationsmöglichkeiten unseres Körpers. Denn auf diese Weise können wir überhaupt erst mit all den uns zur Verfügung stehenden eigenen „Kanälen“ in Schwingung kommen und darüber in eine vielschichtige Kommunikation mit den jeweils anderen kommen. Aber der allein körperorientierte Fokus reicht unter gesellschaftlichem/politischen Gleichwürdigkeits-Anspruch nicht aus. Es musste von Anfang an AUCH selbstermächtigende, künstlerische/kreative Arbeit mit Output sein, im Gegensatz nämlich zu beispielsweise anderen empowernden, körperorientierten Ansätzen, weil es so wichtig ist, Menschen das Gefühl von SELBSTWIRKSAMKEIT zu ermöglichen. Es geht beim Mischpultprinzip darum, Wege aufzuzeigen, wie alle Beteiligten sich selbst als gestaltend und erfolgreich erleben können – auf der Basis des Eigenen und durch eine facettenreiche, verbindende Kommunikation mit anderen. 

Das Mischpult-Prinzip ist mehr als Theater

Leider wurde dieser Ansatz von der stark kognitiv ausgerichteten und hierarchisch geprägten Theaterpädagogik vielfach missverstanden und auf den theaterpädagogischen Aspekt reduziert. Das Mischpult-Prinzip ist allerdings nicht nur ein GEGENENTWURF zur bestehenden Theaterpädagogik, sondern auch ein künstlerisches Instrumentarium zur radikalen Demokratisierung von Prozessen und Räumen. Jetzt ist der Zeitpunkt da, um sich aus dieser Fremdbeschriftung durch das „Theater“ zu lösen, und neue Begrifflichkeiten zu finden, die besser geeignet sind, um das auf den Punkt zu bringen, wofür das Mischpult-Prinzip in Wahrheit steht. Nämlich um ein radikal demokratisierendes, struktur- und gesellschaftsveränderndes Denken und Gestalten, Fühlen und Handeln.

Darum geht es

Es geht um die tatsächliche, auch und insbesondere körperliche Begegnung im Raum und die Bereitstellung zahlreicher Ausdrucksmittel, um mit allen Facetten unseres Selbst mit anderen vielschichtig und gleichwürdig kommunizieren und gestalten zu können und auf diese Weise komplexe Probleme zu lösen und gemeinsame Ziele erreichen zu können.

Mehr Demokratie wagen

Unsere Welt wird besser, je mehr Menschen die Stärke besitzen, das Unsichere und Mehrdeutige auszuhalten und dennoch beherzt Entscheidungen zu treffen und je mehr Menschen aus dem Modus des angepassten oder des rebellischen Kindes heraus kommen und stattdessen im Erwachsenen-Modus Verantwortung übernehmen (sowohl, indem sie selbst Führung übernehmen oder aber auch selbstbestimmt kooperieren/selbstbestimmt folgen). 

Eigene autoritäre Konditionierung erkennen:

Die derzeitige Covid 19 Pandemie können wir als einmalige gesellschaftliche Lernsituation begreifen, in der wir alle mit unseren eigenen internalisierten autoritären Mustern konfrontiert werden und diese Schritt für Schritt erkennen und überwinden lernen können. 

Im Online-Seminar erproben wir mit Hilfe der Mischpult-Prinzipien ein interaktives Format, in dem wir direkt erleben, was es bedeutet, einen gleichwürdigen Raum herzustellen und auch, was uns dabei manchmal im Wege steht (Input, Arbeit in Kleingruppen, Auswertung im Plenum).

Ausführliche Programmbeschreibung:

Spätestens in einer Welt nach der Corona Krise müssen wir einsehen, dass die wichtigste Fähigkeit, die es zu vermitteln gilt, die Kompetenz ist, unsichere, mehrdeutige und komplexe Situationen auszuhalten und konstruktiv, kreativ und eigenverantwortlich darauf zu reagieren. 

Das heißt: Unsere Welt wird besser, je mehr Menschen die Fähigkeit besitzen, das Unsichere und Mehrdeutige auszuhalten und konstruktiv und selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Dafür müssen wir lernen, aus dem angepassten oder rebellischen Kind-Modus in den Erwachsenen-Modus zu wechseln und Führung zu übernehmen oder/und selbstbestimmt kooperieren zu können. 

Wir brauchen konstruktive, in die Zukunft gerichtete Ziele und möglichst viele Menschen, die stark, zuversichtlich und handlungsfähig bleiben und gezielt darauf hinleben. 

Die Demokratie lebt vom Gestaltungswillen und der Zuversicht der vielen. Und vom Vertrauen in sich selbst und andere, und darin, dass wir in Kooperation miteinander gemeinsame Ziele verfolgen können. Hin zu einer menschlicheren Gesellschaft. 

Die Entwicklung des Mischpult-Prinzips als Konzept gleichwürdiger, demokratischer Führung basiert auf der Praxiserfahrung, dass Menschen nur dann miteinander kooperieren und demokratische Kernkompetenzen erwerben, wenn entsprechende Umfelder dafür geschaffen werden, in denen demokratisches Denken und Handeln Schritt für Schritt von Grund auf vermittelt, verstärkt und im konkreten, praktischen Handeln verinnerlicht werden. 

In überfordernden Situationen, wie sie in Schulen, bei gemeinsamen Arbeitsprozessen, im Alltag mit Kindern und in der Führung in Unternehmen immer wieder auftreten, wird aus der Not heraus vielfach autoritär (re-)agiert, was die Konflikte und die empfundenen Demütigungen aller Beteiligten nur verschärft und die Ausbildung von Selbstwert verhindert. Viele Menschen haben in ihrer Kindheit nur autoritäres Verhalten ihrer Bezugspersonen als Antwort auf überfordernde Situationen erlebt und können nun als Erwachsene ebenfalls nur so reagieren. 

Um auf der Basis ihrer eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Potentiale Führung/Verantwortung für sich selbst, phasenweise auch für die anderen und grundsätzlich für ein gemeinsames Ziel übernehmen zu können und zu wollen, brauchen Menschen Alternativen zum autoritären Handeln. 

Dafür braucht es transparente Konzepte sowie einen angeleiteten, schrittweisen Prozess, in dem wir konkrete Strategien der Selbstführung lernen und in der Folge dann auch Führung für andere und für gemeinsame Ziele übernehmen können, sowie (Lehr-) Personen, die auf der Basis eigener Integrität als gleichwürdig agierende Rollenmodelle vorleben, was Demokratische Führung bedeutet. 

Das Mischpult-Prinzip kann in künstlerischen Prozessen genauso angewendet werden, wie in Schulen, Hochschulen oder in Arbeits- und Unternehmenskontexten. 

Die Teilnehmenden lernen die Elemente des Mischpult-Prinzips im praktischen Tun kennen. Sie erleben alternative Handlungsweisen und wie es sich für sie selbst anfühlt, wenn Menschen sich gleichwürdig begegnen und in Kooperation miteinander Lösungen für komplexe Herausforderungen finden. 

Das Mischpult-Prinzip setzt sowohl inhaltlich als auch strukturell auf Prozesse, die zur Autonomie und Verantwortungsübernahme des*der Einzelnen führen. Damit leistet dieser Ansatz einen nachhaltigen Beitrag zur Stabilisierung unserer Demokratie und einer menschlicheren Gesellschaft. 

Weitere Informationen:

www.maikeplath.dewww.maikesblog.de

www.act-berlin.de

Social Media Links:

https://youtube.com/redemalordentlich
https://www.facebook.com/maikeplath/

Youtube: Kanal „ACT_berlin“ 

Podcast auf Spotify: „Türwächter*innen der Freiheit“

Zur Person

Maike Plath, 

Theaterpädagogin, Autorin, ehemalige Lehrerin und Mitglied des Leitungsteams von ACT e.V. – Führe Regie über dein Leben! 

Maike Plath ist die Begründerin des Mischpult-Prinzips. Ihr umfangreiches Konzept zu gleichwürdiger (Selbst-)Führung entwickelte sie aus der 17jährigen Praxis mit Jugendlichen heraus – erst als verbeamtete Lehrerin, seit 2013 im Rahmen von ACT e.V. Neben praktischen Forschungsfeldern widmet sich diese Bildungsinitiative der Weitergabe des Konzeptes an Erwachsene mit Führungs-, Erziehungs- und Bildungsverantwortung mit dem Ziel Beziehungs- und Demokratiefähigkeit in der Gesellschaft nachhaltig zu stärken.

Zusatzinformationen: Rosa von Praunheim portraitierte ihre Arbeit 2017 im Kinofilm „Act! Wer bin ich?“ Das Konzept von Maike Plath liegt in 10 Publikationen vor.

Türwächter*innen der Freiheit Doppelfolge: Kapitel 20 & 21: „Richtiges Theater“ & „Störsender“

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Berlin 2009: Die Dennis-Aktion liefert einigen Menschen im Kollegium einen wunderbaren Grund, mich entweder als geistesgestört oder als inkompetent hinzustellen. Beide Interpretationen gründen auf dem unhinterfragten Primat vom „Dienst nach Vorschrift“. Ich nehme mir also erstmal vor, die Angriffe nicht allzu sehr an mich ran zu lassen. Leider nimmt  nun der Vorwurf, mein Unterricht mache „nur Spaß“ und sei daher also kein richtiger Unterricht, ordentlich Fahrt auf. Ich denke zuerst: Sollen die mich doch für durchgeknallt halten. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich`s völlig ungeniert. Haut aber leider nicht ganz hin. Denn mein Bauchgefühl meldet was anderes. Nämlich den leisen Hauch einer Bedrohung. Das ist für mich rational nicht wirklich zu erklären, denn was soll schon passieren? Trotzdem meldet mein Reptiliengehirn irgendwie Gefahr. Und zwar eine Gefahr für das, was ich in den letzten Jahren mühsam an Fortschritten erkämpft habe. Meine Reaktion auf dieses latente Gefühl der Bedrohung ist die Flucht nach vorn: In die Transparenz.  

In den folgenden Lehrerkonferenzen und Sitzungen atme ich vorher immer tief durch und versuche ruhig und sachlich mein Unterrichtskonzept zu erklären. Bringt aber nichts. Sobald ich von „demokratischer Führung“ oder „Veto-Recht für alle“ spreche, machen die meisten Anwesenden Gesichter, als müssten sie sich augenblicklich erbrechen. Es folgen: Verächtliche Geräusche, Augenrollen und lautes Luft-Auspusten bis hin zu Beschimpfungen, ich „würde die Kinder VÖLLIG versauen“. Mir schlägt so das gesamte Spektrum an Empörung und Ablehnung entgegen. Offenbar setzen die meisten Kollegen*innen in diesem Lehrerzimmer die Freiheit zur Selbstverantwortung gleich mit Anarchie, Chaos und Untergang. Wenn das mal wenigstens einfach nur ihre Meinung gewesen wäre. Also eine Meinung, über die wir hätten diskutieren können. Aber leider spüre ich darunter Gefühle von Wut. Abgefahren. Wo kommt diese Wut eigentlich her? 

Ok. Nächster Versuch. Ich lade die empörten Kollegen*innen ein, meinen Unterricht zu besuchen, um sich ihr eigenes Bild davon zu machen. Ich bin so naiv zu denken, dass dann ja jede*r sehen kann, nach welchen Prinzipien wir arbeiten. So nach dem Motto: Dann werden die endlich verstehen, was den Jugendlichen da so Spaß macht, nämlich gerade NICHT, laissez faire und faul die Zeit abzusitzen, sondern – wie die Kinder es selbst bezeichnen: zu lernen, „Chef zu sein“. 

Ich hatte mir inzwischen aus all meinen kleinen Forschungserfahrungen ein Koordinatensystem gebaut, vor allem um mir SELBST mehr Sicherheit zu geben. Das Erfolgsgeheimnis dieses Koordinatensystems war – in der Kurzform: Den Jugendlichen mehr und mehr Verantwortung zu übertragen, ihnen immer neue Spielfelder mit klaren Regeln zu bauen, in denen sie Schritt für Schritt üben konnten, „Chef zu sein“ zu sein und dabei Schritt für Schritt entdeckten, was ihre jeweiligen Stärken waren. Jede*r Kolleg*in konnte sich einfach live und in Farbe selbst davon überzeugen, dass es diese durchdachte Systematik war, die die Kinder kooperieren ließen – und keineswegs einfach nur sinnloser Spaß. 

Aber – klar: Die betreffenden Kollegen*innen kamen natürlich nicht. Nie. Nicht ein einziges Mal. Null. 

Wer stattdessen ständig zu Besuch kam, waren Andrea und Mausi. Und Carmen. Und mit der Zeit auch noch der Physik-Kollege Ralf und die Kunstlehrerin Marianne. Aber DIE hatten auch noch nie behauptet oder gedacht, dass ich keinen richtigen Unterricht machte. 

Insofern verpufften meine gefahrabwehrenden Transparenz-Versuche. Und das Gefühl, dass ich etwas zu beschützen hatte, blieb. Also fing ich an, alles, was wir in der Aula herausfanden, akribisch aufzuschreiben. Ich wollte jederzeit gewappnet sein und beweisen können, warum genau mein Unterricht seine Berechtigung hatte. Better be safe, than sorry. 

Und: Ich begann ganz gezielt den Kontakt zu Menschen außerhalb der Schule zu suchen. Damit folgte ich einem Urinstinkt aus meiner Kindheit. Während meine Eltern uns Kinder immer bestmöglich von der „bedrohlichen Außenwelt“ abzuschirmen versucht hatten und überall einen „schlechten Einfluss“ witterten, hatte ich es selbst immer als genau umgekehrt empfunden: Die Rettung kam auf jeden Fall von draußen. Was meine Eltern für „schlechten Einfluss“ hielten, war für mich immer die Tür zur Freiheit gewesen, zu einer weiteren Möglichkeit, die Welt besser zu verstehen und mich in der Folge sicherer darin zu bewegen.  

