Liebeserklärung an die älteren, weißen Männer

Neulich bei einer Stiftungsveranstaltung, bei der ich meine Gedanken zum Thema „Zukunft Schule“ vortragen sollte, haben mich mal wieder ein paar weiße, ältere, gebildete Männer in gereiztem Ton in Grund und Boden geredet und ich habe mich gefragt: Warum sind die denn jetzt schon wieder so aggressiv? Warum können wir nicht einfach in Ruhe reden? Warum komme ich mit einem Gedankengang gar nicht mehr durch, ohne dass jemand sich angegriffen oder beleidigt fühlt?

Was ist denn da eigentlich los?

Ich habe deswegen beschlossen, dass ich jetzt eine Liebeserklärung an alle älteren, weißen Männer schreibe.

Aber weil sie mich immer unterbrechen, bevor ich fertig bin, habe ich beschlossen, dass diese Liebeserklärung nur diejenigen bekommen, die diesen Text ZU ENDE lesen. Denn es kann ja nicht sein, dass wir im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram, Mails und Sprachnachrichten offenbar nur noch die Aufmerksamkeitsspanne eines Kaninchens haben und dann nicht abwarten können, bis ein Gedankengang zu Ende formuliert ist.

Der folgende Text ist also eine Art Training für all diejenigen, deren Konzentration ins Flackern geraten ist und die mal schauen wollen, ob es noch möglich ist, an EINEM Text von Anfang bis Ende dran zu bleiben.

Dieser Text ist für euch alle. Aber insbesondere für die älteren, weißen, gebildeten Männer, die eine Belohnung bekommen, wenn sie ihren eventuellen Ärger im ersten Teil dieses Textes in den Griff bekommen und trotz ihrer möglichen Irritationen konzentriert weiter lesen bis zum Schluss.

Worum geht’s? Es geht darum, dass ich erklären möchte, was der Zusammenhang ist zwischen Unisex-Toiletten, Greta Thunberg, Herrschaftsfreiheit, normiertem Denken und unserem Schulsystem.

Und wer sich jetzt zusammenreißt und dranbleibt, wird belohnt. Versprochen.

Meine These: Ich glaube, dass es Zeit wird, bestehende Normen zu hinterfragen und sie durch gemeinsame Werte zu ersetzen. 

Das möchte ich erklären:

Wann immer eine Norm herrscht (etwas als „normal“ gilt), ergibt sich eine Hierarchie. Eine Hierarchie ist gleichbedeutend mit ungleich verteilten Machtverhältnissen:

Dazu folgende Beobachtung:

In Kontexten, die stark normativ geprägt sind (wie zum Beispiel an Schulen aber auch in zahlreichen anderen gesellschaftlichen Kontexten), fühlen sich diejenigen am sichersten und haben am meisten Vorteile, die der herrschenden Norm entsprechen. Das sind quasi die Gold-Marie-Menschen. 

Eine herrschende Norm ist das, was die meisten Menschen für „normal“ halten. Zum Beispiel eine Beziehung zwischen Mann und Frau.

Oder: In Schulen halten Lehrkräfte es für normal, dass die Leistungen von Schüler*innen in Form von Noten gemessen werden. Um eine Note geben zu können, braucht es einen sogenannten „Erwartungshorizont“. Ein Erwartungshorizont ist eine Norm: Was entspricht einer Note 1, was einer 2? usw. Kinder, die dem Erwartungshorizont ohne größere Mühe entsprechen, erfüllen die Norm und sind somit „Gold-Marie-Schüler*innen“. (Ich glaube niemand wird heutzutage noch behaupten, dass die Noten ein objektives Mittel sind um tatsächliche Leistung zu messen).

