Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 23: Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Eine Demütigung ist eine Demütigung ist eine Demütigung. Die Frage ist, wie mensch, damit umgeht. Übliche Phasen sind, glaub ich, und so ging es mir auch: Erstmal Schock. Dann Verleugnung (das wird schon alles wieder). Dann Wut. Dann sehr erstaunlich krasser Schmerz. 

Ich wollte das zuerst nicht wahrhaben, wollte diesen Schmerz nicht fühlen. Aber er kam mit aller Wucht. Es haute mich um. Immer wieder fing ich wie aus dem Nichts an, zu weinen. Ich heulte in der Badewanne, ich heulte am Küchentisch, ich heulte nachts im Bett, ich heulte morgens unter der Dusche. Werde ich jetzt Psycho?, dachte ich. In meinem Bauch wütete ein großer, dumpfer Schmerz und es gelang mir nur phasenweise, mich davon abzulenken. Anfangs verstand ich gar nicht, was überhaupt mit mir los war. Gib doch dieser einen Frau nicht so viel Macht, sagten meine Freundinnen. Das klang logisch, aber mein Körper sagte etwas anderes. Mir war dauernd schlecht, als müsste ich mich übergeben. Mir wurde klar, dass ich mit dem, was ich die letzten Jahre getan hatte, etwas sehr Persönliches von mir freigeschält und in die Welt gestellt hatte. Und dass ich damit nicht nur die Kinder ein Stück weit befreit hatte, sondern vor allem mich selbst. Die Jugendlichen hatten einen verschütteten Teil meiner Persönlichkeit lebendig werden lassen. Sie hatten mich ermutigt, zu mir selbst zu stehen, so, wie ich sie umgekehrt dazu ermutigt hatte. Wir hatten uns irgendwie gemeinsam und gegenseitig befreit. Es war ein Raum entstanden, der vorher nicht da war und der irgendwie etwas Zukünftiges, Zuversichtliches aufmachte. Eine Ahnung davon, wer wir sein könnten. Die Situation in der Boddinstraße hatte diesen Raum explodieren lassen und mich in den Keller meiner Kindheitsängste verfrachtet. In dieses: Ich bin nichts wert, ich kann nichts, es hat alles keinen Sinn, es war alles umsonst, spring einfach vom Balkon. Es fühlte sich unerträglich an. Ich erlebte Tage, ja wahrscheinlich Wochen wie durch einen Schleier. 

Wie nun weiter? Ich hatte das Gefühl, dass ich eine Entscheidung treffen musste: Unterwerfung und in der Folge wachsender, sich verfestigender Groll oder Flucht nach vorne – in die Eigenverantwortung?  Dafür gibts ja auch diesen blöden Spruch, der mir aber zumindest die Richtung anzeigte: Aufstehen. Krönchen richten und Weiter gehts. 

Das war aber erstmal deswegen so schwierig, weil es viel einfacher war, mich selbst zu bemitleiden, meine Wunden zu lecken und in Gedanken die SCHULDIGEN zu suchen, zu finden und sie gedanklich immer wieder aufs Neue zu verfluchen. Das tut ja vermeintlich – bzw gefühlt – erstmal gut. Mensch kann sich so schön im Recht fühlen und sich im Elend suhlen – bringt aber leider nix. Denn ich musste ziemlich schnell feststellen, dass ich mich dadurch langfristig keineswegs besser fühlte. Eher immer schlimmer, eher RICHTIG scheiße. Nämlich wie ein Opfer. Sich wie ein Opfer zu fühlen ist langfristig, glaube ich, das Gefährlichste und Ungesündeste, was es so gibt. 

Auch was dieses Thema anging, hatte ich von den Jugendlichen einiges gelernt. Ey du OPFER! Das hätte Taher gesagt. Und natürlich hätte er dummerweise recht gehabt. ALLE Jugendlichen, die ich in Neukölln kennen gelernt hatte, hatten zehntausend bessere Gründe, sich zu bemitleiden, als ich. Und von ihnen kam die Formulierung Ey, du Opfer! Als ultimative Beleidigung. Nicht etwa: Du Arme, das ist ja gemein von der Welt, dass sie dich gefickt hat. Nee. Die Jugendlichen, die ich in Neukölln kennen gelernt hatte, WUSSTEN, dass die Welt ungerecht ist. Dass Erschütterungen und Verletzungen durch Demütigung an der Tagesordnung sind. Denn im Gegensatz zu mir erlebten sie die Auswirkungen gesellschaftlicher Ungerechtigkeit ja tagtäglich, während ich im Vergleich dazu eher so die Prinzessin auf der Erbse war. Ich begann, die Sache von außen zu betrachten. Aus der Perspektive der Neuköllner Jugendlichen. Und aus DIESER Perspektive konnte man die Sache auch ganz anders betrachten, nämlich so: 

Ich heulte also schon rum, nur weil ich jetzt mal etwas unsanft aus meiner privilegierten Erwartungshaltung herausgeflogen war („Ich bin gut, also wird alles gut“. NOT!). Wer konnte sich eine solche Erwartungshaltung überhaupt leisten? Wieso war ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass man meine Leistung anerkennen und wertschätzen würde? Ich landete etwas unsanft auf dem Boden der Tatsachen und stellte fest: Wenn niemand zu dir sagt: Du armes, armes Hascherl und dir aufhilft, nachdem du gestürzt bist und dir die Knie aufgeschlagen hast, dann nützt es irgendwie nicht so viel, weinend auf der Straße sitzen zu bleiben, dann musst du wohl oder übel alleine wieder aufstehen. Wenn keiner deinen Sturz beachtenswert findet, dann kannst nur du selbst die Entscheidung treffen: Opfer sein oder nicht Opfer sein? Wenn du kein Opfer sein willst: Sei keins! 

Das war so ein bisschen die Weisheit, die ich von Taher & Co mitgenommen hatte. Bei ihnen war das allerdings dann teilweise nicht immer konstruktiv gewesen. Ich hatte zum Beispiel Taher irgendwann davon überzeugen können, dass es nicht unbedingt zielführend ist, die Opfer-Rolle zu verweigern, indem man “Arschlöchern den Fuckfinger zeigt und türenknallend den Raum verlässt”. So gut sich das im ersten Moment anfühlen mag: Was ist das ZIEL der Aktion? Taher war über diese Frage einigermaßen überrascht gewesen. Das Ziel? Ey wallah- das Ziel ist, denen zu zeigen, dass die Wixxer sind! 

Ja. Und DANN? Wenn du beispielsweise die MSA Prüfung bestehen willst, und da sitzen halt ein, zwei Arschlöcher in der Prüfungskommission, und du zeigst denen den Fuckfinger und rennst raus, was bringt dir das dann? Du hast dann einfach mal deinen Abschluss vergeigt. Die Prüfungskommission interessiert das wenig. Aber DU bist dann derjenige, der keinen Abschluss hat. 

Taher macht darauf dieses Gesicht, das soviel heißt wie: Ist mir doch egal, ich krieche niemandem in den Arsch. 

Aber er sagt es nicht, ich sehe, er kämpft mit sich, weil sein brillianter Verstand zwangsläufig zur Kenntnis nimmt, wenn ein Argument einfach mal ein Argument ist. Taher kann sowas anerkennen. Deswegen grinst er dann auch und sagt: Ja, man scheiße. Aber ich bin kein Opfer! Und so rum schleimen, das mach ich auch nicht, das können Sie vergessen! 

Es gibt noch was ZWISCHEN Opfer sein und Schleimen, Taher, und das wäre: Die Situation auf DEIN Ziel hin zu steuern. OHNE Unterwerfung. 

Und na klar ist er jetzt gespannt. Wir verbringen daraufhin ein paar Wochen jeden Dienstag Nachmittag mit zielgerichtetem Statustraining und tatsächlich besteht Taher seine mündliche MSA Prüfung mit einer zwei. (In Wahrheit wäre ein “Sehr gut” angemessener gewesen. Was er ablieferte, war weit über dem sogenannten Erwartungshorizont, aber einige Kollegen konnten sich zu einer “1” nicht durchringen, weil “ich NIE eine 1 gebe”. Ach so). 

Ich weiß also eigentlich, was es zum Thema Kompensation von Demütigungen so an Möglichkeiten gibt. Dass es darum geht, sich ein eigenes Ziel zu setzen und dann mit allen Kräften die Opferrolle zu vermeiden, wenn was schief geht – stattdessen: Immer konstruktiv auf das eigene Ziel bezogen agieren – und eben NICHT reagieren. Theoretisch weiß ich ganz genau, dass du es irgendwie schaffen musst, die Verantwortung für dein Ziel SELBST zu übernehmen, statt unter dem Erwartungsdruck der anderen einzuknicken, dich zu unterwerfen und dann rumzuheulen. Trotzdem bin ich – wie immer in meinem Leben – auch jetzt wieder überrascht, wie schwer es ist, wenn diese tollen Erkenntnisse einem Realitätscheck unterzogen werden – wenn es also mal tatsächlich akut wird. 

Wenn nämlich plötzlich eine Situation eintritt, in der es sehr sehr SCHWIERIG wird, NICHT in die Opfer-Rolle zu fallen, weil etwas WIRKLICH ungerecht ist. DANN zeigt sich nämlich überhaupt erst, ob wir die schöne Theorie in die Praxis umgesetzt kriegen. Und so blonde große Kartoffeln wie ich haben da ja relativ wenig Trainingsmöglichkeiten: Im Vergleich zu meinen Schüler*innen erlebte ich nämlich nur einmal alle Jubeljahre eine WIRKLICHE Ungerechtigkeit und Demütigung so wie jetzt – während sie das täglich erlebten. 

Es war dieser Gedanke, der mich letztendlich aus der Schmerzstarre herausholte. Jedes Mal, wenn sich mein Magen in Erinnerung an die Situation zusammenzog und die Tränen in meine Augen zu schießen drohten, dachte ich: Sei kein blödes Opfer, Frau Plath. MACH was! Da kommt jetzt keiner und pustet und tröstet und klebt ein Mickey Maus Pflaster auf dein Knie. Also steh einfach auf und lauf weiter. MACH was. 

Und also machte ich was. Ich setzte mir ein Ziel: In spätestens drei Jahren raus hier aus diesem institutionalisiertem Irrsinn. 

Ziel also geklärt. Wie genau das Ziel zu erreichen war? Geschenkt. Spielte vorerst keine Rolle. Es ging erstmal darum, all meine Gedanken und Handlungen auf das Ziel hin auszurichten – ganz im Kleinen. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute. Ist dies oder jenes auf mein Ziel bezogen hin sinnvoll? Nein? Dann lass es. Oder ja? Dann mach es. 

Es fühlte sich in dieser Zeit so an, als würde ich meine Gedanken wie ein Zirkus-Dompteur seine Tiger in einer Manege mit einer Peitsche durch den brennenden Reifen zwingen. Meine Tiger, äh Gedanken, wollten immer nur gemütlich im Opfer-Kreis in der Runde laufen – Motto: Du arme arme Maike, das hat jetzt aber doll “aua “ gemacht, statt die Anstrengung zu vollbringen durch den brennenden Reifen der Selbstverantwortung zu springen. Ich musste ständig meine Tiger zur Räson bringen. Nein… ! Nicht in Richtung Selbstmitleid laufen… Nein…! Nicht noch mal die gemütliche Runde im Kreis…! Nicht in Richtung Wut auf Frau Reimann! Nicht in Richtung Selbstmitleid und „Ich kann ja sowieso nix machen“! Stattdessen HIER längs, ja genau, unangenehm, aber ja: Zack! – durch den brennenden Reifen: Und der brennende Reifen lautete: WAS kannst du konkret TUN? Und: MACH das, fang an, beweg deinen Arsch! 

Auch wenn all meine versiertesten Ängste IMMER für die gemütliche Runde und gegen den brennenden Reifen plädierten. Die Ängste gingen in etwa so: 

Was willst du denn MACHEN, Maike? Du hast doch gar nix anderes gelernt? – Wie kannst du deine Schüler*innen im Stich lassen? – Wie willst du ausreichend Geld verdienen?  Du wirst auf der STRASsE landen! – Das wird jetzt der biografische Absturz, DER Fehler, durch den du dir dein Leben versaust… Und – auch schön: Schuster, bleib bei deinen Leisten! – Besser der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach! – Und (raffinierteste Angst-Argumentation): Das ist doch Hybris, Maike! So schlimm war das doch gar nicht, was die Reimann gesagt hat. Vielleicht hat sie sogar ein bisschen recht und du hast dich zu wichtig genommen? Warum kannst du nicht einfach mal klein beigeben und Dienst nach Vorschrift machen? Ist doch alles gar nicht so schlimm… stirbt ja keiner von! Und du kriegst Beamtengehalt. Safe! Warum musst du immer gleich die Welt verändern wollen, denk mal nicht, dass DU der Nabel der Welt bist…! Vielleicht wären ja alle viel GLÜCKLICHER, wenn sie nur gehorchen und Arbeitsbögen ausfüllen und Dienst nach Vorschrift machen müssen! Lass doch die armen Leute in Ruhe! 

Ja, Die Angst hat sehr sehr scharfsinnige Argumente. 