Die Schule, an der ich mich jetzt befand, verfolgte allerdings dieselbe Strategie wie meine Eltern damals: Abschottung nach außen. Schulfremde Personen waren nicht gerne gesehen. Am liebsten blieb man unter sich. Projekte mit „außenstehenden Personen“ waren zwar theoretisch erwünscht, weil das nach außen einen offenen, innovativen Eindruck machte. Die Schulen brauchten ja PROJEKTE, um sich nach außen zu schmücken. Projekte mit externen Experten*innen. Nach innen aber war das den meisten Leuten im Kollegium ein Graus. Zumal sie sich selbst in allem für die besseren Expert*innen hielten. Jegliche Einmischung von außen brachte in ihren Augen nur Unruhe und unnötigen Ärger. Mir taten die „schulfremden“ Referent*innen immer leid, die beispielsweise einen Studientag für das Kollegium durchführen sollten. Sie fanden sich einer unsichtbaren aber undurchdringlichen Wand aus Misstrauen, Zynismus und Abwehr gegenüber. Depression und Verbitterung direkt darunter. Und egal, wie optimistisch diese Referent*innen ihre bunten Kärtchen an irgendwelchen Flipcharts befestigten und ihre World-Cafes anpriesen – das Kollegium saß stumm und feindlich davor und fand alles doof. Unter ihrer Würde. Sie wussten doch alles schon.  

Um dieser beängstigenden Enge zu entkommen, meldete ich mich für jedes Projekt und jede Fortbildung an, die mir in die Finger kam. Bloß raus hier. Bloß andere Menschen kennen lernen. Jede Klassenfahrt, jede Weiterbildung, jeder Ausflug, jedes Kooperationsprojekt und jedes Theaterfestival waren mir willkommen. So kam es, dass mit der Zeit viele „schulfremde Personen“ in meinem Unterricht in der Aula und anschließend mit mir beim Italiener saßen. Gab ja immer noch so viel auszutauschen. Ich liebte es. Das machte aber das ursprüngliche Problem nicht besser. Eher im Gegenteil. 

Die Plath macht immer so einen Wirbel, hieß es. Die verdirbt die Preise. Mein ungutes Gefühl im Bauch wuchs. Immerhin hatte ich Susanne Marquart auf meiner Seite. Sie sah einen Vorteil darin, dass zunehmend Menschen von außen sich für meinen Unterricht interessierten. War ja gut für das Außenbild der Schule. Und so lange das so war, fühlte ich mich einigermaßen sicher. Aber eben. Leider nur einigermaßen. 

Da kommt demnächst so eine Delegation aus Schweden, die wollen sich innovativen Unterricht angucken, sagt Susanne, die kann ich doch zu dir in die Aula schicken, da hast du doch bestimmt nichts dagegen, oder? 

Nee, gar nicht, gerne! (Wieder interessante Leute, wieder ein spannender Abend beim Italienernoch mehr Verbündete,  denke ich erfreut). 

Die meisten Besucher*innen kommen aus dem theaterpädagogischen Bereich, weil das sichtbare Ergebnis am Ende eines Jahres immer die Theateraufführungen sind. So kommt es, dass immer vom „Theaterunterricht“ die Rede ist, und weil mir so schnell keine andere Bezeichnung einfällt, widerspreche ich nicht. Obwohl ich gerne einen anderen Begriff dafür erfunden hätte.

Mit meiner Klasse beschäftige ich mich derweil mit den ganz großen Themen: Krieg. Liebe. Tod. Sie haben Shakespeare entdeckt. Wobei. Ehrlicherweise muss man sagen: Sie haben Leonardo di Caprio und Claire Danes entdeckt. Wir wollen jetzt mal RICHTIG Theater spielen, sagt Basak, also so richtig Romeo und Julia. „Richtig Theater spielen“ heißt bei ihnen: Rollen verteilen, Text auswendig lernen, auf der Bühne stehen und mit rudernden Armen ganz besonders künstlich und betont SPRE-CHEN. Es fehlt noch, dass der Vorhang wieder aufgehängt werden muss. Glücklicherweise haben sie den aber gar nicht mehr erlebt, kommen also nicht auf die Idee, dass er da sein müsste. Puha. Immerhin das bleibt mir erspart. Ansonsten aber verbringen wir – gemäß dem Prinzip der Selbstführung – zwei, drei zähe Wochen mit dem Versuch ganz ERNSTHAFT und ganz PATHETISCH ganz SCHLECHTES Theater zu machen. OH ROMEO MEIN ROMEO! Alter Schwede. Es ist ein bisschen so, wie das ständige „Für-Elise-Klavier-Geklimper“, das unvermeidlich immer dort erklingt, wo ein Klavier oder ein Flügel steht, und das NIE über die neunte Note hinaus geht. Didel-didel-didel-didel-… und … dann…leider…Pause… und… dann…leider…ein falscher Ton. Und wieder von vorne: Didel-Didel-Didel-Didel… Ja. Durch diese Phase müssen wir durch. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche. Während sich Romeo und Julia auf der Bühne durch ihren Text stottern, kippen die anderen vor Langeweile von ihren Stühlen, bzw. in Parallelwelten auf ihren Handies. Aber es ist vollkommen klar, dass wenn ich hier meine Meinung durchblicken lasse, werden wir noch bis ins Jahr 2030 an diesem Theater festhalten. Denn dann werden sie nur trotzig. Andererseits beginnt die Sache mit dem „richtigen“ Theater allmählich aus dem Ruder zu laufen und es wird Zeit, dass ich die nächste Phase meines Koordinatensystems einläute, um uns vor dem sicheren Langeweile-Tod zu bewahren. Ich breche die Experimentierphase ab und verordne einen Stuhlkreis, in dem wir mal kurz reflektieren, was da eigentlich gerade passiert und warum es nicht so richtig klappt. Die meisten sind inzwischen so genervt, dass sie fast erleichtert meiner Aufforderung folgen. 

Jetzt mal ganz ehrlich, frage ich, nachdem sich alle ein wenig ausgekotzt haben und mir versichert haben: Theater macht gar keinen Spaß!: 

Was ist im Moment eigentlich unser Ziel?

Kurzer Moment Stille. Ja. Offenbar weiß es niemand so genau. 

Dann sagt Omar: Dass wir mal RICHTIG Theater spielen!

Ok, das funktioniert aber nicht als Ziel, weil: Was heißt denn „richtig“? 

Wieder eine längere Pause. Dann:

So wie die Profis. 

So, wie Leonardo di Caprio. 

Ich werfe ein: Aber ihr wisst doch gar nicht, wie Leonardo di Caprio Theater spielt.

Doch. Ich hab den Film gesehen. 

Ja eben. Das ist ein FILM. Kein Theater. 

Doch. Die spielen ein Theaterstück. 

Ja. Aber es ist trotzdem ein Film. Ein Film entsteht auf eine ganz andere Weise, als ein Theaterstück. Irgendwie müssen wir uns mal einigen, was genau das Ziel sein soll. Wollt ihr ein Theaterstück machen oder einen Film?

Einige schauen überrascht. Das hatten sie sich noch gar nicht überlegt. Also, dass man auch einen Film machen könnte. 

Ich frage weiter: Aber kurz noch mal zurück. Ich muss erstmal verstehen, was ihr damit meint, mit „richtig Theater spielen“. Was heißt denn „richtig“? 

Dass es irgendwie echt ist,  sagt Gülüzar,  und dass man sich nicht langweilt. 

Ich schreibe auf eine Karte: „Dass es echt ist und dass man sich nicht langweilt“. Dann schaue ich in die Runde.  Noch mehr?

Dass es spannend ist,  sagt Emes. 

Ich schreibe auf eine weitere Karte:  „Dass es spannend ist“ 

Nach zehn Minuten haben wir ein paar Karten, auf denen steht, was für meine Klasse „richtiges Theater“ ist. Da steht dann unter anderem noch folgendes:

Dass es eine Geschichte ist, die man versteht. 

Dass es was mit dem echten Leben zu tun hat. 

Dass es fetzt. 

Dass man glauben kann, dass sowas auch in echt passieren kann. 

Dass man hinterher noch drüber nachdenken muss. 

Dass man weinen muss – und lachen. 

Dass es nicht peinlich ist. 

Dass alle stolz auf uns sind. 

Dass wir entdeckt werden. 

Dass wir berühmt werden. 

Dass die Leute uns ernst nehmen.

Ich lege die Karten auf dem Boden aus. Alle machen ziemlich zufriedene Gesichter. Ich frage:

Und was wir jetzt bisher gemacht haben, war das jetzt für euch richtiges Theater? 

Nee.  Da sind sich jetzt plötzlich alle einig.  

Ich habe jetzt freie Fahrt und fasse zusammen: Wenn das Ziel ist, dass ihr „richtiges Theater“ machen wollt und „richtiges Theater das ist, was jetzt auf den Karten steht, dann können wir jetzt anfangen, Sachen auszuprobieren und sie immer wieder auf diese Ziele hin überprüfen. Und damit das Ausprobieren Spaß macht, bekommt ihr von mir eine Art Buffet mit Möglichkeiten, aus denen ihr immer wieder neu auswählen könnt. Ihr könnt dann was probieren, danach immer wieder drüber reden und gucken, ob wir dem Ziel näher kommen, dann wieder neue Sachen dazu nehmen, weiter probieren, wieder drüber reden, usw. Und noch eine Frage, die ich jetzt habe ist: Wollt ihr Theater machen – oder einen Film? 

Die Antwort ist ganz klar: Beides. 

Und letzte Frage:  Was interessiert euch denn eigentlich an Romeo und Julia? 

Die Antwort kommt prompt: Die Geschichte. Das ist ganz großes Kino, wallah! Aber nicht der Text. Der ist langweilig. Da versteht man nix. Ich hätte die Geschichte ohne Leonardo di Caprio nie verstanden. 

Ok. Und wenn ihr jemandem erklären solltet, worum es geht, was würdet ihr sagen? 

Es geht um Liebe. Um die wahre Liebe. Um Tod. Und um Krieg. Es geht um Krieg, Liebe, Tod. 

Gülüzar wirft sich auf ihrem Stuhl nach hinten: Krieg, Liebe, Tod! GEIL!!

OK. Die Kuh ist vom Eis. Jetzt können wir vielleicht mal RICHTIG Theater machen. 

Was ich persönlich übrigens für „richtiges Theater“ halte, spielt hier keine Rolle. 

Wir arbeiten strikt nach dem Drei-Schritt: Ziel, Erfahrungsspielraum, Reflexion. Und drehen uns alle zusammen – aufbauend auf allem, was wir dabei an Erfahrungen und Wissen ansammeln – immer eine Runde weiter, so dass es von Drei-Schritt-Runde zu Drei-Schritt-Runde immer komplexer und komplexer wird – bis etwas Neues, Schönes entstanden ist. Etwas, das RICHTIG ist, weil es Qualität hat. In meinem Kopf habe ich mich von jeglichem Erwartungshorizont und einer daraus resultierenden Bewertung verabschiedet. Und ich bin froh. Ich will nicht “Für Elise”. Ich will “ganz großes Kino, wallah”. 

Nach meiner kleinen Ziel-Intervention übernimmt Omar die Führung für die erste Runde. Er klärt mit den anderen das Ziel ab: Rausfinden, was diejenigen, die hier im Raum sind über Krieg, Liebe, Tod wissen. 

Und was willst du am liebsten machen, um das rauszufinden? frage ich. Omar grinst:  Also auf jeden Fall nix schreiben. Besser alle erzählen erstmal was. 

Also Open Mike!  ruft Abdi. 

Omar überlegt kurz.  Ok, Open Mike ist gut,  beschließt er, ich fang an!

Er geht ans Mikro. Da steht er einen Augenblick und sieht aus, als müsste er jetzt erstmal überlegen. Er schaut etwas unsicher in die Runde. Dann passiert etwas Seltsames mit seinem Gesicht. Es sieht für einen Moment so aus, als würde er anfangen zu weinen. Er schaut nach unten. Dann wieder nach vorn. Ein Hauch Röte in seinem Gesicht. Er atmet an. Schaut zur Seite. Dann plötzlich reißt er den Kopf nach oben, lächelt ein irgendwie verunglücktes Lächeln, beugt sich zum Mikro vor und sagt sehr laut: Ich bin TOTAL verliebt

Stille. Omar lächelt feierlich. Es ist ganz still. Dann kreischt Gülüzar: Oh man! Voll süüüß!!! 

Ich halte den Atem an. Aber Omar hat sich scheinbar entschieden. Er schaut Gülüzar direkt an und sagt: Ja man. Voll schön. Und strahlt übers ganze Gesicht. Er IST verliebt, denke ich ein bisschen gerührt. Schüüüsch…! ruft Gülüzar, wer denn, wer denn, wer denn?

Omar schüttelt lächelnd den Kopf Das muss noch Geheimnis bleiben, sagt er, und gibt das Mikro frei. 

Und so beginnt unsere Reise zum Shakespeare Text jetzt von der anderen Seite aus: Nämlich aus der Perspektive von 14-jährigen Kindern, die zum ersten Mal verliebt sind und in ihren Familien auf Widerstände stoßen. Größere Expert*innen zu diesem Thema, als hier im Raum versammelt sind, kann mensch sich nicht wünschen, denke ich. 

Als wir eine weitere Woche später entschieden haben, sowohl „richtiges Theater“ als auch Filme zu Romeo und Julia zu drehen und alles so ein bisschen in Fahrt gekommen ist, bittet mich Susanne, noch einen neuen Schüler in meiner Klasse aufzunehmen. In ihrem Schulleitungszimmer sitzt ein blasser, blonder Junge mit unglücklichem Gesicht, daneben eine Mutter, die ich jetzt eher in einem Yoga Kurs am Kollwitzplatz im Prenzelberg erwartet hätte, als im Lehrerzimmer einer Neuköllner Hauptschule.

