Mein neues Buch ist bestellbar – Aktuelle Blogeinträge findet ihr links in der Leiste unter „Maikes Blog“!

Ich freue mich, euch mein bisher umfangreichstes, persönlichstes und schönstes Buch zu präsentieren!

Im Buchhandel könnt ihr es unter der ISBN 978-3-7460 1449-4 bestellen.

Ich hoffe, dass es euch gefällt und ermutigt.

Passend dazu unser neustes Video auf YouTube:

Viel Spaß!

Intermission: Update Corona

Der Blog und Podcast „Türwächter*innen der Freiheit“ wird in ungefähr einer Woche fortgesetzt. In den letzten Tagen ist mir – wie uns allen – das Leben um die Ohren geflogen und es gab Dringlicheres zu tun und zu retten, so dass ich keine Zeile schreiben konnte – bis auf die Projekt-Idee, die ihr hier unter diesem Text findet und die auch ihr gerne als Inspiration nutzen könnt. Allmählich gewöhnt sich mein Kopf an den Schock. Und so bald wie möglich, geht es dann hier weiter. Ich wünsche uns allen, dass wir es schaffen, trotz dieser Erschütterung, mit der Zeit allmählich auch die Chancen sehen zu können, die diese gewaltigen Veränderungen eröffnen. Und dass wir die Kraft und die Zuversicht entwickeln, sie zu nutzen – zum Beispiel für mehr MITEINANDER. Bis vor kurzem klang sowas wie ein frommer Wunsch vom Kirchentag. Jetzt finde ich den Satz ziemlich vernünftig. In diesem Sinne: Bleibt stark, zuversichtlich und gesund. Bis demnächst hier an dieser Stelle mit dem 19. Kapitel der „Türwächter*innen der Freiheit“. Möge die Kraft mit uns sein. 😉 Maike

ACT-PROJEKT IN KRISENZEITEN:
«DECAMERONE»
 Von Maike Plath 

Decamerone (Klassiker von Boccaccio): Sieben Frauen und drei
Männer fliehen vor der Pest im Jahre 1348 aufs Land und
verbringen dort zehn Tage in einer Art Quarantäne in
einem Landhaus in den Hügeln von Florenz,
drei Kilometer vom damaligen Stadtkern von Florenz entfernt.
Im Landhaus versuchen sich die zehn jungen Menschen
gegenseitig zu unterhalten.
Daher wird jeden Tag eine Königin oder ein König bestimmt,
welcher einen Themenkreis vorgibt. Zu diesem Themenkreis
hat sich nun jeder der Anwesenden eine Geschichte
auszudenken und zum Besten zu geben.
Nach zehn Tagen und zehn mal zehn Novellen kehrt die
Gruppe wieder nach Florenz zurück.
 
Bis vor wenigen Tagen hat wohl niemand von uns sich vorstellen
können, wie schnell all die Dinge des täglichen Lebens,
die wir ganz selbstverständlich fanden, zum Stillstand kommen könnten:

Zuerst sollten wir nur die Hände waschen und die Armbeuge husten,
dann aufs Händeschütteln und Umarmen verzichten.
Dann wurden Großveranstaltungen abgesagt.
In den sozialen Medien las man einiges, aber das war ja alles
wieder Panikmache. Oder? Jedenfalls. Ganz plötzlich, von einem
Tag zum anderen, veränderte sich die Stimmung und die Meldungen.
Von einem Tag zum anderen ist unser Alltag weggefegt.
Alle Planungen für die nächsten Wochen zusammengebrochen.
Plötzlich ist: nichts. Und dazu eine unheimliche Stimmung.
Leere Regale bei dm und rossmann, wo das Klopapier war.
Erschreckende Meldungen aus Italiens Krankenhäusern.
Leere Bürogebäude, leere Schulen, geschlossene Kneipen,
Kinos und Theater. Wir sollen keine öffentlichen Verkehrsmittel
mehr benutzen. Nicht mehr aus dem Haus gehen, wenn nicht
dringend nötig. Reisen und Termine absagen. Alles von zu Hause
aus machen. Was bedeutet das alles? Und was macht das mit uns,
wenn all das wegfällt, was bis gestern völlig selbstverständlich war?
 
Wir erleben etwas, das uns noch lange beschäftigen wird.
Und zwar insbesondere unter dem Aspekt Menschlichkeit und
Solidarität. Die Entwicklungen der letzten Tage haben uns
einen Schrecken eingejagt. Und das Schlimmste ist noch nicht
überstanden. Unser Alltag wird sich sehr verändern. Aber all das
könnte, wenn wir es überstanden haben, der Auslöser für eine
längst notwendige gesellschaftliche Entwicklung sein.

Ein Beispiel:Systemrelevante Berufe
Für den Fall einer flächendeckenden Ausgangssperre ist die Rede
davon, dass dann alle zu Hause bleiben müssen, bis auf diejenigen,
die die «systemrelevanten Jobs» haben. Denn wenn DIE zu
Hause bleiben, bricht unser ganzes System zusammen. Krass.
Das sind also die Wichtigen, ohne die es nicht geht. Und wer ist das?
Welche Menschen sind die mit den systemrelevanten Berufen?
Das sind diejenigen im medizinischen, pflegerischen und
sozialen Bereich, es sind diejenigen bei der Polizei und der
Feuerwehr, in der Lebensmittelproduktion, in der Infrastruktur,
Telekommunikation und der Müllabfuhr. Und jetzt kommts:
Das sind die Berufe, in denen die allermeisten geringe Einkommen
haben. Jetzt wird deutlich, dass all diejenigen, die wir brauchen,
damit unser Alltag funktioniert und es allen einigermaßen gut
geht, die mit dem wenigsten Geld sind. Und das geht noch weiter.

 Zweites Beispiel:Systemrelevante menschliche Wärme
Was braucht der Mensch, um Krisen-Zeiten nicht nur körperlich
zu überleben, sondern auch psychisch heile durchzukommen?
Was braucht der Mensch, um Mensch bleiben zu können?
Nehmen wir zur Anschauung einmal das Kinderbuch «Frederic»:
Da muss eine Gruppe von Mäusen einen harten Winter
überstehen. Quasi eine Krise. So, wie wir jetzt.
Es gibt die systemrelevanten Mäuse, die tagein, tagaus
Nahrung heranschaffen und alles gewährleisten, was die Mäuse
benötigen, um körperlich zu überleben. Nur die Maus
Frederic scheint sich an diesen Tätigkeiten nicht zu beteiligen.
Stattdessen «sammelt er Farben, Gerüche, Worte, …».
Als dann der harte Winter kommt, haben die Mäuse
genug zu essen. Aber mit der Zeit wächst bei ihnen der Stress,
sie fürchten sich, wissen nicht wohin mit sich, haben nichts
zu tun und fühlen sich unglücklich. Da kommt Frederic und
erzählt ihnen Geschichten. Und die Mäuse kuscheln sich
aneinander und wärmen sich an den Geschichten von Frederic,
denn während sie ihm lauschen, sind sie nicht nur körperlich
miteinander verbunden, sondern auch mental in denselben
Gedankenräumen.
 
Wir wissen, dass Menschen «soziale Distanzierung» nicht
lange aushalten, ohne Symptome zu bekommen.
Der Mensch ist ein Herdentier, das ohne menschliche
Wärme ganz schnell zugrunde geht. Seelisch und psychisch.
Schon jetzt sind ältere Menschen in ihren Wohnungen allein
und haben wegen dem Corona Virus Angst, raus zu gehen.
Sie sind nicht über digitale Geräte mit anderen Menschen
verbunden. Sie sind allein und haben Panik, können nicht schlafen,
vermissen soziale Kontakte. Sie werden quasi krank, ohne
sich überhaupt durch den Virus infiziert zu haben.
Aber so geht es nicht nur Älteren. Wenn Menschen plötzlich
in ihren Wohnungen aufeinanderhocken, niemand mehr
zur Arbeit oder zur Schule muss, entstehen Spannungen
und Konflikte. Und Menschen ohne Familie sind einsam
und sorgen sich viel mehr, als wenn sie in Kontakt mit
anderen sind. Menschen brauchen andere Menschen.
Das heißt:
 
Wenn wir diese Krise gemeinsam meistern wollen und uns
deshalb für eine bisher ungewisse Zeit an die soziale Distanzierung
gewöhnen müssen, dann brauchen wir trotzdem menschliche
Wärme und Zusammenhalt. Wir brauchen erstens die Menschen
in den systemrelevanten Berufen, damit wir körperlich heile
durch den Winter kommen. Wir brauchen aber auch die
Frederics. Und Netflix und Computerspiele können uns zwar
zerstreuen und uns bei Langeweile helfen. Menschliche
Wärme geben sie uns aber nicht. Was ist also die gegenwärtige
Herausforderung?
 
Wir leben in Zeiten, in denen wir wie nie zuvor über das Netz
in Verbindung bleiben können. Bisher wird der
Kommunikationsaspekt im Netz viel zu häufig durch
Beschimpfungen und Hassbotschaften genutzt.

Dies wäre der Zeitpunkt für eine Wende.
 
Weg von Abgrenzung und Gegeneinander hin zu allem,
was uns verbindet, uns tröstet und uns hilft, zu leben.
Hin zu menschlicher Wärme. Das wäre die zweite
systemrelevante Komponente für unsere Gesellschaft:

In diesem Fall könnten wir es «Fernwärme» nennen.  

 Projekt Fernwärme
«DECAMERONE»:
 
Alle ACT-Projektgruppen könnten ihre begonnenen Projekte
so weit denken, wie sie jetzt sind. Bei einer späteren
Präsentation — eventuell im Juni, eventuell aber auch später —
würde das Projekt bis zu dem Punkt gezeigt, bis wohin
«noch alles normal war». Dann bricht die
Theaterproduktion, der Film, die Tanzproduktion, usw. ab.
Es wird dunkel. Und dann kommen eure Stimmen,
eure Eindrücke, Geschichten und Erlebnisse aus
der Zeit der Corona-Krise. Eure Gedanken für eine
bessere Gesellschaft. Eure Ängste. Eure persönlichen
Berichte von Ereignissen aus dem weltweiten Ausnahmezustand.
 