Während in meinem Kopf also dieses kleine Schmerz-Theater abläuft, versuche ich mich mit dem neuen Buch von Güner Balci abzulenken: Arabqueen. Ich schlage vor, dass wir das als Lektüre für den Deutschunterricht anschaffen, denn ich mache ja jetzt “Dienst nach Vorschrift” und nach 30 Jahren “Rokal, der Steinzeitjäger” kann man ja vielleicht mal was Neues wagen. 

Kurz darauf sitzt meine Klasse brav im Klassenraum und alle haben das gleiche Buch vor der Nase. Arabqueen. Was für ein schönes Bild!! Sieht aus wie Theater. Ist es auch. Meine Klasse erfindet jetzt ein Theaterstück, das ihre Gedanken zu Güner Balci’s Buch zum Ausdruck bringen soll. Es darf aber nicht so aussehen wie Theater, sondern tendenziell eher wie Deutschunterricht und Stationenlernen – na klar mit Bewertung nach Noten. In die Aula können wir auch nur noch selten und mit Voranmeldung. Alles wird SEHR misstrauisch beäugt. Und die Situation wird nicht besser. 

Also versuche ich außerhalb der Schule Sicherheitsnetze für unsere Arbeit zu spannen. Wir brauchen einen sicheren Raum, am besten ein kleines Theater, wo niemand es verdächtig oder anstößig findet, wenn wir stundenlang am Stück “komische Sachen, also Faxen, machen”. Komische Sachen sind alles, was NICHT “normal”, also nicht nach Deutschunterricht aussieht. 

Einige Kneipengespräche, Berliner Theaterbesuche und sogenannte “Netzwerken-Aktionen” später lande ich an einem Ort, dessen Namen schon nach Sicherheit klingt: Heimathafen Neukölln. Ein Heimathafen. Doch wie kommen wir da rein? 

An einem heißen Nachmittag im August sitze ich in einem stickigen kleinen Büro und versuche die Heimathafen-Betreiberinnen (eine Theaterregisseurin und eine Schauspielerin) davon zu überzeugen, dass ich ihr Haus brauche, um “Faxen zu machen”. Es ist eine Art Bewerbungsgespräch und es läuft eher schleppend:

Schauspielerin: Wir haben das schon versucht mit einer Jugendtheater-Abteilung am Haus, aber da kommt keiner. 

Ich: Naja, die Jugendlichen hätte ich ja schon… 

Regisseurin (mit ausdruckslosem Gesicht): Und wieso glaubst du, dass du hier eine Jugendtheaterabteilung aufbauen kannst-du bist doch LEHRERIN. 

Ich: Das ist richtig. Aber ja, ich glaube, das kann ich. 

Regisseurin: Aber du bist LEHRERIN. 

Sie spricht es aus wie eine Krankheit. Ein bisschen so wie: Aber du hast eitrigen Hautausschlag.  

Ich: Ich habe eine Fachqualifikation für Darstellendes Spiel in der Oberstufe und mache seit Jahren mit den Jugendlichen Theater. 

Regisseurin: Ach so? Aber an Hauptschulen gibts doch gar kein Theater. 

Ich: Offenbar ja schon, wenn ich es seit Jahren mache. 

Schweigen. Humor kommt hier nicht so gut. Ok. Ich rudere etwas zurück. 

Ich: Nee, aber stimmt natürlich. Offiziell ist Theater an Hauptschulen noch nicht etabliert als Fach. Es hat sich nur gezeigt, dass es Sinn macht und erfolgreich ist. Und genau: Weil es noch keinen offiziellen Platz hat, bin ich ja jetzt hier. Ihr seid doch ein Theater für den Kiez hier. Ich bring euch die Jugendlichen aus dem Kiez. 

Schauspielerin: Ja. Aber du bist LEHRERIN.

Ok. Denke ich. Das wird jetzt monothematisch. Offenbar ist mein Beruf an dieser Stelle ein Makel. Wenn ich an Leute wie den Sheriff denke, kann ich das natürlich verstehen. Aber wahrscheinlich gehts hier eher um das symbolische Kapital. Im Programmheft sähe es hier wahrscheinlich besser aus, wenn ich Regisseurin oder wenigstens Schauspielerin wäre. Irgendwie künstlerischer halt, als was mensch landläufig so mit “Lehrerin” assoziiert. Ich kann das ein bisschen verstehen. Also setze ich ein ermutigendes Lächeln auf und sage:

Ja. Doof. Dass ich Lehrerin bin. Aber vielleicht versuchen wir es einfach mal. Ihr habt ja nichts zu verlieren. Wir bringen euch eine Jugendtheater-Produktion zum Thema “Arab Queen” als Antwort von Neuköllner Jugendlichen auf eure Haus-Inszenierung des Romans und dann schauen wir weiter. Kostet euch ja erstmal nix, ich hab ja mein Beamtengehalt (Noch. Füge ich in Gedanken hinzu). Und dann schauen wir weiter. 

Schweigen.

Regisseurin: Und wie heißt eure Produktion zum Roman “Arab Queen”? 

Ich: Arabqueen und Thilo Sarazzin. 

Schweigen. 

Regisseurin: Ok. Ihr macht zwei Vorstellungen bei uns am Haus und könnt für die Proben bis dahin die Studiobühne nutzen. Und dann sehen wir ja, wie es läuft. 

Ich denke: Yes. Mit einem Bein drin. Das reicht fürs erste, und sage:

Wunderbar. Wann können wir anfangen? 

Wir sind durch die Tür. Es gibt jetzt einen sicheren Raum. Als ich auf die Karl-Marx-Straße trete, muss ich kurz schlucken. Einen Teil meiner Schäfchen habe ich ins Trockene gebracht. Und erste Schritte aus der lähmenden Opferhaltung gewagt. Es ist ein Anfang. Und eine erste behutsame Rückeroberung von Zuversicht. 

Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 22: Türwächter*innen der Angst

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Berlin 2010. Der Anfang vom Ende beginnt mit einer guten Nachricht. Die Hauptschulen werden abgeschafft. Heißt: Sie werden im Zuge der Berliner Schulstruktur-Reform mit den Realschulen zusammengeschmissen und diese neuen Konglomerate heißen fortan Sekundarschulen. Dieser Prozess verläuft mittelgut bis chaotisch. Die jeweiligen Kollegien „haten“ sich ziemlich und behakeln sich in jeder Konferenz in nervigen Psycho-Schlachten, was von der inhaltlichen Relevanz her an die klassischen WG Streitereien erinnert: Wer wann den Müll runter zu bringen hat und warum xy wieder nicht abgewaschen hat und im Duschsieb schon wieder alles voller Haare ist. Aber ok. Wesentlich frustrierender ist, dass nun all jene Projekte und Initiativen aus dem Schulalltag entfernt werden sollen, die aus den anarchischen Nischen der Hauptschulen entstanden sind – wir erinnern uns: „Sie können machen, was Sie wollen, solange die Polizei nicht kommt.“ Das war nicht nur für mich eine Chance, jahrelang konzeptionell zu forschen und etwas Funktionierendes im Schulalltag zu etablieren – sondern auch für zahlreiche andere Initiativen an Hauptschulen. Aus der nackten Not des ultimativen Scheiterns heraus waren auch an anderen Hauptschulen Projekte und Konzepte von quer denkenden Menschen entstanden, die auf die allumfassende Problemlage innovativ reagiert und etwas Konstruktives auf den Weg gebracht hatten. All das war quasi so im Untergrund entstanden – jenseits irgendwelcher Verordnungen oder Vorgaben. Trotz des intern – im Lehrerzimmer – herrschenden Gebots vom „Dienst nach Vorschrift“ hatte man extern – nämlich in der Senatsverwaltung – geflissentlich an den Brennpunktschulen und was da so im Einzelnen vor sich ging vorbeigeschaut. Turn a blind eye on this problem. So in etwa war wohl die Idee gewesen. Das änderte sich jetzt schlagartig. Plötzlich fiel der Nachfolgerin von Frau Behrens, der neuen Schulrätin Frau Reimann auf, dass an unserer Schule ja dieser merkwürdige Theaterunterricht stattfand. Und dass es dazu keinen Lehrplan gab. Auf welcher Grundlage, in welchem Zeitumfang, mit welchen Inhalten wird da eigentlich gearbeitet?, wollte sie wissen. Ich ahnte nichts Gutes. Obwohl ich inzwischen Fortbildungen für andere Lehrkräfte anbot und unsere Arbeit jedes Jahr aufs Neue Preise und Auszeichnungen erhielt, war Frau Reimann irgendwie schlechter Laune wegen des Hokus Pokus, der da soviel Aufmerksamkeit erzeugte. Sie wollte da mal genauer drauf schauen. Susanne, mit der ich inzwischen fast täglich einen vertraulichen Klönschnack in ihrem Schulleitungszimmer abhielt, sah die Sache recht gechillt.  Stell doch einfach ein paar schöne Fotos und Zeitungsausschnitte zusammen und bereite eine kleine Präsentation vor. Die Arbeit ist ja sehr erfolgreich. Es geht, glaube ich, nur darum, dass Frau Reimann die Sache einordnen kann. Letztendlich ist das doch eine Chance, dass wir dann auf dieser Basis ganz regulär einen Theaterbereich an der Schule etablieren können. Dann wird das fester Teil der Stundentafel. 

Nichts lieber als das, denke ich und bereite in den kommenden Wochen eine Präsentation für Frau Reimann vor, die sich gewaschen hat. Das hat natürlich auch zur Folge, dass ich mich während des stundenlangen Foto-Gefussels und Formulierungen-Gefriemels an so einiges erinnere. An die Anfangszeit mit dem Sheriff, an mein Entsetzen und meine Einsamkeit, an das Gefühl, der dümmste und naivste Mensch auf der ganzen Welt zu sein, an den ersten vertrauensvollen Blick von Taher, an Justin, der mit weit ausgebreiteten Armen auf der Bühne steht und zaghaft lächelt, an Sahars Mutter, die mir die Hände drückt und sagt: Ich danke Ihnen, dass Sie meiner Tochter die wichtigste Rolle in einem so berühmten Theaterstück wie Nathan der Weise zugetraut haben, ich erinnere mich an den kleinen Mustafa, der bebend zwischen mir und einem wütenden Mob älterer Jugendlicher steht und ganz alleine mit vollem Körpereinsatz die großen Jungs zurückboxt und dabei unentwegt brüllt:  Lasst sie in Rrrruhe! Lasst sie in Rrrruhe! , ich erinnere mich an Amira und Sainab, die im Morgengrauen – lange vor der ersten Unterrichtsstunde  – vor der Schule stehen und mich beschimpfen, dass ich die „fieseste Lehrerin der ganzen Welt bin“, dass sie „mich für immer und ewig verfluchen werden“ und mir „niemals verzeihen werden, dass ich SO GEMEIN bin“, um mir dann ein halbes Jahr später grinsend ein liebevoll gestaltetes Fotoalbum in die Hand zu drücken mit den Worten: Wir warn echt so kleine Bitches, wa, aber Sie haben an uns geglaubt, Frau Plath, und ich erinnere mich an die strahlenden Gesichter beim Applaus, an feste, verschwitzte Umarmungen, an eine heulende Julia im weißen Kleid hinter der Bühne und an Ahmad, den kleinen Bruder von Taher, der mich ernst anschaut und sagt: Ich glaube voll an die Liebe. Und darüber mach ich mal ein eigenes Theaterstück. Wirst du sehen, Frau Plath. 

Und so alles in allem denke ich: Das wird schon klappen bei Frau Reimann. Dasselbe denkt auch Susanne, als ich ihr an einem Donnerstag im März meine Sammlung an Fotobüchern, Schüler-Notizen, Probendokumentationen, Pressemitteilungen, Zeitungsartikeln, Dankes-Schreiben und Plakaten zeige. Wir machen uns guter Laune auf den Weg zum Schulamt in der Boddinstraße. 

Kurz darauf sitzen wir auf einer harten, alten Holzbank vor einer grünlich-grauen Amtszimmertür mit dem Schildchen „Schulrätin C. Reimann“ und warten auf Einlass. Frau Reimann muss noch telefonieren, teilt uns eine bebrillte, gestresst aussehende Dame im Vorbei-Eilen mit. Susanne rollt scherzhaft mit den Augen,  Das macht die doch mit Absicht, also wirklich: Einige Leute scheinen ihre Machtspielchen ja wirklich nötig zu haben… 

Nach geschlagenen 35 Minuten Warten auf der Kirchenbank, äh Holzbank, ist es dann so weit. Wir dürfen in die heiligen Hallen. Bzw. in das heilige Amtszimmer von Frau Reimann. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch, schaut nicht auf, als wir hereinkommen, murmelt nur: Ja, ja, ja, setzen Sie sich, bin gleich soweit. Wir sitzen also noch ein wenig so rum, vor diesem großen Schreibtisch, an dem Frau Reimann noch sehr wichtige Dokumente durchlesen muss und es fühlt sich haargenau so an wie damals in der Grundschule, wenn man zum Direktor musste. Ich balanciere meine Mappe auf den Knien und denke:  Macht nichts. Das hier ist zu gut, um zu scheitern. Nicht die Nerven verlieren jetzt. 