Ja, der Lenny ist ein Spätentwickler,  erklärt die Mutter denn auch sofort im dritten Satz, während  Lenny leise errötet und seine Turnschuhe anstarrt. Frau Hammerschmidt-Bräutigam, Lennys Mutter, ist Bundestagsabgeordnete für die SPD und sichtlich irritiert, dass ihr hübscher blonder Sohn, ein Einzelkind, in der Schule offenbar nicht so mitkommt, wie sie es für selbstverständlich hält. In einem kurzen, geschliffenen Vortrag fasst sie Lennys Schulkarriere zusammen. Erika-Mann-Grundschule im Wedding, dann – wegen Umzug nach Neukölln – Einschulung am Albert-Schweizer-Gymnasium, dann aufgrund massiver Probleme Umschulung an die Fritz-Karsen-Schule. Dort ebenfalls Probleme. Jetzt also quasi ein letzter Versuch hier bei uns. 

Tja,  Frau Hammerschmidt-Bräutigam seufzt,  das ist nicht so einfach mit dem Lenny. Der ist hochbegabt. Aber er nimmt sich alles immer zu sehr zu Herzen. Ein ganz sensibler Junge. Und ich habe jetzt gedacht, dass es ihm vielleicht gut tut, wenn er irgendwo hingeht, wo er auf jeden Fall der Beste ist, das ist gut für sein Selbstwertgefühl, und dann kann er sich ja Schritt für Schritt wieder hocharbeiten zum Abitur. Ist ja alles durchlässig bei uns, das ist ja das Schöne. Und ich finde es auch ganz wichtig, dass er das wahre Leben kennen lernt und nicht in so einer Blase aufwächst, Sie wissen ja, was ich meine. 

Das weiß ich tatsächlich, nur erscheint mir ihre Gesamt-Strategie irgendwie zweifelhaft. Das kann auch in die Hose gehen, denke ich und beschließe, mein Bestes zu geben, um ihm hier einen guten Start zu ermöglichen. Einfach wird das wahrscheinlich nicht, habe ich so ein Gefühl. Frau Hammerschmidt-Bräutigam hat viele Termine und nicht viel Zeit, und als das Nötigste geregelt ist, drückt sie mir strahlend die Hand und ist auf und davon, während Lenny noch immer mit gesenktem Kopf bewegungslos dasitzt und seine Schuhe anschaut. Oh je. Ich atme tief durch, mache ein aufmunterndes Gesicht und sage Hallo Lenny, ich freu mich, dass du da bist! Magst du mit hoch kommen in die Aula?  

Was in den nächsten Wochen sehr schnell offensichtlich wird, ist, dass es tatsächlich nicht einfach ist, Lenny in meine Klasse zu integrieren. Sein Problem ist den Problemen aller anderen diametral entgegengesetzt. Alle Erwachsenen halten ihn aufgrund seines engelhaften Aussehens und seines geradezu belustigend höflichen Verhaltens für eine Art Wunderkind. Und Lenny selbst leider auch. Dass er am Gymnasium gescheitert ist, hält er für ein Versehen. Sein Genie wurde nicht erkannt, weil die „Lehrer sich alle nur um die Ausländerkinder kümmern“, erklärt er mir gleich in einem unserer ersten Gespräche. Während er in den Stunden in der Aula nie ein Wort sagt und nur freundlich geradeaus schaut, wartet er NACH der Stunde jedes Mal geduldig, bis alle weg sind, um mir dann anzubieten, mir die Tasche zu tragen, was ich ein bisschen belustigt von mir weise, bzw. mir sonst „irgendwie zu helfen, beim Aufräumen oder so“ und sich dabei ausführlich mit mir zu unterhalten. Von Anfang an wundere ich mich, dass es mir nie gelingt, seine ausgesucht freundliche, zugleich aber irgendwie undurchdringliche Fassade zu durchbrechen. Ich frage mich: Wer ist dieses Kind? Was steckt hinter diesem künstlichen Erwachsenen-Sprech und dieser irritierend untertänigen Haltung? Lenny sagt „bitte“ und „danke“ und „Entschuldigung“ und „Darf ich Ihnen meine Hilfe anbieten?“. Die Mehrheit des Kollegiums ist entzückt. Endlich mal ein intelligenter, höflicher deutscher Junge, der Manieren hat! Der wird es noch mal weit bringen! Ein Skandal, dass der auf der Hauptschule ist! Mitten unter diesem Gesocks! Offensichtlich schafft es Lenny aber trotz all dieser Vorschuss-Lorbeeren nicht, dem Unterricht zu folgen bzw. den Anforderungen zu entsprechen. Er schreibt nur fünfen, obwohl fast alle seine Lehrer*innen ihm liebend gerne ein Einser-Zeugnis ausstellen würden und alles tun, um ihm immer doch noch eine vier zu geben. Denn guck mal: Der ist doch eigentlich so ein begabtes, kluges Kind! Ich nehme überrascht zur Kenntnis, dass sich die Kolleg*innen schlichtweg weigern, Lennys Schwächen zu sehen. Das könnte ja ein Glück für den Jungen sein. Ist es aber nicht. Er ist eher in einer „Vorne-vor-allen-anderen-Bonbons-Lutschen-müssen-Situation“ und das macht ihn bei seinen Mitschüler*innen nicht gerade beliebter. Noch dazu wird ihm unablässig folgende Botschaft gesendet: Du armer genialer Junge. Du bekommst hier nicht genug Aufmerksamkeit, weil alle sich um die migrantischen Problemkinder kümmern müssen. Du könntest so viel leisten, aber hier mit all den Türken und Arabern hast du natürlich keine Chance. 

Lenny selbst hält zu den „Ausländerkindern“, wie er sie nennt, gebotenen Abstand. Ich kann besser mit Erwachsenen, sagt Lenny in zufriedenem Tonfall, macht weiterhin Versuche, meine Tasche zu tragen und weicht nicht von meiner Seite. Seine Einsamkeit dabei macht mich allerdings fertig. Ich denke unablässig darüber nach, wie ich es anstellen könnte, dass er hier Freunde findet, sich wohl fühlt, mit Gleichaltrigen Kontakt aufnimmt, statt wie ein kleiner Professor immer abseits zu stehen, bzw. den Lehrer*innen kleine Gefallen zu tun und sie in Gespräche zu verwickeln. 

Der ist bisschen sonderbar, wa? lächelt Omar gutmütig, als er meinen Blick auffängt. Wir stehen in der Aula, es hat längst geklingelt, aber Omar ist noch mal zurückgekommen, um sein Handy zu holen, das er bei mir vergessen hat. Lenny steht am anderen Ende des Raumes am Stromkasten und wickelt eine Kabeltrommel zusammen. 

Ich lächle zurück, sind wir nicht alle ein bisschen sonderbar? – Nee, aber ich versteh schon, was du meinst, Omar, ich glaube, dass Lenny sehr alleine ist, vielleicht kannst du dich mal ein bisschen um ihn kümmern?

Omar beugt sich leicht vor und sagt mit gedämpfter Stimme: Ganz ehrlich? Hab ich schon versucht. Haben wir alle schon versucht. Der will nicht. Der mag uns nicht, glaub ich…

Ach, das glaube ich nicht, sage ich,  ich denke, der ist eher schüchtern. Vielleicht müsst ihr da ein bisschen dran bleiben… 

Omar nickt,  alles klar, man. Den kriegen wir noch geknackt… 

Er wendet sich um. Lenny?

Lenny hebt langsam den Kopf, dann den Blick… Diese Langsamkeit…

Omar geht in schnellen Schritten auf ihn zu, boxt ihm leicht auf die Schulter.  Kommst du mit? Ich geb ne Runde Yum Yum Nudeln aus… 

Lenny wickelt weiter umständlich das Kabel auf und schüttelt langsam den Kopf.  Nee, ich mag keine Yum Yum Nudeln. Die sind ungesund. 

Omar lacht.  Ist doch egal, man! Dann eben was anderes. Ich geb einen aus. Lass mal in die Pause, wallah! 

Es dauert noch eine Weile, bis Lenny die Kabeltrommel aufgewickelt, seine Tasche geholt, die Jacke angezogen und umständlich seine Mütze aufgesetzt hat, Omar steht geduldig und mit einem kleinen Lächeln daneben, als würde er wie immer auf seine kleine Schwester warten, die er morgens immer zur Schule bringt. Omars ganze Haltung sendet:  Kein Problem Meister, ich warte so lange, bis du fertig bist. 

Dieser – durch menschliche Erfahrung gewachsenen – Gelassenheit kann sich offenbar noch nicht einmal ein Lenny entziehen. Er folgt Omar schließlich widerstrebend aus der Aula in die Pause. Ich bin gespannt.

Kapitel 21: Störsender

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Zahlreiche ähnliche Versuche folgen. Kleine und größere. So schlägt beispielsweise Gülüzar Lenny als Klassensprecher vor und zu meinem Erstaunen geht die ganze Klasse mit und wählt ihn tatsächlich einstimmig. Feiert ihn. Bestärkt ihn. Das scheint Lenny zu gefallen. Er lässt sich kurz darauf auch bei der Schulsprecher-Wahl als Kandidat aufstellen. Da dieser Posten an der Schule extrem unbeliebt ist, (Das ist ja hier sowieso nur Fake Demokratie – wir Schüler haben hier in Wahrheit nix zu sagen, finden die Jugendlichen) – da also niemand Bock auf diesen Posten hat, gibt es für Lenny kaum ernstzunehmende Konkurrenz – und er wird gewählt. 

Der Aufstieg des Lenny Hammerschmidt-Bräutigam verläuft rasant. Während seine Noten weiterhin schlecht bleiben und seine Haltung gegenüber den anderen Jugendlichen distanziert bleibt, gewinnt Lenny in rasendem Tempo Einfluss an der Schule. Er geht zu allen Konferenzen, nimmt an allen Sitzungen teil, ist immer ruhig, höflich und hilfsbereit und wartet IMMER auf seinen Auftritt NACH dem offiziellen Teil. Immer sehe ich Lenny NACH einer Veranstaltung mit irgendeinem Erwachsenen im leisen vertraulichen Gespräch in irgendeiner Ecke stehen, während der jeweilige Erwachsene EIGENTLICH gerade seine Sachen packen und in die Pause oder sonst wohin will, andererseits diesem höflichen, netten Jungen aber nichts abschlagen will.

Lenny geht mit großem Eifer zu allen Klassenkonferenzen und macht sich mit seinem eisernen Schweigen auch noch beim letzten Schüler dieser Schule unbeliebt, weil er zu der Ansicht neigt, dass wer hier abgeschult wird, eben selber schuld sei. Als Schülersprecher eigentlich abgeordnet, eben diese zu verteidigen, zieht er es in den entscheidenden Momenten vor, auf seine Turnschuhe zu blicken, um im Anschluss für die Abschulungs-Entscheidungen des Gremiums zu stimmen. Dabei bleibt er immer freundlich und gelassen. Was man von mir nicht gerade sagen kann. Insbesondere, als Gülüzar rauszufliegen droht, weil sie einen Stuhl aus dem Fenster geworfen hat, fällt es mir schwer, nicht selbst mit Möbeln zu werfen. Glücklicherweise kann ich meine Impulse unterdrücken und ihre Abschulung mit letzter Not verhindern. Lenny schlendert nach der Klassenkonferenz neben mir her nach draußen, als wenn nichts wäre und wundert sich, dass ich „ja manchmal ziemlich emotional“ werden kann. Ich schaffe es zu lachen und zitiere Taher, der immer meinte, dass ich ein Vulkan sei, der manchmal Lava spuckt. Lenny findet das nicht ganz so lustig wie ich und erklärt:  Eine Lehrerin sollte nicht emotional sein. Ich denke: Was ist bloß los mit diesem Kind?, und versuche mir keine Sorgen zu machen. 

Muss ich vielleicht auch nicht. Denn Lenny ist an gewissen Stellen schwer erfolgreich, wie sich herausstellt. Susanne richtet ihm – als so beeindruckend engagiertem Schulsprecher – ein eigenes Büro neben dem Lehrerzimmer ein, zu dem nur er und die Schulleitung den Schlüssel haben. Lenny weist darauf hin, dass er in seinem Büro auch noch einen Computer braucht und so beauftragt Susanne die Schulsekretärin einen solchen zu beantragen. Da niemand weiß, welcher Computer gerade der richtige ist, fragt die Sekretärin Frau Jensen – genau: Lenny. Zu zweit sitzen sie in großer Vertrautheit nebeneinander vorm Computerbildschirm von Frau Jensen und suchen kichernd einen Computer für Lenny aus. Wobei. Lenny kichert nicht. Nur Frau Jensen.  Ich liiiiiebe diesen Jungen!  schwärmt sie.  Der ist so ein Schatz! So ein kluges Kind! 

Lenny hat nun also ein eigenes Büro, einen eigenen Computer und kurz darauf dann auch noch einen Generalschlüssel – für die gesamte Schule.  Ist ja einfacher, wenn ich den habe, wo ich hier ja für so vieles verantwortlich bin,  erklärt mir Lenny in fachmännischem Tonfall, als er merkt, dass ich doch einigermaßen fassungslos bin. Den Generalschlüssel dürfen sogar die Kolleg*innen nur in Notfällen ausleihen und auch dann nur für sehr begrenzte Zeit. Aber Lenny hat jetzt einfach mal Zugang zu sämtlichen Räumen der Schule. Unbegrenzt. Mein Störgefühl nimmt überhand. Das sage ich dann auch bei der nächsten Lehrerkonferenz. Und stoße mal wieder auf vollkommenes Unverständnis. 

Was hast du denn jetzt schon wieder für ein Problem? Du bringst denen doch immer Selbstverantwortung bei, und jetzt übergeben wir mal die Verantwortung an einen Schüler, der es verdient hat und nun ist es dir auch wieder nicht recht. Wahrscheinlich wurmt es dich nur, dass es nicht einer deiner Alis oder Mohammeds ist. So ein deutscher, zuverlässiger Junge, der kriegt bei dir dann KEINE Chance oder was? 

Mein Gesicht wird ganz heiß und ich muss mühsam meinen Ärger runterschlucken. Ok. Ich gebe dennoch zu Protokoll, dass ich die Sache mit dem Generalschlüssel übertrieben finde und vor allem fürchte, dass wir diesen 15-jährigen Jungen mit unseren Erwartungen gerade maßlos überfordern. Ich schaue in verschlossene Gesichter. Nun denn. 