Dann gibt es diejenigen, die von der Norm abweichen, sich aber ganz doll anstrengen, dass es möglichst niemand merkt. Das sind die „I can pass!“-Menschen. Diese Leute unterdrücken ihre eigenen Potenziale zugunsten der normierten Erwartungen in der Hoffnung, dass sie dann doch noch als „Gold-Marie-Menschen“ durchgehen, bezahlen dafür aber einen hohen Preis an Selbstwertgefühl. Sie machen die Erfahrung, dass etwas, das sie mitbringen oder können, nicht zählt. Dafür aber etwas anderes, das sie entweder nicht mit bringen oder nicht so gut können. Die „I-can-pass-Menschen“ halten ihre eigene Abweichung von der Norm für einen Makel, den sie verstecken müssen. Stattdessen strengen sie sich an, die Norm zu erfüllen, was aber nur möglich ist, wenn sie einen Teil ihrer Persönlichkeit verleugnen.

Dann gibt es diejenigen, die von der Norm abweichen, das normative Konstrukt aber durchschauen (entweder intuitiv wie „meine“ Schüler*innen damals an der Neuköllner Hauptschule oder aber auch intellektuell wie zahlreiche Aktivisten*innen und Künstler*innen). Das sind die Rebell*innen. Sie wissen oder spüren intuitiv, dass ein Teil ihrer Potentiale und ihrer Persönlichkeit innerhalb der herrschenden Norm nicht die entsprechende Anerkennung erhält, weil dafür gar kein Raum geboten wird.

Diese dritte Gruppe entlarvt und hinterfragt das Konstrukt der Normativität und die daraus resultierenden ungleichen Machtverhältnisse und wird mit den eigenen Anliegen und Fähigkeiten laut und sichtbar. Aber auch diese Menschen zahlen einen hohen Preis, denn ihr Widerspruch wird erstmal immer (!) als störend, „egomanisch“, „befindlich“ und „nervig“ empfunden. Dabei erfordert jedes Stückchen hart erkämpfter Sichtbarkeit großen Mut und verursacht jedes Mal den Schmerz, von den „Gold-Marie“- und den „I can pass-Personen“ krass abgewertet zu werden. Denn wer die herrschende Norm in Frage stellt, wird immer zunächst einmal als Störung oder als Bedrohung wahrgenommen. Die übliche Reaktion auf eine solche Bedrohung ist Abwertung.

Das wissen auch die „I-can-pass-Menschen“ und sie haben Angst davor, weil sie „innen tief sind“ (innere Tiefstatushaltung) und die Harmonie suchen – auch auf Kosten des eigenen Selbstwerts. Sie haben bereits Opfer gebracht, um im bestehenden System Anerkennung zu erhalten und sind daher RICHTIG sauer auf die Rebellen, weil die Rebellen ihre mühsam erkämpften normativen Erfolge natürlich in Frage stellen.

Und als vierte Gruppe gibt es noch die „Pech-Marie-Menschen“, die Unsichtbaren. Das sind diejenigen, die für sich keine Chance mehr sehen, innerhalb der bestehenden Norm Anerkennung zu finden und nicht die Kraft oder das Selbstbewusstsein haben, dagegen zu protestieren. Sie internalisieren die Demütigung, immer als „abweichend“ und nicht „gut genug“ zu gelten, halten sich selbst für „Loser“ oder „Freaks“ und fragen sich ihr Leben lang, was mit ihnen „nicht stimmt“.

Die Goldmarie-Menschen sind beispielsweise im Bereich

Race“ die weißen Menschen,

im Bereich „Gender“ die hetero-normativen Männer,

im Bereich „Class“ die akademisch gebildeten Menschen und

im Bereich „Education“ die weißen, hetero-normativen Jugendlichen mit akademischem Bildungs-Hintergrund.

Die „I-can-pass!“-Menschen sind diejenigen, die beispielsweise am Arbeitsplatz ihre Homosexualität verheimlichen und in der Kantine mit hetero-normativen Männern gemeinsam über Schwulen-Witze lachen, oder Menschen, die ein Leben lang ihre soziale Herkunft als Makel empfinden und stolz darauf sind, wenn sie in Hochburgen des Bildungsbürgertums als „ihresgleichen“ angesehen werden. „I-can-pass-Menschen sind stets darum bemüht, sich der vorherrschenden Norm anzupassen und darüber Anerkennung zu erhalten.