Wie ihr eure Geschichten, Gedanken, Beiträge verfasst,
ist euch selbst überlassen. Denkbar wären gemeinsame
Plattformen, in denen ihr eure gegenseitigen Beiträge lesen
oder per Video anschauen — und auch aufeinander reagieren
könnt. Denkbar wäre die Produktion eines Podcasts mit
mehreren Folgen. Oder eine Film-Serie, die ausschließlich
mit Handy oder sehr einfacher Kamera gefilmt ist:
Jede*r von euch filmt sich dabei selbst und erzählt —
beim Spaziergang durch die Stadt, oder beim
«Durchdrehen im eigenen Zimmer», wenn es auch
mal unerträglich ist. Denkbar wäre auch, dass ihr dokumentiert,
wie ihr anderen in der Nachbarschaft, die in Quarantäne
sind, helft, für sie Einkäufe erledigt oder mit ihnen telefoniert,
ihnen Witze erzählt oder am Telefon etwas vorlest.
Oder sie zu ihren Gedanken oder Erinnerungen befragt.
Oder ihr dokumentiert Begegnungen in Berlin mit anderen
(nur zu zweit und zwei Meter Abstand halten, versteht sich).
Oder ihr erstellt ein graphic novel, ein Daumenkino, ein
Musikvideo, oder oder oder…
 
Bedingung aber ist: Ihr seid dabei jeweils allein wie Frederic.
Jede*r verfolgt seine eigene Idee, teilt sie aber mit allen
anderen und darüber bleibt ihr in ständigem Austausch.
Wer technische oder andere Hilfe benötigt bei der
Umsetzung der eigenen Idee, kann in der Gruppe (online)
um Unterstützung bitten. Es ist fast immer alles benötigte
Wissen in einer Gruppe vorhanden, wenn ihr kommuniziert.
Und haltet es einfach: Auf eure Stimme, eure Gedanken,
Erlebnisse, Gefühle und Beobachtungen kommt es an.
Nicht auf Perfektion.
 
So könnten wir menschliche Wärme und Zusammenhalt erzeugen.
Weil wir in gemeinsamen Gedankenräumen sind.
Und eine gemeinsame Sache erschaffen. Die auch andere
trösten und ablenken wird von wiederum ihren Krisen
und einsamen Momenten oder einfach nur ihrer
Langeweile. Mit vielen Formaten (wie z.B. Podcasts )
könnt ihr darüber hinaus auch noch weiter — quasi
in jedes Zimmer — wirken und auch fremde Menschen
aufmuntern. Und das alles wird auch uns helfen,
diese Zeit zu überstehen und beieinander zu bleiben.
Solange, bis wir uns wieder umarmen dürfen.
 
Am Ende hätten wir all diese Geschichten, Kommentare
und Materialien aus einer Zeit, die wir alle nie vergessen werden.
Und die uns dann auch zusammengeschweißt haben wird.
Und vielleicht entstehen aus euren Beobachtungen und
Gedanken aus dieser Zeit neue Ideen für die Zukunft.
Das halte ich durchaus für möglich.
 
Lasst uns noch heute anfangen mit dem neuen
ACT-Projekt «Decamerone».
(Und denkt daran, dass es in jeder Gruppe jemanden braucht, der ein bisschen die Verantwortung und Steuerung übernimmt. Dabei könnt ihr euch auch abwechseln).
Und: Wir bleiben natürlich in Kontakt.
Haltet uns auf dem Laufenden!
 
Auf unserer Seite www.act-berlin.de findet ihr erste Ideen
zu möglichen Umsetzungen.





 

 

Kapitel 18: Knallhart

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig. 

Berlin, 23. April 2007

Der Tag beginnt gut. Die Sonne scheint. Ich habe gut geschlafen. Was für ein knall-blauer Himmel, denke ich, als ich auf die Straße trete, schnell noch eine Zeitung beim Späti für die U-Bahn. Vor mir im Späti einer von diesen Menschen, die was mit Medien machen und eine Freitag-Tasche quer über der Brust hängen haben. Der bestellt natürlich einen Coffe-to-go, das dauert immer etwas. Die Maschine zischt unsäglich laut. Ich schaue gedankenverloren auf die Zeitungen. Überall dasselbe Bild. Also auf den BERLINER Zeitungen. Und auf der BILD Zeitung. Ein Mädchen mit dunklen Haaren. Sieht ein bisschen aus wie ein RAF Foto, denke ich. Aber nee, die ist ja zu jung. Sieht aus, wie ein Kind. Ich scanne unkonzentriert die Zeitungen durch, hoffentlich gibt’s noch ne Süddeutsche. Ach, gut, eine ist noch da. Ich fingere sie aus dem Ständer und überlege, ob ich ich noch einen Club Mate mitnehme. Ayran gibt es ja hier in der Rosenthaler Straße in Mitte nicht, den kriege ich erst in Neukölln. Es ist schon verrückt, wie sehr sich die Berliner Kieze unterscheiden. Wie verschiedene Länder. Ich entscheide mich für den Club Mate, öffne den Kühlschrank, ach Scheiße, heute Abend…fällt mir beim Anblick der verschiedenen Bierflaschen vor mir ein: Heute Abend ist ja Filmabend bei uns und ich muss noch Getränke kaufen. Falls es zu knapp wird mit der Zeit mach ich das im Notfall hier, denke ich. Leider dann bisschen teurer, aber was soll´s. Die Freitag-Tasche ist fertig, ich bin dran, lege meine Süddeutsche auf den Tresen und halte den Club Mate hoch. Die türkische Ladenbesitzerin zeigt auf das Foto auf der BILD Zeitung: Schrecklich, oder?, fragt sie, „eine 14-jährige Schülerin von der Drogenmafia im Koffer verbrannt!  Ich nicke etwas unkonzentriert. Normalerweise machen wir immer einen kleinen smalltalk, aber heute bin ich spät dran, ich zahle und mache dabei ein mitfühlendes Gesicht. Ja… schlimm… Ich denke: Eigentlich passiert ja jeden Tag irgendwas Schlimmes, und das ist jetzt wieder so eine klassische BILD-Zeitungs-Horror-Nachricht. Ich habe jetzt keine Zeit und keine Lust, mich damit zu beschäftigen, und wahrscheinlich macht das dann sowieso nur meine gute Laune kaputt. Ich zahle, sie schaut bekümmert, ich schaue bekümmert zurück, als hätte ich verstanden, worum es geht, wir nicken einander zu, und raus bin ich. Ab in die U8 nach Neukölln. Ich lese meine Süddeutsche und da steht nix von kleinen Mädchen, die lebendig im Koffer verbrannt werden. Ist wahrscheinlich wieder so ein hoch-gejazztes Skandal-Märchen. 

Kurze Zeit später dann erste Stunde Deutsch mit der 10 b in der Aula. Das übliche laute Chaos vor der Tür. Ich schließe auf. Die Klasse drängelt laut lachend, albernd, sich gegenseitig schubsend und rempelnd hinein. Offenbar herrscht auch hier gute Laune. Was ein bisschen Sonne so ausmachen kann, denke ich. Dann fällt mein Blick auf Taher. Ach du Scheiße, was ist denn mit DEM los, denke ich? Tiefe dunkle Schatten unter den Augen. Aber nicht nur das. Er wirkt völlig apathisch. Wie ein lebender Toter. Und seine Augen sind irgendwie – komisch. Ich weiß nicht genau, was das ist, hat er was genommen? Der Blick ist irgendwie starr. Leer. So habe ich Taher noch nie gesehen. Er redet auch nicht. Schiebt sich teilnahmslos durch die Tür, als wären die anderen gar nicht da. Ich schaue ihn genauer an. Irgendetwas ist überhaupt nicht in Ordnung. Mein Bauchgefühl sendet Alarm. Aber mein Kopf sagt: Ach, der hat einfach nur schlecht geschlafen. Du kannst dich nicht um alles kümmern. Jetzt lass dir den schönen Tag mal nicht versauen. Der kommt schon klar. Ist ja Taher. Vielleicht hat er Liebeskummer. In den letzten Wochen habe ich immer seine Liebesbriefe korrigiert. Macht bei weitem mehr Spaß, als Klassenarbeiten zu korrigieren. Vor allem gibt es keine Note. Tahers Liebesbriefe sind kleine Kunstwerke. Ich kann es gar nicht fassen. Aber Taher ist unzufrieden mit seiner Rechtschreibung. Deswegen steht er eines Morgens neben mir, hält mir mit einem kleinen schiefen Grinsen ein zerknittertes DinA 4 Blatt hin und murmelt: Können Sie da mal die Fehler raus machen?

Es ist ein Brief an Sabrina, ein Mädchen, das Taher über seine Familienhelferin Carmen kennen gelernt hat.  Die geht aufs Gymnasium, sagt Taher bedeutungsvoll und schiebt nach: Da dürfen keine Fehler drin sein.  Ich nicke und nehme das Blatt entgegen. Sein Liebesbrief an Sabrina. Es bleibt nicht der letzte. In den folgenden Wochen korrigiere ich sämtliche Gedichte und Briefe an Sabrina und nach der Theater AG schlendert Taher immer noch ein Stück neben mir her bis zur Bushaltestelle und holt sich Tipps.  Also was Frauen gut finden und so, erklärt er. Das will er alles genau wissen.  Naja, ich weiß nicht, ob meine Tipps so hilfreich sind,  sage ich,  ich bin bisschen zu alt, ehrlich gesagt.  Taher lächelt wissend,  nee, nee, das macht nix, Carmen und du, äh, Sie , Sie haben Erfahrung. Und über sowas kann ich mit meiner Mutter oder meinen Schwestern nicht reden. Das ist sehr wichtig jetzt, dass ich da was lerne. Dass ich Bescheid weiß. So Frauen-Geheimwissen, Sie verstehn schon.  Er zwinkert mir verschwörerisch zu. Ich lache. Dann schaut er plötzlich sehr ernst: Sabrina ist die Liebe meines Lebens. Wallah, richtig krass… – Und wie ist der Stand?  frage ich und freue mich. Darüber, dass Taher verliebt ist. Dass es Frühling ist. Dass die Zeiten an der Schule besser geworden sind, seit Susanne Sebaldt Schulleiterin ist. Dass ich mich wieder regelmäßig mit Tahers Familienhelferin Carmen treffe und mit ihr eine weitere Freundin gewonnen habe. Dass alles besser wird. 