Dann ist es soweit. Frau Reimann blickt auf. Ich denke:  Ach du Scheiße. In ihrem Blick ist einfach mal so GAR NICHTS. Außer – ja, klingt krass, aber doch, es ist: – Verachtung. Ok. Ich schaue wieder auf meine Material-Mappe. Aus dieser Dokumentationsmappe scheint in diesem Augenblick sämtliche Wärme und Hoffnung der Welt zu strömen. Ich halte mich im wahrsten Sinne des Wortes daran fest. Letztendlich sind all diese Kinder gerade mit in diesem Raum. Was sollte also eine einzige schlecht gelaunte Frau hier schon ausrichten können? Ich hebe den Kopf, wage ein Lächeln und frage höflich: Ja, danke für die Einladung. Soll ich dann mal anfangen? Frau Reimann starrt mich an, als hätte ich irgendetwas unsäglich Unverschämtes gesagt. Dann schaut sie Susanne an.  Ich grüße Sie, Frau Marquart. Möchten Sie einen Kaffee? Susanne schüttelt schnell den Kopf. Frau Reimanns Ignorieren meiner Person ist ihr sichtlich unangenehm. Sie lächelt kurz und verlegen und ich denke ein weiteres Mal: Ach du Scheiße. 

Frau Reimann beginnt einen sinnentleerten Smalltalk mit Susanne. Ich komme mir vor wie ein Kind mit seiner Mutter beim Elternsprechtag. Schaue auf meine Mappe. Warte. Susannes Nervosität ist jetzt deutlich spürbar, ich konzentriere mich auf s Atmen und schaue aus dem Fenster. 

Dann endlich: Frau Marquart gibt Ihnen hier offenbar die Möglichkeit Ihre Arbeit vorzustellen. Dann fangen Sie mal an. Ich bin gespannt… 

Wie der Inhalt der Worte und die Stimmlage sich so dermaßen widersprechen können ist schon erstaunlich, denke ich. Wenn es irgendetwas gibt, auf das Frau Reimann GAR NICHT gespannt ist, dann ist es mein folgender Wortbeitrag. Bei meinen ersten Sätzen habe ich bereits das Gefühl in einem leeren Raum mit mir selbst zu sprechen. Meine Stimme klingt seltsam krächtzig. Doch eben. Dann betreten diese Kinder gefühlt nach und nach den Raum. Mit jedem Foto, jedem weiteren Satz werden sie präsenter und ich finde irgendwie zurück zu etwas, das man vielleicht als authentisches Sprechen bezeichnen könnte. Außerdem bin ich gut vorbereitet. Je länger mein Vortrag dauert, desto spürbarer wird die Erleichterung von Susanne neben mir. Sie atmet regelrecht auf. Wird schon alles. Ist doch wirklich sehr überzeugend das Ganze. 

Dann bin ich fertig. Stille. Von dem folgenden, was aus dem ultimativ angespannten Strichmund mir gegenüber herauskommt, behalte ich nur wenige Sätze in Erinnerung – aber das Gefühl, das sich während dieser Sätze in mir ausbreitet, ist so überwältigend schmerzhaft, das mein Kopf nach wenigen Sätzen in einen dumpfen Nebel abtaucht. 

Das ist ja interessant, was Sie hier zum Besten geben. Das ist ja wirklich die Höhe. Sie räumen hier also quasi ganz freiwillig ein, dass Sie in den gesamten letzten Jahren Ihrer beruflichen Verpflichtung nicht nachgegangen sind und stattdessen irgendwelche Faxen gemacht haben. Auf Kosten des Steuerzahlers. Als verbeamtete Lehrerin. Ich bin fassungslos. Und ich kann Ihnen hier nur eines sagen: Wenn Sie nicht ab sofort aufhören, hier so einen Wind um nichts zu machen, werde ich Sie versetzen lassen an eine Schule, wo Sie keinen kleinen Finger mehr krümmen können. Sie sind eine ganz kleine Lehrerin. Und Sie haben Dienst nach Vorschrift zu machen. Ich denke, wir sind hier fertig. Das wird noch ein Nachspiel haben. 

Susanne erwacht aus ihrer Erstarrung. Erhebt sich mit versteinerter Miene zum Gehen. 

Nein, nein, nein, nein, nein, Frau Marquart. SIE bleiben jetzt mal ganz schön hier sitzen. Mit Ihnen muss ich hier noch einiges besprechen bezüglich Ihrer Führungsaufgaben als Schulleitung. Und Sie können dann gehen, Frau Plath. Auf Wiedersehen. 

Ich ordne meine sieben Sachen und finde den Weg nach draußen. Auf dem Flur höre ich durch die Tür noch ein paar Wortfetzen.  Also so geht das wirklich gar nicht, Frau Marquart… kann ja hier nicht jeder machen, wie ihm lustig ist… hart durchgreifen… besonders solche egomanischen Alleingänge… haben Sie sich aber einwickeln lassen… Ego klein kriegen… Tanzen sonst alle auf der Nase herum…. Kollegium müssen Sie behandeln wie eine Schulklasse… Zuckerbrot und Peitsche… Und dieser ganze Begeisterungsterrorismus…  Das ist ja ganz furchtbar… Diesen Faxen müssen Sie da jetzt ganz schnell entschieden einen Riegel vorschieben… 

Ich schaffe es noch raus auf die Straße und bis zum Gemüseladen. Dort bleibe ich stehen und kotze in die Büsche. Der Heulkrampf dauert ca 10 Minuten. Als ich danach einigermaßen überrascht feststelle, dass ich weiter atme und überhaupt alles einfach so weitergeht, gehe ich auf wackligen Beinen zur U-Bahnstation und trete den Heimweg an. In meinem Bauch formt sich ganz langsam eine große klare Erkenntnis: Ich bin die längste Zeit Lehrerin gewesen. Es ist vorbei. 

Was ebenfalls an diesem Tag in diesem Amtszimmer stirbt, ist meine Freundschaft mit Susanne. In den folgenden Tagen ist sie für mich nicht zu erreichen. Als ich eine Woche später in ihr Zimmer bestellt werde, gibt es keinen Kaffee. Stattdessen teilt sie mir kurz und bündig mit, dass das Kollegium sie fortan zu siezen habe. Wie es mit meinen Stunden weitergehe, werde sie mir zeitnah mitteilen. Das wars. 

Was für einen ungeheuer effizienten Schaden eine einzelne Person in einem Amtszimmer so anrichten kann, denke ich verwundert und plane von diesem Augenblick an ununterbrochen, gewissenhaft und zielstrebig meinen Ausstieg. 

Türwächter*innen der Freiheit Doppelfolge: Kapitel 20 & 21: „Richtiges Theater“ & „Störsender“

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Berlin 2009: Die Dennis-Aktion liefert einigen Menschen im Kollegium einen wunderbaren Grund, mich entweder als geistesgestört oder als inkompetent hinzustellen. Beide Interpretationen gründen auf dem unhinterfragten Primat vom „Dienst nach Vorschrift“. Ich nehme mir also erstmal vor, die Angriffe nicht allzu sehr an mich ran zu lassen. Leider nimmt  nun der Vorwurf, mein Unterricht mache „nur Spaß“ und sei daher also kein richtiger Unterricht, ordentlich Fahrt auf. Ich denke zuerst: Sollen die mich doch für durchgeknallt halten. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich`s völlig ungeniert. Haut aber leider nicht ganz hin. Denn mein Bauchgefühl meldet was anderes. Nämlich den leisen Hauch einer Bedrohung. Das ist für mich rational nicht wirklich zu erklären, denn was soll schon passieren? Trotzdem meldet mein Reptiliengehirn irgendwie Gefahr. Und zwar eine Gefahr für das, was ich in den letzten Jahren mühsam an Fortschritten erkämpft habe. Meine Reaktion auf dieses latente Gefühl der Bedrohung ist die Flucht nach vorn: In die Transparenz.  

In den folgenden Lehrerkonferenzen und Sitzungen atme ich vorher immer tief durch und versuche ruhig und sachlich mein Unterrichtskonzept zu erklären. Bringt aber nichts. Sobald ich von „demokratischer Führung“ oder „Veto-Recht für alle“ spreche, machen die meisten Anwesenden Gesichter, als müssten sie sich augenblicklich erbrechen. Es folgen: Verächtliche Geräusche, Augenrollen und lautes Luft-Auspusten bis hin zu Beschimpfungen, ich „würde die Kinder VÖLLIG versauen“. Mir schlägt so das gesamte Spektrum an Empörung und Ablehnung entgegen. Offenbar setzen die meisten Kollegen*innen in diesem Lehrerzimmer die Freiheit zur Selbstverantwortung gleich mit Anarchie, Chaos und Untergang. Wenn das mal wenigstens einfach nur ihre Meinung gewesen wäre. Also eine Meinung, über die wir hätten diskutieren können. Aber leider spüre ich darunter Gefühle von Wut. Abgefahren. Wo kommt diese Wut eigentlich her? 

Ok. Nächster Versuch. Ich lade die empörten Kollegen*innen ein, meinen Unterricht zu besuchen, um sich ihr eigenes Bild davon zu machen. Ich bin so naiv zu denken, dass dann ja jede*r sehen kann, nach welchen Prinzipien wir arbeiten. So nach dem Motto: Dann werden die endlich verstehen, was den Jugendlichen da so Spaß macht, nämlich gerade NICHT, laissez faire und faul die Zeit abzusitzen, sondern – wie die Kinder es selbst bezeichnen: zu lernen, „Chef zu sein“. 

Ich hatte mir inzwischen aus all meinen kleinen Forschungserfahrungen ein Koordinatensystem gebaut, vor allem um mir SELBST mehr Sicherheit zu geben. Das Erfolgsgeheimnis dieses Koordinatensystems war – in der Kurzform: Den Jugendlichen mehr und mehr Verantwortung zu übertragen, ihnen immer neue Spielfelder mit klaren Regeln zu bauen, in denen sie Schritt für Schritt üben konnten, „Chef zu sein“ zu sein und dabei Schritt für Schritt entdeckten, was ihre jeweiligen Stärken waren. Jede*r Kolleg*in konnte sich einfach live und in Farbe selbst davon überzeugen, dass es diese durchdachte Systematik war, die die Kinder kooperieren ließen – und keineswegs einfach nur sinnloser Spaß. 

Aber – klar: Die betreffenden Kollegen*innen kamen natürlich nicht. Nie. Nicht ein einziges Mal. Null. 

Wer stattdessen ständig zu Besuch kam, waren Andrea und Mausi. Und Carmen. Und mit der Zeit auch noch der Physik-Kollege Ralf und die Kunstlehrerin Marianne. Aber DIE hatten auch noch nie behauptet oder gedacht, dass ich keinen richtigen Unterricht machte. 

Insofern verpufften meine gefahrabwehrenden Transparenz-Versuche. Und das Gefühl, dass ich etwas zu beschützen hatte, blieb. Also fing ich an, alles, was wir in der Aula herausfanden, akribisch aufzuschreiben. Ich wollte jederzeit gewappnet sein und beweisen können, warum genau mein Unterricht seine Berechtigung hatte. Better be safe, than sorry. 

Und: Ich begann ganz gezielt den Kontakt zu Menschen außerhalb der Schule zu suchen. Damit folgte ich einem Urinstinkt aus meiner Kindheit. Während meine Eltern uns Kinder immer bestmöglich von der „bedrohlichen Außenwelt“ abzuschirmen versucht hatten und überall einen „schlechten Einfluss“ witterten, hatte ich es selbst immer als genau umgekehrt empfunden: Die Rettung kam auf jeden Fall von draußen. Was meine Eltern für „schlechten Einfluss“ hielten, war für mich immer die Tür zur Freiheit gewesen, zu einer weiteren Möglichkeit, die Welt besser zu verstehen und mich in der Folge sicherer darin zu bewegen.  

Die Schule, an der ich mich jetzt befand, verfolgte allerdings dieselbe Strategie wie meine Eltern damals: Abschottung nach außen. Schulfremde Personen waren nicht gerne gesehen. Am liebsten blieb man unter sich. Projekte mit „außenstehenden Personen“ waren zwar theoretisch erwünscht, weil das nach außen einen offenen, innovativen Eindruck machte. Die Schulen brauchten ja PROJEKTE, um sich nach außen zu schmücken. Projekte mit externen Experten*innen. Nach innen aber war das den meisten Leuten im Kollegium ein Graus. Zumal sie sich selbst in allem für die besseren Expert*innen hielten. Jegliche Einmischung von außen brachte in ihren Augen nur Unruhe und unnötigen Ärger. Mir taten die „schulfremden“ Referent*innen immer leid, die beispielsweise einen Studientag für das Kollegium durchführen sollten. Sie fanden sich einer unsichtbaren aber undurchdringlichen Wand aus Misstrauen, Zynismus und Abwehr gegenüber. Depression und Verbitterung direkt darunter. Und egal, wie optimistisch diese Referent*innen ihre bunten Kärtchen an irgendwelchen Flipcharts befestigten und ihre World-Cafes anpriesen – das Kollegium saß stumm und feindlich davor und fand alles doof. Unter ihrer Würde. Sie wussten doch alles schon.  