Lenny sucht weiterhin meinen Kontakt nach dem offiziellen Unterricht und erzählt mir, dass er Lust hätte, unsere Theaterarbeit mit professioneller Technik zu unterstützen. Ich bin ein bisschen amüsiert, weil er klingt, wie ein großzügiger Mäzen, der einem wackeligen kleinen Projekt unter die Arme greifen will. 

Was meinst du denn mit „unterstützen“, Lenny?,  frage ich. 

Lenny hält mir eines unserer der alten Schul-Mikros hin. Schau`n Sie mal, das ist doch alles Schrott hier. Ich habe von meiner Oma viel bessere Mikros geschenkt bekommen, die könnte ich zur Verfügung stellen… 

Das ist super nett, Lenny, danke! Aber du weißt doch, dass ich mehrere Anträge gestellt habe für unsere Theater- und Filmarbeit – Kameras, Aufnahmegeräte, neue Mikros, ein neues Mischpult und sogar zwei neue Scheinwerfer. Und zwei von den Anträgen wurden bewilligt! Wir können ja auch inzwischen einiges an erfolgreichen Projekten nachweisen. Es geht voran! Wir haben demnächst eine richtig tolle technische Ausstattung, Lenny, und das ist doch auch viel besser, als wenn du deine privaten, eigenen Sachen zur Verfügung stellen musst. Das sind doch DEINE Sachen.  Er schaut zu Boden, und ich denke Fuck, jetzt fühlt er sich wieder so überflüssig, und ich füge schnell hinzu: Aber ich finde es wirklich wahnsinnig nett, dass du das anbietest, danke, Lenny, das weiß ich TOTAL zu schätzen! 

Lenny zuckt mit den Schultern. Wie Sie meinen. Aber wenn irgendwas schief geht, können Sie mich jederzeit fragen. 

Danke, Lenny, aber es wird nichts schief gehen, sage ich. 

Warum sollte auch irgendwas schief gehen? Alles läuft in diesem Jahr besser als je zuvor. Das Interesse an unserer Arbeit wächst – zumindest außerhalb der Schule – und ich freue mich bei dem Gedanken an unsere technische Bestellung. Nächste, spätestens übernächste Woche wird das ganze Zeug da sein und dann können wir mit den Dreharbeiten beginnen. Das Romeo-und-Julia-Projekt verspricht insgesamt das bisher größte unserer bisherigen Arbeit zu werden. Die Jugendlichen in meiner Klasse sind inzwischen mit Feuer-Eifer dabei. Sie schreiben Drehbücher für ihre eigenen Kurzfilme. Jeder Kurzfilm soll eine persönliche Geschichte aus ihrem Alltag erzählen und ein Thema des Shakespeare-Stoffes behandeln. Die Geschichten von Umut, Gülüzar, Basak, Hilal, Emes, Meltem und Co sind fast spannender als die Original-Geschichte, wie ich finde. Vor allem aber bekommen nun endlich mal ihre Lebenswelten, Gedanken und Gefühle einen entsprechend großen Raum – und zwar in ihrer Sprache, in ihrer Ausdrucksform. 

Ganz im Sinne des „Schlechten-Einfluss-von-außen-reinholen“ – ha ha – habe ich mir für dieses umfangreiche Projekt, das zunehmend ausartet, Unterstützung reingeholt. Max, ein Freund meines Bruders, Künstler und Videodesigner, hat sich bei einem gemütlichen Treffen beim Italiener bereit erklärt, uns mit seiner Film- und Video-Expertise zu unterstützen. Insbesondere natürlich, was den Schnitt angeht. Aber auch ansonsten scheint er Lust zu haben, in die Welten der Neuköllner Jugendlichen einzutauchen und dabei nicht kleinmütig nach Stechuhr arbeiten zu wollen. Als er das erste Mal – mit leichter Verspätung – in die Aula hineinschlurft, ist es Liebe auf den ersten Blick: Er liebt die Kinder und sie lieben ihn. Und seine Art, sie gar nicht als Kinder zu sehen, sondern sofort auf einer Ebene mit ihnen zu kommunizieren, und dabei quasi selbst wieder Kind sein zu können, erzeugt auf beiden Seiten große Leichtigkeit und Freude. Die Mädchen sind sofort verknallt. Aber die Jungs finden ihn auch cool. Insofern mal wieder ein wunderbar „schlechter Einfluss“ von außen, der der ganzen Sache noch mal neuen Zauber verleiht. 

Und natürlich geht es auch gar nicht ohne Unterstützung von außen. Denn aus den Experimentierspielwiesen in der Aula ist mal wieder etwas entstanden, das inzwischen vollständig mein Wissen und meine Fähigkeiten überschreitet. Da bahnt sich eine Begeisterung ihren Weg, die ihren eigenen Gesetzen folgt. Und wie soll ich so schnell lernen, wie mensch Filme dreht? Das Lustige daran ist natürlich auch, dass ich den Arbeitsaufwand anfangs in meiner Ahnungslosigkeit mal wieder vollkommen unterschätzt habe und sich hier ein Phänomen abzeichnet, das ich später immer wieder erlebe: Mit großer Freude erstmal rein ins Ungewisse, Ideen über Ideen, dann allmählich die Erkenntnis, was da im Einzelnen alles anrollt, was gekonnt und getan werden muss und dann die kontinuierliche Steigerung der Komplexität des Ganzen – bis hin zu dem Punkt des Zusammenbruchs: Bisschen heulen, bisschen zähneklappern – wegen der plötzlichen Einsicht, dass dies alles eigentlich weder zeitlich noch logistisch noch überhaupt irgendwie zu schaffen ist – ganz zu schweigen vom notwenigen Know-How. Aber. (!) DANN kommt ja immer das Wunder der Kooperation. Und die Erkenntnis: Ich muss es ja nicht alleine machen. Ganz im Gegenteil. 27 Gehirne laufen auf unser gemeinsames Ziel bezogen auf Hochtouren. Und jede*r bringt seine eigenen ganz speziellen Fachkenntnisse mit ein. Mit „Romeo und Julia“ wird mir endgültig dieser wundersame Lernprozess bewusst, wie das geht, das „Chaos zu umarmen“. Embrace the mess! Und: Practise reflexion! Ich liebe diese Rutsche ins Abenteuer und was es dabei alles an unerwarteten Wendungen, Weiterentwicklungen und Entdeckungen gibt. Wenn ich mich traue. Wenn ich es schaffe, meinen Kontrollzwang zu überlisten und auf das Gesetz der kreativen Kooperation zu vertrauen. 

Was mensch dann allerdings AUCH noch können sollte, ist: Scheitern. Und zwar richtig. Was ja niemand von uns jemals lernt. Doch ich greife vor. 

Kurz nach den Weihnachtsferien kommt die lang ersehnte Lieferung mit der technischen Ausrüstung. Und tatsächlich ist es in der Aula beim Auspacken der Kartons ein bisschen so wie ein zweites Weihnachten. Vier Jahre lang habe ich jetzt dieser Arbeit geduldig, emsig und beharrlich einen Platz erkämpft. Immer ein bisschen bedroht, immer ein bisschen wackelig, ob es weiter gehen kann. Immer improvisierend mit den mangelhaften Gegebenheiten vor Ort. Und nun: Scheinwerfer. Kameras. Mikros. Aufnahmegeräte. Boxen. Ein Tonmischpult. Der ganze GEILE SCHEIß. Im Lehrerzimmer heißt es: Die Plath wieder. Der schieben sie ja echt ALLES in den Arsch. Und ich muss mich zusammenreißen, nicht zu sagen: Ey Leute: Vielleicht stellt ihr einfach selber mal Anträge! Scheiß Arbeit. Ja genau. Aber dann könnte es sein, dass auch euch was in den Arsch geschoben wird

Stattdessen lächel ich es weg und freue mich an der unerwarteten Bescherung: An diesem Tag, als wir die Kartons auspacken, sind nicht nur Max und die Klasse im Kind-Modus. Ich bin es auch. 

In den folgenden Wochen arbeiten wir quasi rund um die Uhr. Texte, Szenen, Diskussionen, Schreiben, Stückentwicklung in der Aula und anschließend täglich zahlreiche Drehabenteuer zwischen Britzer Damm und Sonnenallee. Das Wetter mal gut, mal schlecht, der Ton IMMER ein Problem, die Zeit IMMER viel zu kurz, die Situation IMMER anders als erwartet. Dauernd ist irgendwas verboten, wie zum Beispiel in der U-Bahn drehen – und dann beraten wir lange, wie wir es genehmigt bekommen – um dann zu merken, dass das zu lange dauert – und unrealistisch ist. Wenn wir alles richtig machen wollen, werden wir NIE fertig werden. Also gilt das Motto: EGAL! ICH LASS DAS JETZT SO! Und im Einzelnen fühlt es sich in etwa folgendermaßen an: So! Los jetzt! Zack – bisschen Herzklopfen, bisschen Pokerface, rein in die U-Bahn, drehen, raus aus der U-Bahn. Nicht lange rumgrübeln. Machen! Nächste Szene. Basak und Umut gehen händchenhaltend die große Treppe bei Karstadt am Hermannplatz hoch. Ton ist ausgefallen! Scheiße noch mal. Klappe die siebte! Drei zwei eins – uuund bitte! Mikro im Bild! Scheiße. Noch mal. Klappe die achte! Drei zwei eins – uuuund bitte! Nee warte warte warte, da war der Motzverkäufer im Bild. Noch mal. Klappe die neunte! Drei zwei eins – uuund bitte! Frau mit Kinderwagen an der Treppe. Erstmal kurz mit Anpacken. Batterie alle! Typ vom Ordnungsamt. Was macht ihr hier? Habt ihr ne Drehgenehmigung? Drehgenehmigung? Ach so nee… das ist auch nur für die Schule… Ja, Leute dit geht nich. Is mir egal, für wat dit is. Dit is verboten. 

Also: Raus aus der U-Bahn-Station. Bisschen am Hermannplatz abhängen. Überbrücken. Batterie aufladen. Wo ist Omar? Der ist kurz zum Späti rüber. Wo ist denn das Stativ? Oh Scheiße. Noch unten an der U-Bahn. Umut rennt wieder runter. Dann plötzlich Gekreische. Gülüzar schubst Basak. Basak reißt Gülüzar an den Haaren. Die beiden gehen aufeinander los, rasten komplett aus, Basak zerrt Gülüzar an den Haaren in eine Pfütze, Ey du Huuure!, Gülüzar ist blitzschnell wieder oben, geht mit voller Wucht auf Basak los, beide stürzen zu Boden, wälzen sich in dieser riesigen Dreck-Pfütze, Fußtritte, Basak boxt Gülüzar in den Bauch, Gülüzar schlägt Basak ins Gesicht, es klatscht richtig laut, Du miese kleine Bitch…Ich mach dich fertig!!!  Max steht wie eingefroren da, die Kamera droht ihm aus der Hand zu fallen, ich werfe mich schreiend dazwischen, um mich herum scheinen jetzt ALLE zu schreien – bzw. in ihre Handies zu tippen. Was machen die? Denke ich, während ich mit Mühe eine pumpende Gülüzar festhalte und mich frage, wie lange das gut geht, holen die jetzt die Polizei, oder was? Jetzt gehen auch die anderen dazwischen, halten die beiden Mädels fest, ich rappel mich wieder hoch, meine Haare kleben nass und dreckig in meinem Gesicht, ich bin völlig außer Atem, mein Herz rast, ich rede auf die Mädchen ein, aber es sieht nicht nach Frieden aus. Basak und Gülüzar schreien sich weiter auf höchstem Beleidigungs-Niveau an und können nur mühsam festgehalten werden. Es scheint auch unmöglich zu sein, heraus zu finden, was überhaupt passiert ist. Noch während ich mitten in diesem Gerangel überlege, was zu tun ist, verändert sich plötzlich die Stimmung. Ich schaue auf. Um uns herum stehen jetzt plötzlich zehn, nein eher zwanzig Jungs, Kinn nach vorne gereckt, motzen sich in voller Lautstärke an. Ach du Scheiße. Die haben nicht die Polizei geholt, sondern Verstärkung. Und zwar gibt’s jetzt eine Gülüzar- und eine Basak-Fraktion. – Die sich offenbar unbedingt gegenseitig in die Fresse hauen wollen. Das sind die Brüder, Cousins und Co. Ok, denke ich, das war`s dann jetzt. Ich stehe zwischen zwei pumpenden Knäueln von aufgebrachten Jugendlichen, die Jungs sind älter, mindestens 18, und sehen nicht so aus, als wären sie zum Reden gekommen. Alles klar, ich muss die Polizei verständigen. Mit zitternden Fingern friemel ich mein Handy aus der Tasche. 

Da legt mir jemand die Hand auf den Arm. Es wird ruhig. Ich drehe mich um. Und schaue direkt in – Tahers Gesicht. Er lächelt.  Alles gut, Frau Plath,  sagt er und scheint ein bisschen amüsiert zu sein. Das ist meine kleine Schwester, wir regeln das. Ich streiche mir meine nassen Haare aus dem Gesicht.  Das ist ja ne Überraschung – Taher… ! sage ich und komme mir vollkommen blödsinnig vor. Wie geht eine passende Begrüßung in dieser Situation? Egal. Ich muss offenbar nicht mehr nachdenken. Denn Taher hat jetzt alles im Griff. Es ist vollkommen klar: Er hat hier die Verantwortung übernommen. Ich spüre förmlich die Erleichterung. Aber ICH bin die Lehrerin. ICH muss das hier regeln. Also frage ich – merke aber selber, wie alibi-mäßig es klingt:  Was meinst du? Ihr „regelt“ das jetzt? Ihr geht jetzt hier aufeinander los oder was? Das geht GAR NICHT, ich habe hier die Verantwortung… Weiter komme ich nicht. Taher lächelt immer noch und strahlt unfassbare Ruhe aus.  Nee, is schon klar, dass wir das nicht HIER regeln, Frau Plath. Wir wollen gar nicht, dass Sie irgendwelchen Ärger haben. Sie fahren jetzt einfach nach Hause und wir klären das unter uns. Woanders. – Und ich komme demnächst mal wieder vorbei! Zu Besuch… Er wirft mir eine Kusshand zu und wendet sich zum Gehen. Gülüzar und Basak streichen sich den Dreck von den Klamotten, richten ihre Haare, alle haben sich wie von Zauberhand beruhigt, lächeln sogar wieder ein bisschen – und setzen sich in Bewegung, Richtung U-Bahn, Taher hinterher. Tschü-üß! Ciao!, rufen einige, Machen Sie sich keine Sorgen!  Ruft Gülüzar,  bis morgen!  Und weg sind sie. Max und ich sind plötzlich alleine. Stehen ein bisschen blöde herum. Das war also das. Nach ein paar Sekunden Schweigen sagt Max: Mist. Das hätten wir filmen sollen. 