Hast du von dem Film „Knallhart“ gehört? fragt Taher. Ich nicke. Ja, von Detlef Buck, oder?

Taher zuckt mit den Schultern, keine Ahnung, wie der heißt, aber der hat so ne Rundreise durch die Hauptschulen gemacht, Alter, und sich alles angeguckt. So Recherche-mäßig, voll der Profi. Und die haben an der Kepler gedreht, voll unfair, man, bei uns ist viel lustiger. Ich war auch beim Casting, aber hat nicht geklappt. 

Das überrascht mich jetzt,  echt, du warst beim Casting?  frage ich,  das wusste ich ja gar nicht! Und die haben DICH nicht genommen? Das gibt’s ja gar nicht!

Taher winkt ab,  ach scheiß egal, nächstes Mal, man. Die drehen doch bestimmt jetzt dauernd so Filme in Gangster Neukölln, da kommt bestimmt noch mehr. Dann spiel ich den Paten, so Al Pacino-mäßig, er lacht, kennst du Scarface? Bester Film, man! Hab ich schon fünf Mal gesehen!  –  Klar kenne ich Scarface! sage ich,   das ist wirklich ein sehr cooler Film. Und „Knallhart“? Hast du DEN Film denn schon gesehen? 

Taher freut sich sichtlich, dass er mich jetzt ein bisschen beeindrucken kann,   ja, klar, man, ich war sogar bei der Premiere! War ja hier im Kino, Gropius Passagen, Rathaus Neukölln. 

Ich bin tatsächlich beeindruckt und frage mich, wie er denn an Karten für die Premiere gekommen ist. Taher scheint meine Gedanken zu lesen und erklärt:

Da spielen zwei Kumpels von mir mit. Die haben mich eingeladen. 

Wie cool, Taher!  sage ich und bin fast ein bisschen neidisch. Und wie wars? Mochtest du den Film?

Taher streicht sich mit der Hand übers Gesicht und seufzt.  Ja, man, nicht so cool wie Scarface, is klar, is ja so mit deutschen Kartoffeln, aber ziemlich realistisch, Alter! Dieser Regisseur hat gut recherchiert! Er lacht und schaut in die Ferne, dann sieht er mich plötzlich direkt an und sagt:  Und natürlich warn da bei der Premiere auch wieder so Reporter-Kartoffeln, wie bei Rütli. Die wollten wieder so – HUUHU – hartes, böses Neukölln berichten – und die haben mich interviewt. Wahrscheinlich, weil ich ausseh wie n Gangster, man! Taher lacht schallend. 

Für einen Moment frage ich mich, ob er mich jetzt verarscht. Aber er scheint meinen Blick gar nicht zu bemerken und redet einfach weiter:   Die haben mich gefragt, ob Neukölln wirklich so hart ist. Die fanden das alles ÜBERTRIEBEN. Ich hab denen erstma gesagt: Das IST nicht übertrieben, Alter! Das ist UNTERtrieben, man. Ich kenn ja sogar diese Gangster, die im Film vorkommen, die gibt’s ja echt. Auch den Typen mit dem Laden und so. Ich weiß, wo das ist. Das ist alles nicht ausgedacht und klar sind die mega hart, wenn da jemand Scheiße baut, das ist GAR NICHT übertrieben, aber diese weißen Kartoffeln leben aufm andern Planeten, die wissen GAR NIX, wallah! Die haben so gesagt: Was für ein Scheiß-Titel „Knallhart“… finden die sich jetzt wichtig mit ihren krassen Geschichten und so. Aber echt jetzt, Frau Plath, die wissen GAR NICHT, wie das hier läuft, das ist so lustig. Deswegen find ich das echt krass, wie dieser Regisseur recherchiert hat. Der hat nicht nur in den Schulen gesessen! Der war hier krass unterwegs oder der hat Kontakte, der Film ist jedenfalls übelst echt, man. Musst du unbedingt ma gucken.

Als ich später in meinem Freundeskreis mal nachfrage, ob jemand den Film „Knallhart“ gesehen hat, wird mit den Augen gerollt.  Ja, ist nicht schlecht, aber viel zu brutal. Das ist echt nicht mein Ding, sowas muss ich mir nicht angucken. Ich frag mich da auch, was Detlef Buck jetzt dazu bewegt, sich auch noch auf das Neukölln Klischee rauf zu setzen. Und diese ganze Gewalt, da frag ich mich echt: Muss das denn sein? SO knallhart ist Neukölln dann doch nicht. Was soll auch überhaupt dieser reißerische Titel? 

Ich beschließe, mir den Film so bald wie möglich selbst anzuschauen und mir ein eigenes Urteil zu bilden. Leider bin ich ja auch so eine weiße Kartoffel, die keine Ahnung hat und in der Blase lebt. Aber immerhin darf ich Tahers Liebesbriefe lesen und korrigieren und freue mich darüber, wie er aufblüht, was im Übrigen auch anderen auffällt. 

Mit Taher läuft es gerade ganz gut, oder?  hatte Carmen gerade ein paar Tage zuvor gefragt, während wir mit Susanne im Schulleitungszimmer saßen, Kaffee tranken und Tahers Chancen auf den Realabschluss besprachen. Auf dem Tisch standen neuerdings Blumen, die Frühlingssonne machte gute Laune und schon da dachte ich:  Zum ersten Mal seit langer Zeit ist einfach mal alles gut. Der Sheriff ist seit Monaten krankgemeldet und arbeitet an seiner Frühpensionierung. Dafür drücke ich ihm alle Daumen. Frau Rische hat die Schulleitung an Susanne Sebaldt abgegeben und seit neuestem wird im Schulleitungszimmer auch mal gelacht – die Tür steht jetzt immer offen. Den ersten großen Schrecken – den Rütli Skandal – hat Susanne relativ gut weggesteckt. Nach einer Woche schlaflosen Schreckens hat sie zur alten Form zurückgefunden, sie hat eine schöne Kaffeemaschine angeschafft und Bilder aufgehängt – und meinen Theaterunterricht findet sie „wichtig für das neue Profil der Schule“. Ihr Lachen und ihre Offenheit sind ansteckend und sogar die ehemalige Sheriff-Ecke ist ein ganz klein wenig aufgetaut – Herr Kiesbauer versucht in regelmäßigen Abständen, mir sein ganz persönliches Skript für eine „Faust“- Inszenierung mit den Schüler*innen anzudrehen:  Ich hab da so was geschrieben, das ist genial, das musst du mal mit der Theater AG machen!  Ich bedanke mich dann immer artig und wehre ab – auch, wenn ich durchaus zu schätzen weiß, dass er meine Arbeit nicht mehr ganz so schlimm findet und offenbar “irgendwie mitmachen will”. In Wahrheit machen wir gerade das Höhlengleichnis von Platon, erkläre ich ihm entschuldigend, und er rollt die Augen und kommentiert natürlich sofort: Oh man, Maike, das ist doch Perlen vor die Säue, das hab ICH ja noch nicht mal verstanden – warum machst du denn nicht meine grenzgeniale Faust-Version? Die ist wenigstens VERSTÄNDLICH!  Ich winke lachend ab und denke: Wenn DER wüsste… Das Höhlengleichnis von Platon fällt bei den Jugendlichen nämlich auf erstaunlich fruchtbaren Boden – vor allem aber, weil sie SELBER ihre Gedanken dazu aufschreiben dürfen und sich nicht bemüßigt fühlen, einen fehlgeleiteten Oberstudienrats-Traum in die Tat umsetzen zu müssen. Diesen Gedanken behalte ich aber natürlich für mich. Ich will die gerade erst in ihren Anfängen befindliche positive Atmosphäre nicht gleich wieder kaputt machen. 

Doch offenbar währt so ein Glück ohnehin nie lange… denke ich jetzt an besagtem April-Vormittag, als mir Tahers maskenartiger Gesichtsausdruck so Sorgen macht. 