Die „Rebell*innen“ sind im Bereich

Race“ die politisch und/oder künstlerisch aktiven und sichtbaren POCs (person of color)

Im Bereich „Gender“ die politisch und/oder künstlerisch aktiven und sichtbaren Frauen und LGBTI-Menschen (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender: lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, queere, intersexuelle und asexuelle Menschen)

Im Bereich „Class“ derzeit kaum jemand, (was interessant ist, da denke ich an Didier Eribon und „Rückkehr nach Reims“, und frage mich, ob das an Schamgefühlen liegt, denn WENN mir an dieser Stelle überhaupt jemand einfällt, dann höchstens Teile der ostdeutschen Pegida-Anhänger*innen, der „Gelbwesten“ oder auch der Trump-Wähler*innen aus den „Fly-over-countries“, die leider noch nicht bemerkt haben, dass rechte Positionen niemals zu mehr Gleichberechtigung führen können) – und

im Bereich „Education“ sind es die rebellierenden Jugendlichen – hauptsächlich an sogenannten „Brennpunktschulen“, aber zunehmend auch anderswo. Und Greta Thunberg und die derzeit gegen die Versäumnisse der älteren Generation beim Klimawandel protestierenden Jugendlichen seien hier auch als aktuelles und sehr interessantes Beispiel genannt…

Die „Pech-Marie-Menschen“ sind in allen vier Bereichen die Unsichtbaren, nämlich diejenigen, deren Geschichten wir nicht kennen.

Grob vereinfacht lasse ich das jetzt mal so stehen, auch wenn es natürlich zahlreiche weitere Facetten gibt: Wie immer denke ich in Skalen, nicht in schematischen Tabellen. Aber um die grundsätzlichen Schnittmengen in diesen emanzipatorischen Prozessen zu veranschaulichen, ist diese Aufteilung in Race, Gender, Class und Education und mit den vier Gruppen vielleicht hilfreich.

Und von „unsichtbar sein“, bzw. „sich für Anerkennung verbiegen“ bis hin zu „sichtbar werden“ und sich emanzipieren – sind es überall ähnliche Stufen und ähnliche schmerzhafte Erfahrungen. Grundsätzlich aber gilt, dass ein Mensch, der sein gesamtes Potential leben kann, ein freier Mensch ist. Und deswegen lohnt sich diese ganze Anstrengung.

Wegen dieser Parallelen bei allen emanzipatorischen Prozessen ist für mich der vierte Bereich, nämlich Bildung (education), der Schlüssel, um in allen anderen Bereichen eine Entwicklung hin zu mehr Selbstermächtigung und Vielfalt zu initiieren.

Vielfalt oder auch Diversität wird nur dann produktiv, wenn sich alle Menschen gleichwertig mit ihren verschiedenen Potentialen einbringen können. So lange aber eine Norm herrscht, entsteht eine Hierarchie, die genau DAS verhindert.

Ich frage mich, warum dieser offensichtliche „Fehler“ im System nicht längst behoben worden ist. Denn nach außen hin, sind sich alle einig, dass Diversität Innovation hervorbringt und daher Ziel aller Anstrengungen sein muss. Warum aber hält unsere Gesellschaft oder auch unser Bildungssystem am normierten Denken fest?

Es liegt meiner Ansicht nach an den Goldmarie-Menschen. Denn diese behindern die innovative Kraft von Diversität dadurch, dass sie nicht sehen, dass es eine Norm GIBT. Und dass es aber diese (für sie unsichtbare) Norm ist, die zu Hierarchien und zu Ungleichheit führt und den Reichtum von Diversität blockiert.

Warum SEHEN die Goldmarie-Menschen nicht die Norm?