Um dieser beängstigenden Enge zu entkommen, meldete ich mich für jedes Projekt und jede Fortbildung an, die mir in die Finger kam. Bloß raus hier. Bloß andere Menschen kennen lernen. Jede Klassenfahrt, jede Weiterbildung, jeder Ausflug, jedes Kooperationsprojekt und jedes Theaterfestival waren mir willkommen. So kam es, dass mit der Zeit viele „schulfremde Personen“ in meinem Unterricht in der Aula und anschließend mit mir beim Italiener saßen. Gab ja immer noch so viel auszutauschen. Ich liebte es. Das machte aber das ursprüngliche Problem nicht besser. Eher im Gegenteil. 

Die Plath macht immer so einen Wirbel, hieß es. Die verdirbt die Preise. Mein ungutes Gefühl im Bauch wuchs. Immerhin hatte ich Susanne Marquart auf meiner Seite. Sie sah einen Vorteil darin, dass zunehmend Menschen von außen sich für meinen Unterricht interessierten. War ja gut für das Außenbild der Schule. Und so lange das so war, fühlte ich mich einigermaßen sicher. Aber eben. Leider nur einigermaßen. 

Da kommt demnächst so eine Delegation aus Schweden, die wollen sich innovativen Unterricht angucken, sagt Susanne, die kann ich doch zu dir in die Aula schicken, da hast du doch bestimmt nichts dagegen, oder? 

Nee, gar nicht, gerne! (Wieder interessante Leute, wieder ein spannender Abend beim Italienernoch mehr Verbündete,  denke ich erfreut). 

Die meisten Besucher*innen kommen aus dem theaterpädagogischen Bereich, weil das sichtbare Ergebnis am Ende eines Jahres immer die Theateraufführungen sind. So kommt es, dass immer vom „Theaterunterricht“ die Rede ist, und weil mir so schnell keine andere Bezeichnung einfällt, widerspreche ich nicht. Obwohl ich gerne einen anderen Begriff dafür erfunden hätte.

Mit meiner Klasse beschäftige ich mich derweil mit den ganz großen Themen: Krieg. Liebe. Tod. Sie haben Shakespeare entdeckt. Wobei. Ehrlicherweise muss man sagen: Sie haben Leonardo di Caprio und Claire Danes entdeckt. Wir wollen jetzt mal RICHTIG Theater spielen, sagt Basak, also so richtig Romeo und Julia. „Richtig Theater spielen“ heißt bei ihnen: Rollen verteilen, Text auswendig lernen, auf der Bühne stehen und mit rudernden Armen ganz besonders künstlich und betont SPRE-CHEN. Es fehlt noch, dass der Vorhang wieder aufgehängt werden muss. Glücklicherweise haben sie den aber gar nicht mehr erlebt, kommen also nicht auf die Idee, dass er da sein müsste. Puha. Immerhin das bleibt mir erspart. Ansonsten aber verbringen wir – gemäß dem Prinzip der Selbstführung – zwei, drei zähe Wochen mit dem Versuch ganz ERNSTHAFT und ganz PATHETISCH ganz SCHLECHTES Theater zu machen. OH ROMEO MEIN ROMEO! Alter Schwede. Es ist ein bisschen so, wie das ständige „Für-Elise-Klavier-Geklimper“, das unvermeidlich immer dort erklingt, wo ein Klavier oder ein Flügel steht, und das NIE über die neunte Note hinaus geht. Didel-didel-didel-didel-… und … dann…leider…Pause… und… dann…leider…ein falscher Ton. Und wieder von vorne: Didel-Didel-Didel-Didel… Ja. Durch diese Phase müssen wir durch. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche. Während sich Romeo und Julia auf der Bühne durch ihren Text stottern, kippen die anderen vor Langeweile von ihren Stühlen, bzw. in Parallelwelten auf ihren Handies. Aber es ist vollkommen klar, dass wenn ich hier meine Meinung durchblicken lasse, werden wir noch bis ins Jahr 2030 an diesem Theater festhalten. Denn dann werden sie nur trotzig. Andererseits beginnt die Sache mit dem „richtigen“ Theater allmählich aus dem Ruder zu laufen und es wird Zeit, dass ich die nächste Phase meines Koordinatensystems einläute, um uns vor dem sicheren Langeweile-Tod zu bewahren. Ich breche die Experimentierphase ab und verordne einen Stuhlkreis, in dem wir mal kurz reflektieren, was da eigentlich gerade passiert und warum es nicht so richtig klappt. Die meisten sind inzwischen so genervt, dass sie fast erleichtert meiner Aufforderung folgen. 

Jetzt mal ganz ehrlich, frage ich, nachdem sich alle ein wenig ausgekotzt haben und mir versichert haben: Theater macht gar keinen Spaß!: 

Was ist im Moment eigentlich unser Ziel?

Kurzer Moment Stille. Ja. Offenbar weiß es niemand so genau. 

Dann sagt Omar: Dass wir mal RICHTIG Theater spielen!

Ok, das funktioniert aber nicht als Ziel, weil: Was heißt denn „richtig“? 

Wieder eine längere Pause. Dann:

So wie die Profis. 

So, wie Leonardo di Caprio. 

Ich werfe ein: Aber ihr wisst doch gar nicht, wie Leonardo di Caprio Theater spielt.

Doch. Ich hab den Film gesehen. 

Ja eben. Das ist ein FILM. Kein Theater. 

Doch. Die spielen ein Theaterstück. 

Ja. Aber es ist trotzdem ein Film. Ein Film entsteht auf eine ganz andere Weise, als ein Theaterstück. Irgendwie müssen wir uns mal einigen, was genau das Ziel sein soll. Wollt ihr ein Theaterstück machen oder einen Film?

Einige schauen überrascht. Das hatten sie sich noch gar nicht überlegt. Also, dass man auch einen Film machen könnte. 

Ich frage weiter: Aber kurz noch mal zurück. Ich muss erstmal verstehen, was ihr damit meint, mit „richtig Theater spielen“. Was heißt denn „richtig“? 

Dass es irgendwie echt ist,  sagt Gülüzar,  und dass man sich nicht langweilt. 

Ich schreibe auf eine Karte: „Dass es echt ist und dass man sich nicht langweilt“. Dann schaue ich in die Runde.  Noch mehr?

Dass es spannend ist,  sagt Emes. 

Ich schreibe auf eine weitere Karte:  „Dass es spannend ist“ 

Nach zehn Minuten haben wir ein paar Karten, auf denen steht, was für meine Klasse „richtiges Theater“ ist. Da steht dann unter anderem noch folgendes:

Dass es eine Geschichte ist, die man versteht. 

Dass es was mit dem echten Leben zu tun hat. 

Dass es fetzt. 

Dass man glauben kann, dass sowas auch in echt passieren kann. 

Dass man hinterher noch drüber nachdenken muss. 

Dass man weinen muss – und lachen. 

Dass es nicht peinlich ist. 

Dass alle stolz auf uns sind. 

Dass wir entdeckt werden. 

Dass wir berühmt werden. 

Dass die Leute uns ernst nehmen.

Ich lege die Karten auf dem Boden aus. Alle machen ziemlich zufriedene Gesichter. Ich frage:

Und was wir jetzt bisher gemacht haben, war das jetzt für euch richtiges Theater? 

Nee.  Da sind sich jetzt plötzlich alle einig.  

Ich habe jetzt freie Fahrt und fasse zusammen: Wenn das Ziel ist, dass ihr „richtiges Theater“ machen wollt und „richtiges Theater das ist, was jetzt auf den Karten steht, dann können wir jetzt anfangen, Sachen auszuprobieren und sie immer wieder auf diese Ziele hin überprüfen. Und damit das Ausprobieren Spaß macht, bekommt ihr von mir eine Art Buffet mit Möglichkeiten, aus denen ihr immer wieder neu auswählen könnt. Ihr könnt dann was probieren, danach immer wieder drüber reden und gucken, ob wir dem Ziel näher kommen, dann wieder neue Sachen dazu nehmen, weiter probieren, wieder drüber reden, usw. Und noch eine Frage, die ich jetzt habe ist: Wollt ihr Theater machen – oder einen Film? 

Die Antwort ist ganz klar: Beides. 

Und letzte Frage:  Was interessiert euch denn eigentlich an Romeo und Julia? 

Die Antwort kommt prompt: Die Geschichte. Das ist ganz großes Kino, wallah! Aber nicht der Text. Der ist langweilig. Da versteht man nix. Ich hätte die Geschichte ohne Leonardo di Caprio nie verstanden. 

Ok. Und wenn ihr jemandem erklären solltet, worum es geht, was würdet ihr sagen? 

Es geht um Liebe. Um die wahre Liebe. Um Tod. Und um Krieg. Es geht um Krieg, Liebe, Tod. 

Gülüzar wirft sich auf ihrem Stuhl nach hinten: Krieg, Liebe, Tod! GEIL!!

OK. Die Kuh ist vom Eis. Jetzt können wir vielleicht mal RICHTIG Theater machen. 

Was ich persönlich übrigens für „richtiges Theater“ halte, spielt hier keine Rolle. 

Wir arbeiten strikt nach dem Drei-Schritt: Ziel, Erfahrungsspielraum, Reflexion. Und drehen uns alle zusammen – aufbauend auf allem, was wir dabei an Erfahrungen und Wissen ansammeln – immer eine Runde weiter, so dass es von Drei-Schritt-Runde zu Drei-Schritt-Runde immer komplexer und komplexer wird – bis etwas Neues, Schönes entstanden ist. Etwas, das RICHTIG ist, weil es Qualität hat. In meinem Kopf habe ich mich von jeglichem Erwartungshorizont und einer daraus resultierenden Bewertung verabschiedet. Und ich bin froh. Ich will nicht “Für Elise”. Ich will “ganz großes Kino, wallah”. 

Nach meiner kleinen Ziel-Intervention übernimmt Omar die Führung für die erste Runde. Er klärt mit den anderen das Ziel ab: Rausfinden, was diejenigen, die hier im Raum sind über Krieg, Liebe, Tod wissen. 

Und was willst du am liebsten machen, um das rauszufinden? frage ich. Omar grinst:  Also auf jeden Fall nix schreiben. Besser alle erzählen erstmal was. 

Also Open Mike!  ruft Abdi. 

Omar überlegt kurz.  Ok, Open Mike ist gut,  beschließt er, ich fang an!

Er geht ans Mikro. Da steht er einen Augenblick und sieht aus, als müsste er jetzt erstmal überlegen. Er schaut etwas unsicher in die Runde. Dann passiert etwas Seltsames mit seinem Gesicht. Es sieht für einen Moment so aus, als würde er anfangen zu weinen. Er schaut nach unten. Dann wieder nach vorn. Ein Hauch Röte in seinem Gesicht. Er atmet an. Schaut zur Seite. Dann plötzlich reißt er den Kopf nach oben, lächelt ein irgendwie verunglücktes Lächeln, beugt sich zum Mikro vor und sagt sehr laut: Ich bin TOTAL verliebt

Stille. Omar lächelt feierlich. Es ist ganz still. Dann kreischt Gülüzar: Oh man! Voll süüüß!!! 

Ich halte den Atem an. Aber Omar hat sich scheinbar entschieden. Er schaut Gülüzar direkt an und sagt: Ja man. Voll schön. Und strahlt übers ganze Gesicht. Er IST verliebt, denke ich ein bisschen gerührt. Schüüüsch…! ruft Gülüzar, wer denn, wer denn, wer denn?

Omar schüttelt lächelnd den Kopf Das muss noch Geheimnis bleiben, sagt er, und gibt das Mikro frei. 

Und so beginnt unsere Reise zum Shakespeare Text jetzt von der anderen Seite aus: Nämlich aus der Perspektive von 14-jährigen Kindern, die zum ersten Mal verliebt sind und in ihren Familien auf Widerstände stoßen. Größere Expert*innen zu diesem Thema, als hier im Raum versammelt sind, kann mensch sich nicht wünschen, denke ich. 

Als wir eine weitere Woche später entschieden haben, sowohl „richtiges Theater“ als auch Filme zu Romeo und Julia zu drehen und alles so ein bisschen in Fahrt gekommen ist, bittet mich Susanne, noch einen neuen Schüler in meiner Klasse aufzunehmen. In ihrem Schulleitungszimmer sitzt ein blasser, blonder Junge mit unglücklichem Gesicht, daneben eine Mutter, die ich jetzt eher in einem Yoga Kurs am Kollwitzplatz im Prenzelberg erwartet hätte, als im Lehrerzimmer einer Neuköllner Hauptschule.

Ja, der Lenny ist ein Spätentwickler,  erklärt die Mutter denn auch sofort im dritten Satz, während  Lenny leise errötet und seine Turnschuhe anstarrt. Frau Hammerschmidt-Bräutigam, Lennys Mutter, ist Bundestagsabgeordnete für die SPD und sichtlich irritiert, dass ihr hübscher blonder Sohn, ein Einzelkind, in der Schule offenbar nicht so mitkommt, wie sie es für selbstverständlich hält. In einem kurzen, geschliffenen Vortrag fasst sie Lennys Schulkarriere zusammen. Erika-Mann-Grundschule im Wedding, dann – wegen Umzug nach Neukölln – Einschulung am Albert-Schweizer-Gymnasium, dann aufgrund massiver Probleme Umschulung an die Fritz-Karsen-Schule. Dort ebenfalls Probleme. Jetzt also quasi ein letzter Versuch hier bei uns. 