Ich denke:  Er hat Liebeskummer  und versuche so ein seltsames Gefühl von innerer Unruhe wegzudrücken. Die Stunde verläuft nahezu reibungslos, alle scheinen heute so ein bisschen „sonnenschein-mäßig“ drauf zu sein, wir spielen unser Fernbedienungs-Anfangsspiel und feilen dann an den Texten und Szenen. Es läuft super, ich bin glücklich. Aber. Irgendwas stimmt ganz und gar nicht mit Taher. Das IST überhaupt nicht mehr Taher, der da stumm und verschattet am Rand sitzt und nichts sagt, nicht reagiert, nichts wahrzunehmen scheint.  Der steht unter Schock,  denke ich. Aber dann verdränge ich diesen Gedanken wieder. Ich muss mich auf die anderen, auf diese Stunde konzentrieren, die so gut läuft. Dann klingelt es. Alle packen ihr Zeug zusammen, verlassen laut diskutierend, scherzhaft fluchend und sich beschimpfend (wie immer), aber insgesamt bester Laune, die Aula. Ich denke: Wenn es doch immer so wäre, wie heute. Dann wende ich mich Taher zu. Er sitzt in sich zusammen gesunken auf einem übrig gebliebenen Stuhl ein Stück weit vor der Bühne und macht keine Anstalten zu gehen. Ich kriege leichten Puls. Irgendwas steht mir bevor. Ich kann jetzt nicht einfach in die Pause gehen. Zögernd packe ich meine Tasche, warte, dass Taher aufsteht und geht. Aber er scheint gar nicht zu merken, dass die Stunde zu Ende ist, dass es geklingelt hat. Mit leicht mulmigem Gefühl im Magen gehe ich schließlich ein paar Schritte auf ihn zu.  Taher?  Keine Reaktion. Ich stehe eine Weile unentschlossen einen Schritt weit von ihm entfernt. Dann atme ich tief ein, greife mir einen Stuhl und setze mich – in ca einem Meter Abstand – vor ihn hin. Sehe ihn an. Es ist der Horror. Er sieht aus wie ein Geist. Mir ist sofort klar, dass ich in etwas hineinblicke, was ich noch nie gesehen habe, wofür ich keinen Plan habe. Am liebsten säße ich jetzt gemütlich im Raucherzimmer, was geht mich das hier überhaupt an? Aber leider sitze ich jetzt nun einmal hier – und es ist völlig undenkbar aufzustehen und zu gehen.  Taher?  Sage ich noch einmal vorsichtig. Und da hebt er den Blick und schaut mich an. Und ein unerklärliches Entsetzen verteilt sich in meinem ganzen Körper, so dass ich mich nicht mehr rühren kann, nicht atmen kann – es ist ganz klar, hier passiert gerade etwas, das ich nicht kontrollieren, nicht erfassen kann, es ist wie ein Alptraum, in dem die Zeit stillsteht und ich warte, dass sich das Schlimme, das ich fühle, endlich aufklärt. Tahers Augen sind direkt auf mich gerichtet, aber da ist nichts mehr von dem Provokantem, Unverschämten, Lustigen, Herausforderndem. Da ist nur – ja, wie soll ich es sagen – unsäglicher dunkler Schmerz. Er scheint sich auch in keinster Weise anzustrengen, diesen zu verbergen. Dann sagt er:  Sabrina.  Und für einen Moment sendet mein Verstand die tröstende Erklärung:  Ach so, es geht „nur“ um Liebeskummer!  Aber diese Erklärung erreicht nicht meinen Bauch.  Nein, so einfach kommst du nicht davon,  ahne ich. Und meine Gedanken rasen hektisch hin und her: Sabrina? Was soll das heißen? Was ist mit Sabrina? Es vergeht gefühlt eine Ewigkeit, bis Taher stockend – und so leise, dass ich mich vorbeugen muss, um ihn zu verstehen, die nächsten Satz-Fetzen herauspresst:  Hast du nicht gesehen? Die Fotos? – In den Zeitungen?  Er zieht eine zerknitterte Zeitungsseite aus der B.Z. aus seiner Hosentasche und reicht sie mir. Da ist das Foto, das ich heute morgen im Späti gesehen habe. Dieses Mädchen. Ich lese: 

Der grausame Mord an Sabrina (14) – er geschah nur 340 Meter von ihrer Haustür entfernt. Das schöne, zierliche Mädchen wurde vergangenen Montag in einen Koffer gesteckt und lebendig in dem Neuköllner Stadtpark Thomashöhe verbrannt. Ihre Mutter und ihr Bruder Dennis (15) saßen ahnungslos zu Hause in der Jonasstraße. …

Ich lasse die Zeitung sinken und schaue Taher an. Sein Mund bewegt sich, aber ich höre nichts. Irgendwann verstehe ich. Er sagt:  SABRINA. … Sie war Drogenkurier. … Sie hat die Leute da verarscht. … Sie wollte bisschen Geld für sich behalten….. Ich habe sie gewarnt… 

Und jetzt erst erreicht mein unruhiges Bauchgefühl meinen Kopf, mein Hirn. Erst jetzt formt sich ein Gedanke. Das Mädchen, das im Koffer verbrannt wurde, war Sabrina. Tahers Sabrina. Seine erste große Liebe. Das Mädchen, an das er die Liebesbriefe geschrieben hatte. Die Briefe, die ich seit Wochen lese und korrigiere. Das Mädchen aus der Zeitung. Das ist Tahers Sabrina. 

Diese Information ist zu viel für mich. Ich kann nichts mehr denken. Geschweige denn, etwas sagen. Ich schaue Taher an und bleibe so sitzen. Die ganze Pause vergeht. Wir sprechen beide kein Wort mehr, sehen uns nur an. Irgendwann laufen mir die Tränen übers Gesicht und genauso geht es Taher. Er weint lautlos und die Tränen und der Rotz laufen einfach so über sein starres Gesicht. Ich weiß nicht, wie ich aus dieser Situation wieder herauskommen soll, oder ob sie überhaupt jemals enden wird. Ob es richtig ist, was ich tue. Wir sitzen uns gegenüber und weinen. Mehr geht nicht. 

Im Lehrerzimmer versuche ich, Hilfe zu organisieren. Ich stelle fest, dass mir die Worte fehlen. Ich versuche, zu erklären, was passiert ist, aber es klingt sogar in meinen eigenen Ohren vollkommen absurd, was ich da sage. Genauso wird es auch aufgenommen. Herr Kiesbauer sagt:  Ach Mensch, Mädel, du musst doch nicht immer JEDE Räuberpistole von den Möchtegern-Gangstern da glauben… Wann wachst du denn mal auf?

In diesem Moment erscheint die Sekretärin in der Tür,  Frau Plath? Telefon für Sie,  sagt sie. Ich folge ihr wortlos und nehme den Hörer. Am anderen Ende ist Carmen. Ich wundere mich über ihre Stimme. Sie klingt anders. Dann wird mir klar, dass sie heult. 

 Du musst dich um Taher kümmern, höre ich sie schluchzen, der muss zur Polizei, der muss sofort unter Polizeischutz gestellt werden, ganz schnell, kannst du das machen, dich kümmern, sonst kriegen die den, die suchen den bestimmt schon, du musst dich kümmern, machst du das? Jetzt sofort. Ich bin hier in Sabrinas Familie, ich muss mich jetzt um die Mutter kümmern. Ich muss hierbleiben. Die nächsten Wochen. Machst du das mit Taher? Lass den nicht aus den Augen!   Im Hintergrund höre ich Schreien und Poltern, dann ist Carmen weg, die Leitung tot, sie hat aufgelegt. 

Ein paar Sekunden stehe ich belämmert vor dem Telefon.  Ich hab jetzt Unterricht,  denke ich,  ich kann doch jetzt nicht einfach mit Taher zur Polizei?  Aber mein Gehirn ist zu langsam, ich merke sofort nach diesem Gedanken, dass auf meinen Kopf jetzt kein Verlass ist. Ich gebe meinem inneren Impuls nach, drehe mich um, stürze aus der Tür, renne die Treppen zur Aula hoch. TAHER? rufe ich und bete, dass er noch oben vor der Tür sitzt, wo wir uns gerade verabschiedet haben. Er ist noch da.  Wir müssen JETZT zur Polizei,  sage ich, und Taher scheint kein bisschen verwundert zu sein, er nickt, als habe er genau das eben gerade auch schon beschlossen und folgt mir wort- und widerstandslos die Treppen runter, hinaus auf die Straße. Ich winke ein Taxi ran, wir steigen ein und fahren zur nächsten Polizei-Station. 

Später habe ich immer wieder an diesen Moment gedacht. Daran, wie völlig absurd das Ganze schien. Aber die Neuköllner Polizisten fanden es kein bisschen absurd. Sie dankten mir für meine „Geistesgegenwart“, wobei ich mir sicher bin, dass DIE ja nun gerade ausgeschaltet war. Also was auch immer irgendwas richtig gemacht hatte, mein vernünftiger Verstand war NICHT daran beteiligt gewesen, denn der setzte die Einzel-Infos und Eindrücke erst viel später zu einem Ganzen zusammen. 

Taher wurde vier Wochen lang unter Polizeischutz gestellt und mehrfach ausführlich verhört. Er sagte mir später, dass die „NATÜRLICH“ nichts aus ihm herausbekommen hätten, denn Polizeischutz hin oder her, er wollte ja schließlich nicht auch noch im Koffer landen und „die Polizei könne ihn gar nicht ausreichend beschützen – und vor allem: Wie lange denn?” 

Carmen blieb sechs Wochen in Sabrinas Familie, die ebenfalls unter Polizeischutz gestellt wurde. Sie schärfte mir ein, dass ich im Moment erstmal gar nicht über „den Vorfall“ reden solle, außer mit den Polizei-Beamten direkt, die nämlich die Lage einschätzen könnten. 

Im Gegensatz zu den Lehrer*innen im Kollegium, mich eingeschlossen, ergänzte ich in Gedanken und hielt also meine Klappe. Was gar nicht so leicht war, denn ich hatte tausend Fragen.  

Guck dir den Film ‚Knallhart‘ an, sagt Carmen, als ich mir die Antworten darauf von IHR erhoffe, der Film ist ziemlich gut. Und der beantwortet dir deine Fragen… ist ziemlich realistisch, ehrlich gesagt. Mehr will ich jetzt nicht dazu sagen…wir sehen uns bald, wenn dieser ganze Alptraum ein bisschen vorbei ist… wobei. Vorbei ist das ja alles nie.  Sie wirft mir einen traurigen Blick zu, wir umarmen uns, dann steigt sie ins Auto und ich sehe ihr nach, wie ihr kleiner roter Toyota in der Masse der anderen Autos auf dem Britzer Damm verschwindet. Noch am selben Tag gehe ich ins Kino und schaue “Knallhart”. Mir ist klar, was ich sehe, aber mein Verstand blockt noch lange ab: Es gibt keine Drogenmafia und keine Kinder, die als Drogenkuriere durch Berlin fahren, es gibt keine brutalen Erpressungen und rohe Gewalt in irgendwelchen Tiefgaragen und verlassenen Kellern, es gibt keine Menschen, die gefoltert und lebendig in Koffern verbrannt werden. Das ist alles nur ein Film. …

Taher sehe ich erst an einem der letzten Schultage vor den Sommerferien wieder. Er sieht etwas besser aus. Als er mich sieht, lächelt er – kein fröhliches Lächeln, aber immerhin. Wir unterhalten uns ein wenig, vorsichtig tastend, und natürlich nur über ganz normale Dinge, das Wetter, die Sommerferien, einen Dönerladen, der neu aufgemacht hat. Beim Abschied drückt Taher mir einen DIN A 4 Zettel in die Hand, beide Seiten eng beschrieben. 