Die Goldmarie-Menschen sind grundsätzlich diejenigen mit dem blinden Fleck. Und das liegt daran, dass sie selbst mitten drin in der Norm sitzen und ihnen der Außenblick fehlt. Sie verstehen die Aufregung der anderen nicht. Denn SIE erfahren ja keine Ungleichheit. (Das heißt NICHT, dass sie keine Probleme und Ungerechtigkeiten erfahren. Es heißt nur, dass sie in dem Feld, in dem sie der Norm entsprechen keine Ungleichheit erfahren).

Das Problem mit den Goldmarie-Menschen ist, dass sie sich selbst nicht von außen betrachten, sondern davon ausgehen, dass ALLE die Welt so wahrnehmen, wie sie selbst. Aus dieser Perspektive halten beispielsweise weiße, hetero-normative Männer Unisex-Toiletten für eine total überspannte und unnötige Verrücktheit oder selbstbewusste Frauen (die Rebellinnen unter ihnen) für „emotional“, „aufgeregt“ oder „nervig“.

Weißen Menschen erscheinen aus dieser Perspektive alle Personen anderer Hautfarbe (die Rebell*innen unter ihnen) „so unentspannt“ und „schlechter Laune“ (was WOLLEN die denn noch???).

Akademisch gebildeten weißen Menschen erscheinen arabische Jugendliche aus Neukölln wie „kleine Gangster“ und weiße, hetero-normative Jugendliche mit akademischem Bildungshintergrund denken sich: Na, die Chantal und der Kevin sind eben dümmer als ich und deswegen sind die nicht auf dem Gymnasium.

Auch die Frage „Woher kommst du?“ ist unter dem Aspekt der Perspektive interessant, aus der heraus sie gestellt wird: Wenn sie vom Hochsitz aus gestellt wird, fühlt sich das für das Gegenüber weniger nach ehrlichem Interesse an, sondern eher wie eine Zuschreibung mit dem Subtext: Du bist ja sicherlich nicht „richtig deutsch“, also eben nicht „normal deutsch“. Und das macht einen Statusabstand auf statt einer Einladung zur menschlichen Begegnung.

So ließen sich beliebig viele weitere Beispiele finden, aber was sie alle eint ist: Das alles sind Perspektiven vom „normativen Hochsitz“ aus, wo sich die versammeln, die der Norm entsprechen und deswegen nicht checken, wie es sich lebt, wenn mensch eben NICHT der Norm entspricht.

Wer aber plötzlich bemerkt, dass diese Perspektive nur vom Hochsitz aus möglich ist und alles ganz anders aussieht, wenn mensch stattdessen unten auf dem Boden steht und zum Hochsitz hinaufschaut, der reibt sich erstaunt die Augen…

Und dann gibt es eben jetzt diese letzte entscheidende Frage, durch welche normative Perspektive unsere Gesellschaft derzeit noch immer durch und durch geprägt ist. Und dazu müssen wir uns anschauen, welcher Typus bei uns 2019 in Deutschland auf keinem einzigen der vier Felder jemals Ungleichheit erlebt hat (wie gesagt: Probleme und Ungerechtigkeiten sicherlich, aber eben keine Ungleichheit), und deswegen noch nie vom Hochsitz runter klettern musste.

Und das ist der weiße, akademisch gebildete, hetero-normative (ältere) Mann mit bildungsbürgerlichem Hintergrund. Sowohl unser Bildungssystem als auch unsere gesamte Gesellschaft ist durch diesen normierten Blick geprägt. Diese Männer haben maßgeblich die Strukturen des gesellschaftlichen Handelns, Gestaltens und Denkens unserer Gesellschaft geprägt.

Und das haben sie gut gemacht. Dass ich diesen Text schreiben kann und mir diese Zusammenhänge bewusstwerden, hat viel damit zu tun, was diese Männer den nachfolgenden Generationen ermöglicht haben. Uns.