Dann sehe ich Lenny. Er hebt gerade das Stativ auf, das Umut sorgsam neben Max auf der Straße abgelegt hat. Das sind doch alles Asis, sagt Lenny leise. 

Frau Hammerschmidt-Bräutigam findet das Romeo-und-Julia-Projekt für ihren Sohn nicht angemessen. Sie hat sich telefonisch bei Susanne über mich beschwert. Warum da kein richtiger Unterricht stattfindet. Lenny hätte ihr erzählt, dass es bei Frau Plath immer nur um die arabischen Kids ginge. Das sei nicht ok, da sei ihr Lenny unterfordert, der brauche ordentlichen Unterricht, ich könne als Klassenlehrerin nicht immer nur Rücksicht auf die Schwächsten nehmen. Susanne fasst mir das Telefonat zusammen, lässt aber durchblicken, dass sie die Beschwerde nicht weiter ernst nimmt.  Ich habe den Eindruck, dass die nur so ein bisschen auf besorgte Mutter macht, aber letztendlich hat die ganz andere Sachen im Kopf. Und mit Lenny läuft es doch gerade ganz gut, hab ich den Eindruck. Du kannst sie ja einfach mal zurückrufen. Das versuche ich in den kommenden Tagen und Wochen. Leider ist sie offenbar so beschäftigt, dass ich sie nie persönlich erreiche. Ich nehme mir vor, es in regelmäßigen Abständen immer wieder zu versuchen. Denn irgendwie wächst mein ungutes Gefühl. Und das hat mit Lenny zu tun. 

Was hat er seiner Mutter erzählt? Dass er sich weigert, in kleineren Teams zu arbeiten? Dass er grundsätzlich alleine sitzen will? Dass er unser ritualisiertes Feedback-Verfahren ablehnt, weil er „nur was Kritisches sagen will“ und nichts Positives? Dass er ständig durchblicken lässt, dass er hier nicht “hingehört” und alle Kontaktversuche seiner Mitschüler*innen blockiert? Dass er fast zwanghaft daran festhält, er sei was “Besseres” als die anderen? 

Typische Szenen im Unterricht mit Lenny gehen so: 

Lenny, du bist dran mit Feedback!

Lenny:  Ich hab nichts.

Was soll das heißen, du “hast nichts”?

Ich fand nichts gut. Und was Negatives darf man ja hier nicht sagen. 

Lenny, man darf ja hier nun gerade ALLES sagen, wie du weißt, genau das üben wir ja gerade. Aber du willst gerade BEWERTEN. Und das kommt erst später, wenn allen klar ist, nach welchen Kriterien wir bewerten! Erstmal gehts jetzt darum überhaupt zu LERNEN, das zu sehen und zu beschreiben, was dir persönlich GEFALLEN hat! Das ist ja viel schwieriger! Das zu sehen, was SCHÖN ist! Was gelungen ist! Was waren deine Lieblingsmomente, Lenny? 

Lenny schweigt. Vorne stehen Emes, Hilal und Abdi und warten auf eine Rückmeldung. Sie haben gerade ihre Ideen zum Thema “Der Brief kommt nicht an” präsentiert. Der Brief, in dem steht, dass Julia tot aussehen wird aber nicht wirklich tot IST. Hilal hat erzählt, wie schlimm das ist, wenn man verliebt ist und was geschrieben hat und nicht weiß, ob die Nachricht nun angekommen ist, oder nicht. 

Emes: Ja, aber bei Romeo geht es um Leben und Tod.

Hilal: Verliebt sein fühlt sich ja manchmal so an! Also ich könnte STERBEN, wenn ich was Krasses geschrieben habe und der Typ antwortet nicht! Oder ich weiß nicht, wie der meine Nachricht findet! Oder eben: Ob die überhaupt ANGEKOMMEN ist, meine Nachricht! Nicht zu wissen, was los ist, wenn ich voll verliebt bin: Das ist Folter, Bruder! 

Emes nickt. 

Man ist auch gleich so, dass man sterben will. Also wenn die Liebe nicht klappt. Wenn meine große Liebe Schluss macht. Das ist totaler Horror. Du willst echt STERBEN man! Und NOCH schlimmer, wenn sie dich liebt, aber nicht DARF! Wenn man getrennt wird, nur weil es verboten ist! Dann würd ich ABHAUEN mit ihr! 

Abdi streckt ihm die Faust hin. Die beiden kicken kurz ihre Fäuste aneinander, dann sagt Abdi:

Ja, Bruder, wallah. Aber jetzt lass mal zeigen, was wir gemacht haben, man! Abdi wendet sich dem Rest der Klasse zu:

Bei uns ist der Brief ne SMS, die aus irgendwelchen Gründen nicht ankommt. Und wir zeigen zwei Geschichten parallel: Die kleine SMS, die sich in den Weiten des Netzes verirrt und verzweifelt versucht, an ihren Bestimmungsort zu kommen, also die kämpft VOLL, die kleine SMS, aber sie landet erstmal im Darknet und so ne Scheiße und während die so im Netz rum irrt und nicht ankommt, sieht der Zuschauer Romeo, der kurz davor ist, seine Liebste tot im Sarg zu entdecken. Also der Zuschauer sieht, dass die kleine SMS einfach mal VOLL keine Zeit hat. Dass es ÜBELST knapp wird! Und dazwischen – also zwischen der SMS, wie sie durchs Netz rennt und Romeo, der sich dem Sarg nähert, tickt ne Sanduhr, damit der Zuschauer immer aufgeregter wird und Angst kriegt, ob die SMS es noch rechtzeitig schafft! 

Abdi, Emes und Gülüzar stehen strahlend vorne. Warten auf Rückmeldung.

Lennyschweigt beharrlich. Dann hebt er kurz den Kopf: Man darf ja nix Negatives sagen.  Kleine Pause.  Ja, dann hab ich nix. Mir hat NIX gefallen. 

Ich werde unruhig. Es ist schwer auszuhalten. Ich beiße mir auf die Lippen. Und glücklicherweise kommt mir Gülüzar zuvor: 

Man, Lenny, du musst nicht so neidisch auf uns sein, du bist voll der süße Junge! Du musst einfach mal bisschen chillen!  Sie wirft ihm eine Kusshand zu.

Lenny errötet und starrt auf seine Turnschuhe. Emes und Abdi recken entnervt ihren Arm nach vorne.  Ey was los, Bruder?? Sie ist voll süß, man! 

Aber von Lenny kommen heute keine Lieblingsmomente mehr. 

Zwei Wochen später haben wir die ersten Filmszenen im Kasten und brauchen einen Beamer, um die Zwischenergebnisse anschauen und den Schnitt besprechen zu können. Das ist schwierig, denn der einzige vorhandene Beamer in der Schule befindet sich im Technikraum und wird von Herrn Asmus bewacht. Herr Asmus findet meinen Unterricht überflüssig und ist daher nicht bereit, den Beamer raus zu rücken. Es beginnt eine kleine Dauerauseinandersetzung, denn der Beamer gehört der Schule und sollte allen Kolleg*innen, die ihn brauchen, zugänglich sein. Insofern gebe ich nicht auf. Leider führt meine Beharrlichkeit zu einer nervenaufreibenden Dauerauseinandersetzung mit Herrn Asmus. Und wann immer wir den Beamer brauchen, ist nie klar, ob wir ihn tatsächlich bekommen, oder ob Herr Asmus wieder mauert. Als wir an einem Freitag Mittag mal wieder ohne Beamer da stehen, macht Lenny ein Hilfsangebot. Vielleicht ist das seine Art, sich zu öffnen, denke ich. Hoffe ich. 

Ich kann meinen Beamer mitbringen, sagt er, dann haben wir jeden Freitag SICHER einen Beamer. Für mich ist das kein Ding. 

Woher hast du denn einen Beamer?, frage ich überrascht. 

Hat mir meine Oma geschenkt. 

Deine Oma ist ganz schön großzügig, oder? 

Ja, meine Oma schenkt mir immer alles. Und ich brauche die Sachen ja auch. 

Wieso BRAUCHST du denn die Sachen? 

Lenny zieht wortlos eine Visitenkarte aus der Hosentasche und überreicht sie mir. 

DJ Lenny,  steht darauf und seine Kontaktdaten. 

Arbeitest du als DJ, Lenny?

Ja, ich bau mir jetzt was auf. Erstmal brauch ich ne Ausrüstung und dann kann man mich buchen. 

Cool! Welche Musik magst du denn?

Lenny zuckt mit den Schultern. Egal eigentlich. Ich mach dann die Musik, die die Leute sich wünschen… 

Ok, dann stelle ich schon mal eine playlist für meinen Geburtstag zusammen, vielleicht hast du ja Lust, da Musik zu machen, erster Job… 

Lenny nickt. Es ist nicht zu erkennen, ob er sich freut oder meinen Vorschlag albern findet. 

Ich stelle mir vor, wie Lennys Oma ihm ständig Sachen kauft. Offenbar stehen sie sich sehr nahe. Von seiner Mutter hat er dagegen noch nie was erzählt. 

Wohnt deine Oma in Berlin? 

Lenny nickt. Ja, klar. Ich wohne doch bei meiner Oma. 

Ach so. Ich dachte, du wohnst bei deiner Mutter.

Nee. Nur manchmal. Ich bin eigentlich immer bei meiner Oma. 

Wieder habe ich den Impuls, Lenny irgendwie aufzubauen. Er wirkt verlassen und das ist er ja de facto auch. Er sieht traurig aus. Ich sage: Ok, Lenny, ich glaube mit dem Beamer – das wäre wirklich gut. Du kannst ihn ja am Freitag immer mitbringen und ihn direkt danach wieder mit nach Hause nehmen. Wenn das wirklich für dich ok ist, dann wäre das tatsächlich eine Riesenhilfe. 

Ein kleiner Hauch von einem Lächeln. Dann wieder das höfliche Gesicht. Aber immerhin. Er freut sich. Er trägt etwas bei, das wir wirklich brauchen. Ich hoffe immer noch, dass er IRGENDWANN richtig einsteigt. Aber Lenny macht ansonsten nur das allernotwendigste. Er schreibt keine eigenen Texte, er beteiligt sich nicht. Bleibt seltsam abgekoppelt. Er spielt auch nicht. Vielleicht muss ich mir noch mal was ganz anderes überlegen, um herauszufinden, worauf er anspringt. Wenn ich irgendeinen Anhaltspunkt hätte, könnte ich anfangen, ihn in dem zu bestärken, was er KANN. Aber was ist das? Offenbar interessiert er sich ja für technische Sachen. Problem ist nur: Die Technik machen schon Dennis und Abdi. Und Dennis mag Lenny nicht. Er würde mit Lenny arbeiten, wenn ich ihn drum bitten würde. Aber ich spüre, dass es dafür einen behutsamen Vorlauf geben müsste und dass da ein gewisses Konfliktpotential lauert. Dennis und Abdi sind sehr gut eingespielt, kennen sich aus. Aber Lenny würde sich ihnen gegenüber als Chef aufspielen und versuchen, die beiden zu dominieren. Und das würden die sich nicht gefallen lassen. Vielleicht kann ich andere technische Aufgaben für Lenny finden. Er führt ja auch bei den Drehs hin und wieder die Kamera, obwohl es auch dort immer wieder Probleme gibt. Offenbar hat Lenny kein Auge für Bilder und filmt sehr grob und unbeholfen. Aber irgendwo muss ich ja anfangen mit diesem Jungen. Irgendwo muss doch die Pforte zu seinem inneren Kosmos sein. Ich nehme mir vor, dran zu bleiben und es heraus zu finden. Und erstmal nehme ich jetzt Lennys Unterstützungsangebot an. Denn vielleicht ist das ja der Kanal, über den dieses Kind kommuniziert? Wer weiß. 

Ende Mai ist es soweit. Premiere. „Krieg. Liebe.Tod“. Drei erstaunlich dichte Filme sind entstanden. Sie sind eingebettet in ein „richtiges“ Theaterstück, ha ha. Romeo und Julia aus der Sicht von 27 Neuköllner Romeos und Julias. Leonardo di Caprio kann einpacken. Die ganze Aula ist picke packe voll. Lenny sitzt in der Mitte im Gang und bedient – seinen eigenen – Video-Beamer, über den die Filme eingespielt werden. Zusätzlich macht er die Musik-Einspielungen. Sein erster Auftritt als Theatertechniker und DJ, könnte man sagen. Er hat doch noch eine Aufgabe gefunden. Und in den letzten Wochen ist er über diese Aufgabe ganz schön in Aufregung geraten. Also für Lennys Verhältnisse. Immer wieder erzählt er mir in seinem fachmännischen Ton, dass in der Nähe der Schule ein Sender sei, der seinen hochsensiblen Beamer störe. Er fürchtet scheinbar unablässig, dass der Beamer ausfällt. Da ist ein Störsender, sagt Lenny. Das nimmt insofern leicht komische Züge an, als der Beamer NIE, wirklich NIE ausfällt und ich mich frage, wie Lenny darauf kommt. Was für ein Störsender? Aber Lenny macht ein ernstes Gesicht und beharrt darauf, dass er sowas wisse. Auch jetzt kurz vor der Premiere, als ich ihm ein fröhliches Toi Toi Toi zuwerfe, raunt er mir zu:  Ich hoffe, dass der Störsender keinen Ärger macht!  