Der letzte Brief… ,  sagt Taher,  ist ja jetzt egal mit den Fehlern, aber ich hab mich dran gewöhnt, dass Sie die lesen – und wir dann ein bisschen quatschen können. Also man sieht sich. Schiefes, trauriges Lächeln, ich sehe ihm nach, bis er am anderen Ende des Schulhofs um die Ecke biegt. Dann lese ich den letzten Brief an Sabrina. 

Sabrina

mit dir ist was gestorben

ich frag mich: was ist aus der 

welt geworden

schau in den horizont nach oben

ungelogen: 14 jahre alt und schon am boden

und das alles wegen drogen

es fällt mir schwer, ohne dich zu leben

es fällt mir schwer über dich zu reden

ohne dich fühle ich mich leer.

diese zeilen gehen raus an dich

du bist mir wichtig

liebe dich, vermisse dich

wollte lediglich

abschiednehmen, verdammt

ich kann diesen scheiß nicht verstehen

warum musstest du gehen,

warum musste es geschehen

warum musste ich es in der zeitung sehen

der hass, die wut , wächst wieder in mir

in träumen sehe ich meine hände blutverschmiert

habe angst, dass sich das gute im menschen verliert

du bist weg

was nützt der ganze scheiß

gott, sag mir, wer war’s

wer weiß

dieser scheiß lässt mich nicht los

bin im teufelskreis

sehe dein sanftes lächeln immer noch vor mir

ich und du, Sabrina, das waren wir

jede träne , die ich vergossen habe

war für dich

glaub mir, ich vergess dich nicht

jedes mal , wenn ich ein bild seh

kommt die gänsehaut

jedes mal denke ich, wer hat dich geraubt

du hast mir vertraut

hab dir alles geglaubt

haben aufeinander gebaut

zusammen haben wir uns alles getraut

wie oft sagtest du mir, dass du mich lieb hast

was passierte, war einfach nur krass

wenn ich in träumen dir in die augen seh

und in deinen augen deine seele seh

wird mir klar, du warst mehr als nur wunderbar

für immer bist du nun weg, das ist wahr

hab drüber nachgedacht

tag und nacht hab ich getrauert

nie mehr gelacht

mehr als nur eine träne ist geflossen

mehr als nur eine träne hab ich vergossen,

in gedanken bin ich immer noch bei dir, 

bist du immer noch bei mir

ich umarme dich das aller letzte mal

ohne dich auf der erde ist eine qual

menschen wie dich gibt’s nur einmal

doch muss ich da jetzt durch

und hart sein wie stahl

mit dir an meiner seite fühlte ich mich ganz oben

mein herz in 1000 stücke zerrissen

der schmerz dich so zu vermissen

wir telefonierten stundenlang, ich hab versucht, dich zu hassen, 

hab versucht, dich loszulassen,

doch das bringe ich nicht fertig

Baby, wie sehr liebe ich dich

du warst ein lebensfroher mensch

immer ein lächeln im gesicht 

deine probleme plagten dich nicht

ich frage mich, wo ist das hübsche mädchen geblieben

das wir alle so sehr lieben

ohne furcht setzte sie sich durch

du bleibst wie ein stein in meiner brust,

ich reiche dir die hand

mein engel

deine schmerzen haben endlich ein ende, 

der tag, an dem ich dich vergesse

ist der tag, an dem auch ich ende

ich betrauere nicht deinen tod

ich feiere dein leben

ich weiß da, wo du jetzt bist, wird’s dir besser gehen

Sabrina, wir werden uns wiedersehen 

ein mensch ist erst dann tot

wenn er vergessen wird

auch, wenn er stirbt, er lebt im herzen weiter

bei dir war es zu früh leider

das alles wollte ich dir sagen

Baby, so viele offene fragen

so viel schmerz zu ertragen

doch bleib ich standhaft

durch dich hab ich die kraft

das allerletzte, was ich zu dir sagte:

bau keinen scheiß

ich vermisse dich, und das ist der beweis, 

sowas hätte ich nie gedacht:

das mädchen

das so ohne sorgen lacht, das mädchen, über das ein engel wacht…

ich umarme dich das allerletzte mal

ohne dich auf der erde

ist eine qual.

Kapitel 17: Rütli

Berlin, März 2006

Hilferuf der Rütli-Hauptschule, bekannt geworden als der „Rütli-Brandbrief“ im März 2006:

„Wie in der Schulleitersitzung am 21.2.06 geschildert, hat sich die Zusammensetzung unserer Schülerschaft in den letzten Jahren dahingehend verändert, dass der Anteil der Schüler/innen mit arabischem Migrationshintergrund inzwischen am höchsten ist. Der Gesamtanteil der Jugendlichen n.d.H. (nicht deutscher Herkunft) beträgt 83,2 %. (…) 

Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber.

Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schüler/innen mitgebracht. Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen.

Werden Schüler/innen zur Rede gestellt, schützen sie sich gegenseitig. Täter können in den wenigsten Fällen ermittelt werden.

Laut Aussage eines Schülers gilt es als besondere Anerkennung im Kiez, wenn aus einer Schule möglichst viele negative Schlagzeilen in der Presse erscheinen. (…)

Unsere Bemühungen die Einhaltung der Regeln durchzusetzen, treffen auf starken Widerstand der Schüler/innen. Diesen Widerstand zu überwinden wird immer schwieriger. In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. Lehrkräfte werden gar nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert.

Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können.

Die Folge ist, dass Kollegen/innen am Rande ihrer Kräfte sind.

(…) Einige Kollegen/innen stellen seit Jahren Umsetzungsanträge, denen nicht entsprochen wird, da keine Ersatzkräfte gefunden werden.

Auch von den Eltern bekamen wir bisher wenig Unterstützung in unserem Bemühen, Normen und Regeln durchzusetzen. Termine werden nicht wahrgenommen, Telefonate scheitern am mangelnden Sprachverständnis.

Wir sind ratlos.

(…)

Der Intensivtäter wird zum Vorbild. Es gibt für sie (die Jugendlichen) in der Schule keine positiven Vorbilder. Sie sind unter sich und lernen Jugendliche, die anders leben, gar nicht kennen. Hauptschule isoliert sie, sie fühlen sich ausgesondert und benehmen sich entsprechend.

Deshalb kann jede Hilfe für unsere Schule nur bedeuten, die aktuelle Situation erträglicher zu machen. Perspektivisch muss die Hauptschule in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zu Gunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung.

(…) 

Das unausgesprochene Gesetz, dass „nichts nach außen dringen darf“, Lehrer*innen also grundsätzlich über die Zustände an den Berliner Schulen zu schweigen haben, wird im Februar 2006 durchbrochen. Das Kollegium der benachbarten Rütli-Hauptschule verfasst einen schriftlichen Hilferuf an den Senat, der wenig später als der „Rütli-Brandbrief“ bundesweit Schlagzeilen macht. 

Ich weiß davon noch nichts, als ich an einem grauen, kalten Wintertag zur dritten Stunde in der ersten großen Pause in die Schule komme und sofort spüre, dass „irgendwas los ist“. Im ersten Augenblick fühle ich mich an die „Take-That-Situation“ erinnert: Im Februar 1996, noch während meines Referendariats: Die gesamte Schule schien damals in einem ultimativen, hysterischen Heulkrampf außer Kontrolle geraten zu sein. Überall weinende, laut schluchzende Schülerinnen, in Knäueln bebend ineinander verknotet, auf dem Schulhof, auf den Gängen und in den Klassenzimmern. Ich weiß noch, dass ich – eine furchtbare Katastrophe erwartend – panisch den erstbesten Schüler ansprach, der mir ansatzweise ansprechbar erschien:  Was ist passiert??  und dann mehrere Sekunden brauchte, um seine Antwort zu verstehen.  Take That haben sich getrennt.  Ich starre den Jungen vor mir an und warte auf eine weitere Erklärung, irgendetwas ganz und gar furchtbares, unerträgliches. Aber es kommt nix mehr. Es bleibt bei  Take That haben sich getrennt.  Diese Nachricht  löst hier an der kleinen beschaulichen Schule ein emotionales Beben aus und macht drei Tage lang jeglichen Unterrichtsversuch nahezu unmöglich. Aber was ist JETZT? Zehn Jahre später in Neukölln? Auf dem Schulhof ist die Hölle los, zwar keine schluchzenden Mädchen und auf den ersten Blick denke ich:  Nur das übliche Chaos,   aber dann sehe ich die Journalisten und die Kameras. Überall kleine Pulks, in denen aufgeregt diskutiert wird, es liegt eine Spannung in der Luft, die neue Schulleiterin Susanne Sebaldt, eigentlich immer entspannt und guter Laune, rennt mit leerem Gesichtsausdruck und ohne zu grüßen an mir vorbei.  Ich bleibe stehen, beobachte den Tumult auf dem Schulhof, versuche zu begreifen, was da los ist, aber ich kann mir keinen Reim darauf machen. Ich gehe rein in die Cafeteria. 