Aber JETZT steht dieser weiße, hetero-normative, gebildete Mann, der unsere Gesellschaft geprägt hat, bildlich gesprochen in der Aula einer Brennpunktschule und blickt auf die Verschiedenheit und Ansprüche der anderen, wie ich damals auf meine rebellierende Hauptschulklasse. Und er denkt sich: Oha, da rollt eine Tsunami-Welle auf mich zu. Da muss ich jetzt hart durchgreifen und die mal alle in die Spur bringen.

Aber ganz ehrlich: Das ist nicht die Lösung. Die Lösung ist das Gegenteil. Ich habe damals in Neukölln gedacht: „Dann muss diese Welle jetzt kommen. Ich regiere NICHT mehr gegenan, sondern gebe ganz im Gegenteil allen das Veto-Recht als Grundlage dafür, dass alle ihre Integritätsräume schützen können und von dort aus bauen wir dann Schritt für Schritt ein neues Haus aus gemeinsamen Werten und Zielen“.

Und das ist das Beste, was ich je erlebt habe. Denn wenn ich freie Menschen vor mir habe, dann KÖNNEN sie gemeinsame Werte entwickeln und dafür Verantwortung übernehmen. Dann werden sie stark und entwickeln den Willen zur Verantwortung. Weil sie selbst Teil dieser Werte und Ziele sind.

Und genau das ist das Verdienst des weißen, hetero-normativen, gebildeten Mannes, dass er diese demokratischen Strukturen geschaffen hat, durch die jetzt viele Menschen gelernt haben, Rebell*innen zu werden, ihre Integritätsräume zu schützen und nicht mehr alles Eigene zu verdrängen um Bestätigung zu erhalten. Es gibt heute MEHR freie Menschen, MEHR Perspektiven auf die Welt, MEHR Möglichkeiten, die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.

Deswegen geht es NICHT darum, „irgendwas in die Spur zu kriegen“, sondern im Gegenteil. Es geht darum, den eingeschlagenen, richtigen Weg WEITER zu gehen:

In unserer globalisierten Welt heute machen normative Konstrukte, über die Dominanz und Gewalt gegenüber abweichenden Menschen ausgeübt wird, keinen Sinn mehr. Denn wir können für die JETZIGEN größeren gesellschaftlichen Probleme nur ZUSAMMEN menschliche Lösungen finden. Und logisch: je mehr verschiedenes Potential dafür zur Verfügung steht, desto besser.

Ich könnte aber auch einfach sagen: Ich lebe lieber in einer Welt, in der möglichst viele freie, starke und glückliche Menschen leben und möglichst wenig Gedemütigte. Denn die freien, starken und glücklichen Leute haben wahrscheinlich mehr Bock darauf, Zukunft konstruktiv gemeinsam zu gestalten.

In der Neuköllner Schule damals – und seitdem immer wieder – habe ich gesehen, was passiert, wenn Menschen auf der Basis ihrer Verschiedenheit gemeinsam produktiv werden. Und ich habe gesehen, was es dazu braucht:

Einen herrschaftsfreien Raum mit einer klaren menschlichen Führung auf der Basis gleichwertiger Beziehungen – klare konzeptionelle Regeln und schrittweise Vermittlung von Werten und Führungskompetenz.

Wenn dann mit der Zeit alle diese Form der menschlichen Führung können und wollen – im Sinne von Verantwortung übernehmen – dann haben wir eine Chance, die gegenwärtigen Probleme zu lösen.

Deswegen wünsche ich mir, dass alle Leute, die sich noch auf den Hochsitzen befinden, runter kommen und sich anschauen, was in Wahrheit alles möglich ist. Denn wer noch oben sitzt, wird es mir nicht glauben: Aber ich weiß, dass es eine ENTLASTUNG ist, die Brille der normativen Überheblichkeit abzusetzen und die anderen zu SEHEN, wie sie wirklich sind.

Dafür müssen wir Herrschaft (über das Mittel einer bestehenden Norm) ersetzen durch menschliche Führung.