Tja,  Frau Hammerschmidt-Bräutigam seufzt,  das ist nicht so einfach mit dem Lenny. Der ist hochbegabt. Aber er nimmt sich alles immer zu sehr zu Herzen. Ein ganz sensibler Junge. Und ich habe jetzt gedacht, dass es ihm vielleicht gut tut, wenn er irgendwo hingeht, wo er auf jeden Fall der Beste ist, das ist gut für sein Selbstwertgefühl, und dann kann er sich ja Schritt für Schritt wieder hocharbeiten zum Abitur. Ist ja alles durchlässig bei uns, das ist ja das Schöne. Und ich finde es auch ganz wichtig, dass er das wahre Leben kennen lernt und nicht in so einer Blase aufwächst, Sie wissen ja, was ich meine. 

Das weiß ich tatsächlich, nur erscheint mir ihre Gesamt-Strategie irgendwie zweifelhaft. Das kann auch in die Hose gehen, denke ich und beschließe, mein Bestes zu geben, um ihm hier einen guten Start zu ermöglichen. Einfach wird das wahrscheinlich nicht, habe ich so ein Gefühl. Frau Hammerschmidt-Bräutigam hat viele Termine und nicht viel Zeit, und als das Nötigste geregelt ist, drückt sie mir strahlend die Hand und ist auf und davon, während Lenny noch immer mit gesenktem Kopf bewegungslos dasitzt und seine Schuhe anschaut. Oh je. Ich atme tief durch, mache ein aufmunterndes Gesicht und sage Hallo Lenny, ich freu mich, dass du da bist! Magst du mit hoch kommen in die Aula?  

Was in den nächsten Wochen sehr schnell offensichtlich wird, ist, dass es tatsächlich nicht einfach ist, Lenny in meine Klasse zu integrieren. Sein Problem ist den Problemen aller anderen diametral entgegengesetzt. Alle Erwachsenen halten ihn aufgrund seines engelhaften Aussehens und seines geradezu belustigend höflichen Verhaltens für eine Art Wunderkind. Und Lenny selbst leider auch. Dass er am Gymnasium gescheitert ist, hält er für ein Versehen. Sein Genie wurde nicht erkannt, weil die „Lehrer sich alle nur um die Ausländerkinder kümmern“, erklärt er mir gleich in einem unserer ersten Gespräche. Während er in den Stunden in der Aula nie ein Wort sagt und nur freundlich geradeaus schaut, wartet er NACH der Stunde jedes Mal geduldig, bis alle weg sind, um mir dann anzubieten, mir die Tasche zu tragen, was ich ein bisschen belustigt von mir weise, bzw. mir sonst „irgendwie zu helfen, beim Aufräumen oder so“ und sich dabei ausführlich mit mir zu unterhalten. Von Anfang an wundere ich mich, dass es mir nie gelingt, seine ausgesucht freundliche, zugleich aber irgendwie undurchdringliche Fassade zu durchbrechen. Ich frage mich: Wer ist dieses Kind? Was steckt hinter diesem künstlichen Erwachsenen-Sprech und dieser irritierend untertänigen Haltung? Lenny sagt „bitte“ und „danke“ und „Entschuldigung“ und „Darf ich Ihnen meine Hilfe anbieten?“. Die Mehrheit des Kollegiums ist entzückt. Endlich mal ein intelligenter, höflicher deutscher Junge, der Manieren hat! Der wird es noch mal weit bringen! Ein Skandal, dass der auf der Hauptschule ist! Mitten unter diesem Gesocks! Offensichtlich schafft es Lenny aber trotz all dieser Vorschuss-Lorbeeren nicht, dem Unterricht zu folgen bzw. den Anforderungen zu entsprechen. Er schreibt nur fünfen, obwohl fast alle seine Lehrer*innen ihm liebend gerne ein Einser-Zeugnis ausstellen würden und alles tun, um ihm immer doch noch eine vier zu geben. Denn guck mal: Der ist doch eigentlich so ein begabtes, kluges Kind! Ich nehme überrascht zur Kenntnis, dass sich die Kolleg*innen schlichtweg weigern, Lennys Schwächen zu sehen. Das könnte ja ein Glück für den Jungen sein. Ist es aber nicht. Er ist eher in einer „Vorne-vor-allen-anderen-Bonbons-Lutschen-müssen-Situation“ und das macht ihn bei seinen Mitschüler*innen nicht gerade beliebter. Noch dazu wird ihm unablässig folgende Botschaft gesendet: Du armer genialer Junge. Du bekommst hier nicht genug Aufmerksamkeit, weil alle sich um die migrantischen Problemkinder kümmern müssen. Du könntest so viel leisten, aber hier mit all den Türken und Arabern hast du natürlich keine Chance. 

Lenny selbst hält zu den „Ausländerkindern“, wie er sie nennt, gebotenen Abstand. Ich kann besser mit Erwachsenen, sagt Lenny in zufriedenem Tonfall, macht weiterhin Versuche, meine Tasche zu tragen und weicht nicht von meiner Seite. Seine Einsamkeit dabei macht mich allerdings fertig. Ich denke unablässig darüber nach, wie ich es anstellen könnte, dass er hier Freunde findet, sich wohl fühlt, mit Gleichaltrigen Kontakt aufnimmt, statt wie ein kleiner Professor immer abseits zu stehen, bzw. den Lehrer*innen kleine Gefallen zu tun und sie in Gespräche zu verwickeln. 

Der ist bisschen sonderbar, wa? lächelt Omar gutmütig, als er meinen Blick auffängt. Wir stehen in der Aula, es hat längst geklingelt, aber Omar ist noch mal zurückgekommen, um sein Handy zu holen, das er bei mir vergessen hat. Lenny steht am anderen Ende des Raumes am Stromkasten und wickelt eine Kabeltrommel zusammen. 

Ich lächle zurück, sind wir nicht alle ein bisschen sonderbar? – Nee, aber ich versteh schon, was du meinst, Omar, ich glaube, dass Lenny sehr alleine ist, vielleicht kannst du dich mal ein bisschen um ihn kümmern?

Omar beugt sich leicht vor und sagt mit gedämpfter Stimme: Ganz ehrlich? Hab ich schon versucht. Haben wir alle schon versucht. Der will nicht. Der mag uns nicht, glaub ich…

Ach, das glaube ich nicht, sage ich,  ich denke, der ist eher schüchtern. Vielleicht müsst ihr da ein bisschen dran bleiben… 

Omar nickt,  alles klar, man. Den kriegen wir noch geknackt… 

Er wendet sich um. Lenny?

Lenny hebt langsam den Kopf, dann den Blick… Diese Langsamkeit…

Omar geht in schnellen Schritten auf ihn zu, boxt ihm leicht auf die Schulter.  Kommst du mit? Ich geb ne Runde Yum Yum Nudeln aus… 

Lenny wickelt weiter umständlich das Kabel auf und schüttelt langsam den Kopf.  Nee, ich mag keine Yum Yum Nudeln. Die sind ungesund. 

Omar lacht.  Ist doch egal, man! Dann eben was anderes. Ich geb einen aus. Lass mal in die Pause, wallah! 

Es dauert noch eine Weile, bis Lenny die Kabeltrommel aufgewickelt, seine Tasche geholt, die Jacke angezogen und umständlich seine Mütze aufgesetzt hat, Omar steht geduldig und mit einem kleinen Lächeln daneben, als würde er wie immer auf seine kleine Schwester warten, die er morgens immer zur Schule bringt. Omars ganze Haltung sendet:  Kein Problem Meister, ich warte so lange, bis du fertig bist. 

Dieser – durch menschliche Erfahrung gewachsenen – Gelassenheit kann sich offenbar noch nicht einmal ein Lenny entziehen. Er folgt Omar schließlich widerstrebend aus der Aula in die Pause. Ich bin gespannt.

Kapitel 21: Störsender

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Zahlreiche ähnliche Versuche folgen. Kleine und größere. So schlägt beispielsweise Gülüzar Lenny als Klassensprecher vor und zu meinem Erstaunen geht die ganze Klasse mit und wählt ihn tatsächlich einstimmig. Feiert ihn. Bestärkt ihn. Das scheint Lenny zu gefallen. Er lässt sich kurz darauf auch bei der Schulsprecher-Wahl als Kandidat aufstellen. Da dieser Posten an der Schule extrem unbeliebt ist, (Das ist ja hier sowieso nur Fake Demokratie – wir Schüler haben hier in Wahrheit nix zu sagen, finden die Jugendlichen) – da also niemand Bock auf diesen Posten hat, gibt es für Lenny kaum ernstzunehmende Konkurrenz – und er wird gewählt. 

Der Aufstieg des Lenny Hammerschmidt-Bräutigam verläuft rasant. Während seine Noten weiterhin schlecht bleiben und seine Haltung gegenüber den anderen Jugendlichen distanziert bleibt, gewinnt Lenny in rasendem Tempo Einfluss an der Schule. Er geht zu allen Konferenzen, nimmt an allen Sitzungen teil, ist immer ruhig, höflich und hilfsbereit und wartet IMMER auf seinen Auftritt NACH dem offiziellen Teil. Immer sehe ich Lenny NACH einer Veranstaltung mit irgendeinem Erwachsenen im leisen vertraulichen Gespräch in irgendeiner Ecke stehen, während der jeweilige Erwachsene EIGENTLICH gerade seine Sachen packen und in die Pause oder sonst wohin will, andererseits diesem höflichen, netten Jungen aber nichts abschlagen will.

Lenny geht mit großem Eifer zu allen Klassenkonferenzen und macht sich mit seinem eisernen Schweigen auch noch beim letzten Schüler dieser Schule unbeliebt, weil er zu der Ansicht neigt, dass wer hier abgeschult wird, eben selber schuld sei. Als Schülersprecher eigentlich abgeordnet, eben diese zu verteidigen, zieht er es in den entscheidenden Momenten vor, auf seine Turnschuhe zu blicken, um im Anschluss für die Abschulungs-Entscheidungen des Gremiums zu stimmen. Dabei bleibt er immer freundlich und gelassen. Was man von mir nicht gerade sagen kann. Insbesondere, als Gülüzar rauszufliegen droht, weil sie einen Stuhl aus dem Fenster geworfen hat, fällt es mir schwer, nicht selbst mit Möbeln zu werfen. Glücklicherweise kann ich meine Impulse unterdrücken und ihre Abschulung mit letzter Not verhindern. Lenny schlendert nach der Klassenkonferenz neben mir her nach draußen, als wenn nichts wäre und wundert sich, dass ich „ja manchmal ziemlich emotional“ werden kann. Ich schaffe es zu lachen und zitiere Taher, der immer meinte, dass ich ein Vulkan sei, der manchmal Lava spuckt. Lenny findet das nicht ganz so lustig wie ich und erklärt:  Eine Lehrerin sollte nicht emotional sein. Ich denke: Was ist bloß los mit diesem Kind?, und versuche mir keine Sorgen zu machen. 

Muss ich vielleicht auch nicht. Denn Lenny ist an gewissen Stellen schwer erfolgreich, wie sich herausstellt. Susanne richtet ihm – als so beeindruckend engagiertem Schulsprecher – ein eigenes Büro neben dem Lehrerzimmer ein, zu dem nur er und die Schulleitung den Schlüssel haben. Lenny weist darauf hin, dass er in seinem Büro auch noch einen Computer braucht und so beauftragt Susanne die Schulsekretärin einen solchen zu beantragen. Da niemand weiß, welcher Computer gerade der richtige ist, fragt die Sekretärin Frau Jensen – genau: Lenny. Zu zweit sitzen sie in großer Vertrautheit nebeneinander vorm Computerbildschirm von Frau Jensen und suchen kichernd einen Computer für Lenny aus. Wobei. Lenny kichert nicht. Nur Frau Jensen.  Ich liiiiiebe diesen Jungen!  schwärmt sie.  Der ist so ein Schatz! So ein kluges Kind! 

Lenny hat nun also ein eigenes Büro, einen eigenen Computer und kurz darauf dann auch noch einen Generalschlüssel – für die gesamte Schule.  Ist ja einfacher, wenn ich den habe, wo ich hier ja für so vieles verantwortlich bin,  erklärt mir Lenny in fachmännischem Tonfall, als er merkt, dass ich doch einigermaßen fassungslos bin. Den Generalschlüssel dürfen sogar die Kolleg*innen nur in Notfällen ausleihen und auch dann nur für sehr begrenzte Zeit. Aber Lenny hat jetzt einfach mal Zugang zu sämtlichen Räumen der Schule. Unbegrenzt. Mein Störgefühl nimmt überhand. Das sage ich dann auch bei der nächsten Lehrerkonferenz. Und stoße mal wieder auf vollkommenes Unverständnis. 

Was hast du denn jetzt schon wieder für ein Problem? Du bringst denen doch immer Selbstverantwortung bei, und jetzt übergeben wir mal die Verantwortung an einen Schüler, der es verdient hat und nun ist es dir auch wieder nicht recht. Wahrscheinlich wurmt es dich nur, dass es nicht einer deiner Alis oder Mohammeds ist. So ein deutscher, zuverlässiger Junge, der kriegt bei dir dann KEINE Chance oder was? 