Mahmout und Chris stehen mit ein paar anderen Jungs an der Treppe und essen Sonnenblumenkerne. Die Schalen spucken sie in einen Mülleimer in einiger Entfernung, was nicht immer gelingt. Um den schwarzen Plastikeimer herum hat sich eine beachtliche Ansammlung der daneben gegangenen kleinen weißen Hülsen angesammelt. Als sie meinen Blick sehen, grinst Mahmout und macht eine beschwichtigende Geste,  Machen wir noch weg, Frau Plath! Chill ma!  –  Na dann ist ja gut,  sage ich und Chris lacht und nickt eifrig:  Auf JEDEN, man, WALLAH!  –  Und?   frage ich,    hab ich irgendwas verpasst heute? Ist irgendwas passiert?…  Und jetzt fangen die Jungs an, zu erzählen, sich gegenseitig ins Wort fallend, in kleinen Situations-Bruchstücken, Gelächter und Kommentaren. Ey wallah –  das geht hier schon seit ganz früh heute morgen AB, Alter! Alles voller Reporter hier  – Schüüüsch!  –  Warum das denn?  frage ich.  Keine Ahnung! Aber die fragen uns hier alles und machen Fotos, so Gangster Fotos…  Die Jungs machen es mir vor: Kapuze auf, düsterer Gesichtsausdruck, Arme vor dem Körper in Rapper-Pose vorgereckt.  –  Ja, oder so, man!  sagt Chris und streckt den Arm nach vorne, als hätte er eine Waffe in der Hand und diese direkt auf mich gerichtet.   Ja, und wir sollen so Gangster-Sprüche machen, Alter, so Pate-mäßig und so voll einen auf gefährlich machen, ABO!   Mahmout lacht.  Ey, Alter, für SOWAS gibts 10 Euro, man!   Er geht noch mal in eine eindrucksvolle Gangster-Pose.   Ja, genau man, und für Stuhl aus m Fenster werfen sogar 15 Euro, wallah!   Ich komme jetzt nicht mehr ganz mit:  Was genau ist mit 15 Euro? Wer hat euch Geld gegeben? Für Gangster-Posen und Stühle ausm Fenster werfen??   Chris strahlt mich an:   Ja, genau, leicht verdientes Geld man! Diese Reporter-Kartoffeln wollen so Bilder von Gangster-Neukölln, so voll gefährlicher Kiez, Alter, wir werden berühmt, man!  Die Jungs haben wahnsinnig gute Laune, immer wieder machen sie mir ihre Posen vor und lachen sich dabei schlapp, es ist fast wie eine Tanzeinlage, wie sie so im Halbkreis um mich rumstehen und mir ihre krassen Posen vorhopsen und dazu düstere Grimassen schneiden. Ich frage mich trotzdem etwas verwirrt, was das zu bedeuten hat. Was für Reporter, und warum das Geld für Gangster-Posen? Irgendwie beschleicht mich ein ungutes Gefühl, auch wenn die Jungs sich hier ja scheinbar bestens amüsieren. 

In den folgenden Tagen setzt sich das Bild zusammen. Quasi ALLE Zeitungen machen mit dem “Rütli-Skandal” auf: Und überall geht es um Chaotische Zustände an den Hauptschulen und um Jugendliche als finstere Kriminelle – Stichwort “Der Intensivtäter wird zum Vorbild”. Die skandal-fokussierte, klischeehafte Verzerrung und vor allem schmerzhaft vereinfachte Darstellung der Situation macht mich fassungslos. Und dann wütend. Als kurz darauf mal wieder eine Journalistin vorm Lehrerzimmer steht und mich anspricht:   Könnten Sie sich vorstellen, aus Ihrer Perspektive als Lehrerin zu berichten? In Form eines Interviews?  –  sage ich zu. Da ich als verbeamtete Lehrerin allerdings gar nicht mit der Presse sprechen darf – zumindest wird uns das tagtäglich so eingebläut- vereinbaren wir, dass meine Anonymität gewahrt bleibt. Das Interview möchte die Journalistin in Mitte machen, sie schlägt vor, ich soll sie in der Friedrichstraße neben dem Kulturkaufhaus Dussmann im Gebäude des Zeitungsverlags abholen, dann könnten wir entweder dort oder im nahe gelegenen Café Einstein sprechen. Gesagt, getan. Zum verabredeten Zeitpunkt stehe ich in der Friedrichstraße vor dem Verlagsgebäude, kurz darauf kommt die Journalistin aus der Tür geeilt, gibt mir zu verstehen, dass es im Café Einstein jetzt doch besser ist und wir machen uns auf den Weg. 

Ich habe gute Laune wie ein kleines Kind, das mal kurz von zu Hause abgehauen ist und etwas Verbotenes tut. Dass die Frau neben mir irritierende Sachen sagt, stört mich erstmal gar nicht. Im Café Einstein dann aber, als sie mit ihrem Moleskin Büchlein vor mir sitzt und krakelig und schnell mitschreibt, was ich sage, wird mir mulmig. Denn mir kommt das Ganze plötzlich vor wie ein Theaterstück, das zu einem bestimmten Zweck aufgeführt wird, dessen Ausgang aber schon längst feststeht, völlig unabhängig davon, was ich sage. 

Sie:  Wie erklären Sie sich die Gewalt, die Verrohung, die da an den Hauptschulen stattfindet?

Ich:  Naja, diese Kinder sehen für sich keine Perspektive und rebellieren gegen ein System, das sie abgeschrieben hat. Die können sich mit den Inhalten, die wir da im Unterricht anbieten, überhaupt nicht mehr verkoppeln. Dieses in Stein gemeißelte Bewertungsraster, das wir auf alle gleichermaßen anwenden, ist unzureichend und führt zu ständigen Herabsetzungen und Demütigungen dieser Kinder. Dagegen rebellieren die jetzt.

Sie:  Aha? Also das System ist Schuld? Die meisten Kinder in Deutschland kommen doch ganz gut klar mit diesem System. Und wer sich bei uns anstrengt, der kann ja auch was erreichen. Man hat doch eher den Eindruck, dass der hohe Ausländeranteil hier eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielt, oder nicht? 

Ich:  Ja, diese Perspektive hatte ich am Anfang auch, ich habe die Kinder mit Migrationshintergrund alle als eine homogene Gruppe wahrgenommen, aber dann habe ich gemerkt, dass die ja alle völlig unterschiedliche Hintergründe und Lebensgeschichten haben und dass genau DAS das Problem ist: UNSERE Perspektive, dass das „alles Ausländer sind“. Das ist ja in Wahrheit Quatsch.

Sie:  Wie meinen Sie das?

Ich:  Genauso, wie ich gesagt habe: Die Kategorie „Ausländer“ ist nicht hilfreich, ich würde sogar sagen, sie ist total  falsch. Viele der Kinder sind erstens Deutsche und haben dann – wie gesagt – sehr unterschiedliche Hintergründe, die sich gar nicht vergleichen lassen. Wenn wir sagen „die Ausländer“ dann werden wir den jeweils einzelnen Menschen, die sie in Wahrheit sind, überhaupt nicht gerecht. Im Gegenteil: Dann nehmen wir eine defizitäre Perspektive ein. Und die wirkt sich aus. Stichwort Attribution: Wenn ich denke, dass jemand so und so ist, dann verhalte ich mich entsprechend und setze überhaupt erst einen Prozess in Gang, der meine Vorurteile dann bestätigt – völlig unabhängig davon, wie es in Wahrheit ist. Es gibt nicht „die Ausländer“. Es gibt nur einzelne Menschen. Ich denke, wir müssen dringend unsere Perspektive ändern. 

Die Frau räuspert sich leicht pikiert und wirft mir einen Blick zu, als hielte sie mich für minderbemittelt.  Naja,  sagt sie,  es sind ja nicht die DEUTSCHEN Kinder, die sich am Intensivtäter orientieren. Das sehen wir ja im Vergleich an anderen Schulen, wo der Ausländeranteil erheblich niedriger ist. Da tauchen diese Probleme ja nicht auf. Diese ganze Gewalt an den Hauptschulen – das ist doch eine direkte Folge der Sozialisierung in kriminellen arabischen Clans. 

Ich frage mich, ob die Frau mir zuhört oder nur ihre eigenen Ansichten los werden will und versuche es erneut:  Aber die sind doch nicht alle in arabischen Clans sozialisiert – das ist doch genau dieses Pauschalisieren, was ich meine! Natürlich müssen wir hinschauen, wenn ein Kind in einem kriminellen Umfeld aufwächst und fragwürdige Vorbilder hat – aber die erste Sache ist doch erstmal heraus zu finden, wer diese Kinder überhaupt sind und was sie selbst erzählen. 

Die Journalistin seufzt abfällig:  Das klingt für mich sehr naiv.

Ich:  Naiv? Wieso naiv? Ich würde eher sagen konkret und konstruktiv.

Sie:  Ach, nun spielen Sie sich hier mal nicht so auf. Das haben ja nun auch schon andere vor Ihnen versucht, da konstruktiv ran zu gehen. Aber das Problem ist doch wirklich diese Multi-Kulti-Naivität! Hört sich alles wunderschön an, was Sie da wollen, aber die Realität ist doch eine andere! Multi-Kulti ist gescheitert! Die Hauptschulen versinken im Chaos! Und wo kommt denn die ganze Gewalt her? Da gibt es Zahlen! Die Kriminalität der arabischen Clans ist ein Riesenthema! Aber scheinbar wollen Sie die Augen davor verschließen!

Ich:  Ich will nicht die Augen vor irgendwas verschließen, sondern ganz im Gegenteil die Augen für die komplizierteren Zusammenhänge öffnen! Wenn sie einen Text über Clan-Kriminalität in Berlin schreiben wollen, dann machen Sie das doch! Dann brauchen Sie doch aber nicht mit mir zu reden. Mir kommt es vor, als wollten Sie nur ein Testimonial für das, was Sie sowieso schreiben werden! 