Und ich stehe mit Respekt und Dankbarkeit vor allen älteren, weißen, hetero-normativen, gebildeten Männern, die die gesellschaftliche Grundlage für all diese emanzipatorischen Entwicklungen geschaffen haben, in der diese Gedanken überhaupt erst wachsen konnten:

Liebe weiße Männer,

Jetzt ist es Zeit in gegenseitiger Anerkennung zu bleiben und den folgerichtigen nächsten Schritt zu wagen, den ihr erst ermöglicht habt: 

Herrschaft durch MENSCHLICHE FÜHRUNG ersetzen und die jeweils herrschende Norm durch gemeinsame Werte. 

…Und an dieser Stelle klettere auch ich selbst vom Hochsitz wieder runter, den ich für das Schreiben dieses Textes absichtlich eingenommen habe, um ein bisschen spiegeln zu können, wie es sich anfühlt, wenn wir mit Begriffen und Zuschreibungen beschriftet werden. Denn wer hier eine schmerzhafte Irritation empfunden hat, der kann vielleicht einen Hauch davon erahnen, wie es sich für viele Menschen die ganze Zeit anfühlt. Ich hoffe, dass wir uns dann am Boden (der Tatsachen) wieder treffen und ein spannendes Gespräch auf Augenhöhe beginnen können… nämlich darüber, wer wir wirklich sind.

 

 

 

 

Neue Folge 17: Herrschst du noch oder führst du schon?

Brauchen wir 2019 nach #metoo noch Herrschaft oder können wir schon professionell führen? Löwe und Kläffer herrschen, das Erdmännchen kann sich in alle einfühlen, traut sich aber nicht zu führen – nur die Schildkröte setzt uneigennützig auf Zeit und übernimmt die Verantwortung für gemeinsame Ziele. Darin ist die Schildkröte transparent, so dass nach einiger Zeit um sie herum auch alle anderen stark werden und selbst Führung übernehmen können. Der Weg hin zur „Schildkröte“ ist der Weg zur MENSCHLICHEN FÜHRUNG. Viel Spaß mit der neuen Folge von „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“:  https://youtu.be/0F7DTR1XrJY

Führung übernehmen statt Macht auszuüben

Zur neuen Folge 16 „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“:

 

Der blinde Fleck in unserem Bildungssystem besteht darin, dass wir zwar autoritäre Pädagogik weit hinter uns gelassen haben und natürlich menschlich – AUF AUGENHÖHE – agieren wollen, dass aber diese menschliche Kommunikation auf Augenhöhe in einem ungleichen Machtverhältnis de facto gar nicht möglich ist.

Wir haben autoritäres Handeln hinter uns gelassen, weil wir keine Macht über andere Menschen ausüben wollen, weil wir nicht „herrschen“ wollen. Dies geschieht aber tagtäglich: Durch die Tatsache, dass wir bewerten und/oder Noten geben.

Da können wir so freundlich und so menschlich agieren, wie wir wollen – es bleibt ein ungleiches Machtverhältnis. Alle Bestrebungen, eine fruchtbare Kommunikation und eine wertschätzende Beziehung aufzubauen – als tatsächliche Voraussetzung für einen gelungenen Lern- und Entwicklungsprozess – scheitern an diesem ungleichen Machtverhältnis.

Dieses Machtverhältnis aufzuheben, bedeutet aber übrigens (natürlich!) NICHT, dass Lehrkräfte und Schüler*innen die gleichen Verantwortlichkeiten haben. Die Rolle der Lehrkraft besteht IMMER darin, die Verantwortung für einen gelungenen Lern- und Entwicklungsprozess zu übernehmen. Es geht um die professionelle Rolle, die eine Lehrkraft einnimmt und darum, wie sie ihr Ziel am besten erreichen kann.