-Keine Sorge, Lenny! Wird schon schief gehen! Und du bist ja da! Safe! 

In Wahrheit bin ich so nervös, dass mir fast schlecht ist. Zum ersten Mal sind auch viele Kolleg*innen gekommen. Und zahlreiche Theaterpädagog*innen aus Berlin und darüber hinaus. Freunde. Familie. Eltern. Und sogar ganze Klassen der Schule. Halb Neukölln scheint an diesem Abend versammelt zu sein. Kurz vorher muss ich hinter der Bühne die hyperventilierenden Jugendlichen beruhigen. Hilal und Gülüzar sind an der Bushaltestelle vor dem Schulgebäude in eine Starre verfallen und trauen sich nicht hoch in die Aula. Ich renne die Treppe runter, raus zur Bushaltestelle, rede mit Engelszungen, die beiden fangen an zu heulen, wollen nach Hause. Die Uhr tickt, ich bin ratlos. Umut, Omar und Dennis kommen dazu. Therapiesitzung de Luxe an der Bushaltestelle. Die Jungs erweisen sich als wahre Meister der Psychologie. Irgendwann folgen Hilal und Gülüzar den dreien – noch immer schluchzend und Nase putzend – ins Schulgebäude. Omar und Umut nehmen die beiden Mädchen in ihre Mitte, trösten, beruhigen, machen Witze, reichen Taschentücher. Meine Güte – diese Geduld und Ruhe hätte ich auch gerne. Wir schaffen es in die Aula. Dennis geht ans Lichtpult, klatscht mit Abdi und Max ab. Dann hebt er den Daumen. Lenny nickt von der Mitte des Gangs. Alles klar. Wir können anfangen. Licht aus. Das Spiel kann beginnen. 

Zehn Minuten Glück. Die Sache läuft. Ich stehe am Rand an der Wand und atme ruhiger. Es wird klappen. Es ist großartig. Im Saal wird gelacht, das Publikum geht mit. Die Stimmung ist einzigartig. Wann gab es jemals sowas in dieser Aula? Ich liebe meinen Beruf…

Der erste Film beginnt. Die Spannung im Raum ist mit Händen zu greifen. Die vielen Jugendlichen im Saal beugen sich vor. Gülüzar, Umut, Basak, Omar, Emes,… riesengroß auf der Leinwand. Wann hat man sowas schon mal gesehen. 

Doch irgendwas stimmt nicht. Das Bild ist verzerrt. Dann bleibt es stehen. Dann wackelt der Ton, verzerrt. Störgeräusche. Das Bild ruckelt ein Stück weiter. Die Jugendlichen auf der Bühne werden unruhig. Was ist das? Dann läuft der Film wieder. Gottseidank. Offenbar hat Lenny es wieder hingekriegt. Ich merke, dass ich kurz den Atem angehalten habe. Oh man. Der Film läuft weiter. Die Leute lachen. Doch nach fünf Minuten wieder Störgeräusche. Das Bild ist verzerrt. Das darf doch nicht wahr sein… Die Spieler*innen auf der Bühne stehen mit verschreckten Gesichtern da, wie eingefroren. Sie starren in meine Richtung. Was ist los? Als ihre Szene weiter geht, fällt der Ton aus. Statt der erwarteten Musik, kommen knirschende Geräusche aus den Boxen. Jetzt fangen die Jugendlichen auf der Bühne sichtlich an, die Nerven zu verlieren. Sie vergessen ihren Text, ihre Cues. Das Spiel gerät komplett ins Stocken. Emes versucht zu improvisieren, aber das bringt die anderen erst recht durcheinander. Die Störgeräusche werden lauter. Ich merke, wie ich meine schweißnassen Hände ineinander kralle. Soll ich abbrechen? Die Theaterszene ist komplett im Arsch. Alle starren sichtlich erschrocken in meine Richtung. Als gar nichts mehr geht, startet Lenny den nächsten Film. Wahrscheinlich besser. So können sich die Jugendlichen auf der Bühne wieder sammeln. Kleine Atempause. Der Film läuft allerdings nur etwa 10 Sekunden. 

Dann ein furchtbares Geräusch. So laut, dass sich die Leute entsetzt die Ohren zuhalten. Das Bild auf der Leinwand wackelt, bleibt stehen, der Ton fällt aus, dann wird es dunkel. Die Spieler*innen auf der Bühne bleiben wie angewurzelt stehen. Totenstille. Dann hektisches Geflüster. Im fahlen grünlichen Licht der Lampen über den Notausgängen sehe ich Dennis und Abdi verzweifelt über das Lichtmischpult gebeugt, tuscheln, herumfuchteln, Max rennt durch den Mittelgang nach vorne zu Lenny, die Jugendlichen auf der Bühne stehen noch immer wie gelähmt einfach da, dann höre ich ein Schluchzen, Gülüzar bricht auf der Bühne zusammen, einige Mädchen kreischen, das Publikum beginnt zu murmeln, wird lauter, einige Jugendliche im Saal fangen an zu lachen, immer mehr Leute stehen auf, einige Schüler rufen kichernd „Buh!“ und „Ey was los?“, anderen pfeifen, auf der Bühne bricht jetzt Chaos aus, alle rennen durcheinander, einige heulen, die ersten verlassen den Saal, alles geht drunter und drüber. Meine Kniee geben nach, ich rutsche langsam an der Wand herunter, während die gesamte Aula im absoluten Chaos versinkt. Ich habe nur einen einzigen Gedanken. Der Störsender. Lenny hat es gewusst. Oh Gott. Das überlebt der Arme nicht. Wie mag es IHM jetzt gehen? Und dann sehe ich ihn. Lenny. Er sitzt ganz ruhig in der Mitte der Aula auf seinem Platz. Und schaut freundlich geradeaus. Er lächelt. 

Man könnte meinen, die Geschichte wäre hier zu Ende. Es fühlt sich auf jeden Fall so an. Jetzt ist mein Ruf wirklich ruiniert, denke ich. Wo die Plath ist, ist das reinste Chaos. –  Hat man ja jetzt wieder schön sehen können… Das kommt dann dabei raus mit „demokratischer Führung“, hi hi… Ich muss an diesen alten Satz denken: Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen… Aber damit ist der Untergang noch nicht zu Ende. Es stellt sich heraus, dass dieser alptraumhafte Premierenabend nur so eine Art Vorspiel ist… Drei Tage später ist die gesamte technische Ausrüstung geklaut. Alle Kameras, Mikros, Mischpult. Alles. Und nicht nur das. Im Lehrerzimmer fehlen zahlreiche Portemonnaies, die Geldkassetten in den Fachschränken, die Bankkarte aus der Schublade von Frau Jensen. Alles weg. Ebenso die Computer im Schulleitungszimmer, in Lennys Schulsprecher-Büro und im Sekretariat. Einen so umfassenden Einbruch hat es an dieser Schule noch nie gegeben. Die Polizei sperrt das Lehrerzimmer, die Aula und alle Büro- und Arbeitsräume ab. Die nehmen Fingerabdrücke, sagt jemand. Das hier ist ein Tatort. Verdächtigt werden die sogenannten „1-Euro-Jobber“ von Herrn Schulz. Er selbst steht leichenblass im Lehrerzimmer und stammelt. Also ick gloob dit nich, dass dit meene Jungs warn, sagt er immer wieder. Ick gloob dit einfach nich. Die machen doch so wat nich. Susanne sitzt mit hochrotem Kopf wie niedergestreckt auf ihrem Drehstuhl, starrt Herrn Schulz an und sagt: Aber wer sonst hätte beispielsweise Detailkenntnisse wie über den Aufbewahrungsort der Bankkarte in der Schublade von Frau Jensen haben können? Wer weiß denn davon? Das KÖNNEN ja nur Ihre Jungs gewesen sein!  Mein inneres Störgefühl ist inzwischen so übermächtig, dass mir schlecht ist. Ich frage: Wo ist denn eigentlich Lenny heute? Susanne wischt meine Frage beiseite wie eine lästige Fliege. Es gibt gerade weiß Gott wichtigeres als irgendwelche Schüler, die fehlen. 

Ich gehe raus auf den Schulhof, setze mich auf eine Bank und betrachte das kleine Stück Papier in meiner Hand. Lennys Visitenkarte. Er ist heute nicht zur Schule gekommen. Ich denke an den Störsender. Mir ist schlecht. Ich sitze eine Zeitlang da und versuche, nichts zu denken. Dann nehme ich mein Handy aus der Tasche und rufe Lenny  an. 

Lenny? 

Ja?

Wo bist du denn heute?

Bin krank.

Was hast du denn?

Bauchschmerzen.

Oh je, dann wünsch ich dir gute Besserung… 

Danke…

Du, Lenny, der Computer in deinem Büro ist weg.

(Stille). 

Lenny?

Ja?

Weißt du, wo der ist?

Nee…?

Ja, also der ist weg. 

(Stille).

Wundert dich das gar nicht?

Doch. – Doch, doch. 

Lenny, hast du Scheiße gebaut? 

(Stille). 

Wenn du den mitgenommen hast – und die anderen Sachen auch – dann ist es viel besser, wenn du mit mir redest. Wir können das alles klären. 

(Stille). 

Lenny legt auf. 

Ich stehe auf, gehe über den Schulhof, schließe mein Fahrrad auf und mache mich auf den Weg. Die Adresse auf der Visitenkarte ist nicht weit von hier. Kurz darauf stehe ich vor der Haustür eines gepflegten Mietshauses und studiere die Aufschriften der Klingel-Schilder. Hammerschmidt-Bräutigam gibt es nicht. Mist. Aber dann sehe ich ein kleines handgeschriebenes „Lenny“ neben dem Namen M. Reuter. Ich drücke die Klingel. Nichts passiert. Ich warte. Dann klingel ich erneut. Ein Summer ertönt. Ich drücke mit einem Klacken die Tür auf und betrete das Treppenhaus. Im ersten Stock öffnet sich eine Tür. Eine ältere freundliche Dame steht im Türrahmen. Lenny? Komm mal, du hast Besuch! Sie lächelt mich an. Es riecht nach Essen. Dann sehe ich Lenny. Er sieht mich. Dreht auf dem Absatz um, flüchtet in sein Zimmer. Bäm. Die Tür knallt zu. Lenny’s Oma schaut mich fragend an. Wollen Sie nicht erstmal rein kommen?  Ich schaue an ihr vorbei in ein gepflegtes Wohnzimmer – das vollkommen zugestellt ist mit – Technik. Ganz vorne steht der Computer aus Lenny’s Büro. 

Ich habe mit Lenny durch die Tür geredet. Dass wir eine Lösung finden. Dass er nicht denken sollte, er wäre alleine. Die Tür blieb zu. Keine Chance. Aber er hat mich gehört. 

Die Neuköllner Polizisten waren fassungslos. Der eine rieb sich immer wieder an der Nase und sagte: Ganz ehrlich? Ich bin jetzt 15 Jahre bei der Polizei. Hier in Neukölln. So ein kriminelles Potential hab ich noch nicht erlebt…

Lenny wurde nicht abgeschult. Er machte zwei Jahre später den Mittleren Schulabschluss und wurde Ton- und Veranstaltungstechniker. 

Was es mit dem Störsender auf sich hatte, blieb für immer ein Rätsel. 

Türwächter*innen der Freiheit – Kapitel 19: Vor dem Gesetz

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Das Hauptproblem an der Geschichte mit Taher war, dass ich danach hinter eine gewisse Linie in meinem Bewusstsein nicht mehr zurückkonnte.

Die Realitäten der Jugendlichen spielten im durchgetakteten Schulalltag keine Rolle – und das erschien mir zunehmend absurd. Welchen Sinn machte der sogenannte „Dienst nach Vorschrift“, wenn er ja offenbar nicht geeignet war, das Ziel zu erreichen? Das Ziel, diese Jugendlichen zu einem erfolgreichen Schulabschluss zu führen oder besser noch: In ein selbstbestimmtes, glückliches Leben? Zu diesem Zweck veranstalteten wir doch diesen ganzen Zirkus. Oder etwa nicht? Obwohl die Atmosphäre im Kollegium nach dem Weggang des Sheriffs freundlicher geworden war, gab es weiterhin diese seltsame Ängstlichkeit, den Sinn der verordneten Vorschriften in Frage zu stellen.  

Ich hatte so Gedanken wie: Wenn das hier ein Unternehmen wäre, wäre es längst pleite. Operation geglückt – Patient tot. Das konnte doch nicht sein, dass mit soviel Frust, soviel Bürokratie und soviel Nervenaufwand so wenig erreicht wurde! Aber irgendwie gab es darüber gar keine Diskussion. Es wirkte so, als wollte niemand die wahren Ursachen für das Scheitern anschauen. 

Wir spielten einfach weiter Schule, hielten Sitzungen mit ernsten Gesichtern ab, füllten Zettel und Checklisten aus, hefteten Akten in dicken Leitzordnern ab und am Ende: Tja, es war nichts zu machen. Wir haben alles getan. Aber xy ist einfach nicht beschulbar. Zack abgeschult. Soll sich doch die nächste Expertengruppe an dem Kind abarbeiten. 

Ein Junge wird sechs Wochen unter Polizeischutz gestellt. Aber angeblich erzählt er nur Räuberpistolen und „soll sich nicht so wichtig machen“. Warum macht er nicht einfach mal seine Hausaufgaben? Abdullah muss ständig mitten in der Unterrichtsstunde aufs Klo, schließt dann immer die gesamte Jungs-Toilette hinter sich ab, so dass kein anderer mehr reinkommt und malt ansonsten mit schwarzem Edding-Stift alle Schultische mit großen Penissen voll. Es folgen: Die üblichen „pädagogischen Maßnahmen“. Was nicht zu einer Verhaltensänderung bei Abdullah führt. Auch die Gespräche beim Schulpsychologen führen – genau – zu nichts. Dann zündet Abdullah einen Knallkörper draußen bei den Schul-Mülltonnen. Das war`s dann. Zack abgeschult. Was jeder hätte herausfinden können – denn so schwierig war es nicht: Abdullah war mit seiner Familie vor vier Jahren aus dem Libanon nach Deutschland gekommen – und in einer Unterkunft für Geflüchtete wiederholt von älteren männlichen Familienmitgliedern und deren „Freunden“ auf der Toilette vergewaltigt worden. Ach Quatsch. Räuberpistole.