Die Frau vor mir klappt ihr Moleskine Büchlein mit einer entschiedenen Geste zu, starrt mich mit kühlem Blick an und sagt:

Da haben Sie vollkommen recht. SIE brauche ich für meinen Beitrag offenbar nicht. Wenn Sie ihren romantischen Fantasien von Multi Kulti weiter anhängen wollen, ist das ja Ihre Sache. Ich habe andere Quellen. Mir hat beispielsweise vor kurzem ein Lehrer an einer Neuköllner Hauptschule erzählt, dass es nur noch so wenig deutsche Schüler an seiner Schule gibt, dass die die Außenseiter sind und von den arabischen Jugendlichen gemobbt und verprügelt werden. Abziehen nennt man das wohl. Die deutschen Kinder sind die Minderheit und leben an deutschen Schulen in Angst und Schrecken. Dazu können Sie aber vermutlich nichts weiter sagen, nehme ich an?    Sie grinst leicht süffisant und ich merke, wie ich wütend werde. Ich denke an Justin, und dass der wahrscheinlich tatsächlich in Angst und Schrecken gelebt hat – aber mit arabischen Jugendlichen hatte das eher weniger zu tun… Vorsichtig jetzt, denke ich, wenn ich mich jetzt aufrege, hat das alles keinen Sinn. Ich fühle mich wie eine Schülerin bei einer Prüfung, die immer die falschen Antworten gibt. Sechs, setzen, Frau Plath. Egal. Eine Sache sage ich trotzdem noch: 

Nee, tatsächlich. Dazu kann ich wirklich nichts sagen. In den Klassen, in denen ich unterrichte, haben die alle unterschiedliche Hintergründe und mir ist nicht aufgefallen, dass eine besondere Gruppe oder Minderheit speziell gemobbt wird. Vielleicht sollten Sie mal die Kinder selber fragen. Die können sehr unterschiedliche Geschichten dazu erzählen. Klar gibt es Gewalt und Mobbing, aber die Frontlinien verlaufen nicht so eindimensional, wie Sie sagen. Ich frage mich, warum Sie scheinbar gar nicht interessiert daran sind, etwas raus zu finden, was Sie vielleicht noch NICHT wissen… 

Meine Abschlussrede ist ganz offensichtlich zu lang für mein Gegenüber. Sie hat ihre sieben Sachen währenddessen eingepackt, den Kellner herangewunken, ihren Kaffee bezahlt und ihren Mantel angezogen. Jetzt steht sie vor mir, reicht mir mit einem süßlich-kalten Lächeln die Hand und sagt:   Ich wünsche Ihnen weiterhin noch viel Erfolg, Frau Plath.   Und weg ist sie. 

Diese unangenehme Begegnung hatte bei mir aber immerhin EINE positive Auswirkung: Ich fing nun an, die Beiträge dieser Dame regelmäßig zu lesen und sie mit anderen Artikeln in anderen Zeitungen zu vergleichen. Wer schreibt zu diesem Thema auf welche Weise? Und das war spannend. Und es führte zu einer neuen Gewohnheit – nämlich dem Zeitunglesen. 

Das hatte ich bis dahin nur sporadisch und zu bestimmten Themen getan. Jetzt wurde es zu einem neuen ausufernden Hobby. Durch das ständige Zeitunglesen – die großen Tages- und Wochenzeitungen und mindestens eine Lokalzeitung – entwickelte ich Freude daran, auf ein bestimmtes Thema verschiedene Perspektiven einzunehmen und dadurch immer mehr Facetten eines thematischen Feldes zu verstehen.  Ich ärgerte mich weiterhin über platte und vereinfachende Darstellungen, fand aber an anderer Stelle auch immer wieder großartige, kluge Reflexionen, die mich dann wieder trösteten. Vor allem wurde mir bewusst: Je mehr Perspektiven auf eine Sache es gibt, desto klarer wird mein Gefühl dazu, desto besser kann ich sie verstehen. Doch eine Sache blieb merkwürdig: Der Rütli-Skandal schien insgesamt zu polarisieren und auch in der Presse nicht eine Vielzahl von reflektierten Perspektiven hervorzubringen, sondern im Großen und Ganzen eigentlich nur zwei, die sich relativ unversöhnlich gegenüberstanden:

Die einen waren der Meinung, es brauche kein anderes Schulsystem, sondern mehr Law & Order – und zwar deutlich auf die sogenannten „Ausländer“ bezogen, die in dieser Sichtweise als Gruppe problematisiert wurden. Also mehr Autorität und härteres Durchgreifen bei Fehlverhalten. Und dies wurde ganz klar denen zugeschrieben, die sich abweichend verhielten, insbesondere Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Es war in etwa die Position der Journalistin, mit der ich gesprochen hatte. 

Die anderen waren der Meinung, dass viel mehr Durchmischung – sozial und kulturell – erfolgen müsste, und dass das dreigliedrige Schulsystem am Ende sei und eigentlich alle Kinder zusammen beschult werden müssten. Sie hatten die Vision einer Schule der Vielfalt mit einer Kultur, so wie ich sie in Bullerbü kennen gelernt hatte, nur eben für alle. 

Der blinde Fleck bei der zweiten Meinung war allerdings die Frage nach den wahren Gründen des Rütli-Scheiterns: Also dieses „Nicht-wahr-haben-wollen“, dass Bullerbü nicht überall funktionierte. So dieses Unverständnis darüber, warum die Lehrkräfte da denn nicht klarkamen und dann – peinlich! – in so autoritäre Verhaltensweisen gekippt waren. Rütli durfte in dieser Perspektive irgendwie nicht passiert sein. Es war dieses „Peinlich-berührt-sein“, dass ich auch bei meinen ehemaligen Kollegen*innen an Dieters Schule wahrgenommen hatte, wenn ich versucht hatte, von meinen Erlebnissen in Neukölln zu berichten. 

Mir kam das vor, wie ein Herumschleichen um die Frage, was denn zu tun ist, wenn unsere Vorstellung von „Bullerbü“ leider nur dort hinhaut, wo überwiegend Kinder sind, deren Lebenswelten unseren eigenen ähneln? Also plakativ ausgedrückt, wo alle weiß und mehr oder weniger gebildet sind? Ich nahm eine seltsame Unwilligkeit wahr, sich einzugestehen, dass eben NICHT alle Kinder dieselben Voraussetzungen mitbrachten. Und das eine sinnvolle Antwort auf dieses Problem vielleicht NICHT nur in der weißen Bullerbü-Perspektive zu suchen war.  Aber das Sprechen darüber war nahezu unmöglich, weil es scheinbar IMMER den Anhänger*innen der ersten Meinung in die Hände spielte. 

Dabei saß mir die Erkenntnis ja noch sehr spürbar in den Knochen, dass meine so gut gemeinte Vorstellung von Unterricht in Neukölln vom Feinsten krachen gegangen war. Warum machte es mir solche Schwierigkeiten, bei den Vielfalt-Vertreter*innen das Problem zu benennen, das ich ganz real spürte? 

Wenn ich mit Vertreter*innen der Law & Order Fraktion redete, wurde mir vorgeworfen, ich sei „Bullerbü“, also eine naive „Multi-Kulti-Romantikerin.

Wenn ich mit Vertreter*innen der Vielfalt-Fraktion, also eigentlich meiner eigenen, redete, wollte niemand so richtig darüber sprechen, warum ich gescheitert war. Wenn ich anfing, meine Wahrnehmungen zu benennen, wurde mir vorgeworfen, dass ich problematisierte, also auch „schon so redete, wie die Law & Order-Fraktion“, es gäbe diese „Probleme“ und diese „Unterschiede“ zwischen den Kindern nicht, die ich da erwähnte. 

Ich fühlte ein Unbehagen und hörte auf, über Probleme zu sprechen. Ich dachte mir: Pass auf, dass dir nicht der Kopf abgerissen wird in dieser Debatte. Halt` einfach die Klappe und finde selber raus, wie das Problem gelöst werden kann. 

Einige Zeit später lernte ich die Richterin Kirsten Heisig kennen. Sie besuchte die Neuköllner Brennpunktschulen und stellte in den Lehrer-Kollegien ihr Konzept zur Bekämpfung von Jugendkriminalität vor.  (Was ich hier kenntlich machen muss: Kirsten Heisig ist, bzw. war, eine reale Person, sie geriet mit ihrem Konzept zur Bekämpfung von Jugendkriminalität in Berlin in die Schlagzeilen. Ihr Buch „Das Ende der Geduld“ wurde nach ihrem Tod ein Bestseller und rief unterschiedlichste Reaktionen hervor. Es wurde später unter gleichem Titel mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt).   

Wir saßen alle in der Aula, Kirsten Heisig stand mit ihrem Kollegen vorne und während sie redete, dachte ich: Diese Frau kennt den blinden Fleck. Sie spricht die Probleme an. Was ich aber auch wahrnahm: Die Law & Order Fraktion in unserem Kollegium klatschte und applaudierte und macht Bemerkungen wie „Richtig so!“. Sie hörten offenbar ein „Wir müssen härter durchgreifen gegen diese kleinen Gangster!“ und fühlten sich bestätigt. Ich hörte aber etwas anderes. Und meinte wahrzunehmen, dass diese Frau die Jugendlichen MOCHTE und sie besser verstand, als viele Neuköllner Lehrer*innen. Als sie ihren Input beendet hatte und mit ihrem Kollegen die Aula verließ, stand ich ebenfalls auf und ging hinterher. Ich holte die beiden auf der Treppe vor der Lehrerzimmer-Tür ein, stellte mich vor und fragte: 

Was für einen Eindruck haben Sie denn, wenn Sie jetzt so durch die Schulen fahren? Glauben Sie, dass Sie in den Lehrer-Kollegien richtig verstanden werden? 

Kirsten Heisig, die auf mich ein wenig gehetzt gewirkt und eben noch so ausgesehen hatte, als ob sie sich auf keine Verzögerung einlassen würde, blieb stehen und sah mich an: 

Das kann ich, ehrlich gesagt, nicht beurteilen. Für mich ist es entscheidend, dass ich all die Leute, die mit den straffällig gewordenen Jugendlichen zu tun haben, miteinander vernetze und wir eine gemeinsame Strategie finden, wie wir da konstruktiv zusammenwirken können. Haben Sie denn was anderes verstanden? 