Mein Gesicht wird ganz heiß und ich muss mühsam meinen Ärger runterschlucken. Ok. Ich gebe dennoch zu Protokoll, dass ich die Sache mit dem Generalschlüssel übertrieben finde und vor allem fürchte, dass wir diesen 15-jährigen Jungen mit unseren Erwartungen gerade maßlos überfordern. Ich schaue in verschlossene Gesichter. Nun denn. 

Lenny sucht weiterhin meinen Kontakt nach dem offiziellen Unterricht und erzählt mir, dass er Lust hätte, unsere Theaterarbeit mit professioneller Technik zu unterstützen. Ich bin ein bisschen amüsiert, weil er klingt, wie ein großzügiger Mäzen, der einem wackeligen kleinen Projekt unter die Arme greifen will. 

Was meinst du denn mit „unterstützen“, Lenny?,  frage ich. 

Lenny hält mir eines unserer der alten Schul-Mikros hin. Schau`n Sie mal, das ist doch alles Schrott hier. Ich habe von meiner Oma viel bessere Mikros geschenkt bekommen, die könnte ich zur Verfügung stellen… 

Das ist super nett, Lenny, danke! Aber du weißt doch, dass ich mehrere Anträge gestellt habe für unsere Theater- und Filmarbeit – Kameras, Aufnahmegeräte, neue Mikros, ein neues Mischpult und sogar zwei neue Scheinwerfer. Und zwei von den Anträgen wurden bewilligt! Wir können ja auch inzwischen einiges an erfolgreichen Projekten nachweisen. Es geht voran! Wir haben demnächst eine richtig tolle technische Ausstattung, Lenny, und das ist doch auch viel besser, als wenn du deine privaten, eigenen Sachen zur Verfügung stellen musst. Das sind doch DEINE Sachen.  Er schaut zu Boden, und ich denke Fuck, jetzt fühlt er sich wieder so überflüssig, und ich füge schnell hinzu: Aber ich finde es wirklich wahnsinnig nett, dass du das anbietest, danke, Lenny, das weiß ich TOTAL zu schätzen! 

Lenny zuckt mit den Schultern. Wie Sie meinen. Aber wenn irgendwas schief geht, können Sie mich jederzeit fragen. 

Danke, Lenny, aber es wird nichts schief gehen, sage ich. 

Warum sollte auch irgendwas schief gehen? Alles läuft in diesem Jahr besser als je zuvor. Das Interesse an unserer Arbeit wächst – zumindest außerhalb der Schule – und ich freue mich bei dem Gedanken an unsere technische Bestellung. Nächste, spätestens übernächste Woche wird das ganze Zeug da sein und dann können wir mit den Dreharbeiten beginnen. Das Romeo-und-Julia-Projekt verspricht insgesamt das bisher größte unserer bisherigen Arbeit zu werden. Die Jugendlichen in meiner Klasse sind inzwischen mit Feuer-Eifer dabei. Sie schreiben Drehbücher für ihre eigenen Kurzfilme. Jeder Kurzfilm soll eine persönliche Geschichte aus ihrem Alltag erzählen und ein Thema des Shakespeare-Stoffes behandeln. Die Geschichten von Umut, Gülüzar, Basak, Hilal, Emes, Meltem und Co sind fast spannender als die Original-Geschichte, wie ich finde. Vor allem aber bekommen nun endlich mal ihre Lebenswelten, Gedanken und Gefühle einen entsprechend großen Raum – und zwar in ihrer Sprache, in ihrer Ausdrucksform. 

Ganz im Sinne des „Schlechten-Einfluss-von-außen-reinholen“ – ha ha – habe ich mir für dieses umfangreiche Projekt, das zunehmend ausartet, Unterstützung reingeholt. Max, ein Freund meines Bruders, Künstler und Videodesigner, hat sich bei einem gemütlichen Treffen beim Italiener bereit erklärt, uns mit seiner Film- und Video-Expertise zu unterstützen. Insbesondere natürlich, was den Schnitt angeht. Aber auch ansonsten scheint er Lust zu haben, in die Welten der Neuköllner Jugendlichen einzutauchen und dabei nicht kleinmütig nach Stechuhr arbeiten zu wollen. Als er das erste Mal – mit leichter Verspätung – in die Aula hineinschlurft, ist es Liebe auf den ersten Blick: Er liebt die Kinder und sie lieben ihn. Und seine Art, sie gar nicht als Kinder zu sehen, sondern sofort auf einer Ebene mit ihnen zu kommunizieren, und dabei quasi selbst wieder Kind sein zu können, erzeugt auf beiden Seiten große Leichtigkeit und Freude. Die Mädchen sind sofort verknallt. Aber die Jungs finden ihn auch cool. Insofern mal wieder ein wunderbar „schlechter Einfluss“ von außen, der der ganzen Sache noch mal neuen Zauber verleiht. 

Und natürlich geht es auch gar nicht ohne Unterstützung von außen. Denn aus den Experimentierspielwiesen in der Aula ist mal wieder etwas entstanden, das inzwischen vollständig mein Wissen und meine Fähigkeiten überschreitet. Da bahnt sich eine Begeisterung ihren Weg, die ihren eigenen Gesetzen folgt. Und wie soll ich so schnell lernen, wie mensch Filme dreht? Das Lustige daran ist natürlich auch, dass ich den Arbeitsaufwand anfangs in meiner Ahnungslosigkeit mal wieder vollkommen unterschätzt habe und sich hier ein Phänomen abzeichnet, das ich später immer wieder erlebe: Mit großer Freude erstmal rein ins Ungewisse, Ideen über Ideen, dann allmählich die Erkenntnis, was da im Einzelnen alles anrollt, was gekonnt und getan werden muss und dann die kontinuierliche Steigerung der Komplexität des Ganzen – bis hin zu dem Punkt des Zusammenbruchs: Bisschen heulen, bisschen zähneklappern – wegen der plötzlichen Einsicht, dass dies alles eigentlich weder zeitlich noch logistisch noch überhaupt irgendwie zu schaffen ist – ganz zu schweigen vom notwenigen Know-How. Aber. (!) DANN kommt ja immer das Wunder der Kooperation. Und die Erkenntnis: Ich muss es ja nicht alleine machen. Ganz im Gegenteil. 27 Gehirne laufen auf unser gemeinsames Ziel bezogen auf Hochtouren. Und jede*r bringt seine eigenen ganz speziellen Fachkenntnisse mit ein. Mit „Romeo und Julia“ wird mir endgültig dieser wundersame Lernprozess bewusst, wie das geht, das „Chaos zu umarmen“. Embrace the mess! Und: Practise reflexion! Ich liebe diese Rutsche ins Abenteuer und was es dabei alles an unerwarteten Wendungen, Weiterentwicklungen und Entdeckungen gibt. Wenn ich mich traue. Wenn ich es schaffe, meinen Kontrollzwang zu überlisten und auf das Gesetz der kreativen Kooperation zu vertrauen. 

Was mensch dann allerdings AUCH noch können sollte, ist: Scheitern. Und zwar richtig. Was ja niemand von uns jemals lernt. Doch ich greife vor. 

Kurz nach den Weihnachtsferien kommt die lang ersehnte Lieferung mit der technischen Ausrüstung. Und tatsächlich ist es in der Aula beim Auspacken der Kartons ein bisschen so wie ein zweites Weihnachten. Vier Jahre lang habe ich jetzt dieser Arbeit geduldig, emsig und beharrlich einen Platz erkämpft. Immer ein bisschen bedroht, immer ein bisschen wackelig, ob es weiter gehen kann. Immer improvisierend mit den mangelhaften Gegebenheiten vor Ort. Und nun: Scheinwerfer. Kameras. Mikros. Aufnahmegeräte. Boxen. Ein Tonmischpult. Der ganze GEILE SCHEIß. Im Lehrerzimmer heißt es: Die Plath wieder. Der schieben sie ja echt ALLES in den Arsch. Und ich muss mich zusammenreißen, nicht zu sagen: Ey Leute: Vielleicht stellt ihr einfach selber mal Anträge! Scheiß Arbeit. Ja genau. Aber dann könnte es sein, dass auch euch was in den Arsch geschoben wird

Stattdessen lächel ich es weg und freue mich an der unerwarteten Bescherung: An diesem Tag, als wir die Kartons auspacken, sind nicht nur Max und die Klasse im Kind-Modus. Ich bin es auch. 

In den folgenden Wochen arbeiten wir quasi rund um die Uhr. Texte, Szenen, Diskussionen, Schreiben, Stückentwicklung in der Aula und anschließend täglich zahlreiche Drehabenteuer zwischen Britzer Damm und Sonnenallee. Das Wetter mal gut, mal schlecht, der Ton IMMER ein Problem, die Zeit IMMER viel zu kurz, die Situation IMMER anders als erwartet. Dauernd ist irgendwas verboten, wie zum Beispiel in der U-Bahn drehen – und dann beraten wir lange, wie wir es genehmigt bekommen – um dann zu merken, dass das zu lange dauert – und unrealistisch ist. Wenn wir alles richtig machen wollen, werden wir NIE fertig werden. Also gilt das Motto: EGAL! ICH LASS DAS JETZT SO! Und im Einzelnen fühlt es sich in etwa folgendermaßen an: So! Los jetzt! Zack – bisschen Herzklopfen, bisschen Pokerface, rein in die U-Bahn, drehen, raus aus der U-Bahn. Nicht lange rumgrübeln. Machen! Nächste Szene. Basak und Umut gehen händchenhaltend die große Treppe bei Karstadt am Hermannplatz hoch. Ton ist ausgefallen! Scheiße noch mal. Klappe die siebte! Drei zwei eins – uuund bitte! Mikro im Bild! Scheiße. Noch mal. Klappe die achte! Drei zwei eins – uuuund bitte! Nee warte warte warte, da war der Motzverkäufer im Bild. Noch mal. Klappe die neunte! Drei zwei eins – uuund bitte! Frau mit Kinderwagen an der Treppe. Erstmal kurz mit Anpacken. Batterie alle! Typ vom Ordnungsamt. Was macht ihr hier? Habt ihr ne Drehgenehmigung? Drehgenehmigung? Ach so nee… das ist auch nur für die Schule… Ja, Leute dit geht nich. Is mir egal, für wat dit is. Dit is verboten. 

Also: Raus aus der U-Bahn-Station. Bisschen am Hermannplatz abhängen. Überbrücken. Batterie aufladen. Wo ist Omar? Der ist kurz zum Späti rüber. Wo ist denn das Stativ? Oh Scheiße. Noch unten an der U-Bahn. Umut rennt wieder runter. Dann plötzlich Gekreische. Gülüzar schubst Basak. Basak reißt Gülüzar an den Haaren. Die beiden gehen aufeinander los, rasten komplett aus, Basak zerrt Gülüzar an den Haaren in eine Pfütze, Ey du Huuure!, Gülüzar ist blitzschnell wieder oben, geht mit voller Wucht auf Basak los, beide stürzen zu Boden, wälzen sich in dieser riesigen Dreck-Pfütze, Fußtritte, Basak boxt Gülüzar in den Bauch, Gülüzar schlägt Basak ins Gesicht, es klatscht richtig laut, Du miese kleine Bitch…Ich mach dich fertig!!!  Max steht wie eingefroren da, die Kamera droht ihm aus der Hand zu fallen, ich werfe mich schreiend dazwischen, um mich herum scheinen jetzt ALLE zu schreien – bzw. in ihre Handies zu tippen. Was machen die? Denke ich, während ich mit Mühe eine pumpende Gülüzar festhalte und mich frage, wie lange das gut geht, holen die jetzt die Polizei, oder was? Jetzt gehen auch die anderen dazwischen, halten die beiden Mädels fest, ich rappel mich wieder hoch, meine Haare kleben nass und dreckig in meinem Gesicht, ich bin völlig außer Atem, mein Herz rast, ich rede auf die Mädchen ein, aber es sieht nicht nach Frieden aus. Basak und Gülüzar schreien sich weiter auf höchstem Beleidigungs-Niveau an und können nur mühsam festgehalten werden. Es scheint auch unmöglich zu sein, heraus zu finden, was überhaupt passiert ist. Noch während ich mitten in diesem Gerangel überlege, was zu tun ist, verändert sich plötzlich die Stimmung. Ich schaue auf. Um uns herum stehen jetzt plötzlich zehn, nein eher zwanzig Jungs, Kinn nach vorne gereckt, motzen sich in voller Lautstärke an. Ach du Scheiße. Die haben nicht die Polizei geholt, sondern Verstärkung. Und zwar gibt’s jetzt eine Gülüzar- und eine Basak-Fraktion. – Die sich offenbar unbedingt gegenseitig in die Fresse hauen wollen. Das sind die Brüder, Cousins und Co. Ok, denke ich, das war`s dann jetzt. Ich stehe zwischen zwei pumpenden Knäueln von aufgebrachten Jugendlichen, die Jungs sind älter, mindestens 18, und sehen nicht so aus, als wären sie zum Reden gekommen. Alles klar, ich muss die Polizei verständigen. Mit zitternden Fingern friemel ich mein Handy aus der Tasche. 