Rabia verhält sich extrem aggressiv im Unterricht und brüllt „Arschloch“, wenn ihr Mathelehrer ihr „nur helfen will“ und sich von hinten über ihre Schulter beugt, um zu schauen, „wie sie vorankommt“. Als sie sich in einer unserer Theaterstunden hinter der Bühne umzieht, sehe ich, dass ihr gesamter Oberkörper vom Hals bis zum Becken dunkel-lila ist. „Sag mal Rabia, was ist das…?“, frage ich und will es eigentlich nicht wissen. „Ach so, äh nix, ich bin die Treppe runtergefallen“. „Ach so?“ Später auf der Damentoilette kippt sie mir heulend in die Arme und erzählt, dass ihr Vater sie immer „verprügelt“, wenn sie auf dem Balkon geraucht hat oder zu spät nach Hause kommt. Ich informiere die entsprechenden Behörden. Im Krankenhaus stellt ein Arzt „schwere häusliche Gewalt fest“. Wenig später sitzen wir in einem Taxi auf dem Weg in ein anonymes Frauenhaus. Anonym, weil: „Meine Familie bringt mich um, wenn ich abhaue. Die suchen mich überall und die finden mich“, sagt Rabia und drückt auf der Rückbank ihre strassbesetzte Glitzerhandtasche an sich. Noch bevor wir die Einrichtung erreichen, friert Rabias Gesicht plötzlich zu einer Maske ein und sie „will zurück nach Hause“. Die Sozialarbeiterin und ich reden mit Engelszungen auf sie ein, Rabia kann aber plötzlich nur noch einen Satz: „Ich bin die Treppe runtergefallen. Ich bin die Treppe runtergefallen“. Wir stehen irgendwo am Mehringdamm am Seitenstreifen, der Taxifahrer wartet, ich rufe die entsprechenden Stellen an, was sollen wir tun? „Wenn das Mädchen sagt, dass sie die Treppe runtergefallen ist, können wir nichts machen, dann müssen Sie sie wieder nach Hause bringen“. „WHAT?? Aber der Arzt hat eindeutig schwere häusliche Gewalt festgestellt!“ „Ja, aber gegen den Willen des Mädchens können wir nichts machen“. Weitere Diskussionen mit Rabia. Ich schaue in dieses eingefrorene Gesicht. „Ich bin die Treppe runtergefallen. Meine Familie ist alles, Sie sind eine Verräterin, Frau Plath. Ich will nach Hause“. Es ist nichts zu machen. Wir müssen umkehren und Rabia wieder nach Hause bringen. Wenige Wochen später erhält Rabia die dritte Klassenkonferenz, weil sie ihren Klassenlehrer geschubst und übelst beschimpft hat. Nicht beschulbar das Mädchen. Zack. Abgeschult. Zwei Monate später erfahre ich, dass sie nach Syrien verheiratet worden ist. Rabia ist 16 Jahre alt. Ich drehe ein bisschen durch im Kollegium. Reaktion: „Du musst wirklich ein bisschen professionelle Distanz lernen, Maike. Du lässt dich von denen immer so einwickeln. Das sind doch alles dramatische Geschichten. Komm mal wieder runter, Mädchen…“

Sophia schwänzt dauernd und fällt immer dann, wenn sie eine Arbeit schreiben soll, die Schultreppe runter und muss dann nach Hause. Reaktion im Kollegium: „Mein Gott, die faked das doch alles nur!“ Ja… vielleicht. Aber WARUM? Sophia ist die älteste von sieben Geschwistern und darf ihre Eltern nicht enttäuschen. Sie schmeißt den gesamten Haushalt, kocht, begleitet ihre Eltern auf die Ämter und übersetzt, und – weil sie die intelligenteste in ihrer Familie ist (wie ihre Eltern sagen) – will sie Ärztin werden und viel Geld verdienen, damit sie ihrer Familie helfen und ihnen eine größere Wohnung und ein besseres Leben ermöglichen kann. In den Schulakten sind ihre versäumten Stunden vermerkt. Und ihre „hysterischen Lügengeschichten“ und ihre Fake-Unfälle. Alles ganz genau mit Datum und ausführlichem Bericht. Ihre Klassenlehrerin sagt: „Sophia ist eine falsche Schlange und ein faules Stück! Die muss einfach mal den Schuss hören“. Die versäumten Stunden und Treppenstürze nehmen überhand. Viele Sitzungen mit ernsten Gesichtern. Viele Zettel, die ordentlich ausgefüllt und abgeheftet werden. Es soll niemand sagen, man hätte sich nicht bemüht. Drei Klassenkonferenzen. Zack abgeschult.

Diese Geschichten nehmen kein Ende. Sie haben aber alle eines gemeinsam: Dass sie für die betroffenen Kinder nicht gut enden. Nicht mit einem Abschluss und nicht mit einem selbstbestimmten oder gar glücklichen Leben. Es macht mich fassungslos, wie sehr sich eine kühle Ignoranz in dieses System eingeschrieben hat. Irgendwie ist am Ende keiner zuständig. Hinter jeder Person steht noch eine andere, an die man das Kind weiterschicken kann. Aber wer steht am Ende dieser institutionellen Kette? Hallo? Ist da jemand? WER ist denn am Ende verantwortlich?

Ich versuche es mit Hausbesuchen bei den Eltern. Laufe durch Neuköllner Plattenbauten, an den Häuserwänden Balkone und ganze Wälder von Satellitenschüsseln. Hinter jeder Tür eine Geschichte, ein Schicksal, und bei mir jede Menge Erstaunen, teilweise Entsetzen, auf jeden Fall aber reihenweise Erkenntnisse. Vor allem aber die: Dass das Problem an dieser Stelle nicht gelöst werden kann. 

Mein letzter Hausbesuch geht so: Ich komme in ein gepflegtes großes Wohnzimmer voller Menschen, voller Kinder unterschiedlichen Alters, es wirkt wie ein großes Familienfest, in der Küche stehen bunte Schüsseln und Platten mit sehr lecker duftendem Essen, scheinbar gerade frisch zubereitet, „hier ist ja Leben in der Bude“, denke ich, und entdecke inmitten des Familientrubels irgendwann die Mutter, die in einem langen dunklen Gewand auf einem riesigen Sofa mit vielen Kissen sitzt und ein surrendes Gerät in der Hand hält, mit dem sie sich durch ihr Gesicht fährt. Sie rasiert ihren Damenbart, stelle ich verwundert fest. Als sie mich sieht, lächelt sie strahlend, legt den elektrischen Rasierer beiseite, wuchtet sich hoch und kommt mir entgegen: Salam aleikum! Aleikum as-Salam, antworte ich vorsichtig und hoffe, dass ich es richtig ausspreche. Wir setzen uns aufs Sofa, dauernd reicht mir jemand irgendwelche leckere Bällchen und Soßen und Salat-und Gemüseschüsselchen. Es ist das Beste, was ich je gegessen habe, um mich herum hopsen gut gelaunte Kinder durch die Gegend, aus weiteren Zimmern der Wohnung dringt Geschirrklappern, lautes fröhliches Stimmengewirr, Musik, Gelächter – ich fühle mich wohl. Was ich aber am Ende eines einstündigen Gesprächs mit dieser warmherzigen, temperamentvollen Frau begriffen habe, ist, dass Frau El-Khajed`s größte Sorge nicht die ist, ob ihr Sohn den Neigungswinkel der Außenböschung eines Deichabschnitts an der Nordseeküste berechnen kann. Und dass es vielleicht auch nicht ganz so wichtig ist. Letzteres darf ich aber nur im kleinen konspirativen Kreis meiner verbündeten Kolleginnen sagen. 

Ansonsten herrscht das unangefochtene Primat der NOTEN und des (Unterrichts-) STOFFES und die Ansicht, dass es nicht die Verantwortung der Schule ist, wenn die Schüler*innen scheitern. Wir haben schließlich ein gerechtes tolles Bildungssystem, in dem es jeder schaffen kann, der sich bemüht. Aha. 

Die Frage, wer nun letztendlich verantwortlich für das Scheitern dieser Kinder ist, war nach meiner gesamten Ursachenforschung allerdings immer noch nicht beantwortet. Also beantwortete ich mir die Frage selbst: Wahrscheinlich bin ICH zuständig. Für das, was ICH als Lehrerin konkret erreiche. ICH trage die Verantwortung für die Kinder, die MIR anvertraut werden. Die Verantwortung dafür, dass die Kinder, die ICH unterrichte, nicht abgeschult werden. Als ersten Schritt auf dem Weg dahin nahm ich mir vor, dass keine*r von ihnen mehr zu mir sagte: „Ey, macht keinen SINN, Frau Plath!“ Denn damit hatten sie ja Recht. Also. Bei mir zumindest sollten sie das nicht mehr sagen. Und ganz ehrlich? Damit hatte ich nun eine gar nicht ganz so kleine Aufgabe.

Mit dem Sinn arbeitete ich mich Schritt für Schritt, Tag für Tag unermüdlich vorwärts. Und das machte überraschenderweise – trotz vieler kleiner Rückschritte – Spaß. Denn eben: Sachen, die Sinn ergeben, machen Freude. Was allerdings deutlich schwieriger war, war die Sache mit dem „Abschulen verhindern“, wenn sich die Konflikte an anderer Stelle häuften. 

Da ist zum Beispiel Dennis. Dennis hat einen Vater, der zum Frühstück eine halbe Flasche Wodka trinkt und gegen Nachmittag anfängt, in der Wohnung rum zu randalieren, seine Mutter zu schlagen und alles zusammenzubrüllen. Dennis rastet regelmäßig aus und zerlegt dann Schulmobiliar. Er sitzt grundsätzlich zusammengesunken mit Kapuze auf an seinem Platz am Fenster, den Kopf zwischen seinen Armen auf dem Tisch vergraben. Wenn ich ihn anspreche, kommt keine Reaktion – oder er brüllt: „Lass mich in Ruhe, du Fotze!“ Leider macht er das nicht nur in MEINEM Unterricht. Obwohl ich seine Klassenlehrerin bin und in jeder Sitzung und jeder Klassenkonferenz alles daran setze, die Gemüter aufgebrachter Kollegen*innen zu beschwichtigen und Dennis noch ein wenig Zeit zu geben, füllt sich seine Schüler-Akte in schwindelerregendem Tempo mit Beschwerden, Vorfalls-Beschreibungen, Diagnosen von Sozialpädagogen, Schulbegleiter*innen, Schulpsychologen und Eintragungen vom Jugendamt. Die Akte von Dennis ist der beeindruckende Beweis dafür, was für ein hoffnungsloser Fall dieser Junge ist und gleichzeitig, wie sehr man sich allseits um ihn bemüht und alles nach Vorschrift und ordnungsgemäß VERSUCHT hat. Es ist vollkommen klar, worauf das hinausläuft.

Meine Strategien, Dennis zu einem konstruktiveren Verhalten zu verführen und auf diese Weise das drohende Szenario zu vermeiden oder zumindest nachhaltig zu verzögern, sind zugebenermaßen noch nicht ganz ausgereift, aber ich komme voran. So kniee ich zum Beispiel im Unterricht vor ihm nieder und singe ihn an. Das führt nicht sofort zum Erfolg, sondern eher zu entsetzten Blicken der anderen Jugendlichen in meiner Klasse, die mich starr vor Fremdschämen anstarren und nicht fassen können, wie jemand so peinlich sein kann. Immerhin ist es in solchen Momenten aber dann mal so leise, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Und außerdem geht es ja gerade darum, Dennis zu beweisen, dass ich mich NOCH verhaltensgestörter benehmen kann, als er. 

Tatsächlich bringt ihn meine Hartnäckigkeit dann auch irgendwann zum Lachen und er brüllt mich halb lachend, halb wütend an: „Jetzt hören Sie endlich auf, Frau Plath!“ Eben. Er sagt nicht mehr „Halt die Fresse, du Fotze“. Er sagt: „Hören Sie auf, mich anzusingen, Frau Plath.“ Wenn das mal kein Fortschritt ist. Leider sind das nicht so die Geschichten, die ich in den Sitzungen mit den ernst dreinschauenden Kollegen erzählen kann. Könnte sein, dass die mich dann für verrückt erklären. Und das wäre nicht so gut, denn als seine Klassenlehrerin bin ich sowas wie seine Königin auf dem Schachbrett und wenn die aus dem Spiel fliegt, ist der König Dennis in Null-Komma-Nix Schachmatt. Das darf nicht passieren. Also mache ich in den Klassenkonferenzen ein ernstes Gesicht, nicke freundlich und erzähle gebetsmühlenartig all das auf, was ich seit meinen Sinnversuchen an positiven Veränderungen bei Dennis beobachtet habe. Was tatsächlich auch nicht gerade wenig ist. Aber es ist nicht das, was dieses Gremium hören will. Die Kollegien*nnen, die das Problem Dennis möglichst schnell weghaben wollen, verlieren mit der Zeit die mir gegenüber aufgesetzte Freundlichkeit. Sie unterstellen mir, dass ich ja gar keinen richtigen Unterricht mache. Bei mir mache es ja „nur Spaß“. Das sei aber kein „richtiger Unterricht“. Dennis habe ein Anrecht darauf, ordnungsgemäß „beschult“ zu werden. Und nur daran könne man seine Erfolge oder Misserfolge messen. Ich bleibe tapfer und liebenswürdig. Ich bin seine Klassenlehrerin. An mir kommen sie nicht vorbei. Wenn nur diese Scheiß-Akte nicht wäre, in der ich immer mehr bedrohliche Zettel abheften muss. Normalerweise ignoriere ich die Schüler-Akten weitestgehend. Ich möchte meinen unvoreingenommenen Blick bewahren. Auch das wird natürlich als Verfehlung wahrgenommen. Eine gute Lehrerin kennt natürlich die Akten ihrer Schüler*innen.