Das Ziel lautet: Die mir anvertrauten Jugendlichen zu selbständig denkenden und freien Menschen zu erziehen, die eine reelle Chance auf ein glückliches und selbstbestimmtes Leben haben. Und die Verantwortung übernehmen und dies auch können – für sich selbst und für eine gemeinsame Zukunft. Alle Fragen müssen von diesem Ziel ausgehen (und nehmen ihren produktiven Anfang in einem herrschaftsfreien Raum, denn wie denn wohl sonst….??).

Dass wir dieses Ziel (in der Kurzform: selbständig denken und handeln und Verantwortung übernehmen) logischerweise durch Dominanz und Herrschaft nicht erreichen können, haben wir erkannt. Die Pädagogik der letzten Jahrzehnte auch. Aber wir haben immer die falsche Stellschraube bedient: Statt das ungleiche Machtverhältnis (strukturell) aufzuheben, haben wir Lehrer*innen eingetrichtert, dass sie „liebevoll und auf Augenhöhe mit ihren Schüler*innen kommunizieren sollen“.

“Liebevoll“ mit Schüler*innen zu kommunizieren und sie gleichzeitig zu bewerten produziert ein absurdes – wenn nicht krankes – Abhängigkeitsverhältnis, an dem ALLE Beteiligten leiden.

Wie ist die Freundlichkeit der Lehrerin bzw. der Anleitenden zu lesen? Als Manipulation? Als Strategie? Das Kommunikations- und Vertrauensverhältnis ist von Anfang an gestört. Um diesen Widerspruch auszuhalten, müssen alle Beteiligten immense Kraft aufwenden, um zu kompensieren und zu verdrängen.

Wie soll ich die “authentische” Freundlichkeit eines Menschen einordnen, der die Macht besitzt, mein Leben sehr erheblich durch eine negative Bewertung zu beeinträchtigen?

Jeder pädagogisch arbeitende Mensch kennt die Erleichterung, wenn Jugendliche sich in späteren Jahren – lange nach ihrem Abschluss – noch mal melden und dann deutlich wird, dass die Beziehung DOCH intakt geblieben ist. In diesem DOCH wird deutlich, dass wir um das ungleiche Machtverhältnis immer wissen, es immer halb verdrängen müssen, denn wir spüren natürlich, dass irgendwas mit dieser „wertschätzenden Pädagogik“ nicht stimmt, wenn wir die Macht der Notengebung nicht hinter uns lassen dürfen. Dennoch schaffen viele Schüler*innen und Lehrkräfte trotz der Notengebung den menschlichen Spagat. Das spricht für den unglaublichen Willen beider Seiten zur Kooperation. Was also wäre alles möglich, wenn man diese systemische Behinderung beseitigen könnte?

Es ist absurd, dass wir in einer Demokratie 2019 leben – mit allen gesellschaftlichen Herausforderungen, die das gerade mit sich bringt – und noch nicht ernsthaft darüber nachgedacht haben, wie Demokratie von der Basis her – im Bereich Bildung – erlebbar gemacht und vermittelt werden kann.

Das gesamte Noten-Herrschafts-System ist ein Überbleibsel aus einer Zeit, als Menschen in Schulen zu Untertanen erzogen werden sollten. Zum Folgen. Industrielles Zeitalter, ihr wisst schon.

Die Wissenschaft hat zwar inzwischen erkannt, dass wirkliche Bildungsprozesse eine Beziehung „auf Augenhöhe“ erfordern. Aber wir haben strukturell verhindert, dass genau diese Beziehung entstehen kann.

Wir können uns trotzdem – immerhin jetzt – auf den Weg machen. Der erste Schritt ist, sich klar zu machen, was es bedeutet, ein ungleiches Machtverhältnis aufzuheben, nämlich auf das Privileg „Recht zu haben“ zu verzichten. Und das geht über das strukturelle Zensuren-Beispiel weit hinaus und fängt bei der Beschäftigung mit dem Kapital Mischpult an.