Da legt mir jemand die Hand auf den Arm. Es wird ruhig. Ich drehe mich um. Und schaue direkt in – Tahers Gesicht. Er lächelt.  Alles gut, Frau Plath,  sagt er und scheint ein bisschen amüsiert zu sein. Das ist meine kleine Schwester, wir regeln das. Ich streiche mir meine nassen Haare aus dem Gesicht.  Das ist ja ne Überraschung – Taher… ! sage ich und komme mir vollkommen blödsinnig vor. Wie geht eine passende Begrüßung in dieser Situation? Egal. Ich muss offenbar nicht mehr nachdenken. Denn Taher hat jetzt alles im Griff. Es ist vollkommen klar: Er hat hier die Verantwortung übernommen. Ich spüre förmlich die Erleichterung. Aber ICH bin die Lehrerin. ICH muss das hier regeln. Also frage ich – merke aber selber, wie alibi-mäßig es klingt:  Was meinst du? Ihr „regelt“ das jetzt? Ihr geht jetzt hier aufeinander los oder was? Das geht GAR NICHT, ich habe hier die Verantwortung… Weiter komme ich nicht. Taher lächelt immer noch und strahlt unfassbare Ruhe aus.  Nee, is schon klar, dass wir das nicht HIER regeln, Frau Plath. Wir wollen gar nicht, dass Sie irgendwelchen Ärger haben. Sie fahren jetzt einfach nach Hause und wir klären das unter uns. Woanders. – Und ich komme demnächst mal wieder vorbei! Zu Besuch… Er wirft mir eine Kusshand zu und wendet sich zum Gehen. Gülüzar und Basak streichen sich den Dreck von den Klamotten, richten ihre Haare, alle haben sich wie von Zauberhand beruhigt, lächeln sogar wieder ein bisschen – und setzen sich in Bewegung, Richtung U-Bahn, Taher hinterher. Tschü-üß! Ciao!, rufen einige, Machen Sie sich keine Sorgen!  Ruft Gülüzar,  bis morgen!  Und weg sind sie. Max und ich sind plötzlich alleine. Stehen ein bisschen blöde herum. Das war also das. Nach ein paar Sekunden Schweigen sagt Max: Mist. Das hätten wir filmen sollen. 

Dann sehe ich Lenny. Er hebt gerade das Stativ auf, das Umut sorgsam neben Max auf der Straße abgelegt hat. Das sind doch alles Asis, sagt Lenny leise. 

Frau Hammerschmidt-Bräutigam findet das Romeo-und-Julia-Projekt für ihren Sohn nicht angemessen. Sie hat sich telefonisch bei Susanne über mich beschwert. Warum da kein richtiger Unterricht stattfindet. Lenny hätte ihr erzählt, dass es bei Frau Plath immer nur um die arabischen Kids ginge. Das sei nicht ok, da sei ihr Lenny unterfordert, der brauche ordentlichen Unterricht, ich könne als Klassenlehrerin nicht immer nur Rücksicht auf die Schwächsten nehmen. Susanne fasst mir das Telefonat zusammen, lässt aber durchblicken, dass sie die Beschwerde nicht weiter ernst nimmt.  Ich habe den Eindruck, dass die nur so ein bisschen auf besorgte Mutter macht, aber letztendlich hat die ganz andere Sachen im Kopf. Und mit Lenny läuft es doch gerade ganz gut, hab ich den Eindruck. Du kannst sie ja einfach mal zurückrufen. Das versuche ich in den kommenden Tagen und Wochen. Leider ist sie offenbar so beschäftigt, dass ich sie nie persönlich erreiche. Ich nehme mir vor, es in regelmäßigen Abständen immer wieder zu versuchen. Denn irgendwie wächst mein ungutes Gefühl. Und das hat mit Lenny zu tun. 

Was hat er seiner Mutter erzählt? Dass er sich weigert, in kleineren Teams zu arbeiten? Dass er grundsätzlich alleine sitzen will? Dass er unser ritualisiertes Feedback-Verfahren ablehnt, weil er „nur was Kritisches sagen will“ und nichts Positives? Dass er ständig durchblicken lässt, dass er hier nicht “hingehört” und alle Kontaktversuche seiner Mitschüler*innen blockiert? Dass er fast zwanghaft daran festhält, er sei was “Besseres” als die anderen? 

Typische Szenen im Unterricht mit Lenny gehen so: 

Lenny, du bist dran mit Feedback!

Lenny:  Ich hab nichts.

Was soll das heißen, du “hast nichts”?

Ich fand nichts gut. Und was Negatives darf man ja hier nicht sagen. 

Lenny, man darf ja hier nun gerade ALLES sagen, wie du weißt, genau das üben wir ja gerade. Aber du willst gerade BEWERTEN. Und das kommt erst später, wenn allen klar ist, nach welchen Kriterien wir bewerten! Erstmal gehts jetzt darum überhaupt zu LERNEN, das zu sehen und zu beschreiben, was dir persönlich GEFALLEN hat! Das ist ja viel schwieriger! Das zu sehen, was SCHÖN ist! Was gelungen ist! Was waren deine Lieblingsmomente, Lenny? 

Lenny schweigt. Vorne stehen Emes, Hilal und Abdi und warten auf eine Rückmeldung. Sie haben gerade ihre Ideen zum Thema “Der Brief kommt nicht an” präsentiert. Der Brief, in dem steht, dass Julia tot aussehen wird aber nicht wirklich tot IST. Hilal hat erzählt, wie schlimm das ist, wenn man verliebt ist und was geschrieben hat und nicht weiß, ob die Nachricht nun angekommen ist, oder nicht. 

Emes: Ja, aber bei Romeo geht es um Leben und Tod.

Hilal: Verliebt sein fühlt sich ja manchmal so an! Also ich könnte STERBEN, wenn ich was Krasses geschrieben habe und der Typ antwortet nicht! Oder ich weiß nicht, wie der meine Nachricht findet! Oder eben: Ob die überhaupt ANGEKOMMEN ist, meine Nachricht! Nicht zu wissen, was los ist, wenn ich voll verliebt bin: Das ist Folter, Bruder! 

Emes nickt. 

Man ist auch gleich so, dass man sterben will. Also wenn die Liebe nicht klappt. Wenn meine große Liebe Schluss macht. Das ist totaler Horror. Du willst echt STERBEN man! Und NOCH schlimmer, wenn sie dich liebt, aber nicht DARF! Wenn man getrennt wird, nur weil es verboten ist! Dann würd ich ABHAUEN mit ihr! 

Abdi streckt ihm die Faust hin. Die beiden kicken kurz ihre Fäuste aneinander, dann sagt Abdi:

Ja, Bruder, wallah. Aber jetzt lass mal zeigen, was wir gemacht haben, man! Abdi wendet sich dem Rest der Klasse zu:

Bei uns ist der Brief ne SMS, die aus irgendwelchen Gründen nicht ankommt. Und wir zeigen zwei Geschichten parallel: Die kleine SMS, die sich in den Weiten des Netzes verirrt und verzweifelt versucht, an ihren Bestimmungsort zu kommen, also die kämpft VOLL, die kleine SMS, aber sie landet erstmal im Darknet und so ne Scheiße und während die so im Netz rum irrt und nicht ankommt, sieht der Zuschauer Romeo, der kurz davor ist, seine Liebste tot im Sarg zu entdecken. Also der Zuschauer sieht, dass die kleine SMS einfach mal VOLL keine Zeit hat. Dass es ÜBELST knapp wird! Und dazwischen – also zwischen der SMS, wie sie durchs Netz rennt und Romeo, der sich dem Sarg nähert, tickt ne Sanduhr, damit der Zuschauer immer aufgeregter wird und Angst kriegt, ob die SMS es noch rechtzeitig schafft! 

Abdi, Emes und Gülüzar stehen strahlend vorne. Warten auf Rückmeldung.

Lennyschweigt beharrlich. Dann hebt er kurz den Kopf: Man darf ja nix Negatives sagen.  Kleine Pause.  Ja, dann hab ich nix. Mir hat NIX gefallen. 

Ich werde unruhig. Es ist schwer auszuhalten. Ich beiße mir auf die Lippen. Und glücklicherweise kommt mir Gülüzar zuvor: 

Man, Lenny, du musst nicht so neidisch auf uns sein, du bist voll der süße Junge! Du musst einfach mal bisschen chillen!  Sie wirft ihm eine Kusshand zu.

Lenny errötet und starrt auf seine Turnschuhe. Emes und Abdi recken entnervt ihren Arm nach vorne.  Ey was los, Bruder?? Sie ist voll süß, man! 

Aber von Lenny kommen heute keine Lieblingsmomente mehr. 

Zwei Wochen später haben wir die ersten Filmszenen im Kasten und brauchen einen Beamer, um die Zwischenergebnisse anschauen und den Schnitt besprechen zu können. Das ist schwierig, denn der einzige vorhandene Beamer in der Schule befindet sich im Technikraum und wird von Herrn Asmus bewacht. Herr Asmus findet meinen Unterricht überflüssig und ist daher nicht bereit, den Beamer raus zu rücken. Es beginnt eine kleine Dauerauseinandersetzung, denn der Beamer gehört der Schule und sollte allen Kolleg*innen, die ihn brauchen, zugänglich sein. Insofern gebe ich nicht auf. Leider führt meine Beharrlichkeit zu einer nervenaufreibenden Dauerauseinandersetzung mit Herrn Asmus. Und wann immer wir den Beamer brauchen, ist nie klar, ob wir ihn tatsächlich bekommen, oder ob Herr Asmus wieder mauert. Als wir an einem Freitag Mittag mal wieder ohne Beamer da stehen, macht Lenny ein Hilfsangebot. Vielleicht ist das seine Art, sich zu öffnen, denke ich. Hoffe ich. 

Ich kann meinen Beamer mitbringen, sagt er, dann haben wir jeden Freitag SICHER einen Beamer. Für mich ist das kein Ding. 

Woher hast du denn einen Beamer?, frage ich überrascht. 

Hat mir meine Oma geschenkt. 

Deine Oma ist ganz schön großzügig, oder? 

Ja, meine Oma schenkt mir immer alles. Und ich brauche die Sachen ja auch. 

Wieso BRAUCHST du denn die Sachen? 

Lenny zieht wortlos eine Visitenkarte aus der Hosentasche und überreicht sie mir. 

DJ Lenny,  steht darauf und seine Kontaktdaten. 

Arbeitest du als DJ, Lenny?

Ja, ich bau mir jetzt was auf. Erstmal brauch ich ne Ausrüstung und dann kann man mich buchen. 

Cool! Welche Musik magst du denn?

Lenny zuckt mit den Schultern. Egal eigentlich. Ich mach dann die Musik, die die Leute sich wünschen… 

Ok, dann stelle ich schon mal eine playlist für meinen Geburtstag zusammen, vielleicht hast du ja Lust, da Musik zu machen, erster Job… 

Lenny nickt. Es ist nicht zu erkennen, ob er sich freut oder meinen Vorschlag albern findet. 

Ich stelle mir vor, wie Lennys Oma ihm ständig Sachen kauft. Offenbar stehen sie sich sehr nahe. Von seiner Mutter hat er dagegen noch nie was erzählt. 

Wohnt deine Oma in Berlin? 

Lenny nickt. Ja, klar. Ich wohne doch bei meiner Oma. 

Ach so. Ich dachte, du wohnst bei deiner Mutter.

Nee. Nur manchmal. Ich bin eigentlich immer bei meiner Oma. 

Wieder habe ich den Impuls, Lenny irgendwie aufzubauen. Er wirkt verlassen und das ist er ja de facto auch. Er sieht traurig aus. Ich sage: Ok, Lenny, ich glaube mit dem Beamer – das wäre wirklich gut. Du kannst ihn ja am Freitag immer mitbringen und ihn direkt danach wieder mit nach Hause nehmen. Wenn das wirklich für dich ok ist, dann wäre das tatsächlich eine Riesenhilfe. 

Ein kleiner Hauch von einem Lächeln. Dann wieder das höfliche Gesicht. Aber immerhin. Er freut sich. Er trägt etwas bei, das wir wirklich brauchen. Ich hoffe immer noch, dass er IRGENDWANN richtig einsteigt. Aber Lenny macht ansonsten nur das allernotwendigste. Er schreibt keine eigenen Texte, er beteiligt sich nicht. Bleibt seltsam abgekoppelt. Er spielt auch nicht. Vielleicht muss ich mir noch mal was ganz anderes überlegen, um herauszufinden, worauf er anspringt. Wenn ich irgendeinen Anhaltspunkt hätte, könnte ich anfangen, ihn in dem zu bestärken, was er KANN. Aber was ist das? Offenbar interessiert er sich ja für technische Sachen. Problem ist nur: Die Technik machen schon Dennis und Abdi. Und Dennis mag Lenny nicht. Er würde mit Lenny arbeiten, wenn ich ihn drum bitten würde. Aber ich spüre, dass es dafür einen behutsamen Vorlauf geben müsste und dass da ein gewisses Konfliktpotential lauert. Dennis und Abdi sind sehr gut eingespielt, kennen sich aus. Aber Lenny würde sich ihnen gegenüber als Chef aufspielen und versuchen, die beiden zu dominieren. Und das würden die sich nicht gefallen lassen. Vielleicht kann ich andere technische Aufgaben für Lenny finden. Er führt ja auch bei den Drehs hin und wieder die Kamera, obwohl es auch dort immer wieder Probleme gibt. Offenbar hat Lenny kein Auge für Bilder und filmt sehr grob und unbeholfen. Aber irgendwo muss ich ja anfangen mit diesem Jungen. Irgendwo muss doch die Pforte zu seinem inneren Kosmos sein. Ich nehme mir vor, dran zu bleiben und es heraus zu finden. Und erstmal nehme ich jetzt Lennys Unterstützungsangebot an. Denn vielleicht ist das ja der Kanal, über den dieses Kind kommuniziert? Wer weiß. 