Als Klassenlehrerin und erst recht seit ich meinen heimlichen Verantwortungsplan durchziehen will, muss ich mich nun ständig mit diesen Akten beschäftigen, nämlich, um drohendes Unheil rechtzeitig zu erkennen und es abzuwenden. Bei Dennis gibt es die Schwierigkeit, dass er zwar auf die Sinn-Offensive positiv reagiert und seine Beschimpfungen in meinem Unterricht nach und nach eingestellt hat, ansonsten rastet er aber weiterhin regelmäßig aus. „Einen Jungen, der mich als Fotze bezeichnet, muss ich nicht beschulen“, sagt Frau Meyer mit zusammen gekniffenen Lippen. Ja nun. Doch. Eigentlich schon. Ob „beschulen“ das Wort für die richtige Herangehensweise ist, mag dahingestellt sein, aber für deinen Job wirst du bezahlt und nicht zu schlecht, denke ich. Leider sieht das in der Runde niemand so. Es ist eher so die Stimmung: Das Gesocks muss weg. Ja, aber wohin? Dennis ist 14 Jahre alt. Und da haben wir wieder das Problem mit der Verantwortung. Was ich inzwischen herausgefunden habe, ist, dass neben der Sinnfrage eine Kontinuität durch Menschen, Raum und Zeit ein entscheidender Erfolgsfaktor ist. Dieselben Personen am selben Ort zu immer gleichen Zeiten – und das am besten über JAHRE hinweg – machen Vertrauen und Bindung überhaupt erst möglich und dann auch sinnhaftes Lernen. Es ist geradezu verrückt, wie deutlich sichtbar sich auf diese Weise Erfolge einstellen. Aber hier herrscht die Meinung vor, dass ein störendes Kind immer weitervermittelt werden muss. Interessante These. Ich lerne in diesen Sitzungen, dass alle guten Argumente der Welt nicht weiterhelfen. Die Akte wiegt schwerer. 

Ich berate mich mit Andrea und Mausi im Café Casablanca. Andrea lacht und sagt: „Lass die Akte doch verschwinden“. Wir stoßen an und unterhalten uns über andere Dinge. Abends, als ich wieder zu Hause bin, fällt mir der Satz wieder ein. Lass die Akte doch einfach verschwinden. Ich frage mich, ob das überhaupt was bringt. Aber vielleicht schon. Die Grundlage aller Beschlüsse basieren auf den Akten. Daher müssen diese auch im Schulschrank eingeschlossen sein und dürfen nur in dringenden Fällen  – und ausschließlich von dafür berechtigten Personen – mit nach Hause genommen werden. Mmmh. Wenn ich das mache, verliere ich meinen Job, denke ich. Oder? 

Der Gedanke baut sich ein kleines Nest in meinem Hirn. Ich kriege ihn nicht mehr raus. Aber ich traue mich nicht so recht, ihn tatsächlich groß werden zu lassen und beschäftige mich mit anderen Dingen. Dann kommt die nächste Sitzung zum Thema Dennis. Ich sitze da wieder und referiere die Erfolge meines Schülers. Aber dieser ganze Nachmittag atmet Vergeblichkeit. Am Ende ist mir klar: Ich werde Dennis nicht retten können. Das Gremium beschließt die nächste Klassenkonferenz. Mir ist vollkommen klar: Das wird für Dennis die letzte sein. Am Abend ruft mich seine Mutter an. Heulend. Irgendwo im Hintergrund krakeelt ein Mann herum. Ich versuche sie zu beruhigen. Es gelingt mir nicht wirklich. Zum Abschied sagt Dennis Mutter: „Bitte helfen Sie mir. Wenn Dennis jetzt wieder die Schule wechseln muss, dann geht der gar nicht mehr hin. Dann haut der ab. Der ist schon zwei Mal abgehauen. Ich schaff das alles nicht. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Und bei Ihnen fühlt er sich wohl. Er macht zum ersten Mal seine Hausaufgaben. Und neulich hat er mir Blumen mitgebracht und erzählt, dass er sich jetzt anstrengt in der Schule und dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Wenn der jetzt woanders hin soll, dann dreht der durch. Dann verlier ich meinen Dennis (sie schluchzt). Können Sie nicht irgendwas machen?“ Nach dem Telefonat muss ich mich anstrengen, nicht selber los zu heulen. Ich gehe auf den Balkon und rauche eine. Erstmal nachdenken. 

Am nächsten Tag gehe ich nach meinem Unterricht in`s Lehrerzimmer, schließe den Aktenschrank auf, durchfingere die sorgsam nach Namen und Klassen geordneten Hefter und ziehe den von Dennis heraus. Fettes Teil. Ich schließe den Schrank wieder ab. Jetzt schnell das Ding im Rucksack verschwinden lassen und ab nach Hause. Die Tür fliegt auf. Susanne kommt rein, sieht mich, sieht die Akte, starrt mich an. „Was machst DU denn?“ So ruhig wie möglich schiebe ich die Akte in meinen Rucksack. „Du weißt doch: Klassenkonferenz von Dennis steht an. Ich muss mir das alles in Ruhe noch mal durchlesen. Das schaffe ich hier immer nicht. Zuviel Trubel“. Susanne runzelt die Stirn. „Du weißt aber schon, dass die Akten in der Schule bleiben müssen, oder?“ – „Ja, ich weiß. Aber ich brauche die ja nur heute. Ich bringe sie einfach morgen früh wieder mit. Merkt keiner, dass die überhaupt weg gewesen ist. Kein Problem“. Susanne zögert. Ich lache: „Hast du jetzt Angst, oder was?“ frage ich. Susanne lacht ebenfalls. „Nee, ich dachte nur gerade, du wärst der Typ, der ne Akte verschwinden lässt, wenn`s für deine Kinder gefährlich wird… nee. Kleiner Scherz. Nimm mit. Wir sehen uns morgen“. 

Sie verschwindet im Schulleitungszimmer. Ich atme tief aus. Ach du Scheiße. In diesem Moment denke ich: Du bist verrückt, Maike. In JEDEM Fall bringst du die Akte morgen wieder mit. 

Und der Gedanke beruhigt mich. Ich MUSS ja gar nichts Verbotenes machen. Ich werde die Akte morgen einfach wieder in den Schrank zurück hängen und fertig ist. Alles gut. Nix passiert. War alles nur ein kleines Gedankenspiel. 

Ich fühle mich, als wäre ich noch einmal davongekommen. Erleichtert laufe ich die Treppen runter nach draußen, schließe mein Fahrrad auf und fahre nach Hause. 

Leider packe ich später am Abend meinen Rucksack aus. Und da ist sie. Die Akte. Ich lege sie auf meinen Schreibtisch. Gehe in die Küche. Gehe wieder zurück zum Schreibtisch. Schaue diesen hässlichen Ordner an. Gehe wieder in die Küche. Mache mir erstmal einen Tee. Schaue aus dem Fenster. Schalte das Radio an. Schalte es wieder aus. Gehe sinnlos auf und ab. Schaue wieder aus dem Fenster. Fuck. Es nützt nichts. Ich gehe zurück ins andere Zimmer, setze mich an den Schreibtisch und lese – zum ersten Mal in meinem Leben – eine Akte von vorne bis hinten durch. Und während ich lese, steigt in mir eine große Wut hoch. Hier wird ein 14-jähriges Kind systematisch in vermeintlich sachlichem Ton auf einen Problemfall reduziert. Ich kenne Dennis seit etwas mehr als einem Jahr, erlebe ihn fast jeden Tag – und was ich hier in dieser Akte lese, wird diesem Kind noch nicht einmal im Ansatz gerecht. Wer diesen beachtlich dicken Stapel an seriös aussehenden Formblättern durchliest, muss glauben, einen zukünftigen Schwerverbrecher vor sich zu haben. Einen schwer gestörten Menschen, der anderen gefährlich werden könnte. Einen aussichtslosen Fall. In der Akte steht nichts von Dennis` leisem Humor, seiner Beobachtungsgabe, seiner Sensibilität. Da steht nichts von seiner Fähigkeit, sich Dinge sofort merken zu können. Von seinem Talent für technische Sachen. Von seiner Hilfsbereitschaft. Von seiner Fähigkeit, Vorgänge und Erlebnisse unglaublich genau – und teilweise witzig – zu beschreiben. Da steht nichts von seinem Gerechtigkeitssinn und seinem Mut, sich für Schwache einzusetzen. Nicht ein einziges Wort. Nein. Diese fein säuberlich gesammelten Dokumente dienen einzig und allein dem Zweck, zu begründen, warum man sich selbst um dieses „schwierige Kind“ nicht mehr kümmern kann. Warum dieser Fall außerhalb der eigenen Verantwortlichkeit liegt. Warum es die einzig professionelle Lösung ist, ihn an die nächste Institution abzuschieben. 

Ich sitze vor meinem Schreibtisch und bin ganz starr vor Zorn. Erstmal raus auf den Balkon und eine rauchen. Was mache ich jetzt mit dieser Akte? Sie könnte verloren gehen. Ich könnte morgen in die Schule fahren und behaupten, dass sie mir geklaut wurde. Oder dass ich sie aus Versehen irgendwo liegen gelassen habe. Ich stelle mir vor, wie die Reaktionen sein werden. Wenn ich als Klassenlehrerin kurz vor einer Klassenkonferenz die entscheidende Akte „verloren habe“, wird mir kein Mensch glauben. Ich werde riesigen Ärger haben. Vielleicht bekomme ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Vielleicht verliere ich meine Verbeamtung. Vielleicht werde ich so unter Druck gesetzt, dass ich einknicke, und die Akte dann doch wieder rausrücke. Aber in dem Fall muss ich dann damit leben, dass ich diese Ungerechtigkeit zugelassen habe. Obwohl ich es besser wusste. Und obwohl ich die Möglichkeit und die Position hatte, Dennis zu helfen. 

Ich stehe noch einige Zeit auf dem Balkon und starre in den Berliner Hinterhof. Was für eine Scheiße. 

Es gibt nur eine Möglichkeit, wie ich verhindern kann, dass diese Dokumente zu 100 Prozent keinen Schaden anrichten. Ich muss sicherstellen, dass ich die Akte nicht mehr rausrücken KANN. Egal was passiert. Sie muss wirklich weg sein. Es darf sie nicht mehr geben. Ich werde plötzlich ganz ruhig. Es ist offensichtlich, was zu tun ist. Ich nehme die Akte vom Schreibtisch, gehe in die Küche und hole eine Packung Streichhölzer. Dann weiter ins Bad. Ich lege den hässlichen dicken Ordner in die Badewanne und zünde das erste Streichholz. Die kleine Flamme züngelt von der unteren Ecke nach oben. Ein zweites Streichholz. Und ein drittes. Von drei Seiten aus, beginnt das Teil jetzt zu brennen. Es riecht gut. Ich setze mich auf den Badewannenrand und schaue zu, wie sich die Seiten kräuseln, dunkelgrau werden und in den Flammen zerfallen. 

Mein Freund kommt nach Hause, reißt die Badezimmer-Tür auf, „Sag mal, was riecht denn hier…. – was machst DU denn?“, er starrt mich entgeistert an. Ich habe inzwischen sehr gute Laune und strahle ihn an. „Ich verbrenne gerade die Akte von Dennis“. Mein Liebster schaut mich an, dann auf das inzwischen beachtliche kleine Feuerchen in der Wanne – und dann lacht er. „Du bist ja völlig verrückt!“, sagt er. Aber ich weiß, er meint es auch ein bisschen als Kompliment. 

Ein paar Tage später findet dann die Klassenkonferenz für Dennis statt. Alle sitzen in diesem blöden U und schauen mich an, auf dass ich das Ritual eröffne. Susanne sitzt mir gegenüber, tippt noch irgendwas in ihr Handy. Ich habe zugegebenermaßen Herzklopfen. Leicht kurzatmig begrüße ich das Gremium, um gleich darauf „das kleine Problem“ anzusprechen. 

Ich: Ich weiß, das ist jetzt wahrscheinlich eine sehr schlechte Nachricht und mir ist bewusst, dass sowas eigentlich gar nicht passieren darf, aber die Akte von Dennis ist nicht da. 

Eine Kollegin beugt sich vor: Was? 

Ich: Ja, das ist ganz blöd gelaufen, ich habe sie mit nach Hause genommen, weil ich mich einarbeiten wollte, sie war in meinem Rucksack, da habe ich sie dann danach auch gleich wieder reingetan, damit ich sie auf keinen Fall vergesse – und dann ist mir der Rucksack in der U-Bahn geklaut worden… Das tut mir total leid, ich…

Weiter komme ich nicht, der Rest versinkt im Disaster. Einige Kollegen schreien mich an, andere sind aufgestanden und packen kopfschüttelnd ihre Sachen, immer wieder höre ich „Das darf doch alles nicht wahr sein – das ist doch ein abgekartetes Spiel – die Plath verarscht uns doch hier – also das lass ich mir nicht gefallen… die gehört doch entlassen, die Frau!…“ usw usw.

Und tatsächlich folgen auf diese verpatzte Klassenkonferenz ein paar für mich ziemlich unangenehme Tage. Ich muss mir anhören, ob ich einfach zu blöd für meinen Job bin – oder aber geistesgestört. Die Wut einiger Kollegen ist für einige Tage kaum zu bremsen. Ich muss einige unangenehme Gespräche mit Ermahnungen über mich ergehen lassen, unter anderem mit einer neuen Schulrätin, die ich nicht kenne, und die mich anschaut, als wäre ich ein Insekt. Mir droht eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Susanne redet eine Woche lang nicht mit mir. Aber ansonsten: Passiert NICHTS. Der Schulalltag geht weiter. Nach ein paar Wochen merke ich: Ich bin damit durchgekommen. 

Dennis und ich werden nicht abgeschult.