Ich:  Es könnte auch so verstanden werden, dass die Kinder möglichst schnell in den Knast verfrachtet werden sollen. Law & Order. Kurzer Prozess und fertig. Gefängnis als zynische Maßnahme – so nach dem Motto: Dann sind wir sie los. 

Darum geht es ÜBERHAUPT nicht,   sagt Kirsten Heisig in geduldigem Ton, sie scheint oft missverstanden zu werden und ist darauf vorbereitet:   Im Moment haben wir die Situation, dass einige Kinder in Neukölln auf die falsche Bahn geraten und es viel zu lange dauert, bis da eine Konsequenz für sie spürbar wird. Sie machen dann einfach weiter, sammeln Straftaten an und landen dann irgendwann tatsächlich in der Strafanstalt. Und ich sehe das genauso wie Sie: Das ist kein Ort, der ihnen hilft. Ganz im Gegenteil. Er versaut ihnen ihr ganzes Leben. Das heißt: Wir müssen vorher tätig werden. Das sind ja teilweise 14-jährige Jungs oder noch jünger. Wenn die merken: Ich komme mit einer Straftat einfach so durch und danach passiert drei Jahre gar nichts, dann rutschen die in eine Welt rein, die sie maßgeblich prägt und aus der sie später auch nicht mehr so ohne weiteres rauskommen. Man kann es Kindern nicht übelnehmen, dass sie es erstmal als Abenteuer oder als Ehre verstehen, wenn sie aufgefordert werden, ein Drogenpäckchen quer durch die Stadt an einen Kunden zu überbringen. Vor allem dann nicht, wenn das ihre Bezugspersonen sind, die das von ihnen verlangen, Menschen, zu denen sie aufschauen.  Wenn der Staat da ewig lange Zeit verstreichen lässt, bevor irgendeine Maßnahme erfolgt, entwickeln diese Kinder gar kein Unrechtsbewusstsein und rutschen in eine Denke und ein Verhalten rein, das ihnen später gar keine andere Möglichkeit mehr lässt, als kriminell zu werden. Wenn ich mich dafür einsetze, dass wir uns schnell und wirksam um diese Kinder kümmern müssen, meine ich gerade nicht Gefängnisstrafen, sondern alles andere, was wir zur Verfügung haben, um sie wirklich zu erreichen und auf einen anderen Weg zu bringen. Vor allem zeitnah und wirksam auf einen Weg, den sie selber bestimmen können. Im Moment haben wir eine Situation, in der diese Jungs von erwachsenen Familienmitgliedern instrumentalisiert werden. Da ist eine psychische Abhängigkeit, die sich mit einem lahmen Gespräch vorm Familienrichter alle drei Jahre nicht durchbrechen lässt. Ich finde, dass wir eine Verantwortung dafür haben, Kindern zu helfen, ihren eigenen, selbstbestimmten Weg gehen zu können. Wir müssen dafür sorgen, dass die selbst in der Lage sind, den Berg nach oben zu steigen. Wenn wir immer nur anbieten, sie ein Stück weit zu tragen, dann kommen die nie oben an. Ein bisschen Führung und auch klare Konsequenzen sind absolut notwendig, um gegen die autoritären und missbräuchlichen Strukturen in einigen dieser Familien anzukommen. Mir geht’s darum, dass die eine Chance auf ein eigenes, glückliches Leben haben. Und dafür müssen alle Institutionen und Menschen, die in diese Fälle involviert sind, viel enger zusammenarbeiten. Im Moment läuft das alles aneinander vorbei und allen fehlen die notwenigen Informationen. Wie gesagt: Es geht mir eben gerade darum, dass diese Kinder NICHT im Gefängnis landen. Sollte ich da missverstanden werden, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie das in Ihrem Kollegium weiter diskutieren könnten. Wir sind auf Ihre Mithilfe angewiesen. 

Ich nicke und bin ein bisschen beeindruckt, weil sie sich so offensichtlich auch auf persönlicher Ebene – als Mensch – in dieses riskante Thema hineinbegibt. Was für ein Unterschied zwischen ihr und der Journalistin. Mit Kirsten Heisig ist es möglich über Jugendkriminalität und arabische Clans zu reden, OHNE dabei die ganze Zeit diesen inneren Stress zu empfinden, dass sie diese Kinder innerlich abwertet oder aufgrund von Herkunft defizitär betrachtet bzw. sie als eigenständige, individuelle Menschen gar nicht im Blick hat. Sie hat diese Kinder im Blick. Und zwar nicht als „arabische“ Jugendliche, sondern einfach als Kinder, die in ihrer Situation etwas anderes brauchen, als gut gemeinte Gleichgültigkeit und Laissez faire auf der einen Seite – oder rassistische Zuschreibung auf der anderen Seite. 

Das Seltsame ist aber, dass ich mich später zunehmend weniger traue, diese Gedanken anderen gegenüber auszusprechen, weil mir irgendetwas den Hals zuschnürt. Es fühlt sich so an, als könnte ich nur missverstanden werden, egal, was ich sage. 

Und genau das beobachte ich dann aus der Ferne im Fall von Kirsten Heisig. Sie wird zunehmend angefeindet und offenbar absichtlich missverstanden, in der Öffentlichkeit als autoritäre „Law & Order“ Tante diffamiert –  und absurderweise gleichzeitig von der Law & Order Fraktion für eigene Zwecke instrumentalisiert – im Sinne von: „Endlich greift eine Richterin Gnadenlos in der ausufernden arabischen Jugendkriminalität mal ordentlich durch! Das haben wir ja gleich gesagt: Da helfen eben nur harte Strafen und Knast!“ Was ich schon im Kollegium in der Aula wahrgenommen hatte, passierte nun auch auf der öffentlichen Bühne. Die „Richtig-So!“ Rufer*innen, die sich aus den falschen Gründen „härtere Strafen für die kleinen Gangster“ wünschten, gewannen im Diskurs an den Schulen die Oberhand. Mein inneres Grauen war dann vollständig, als ich eines Morgens die Nachricht von ihrem Suizid in der Berliner Zeitung las – offensichtlich hatte sie sich in einem Waldstück aufgehängt – und sofort wurde spekuliert, sie sei von arabischstämmigen Jugendlichen umgebracht worden, was sich später als falsch erwies. 

Aber wie immer gab es auch über diese verstörende Entwicklung keinen gemeinsamen Austausch im Kollegium. Ich war froh, dass ich Mausi und Andrea “hatte”, mit denen ich es mir zur Gewohnheit gemacht hatte, alles – sowohl was innerhalb als auch außerhalb der Schule passierte – in Ruhe durchzuquatschen. Erst viel später merkte ich, dass diese regelmäßige Verarbeitung mit den beiden mir ganz erheblich dabei half, gesund zu bleiben. 

Wie absurd ist es eigentlich, dass Lehrer*innen all das, was sie in ihrem Alltag erleben, eigentlich nie geordnet mit anderen professionell reflektieren können. Dafür fehlen bis heute die angemessenen (Zeit-)Räume und Settings. Es wird einfach immer alles oben drauf geschmissen, all die Eindrücke und unverarbeiteten Gefühle. Jede*r bleibt damit mehr oder weniger allein. Ein absoluter Wahnsinn. Im schlechtesten Fall dann mit dem Ergebnis der Zombie-Apokalypse im Lehrerzimmer… aber ich schweife ab. 

Nachdem sich die Wogen über den Rütli-Skandal einigermaßen gelegt hatten, ging es an den Neuköllner Schulen zunächst einfach so weiter wie bisher. Wir bekamen eine weitere Sozialarbeiterin, ansonsten passierte nichts. Die Rütli-Schule wurde mit Kreativ-Maßnahmen, Geldern und Innovation aus der ganzen Bundesrepublik beworfen und entwickelte sich in den folgenden Jahren zum Vorzeigeprojekt: Dem Campus Rütli. Ich selbst hatte ein neues Thema für meine Forschungsarbeit in der Aula gewonnen: Der blinde Fleck. Die unausgesprochene Lücke zwischen “Law & Order” und “Bullerbü”. 

In der 9b rede ich noch lange mit den Jugendlichen über „Rütli“ und was sie denken, wie eine gute Schule funktionieren könnte. Am Ende kommen auch wir bei dieser seltsamen Lücke an: Gibt es etwas ZWISCHEN „Hart durchgreifen“ und „Lieb-sein-wie-der-Sozialpädagoge?“

Und wie immer kommen die besten kleinen Erkenntnisse genau von dort, wo alles angefangen hat. 

Wir wollen, dass die Lehrer sich durchsetzen. Sonst ist immer Chaos,   sagt Mahmout. 

Was wäre denn, wenn IHR euch durchsetzt?

Das geht nicht. Dann IST ja Chaos.

Was wäre denn, wenn ihr lernt euch durchzusetzen, OHNE dass Chaos ist? 

Cool. Aber WER setzt sich dann durch? Es kann ja nur einen geben! 

Nee. Es kann viele geben. Wenn ALLE lernen, sich durchzusetzen. 

So abwechselnd oder was?

Ja zum Beispiel. 

Das ist voll langweilig, das ist so Demokratie… macht kein Spaß!

Jetzt warte doch erstmal ab. Ich meine nicht so Stuhlkreis. 

Was denn?

Sag ich doch: Lernen, sich durchzusetzen, also Chef zu sein. 

Chef sein ist gut!   Mahmout lacht.  

Na eben. 

Und das bringst du uns jetzt bei, Frau Plath? 

Ich werd’s mal versuchen. 

Deal!   –  Mahmout streckt seine Hand aus, wir klatschen kurz ab. 

Aber jetzt ist erstmal Pause, wallah!