Ende Mai ist es soweit. Premiere. „Krieg. Liebe.Tod“. Drei erstaunlich dichte Filme sind entstanden. Sie sind eingebettet in ein „richtiges“ Theaterstück, ha ha. Romeo und Julia aus der Sicht von 27 Neuköllner Romeos und Julias. Leonardo di Caprio kann einpacken. Die ganze Aula ist picke packe voll. Lenny sitzt in der Mitte im Gang und bedient – seinen eigenen – Video-Beamer, über den die Filme eingespielt werden. Zusätzlich macht er die Musik-Einspielungen. Sein erster Auftritt als Theatertechniker und DJ, könnte man sagen. Er hat doch noch eine Aufgabe gefunden. Und in den letzten Wochen ist er über diese Aufgabe ganz schön in Aufregung geraten. Also für Lennys Verhältnisse. Immer wieder erzählt er mir in seinem fachmännischen Ton, dass in der Nähe der Schule ein Sender sei, der seinen hochsensiblen Beamer störe. Er fürchtet scheinbar unablässig, dass der Beamer ausfällt. Da ist ein Störsender, sagt Lenny. Das nimmt insofern leicht komische Züge an, als der Beamer NIE, wirklich NIE ausfällt und ich mich frage, wie Lenny darauf kommt. Was für ein Störsender? Aber Lenny macht ein ernstes Gesicht und beharrt darauf, dass er sowas wisse. Auch jetzt kurz vor der Premiere, als ich ihm ein fröhliches Toi Toi Toi zuwerfe, raunt er mir zu:  Ich hoffe, dass der Störsender keinen Ärger macht!  

-Keine Sorge, Lenny! Wird schon schief gehen! Und du bist ja da! Safe! 

In Wahrheit bin ich so nervös, dass mir fast schlecht ist. Zum ersten Mal sind auch viele Kolleg*innen gekommen. Und zahlreiche Theaterpädagog*innen aus Berlin und darüber hinaus. Freunde. Familie. Eltern. Und sogar ganze Klassen der Schule. Halb Neukölln scheint an diesem Abend versammelt zu sein. Kurz vorher muss ich hinter der Bühne die hyperventilierenden Jugendlichen beruhigen. Hilal und Gülüzar sind an der Bushaltestelle vor dem Schulgebäude in eine Starre verfallen und trauen sich nicht hoch in die Aula. Ich renne die Treppe runter, raus zur Bushaltestelle, rede mit Engelszungen, die beiden fangen an zu heulen, wollen nach Hause. Die Uhr tickt, ich bin ratlos. Umut, Omar und Dennis kommen dazu. Therapiesitzung de Luxe an der Bushaltestelle. Die Jungs erweisen sich als wahre Meister der Psychologie. Irgendwann folgen Hilal und Gülüzar den dreien – noch immer schluchzend und Nase putzend – ins Schulgebäude. Omar und Umut nehmen die beiden Mädchen in ihre Mitte, trösten, beruhigen, machen Witze, reichen Taschentücher. Meine Güte – diese Geduld und Ruhe hätte ich auch gerne. Wir schaffen es in die Aula. Dennis geht ans Lichtpult, klatscht mit Abdi und Max ab. Dann hebt er den Daumen. Lenny nickt von der Mitte des Gangs. Alles klar. Wir können anfangen. Licht aus. Das Spiel kann beginnen. 

Zehn Minuten Glück. Die Sache läuft. Ich stehe am Rand an der Wand und atme ruhiger. Es wird klappen. Es ist großartig. Im Saal wird gelacht, das Publikum geht mit. Die Stimmung ist einzigartig. Wann gab es jemals sowas in dieser Aula? Ich liebe meinen Beruf…

Der erste Film beginnt. Die Spannung im Raum ist mit Händen zu greifen. Die vielen Jugendlichen im Saal beugen sich vor. Gülüzar, Umut, Basak, Omar, Emes,… riesengroß auf der Leinwand. Wann hat man sowas schon mal gesehen. 

Doch irgendwas stimmt nicht. Das Bild ist verzerrt. Dann bleibt es stehen. Dann wackelt der Ton, verzerrt. Störgeräusche. Das Bild ruckelt ein Stück weiter. Die Jugendlichen auf der Bühne werden unruhig. Was ist das? Dann läuft der Film wieder. Gottseidank. Offenbar hat Lenny es wieder hingekriegt. Ich merke, dass ich kurz den Atem angehalten habe. Oh man. Der Film läuft weiter. Die Leute lachen. Doch nach fünf Minuten wieder Störgeräusche. Das Bild ist verzerrt. Das darf doch nicht wahr sein… Die Spieler*innen auf der Bühne stehen mit verschreckten Gesichtern da, wie eingefroren. Sie starren in meine Richtung. Was ist los? Als ihre Szene weiter geht, fällt der Ton aus. Statt der erwarteten Musik, kommen knirschende Geräusche aus den Boxen. Jetzt fangen die Jugendlichen auf der Bühne sichtlich an, die Nerven zu verlieren. Sie vergessen ihren Text, ihre Cues. Das Spiel gerät komplett ins Stocken. Emes versucht zu improvisieren, aber das bringt die anderen erst recht durcheinander. Die Störgeräusche werden lauter. Ich merke, wie ich meine schweißnassen Hände ineinander kralle. Soll ich abbrechen? Die Theaterszene ist komplett im Arsch. Alle starren sichtlich erschrocken in meine Richtung. Als gar nichts mehr geht, startet Lenny den nächsten Film. Wahrscheinlich besser. So können sich die Jugendlichen auf der Bühne wieder sammeln. Kleine Atempause. Der Film läuft allerdings nur etwa 10 Sekunden. 

Dann ein furchtbares Geräusch. So laut, dass sich die Leute entsetzt die Ohren zuhalten. Das Bild auf der Leinwand wackelt, bleibt stehen, der Ton fällt aus, dann wird es dunkel. Die Spieler*innen auf der Bühne bleiben wie angewurzelt stehen. Totenstille. Dann hektisches Geflüster. Im fahlen grünlichen Licht der Lampen über den Notausgängen sehe ich Dennis und Abdi verzweifelt über das Lichtmischpult gebeugt, tuscheln, herumfuchteln, Max rennt durch den Mittelgang nach vorne zu Lenny, die Jugendlichen auf der Bühne stehen noch immer wie gelähmt einfach da, dann höre ich ein Schluchzen, Gülüzar bricht auf der Bühne zusammen, einige Mädchen kreischen, das Publikum beginnt zu murmeln, wird lauter, einige Jugendliche im Saal fangen an zu lachen, immer mehr Leute stehen auf, einige Schüler rufen kichernd „Buh!“ und „Ey was los?“, anderen pfeifen, auf der Bühne bricht jetzt Chaos aus, alle rennen durcheinander, einige heulen, die ersten verlassen den Saal, alles geht drunter und drüber. Meine Kniee geben nach, ich rutsche langsam an der Wand herunter, während die gesamte Aula im absoluten Chaos versinkt. Ich habe nur einen einzigen Gedanken. Der Störsender. Lenny hat es gewusst. Oh Gott. Das überlebt der Arme nicht. Wie mag es IHM jetzt gehen? Und dann sehe ich ihn. Lenny. Er sitzt ganz ruhig in der Mitte der Aula auf seinem Platz. Und schaut freundlich geradeaus. Er lächelt. 

Man könnte meinen, die Geschichte wäre hier zu Ende. Es fühlt sich auf jeden Fall so an. Jetzt ist mein Ruf wirklich ruiniert, denke ich. Wo die Plath ist, ist das reinste Chaos. –  Hat man ja jetzt wieder schön sehen können… Das kommt dann dabei raus mit „demokratischer Führung“, hi hi… Ich muss an diesen alten Satz denken: Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen… Aber damit ist der Untergang noch nicht zu Ende. Es stellt sich heraus, dass dieser alptraumhafte Premierenabend nur so eine Art Vorspiel ist… Drei Tage später ist die gesamte technische Ausrüstung geklaut. Alle Kameras, Mikros, Mischpult. Alles. Und nicht nur das. Im Lehrerzimmer fehlen zahlreiche Portemonnaies, die Geldkassetten in den Fachschränken, die Bankkarte aus der Schublade von Frau Jensen. Alles weg. Ebenso die Computer im Schulleitungszimmer, in Lennys Schulsprecher-Büro und im Sekretariat. Einen so umfassenden Einbruch hat es an dieser Schule noch nie gegeben. Die Polizei sperrt das Lehrerzimmer, die Aula und alle Büro- und Arbeitsräume ab. Die nehmen Fingerabdrücke, sagt jemand. Das hier ist ein Tatort. Verdächtigt werden die sogenannten „1-Euro-Jobber“ von Herrn Schulz. Er selbst steht leichenblass im Lehrerzimmer und stammelt. Also ick gloob dit nich, dass dit meene Jungs warn, sagt er immer wieder. Ick gloob dit einfach nich. Die machen doch so wat nich. Susanne sitzt mit hochrotem Kopf wie niedergestreckt auf ihrem Drehstuhl, starrt Herrn Schulz an und sagt: Aber wer sonst hätte beispielsweise Detailkenntnisse wie über den Aufbewahrungsort der Bankkarte in der Schublade von Frau Jensen haben können? Wer weiß denn davon? Das KÖNNEN ja nur Ihre Jungs gewesen sein!  Mein inneres Störgefühl ist inzwischen so übermächtig, dass mir schlecht ist. Ich frage: Wo ist denn eigentlich Lenny heute? Susanne wischt meine Frage beiseite wie eine lästige Fliege. Es gibt gerade weiß Gott wichtigeres als irgendwelche Schüler, die fehlen. 

Ich gehe raus auf den Schulhof, setze mich auf eine Bank und betrachte das kleine Stück Papier in meiner Hand. Lennys Visitenkarte. Er ist heute nicht zur Schule gekommen. Ich denke an den Störsender. Mir ist schlecht. Ich sitze eine Zeitlang da und versuche, nichts zu denken. Dann nehme ich mein Handy aus der Tasche und rufe Lenny  an. 

Lenny? 

Ja?

Wo bist du denn heute?

Bin krank.

Was hast du denn?

Bauchschmerzen.

Oh je, dann wünsch ich dir gute Besserung… 

Danke…

Du, Lenny, der Computer in deinem Büro ist weg.

(Stille). 

Lenny?

Ja?

Weißt du, wo der ist?

Nee…?

Ja, also der ist weg. 

(Stille).

Wundert dich das gar nicht?

Doch. – Doch, doch. 

Lenny, hast du Scheiße gebaut? 

(Stille). 

Wenn du den mitgenommen hast – und die anderen Sachen auch – dann ist es viel besser, wenn du mit mir redest. Wir können das alles klären. 

(Stille). 

Lenny legt auf. 

Ich stehe auf, gehe über den Schulhof, schließe mein Fahrrad auf und mache mich auf den Weg. Die Adresse auf der Visitenkarte ist nicht weit von hier. Kurz darauf stehe ich vor der Haustür eines gepflegten Mietshauses und studiere die Aufschriften der Klingel-Schilder. Hammerschmidt-Bräutigam gibt es nicht. Mist. Aber dann sehe ich ein kleines handgeschriebenes „Lenny“ neben dem Namen M. Reuter. Ich drücke die Klingel. Nichts passiert. Ich warte. Dann klingel ich erneut. Ein Summer ertönt. Ich drücke mit einem Klacken die Tür auf und betrete das Treppenhaus. Im ersten Stock öffnet sich eine Tür. Eine ältere freundliche Dame steht im Türrahmen. Lenny? Komm mal, du hast Besuch! Sie lächelt mich an. Es riecht nach Essen. Dann sehe ich Lenny. Er sieht mich. Dreht auf dem Absatz um, flüchtet in sein Zimmer. Bäm. Die Tür knallt zu. Lenny’s Oma schaut mich fragend an. Wollen Sie nicht erstmal rein kommen?  Ich schaue an ihr vorbei in ein gepflegtes Wohnzimmer – das vollkommen zugestellt ist mit – Technik. Ganz vorne steht der Computer aus Lenny’s Büro. 

Ich habe mit Lenny durch die Tür geredet. Dass wir eine Lösung finden. Dass er nicht denken sollte, er wäre alleine. Die Tür blieb zu. Keine Chance. Aber er hat mich gehört. 

Die Neuköllner Polizisten waren fassungslos. Der eine rieb sich immer wieder an der Nase und sagte: Ganz ehrlich? Ich bin jetzt 15 Jahre bei der Polizei. Hier in Neukölln. So ein kriminelles Potential hab ich noch nicht erlebt…

Lenny wurde nicht abgeschult. Er machte zwei Jahre später den Mittleren Schulabschluss und wurde Ton- und Veranstaltungstechniker. 

Was es mit dem Störsender auf sich hatte, blieb für immer ein Rätsel.