Erst dann lernen wir „auf Augenhöhe“ zu kommunizieren und erst dann tritt zu Tage, wie ernst wir das gemeint haben mit der wertschätzenden Pädagogik. Denn wer mit Privilegien und/oder mit der Macht der Bewertung ausgestattet ist, hat es leicht, menschlich und freundlich zu agieren. Denn er*sie dominiert. (!)

Können wir aber auch menschlich agieren, wenn wir kritisiert und angegriffen werden? Wenn die Jugendlichen das Recht haben, sich zu verweigern und Kritik an uns zu üben? Wenn der Raum wirklich demokratisch ist?

Einen solchen Raum zu etablieren und zu halten geht nicht ohne das Bewusstsein um ungleiche Machtverhältnisse und auch nicht ohne wirkliche, verinnerlichte Führungsstärke: Das heißt natürliche Autorität und absolute Professionalität. Und beides können wir Schritt für Schritt lernen. Das ist kein Hexenwerk.

Führungsstärke heißt: Die internalisierte Opferhaltung und Selbstsabotage zu überwinden (“Ich würde ja, aber ich kann ja nicht…”) und Verantwortung zu übernehmen, komme was da wolle, die Verschiedenheit aller (jungen) Menschen zu begrüßen, sich als Ermöglicher*in erfolgreicher Lebensgeschichten zu begreifen, verborgenes Potential aufzuspüren und zu fördern und sich selbst ununterbrochen im Hinblick auf das übergeordnete Ziel selbst zurück zu nehmen. Und: einen sehr konkreten Plan zu haben, WIE das tagtäglich umzusetzen ist.

Nicht zu herrschen, aber auch nicht zu jammern (das Leben IST ungerecht – ja, man hat davon gehört…), sondern zu ermöglichen. Das alles geht nicht ohne eine facettenreiche, menschliche Kommunikation auf Augenhöhe und die Fähigkeit zwischen Nähe und Distanz ständig zu wechseln, je nachdem, was die Situation – auf das Ziel bezogen – gerade erfordert.

Und all das erfordert Arbeit an sich selbst: nämlich an einer inneren Haltung der Freiheit – jenseits von ungleichen Machtverhältnissen. Lehrer*innen müssen freie Menschen sein, damit sie Freiheit in anderen ermöglichen können.

Deshalb sehe ich eine gewisse Nähe zwischen pädagogisch tätigen Menschen und Künstler*innen. Beide müssen freie, unabhängige Menschen sein, um Freiheit in anderen ermöglichen zu können.

Führungsstärke in diesem Sinne können wir lernen. Denn kaum jemand von uns wird „frei geboren“. Wir werden immer mit ungleichen Machtverhältnissen konfrontiert. Freiheit muss daher immer wieder neu erkämpft, erarbeitet werden. Aber wer einmal grundsätzlich damit angefangen hat, wird sehen, dass es eine erfüllende Aufgabe ist.

Das Glück liegt nämlich nicht nur darin, sich selbst zu dieser inneren Freiheit weiter zu entwickeln, sondern andere Menschen auf dieser Reise mit zu nehmen, sie zu Führungsstärke und Freiheit zu ermutigen und ihnen konkrete Wege aufzuzeigen, wie das geht.

Demokratische Führungskompetenz heißt: Menschen zur Freiheit und zur Verantwortung für gemeinsame Ziele zu ermächtigen. Das wäre der Anfang eines Updates unserer Demokratie.

Mögliche Schritte dahin beschreibe ich in dieser und den anderen Folgen der dritten Staffel von „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“. Aber daran arbeiten muss natürlich jede*r selbst… Es ist die schönste und wichtigste Aufgabe, die wir gerade haben:

Denn es wird wirklich Zeit, dass wir kooperieren lernen – insgesamt – und eben auch mit einer heranwachsenden Generation, die einiges weiß, das wir nicht wissen. (Das ist natürlich auch umgekehrt so. Aber eben, genau: Deswegen wären Kooperation und Demokratisierung die Gebote der Stunde…)

Zur neuen Folge 16 geht es hier:

https://youtu.be/zABXVEqLBhE